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Full text of "Naturwissenschaftliche Wochenschrift"

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D.A.BOUMAN Jr.l 

BOEK EN »UZIEKHANOEL 

. AMSTERDAM, l 

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Naturwissenschaftliche 
wochenschriet. 



REDIGIERT 



Prof. Dr. H. POTONIE, 



VON 



UND 



Prof. Dr. F. KOERBER 



KGL. LANDESGEOLOGEN KGL. OBERLEHRER 

IN GROSSLICHTERFELDE bei BERLIN. 



NEUE FOLGE Vlll. BAND 
(DER GANZEN REIHE XXIV. BAND). 



(JANUAR — DEZEMBER 1909.) 



MIT 264 ABBILDUNGEN IM TEXT. 



%4 




JENA. 
VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 

1909. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Allgemeines und Verschiedenes. 

B r i 1 1 e n , Secreta oder verborgene geheime 
Künste aus dem Jahre 1616 (Orig. mit 
Abb.) 615. 

Danz, Kunstwerke des Winters ^Orig. 
mit Orig.-.'\bb.). 624. 

Ehrlich, Züchtung von arzeneifesten 
Stämmen von Trypanosomen. 762. 

H e n n i g , R., Gerücht u. Wunder (Orig.) 42. 

Hennig, R., Das Naturgefühl des .Alter- 
tums (Orig.) 705. 

K Gerber, Das Deutsche Museum von 
Meisterwerken der Naturwissenschaft 
und Technik (Orig. mit Abb.) 641. 

Potonie, Äußerung über populäre Be- 
rühmtheiten u. Verbreitung pop. Lit. 
(Orig.) 463. 

Potonie, Naturw. Wochenschr. u. d. all- 
gem. deutsche Sprachverein (Orig.) 319. 

Rothe, Zur Beantwortung der 2. Frage 
des II. Einwandes gegen den Darwinis- 
mus. Nach L. Plate. (Orig.) 174. 

Simroth, Die physikalische Begrün- 
dung der PendulatioD (Orig. m. Karten) 
4S1. 

Darwin'sche Lehre, zu ihrer Kritik. 702. 

Herkunft der Organismen. 702. 

Philosophie. 

Adler, Einheit des physikalischen Welt- 
bildes (Orig.) 817. 

Angersbach , Neues aus der Philosophie 
(Orig.) 129. 

Baerwald, Selbsttätigkeit und Ichliebe 
(Orig. mit Abb.) 305. 

G o m p e r z , Willensfreiheit. 662. 

Ites, Über den psychologischen Ursprung 
der Raumvorstellung (Orig.) 273. 

Pochhammer, Willensfreiheit. 661. 

Potonie, Einwirkung des Psychischen 
auf Körperliches (Orig.) 751. 

Potonie, Über den Monismus (Orig.) 527. 

Ziehen, Gehirn und Seele. 186. 

Definitionen einiger philos. Begriffe. 128. 

Determinismus od. Indeterminismus? 661. 

Konformismus; Pragmatismus. Mythen- 
bildung und Erkenntnis. 129. 

Philosophie, Neues aus der. 661. 

Anthropologie und Verwandtes. 

A m m o n, Zum Neunkräftesegen (Orig.) 272. 

Baglioni, Warum besitzen wir kein 
elektrisches Sinnesorgan? (Orig.j 497 

B e a n , Die Igoroten d. Prov. Benguet. 7 1 8. 

V. Budkewicz, Kannibalismus bei Men- 
schen und Tieren (Orig.) 48. 

v. Bülow, Über Malayo-Polynesier. 718. 

Dahl, Entwicklung der menschlichen 
Psyche (Orig.) 528. 

Dittler, Eisenmeier u. a., Nachbilder 
kurzdauernder Reize. 744. 

V. Ehrenfels, Monogame und polygyne 
Sozialpolitik. 614. 



Register.'^ 



Friboes, Ein Meerweibchen. 140. 
Friedenthal, Behaarung des Menschen. 

716. 
Fritsch, Sehschärfe beim Menschen. 716. 
Frizzi, Zur Anthropologie der alpinen 

Rasse. 717. 
G a s s n e r, Land u. Leute von Uruguay. 474. 
Goldscheid, Entwickelungswerttheorie 

etc. 615. 
Guttmann, Kölner u. a., Farben- 
pathologisches. 745. 
Haenel, Himmelsgewölbe, seine schein- 
bare Form. 745. 
Hauser, Alteste bisher gefundene Men- 
schenreste (mit Abb.) 323. 
Heibig, Warum besitzen wir kein elek- 
trisches Sinnesorgan? (Orig.) 766. 
Hentschel, Die Malayenfrage. 7 19. 
Kleinweg de Zwaan, Anthropolog. 

Untersuch, in Mittel-Sumatra. 717, 
Kowarzik, Osteologische Sammlungen 
inihremVerhältnis Z.Paläontologie. 141 
Kraepelin, Z. Entartungsproblem. 613. 
Kries u. Eyster, Die zur Erregung des 
Sehorgans erforderlichen Energie- 
mengen. 202. 
K r ü g e r u. a., Konsonanz u. Dissonanz. 746. 
Lehmann-Nitsche, Homo sapiens u. 
H. neogaeus aus der Argent. Pampas- 
formation (Orig. mit Orig.-Abb.) 657. 
Pearson, Rassenhygiene. 612. 
Ploetz, Lebensdauer der Eltern und 

Kindersterblichkeit. 611;. 
Märze 11, Neunkräutersegen (Orig.) 368. 
Nordenholz, Menschenökonomie. 615. 
Rammstedt, Chemie im Dienste der 

Archäologie (S.-R.) 209. 

R a y 1 e i g h , Lokalisation von Tönen. 745. 

Reuter, Bezieh, zw. Kopfform u. Bau 

anderer Teile d. menschl. Körpers. 716. 

Rivers, Sehschärfe und Farbensinn bei 

farbigen Rassen. 424. 
Roberts, Ursachen der körperlichen 
Entartung der Bevölkerung Indiens. 213. 
Schaefer, Wittmack, Kreidl, Ya- 
nase etc., Z. Stud. d. Hörtheorien. 203. 
Schallmayer, Eugenik etc. 615. 
Schallmayer, Versicherungsgesetze u. 

Erbqualitäten. 614. 
S o f e r , Plastizität d. Menschenrassen. 234. 
Stieda, Infibulation bei Griechen und 

Römern. 536. 
Thomson, Erblichkeit. 6 12. 
Tschermak, Simultankontrast. 201. 
Walther, Über den Verlauf organischer 

Entwicklung. 410. 
Werth, Der Mensch der Eiszeit im 

Alpengebiete (Orig.) 395. 
W e u 1 e , Zur Kenntnis der ostafrikanischen 

Negervölker. 298, 534. 
Winter, Lehmesser. 534. 
Anthropographie, Neues von der. 715. 
Atlasse von Menschen u. Affen (Orig.) 659. 
Fovea centralis, Ihre Entwickelung. 744. 



llörtheorien. 203. 

Leichenerhaltung im Bleikeller zu Bremen. 

240. 
Meerweibchen. 256. 
Pithecanthropus. 80. 
Rassenhygiene, Neues von der. 612. 
Schwelle des Lichtsinns. 202. 
Simultankontrast. 200. 
Sinnesphysiologie, Neues aus der. 200, 742. 
Wollhaare des Embryo. 464. 
Wollhaare im menschl. Embryodarm, ihre 

Funktion. 701. 



Zoologie und Verwandtes. 

Bauer, Simullankontrast i. Tierreich. 202. 
Berndt, Tierehe und Brutpflege. 185. 
Breuer, Gehörorgan der Vögel. 203. 
Brockmeier, Wie kriechen unsere 
Wasserschnecken an der Wasserober- 
fläche? (Orig.) 321. 
Dahl, Eiszeitrelikte (Orig.) 766. 
Eckstein, Ökonomische Bedeutung der 

Vögel. 426. 
Effenberger, Biologische Beobachtun- 
gen an einem deutschen Myriapoden, 
Polydesmus complanatus (Orig. mit 
Orig.-Abb.) 26. 
Elpatiewskyu. Swarczewsky, Fort- 
pflanzung von Arcella vulgaris (mit 
Abb.) 236. 
v. F a b e r , Bekämpfung von Kakaowanzen 

durch Ameisen. 360. 
Gail, Austernzucht in norwegischen Pol- 
lern (Orig. mit Diagramm) 830. 
Grochmalicki, Linsenregeneration bei 

den Knochenfischen (mit Abb.) 13. 
Hescheler, Der Riesenhirsch. 238. 
H e y k i n g , Widerstand von Karpfen gegen 

Kälte. 222. 
H 11 zh eimer , Equusequiferus(Orig.)8lo. 
Jennings, Biologie des Seesterns Asterias 

forreri (mit Abb.) 4S8. 
Jonescu, Gehirn der Honigbiene (mit 

Abb.) 631. 
Kammerer, Bastardierung von Flul3- 

barsch und Kaulbarsch. 153. 
Keilhack, L., Über Simocephalus, eine 

Kladocere (Orig.) 256. 
Kiess, Filarienknoten in der Unterhaut 

des Hirsches. 297. 
Kolbe, Die Südpolarkontinenttheorie 
nebst Bemerkungen über tiergeogra- 
phische Verhältnisse auf der Südhemi- 
sphäre (Orig.) 449. 
Kowarzik, Der Moschusochs und seine 

Rassen. 342. 
Kürchhoff, Die Tsetse und ihre ver- 
heerende Tätigkeit (Orig. mit Orig.- 
Kärtchen.) 145. 
Maassen, Ätiologie der sog. Faulbrut 

der Honigbienen. 57. 
Meisenheimer,J., Über d. Beziehungen 
zwischen primären und sekundären Ge- 



') Die Abkürzung S.-R. bedeutet Sammel-Referat. — Die Artikel „Neues aus . . ." sind ebenfalls Sanimel- Referate. 



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Register. 



schlechlsmerkmalen bei den SchmeUer- \ 
lingen ("rig. mit Orig.-Abb.) 545. 
Menzel, H., l'bcr das Vorkommca der 
Weinbergsschnecke (Helix pomatia) in 
Deutschland (^Orig.) 554. 

Meyer, E. , Fleischfressende Schnecken 
(Orig.) 384. 

Meyer, Mäusefan gendc Hühner (Orig.) 1 60. 
Moroff, Zur Physiologie des Zillkcrnes 
(mit Abb.) 244. 

Müller, R., Sekundäre Geschlechtsmerk- 
male und ihre züchtungsbiologische 
Bedeutung. 296. 

Nord heim, Beobachtungen am Bienen- 
stande (Orig. m.Orig.-Uiagrammen) 300. 

i\ US bäum, Abhängigkeit der Regenera- 
tion vom Nervensystem bei Nereis 
diversicolor (mit Abb.) 61. 

Otto, Die Beschuppung der Re|)tilicn 
(mit Abb.) 118. 

Paladine, Schwarze Kcplialopoden- 
Tinte. 333. 

Parker, Die Sinnesempfindungen des 
Amphioxus. 76. 

Plate, Symbiotisch lebender Fisch. 204. 

Pütter, Die Ernährung der Wasserliere 
u. der Stoffhaushalt des Meeres (S.-R. 
von Friedrich v. Möller) I. 

Rein ecke , Die sogen. Pferdesterbe. 281. 

Reinhardt, R. , Pleiodaklylie beim 
Pferde. 295. 

Richters, Meer-Bärtiercheii (Orig. mit 
Orig.-Abb.) 330. 

Ross, Pflanzen u. Ameisen im tropischen 
Mexiko lOrig. mit Orig.-Abb.) 822. 

Schnitze, Arnold, Beobachtungen üb. 
die Fauna u. Flora der Grashochländer 
Kameruns (Orig. mit Orig.-Abb.) 513. 

Schnitze, Ernst, Vogelschutz in den 
Vereinigten Staaten (Orig.) 49. 

Simroth s. Geophysik. 

Sommer, Hydra benutzt die ( )berflächen- 
spannung des Wassers (Orig.) 400. 

Thienemann, Echte Höhlen- u. Grund- 
wasserliere in oberirdischen Gewässern 
180. 

Tornier, Regeneration von Eidechsen- 
schwänzen (mit Abb.) 607. 

Versluys, Die Salamander und die ur- 
sprünglichsten vierbeinigen Landwirbel- 
tiere lOrig. mit Abb.) 33. 

Vosseier, Myrmecophana (mit .Abb.) 2 15. 

Wasmann, Zur Geschichte der Sklaverei 
und des sozialen Parasitismus bei den 
Ameisen (Orig. mit Orig.-Abb.) 401. 

Weismann, Über die Trutzstellung des 
Abendpfauenauges (Orig. mit Orig.- 
Abb.) 721. 

Winterer, Rückenmarksanästhesie. 297. 

Z i c g 1 e r , Phylogenetische Entstehung des 
Wirbeltierkopfes (mit .\bb.) 108. 

Z i e p r e c h t , Zwitterbildung b. Schmetter- 
lingen. 250. 

Aalköderung. 700. 

Albinismus bei Bienen. 671. 

AnaldrUsen. 831. 

Artbegriff in der Zoologie. 623. 

Delphin, Atmungsapparat. 4S0. 

Farbe u. Zeichnung in der Tierwelt. 638. 

Giftigkeit von Salamandra maculosa. 464. 

Die Hausmilbe Glycyphagus domesticus 
(mit Abb.) 783. 

Kribbelmilbe. 751. 

Leben u. Vertilgung d. Kleidermotte. 464. 

Milben auf Hummeln. 670. 

Netzhautströme. 743. 

Neues aus der Veterinär-Medizin. 295. 



Rotzunge und Seehecht. 592, 639. 

Rudimentäre Organe bei Tieren. 480. 

Schlupfwespe Thalessa (mit Abb.) 784. 

Schwalbenflug vor dem Regen. 672. 

Schwarzdrossel, aus ihrem Leben. (139. 

Schwimmblase der Fische. 543. 

Sehpurpur. 742. 

Singcicade Cicada septendecim. 784. 

Verein für Vogelschutz in Bayern. 303. 

Wanderratten-Einwanderung. 70I. 

Wie fangen die Libellen ihre Beute? (mit 
.■\bb.) 511. 

Zool. Sammlungs- und Konservierungs- 
methoden. 496. 



I Botanik und Agrikultur. 

B a u r , Wesen und Erblichkeitsverhältnisse 
der Varietates albomarginatae von Pe- 
largpnium zonale. 520. 

Brenner, Tamus communis, eine fremd- 
artige Erscheinung unserer Flora (< )rig. 
mit Orig.-Abb.) 180. 

Burri u. Kürsteiner, Zur Kenntnis d. 
Bedeutung des SauerstoftVntzuges f. d. 
Entwickl. obligat anaerober Bakt. 54. 

Buscalioni, Zur Morphologie der As- 
parageen und die Pericaulomtheorie 
(Orig.) 569. 

Coieman, Untersuchungen über .Nitri- 
fikation. 54. 
iFischer, Hugo, Neues aus der Bak- 
teriologie (S.-R.) 53. 

Focke, Über örtlich getrenntes oder ge- 
selliges Vorkommen verwandter Pflan- 
zenformcn (Orig.) Sl 

Fröschel, Über ein allgemeines reiz- 
physiologisches Gesetz (Orig. m. Dia- 
grammen) 417- 

Fuhrmann, Entwicklungszyklen bei Bak- 
terien. 55. 

Garbo wski, [''xtrem verkürzt. Entwick- 
lungsgang bei 2 Bakterienspezies. 55. 

Geisenheyner, Onosma der Mainzer 
I Sandflora Adventivpflanze f (Orig.) 93. 

Hansteen, Verhalten der Mineralsloffe 
in der Pflanze. 602. 

Harms, Marienpflanzen (Orig.) 447. 

— , Parthenogenesis bei Blutenpflanzen 
(S.-R.) 223. 

— , Vergrünter Wegerich-Blütcnstand(Orig.) 
702. 

— , Verkannte Fremde unter den Pflanzen 
(Orig.) 48. 

— , Zur Einführung der Kapuzinerkresse 
(Orig.) 272. 

Hoogenraad, Sind die Blattformen der 
männlichen und weiblichen Bryonia- 
dioeca-Pflanzen verschieden? (Orig. mit 
Orig.-Abb.) 266. 

Klausener, Die Blutseen der Hoch- 
alpen (Orig.) 397. 

K i 1 1 e r m a n n, Zur ersten Einführung ame- 
rikan. Pflanzen im 16. Jahrh. (Orig. 
mit Abb.) 193. 

K o 1 k w i t z und M a r s s o n , Ökologie der 
pflanzlichen Saprobien. 119. 

Krause, Ernst H. L., Saison-Dimorphis- 
mus und Amphichronismus (Orig.) 301. 

Küster, Über die experimentelle Erfor- 
schung des Zellenlebens (Orig.) 433. 

I, indau. Über Naturbilder mit bcsond. 
Berücksichtigung von Pilzaufnahmen 
(Orig. mit Abb.) 465. 

Lindinger, Jahresringe bei den Mono- 
cotylen der Drachenbaumform (Orig. 
mit Orig.-Abb.) 491. 



Makoschi, Alkaloide der chin. Cory- 
dalisknollen. 103. 

— , Das Protopin der Japan. Corydalis- 
knoUen. 103. 

Marzell, Über Zauberpflanzen in alter 
und neuer Zeit (Orig.) 161. 

Molisch, Einfaches Verfahren, Pflanzen 
zu treiben (Warmbad-Methode). 282. 

- , Hochgradige Selbsterwärmung lebend. 
Laubblätter. 555. 

— , Ultramikroorganismen. 53. 

Müller, Herm., Bakterienblasen oder 
Bacteriocysten. 56. 

Ortmann, Eisgebilde an Pflanzen (Orig.) 
816. 

Potonie, Pflanzen der Eiszeit. 767. 

— , Piatanthera bifolia angustifolia und 
Plantage media dcntata (Orig. m. Orig.- 
Abb.) 544. .^ 

R oh d e , Eigenartiger Doppelbaum (Über- 
pflanze) (Orig.) 175. 

Ross s. Zoologie. 

R o t h e , Das fasrige Execarp der Ceces- 
nuß (Orig.) 457. 

Schiff ner. Die Nutzpflanzen unter den 
Flechten (Orig. mit Orig.-Abb.) 6v 

Schulze, Flora der Grashochfl. Kame- 
runs (Orig. mit Orig.-.'\bb.) 513. 

Senn tag. Die duktilen Pflanzenfasern 

1 (Orig. mit Orig.-Abb.) 342. 

! S o r a u e r , Nicht parasitäre Pflanzcnkrank- 

heilen: Lohkrankheit (mit Abb.) 312. 

ISpilger, Anemone nemoro.'^a plioca- 

lymma (Orig mit Orig.-Abb.) 288. 

S t i g e 1 1, Fortbewegungsgeschwindigkeit u. 
Bewegungskurven emiger Bakterien. 53. 

Stoklasar und Em est. Chemische 
Natur des Wurzclsekretes. 425. 

Volkens, Botanische Zentralstelle in 
Berlin für die Kolonien. 141. 

Werth, Ist die Cocespalme ein natür- 
licher Bestandteil tropischer Strand- 
formatiencn? (Orig.) 735. 

Advenlivsprosse auf Kohlblättern. 144. 

Anagallis arvensis u. caerulea. 208. 

Aufruf zur Schonung der Pflanzenwelt. 216. 

AzoUa gegen cie tdückenplage. 496. 

Bataten-Kultur. 474. 

Blütenkalender. 32. 

Bedeutung verschiedenfarbig blühender 
Stöcke derselben Pflanzenarten. 640. 

Crin d'.-\frique. 832. 

Deppelfrüchte. 544. 

Durchwachsene Rosen. 4S0. 

Filzgallen auf Buchenblättern. 704. 

Geschlechtsumkehr bei diöcischen Pflanzen. 
672. 

Hypothesen über die Entstehung der 
Pflanzensubstanz. 361. 

Kaki-Früchte. 176. 

Kautschuk liefernde Kemposite aus Mexiko. 
176. 

Kerk. 704. 

Die Kolanuß. 473. 

Kulturpflanzen für unsere Kolonien. 473. 

Nährlösung ven der Crones für Pflanzen. 368. 

Marienpflanzen. 736. 

Parthenogenesis bei Blütenpflanzen. 320. 

Pflanzenwasserkulturen. 240. 

Physiologie der Diatomeen, Zur. 503. 

Phytolacea electrica. 336. 

Rotfärbung der Hölzer. 16, 128. 

Salicaceen-Phylogenie. 688. 

Stachellose Opuntien. 320. 

Sternschnuppengallerte. 160, 240. 

Transport lebender Pflanzen. 560. 

Variationsstatistik der Pflanzen. 400. 



Register. 



III 



Weiden, ihre Gesclileclilsänderung. 703. 
Zwergfonnen von Pflan/en, ihre Züchtung. 
815. 

Paläontologie. 

Brauer, Die neuesten Forschungen über 
die fossilen Saurier (mit z. T. Orig.- 
Abb.) 88. 

Gothan, Die sogenannten ,, echten Ver- 
steinerungen" (Intuskrustate) d. Pflan- 
zen und die Konkretionen (Inkrustate) 
(Orig.) 257- 

Hundt, Monograptus turriculatus aus 
unterem Obersilur (Orig.) 413. 

Jäkel, Zur Phylogenie auf Grund palä- 
ontologischer Daten. 40S. 

Kiernik, Chilodon hexastichus, ein para- 
sitisches Infusorium. 412. 

Koken, Paläontologie und Deszendenz- 
Ichre. 411. 

Potonie, Paläobotan. Stoßseufzer (Orig.) 
684. 

S t e i n m a n n , Geologische Grundlage der 
.\bstammungslehre. 408. 

Stoller, Technik des Torfschlämraens 
(Orig.) 64. 

Stremme, Über vorwellliche Saurier. 504. 

E.Npedition zur Ausbeutung von Dino- 
saurierresten. 123. 

Ovibos moschatus, Verbreitung als Fossil. 
480, 640. 

Paläozoologie, Neues aus der. 407. 

Geologie und Mineralogie. 

Benndorf, Physikalische Beschatfenheit 
des Erdinnern. 30g. 

Biltz u. Marcus, Ammoniak und Nitrat 
in den Kalisalzlagerstätlen. 758. 

Boeke, Rinneit, ein neues Salzmineral. 
250. 

Endeil, Erosionstäler in den spanischen 
Pyrenäen (Orig. mit Orig.-Abb.) 283. 

Förster, Tertiäre Kalisalzlager im Ober- 
elsaß. 268. 

Frech, Gebirgsbau der Alpen. 533. 

Fürstenberg, Die Polarregiouen im 
Lichte geologischer und Uterarischer 
Forschung (Orig.) 369. 

Gilbert, Der Meteorkrater von Canyon 
Diablo in Arizona u. seine Bedeutung 
f. d. Entstehung d. Mondkrater (mit 
Abb.) Soi. 

Gogarten, Terrainbewegungen i. d. 
Schweiz (Orig.) 538. 

H a n s t e e n , Mineralstoffe in Pflanzen. 604. 

Hoehne, Das sächsische Erzgebirge und 
Granulitgcbirge (S.-R.) 373. 

Johnsen, Entstehung von Wasserstoff- 
gas in Kalisalzlagern. 757. 

Johnsen, Verwachsung von Carnallit u. 
Eisenglanz. 757. 

Kalkowsky, Oolith u. Stromatolith in 
norddeutsch. Buntsandstein. 759. 

Königsberger, Temperaturgradienten 
der Erde bei Annahme radioaktiver 
und chemischer Prozesse. 309. 

Linck, Über die Bildung der Kalksteine 
(Orig. mit Orig.-Abb.) 689. 

Linck, Über die Bildung der Oolithe 
und Rogensteine. 758, 761. 

Philippi, Problem der Schichtung und 
Schichtbildung am Meeresboden. 634. 

Potter, Zersetzung amorpher Kohle durch 
Mikroorganismen. 812. 

Reinke, Küstenbildung u. Küstenzerstö- 
rung. 521. 



Sieberg, Erdbeben im mediterranen Ge- 
birgssystem zu Anfang 1909 (Orig. mit 
Kärtchen.) 205. 

Schoen, Die Methoden der geologischen 
Zeitbestimmung (Orig.) "jog. 

Tammann, Kristallisieren u. Schmelzen. 

309- 

T h o m s , Unterscheid, v. Bernstein u. Kopal 
(Orig.) 768. 

Vorländer, Kristallinisch-flüssige Sub- 
stanzen. 586. 

Wahnschaffe, Die Bildung der Salz- 
lager. 505. 

Wehner, Inneres der Erde und der 
Planeten. 309. 

Weinberg, Kristallisationsformen des 
unterkühlten Wassers. 172. 

Wiechert, Massenverteilung im Innern 
der Erde. 312. 

von Wolff, Vulkanische Kraft und die 
radioaktiven Vorgänge in der Erde. 309. 

Zimmermann, Ernst, Neuere Beob- 
achtungen über vulkanische Gasexhala- 
tionen (Orig. mit Abb.) 337. 

Deutsche Mineralogische Gesellschaft. 
124. 

Erdbeben von Messina. 532. 

Geologie, Neues aus der. 7S7- 

Größte Binnenseetiefe und tiefstes Bohr- 
loch. 269. 

Kalisalzlager Deutschlands. 757. 

Neulandbildung im Wasser, ihre Fälle. 816. 

Schlacken -GeröUe am Nordseestrande. 
496, 592. 

Geographie und Geophysik. 

Amundsen, Nordpolarreise. 530. 
Arldt, Zar Simroth'schen Pendulations- 

hypothese (Orig.) 747. 
Baschin, Die Wellen des Meeres (Orig.) 

122. 
Baschin, Erreichung des Nordpols (Orig.) 

625, 753- 

Behrmann, Glaciale Urstrom-Täler im 
Westen der Unterweser. 581. 

Boenecke, Herstellung von Reliefkarten 
(Orig.) 432. 

Charcot, Antarktische Expedition. 530. 

Cook u. Peary, Erreichung des Nord- 
pols. 625. 

Eckert, Entwicklung der deutschen See- 
karle. 584. 

Fischer, H., Erdkundlicher Schulunter- 
richt. 580. 

Friedrich, Geologischer Aufbau von 
Lübeck. 581. 

Gasser, Luftschiff karten. 585. 

Grüner, Island (Orig.) 154. 

Halb faß, Nachtrag z. sein. Aufs, über 
Temperaturmess. in tief. Seen (Orig.) 
480. 

Hahn, Primitive Schiffahrt. 458. 

Hammer, E., Das Invar und seine 
wichtigste Verwendung in der Geodäsie 
(Orig.) 353- 

Heck er, Schwerkraftmessungen. 533. 

Hecker, Bestimmung der Schwerkraft 
auf dem Indischen und Großen Ozean. 
170. 

V o n H e d i n , Entdeckungen in Tibet. 382. 

H e n n i g , E d w. , Am Tendagura (Orig.) 

593- 

Hundeshagen, Analyse einiger ost- 
afrikanischer Wässer. 652. 

Karutz, Mpangwe-Expedition. 578. 

Krümmel, Neuere Theorien der Meeres- 
strömungen. 582. 



Lehmann, P. , Probleme der Morpho- 
logie Rügens. 581. 

Liebmann, Russische Polarfahrt der 
Sarja (Orig. mit Karte.) 648. 

Merzbacher, Tian - schan - Expedition. 
53°- 

Nölke, Simroth's physikalische Begrün- 
dung der Pendulation (Orig.) 651. 

Ohnesorge, Lage und Entstehung Lü- 
becks. 580. 

Oppel, Wirtschaftsgeographische Schul- 
wandkarte. 585. 

Passarge, Verwitterungs-Verhältnisse in 
den Hochsteppen und in der S,ahara 
von Algier. 581. 

Penck, Morphologie der Wüste. 582. 

Potonie, Eine naturwiss. Exkursion durch 
Süd-Canada (Orig. mit Orig.-Abb.) 225. 

Richthofen, Vorlesungen zur Siedlungs- 
und Verkehrs-Geographie. 535. 

Sander, Irrlichter (Orig.) 23. 

S a p p e r , Reise im Bismarck-Archipel. 578. 

Sapper, Über Neu-Mecklenburg. 531. 

Schott, Über Meeresströmungen. t;83. 

Schwarz, Mathematisch - astronomischer 
Unterricht in Schulen. 579. 

Shackleton's Südpolarreise. 529. 

Simroth, Bemerkungen zur Pendula- 
tionstheorie (Orig.) 763. 

Stein, Reise zum Lob-nor etc. 531. 

Tafel, Studienreise in Tibet. 579. 

T i t z e n t h a 1 e r , Auf alter Straße durch 
Mittel- und Süd-Italien. 571. 

Toll, Polarfahrt. 648. 

Woeikow, Aralsee. 531. 

Antarktische Expedition. 529. 

Anthropogeographie. 5S3. 

Arabien. 530. 

Bahnbauten in fernen Ländern. 534, 

Deutsche Landeskunde. 5S0. 

Feststellung des Nordpols. 6S7. 

Forschungsreisen. =;78. 

Deutscher Geographentag zu Lübeck. 218, 

577- 
Geographie, Neues aus der. 529. 
Geographische Karten. 584. 
Geographischer Unterricht. 579. 
Geophysik, Niues aus der. 309. 
Irrlichter. 191. 
Literatur und Bibliotheken über Geographie. 

584. 
Meereskunde. 582. 
Morphologie der Wüsten. 58 1. 
Nautik, Zur. 583. 
Salzige See, Der. 304. 



Physik. 

Adler, Die Einheit des physikal. Welt- 
bildes (Orig.) 817. 

Bauer, Erdmagnetismus. 618. 

Cords, Über die Erfolge der neueren 
stereoskopischen Verfahren (Orig. mit 
Abb.) 737. 

Czudnochowski, Ionisierung von Luft 
durch glühende Körper. 378. 

bischer und Braehmer, Bildung von 
Ozon durch ultraviolettes Licht. 597. 

Hagen, Herwig etc. über Röntgen- 
strahlen. 600. 

Halb faß, Beeinflussung der Reflex, u. 
.■Xbsorpt. der Lichtstrahlen durch ge- 
löste Substanzen (Orig.) 768. 

Heß, Wein hold, Rebenstorff, 
Thermoskop-Substanzen. 37S. 

Landau, Versuch zur Abbc'schen Bilder- 
erzeugungslehre. 597. 



IV 



Register. 



Lehmann, Absolut höchste Temperatur. 
172. 

Lehmann, O., L'ber flüssige Krist.ille. 
586. 

Levin u. Kuer, Kadioalttives. 694. 

Marc, Über den Molekularzustand der 
kristallisierten Maleric (Orig.) 561. 

Martens, Akustische Versuche. 377. 

M i e t h e und Lehmann, Ende des ultra- 
violetten Spektrums. 597. 

P e c k , Unterwasser-Schallsignale. 250. 

Pfund, Eigenschaften des Selens. 599. 

Rentschier, Brechungsquotienten ver- 
schiedener Gase (mit Diagramm). 171. 

Roschansky, Funkenwiderstand. 173. 

Saeland und .-\ndersen, Ursache der 
Photechie. 170. 

Saeland, Sogen Metallstrahlung. 261. 

Schaff er, Verhalten des elektrischen 
Funkens im magnetischen Felde. 172. 

Schaefer, Großmann und Harten- 
stein, Beugungserscheinungen elek- 
tromagnetischer Wellen. 600. 

Scheel u. Heuse, Sättigungsdruck des 
Wasserdampfes unter o". 596. 

Scheel u. Schmidt, Brechungsindex 
des Heliums. 171. 

Schmidt, W., Fallgeschwindigkeit von 
Regentropfen. 444. 

Strom an n, Magnetisches Verhallen des 
glühenden Eisens. 378. 

Töpler'sche Schalleitung. 377- 

Traubenberg, Leitfähigkeit von Gasen. 

173- 

Weiß, B., Energie (Orig.) 609,673,729. 

Wiesner, J., In Sachen der Licht- 
messung (Orig.) 556. 

Wood, Reflexion an Quecksilberdampf. 

597- 
Physik. Neues aus der. 169, 596. 
Physikalischer Unterricht, Neues aus d. 377. 
Radiologisches Institut. 23g. 
Telephon. Zeitsignal. 655. 



Mathematik. 

Mathematik eine Erfahrungswissenschaft. 

Astronomie. 

Abbot und Fowle, Temperatur der 
Sonne. 439. 

Adams, Sonnenrolaliun. 438. 

.\ maf l ouns k y , Sonnentheorie. 438. 

Barnard, Herkules-Sternhaufen. 442. 

Barnard , Komet Morehouse (m Abb.) 7t;. 

Curtiss, Die Bahnelemente des Algol. 75. 

Frost, Parkhurst u. a., Spektrum d. 
Kometen Morehouse. 439. 

Haie, .Xufnahme von Wasserstoffwolken 
(sog. Flocculi) in der Sonnenatmo- 
sphäre. 72. 

— , Spektralaufnahmen vonSonnenHecken. 
74- 

Hartwig, Antalgolsterne. 440. 

K a p t e y n , Lichtabsorplion im Wellraum. 
441. 

Krebs, Aschgraues Mondlicht. 439. 

Küstner, Spektrographische Durch- 
musterung des Himmels in bezug auf 
radiale Geschwindigkeiten. 71;. 

L e b e d e w , Dispersion im Wellraum. 441. 

Ludendorff, Sterne des großen Baren. 
440. 

.Martus, Mondkraler. 74. 

Merrill, Mfteorkratcr. 77. 



Messerschmidl, Die Wiederkehr des 
Halley'schen Kometen (Orig. m. Orig.- 
Darst!) 58. 

Müller und Kempf, Sternfarben und 
-Helligkeiten. 441. 

Pickering, Himmelspholographie. 75. 

Ritchey, Spiegelteleskop. 442. 

Scheiner, Ergebnisse der Himmels- 
pholographie und über die Temperatur 
der Sonne (Orig.) 25 1, 439. 

Wolf, Komet Morehouse. 440. 

Wolf, Nebelspektra 442. 

Wood, Neue Auffassung der Sonnen- 
corona. 72. 

Astronomie, Neues aus der. 72, 438. 

Halley'scher Komet. 656. 

Himmelserscheinungen. 78, 143, 208, 270, 
348, 444. 493. 556, 619, 720, 765, 831. 

Kometenbahnen. 608. 

Marsbeobachlungen. 65b. 

Meteorologie. 

Berson und andere, Schicliten in tler 

Atmosphäre. 695. 
H a 1 b f a ß , Temperaturmessungen in liefen 

Seen in ihrer Beziehung zur Klima- 

tologie (Orig.) 385. 
Leß, Weltermonatsübersicht (Orig. mit 

Diagramm) 62, I2<), 1S4, 269, 334, 

39S, 477. 539, 683, 695, 74S, 812. 
Schubert, Jahresmittel von Luftdruck, 

Temperatur, abs. Feuchtigkeit u. W'ind- 

geschw. 695. 
Wulf, In der Atmosphäre vorhandene 

Strahlung. 600. 
Meteorologie, Aus der praktischen. 696. 
Meteorologie, Neues aus der. 694. 
Studium der oberen Luftschichten. 532. 

Chemie. 

-Abderhalden u. Funk, Schwefel- 
bestimmung im Urin. 681. 

Böse, Richtungsgeordnete Zustände in 
anisotropen Flüssigkeiten. 169. 

Brauner, Stellung d. Elemente der seit. 
Erden im period. System. 263. 

Bruni, Feste Lösungen und Isomorjihis- 
mus (mit Abb.) 364. 

Buchner u. Klatte, Zucker- u. Zymase- 
bildung. 601. 

Le Chatelier, Chem. Untersuchung 
antiker Tonwaren. 209. 

Dolezalek, Zur Theorie der binären 
Gemische und konzentrierten Lösungen 
(mit Diagramm) 263. 

Engeland, Nachweis organischer Basen 
im Harn. lot^. 

Fischer, Chemie eines antiken Blei- 
rohrs. 210. 

Fränkel u. Allers, Charakteristische 
Adrenalin-Reaktion. 680. 

Funk, Wert der Methoden zur Bestimmung 
des Harnzuckers. 105. 

Geibel, Das Platin. 569. 

Herzog, Inhallsstoffe der Rhizoma Impe- 
ratoriae. 104. 

Herzog u. Ha neu. Über das Pimpinellin. 
103. 

Jolles, Neue Gallensäure-Reaktion. 105. 

Kaßncr, Chemie römischer (antiker) 
Tinte. 210. 

Köhler, Petroselinsäure. 681. 

Liebermann, Quantitav. Bestimm, der 
Phosphorsäure im Harne u. in Alkali- 
phosphatlösungen. 680. 



Loew u. Bokorny, Natur der Fermente 
(Orig.) 601. 

Matthes u. Heintz, Unverseifb. Be- 
standteile d. Petersilienöles. 682. 

Matthes, Serger u. Fresenius, 
Künstl. kristall. Karlsbader Salz. 107. 

Mecklenburg, Die experimentellen 
Grundlagen der Atomtheorie I (Orig.) 
709. 

Mitscherlich u. König, Neuere Me- 
thoden in der chemischen Bodenanalyse . 
332. 

Neu mann, Analyse einer Bronze. 210. 

Pfy 1 u. Schei tz. Im Safran vorkommende 
Stoffe. 102. 

Pfyl u. Scheitz, Verfahren zur Wert- 
bestimmung des Safrans. 102. 

Pringsheim, Stickstoff assimilierendes 
Clostridium. 55. 

Remele, Chemisch wirkende elektrische 
Strahlen. 262. 

Richards, Bernoulli etc., Atomgc- 
wichtstabelle für das Jahr 1909. 265. 

R o h 1 a n d , Die Farbe des Schwefels und 
das Farb-Problem des Ultramarins 
(Orig.) ]09. 

Rohland, Verhalten von suspendierten 
Stoffen im Kristalloid- und Kolloid- 
zustand (Orig.) 121. 

Rosenthaler, Spaltung des Amygdalins 
unter dem Einfluß von Emulsin. 101. 

Rühle, Nachweis von Saponin. 359. 

S o d d y , Rutherford und Dewar, Umwand- 
lung von Elementen. 173. 

Stark, Elektronen-Tlieorie und chemische 
Valenz. 345. 

St räche, Erklärung des period. Systems 
m. Hilfe d. Elektronentheorie. 263. 

Takeuchi, Können Phosphate Chlorose 
erzeugen ? 603. 

Tamman, Wirkung des Drucks auf die 
Erzeugung chemischer Modifikationen. 
587. 

Thoms, Französ. Petersilienöl mit einem 
neuen Phenoläther. I07. 

Tschirch u. Gauchmann, Glycyrrhicin- 
säure. 107. 

Vie tingh o ff-Sch e el, Benzoesäuie als 
Konservierungs-Mittel. 360. 

Weigert, Die photochemische Zersetzung 
von Ozon. 261. 

Weiß, Bruno, Pyrophore Legierungen. 
263. 

Aceton als Stoffwechsel-Produkt bei Dia- 
betes i. Harn. 6S7. 

Allgemeine Chemie, Neues aus der (S.-R.) 
261. 

Darstell, org. Verb, aus anorg. Verb. 527. 

Eisenrost. 16. 

Gewinnung von Burserazin. 576. 

Grieß'sches Reagens auf salpetrige Säure. 
720. 

Hydrocellulose. 736. 

Nahrungsmittelchemie s. unter Medizin etc. 

Oxyburserazin. 80. 

Radiumgewinnung aus Kolm. 683. 

Über pflanzliche und tierische Fermente. 601. 

Wärmetönung einer Reaktion. 352. 



Unterricht. 

Heß, Experimentell hergestellte Isother- 
men. 379. 

Lüdtke, Über das Farbenthermoskop. 
379- 

Zacharias, Ferienkurse in Hydrobio- 
logie und Planktonkunde (Orig.) 270. 



Register. 



Deutsche Gesellschaft für volkstümliche 
Naturkunde. 121, 158,185,251,426, 
457. 474- 

Ferienkurs für wissenschaftliche Mikro- 
skopie. 94, 637. 



Medizin, Hygiene, Pharmacia, 

Nahrungsmittel u. Verwandtes- 
Ackermann, Auftreten der Raupe von 
AglossapinquinalisimDarm (Orig.) 43. 

Borchardt, Diabetische Lävulosorie. 
104. 

Dragendorff, Verpflegung der röm. 
Soldaten in Deutschland. 211. 

Eber, Tuberkelbazillengehalt in Milch 
und Molkereiprodukten. 297. 

Emmerich, Cholera als Vergiftung durch 
salpetrige Säure. 746. 

Fi ehe, Unterscheidung von Kunst- und 
Naturhonig. 358, 

Fis ch er und Alpers, Zusammensetzung 
von Beerenfrüchlen, besonders Alka- 
lität ihrer .Aschen. 357. 

Fischer und Alpers, Nachweis tieri- 
scher Fette in Gemischen mit anderen 
tier. Fetten. 355. 

Großer, Verhalten des Chinins im 
Organismus. 104. 

Grotjahn, Heilstättenbewegung im 
Lichte der sozialen Bewegung. 613. 

Hübner, Eierteigwarenfrage. 356. 

Krasser, Alkoholfreie Weine. 359. 

Loew, Physiologische Wirkung des 
Dicyandiamits. 601. 

Loew, Zur Physiologie der Akklimati- 
sierung. 433. 

Lührich und Bürger, Zur Kenntnis 
des Pflaumenmuses. 357. 

Matthes, Arbeiterlungen. 618. 

Matth es und .Ackermann, Zusammen- 
setzung eines Gichtknotens. 61S. 

Matthes und Streitberger, Verzinnte 
Gebrauchsgegenstände und verzinkte 
Kochgeschirre. 519. 

Matthes und Streitberger, Wach- 
holdcrmus. 106. 

Matthiesen, Milchfettbestimmung mit- 
tels Fahrrades. 502. 

Meisner, Ciaassen und Aisberg, 
Militäruntauglichkeit. 613. 

Oberhummer, Medizinische Geogra- 
phie. 5S3. 

O p p e 1 , Totale Regeneration des Leber- 
zellennetzes. 381. 

Rosenthaler, Katalysierende Emulsin- 
bestandteile. 67g. 

Rosenthaler und Meyer, Glycosit- 
haltige E.xtrakte. 678. 

Siegfeld, Ziegenbutterfett. 356. 

Svehla, Asepsis und Bügeln. 78 1. 

Wagner, Benno, Zusammensetzung der 
Eselinmilch. 356. 

Weevers, Physiolog. Bedeutung des 
Koffeins. 603. 

Zernik, Wichtigste Arzneimittel von 
1908. 677. 

Chemische Konservierung von Nahrungs- 
mitteln, Neues über die. 45^. 

Leiden und Heilung derTuberkulösen. 393. 

Margarine und Butter, ihr chemischer 
Unterschied. 704. 

Nahrungsmittel-Chemie, Neues aus der. 355. 

Fbarmacie, Neues aus der. loi, 677. 



Technisches, 
Instrumentenkunde. 

B c r g w i t z , Durch elektrostatische Kräfte 
betriebenes Relais. 173. 

Besselmeyer, Ballonvariometer. 170. 

Busch, Stereovista, Apparat für stereosk. 
Projektion. 598. 

Ives, Lippraann's Farbenphotographie. 
172. 

Kolkwitz, Entnahme- und Beobach- 
tungsinstrumente f. biologische Wasser- 
untersuchungen (mit Abb.) 177. 

Lehmann, H., Praxis der Interferenz- 
farbenphotographie. 598. 

— , Projektionsschirme. 598. 

Lindner, Demonstration in der Aus- 
stellungshalle des Instituts f. Gärungs- 
gewerbe. 427. 

— , Wissenschaftliche Grundlagen der 
Gärungsgewerbe. 427. 

V. Reden, Spirale- Vakuummeter. 596. 

Rupp und Loose, Alkalihochempfind- 
licher, zur Titration mit Hundertstel- 
normallösungen geeigneter Indikator. 
!o8. 

Seddig, Neues Bolometer. 599. 

Simon, Field,Cuttri6 u. Redding, 
Neue Telephonformen. 599. 

Smith u. Urban, Kinemacolor. 598. 

Stuhr, Flimmerphotometer. 171. 

Vignon, Entgiftung d. Leuchtgases. 154. 

Walter, Photographische Solarisation. 
171. 

Wiechert, Seismometer (m. Abb.) 29. 

Drahtlose Telegraphie, ihre Anwendung. 

599- 

Internat. Kongreß für angew. Photo- 
graphie. 143. 

Intern. Photographentag. 143. 

Knochen zu bleichen und zu reinigen. 496. 

KonservierungsflUssigk. f. Tiere. 8 15. 

Lichtbilder, ihre billige Herstellung. 240. 

Reinigung alter Metallgegenstände. 608. 

Rotationskompaß. 504. 

Turm-Teleskop. 74- 

Zusammensetzung d. ,, Wunderkerzen". 288. 

Biographisches. 

Detmer, Charles Darwin als Botaniker 

(Orig.) 113. 
Plat e,Darwinals Mensch u. Forscher. 457. 
Potonie, Charles Darwin zu seinem 

hundertsten Geburtstage (Orig.) 97. 
Schmidt, Ma.^ C. P., Franz Junghuhn 

(Orig.) 628. 
Cesare Lorabroso f. 720. 
Firma Wilhelm Lambrecht's 50jähriges 

Jubiläum. 507. 
Über Linne. 525, 752, 832. 
Moritzi, ein Vorgänger Darwin's. 656, 

736. 
Neumayer f. 444, 536. 
Simon Newcomb f. 574. 

Literatur. 

Abderhalden, Neuere Ergebnisse aus 
dem Gebiete der speziellen Eiweiß- 
chemie. 176. 

Abel, Bau u. Gesch. d. Erde. 697. 

Abraham, Elektromagnet. Theorie der 
Strahlung. 159. 

Abromeit s. Wünsche. 

Arndt, Elektrochemie 400. 

Arnold, Chemie. 606. 

Arrhenius, Theorien der Chemie. 655. 



Artus, Chemie. 431. 

Auerbach, Taschenbuch für Mathema- 
tiker u. Physiker. 510. 

August, Grundlagen der Naturwissen- 
schaft. 508. 

Avenarius, Kritik der reinen Erfahrung. 
335- 

B a e n i t z , Herbarium dendrologicum. 750. 

v. Bardeleben, Anatomie d. Menschen. 
218. 

van Bebber, Wettervorhersagen. 526. 

Beifiner, Nadelholzkunde. 336. 

Bender, Laboratoriumstechnik. 43 1. 

Berberich, Astron. Jahresbericht. 655. 

Bernthsen, Organische Chemie. 175. 

Bersch, Moorkultur. 303. 

Berteis, Denkmittel der Physik. 508. 

Berta, Welthsrmonie. 508. 

Biedenkapp, Philosoph. Satiren. 508. 

Binz, Kohle u. Eisen 541. 

Birkeiand, Norwegian aurora polaris 
e.xpedition 1902 — 1903. 319. 

Boas, Lehrbuch der Zoologie. 95. 

B ö 1 s c h e , Ernst Haeckel, Ein Lebensbild. 
189. 

Brauer, Süßwasserfauna Deutschi. 460. 

Breitenbach, Ernst Haeckel, ein Bild 
seines Lebens und seiner Arbeit. 189. 

Breitfeld, Unterr. in d. Naturlehre. 15. 

B r e n d 1 e r , Mineraliensammlung. 399. 

Brenning, Innere Kolonisation. 540. 

B r i c k , Telegraphen-Fernsprech-Technik. 
219. 

Brieger-W^asservogel, Plato und 
Aristoteles. 556. 

Brode, Physikalische Chemie. 218. 

Brunne mann. Deutsch. Höhenschichten- 
Karte. 159. 

Buesgen, Der deutsche Wald. 219. 

Camerer, Philosophie und Naturwissen- 
schaft. 508. 

Chun, Valdivia-Expedition. 285. 

Chwolson, Hegel, Haeckel, Kossuth u. 
das zwölfte Gebot. 189. 

Cook, Weltumseglungsfahrten, ein Aus- 
zug aus seinen Tagebüchern. Bearb. 
u. übersetzt von Hennig. 127. 

Dannemann, .\us der Werkstatt großer 
Forscher. 348. 

Dannenberg, Geologie d. Steinkohlen- 
lager. 15. 

Dannenberg, Zimmer- und Balkon- 
pflanzen. 219. 

Darmstädter, Geschichte der Natur- 
wissenschaften u. Technik. 348. 

Darwin, Abstammung d. Menschen. 523. 

Dennert, Weltanschauung des modernen 
Naturforschers. 557. 

Dennert, Weltbild" u. Weltanschauung. 

557- , . , 

Detmer, Kleines pflanzenphysiologisches 

Praktikum. 191. 

Diels, Ludwig, Die Orchideen. 220. 

Diels, Ludwig, Pflanzengeograph. 218, 

Dittrich, Chemisches Praktikum. 782 

Dost u. Hilgermann, Chem. Unter- 
suchung von Wasser u. Abwasser. 368 

Dreyer, Methodenlehre und Erkenntnis- 
kritik. 508. 

Eckstein, Tierleben des Deutschen 
Waldes. 541. 

Enderlein, Biolog. Bedeutung der Ant- 
arktis, Insekten des antarkt. Gebiets, 
Spinnen der Crozct-Inseln und von 
Kerguelen. 667. 

Engl er, Araceae. 415. 

Eng 1er, Natürl. Pflanzenfamilien. 350. 



VI 



Regisler. 



Engler, Pflanzenreich. 414. 

Engler, Pflanzenwelt Afrikas. 430. 

Eylmann, Eingeborene der Kolonie 
Süd-Australien. 414. 

Feucht, Die Bäume u. Sträuchcr unserer 
Wälder. 541. 

Figdor, Anisophyllie. 542. 

Fischer, Heinrich, Landeskunde der 
Ver. Staaten von Amerika. 218. 

Fitzner, Regenverteilung in d. deutsch. 
Kolonien. 64. 

Föppl, Technische Mechanik. 384. 

France, Heutige Stand d. Darwin'schen 
Fragen. 523 

France, Pflanzenphysiologie als Arbeits- 
hypothese. 461. 

Frech, Aus d. Tierleben d. Urzeit. 220. 

Frentzel, Ernährung u. Volksnahrungs- 
mittel. 540. 

Freundlich, Kapillarchemie. 69S. 

Frey, Mineralogie u. Geol. f. schweizer. 
Mittelschulen. 765. 

Fritbch, K., Flora für Österreich. 592. 

Fritz, Gottlieb, Das moderne Volks- 
bildungswesen. 541. 

Fürst, Der Arzt. 541. 

Fuß u. Hensold, Physik. 15. 

Geikie, Physikal. Geographie. 221. 

G e i s t b e c k , Mathemat. u. physikal. Geo- 
graphie. 63, 221. 

Gilg u. Muschler, Phanerogamen. 541. 

Glafey, Rohstoffe d. Te.'itilindustrie. 541. 

Gockel, Schöpfungsgeschichtl. Theorien. 
125. 

Goldschmidt, Fortpflanzung d. Tiere. 

445- 
Gorgen, Machines-outils. 400. 
Gräbner, Pflanzenwelt Deutschi. 317. 
Grein ach er, Die neueren Strahlen. 782. 
Grimsehl, Physik. 670. 
Günther, S. , Geschichte der Natur- 
wissenschaften. 429. 
Günther, Vom Urtier z. Menschen. 125. 
GuiU au me, Initiation älaMecanique 638. 
Gutzeit, Bakterien. 219. 
Gutzmer, Unterrichtskommission der 

Ges. d. Naturf. u. Ärzte. 208. 
Haacke, Vom Strome des Seins. 508' 
Haeckel, .Alte u. neue Naturgesch. 189- 
Haeckel, Menschenprublem. 524. 
Haeckel, Monismus u. Naturgesetz. 1 89. 
Haeckel, Unsere Ahnenreihe (Progono- 

taxis Hominis). 45. 
Haeckel, Die Wellrälsel. 189. 
Haecker, Tiefseeradiolarien. 286. 
Hänig, Steinkohle. 446. 
Handlirsch, Die fossilen Insekten und 

die Phylogenie d. rezenten Formen. 127. 
Hegi, 111. Flora V. Mitteleuropa. 813. 
Heller, Süßwasser- Aquarium. 220. 
Hemmelmayer, Prakt.-chem. Übungen. 

782. 
Hempeimann, Der Frosch. 478. 
He nie, Organ, präparatives Praktikum. 

159, 782. 
Hennings, Säugetiere Deutschi. 446. 
Her ding, Beleuchtung u. Heizung. 220. 
Hertwig, O., Entwicklung im XIX. 

Jahrh. 524. 
Heyer, Waldbau. 525. 
Hilbert, Grundl. d. Geometrie. 239. 
Hinrichscn, Eisengallustinten. 399. 
Honigs Wald, Lehre Humes von der 

Realität der .Außendinge. 556. 
Hoffmann, Kunst- u. Vogelgesang. III. 
V. Ignatowsky, Vektoranalysis. 831. 
V. Ihering, Wasserkraftmaschinen. 112. 



Jacob, Der Flug. 447. 

Jacobi, Weltgebäude von Nicolaus von 
Cusa. 556. 

Jan icke, Gesättigte Salzlösungen. 317. 

Johannsen, Erblichkeitslehre. 460. 

John, Schulchemie. 782. 

Jordan, D., St., u. Kellogg, Evolution 
a. animal life. 523. 

Kampffmeyer, Gartenstadtbeweg. 540. 

Kanngießer, Etymologie der Phanero- 
gamen-Nomenklatur. 510. 

Karsten und Oltmanns, Pharmako- 
gnosie. 637. 

Karsten u. Schenk, Vegetationsbilder. 
415. 

Kaöner, Reich der \Volken u. Nieder- 
schläge. 541. 

Kays er, Allgemeine Geologie. 76s. 

Keilhack, Lehrbuch d. prakt. Gecd. 15. 

Keller u. Lang, Ernst Haeckel als 
F'orscher und Mensch. 189. 

Keller, Stammesgesch. uns. Haustiere. 445. 

Kellogg, Darwinism To-Day. 523. 

Kick, Ernst Haeckel u. d. Schule. i8g. 

Kieckbusch, Mit Fangnetz u. Sammel- 
schachtel. 461. 

Kirchmayr, Die analytische Berechnung 
regulärer Kristalle, für Studierende der 
Kristallographie. 80. 

Kleinschmidt, Grammatik U.Wissen- 
schaft. III. 

Klingelhöffer, Physik. 15. 

Klut, Untersuchung des Wassers. ^lo. 

König, Vertrocknungsprozeß d. Erde. 350. 

König, Edmund, Kant uod die Natur- 
wissenschaft. 220. 

Koltan, Reinke's dualistische Welt- 
ansicht. 556. 

Korf, So werden wir fliegen! 447. 

Korscheit u. Heider, Entwicklungs- 
gesch. der wirbellosen Tiere. 621. 

Kossmat, Paläographie. 218. 

Kotte, Chemie. 400. 

Kraepelin, Naturstudien. 781. 

Krause, K., Araceae. 415. 

K refft, K'eptilien-u. Amphibienpflege. 220 

Krümmel u. Eckert, Geograph. Prak- 
tikum. 221. 

Kuckuck, Urzeugung. 701. 

Kükenthal, Cyperaceae. 415. 

Küspert, Chemie u. Mineralogie. 782. 

K u b 1 i n , Weltraum, Erdplanet u. Lebe- 
wesen. 508. 

Lamarck, Zoolog. Philosophie. 522. 

Lang, Üb. d. Bastarde von Heli.x hortensis 
Müller u. Helix nemoralis L. 126. 

Lange, Ciartengestaltung, 461. 

Lecointe, Ann. astronomique. 462. 

Lehmann, .Alfred, Aberglaube und 
Zauberei. 414. 

Lesser, Unterricht in der Arithmetik u. 
.Algebra. 96. 

Levin, Chemie. 782. 

Liesegang, Projektionskunst. 336. 

Linck, Kristallographie. 95. 

Linne's Bedeutung als Naturforscher u. 
Arzt. 525. 

V. L i n s t o w , Die Schmarotzer d. Menschen 
u. Tiere. 541. 

Lipps, Psychophysik. 446. 

Lobedank, Stammbaum d. Seele. 524. 

Lodge, Leben u. Materie. 189. 

Lohrscheid-Lehmann, Anorganische 
Chemie. 592. 

Lorentz, Theory of Electrons. 670. 

Lorey, Mathematik u. Frauen. 782. 

Lotsy, Botau. Stammesgeschichte. 684. 



Lotsy, Deszendenztheorien. 684. 

Macfarlane. Nepenthaceae. 41^. 

Magnus, R., Vom Urtier z. Menschen. 523. 

Mangold, Sinnesorgane. 445. 

Marcus, Monismus u. Verwandtes. 508. 

V. Marillac, Ein neuer Blick in das 
Leben der Schöpfung. 189. 

Martus, Entstehungsweise der Planelen- 
raonde. 526. 

May, Auf Darwinspuren. 525. 

May, Korallen u. andere gesteinbildende 
Tiere. 445. 

May, Goethe — Humboldt — Darwin — 
Haeckel. 1S9. 

Meerwarth, Lebensbilder aus d. Tier- 
welt. 367. 

Menzer, Der menschliche Organismus 
446. 

Messerschmidt, Erde als Himmels- 
körper. 239. 

Migula, Biologie der Pflanzen. 318. 

Mildbread, Stylidiaceae. 415. 

Mi IIa, Wie fliegt der Vogel? 447. 

Minkowsky, Raum und Zeit. 781. 

M o 1 i s c h , Warmbad als Mittel zum 
Treiben der Pflanzen. 46I. 

Mortensen, Die Echinoiden. 669. 

Müller, Adolf, Galileo Galilei. 479. 

Müller, G. W., Ostracoden. 253. 

Müller-Pouillet, Physik u. Meteoro- 
logie. 221, 367. 

Murray u. Philippi, Grundproben d. 
Deutschen Tiefsee-Expedition. 285. 

Neesen, Strahlen. 446. 

Nelson, Die kritische Methode u. das 
Verhältnis der Psychologie zur Philo- 
sophie. 574. 

Neresheimer, Der Tierkörper. 541. 

Nimführ, Luftschiffahrt. 541. 

Norden, Elektrolytische Zähler. 303. 

Ogilvy, Fibel des Darwinismus. 525. 

Ostwald, Wo., Kolloidchemie. 463. 

Ostwald, Große Männer. 699. 

Ostwald, Grundr. d. allg. Chemie. 350. 

Ostwald, Wider das Schulelend. 699. 

Pahde-Lindemann, Leitfaden d. Erd- 
kunde. 63. 

Perry, Angewandte Mechanik. 175. 

Peter, Die Planeten. 445. 

Pfordten, Vorfragen d. Naturphilos. 129. 

P f u n g s t , Das Pferd des Herrn v. Osten. 349 

Piepers, Mimikry, Selektion, Darwinis- 
mus. 525. 

Pilger, System der Blütenpflanzen. 218. 

Plate, Die Scaphopoden. 253. 

Pöschl, Härte der festen Körper. 750. 

Poincare, Maxwell'sche Theorie und 
Hertz'sche Schwingungen. Telegraphie 
ohne Draht. 144. 

P o 1 1 a c k , Philos. Grundl. wiss. Forschung 
als Beitrag z einer Methodenpolitik. 619. 

Popofsky, Radiolarien. 253. 

P o t o n i e, Arbeiten üb. Kaustobiolithe.672. 

Potonie, Illustrierte Flora. 368. 

Poulton, Essays on evolution. 460. 

Pütz, Vergleich. Erdbeschreibung. 221. 

Ramsay, Moderne Chemie. 400. 

Romsay, Aus der Chemie. 542. 

Ratzel, Raum und Zeit in Geographie 
und Geologie. 220. 

Richarz, Maxwell'sche Theorie. 527. 

Reinhardt, Geschieht, des Lebens der 
Erde. 494. 

Reinhardt, Vom Nebelfleck zum Mcn- 
»■chen. 125. 

Rosenthal, Die Volkskrankheitcn und 
ihre Bekämpfung. 541. 



Register. 



VII 



Rost, Flugapparate. 447. 

Küd orf 1- l'.ö ttgc r , Chemie. 7S2. 

Saal, Photographie in den Tropen. 431. 

S a c k u r , Chem. Aflinitiit und ihre Messung. 
20S. 

Sattler, Traction electrique. 431. 

Scheid, Chemie. 592. 

Scheiner, Bau des Weltalls. 445. 

Scher er, Pädagog. Jahresber. 765. 

Schlick um, Chemie u. Mineralogie. 782. 

Seh m eil u. Seh mit! t. s. unter , ,Samm- 
^"ng"• 

Schmidt, J u 1 i u s , Svntetisch organisciie 
Chemie. 220. 

Schmidt, H., Biogenetisches Grundge- 
setz. 524. 

Schmitt, Zeugnis der Versteinerungen. 

525- 

Schnee, Unsere Kolonien. 219. 

von Schnehen, Energetische Weltan- 
schauung. 556. 

Schneider, Karl Camillo, Des- 
zendenztheorie. 523. 

Schoetensack, Unterkiefer des Homo 
Hcidelbergensis. 143. 

Schröder, O., Unbekannte treibende 
Eier und Cysten. 253. 

.Schröder, O., Slicholonche zanclea und 
Wagnerelia borealis. 2^3. 

Schumburg, Geschlechtskrankheiten. 

445- 

Schuster, Einfluß des Mondes auf unsere 
Atmosphäre. 239. 

Schwaiger. Regulierproblem in der 
Elektrotechnik. 303. 

Schwant es. Aus Deutschlands Urge- 
schichte. 220. 

Schwarze, Herbert Spencer. 445, 556. 

Schwendener, Mechanische Probleme 
der Botanik. 349. 

Schwering, Kleinste Quadrate. 655. 

Seber, Blutforschung und Abstammungs- 
lehre. 591. 

Sieberg, Der Erdball. 765. 

Sigmund, Minerale N'iederösterreichs. 63. 

Sinclair, Utilitarismus bei Sedgwick und 
Spencer. 556. 

Speiser, Ektoparasiten des Fregattvogels, 
Milben der Antarktis. 667. 

Strache, Einheit der Materie. 462. 

Strand, Spinnentiere von Südafrika und 
einigen Inseln. 667. 

zur Strassen, Die neuere Tierpsycho- 
logie. 3t. 

Strauti, Nalurgeschichts - Skizzenbuch. 

383- 
Strecker, Kausalitätsprinzip derBiologie. 

508. 
Tanner y, Elemente der Mathematik. 

495- 

Taschenberg, Giftige Tiere. 271. 

Tesar, Die Mechanik. 736. 

Thiele, Arktische und subantarktische 
Chitonen. 253. 

Thieme, Geometrie. 495. 

Thomson, Corpuskular - Theorie der 
Materie. 350. 

Thonner, Blütenpflanzen Afrikas. 430. 

U 1 m e r , Trichoptera. 460. 

Unger, Wie ein Buch entsteht. 445. 

Unold, Organische und soziale Lebens- 
gesetze. 508. 

Vanh offen, Lucernariden u. Scyphome- 

dusen. 253. 
Vater, Dampf u. Dampfmaschine. 540. 
V e r w o r n , Allgemeine Physiologie. 27 1 . 



Vichmeyer, Bilder aus dem .\meisen- 
leben. 541. 

\' o r 1 ä n d e r , Geschichte der Philosopliie. 
478. 

Wagner, Percy, .\., Diamantführende 
Gesteine Süd- Afrikas. 813. 

Wah nsc h a f f e , Oherflächengestallung 
des norddeutschen Flachlandes. 303. 

W a 1 1 h e r , Geometrie. 399. 

Wanderer, Tierversteinerungen aus der 
Kreide .Sachsens. 462. 

Wassermann, Kampf um das Ent- 
wicklungsproblem in Berlin. 525. 

Brunner v. Watten wyl, Die Insekten- 
familie der Phasmiden. 78. 

Weber, Technik des Tafelzeichnens. 814. 

Weber, Maximilian, Einführung in 
die Kristalloptik. 127. 

Weinstein, Entsteh, d. Welt u, d. Erde 
nach Sage u. Wiss. 218. 

Weiß, Berthold, Entwicklung. 508. 

Weiß mann, Darwin. ^24. 

Westermarck, Moralbegriffe. 429. 

Wiener, Reflexionsbeobachtungen an 
Metallen. 384. 

Winkelmann, Akustik. 462. 

Wirth, Experimentelle .-\nalyse der Be- 
wußlseinsphänomene. 306. 

Wü nsc h c- Abromeit, Pflanzen Deutsch- 
lands. 494. 

Ziegler, Zoologisches Wörterbuch. 446. 

Ziegler u. Woltereck, Monographien 
einheimischer Tiere. 478. 

Zimmer, Die Bumaceen der deutschen 
Tiefsee-Expedition. 285. 

Zimmermann, Otto, Ohne Grenzen 
und Enden. 508. 

Zschimmer, Untersuchung über Raum, 
Zeit und Begriffe vom Standpunkte des 
Positivismus. 14. 

Zschimmer, Glasindustrie in Jena. 022. 

Aunuaire pour Fan 1910. 83 1. 

Aquarien. 222, 701. 

Archiv für die Geschichte der Naturwissen- 
schaften und der Technik. 94. 

Darwin, seine Bedeutung. 524. 

Darwinistische Vorträge und Abh. 52^. 

Deutsche Südpolarexpedition. 667. 

Farbenanpassung d. Schmetterlingspuppen. 
640. 

Flechtenliteratur. 560. 

Floren-Lit. der ital. Kolonie Erythräa. 768. 

Floren der Schweiz. 704. 

Fries'schen Schule, Abhandl. der. 574. 

Herbarium. 399. 

Histolog. Lehrbücher. 688. 

Ideale und Probleme der Weltanschauung. 
556. 

Kiemenfüßer-Lit. 831. 

Klassiker der Naturwissenschaften. 556. 

Kulturpflanzen der Weltwirtschaft. 95. 

Lagerstätten Deutschlands, Karte der nutz- 
baren. 430. 

Linne-Lit. 832. 

Lit. zur Abstammungslehre. 304. 

Lit. über Autotomie und Regeneration. 639. 

Lit. über Biocönosen. 512. 

Lit. über Blütenbiologie. 224. 

Lit. über Blütenkalender. 32. 

Lit. üb. elektrische Konvektionsströme. 384. 

Lit. über die Flora der Schweiz. 544' 

Lit. zur Forstzoologie. 688. 

Lit. üb. Fremd- u. Selbstbestäubung. 576. 

Lit. über Gartenbau. 144. 

Lit., geologische , für Anfänger und geo- 
logische Vereine. 16. 

Lit. über Geologie der Eifel. 224. | 



Lit. über geol. Karten von Tirol. 512. 

Lit. über die Honigbiene. 639. 

Lit. über llymenopleren-.\natomic etc. (140. 

Lit. über Marienpflanzen. 447. 

Lit. über Pflanzenbiologie. 32. 

Lit. über physikalische Technik. 330. 

Lit. üb. pontische Pflanzengenossenschatten 

in Nord-Böhmen. 560. 
Lit. über die Struktur der Metalle. 432. 
Lit. betr. Urzeugung. 368. 
Lit. zur Tiergeographie. 688. 
Lycoperdon-Lit. 736. 
Meteorologische Zeitschriften. 224. 
Milben-Lit. 832, 751 (s. Zool.) 
Mollusken-Lit. 815. 
Moos-Lit. 752, 816. 
Natur, Die. 220. 
Natur und Geisteswelt 218, 445, 540, 

541, 556- 

Natur- und kulturphilosophische Bibliothek. 
220. 

Naturwiss. Bibliothek f Jugend u. Volk. 219. 

Naturwissenschaftliche Wegweiser. 541. 

Pilze, Lit. zu ihrer Präparalion und Be- 
stimmung. 816. 

Sammlung Göschen. 218, 446. 

Sammlung naturwissenschaftlich -pädago- 
gischer .Abhandlungen. 32. 

Schäften und Schauen. 749. 

Südpolar-Exped., Deutsche, 1901 — 1903. 

253- 

Süßwasserkrabbe-Lit. S32. 

Tiere, wilde, i. d. Gefangensch. 700. 

Schulgesundheitspflege, Verhandl. d. All- 
gemein. Deutsch. Vcr. 494. 

\'ogelflug, über seine Höhe. 700. 

Wissenschaft, Die. 220. 

Wissenschaft und Bildung. 2:9, 445, 54I. 

Zeitschrift für Botanik. 143. 

Zoologische-Lit. 6S8. 



Abbildungen. 

Aalmolch. 34. 

Abendpfauenaugen (Orig.) 724. 

Aggregata. 248, 249. 

Aglossa pinquinalis l,Orig.) 44. 

Aleuria aurantia. 472. 

.\mphio.xus, Larve und Embryo. 109. 

Anieisen und ihre Nachahmer. 217. 

Amphiuma means. 34. 

Anemone nemorosa pliocalymma (Orig.) 

288. 
Anergates atratulus (Orig.) 402. 
Anguis- und Scincus-Schuppe. 119. 
App. z. Demonstr. der Umwandlung v. 

Arbeit in Wärme. 643. 
Aragonitkristalle (Orig.) 691, 692. 
Arcella vulgaris, Fortpflanzungsvorgänge. 

236/237. 
Armillaria mellea. 465. 
Asterias forreri. 488/490. 
Ausziehstock f. Wasseruntersuchungen. 178. 
Becher für Wasseruntersuchungen. 178. 
Bienengehirne. 632. 
Blattschneider-Ameisen (Orig.) 823. 
Blattschneider- Ameisen-Nester (Orig.) 824. 
Blinkmikroskop. 738. 
Branchiosaurus-Bauchpanzer. 35. 
Bryonia dioica- Blätter von männlichen 

und weiblichen Pflanzen (Orig.) 266. 
Camponotus. 217. 
Cecropia mexicana (Orig.) 828. 
Clitocybe flaccida. 466. 
Clitocybe fragrano. 466. 
Cirque de Gavarnie (Orig.) 284. 
Coelographis antarctica. 287. 



VIII 



Register. 



Coprinus comatus. 467. 

Diagraramc zur Aufzeichnung:; d. (ifwichts- 

vcränderungen 1>. Bienenvölkern (Orig.l 

300/301. 
Diagramm der Brechungsexponenten der 

wichtigsten Gase für verschiedene 

Wellenlängen. 17]. 
Diagramme zur Wetter -Monatsübersicht 

(Orig.) 62, 124, 184, 270, 334/335, 

398, 477/47«, 540, 606, 683, 749, 

Sj2, 813. 
Digitalis purpurea (alte Abb.) 197. 
Diplodocus. 92, 797. 
Dretsche. 178. 

Echiniscoides-Larve (Orig.') 331. 
Echiniscoidcs Sigismundi (Orig.) 330. 
Ehrensaal des Deu'.schcn Museums. 647. 
Eichenblätter, von .Ameisen zerschnitten 

(Orig.) 824. 
Regenerierte Eidechsenschwänze. 607/60S. 
Eisberg von der Belle-lsle-Straße (Orig.) 

225. 
Erbsenstein (Orig.) 692. 
Enrycorypha. 216. 
Kärtchen des Erdbebens von Norditalien, 

Januar 1909 (Orig.) 206. 
Exkursionsmikroskop. 178. 
Kernie, eine abgebrannte .Stadt Canadas 

(Orig.) 226. 
Feuersteinwerkzeuge von Le Moustier 

(Orig.) 328. 
Flechten, nutzbare (Orig.) 67, 69. 
Forellenauge, Horizontalschnitt, mit Linsen- 
regeneration. 13. 
Forellenauge, Frontalschnitt mit voll- 
ständig regenerierter Linse. 14. 
Formiconius. 217. 
Formica sanguinea (Orig.) 401. 
Frostkrebs an der Kiefer. 31=;. 
Garten, sein Anfangsstadium im fernen 

Westen (Orig.) 230. 
Gasausbruch am Stromboli. 340. 
Gcschlechtsapparate von Lymantria dispar 

(Orig.) 546/552. 
Glycyphagus domesticus. 767. 
Grashochland Kameruns (Orig.) ^ 16/5 17. 
Grotte von Le Moustier (Orig.) 324. 
Halechiniscus-Bein (Orig.) 332. 
Halcchiniscus Guiteli (Orig.) 331. 
Halley'scher Komet, seine Bahn (Orig.) 60. 
Hausmilbe. 783. 
Heideboden-Kiefer. 315. 
Holzdrift in Canada (Orig.) 246. 
Ichthyosauren (Orig.) 89, 90. 
Karten mit Isogonen, -klincn u. -dynamen 

(Orig.) 484. 
Ithyphalius impudicus. 471. 



Jasminium officinale falte Abb.) 197. 

Jüttner „Böcklins .Atelier" zum Artikel 
Baerwald : Selbsttätigkeit u. Icliliebc. 
305- 

Kalkgestcine u. Kristalle (Orig.) 690/693. 

Kalkspatkristalle (Orig.) 690. 

Karte der russ. Polarfahrt der Sarja. 649. 

Karte des nördl. Arizona. 801. 

„Kohlrabi-Häufchen" aus dem Pilzgarten 
der Blattschneiderameisen (Orig.) ^825. 

Komet Morehouse. 73. 

Kribbelmilbe (Laelaps marg.) 751/752. 

Küche in einem Camp (Orig.) 2_'9. 

Landschaft während eines vulkanischen 
Aschenfalls. 340. 

Libelle. 5JI. 

Libellenlarve. 511. 

Lichenes, nutzbare (Orig.) 67, 69. 

Lichttelegraphie im 17. Jahrhundert. 616. 

Lohkranke Wurzel, Anatomisches. 313. 

Lohkranker Zweig. 313, 314. 

Luftpumpe mit Motor. 642. 

Lymantria dispar (Orig.) 545. 

Mangoblätter, ganz und von Ameisen zer- 
schnitten (Orig.) 823. 

Menschenschädcl von Le Moustier in situ 
(Orig.) 325/327- 

Menschenschädclteile von Le Moustier 
(Orig.) 325/328. 

Meerweibchen. 140/141. 

Meteorkrater in Arizona. 802/806. 

Mirperus. 217. 

Monocütylen der Drachenbaumform , ihre 
Stamm-Anatomie (Orig.) 493. 

Monograptus turriculatus (Orig.) 414. 

Morley, ein Ort in Canada (Orig.) 226. 

Le Moustier (Orig.) 324. 

Muschelkalk (Orig.) 693. 

Myrmecophana. 215/217. 

Myrmica. 217. 

Mystriosaurus (Orig.) 91. 

Nereis. 61. 

Nicotiana tabacum, alte Abb. 19:;. 

Numulitenkalk (Orig.) 693. 

Ohm's Elektrisiermaschine und Flaschen- 
batterie. 643. 

Pfahlkratzer. 178. 

Pflanzenfasern, duktile (Orig.) 345. 

Phyllocrania. 21 7 

Plalanthcra bifolia (Orig.). 544. 

Planktonkammer. 178. 

Plantago media (Orig.) 544. 

Plesiosaurus (Orig.) 89. 

Polydesmus-Nest (Orig.) 28. 

Polydesmus- Vulva u. -Fuß (Orig.) 26/27. 

Polyergus rufesccns (Orig.) 401. 

Polyporus versicolor. 409. 



Posidonienschiefei'bruch (Lias f) in Holz- 
maden (Orig.) 88. 

Prärie in Canada (Orig.) 243. 

Profil durch einen Mondkrater. 809. 

Protil durch einen Schichtvulkan.'* 809. 

Ricnodon copei, ein Stegocephale. 40. 

Rogenstein (Orig.) 693. 

Salamander, Arterienbogen der. 35. 

Salticus. 217. 

Sarracenia purpurea (Orig.) ^242/243. 

Schädel von La Tigra (Orig.) 658. 

Schema zum Artikel feste Lösg. u. Iso- 
morphismus (Orig.) 364. 

Schemat. Darstell, d. Entsteh, d. wichtigst. 
Körper aus d. Rohstoffen. 645. 

Schlafkrankheit, Kärtchen^von Afrika mit 
Verbreitung der (Orig.) 148. j, 

Schlafzclt in einem'^ Camp in Canada 
(Orig.) 228. 

Schlupfwespe Thalessa. 7S4. 

Schomburgkia (Orig.) 827. 

Seenprofile (Orig.) 388. 

Seismometer-Pendel. 29. 

Seismomcter und Seismograph. 30. 

Singcikadenlarve. 784. 

,, Speisesaal" in einem Camp [in Canada 
(Orig.) 229. 

Stereometrische Vermessung. 740. 

Strongylognathus testaceus (Orig.) 401. 

Tabak, alte Abb. 195. 

Tamus (Orig.) 181/183. 

Tamus-KnoUen (Orig.) 181/183. 

Tamus-Samen und -Keimlinge (z. T. Orig.) 
182. 

Teleosaurus (Orig.) 91. 

Telephon von Reis. 644. 

Temperatur und Niederschlags-Diagramme 
s. unter Diagr. Wetter-Monatsübersicht. 

Tillandsia bulbosa (Orig.) 829.'] 

Tradescantia virginica, alte Abb. 197. 

Terebratulakalk (Orig.) 693. 

Tsetse-Fliege , Kärtchen von Afrika mit 
Verbreitung der (Orig.) 148. 

Typhlomolge rathbuni. 34. 

Urwaldbilder aus Canada (Orig.) 241. 

Valee d'Anisclo (Orig.) 283. 

Vallee d'Arazas (Orig.) 283/284. 

Wälder, abgebrannte in Canada (Orig.) 

232/233- 
Wasserharnisch aus dem 17. Jahrhundert. 

617- 

W'hceleriella Santschii (Orig.) 401. 

Wirbeltierkopf, Schema seines ursprüng- 
lichen Baues. 109. 

Zelle, schematisch, zur Veranschaulichung 
ihres Stoffwechsels. 247. 

Zu Pferde durch den Kananaskis - Fluß 
(Orig.) 228. 




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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Nene l-\.l};e Vlll. I'.aii,! ; 
iler 5;:in/eii Reihe XXIV l'iaiul. 



Sonntag, den 3. Januar igog. 



Nummer 1. 



„Die Ernährung der Wassertiere" und „der Stoffhaushalt des Meeres". 

Zwei Referate über Prof. A. Pütter's gleichnamige Arbeiten (Zeitschr. f. allg. Physiol. Bd. VII, 1907, p. 283 — 368) 
(Nachdruck vcrboten.l ^'OQ TJr. Friedrich von Möller, Schloß Sommerpahlen, Livland. 



„Die Ernährung der VVassertiere" und „der 
Stofthaushalt des Meeres" — unter dieser Bezeich- 
nung hat Prof. Pütter in Göttingen im siebenten 
Bande der Zeitschrift für allgemeine Physiologie 
(1907, p. 283 — 368) zwei Arbeiten veröffentlicht, 
die für die Planktonforschung und überhaupt für 
die Biologie der Lebewesen des Meeres vom 
größten Interesse sind. Sie begründen eine 
meines Wissens gänzlich neue Ansicht über 
die Nahrungsquellcn der Tiere und Pflanzen 
des „Plankton", und wahrscheinlich auch aller 
übrigen Meerestiere mit Ausnahme der P"isch- 
säugetiere, Fische und Cephalopoden (Tintenfische 
und Kraken). Da ich glaube, daß die Biologie 
des Meeres durch diese beiden Arbeiten Prof. 
Pütter's um einen großen Schritt vorwärtsgebracht 
worden ist , und überzeugt bin , daß weiteres 
Forschen in dieser Richtung auch der Süßwasser- 
biologie von größtem Nutzen sein wird, so habe 
ich es versucht über Prof. Pütter's Aufsätze aus- 
führlich zu berichten, denn in diesem Falle er- 
scheint mir die Kenntnis der Methoden des Ver- 
fassers fast so bemerkenswert wie die seiner 
Resultate. Es wird auffallen, daß ich mich so oft 
der eigenen Worte des Verfassers bedient habe 
— mir schienen aber die betreffenden Stellen zu 
wichtig, um sie zu kürzen, auch hätte die ange- 
strebte Klarheit der Darstellung darunter gelitten. 
Das Referat wird hoffentlich viele zum .Studium 
der Originalarbeit anregen. 

I. Die Ernährung der Wassertiere. 

I. Der Kohlenstoffgehalt des Seewassers. 

F"ür das Meer nimmt man die ernährungsphysio- 
logische Abhängigkeit der Tiere von den Pflanzen 
und zwar hauptsächlich den .\lgen an, diese 
„sollen in ihrer Körpersubstanz die gesamte Menge 
der organischen Stofife bilden, die den Tieren des 
Mikroplanktons, besonders den Copepoden als 
Nahrung dient, welche dann ihrerseits die Nahrung 
der Fische usw. abgeben. Man muß sich völlig 
darüber klar werden, daß diese Annahme z. Z. 
lediglich eine Hypothese ist, denn es liegen keine 
Versuche vor, den Nahrungsbedarf der niederen 
Tiere und die Größe der Produktion organischer 
Substanz durch die Algen in der Zeiteinheit 
experimentell zu ermitteln". 

Die vorhandenen ausgedehnten Planktonstudien 
zeigen nur den Zustand in bestimmten Zeit- 
momenten an, aber weder die Zeit, welche nötig 



war, um diesen Organismenbestand zu erneuern 
(Baustoft'wechsel) noch die Stofl'menge, die in der 
Zeiteinheit nötig war, um ihn zu ernähren und 
damit zu erhalten (Belriebsstoffwechsel). — Bisher 
hielt man die Organismenleiber für die einzige 
Ouelle der Nahrung der Meerestiere — der Autor 
will aber nachweisen, daß das Meer in beträcht- 
licher Menge Nährstoffe in Lösung hält, welche, 
im Gegensatz zu der bisher vertretenen Anschau- 
ung, den größten Teil der Nahrung der Meeres- 
tiere (ausgenommen P'ische und wahrscheinlich 
auch Cephalopoden) ausmachen. 

Durch Anwendung von Messinger's Me- 
thode der C-Bestimmung auf nassem Wege,') die 
generell alle komplexen C- Verbindungen als CO'- 
der Bestimmung zugänglich macht, und die sich 
auf Seewasser ohne jede Vorbehandlung anwenden 
läßt, wies Verf. nach, daß ein Liter Seewasser 
aus dem Golf von Neapel, an solchen Stellen ent- 
nommen, wo Verunreinigungen der Stadt schon 
unwirksam sind, 92 mg Gesamtkohlenstoff enthält. 
Davon sind 27 mg (kaum 30 "/g) in Form von 
CO'- nachgewiesen, so daß 65 mg (70 '7o) kom- 
plexer C -Verbindung im Liter, oder 65 g 
im Kubikmeter im Seewasser in Lösung sind. 
(Die Lösung hat also 0,0065 "l^. D. Ref.) 

Die chemische Natur dieser komplexen C- Ver- 
bindungen wurde nur insoweit aufgeklärt, als ge- 
zeigt werden konnte, daß die flüchtigen Säuren 
etwa 23 mg von diesen 65 mg C enthalten, also 
enthalten die flüchtigen Säuren im Seewasser fast 
ebensoviel C wie die Kohlensäure. Natterer ge- 
lang der Nachweis von höheren Fettsäuren 
(Palmitinsäure, Stearinsäure), und aus Proben, die 
dicht über dem Meeresboden entnommen waren, 
konnten Kohlenwasserstoffe schon durch den 
petroleumartigen Geruch des Wassers nachge- 
wiesen werden. Auch Glyzerin glaubte Natterer 
identifizieren zu können. Pütter vermutet auch 
noch die Möglichkeit des \"orkommens von 
Huminsubstanzen. 

Es ergibt sich als Sauerstoffkapazität der kom- 
plexen C-Verbindungen eines Liters Meerwasser 
180 mg O'-, während aus 12 Proben ein Sauer- 
stoffgehalt von durchschnittlich nur 7,6 mg im 
Liter hervorgeht (0,00076%), also ca. V-ii des 
Sauerstoffes, der nötig wäre, um allen C zu CO'-, 



') Eine Publikation über die Art der .\nwendung der 
Methode und ihre Fehlergrenzen will der Verfasser in den 
Publikationen d. Kgl. Ges.. der V/issensch. in (löttingen er- 
s-heinrn lassf-n. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII Nr. I 



allen II zu H'-'O zu oxydieren. Das Meer ist also 
relativ sehr sauerstoffarm, dafür sehr kohlen- 
stoffreich. 

2. Der K ohlenstoffgehal t der Plankton- 
organisme n. 

Um nun den C-Gehalt der Planktonorganismen 
festzustellen, verwendet Verf. die Angaben Loh- 
mann's über das Plankton von Syrakus: Es ent- 
hielten looo 1 filtriertes Seewasser 53,63 cbmm 
an sog. „dichtem Volumen", d. h. bei einem spez. 
Gew. von 1,030 — 55,60 mg. Nach Brandt ent- 
halten 66 ccm gut abgesetzte Planktonfänge 0,57 g 
Trockensubstanz. Die „dichten" Volumina 
sind ca. 25 mal kleiner, so daß wir rechnen 

müssen: = 2,64 ccm dichtes Volumen, das sind 
25 

2,64 1,030 = 2,7192 g Lebendgewicht — 

geben 0,57 g Trockensubstanz, was 20,9 "/^ ent- 
spricht.') Der Kohlenstoffgehalt der Trocken- 
substanz beträgt im Mittel aus 10 Analysen, nach 
Brandt 33,39",,, so daß die Menge Kohlenstoff, 
die, nach Lohmann's Untersuchungen bei Syrakus, 
in P'orm von Organismen in 1000 1 enthalten ist, 
sich folgendermaßen verteilt: 

Protophyten: 1,22 mg 

Protozoen : 0,08 ,, 

Metazoen : 2,48 „ 

Bakterien : 0,06 „ 

Zusammen : 3,84 mg 

Der Stickstoftgehalt beträgt im Mittel 
also \|(| der Kohlenstoffmenge, so daß in 
Meerwasser 0,39 mg Stickstoff in Organismen ge- 
bunden sind. Da im Eiweiß 3,3 mal soviel C 
als N enthalten ist, so stammen von dem Ge- 
samtkohlenstoff der Organismen 1,29 mg aus 
Pliweiß (3,3 • 0,39= 1,29), folglich 3,84 — 1,29 
= 2,55 mg aus Kohlehydraten und P'etten. 

Ein Liter Seewasser enthält also 

in Organismen 

1. in Form von 
Eiweiß 0,00 1 29 mg C 

2. in Form von 
Kohlehydra- 
ten u. Fetten 0,00255 „ , 

C im ganzen 



3.4'',,, 
1000 1 



0,00384 mg C 
0,00039 „ N 



dagegen in Lösung 
aller C 



davon CO'- 



92 mg 



27,, 



also an komplexen 
C-Verbindungen 

65 mg 
Stickstoff'-') 0,74 „ 

Also 17000 mal soviel komplexe C-Verbin- 
dungen sind in Lösung wie in Organismen (und 
1900 mal soviel ist N in Lösung wie in Organismen. 
D. Ref.) 

„Durch diese Gegenüberstellung wird schon 



'1 \'erf. gibt an = 2,()3 : und 2,"q anstatt 2,7192 g 

Lebendgewicht, daraus 20,7 "/q. D. Ref. 

") Der Slofflianshalt des Meeres, vom gleichen Verfasser. 
Ebenda S. 329. 



ein gerechter Zweifel gegen die Annahme be- 
gründet, daß die Organismen selbst, in letzter 
Linie also die Algen, die einzige Quelle der 
Nahrung für die Wassertiere seien, aber der Nach- 
weis, daß die gelösten Stoft'e eine weit ausgiebigere 
Quelle der Nahrung für eine große Menge von 
Tieren sind, als jene, die in Organismen gebunden 
sind, läßt sich nur erbringen, sobald man quan- 
titative Daten über den Nahrungsbedarf der 
Tiere hat." 

3. Der Na h r u n gs b e d a r f der Tiere. 

,,Eine exakte Kenntnis des Bedarfs an aus- 
nutzbaren Nährstoffen in der Zeiteinheit ist nur 
durch vollständige Stoffwechselversuche zu er- 
langen, und solche liegen zurzeit nur für zwei 
Tiere vor, für Suberites domuncula und Cucu- 
maria grubei." (Suberites ist ein Schwamm, 
Cucumaria — eine Holothurie. D. Ref.) 

Bei Suberites beträgt der Kohlenstoffumsatz 
eines mittelgroßen Exemplares von ca. 6o g 
Lebendgewicht in einer Stunde 0,92 mg. Ein 
Liter Wasser enthält in Form von Organismen 
0,00384 mg C. Suberites müßte also in einer 

Stunde — „ = 239 1, d. h. annähernd das 
0,00384 ^^ 

40000 fache seines Volumens vollkommen durch- 
fischen, um den Bedarf seines Betriebsstoftwechsels 
zu decken, und zwar unter der nicht sehr wahr- 
scheinlichen Voraussetzung, daß er den C der er- 
beuteten Organismen restlos auszunutzen im- 
stande sei. Verf. meint, in Wirklichkeit könne 
der Schwamm höchstens das Fünffache des 
eigenen Volumens, also 300 ccm in einer Stunde 
durch sein Kanalsystem pumpen, wobei der 
schwache und langsame Wasserstrom größere 
Organismen, etwa Copepoden, mitzureißen gar 
nicht imstande sei, so daß das durchgepumpte 
Wasser wesentlich nur Diatomeen, Protozoen und 
Bakterien enthalte, mit 35 "/o des C der Plankton- 
organismen, so daß der Wasserstrom dem Schwamm 
2300 mal weniger (ca. 0,05 %) Kohlenstoff') in ge- 
formter Nahrung zuführen würde, wie er in der 
Zeiteinheit verbraucht. 

,, Nehmen wir dagegen an, daß die komplexen 
Verbindungen, die im Seewasser gelöst sind, die 
Nahrung des Schwammes darstellen, so erhalten 
bereits 14,2 ccm (m. G. schon 13,3 ccm. D. Ref.) die 
für eine Stunde notwendigen 0,92 mg Kohlenstoff. 
Wenn auch viele dieser Kohlenstoffverbindungen 
für Suberites nicht ausnutzbar sein sollten, so ent- 
halten doch schon die 300 ccm bereits 19,5 mg C, 
also 21 mal soviel wie der Schwamm braucht, er 
würde also auskommen, wenn er auch kaum 5 % 
der gebotenen C-Verbindung ausnutzen könnte. 
Außerdem sind die Bedingungen für Aufnahme 
gelöster Nährstoffe weit günstiger als solche für 
den Fang geformter Nahrung. Ohne Bewegungen 
zu machen und Wasserströme zu erzeugen, kann 



') M. E. 1965 mal weniger = ca. 0,05 "/„. I). Ref. 



N. F. VIII Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



3 



ein Tier an geformter Nahrung nur das erhalten, 
was seine Oberfläche zufällig berijhrt, und das 
wäre sehr wenig, denn trotz der Menge der 
Planktonorganismen wären in i ccm kaum zwei 
Diatomeen zu finden. Für die Aufnahme gelöster 
Nahrung liegen die Bedingungen viel günstiger — 
ständig mit der Oberfläche der Organismen in 
Berührung, herandift'undierend wenn resorbiert, 
fließt sie als ununterbrochener Stoffstrom dem 
Tiere zu. — Es nähren sich also wohl auch alle 
übrigen Schwämme von gelöster Nahrung ohne 
nennenswerten Anteil der geformten, „für Sube- 
rites domuncula ist jedenfalls der Nachweis er- 
bracht, daß auch unter den günstigsten Annahmen 
die geformte Nahrung, die ihm zugänglich ist, 
weniger als 0,05",, des gesamten Nahrungs- 
bedarfes zu decken imstande ist." ,,P'ür Cucu- 
maria grubei beträgt bei einem frisch gefangenen 
Tiere von ca. 14 g Lebendgewicht der Kohlen- 
stoffbedarf pro Stunde etwa 0,40 mg. Diese 
Menge C ist enthalten in den Planktonorganismen 
von 100 1, dagegen in Lösung in 6,2 ccm." — 
Cucumaria fängt freilich lebende Organismen auf 
seinen Tentakelbäumchen, auch nimmt sie Sand, 
der ja nicht ohne organischen Detritus sein wird, 
in den Darm auf, doch ergab auch hier der Stoff- 
wechselversuch eine starke Beteiligung gelöster 
Nährstoffe. 

Vernon's Untersuchungen haben für viele 
niedere Tiere den Sauerstoffverbrauch genügend 
genau festgestellt. Oxydationen machen aber nur 
einen Teil des gesamten Stoffwechsels aus, auch 
sind sie vielfach unvollständig. Wenn wir also 
ansetzen : 

.■\ller O, der verbraucht wurde, hat bestimmte 
Verbindungen vollständig oxydiert, andere Prozesse 
außer dieser Oxydation sind im Stoffwechsel 
nicht abgelaufen, so haben wir den Stoffbedarf 
jedenfalls nicht zu hoch, sondern vielmehr zu 
niedrig angeschlagen. 

Eine Reihe von Erfahrungen lehrt, daß die 
umgesetzten Stoffe hauptsächlich Kohlehydrate 
sind. Ihre Sauerstoffkapazität ist 1,23, d. h. 

A-Gramm Sauerstoff sind imstande ' s Zucker 

1,23 ^ 
zu verbrennen, der Zucker hat 40% Kohlenstoff. 
Berechnet man aus dem Sauerstoffbedarf pro 
Tier und Stunde die minimale Menge des umge- 
setzten Zuckers, also auch den minimalen Kohlen- 
stoffbedarf, so „zeigen sich deutlich die Unmög- 
lichkeiten, auf die man geführt wird, wenn man 
an der Annahme festhalten will, daß für die Er- 
nährung der Wassertiere nur geformte Nahrung 
in Betracht käme". Von 10 der untersuchten 
Tiere, die zu vier verschiedenen Tierstämmen 
(7 verschiedenen Klassen) gehören, müßte ein 
jedes das Mehrhundertfache bis Mehrtausendfache 
seines Volumens an Meerwasser auf Piankton- 
wesen abfischen, um seinen Nahrungsbedarf in 
einer Stunde zu decken, während der nötige C 
in Gestalt komplexer Verbindungen in vielen 



Fällen in ' ,„ des Volumens des Tieres im Meer- 
wasser enthalten ist. (Tabelle III und IV des 
Originales.) 

4. Der mindeste stündliche Lebensraum 
der Wassertiere. 
Das Volumen, Meerwasser, welches den für 
ein Tier pro Stunde notwendigen Sauerstoff ent- 
hält, ist sein „minimaler, stündlicher Lebensraum" 
in bezug auf Sauerstoff. Es zeigte sich, daß die 
gefundenen Werte hierfür zwischen 0,26 (Salpa 
tilesii) und 3,18 (Ciona intestinalis) des Tier- 
volumens schwanken, aber meist ein- oder zwei- 
mal das Volumen des Tieres betragen. „Es ent- 
steht die Frage, ob der Lebensraum, wie wir ihn 
bisher definiert haben, also das Volumen (an Meer- 
wasser. D. Ref) , das den Sauerstoffbedarf einer 
Stunde zu decken imstande ist, auch hinreicht, um 
den übrigen Stoff bedarf des Tieres zu decken." Diese 
Frage beantwortet Verf seinen Untersuchungen 
gemäß dahin, daß in dem auf Sauerstoff bezüg- 
lichen minimalen Lebensraum fast 30 mal mehr 
komplexe C-Verbindungen in Lösung sind, „als 
jene, die wir als Kohlenstoffbedarf der Tiere aus 
ihrem Sauerstoffbedarf berechneten." „Nur für 
zwei Tiere, für Suberites und Cucumaria können 
wir auf Grund der Untersuchung des Gesamt- 
stoffwechsels zeigen, um wieviel zu gering die 
Annahmen über den Kohlenstoffbedarf der Tiere 
waren, die oben gemacht wurden, wie sehr also 
alle Argumente, die dort vorgebracht wurden," 
hier um so mehr Geltung haben. „Für Suberites 
würden wir auf Grund seines Sauerstoffbedarfes 
von 0,67 mg pro Tier und Stunde einen C-Bedarf 
von 0,22 mg berechnen, während die direkte Be- 
stimmung einen Umsatz von 0,92 mg, also mehr 
als viermal soviel ergab. Bei Cucumaria würde 
aus dem Sauerstoffverbrauch von 0,14 mg pro 
Tier und Stunde auf 0,05 mg C-Bedarf geschlossen 
werden, während er in Wirklichkeit 0,4 mg be- 
trug, also sogar das Achtfache des angesetzten 
Wertes." „Nehmen wir aber auch für die übrigen 
Tiere an, daß ihr C-Bedarf um das Fünf- bis Sechs- 
fache höher wäre als wir angesetzt hatten, so 
bliebe trotzdem die im „Lebensraum" gebotene 
C-Menge noch fünf- bis sechsmal größer als nötig, 
d. h. schon wenn nur 17 — 20"(| der gebotenen 
Verbindungen von einem bestimmten Tier aus- 
genutzt werden können, reicht die Kohlenstoff- 
nienge zur Ernährung hin." 

5. Beobachtungen über die geformte 
Nahrung der Tiere. 
Die Mehrzahl der nicht parasitisch lebenden 
Meerestiere nimmt sicherlich bei Gelegenheit ge- 
formte Nahrung auf — ob diese aber hinreicht, 
läßt sich mit Sicherheit nur durch Stoff- 
wechseluntersuchungen zeigen, wie sie für die in 
dieser Arbeit genannten Tiere vorliegen.') Die 

') Es siml die außer den vom \"crr. .iiif ( )- und C-Ver- 
biauch untersuchten Suberites domuncula und Cucumaria 
(Jrubei noch folgende von \'erno)i iThe respiratory cxchange 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. I 



im folgenden angeführten Beobachtungen weisen 
aber darauf hin, daß die Beispiele dafür, daß die 
geformte Nahrung zur Deckung des Stoffbedarfes 
nicht ausreicht, sich noch in den verschiedensten 
Gruppen des Tierreiches werden vermehren lassen. 
Bei allen untersuchten Polykladen (mit Ausnahme 
von Prosthiostomum) fand Lang weder im Haupt- 
darm noch in den Darmästen Nahrungsstofte, deren 
Natur hätte erkannt werden können. Bürger 
fand im Darme der Nemertinen äußerst selten 
Nahrungsmassen oder Reste, nur einige Male Teile 
von Krusten (soll wohl heißen : Krustern. D. Ref.). 
„Am erstaunlichsten sind aber Dohrn's ^) Beob- 
achtungen am Darme der Pycnogoniden (Panto- 
poden)". „Im Inneren dieses Darmes, der seine 
langen Divertikel in die Extremitäten hineinsendet, 
schwimmen in großer Zahl eigenartige Körper, 
die nicht von außen aufgenommen sind, sondern 
offenbar in einer noch nicht ganz aufgeklärten 
Weise sich vom Darmepithel ableiten. Durch die 
Kontraktionen der Darmschläuche werden sie in 
beständigen unregelmäßigen Bewegungen erhalten." 
S. 57: „Was aber die Verhältnisse vollends sehr 
schwer verständlich macht, ist die Abwesenheit 
jedweder Fäkalmasse. Trotz der tausendfachen 
Beobachtung lebender Pyknogoniden unter dem 
Mikroskop habe ich nie den Austritt geformter 
Bestandteile aus dem After gesehen, auch nie ge- 
färbte Flüssigkeiten im Afterdarme bemerkt." Die 
Pantopoden haben nun einen ungemein dichten 
Reusenapparat, der geformten Bestandteilen den 
Eintritt in den Darm überhaupt verwehrt, so daß 
Dohrn zur Interpretation seiner Befunde sagt, S. 57 '■ 
„Es bleibt da eben nur die Vermutung übrig, daß 
feste Teile überhaupt nicht in den Darm gelangen, 
sondern von dem Reusenapparat entweder in 
solcher Weise zerkleinert werden, daß sie für die 
Verdauungssäfte ohne Rückstand auflösbar werden, 
oder aber schon vorher wieder entleert werden. 
Vielleicht auch dienen die Haare und Borsten der 
Lippen dazu, schon von vornherein derlei Stofte 
auszusondern." Bei den Wurmmollusken Chaeto- 
derma wird nach Simroth der Darm oft leer 
gefunden oder nur mit geringem Inhalt, und es 
scheinen keine Tatsachen dafür zu sprechen, daß 
er sich, etwa wie bei einem Seeigel, mit Schlick 
füllt. Bei den Chitonen fanden sich nur mikro- 
skopische Algen, besonders Diatomeen, im Darm. 
Diatomeen enthalten aber nur sehr wenig Nähr- 
stoffe. Auch im Darme von Dentalium fanden 
sich hauptsächlich P^oraminiferen und Infusorien. 
Rauschenplat fand bei nur wenigen Exem- 



of the lower marine Invertebratcs. Journ. of Physiology 
\'ol. 19, 1895 — 9ö' P- 18—70') allerdings nur auf iliren Sauer- 
stoiTverbrauch — aus dem Fütter aber ihren minimalen C-Ver- 
braucli berechnet — untersuchten Tiere: CoUozoum inernie, 
Adamsia rondeletii, Khizostoma pulmo, Carmarina hastata, 
Cestus veneris, Pterotrachea mutica, Tethys leporina, Ciona 
intestinalis, Salpa pinnata, Salpa tilesii. Also im ganzen liegen 
StolTwechseluntersuchungcn für zwölf niedere marine Wirbel- 
tiere vor, die zu sechs Tic-rstämmen gehören. D. Ref. 

^) Dohrn, Pantopoden, in ,, Fauna imd Flora des (iolfes 
von Xeapel", Pd. 3, Leipzig t88i. 



plaren von Aurelia aurita aus der Kieler 
Bucht in den Radialkanälen kleine Klumpen, die 
von Ceratien und anderen Planktonorganismen 
gebildet waren. Bei sehr vielen Aurelia war die 
Untersuchung ergebnislos. Bei den Hydroidpolypen 
CordylophoralacustrisundGonohtyraea 
lovenii ist die Untersuchung ganz erfolglos ge- 
wesen. Ebenso bei dem Schwamm Amorphina 
panicea. „Gerade für diesen Schwamm zeigen die 
Stoffwechseluntersuchungen (an Subcrites domun- 
cula, d. Ref) völlig einwandfrei die Bedeutung 
der gelösten Stoffe für die Ernährung." 

6. DieErnährungderTiefseeorganismen. 

Die Ernährung der überraschend reichen Tier- 
welt der Tiefsee glaubte man dem gewaltigen, 
von den Algen der Lichtzone produzierten Über- 
schuß von organischer Substanz zuschreiben zu 
müssen. Die absterbenden Algen sollten zur Er- 
nährung der Tiere der Dunkelzone ausreichen. Nun 
„ist zunächst durchaus nicht bewiesen, ja nicht einmal 
wahrscheinlich gemacht, daß die Algen der Licht- 
zone mehr organische Substanz produzieren, wie 
die Tiere des Bezirkes brauchen, vielmehr zeigen 
die vorangegangenen Kapitel, daß die Algen bei 
weitem nicht ausreichen, um auch nur einen ge- 
ringen Teil des Nahrungsbedarfes der Tiere ihres 
Lebensbezirkes durch ihre Leibessubstanz direkt 
oder indirekt auf dem Umwege über pflanzen- 
fressende Tiere zu decken." Außerdem würden 
diese absterbenden Organismen überhaupt in 
keine sehr große Tiefen kommen, da sie, als 
mikroskopische Wesen, nur äußerst langsam 
sinken, und unterwegs längst von Spaltpilzen (und 
Sproßpilzen), von denen in einem Kubikzentimeter 
Meerwasser durchschnittlich lOOO Keime sich 
finden, überwuchert und gelöst sein würden.') 
Viel plausibler erscheint die Annahme, daß auch 
die Tiefseeorganismen von gelösten C-Verbindunge'j 
leben. 

7. Die Organe zur Aufnahme gelöster 

Stoffe. 

Besondere Organe zur Aufnahme gelöster 
Nahrung sind offenbar nicht nötig. „Die Fähig- 
keit gelöste Stofte aufzunehmen und im Stoff- 
wechsel zu verwerten, ist ja eine ganz allgemeine, 
die auch den höchst dift'erenzierten Zellen, z. B. 
im Nervensystem und den Sinnesorganen der 
Säugetiere ebenso zukommt, wie den primitiven 
Protozoen oder Bakterien. Freilich entnehmen 
die ersteren der genannten Zellen ihre Nahrung 



') Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. VII, 190S, S. 95 heißt es in 
F. Römer's Referat über Karsten, das indische Pliyto- 
plankton, folgendermaßen: „Über die vertikale Verbreitung 
im Indischen Ozean ergaben die zahlreichen Schließnetzfänge, 
daß die Hauptmasse in den oberen 200 m enthalten ist; 
unterhalb von 400 m sind überall nur noch vereinzelt lebende 
Zellen zu finden, z. B. farblose Peridineen, und schließlicli 
bleibt nur noch der ständige, nach unten langsam 
dünner werdende (von mir gesperrt, d. Ref.) Regen von 
abgestorbenen, zu Boden fallenden Teilen aus der lebenden 
Pflanzemlerke der oberflächlichen Schichten übrig." I'. Ref. 



F. N. VIII. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



5 



nur aus den umgebenden Körperflüssigkeiten, 
während Protozoen und Bakterien direkt aus dem 
umgebenden Medium die Nahrung schöpfen. In 
dieser letzteren primitiven Weise nehmen ja auch, 
wie im vorhergehenden gezeigt ist, eine große 
Menge von Tieren ihre gesamte Nahrung, oder 
doch deren überwiegenden Teil auf, es bildet für 
diese Wesen gewissermaßen das Meer die Lymphe, 
von der sie leben." Von der .Annahme, ,,daß die 
Aufnahme des Sauerstoftes von der Aufnahme 
anderer gelöster Stoffe stets getrennt sein müßte, 
wie es bei den Säugetieren in dem funktionellen 
Unterschied zwischen Darm- und Lungenresorp- 
tion der Fall ist, müssen wir uns gründlich frei 
machen" ') — wenn eine Fläche überhaupt resor- 
bieren kann, so steht physiologisch nichts im 
Wege, daß sie sowohl Sauerstoff als auch gelöste 
Nährstoft'e resorbiert. Solche Flächen müssen 
zwei Bedingungen erfüllen, erstens: „die Zellen, 
die in direkter Berührung mit dem Medium stehen, 
dürfen nicht durch kutikulare Bildungen bedeckt 
sein, sondern müssen freie, resorptionsfähige Ober- 
flächen haben," zweitens, ,,die Oberflächen müssen 
mit einem Wasserstrom in Berührung kommen, 
der dafür sorgt, daß immer neue Nährlösung zu- 
geführt wird". Bei den Schwämmen sorgen hier- 
für die Geißeln der Kragenzellen. Bei der Oktoko- 
ratte Alcyonium bleibt ,,bei sonst geschlossenem 
Ingestionsrohr" „dorsal und ventral je eine Öffnung, 
in denen durch Streifen von Flimmerepithel 
Strömungen erzeugt werden, deren eine in das 
Innere gerichtet ist, während die andere Wasser 
nach außen zurückbefördert." Actinien nehmen 
bedeutende Wassermengen in ihren Darm auf und 
entleeren sie bei Reizung. Bei den Rhizostomen 
können sicher nur wenig geformte Bestandteile 
die Mündungen des Gastrovaskularapparates 
passieren, dafür bietet aber die besonders durch 
die Mundkrause außerordentlich vergrößerte Ober- 
fläche hinreichend Gelegenheit zur Resorption ge- 
löster Nahrung. Bei jeder Strobilation der 
akraspeden Medusen, „wo die dauernde Produktion 
einer Menge Ephyren sicher sehr große Anforde- 
rungen an die Stoffzufuhr stellt, wird die sog. 
,, Verdauungshöhle" verklebt und durchschnürt, um 
die Qualle abstoßen zu können. Wie könnte die 
Strobila sich in dieser Zeit durch Aufnahme ge- 
formter Nahrung erhalten und die geforderten 
Mengen organischer Substanz neu bilden, die ihre 
ursprüngliche Masse wohl um das Mehrfache über- 
treffen ?" 

„Bei Polykladen hat Lang im Gastro vaskular- 
system lebhaften Wasserwechsel beobachtet." „Bei 
Yungia und Cykloporus fand Lang, daß im Be- 
reiche des Netzwerkes der Darmäste eine große 
Anzahl von Darmdivertikeln gegen die Körper- 
oberfläche treten, wo sie sich frei öffnen" . . . 
„weshalb auch Lang (wie v. Graff für Rhabdo- 



') Einij;c MitgliedL-r der Gruppe der ('ubitis-^Üartgruiidcl-) 
äliulichen Fische atmen durch Darm und Kiemen. Ilabak 
und Dedek, lüol. Cbl. 1907, p. 697 ff. D. Ref. 



coeliden) bei den Polykladen eine ,, respiratorische 
Funktion" des Darmes annimmt, was ja nur in 
anderen Worten dasselbe ist wie: der Darm ist 
hier dazu geeignet, gelöste Stoffe aus dem See- 
wasser aufzunehmen." 

Bei Capitella gibt es ein Kanalsystem am 
Darm, welches durch rhythmische Kontraktionen 
des Hinterdarmes mit Meerwasser gefüllt wird, so 
daß im Darm und Nebendarm Strömungen ent- 
stehen (Eisig). Ahnliche Einrichtungen sieht 
Eisig bei Gephyreen und Seeigeln. Bei Denta- 
lium beschreibt Simroth ein Organ am Enddarm, 
die sog. „Rektaldrüse", das keine Drüse ist, son- 
dern aus Schläuchen mit Flimmerepithel besteht, 
,,das also gute Bedingungen zur Durchströmung 
mit Wasser bietet." Das verwickelte Kanalsystem 
des Schneckenfußes, welches z. B. bei Natica etwa 
das dreifache Volumen dieser Schnecke in wenigen 
Minuten aufnehmen kann (Schiemenz), könnte 
vermuten lassen, daß auch hier Resorption einer 
Nährlösung stattfindet. — Auch Kiemen brauchen 
natürlich nicht nur Sauerstoft" zu resorbieren. Die 
Ascidie Ciona, mit enorm entwickelter Kieme, 
braucht weniger Sauerstoff als die annähernd 
gleich schwere Ctenophore Forskalia, „die 
keine besonderen Kiemeneinrichtungen besitzt". 
„Die Größe des Sauerstoffbedarfes steht bei den 
Ascidien in gar keinem Verhältnis zu der ge- 
waltigen Entwicklung der Kiemen dieser Tiere." 
„Dasselbe gilt für den Vergleich zwischen Rhizo- 
stoma und Salpa tilesii." „Der Gehalt an 
Trockensubstanz stimmt bei beiden Tieren sehr 
nahe überein, und auch hier hat die Qualle ohne 
Kiemen mit 0,808 mg Sauerstoffverbrauch pro Tier 
ein wesentlich höheres O Bedürfnis als Salpa 
tilesii mit 0,159 ^^S O - Verbrauch pro Tier 
und Stunde." „Wenn wir aber Kiemen" oder 
kiemenartige Gebilde als Organe der Aufnahme 
gelöster Nährstoffe ansehen, so ist uns für viele 
Tiere verständlich, wie sie ihren hohen Stoff- 
bedarf decken, denn da die Menge gelöster or- 
ganischer Verbindungen in der Volumeneinheit 
des Meeres jene des gelösten Sauerstoffes so be- 
deutend übertrifft ('s. o.), so wird bei genügender 
Sauerstoffversorgung stets auch die genügende 
Menge gelöster Nahrung in der Natur geboten 
werden." 

8. Die Bedeutung der geformten 
Nahrung und der Därme. 
Für die Ernährung derjenigen Wassertiere, die 
im allgemeinen von in Wasser gelöster Nahrung 
leben, könnte doch die Aufnahme geformter 
Nahrung, wenn auch in geringer Menge, von 
großer Bedeutung sein, da hierin vielleicht Stoffe 
in hoher Konzentration enthalten sind, die sich 
im Meerwasser sonst nur spärlich finden, z. B. N. 
(Man könnte auch an die Aufnahme von Enzymen 
denken, die wohl sicherlich in vielen Organismen des 
Meeres enthalten sind. D. Ref.) Die Därme der 
Wirbellosen, die vonMikroplankton leben, haben bei 
der Verdauung dieser Nahrung offenbar nur wenig 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VHI. Nr. i 



Arbeit, so daß Verf. vermutet, daß die Oberfläche 
der Därme nicht nur bestimmte Nährstoffe auf- 
nimmt, sondern auch Stoft'wechselprodukte aus- 
scheidet. 

9. Die Ernährung aus Nährlösungen. 
Die Behauptung, daß viele wirbellose Tiere 
sich von den im Wasser des Meeres gelösten 
Stoften ernähren, verliert viel von ihrem Unge- 
wohnten, wenn wir uns erinnern, daß „bei den 
meisten Zellgattungen der Metazoen die Fähig- 
keit, geformte Nahrung aufzunehmen, überhaupt 
völlig verloren gegangen" ist und sie von den 
Nährlösungen der Körperfiüssigkeiten leben, 
während wir gewohnt sind den Organismus als 
Ganzes nur geformte Nahrung aufnehmen zu sehen. 
Aber die große und in den verschiedensten Tier- 
stämmen vertretene Gruppe der Parasiten hat die 
geformte Nahrung zugunsten der gelösten aufge- 



geben. Nahe Verwandte vieler dieser Parasiten 
leben frei. Sie zeigen, daß der Unterschied der 
Ernährung mehr graduell als fundamental ist, 
„indem die Parasiten aus einer konzentrierten, die 
freilebenden Formen aus einer verdünnten Nähr- 
lösung leben" . . . ,, womit wohl die außerordent- 
lich intensive Produktion von Leibessubstanz in 
Beziehung steht, die bei den Parasiten allgemein 
zu beobachten ist, und die sich teils in raschem 
Wachstum, teils in äußerst abundanter Produktion 
von Geschlechtszellen äußert." 

„Das Meer stellt also für sehr viele Tiere eine 
Nährlösung dar, aus deren unerschöpflichem 
Reservoir sie beständig ihre Nahrung entnehmen." 

,.Die Frage, woher die großen Mengen ge- 
löster Stoft'e im Meere stammen . . . läßt sich 
nur im Zusammenhange mit der allgemeinen 
Lehre vom Stoft'haushalt des Meeres erörtern, 
was in der folgenden Abhandlung geschehen soll." 



Sammelreferate und Übersichten 



über die Fortschritte in 

Neues aus der organischen Chemie. ') — 
I. Die Zerlegung hoch komplizierter 
chemischer Verbindungen im schwan- 
kenden magnetischen Kraft felde. Bei 
Betrachtungen über das Wesen der enzj'matischen 
Wirkungen war J. Rose nthal - Erlangen zu der 
Ansicht gelangt, daß zwischen diesen Wirkungen 
und den photochemischen Prozessen Beziehungen 
beständen und daß es ferner möglich sein müsse, 
die durch Enzyme zerlegbaren hochkomplizierten 
organischen Stoffe wie die Proteine, die Glukoside 
und die Saccharosen, die bekanntlich, da sie alle 
asymmetrische Kohlenstoffatome enthalten, die 
Ebene des polarisierten Lichtes drehen, auch mit 
Hilfe von elektromagnetischen Schwingungen zu 
spalten. Er brachte daher die zu prüfenden Stoffe 
entweder in wäßriger Lösung, oder, falls sie in 
Wasser unlöslich waren, hierin aufgeschlämmt in 
ein Solenoid und leitete durch dessen Windungen 
elektrische Ströme. Wie zu erwarten war, blieben 
die Stoft'e, solange die Ströme kontinuierlich 
waren, unverändert; wurden aber die kontinuier- 
lichen Ströme fortwährend und regelmäßig unter- 
brochen oder wurden Wechselströme angewandt, 
so traten Spaltungen ein, und zwar erwiesen sich 
die Spaltungsprodukte als identisch mit denen, die 
durch die Tätigkeit der Enzyme erhalten werden. 
„Hauptbedingung für die Erzielung eines positiven 
Erfolges ist unter allen Umständen eine ganz 
bestimmte Zahl der Unterbrechungen 
oder Rieh tungs Wechsel. Ist diese nicht 
getroffen, so bleibt der Erfolg aus. Statt dessen 
tritt als Folge der Absorption der Schwingungen 
nur Erwärmung ein. Hat man aber die richtige 

') Vgl. .\atu] w. Wnchijusclirill, N. F., )!il. \U, S. 27S, l'joS. 



den einzelnen Disziplinen. 

Frequenz getroft'en, so fällt bei gleicher Stärke 
des benutzten Stromes die Erwärmung auffallend 
gering aus . . . und es wird der größte Teil der 
zugeführten Energie in diejenige geordnete Be- 
wegung übergeführt, welche den Effekt hat, die 
Substanz zu zerlegen . . ." Eine Folge der un- 
vermeidlichen schwachen Erwärmung kann die 
Zerlegung, wie Kontrollversuche gezeigt haben, 
nicht sein; auch primäre oder sekundäre elektro- 
lytische Vorgänge können zur Erklärung der Er- 
scheinung nicht herangezogen werden, da „die 
Zerlegung eben nur bei einer ganz bestimmten 
Frequenz eintritt". Die aus Mangel an theore- 
tischen Anhaltspunkten nur experimentell, durch 
Probieren, festgestellten wirksamen Schwingungs- 
zahlen lagen bei den Proteinen zwischen 320 und 
360, bei der Stärke zwischen 440 und 480 Wechseln 
in der Sekunde; alle anderen Stoft'e erforderten 
viel höhere Frequenzen. Die Stromstärken 
schwankten zwischen 5 und 10 Ampere. Die 
F"ortsetzung dieser Lhitersuchungen dürfte noch 
zu wertvollen Ergebnissen führen. (J. Rosenthal, 
Sitzungsberichte der Königl. Preuß. Akademie der 
Wissenschaften, 1908, S. 20—26. Die Abhand- 
lung ist auch als Separatabdruck zum Preise von 
0,50 Mk. käuflich.) 

2. DerThioindigounddie indigoiden 
P'arbstoffe. Als indigoide P^arbstoffe bezeichnet 
P. Friedlaender Substanzen mit dem für den 
Indigo I und das Indirubin II 



CO. 



I 



^co 



\ 



/C=a I I 

NIF ^NH^X/ 

Indigo 



N. F. VIII. Nr. 1 



NatLirwisscnschartliiiic Wochenschrift. 



./ 



CO 



xo. 



^c = c 



MI 



Indirubin 



\ _ / 



charaktcrisüscheü .Atomkomplex 



CO 



\ 



C = C 



CO 



der unter anderem auch in dem vor einigen Jah- 
ren von I.. Knorr entdeckten Pyrazolblau III und 
dem von Friedländer vor kurzem aufoefundenen 
Thioindigo IV vorkommt. 

,CO, III CO. 



c,,n.-, -n; 



c = c 

I 

c = c-= 

I 

CH3 CH, 
Pyrazolblau 



N 



C„H, 



,CO 



IV 

~c=c 



co^ 



y \ 



'\s 



Tliioiiuligu 



'\/ 



Die Zahl der indigoiden Farbstoffe , die in 
ihrem physikalischen und chemischen \'erhalten 
dem Indigo nahestehen , ist in neuerer Zeit, dank 
den .Arbeiten von Friedlaender und seinen Schü- 
lern sehr wesentlich vermehrt worden , und da 
manche von ihnen auch technische Bedeutung 
haben, so ist ein kurzer Bericht über den wichtig- 



sten Vertreter der (iruppe, den Thioindigo, an 
dieser Stelle wohl gerechtfertigt. 

WieFriedländerin Gemeinschaft mit A.C h w a 1 a 
gefunden hat , vereinigen sich die aromatischen 
Diazoverbindungen ArN.jCl mit Thioglykolsäure 
CH.j(SH)-COOH in verdünnter wäßriger Lösung 
zu Verbindungen von der Zusammensetzung 
ArN., • S ■ CH.,COOH, die sich beim Erwärmen quan- 
titativ unter Stickstoffahspaltung in die entsprechen- 
den Arylthioglykolsäuren Ar-S-CH.j -COOH ver- 
wandeln. Aus der Anthranilsäure V, dem be- 
kannten Ausgangspunkt für die Indigogewinnung 
wird man also durch Diazotierung und Kuppelung 
mit der Thioglykolsäure die Phenylthioglykol-o- 
carbonsäure VI erhalten: 

CODII / ^COOH 

V -!- VI 

\ /NH2 \ y— S — CHj — COOH 

.-\ntliranilsäuie Phcnj'Uhioglykol-o-caibonsäurc. 

Durch Wasserentziehung geht die Phenylthio- 
glykol o-carbonsäure VI leicht in die Oxythio- 
naphtencarbonsäure VII und diese durch Abspal- 
tung von Kohlensäure in das Oxythionaphten ') 
VIII über; 



') Das Oxythiunaphteii leitet sich vom Tliionaplileu ab, 
einem Stoffe, der zum Naplitalin in derselben Bezieliung stellt 
wie das Thiophen zum Benzol. 



I I 
\/ 

Benzol 



I 1 

\s/ 

Thiophen 



I 1 I 
Naphtalin 



I I I 

\/\s/ 

Thionaplitcn 



/ 



CO OH 
CH., 



VI 

\ ' et 
liienylthioglykol-o-carbonsäure 



-COQH 



— ILO 



VII 



C(OH) 



% 



"^C— COOK 



- Ci.i., 



/ \. 



Oxythionaphtencarbonsäurc 



VIII "^CH 

\s/ 

O.sythionaiihtcii. 



Das Oxythionaphten VIII ist ganz analog dem tion in Indigo XI übergeht, so liefert jenes den 
Indoxyl X gebaut, und wie dieses durch Oxyda- Thioindigo IX. 



VI 11 



CO. 



,CII., 



Oxvthiona]ihten 



.CIL, -^1 



NU 
Indoxyl 



Die Synthese des Thioindigos verläuft also, 
wie das Vorstehende zeigt, in ganz ähnlicher 
Weise wie die des Indigos aus demselben Aus- 
gangsmaterial, der Anthranilsäure. — Von den 
Kigenschaften des Thioindigos sei hier nur die 
Echtheit und Beständigkeit erwähnt, die er mit 
dem Indigo selbst teilt. Seine l'^arbe ist auffallendcr- 



co. 



l.\ 

^ \ 

Thioindigo 
XI 



CO 



\/ 



,Co 



.CO 



\ 



C = C, 



SS37" 






Indigo, 

weise rot, während man sonst in der Regel be- 
obachtet hat, daß bei Ersatz von Ringsauerstoff 
durch Schwefel eine Verschiebung nach dem 
violetten Ende des Spektrums hin erfolgt. (Bcr. 
d. D. Chem. Gesellsch., 39, 1060 1906:; Liebig's 
Annalen, 351, 390 1906:: Ber. d. D. Chem. Ge- 
sellsch., 41, 772 1I907]; IVIonatshefte f. Chemie, 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. I 



29, 285 [1907]; man vgl. auch Schmidt „Jahrbuch 
der organischen Chemie", I. Jahrgang, S. 285 
[1908].) 

3. Die Sabatier'schen Reaktionen. 
Die hohe Bedeutung katalytischer Reaktionen ist 
jedem Chemiker wohlbekannt, und doch ist die 
Zahl der auf katalytischen Vorgängen beruhenden 
Verfahren, die in mehr oder minder großem Maß- 
stabe zur Gewinnung von Stoffen praktische Ver- 
wendung finden, nicht allzu groß. Es ist daher 
von großem Interesse, daß neben die bereits be- 
kannten katalytischen Methoden, von denen vor 
allen Dingen die wichtigen Sandmeyer'schen Re- 
aktionen hier genannt sein mögen, in neuerer 
Zeit ein von Sabatier in Gemeinschaft mit Sen- 
derens und Maiihe ausgearbeitetes Verfahren ge- 
treten ist, das bereits jetzt dank seiner leichten 
und bequemen Durchführbarkeit und dank den 
schönen Ergebnissen, zu denen seine Anwendung 
bisher schon geführt hat, eine außerordentlich 
wichtige Stelle in der Methodik des organischen 
Chemikers einnimmt. 

Sabatier und seine Mitarbeiter haben gefunden, 
daß gewisse Metalle, in erster Linie das (durch 
Reduktion aus seinem Oxyd mittels Wasserstoff 
erhaltene, also sehr fein verteilte) Nickel die 
Addition von Wasserstoff an ungesättigte Ver- 
bindungen zu katalysieren imstande sind. So 
gehen Äthylen, Propylen, Trimethyläthylen usw., 
wenn man ein Gemisch ihrer Dämpfe mit Wasser- 
stoff bei nicht zu hohen Temperaturen über den 
Katalysator leitet, in die entsprechenden gesättigten 
Kohlenwasserstoffe über, eine bequeme Dar- 
stellungsmethode dieser Substanzen in reinstem 
Zustande : 

I. CH. ; CH., + H., = CH3 -CHg 

2. CH.2 : CH — CH; -f H; = CH, • CH, • CH3. 

Der Allylalkohol liefert den Propylalkohol , ein 

wichtiger Übergang, der sich vorher nicht hatte 

verwirklichen lassen : 

CH., : CH . CH,OH + H, = CH, • CH,CH,OH. 
Das Benzol, ein Stoff, der nach der Formulierung 
von Kekule drei doppelte Bindungen hat, addiert 
sechs Wasserstoffatome unter Bildung von Hexa- 
methylen oder Cyklohexan : 
H 



lieh und vielleicht auch technisch wichtiges Er- 
gebnis. Die Hydroxylderivate des Benzols führen, 
sofern sie flüchtig genug sind, um die Leitung 
ihrer Dämpfe über das erhitzte Nickel zu gestatten, 
ebenfalls zu den entsprechenden Additionspro- 
dukten. So ergibt das Phenol I das zu ihm gehörige 
Cyklohexanol II, aber gleichzeitig entsteht neben 
dem Alkohol Cyklohexanol noch das Keton 
Cyklohexanon III 

H H., Hj 

^\. 

II 

H.OH 
\ / 
lt. 



H» 



n/\u 



H' 



H 



H 



H..I 



,Hj, 

Ih., 



H, 



Viele Benzolabkömmlinge, z. B. Toluol und 
Xylol verhalten sich analog, und es ist daher 
möglich gewesen, eine große Reihe der redu- 
zierten Produkte, zu deren Gewinnung man bis- 
her auf den mühsamen Weg der fraktionierten 
Destillation aus der kaukasischen Naphta ange- 
wiesen war und deren Reindarstellung früher viel- 
fach auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß, 
ohne große Schwierigkeiten im Zustande voll- 
kommener Reinheit zu erlangen, ein wissenschaft- 



H- 
H 



•OH 



H.,l 



^H., 



Ho 
H, 



111 



vH, 
,0 



H 



H,. 



Um diesen Übergang zu verstehen, müssen wir 
uns einen Augenblick dem Verhalten der Alkohole 
bei der Sabatier'schen Reaktion zuwenden. 

Daß sich die Alkohole bei höherer Tempe- 
ratur teils mit, teils ohne katalytische Beteiligung 
von Metallen (z. B. Zinkstaub, Eisen, Platin usw.) 
zersetzen, ist eine seit langem bekannte Tatsache. 
Über den Einfluß feinverteilten Nickels stellten 
Sabatier und seine Mitarbeiter folgendes fest: 
Leitet man die Dämpfe eines primären Alkohols, 
z. B. des Äthylalkohols, bei einer unterhalb 230" 
gelegenen Temperatur über feinverteiltes Nickel, 
so findet eine doppelte Reaktion statt: Zunächst 
wird der Alkohol in Aldehyd und Wasserstoff 
gespalten : 

CH, -CH, OH = CH3CHO + H,, 
und dann wird der Aldehyd weiter in einen ge- 
sättigten Kohlenwasserstoff und Kohlenoxyd 
zerlegt : ') 

CH3.CH0 = CH, +C0. 

Die anderen primären Alkohole verhalten sich 
ebenso wie der Äthylalkohol, nur nimmt mit 
steigendem Molekulargewicht die Leichtigkeit der 
Wasserstoffabspaltung ab und die der Kohlen- 
säureabspaltung aus dem Keton zu. 

Die sekundären Alkohole liefern unter Verlust 
von Wasserstoff Ketone 

CH, ■ CH(OH) . CH, = CH, ■ CO • CH, -f- H„ 
jedoch tritt insofern noch eine Nebenreaktion ein, 
als der frei werdende Wasserstoff einen Teil des 
noch nicht verbrauchten Alkohols spaltet, z. B. : 

CH,-CH(OH).CH3 + 2H2 
= CH3.CH, + H,0 + CH,. 

Die Umwandlung des sekundären Alkohols 
Methylcyklohexanol in das Keton Methylcyklo- 
hexanon ist also eine ganz normale Reaktion. 

Das Verhalten der primären und sekundären 
Alkohole und noch mehr das der tertiären, welche 
von Nickel vollkommen zerstört werden, zeigt 
uns Beispiele für die andere Wirkungsweise des 
Katalysators, für seine zersetzenden Kräfte. Das 



') Oberhalb 230" verwandelt sich bei Anwesenheit von 
Nickel das Kohlenoxyd unter Abscheidung von Kohle in 
l-voblensäure : 

2CO = C + COj. 



N. F. VIll. Nr. 1 



Niiturwissenschaftlichc Wochenschrift. 



Nickel kann chemische Stoffe aufbauen und auch 
zerstören , und welche Reaktion in einem be- 
stimmten Falle eintritt, hängt von der Temperatur 
ab. So wird das Äthan, das sich, wie wir wissen, 
unterhalb 230" aus Wasserstofi' und Äthylen bildet, 
oberhalb 325" in Methan und Kohlenstoff 

2CH,-CH3 = C + 3CH, 
und bei noch höherer Temperatur das Methan in 
ähnlicher Weise in Wasserstofif und Kohlenstoff 
gespalten ; 

CH, = C + 2H.,. 

Das Anilin, das sich bei Anwesenheit von 
Nickel durch Reduktion von Nitrobenzol mit 
Wasserstoff bei 200" bildet, wird bei 300" bereits 
in Ammoniak und Benzol — dieses wird unter 
den Versuchsbedingungen natürlich z. T. hydriert 
— übergeführt. In diesem F"alle sind also die 
Bildungs- und die Zersetzungstemperatur noch 
durch ein Intervall von 100" getrennt; es sind 
aber auch Fälle bekannt, wo die beiden Tempe- 
raturen einander sehr viel näher kommen, ja sogar 
praktisch zusammenfallen, d. h. die in Betracht 
kommenden Substanzen können nur als labile 
Zwischenprodukte auftreten. Hin Beispiel für das 
Gesagte stellen die Nitrile dar. Sie liefern bei 
der Reduktion, wie ja zu erwarten ist, primäre 
Amine 

R.C.N->R.CH..-NHj, 

aber diese werden unter dem Einflüsse des Kataly- 
sators sofort weiter umgesetzt, indem unter 
Ammoniakabspaltung teils sekundäre und tertiäre 
Amine, teils sogar die Kohlenwasserstoffe selbst 
entstehen : 

RCH., • NH., ->(R- CH.,)., NH -> (R • CH,)., N 
-vR-CHg. 

Die Reduktion der halogenhaltigen Stoffe nach 
dem Sabatier'schen Verfahren bietet Schwierig- 
keiten, da der Katalysator bei niedrigen Tempe- 
raturen durch Übergang des Nickels in seine 
Halogenide „vergiftet" wird und bei höheren 
Temperaturen, wo das Nickelhalogenid wieder 
zum Metall reduziert wird, in der Regel Zer- 
setzungen eintreten. 

Die anderen Metalle, von denen Sabatier und 
seine Mitarbeiter besonders das Kupfer und das 
Kobalt in den Kreis ihrer Untersuchungen gezogen 
haben, wirken im allgemeinen ähnlich , aber 
schwächer als das Nickel, aber gerade der Umstand, 
daß sie schwächer wirken, macht ihre Anwen- 
dung manchmal besonders zweckmäßig; jedoch 
sei der Leser wegen dieser und aller weiteren 
Einzelheiten auf die Originalliteratur (Comptes 
Rendus, von Bd. 124 an) sowie auf die recht 
vollständige Zusammenstellung von A. Mailhe 
(Chem. Zeitung, 1907, S. 1083, 1096, 11 17, 1146 
und 1158, und 1908, S. 229 und 244) verwiesen. 

4. Das Burserazin. Daß das Myrrhenharz 
im .^Itertume vielfache Verwendung zur Wund- 
heilung fand und daß es ferner auch bei der Ein- 
balsamierung der Leichen zur Veriiütung der 



Fäulnis, also als Sterilisierungsmittel gebraucht 
wurde, ist bekannt. Der Bestandteil des Harzes, 
dem diese wertvollen Eigenschaften zukommen, 
das „Burserazin", das im Myrrhenharz zu 1,5 — 2"',, 
enthalten ist, ist neuerdings von Werner von 
Bolton isoliert und genauer untersucht worden. 
Das Burserazin, ein bei 78" schmelzendes, hell 
gräulich-braunes, in heißem Wasser ziemlich leicht 
lösliches Pulver, selbst ein äußerst merkwürdiger 
Stoff, liefert bei der Oxydation mit Wasserstoff- 
superoxyd einen rein weißen , im Laufe von 
Wochen gelb werdenden, an feuchter Luft zer- 
fließlichen Körper von eigentümlichem Geruch 
und ohne bestimmten Schmelzpunkt, das Oxy- 
burserazin, das die sonderbaren Eigenschaften der 
Muttersubstanz in noch sehr erhöhtem Maße be- 
sitzt : ') Das Oxyburserazin und , wenn auch 
schwächer, das Burserazin sind radioaktiv;') beide 
zeigen rJ- und y-Stralilung. Nach neun Monaten 
geht das Oxyburserazin in einen anderen Stoff 
über, der nicht mehr radioaktiv ist, ,,es ist also 
während etwa •' j Jahren ein Körper mit gewisser- 
maßen künstlich erzeugter Radioaktivität" (?); 
Metallfolie wird, so weit bis jetzt bekannt ist, von 
den Oxyburserazinstrahlen nicht durchdrungen. 
Wird eine wäßrige Oxyburserazinlösung mit ver- 
dünntem, frischem Schweineblut vermischt und die 
Mischung auf Körperwärme gebracht, „so scheiden 
sich aus dem Blut braune Flocken aus, die, auf 
einem Filter gesammelt und einige Male ausge- 
waschen, beim Trocknen an der Luft eine völlig 
zusammenhängende elastische, durchsichtige, in 
Wasser unlösliche Membran hinterlassen , die 
durchaus wie eine porenlose Haut aussieht. Viel- 
leicht ist das eine besondere Koagulationsform 
des Eiweiß. Mit keinem anderen koagulierenden 
Mittel, wie verdünnten Säuren, Wasserstoffsuper- 
oxyd und Formaldehyd, war ein gleiches Resultat 
zu erzielen : es schieden sich allerdings stets ähn- 
liche Plocken, wie durch das Oxyburserazin, aus, 
sie bildeten aber nach dem Trocknen niemals eine 
Membran, sondern nur spröde, pulverisierbare 
Krusten. Ein Stückchen solch einer Haut wurde 
auf eine kleine Fingerwunde transplantiert und 
verwuchs vollkommen mit der Haut des Fingers." 
Bei Abschluß von Luft erzeugt das Oxyburserazin 
im Blute keine Flockenbildung; Anwesenheit von 
Luft ist für diesen Vorgang erforderlich. Wird 
also in den Blutkreislauf Oxyburserazin eingeführt, 
das bei der subkutanen Injektion keine giftige 
Wirkung erkennen läßt, so muß es, sowie es auf 
seinem Wege durch den Körper an eine offene 
Wunde gelangt, die beschriebene Haut bilden, 
was besonders bei inneren Wunden, etwa bei der 



') Die Gewinnung des Oxyburserazins aus dem Burserazin 
muß mit größter Vorsicht geschehen, da sonst leicht äußerst 
heftige E.xplosionen auftreten können. 

-) Ob und inwieweit es sich hier um wirkliclie Radio- 
aktivität handelt, mag dahingestellt bleiben, Stralilung allein 
ist noch keine Radioaktivität, vielmehr haben wir nach Stark 
nur solche Phänomene als radioaktiv zu bezeichnen, die mit 
dem Zerfall von Atomen kausal verknüpft sind. 



lO 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. I 



Lungentuberkulose, von großer Wichtigkeit werden 
kann. Flechtenerkrankungen werden, wenn die 
erkrankten Stellen mit Oxyburserazinlösung ge- 
waschen werden, in kurzer Zeit vollkommen be- 
hoben. Vielleicht hängen diese medizinischen 
Eigenschaften des Oxyburserazins mit seiner 
„Radioaktivität" zusammen (Zeitschr. f. Elektro- 
chem., Bd. 14, S. 211, 1908). 

5. Über kristallisiertes Chlorophyll. 
Das eingehende Studium des grünen Fflanzenfarb- 
stoffes, des Chlorophylls, hat Richard Willstätter 
in Zürich zu seiner Aufgabe gemacht. Einen be- 
sonders schönen Erfolg hat er nun neuerdings auf 
diesem Gebiete errungen, indem es ihm, Angaben 
von J. Borodin und N. A. Monteverde folgend, in 
Gemeinschaft mit Max Benz gelungen ist, aus ge- 
trockneten Blättern in einer Ausbeute von 2 bis 2,4 g 
auf ein Kilogramm des genannten Ausgangs- 
materials reines Chlorophyll in kristallisiertem Zu- 
stande zu gewinnen und zu analysieren. Das 
reine Chlorophyll, das der Formel C.;^Hj.,0;N,Mg 
entspricht, bildet gewöhnlich scharfbegrenzte, 
sechseckige und gleichseitig dreieckige Täfelchen 
von 0,1 bis 0,2 mm Durchmesser. Die Kristalle 
zeigen blauschwarze oder, bei kleinerer Ausbil- 
dung, grünschwarze Farbe; im durchfallenden 
Lichte sind sie grün, jedoch sind nur sehr dünne 
Blättchen überhaupt durchsichtig. Beim Erhitzen 
zersetzt sich das Chlorophyll, wobei schwer ver- 
brennliche Kohle entsteht; beim Glühen hinter- 
bleibt reine, weiße Magnesia. Es zeigt schwach 
basische Eigenschaften. Beim Verseifen mit 
Alkalien bilden sich die Alkahsalze zweier „Chloro- 
phylline"; ^j ob ein Säureanhydrid oder die Ester 
eines niedrigen, wasserlöslichen Alkohols vorliegen, 
ist noch nicht ermittelt. Bei der Einwirkung von 
Oxalsäure wird das Magnesium eliminiert, und es 
entsteht ein vollkommen aschefreies, gut kristalli- 
sierendes Produkt, das Phaeophorbin. 

Das kristallisierende Chlorophyll ist keineswegs 
das einzige in den Pflanzen vorkommende grüne 
Pigment. Von den anderen Komponenten des 
Gemisches von grünen Pigmenten ist besonders 
noch eine amorphe Substanz zu nennen , das 
Phytoleslerchlorophyll, das sich früher von dem 
kristallisierten Chlorophyll nicht hatte trennen 
lassen und daher zu der irrigen Ansicht geführt 
hatte, daß „das Chlorophyll" bei der Verseifung 
einen Alkohol C.,„II,„0, das Phytol, liefere, 
während das kristallisierte Chlorophyll, worauf 
besonders hinzuweisen ist, mit diesem Alkohol 
nichts zu tun hat (R. Willstätter und Max Benz, 
Liebig's Annalen, Bd. 358, S. 267; eine gute 
Übersicht über die äUeren Arbeiten findet sich in 
Schmidt's „Jahrbuch der organischen Chemie" 
Bd. I, S. 359 u. f.). 

6. Die Waiden 'sehe Umkehrung. Im 
Jahre 1897 hat I'- Waiden die wichtige Beobach- 

') Mit ilcr Kiidunj; „phyllin" worden die magncsiiim- 
haltigen Produkte der alkalischen Hydrolyse des ChlorciphylN 
bezeichnet, z. B. Chlorophyllin, (ilaukophyllin usw. 



tung gemacht, daß es möglich ist, optisch-aktive 
Substanzen, ohne den Umweg über den Razem- 
körper einzuschlagen, direkt in ihre optischen 
Antipoden zu verwandeln. Geht man z. B. von 
der 1 - Chlorbernsteinsäure aus und behandelt 
sie mit Silberoxyd, so gelangt man zur 1-Äpfel- 
säure; diese bildet bei der Einwirkung von Phos- 
phorpentachlorid wieder Chlorbernsteinsäure, aber 
nicht die links, sondern die rechtsdrehende F"orm. 
Die d-Clilorbernsteinsäure liefert ihrerseits mit 
.Silberoxyd d-Apfelsäure und diese läßt sich mit 
Phosphorpentachlorid wieder in die als Ausgangs- 
material des Kreises von Reaktionen dienende 
1-Chlorbernsteinsäure überführen. Eliminiert man 
hingegen das Chlor der 1-Chlorberiisteinsäure an- 
statt mit Silberoxyd mit Kalilauge, so kommt 
man zur Rechtsform und in analoger Weise von 
der d-Chlorbernsteinsäure zur Linksform der 
Äpfelsäure; es besteht also ein vollkommener 
Gegensatz in der Wirkung von Silberoxyd und 
Kalilauge. Das nebenstehende Schema I läßt das 
Gesagte deutlich hervortreten. (Vgl. Ber. d. 
Deutsch. Chem. Gesellsch., 30, S151 [1897^ ""^ 32, 
1833 u. 1855^1899].) 

Das Studium dieser eigentümlichen Erschei- 
nungen, der „Walden'schcn Umkehrung", hat Emil 
I""ischer neuerdings wiederaufgenommen. Erfand 
zunächst das nebenstehende Beispiel II der Be- 
ziehungen zwischen dem Alanin und der Brom- 
propionsäure. 

Der Wechsel in derKonfiguration konnte entweder 
bei der Einwirkung von Ammoniak auf die Brom- 
fettsäure oder bei der von Nitrosylbromid auf das 
Alanin erfolgen. Der Versuch entschied zugunsten 
des Nitrosylbromids. Während nämlich Fischer 
aus dem Alanin selbst durch Nitrosylbromid die 
1-Brompropionsäure erhielt, entstand bei der Ein- 
wirkung desselben Reagens auf den Ester des 
Alanins der Ester der d -Brom Propionsäure. In 
einem Pralle muß also unbedingt eine Umkehrung 
der Konfiguration eintreten, d. h. dasselbe Reagens 
kann bei Stoffen, die sich so nahe stehen 
wie eine Säure und ihr Ester, einmal optisch 
normal, das andere Mal optisch anomal wirken. 
Die Umkehrung, die P'ischer ^in analoger 
Weise auch beim 1-Leucin, beim 1-Phenylalanin 
und bei der 1-Asparaginsäure beobachtet hat, 
findet vermutlich bei der freien Säure statt. Je- 
doch spielt sich die Kreisreaktion nicht bei allen 
«■Aminosäuren in gleichem Sinne ab. Wird das 
aktive ,,Valin" (((-Aminoisovaleriansäure) in die ent- 
sprechende Bromvaleriansäure und diese mit Hilfe 
von Ammoniak wieder in «-Aminoisovaleriansäure 
verwandelt, so erhält man nicht den optischen Anti- 
poden des Valins, sondern dieses selbst. Nach den 
neuesten Untersuchungen dürfte in diesem Pralle 
eine doppelte Umkehriing vorliegen (Ber. d. 
Deutsch. Chem. Gesellsch., 40, 489 [\<)0J\ 41, 889 
und 2891 [1908] ; man vgl. auch Schmidt's ,, Jahr- 
buch der organischen Chemie", Bd. I, S. 7 u. f.). 
7. Über A 1 k y 1 i e r u n g s g e s c h w i n d i g - 
keiten sprach Prof. H. Goldschmidt-Christiania 



N. F. VIII Nr. 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



1 1 



I 

> (KOH) 



I-Chlorbcrnstcinsäurc 

A 

y 


(pn ) -t 


d-A[)felsäurc 
A 


(Ag,0) 


V (PC\ ) 


(Ag,0) 

A 


lAptelsäurc 




Y 
d Chlorbernstein 



(KOH) < 
W'alden'sche Umkehrung. 



II 



d-.Alaiiin -< 

(NOBr) 

Y 
1-Bronipropionsäure 



(NH,) ^- 



> (NH3) 

VValden'sche Umkehrung. 



d-Brompropionsäure 

(NOBr) 

Y 

— >■ r-Alanin 



auf der diesjährigen Hauptversammlung der Deut- 
schen Bunsengesellschaft in Wien. Goldschmidts 
Versuche, die sich hauptsächlich auf die beiden 
Klassen der stereoisomeren aromatischen Aldoxime, 
die fetten i\ldoxime, die Ketoxime sowie auf eine 
Reihe von Thioverbindungen erstrecken, haben zu 
recht interessanten Ergebnissen geführt. Die 
.■\lkylierung geschieht bekanntlich durch Behand- 
lung des betreffenden Stoffes in alkoholischer 
Lösung mit Natriumalkoholat und Halogenalkyl, 
z. B. nach der Gleichung 

QH5CH ; NOH + NaOCoH, + CH-,I 
= CaHäCH : NOQH5 -f Nal '+ C,H,ÖH. 

Eine Lösung zur Alkylierung von Benzaldoxim, 
um bei dem gewählten Beispiele zu bleiben, ent- 
hält nun das O.vim in drei Formen, als freies 
Benzaldoxim, als Natriumsalz C|;H-,CH :X0 Na und 
als Ion C,;H-CH:NO , und es entsteht daher die 
Frage, welche von diesen drei Formen der rea- 
gierende Stoff ist. Diese F~rage läßt sich durch 
Messung der Reaktionsgeschwindigkeit mit syste- 
matischer \^eränderung der Konzentration des 
Oxims und des Alkoholats dahin beantworten, 
daß das Ion der eigentlich wirksame Bestandteil 
ist. Man könnte sich nun den Alkylicrungsvor- 
gang so denken, daß das Oximion sich direkt 
mit dem C.jH-.-Ion des zum kleinen Teile zer- 
fallenen Jodäthyls vereinige. Diese Auffassung ist 
iedoch nicht richtig, da die Alkylierungsgeschwin- 
digkeit der Konzentration des Jodäthyls direkt 
proportional ist; entspräche nämlich die ange- 
deutete Hypothese der Wirklichkeit, so müßte die 
Geschwindigkeit anfänglich der Quadratwurzel der 
Konzentration und erst nach der Abscheidung 
von Jodnatrium der Konzentration des Jodäthyls 
selbst direkt und ferner der Jodionen-Konzentra- 
tion umgekehrt proi>ortional sein, was nicht der 
F^all ist. Es muß also zunächst ein Additions- 
produkt des Oximions und des neutralen Jod- 



äthylmoleküls, also ein Komplexion entstehen, 
welches schließlich durch Abspaltung von Jodion 
das Produkt der Alkylierung liefert. Die Addi- 
tion des Jodäthyls erfolgt bei den Antialdoximen 
am Sauerstoff i., bei den Synoximen am Stick- 
stoff 2., da jene Sauerstoff-, diese Stickstoffestcr 
liefern. 



I. C,.H-, CH . 

■ II / 
NO- 



C,H, 



2. C,,H-, CH 

' II 
NO- 
/\ 
C,R I 



Die Alkylierungsgeschwindigkeit, die man bei den 
Versuchen wirklich mißt, kommt vermutlich dem 
Zerfall des Komplexions zu, da im allgemeinen 
die Bildung von Komplexionen mit sehr großer 
Geschwindigkeit zu verlaufen pflegt. Die Ge- 
schwindigkeitskonstanten sind für die Stoffgruppen, 
aber nicht für die einzelnen Glieder charakte- 
ristisch. Alle Synaldoxime z. B. haben, unter 
gleichen Bedingungen beobachtet, annähernd die- 
selbe Konstante, welche von der gemeinsamen 
Konstante der Antialdoxime beträchtlich abweicht. 
Analoges gilt für die fetten Aldoxime, die 
Ketoxime und die Thioverbindungen. (Zeitschrift 
für Elektrochemie, Bd. 14, S. 581 jiQoS].) 

8. F'luoreszenz und Konstitution der 
organischen Stoffe. Unter Fluoreszenz ver- 
steht man bekanntlich die Erscheinung, daß ge- 
wisse Stoffe bei und während der Belichtung ge- 
wissermaßen selbstleuchtend werden, indem sie 
das absorbierte Licht nicht vollständig in Wärme 
umwandeln, sondern zum Teil als Licht anderer 
Brechbarkeit wieder abgeben. Von der Phospho- 
reszenz unterscheidet sich die Fluoreszenz dadurch, 
daß sie nur so lange dauert, wie belichtet wird, 
während bei jener das Leuchten nach der Be- 
lichtung auch im Dunkeln noch fortdauert. Bei- 



12 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. I 



spiele für F'luoreszenz bietet das farblose oder 
fast farblose Petroleum, das mit blauem, das gelbe 
Uranglas, das mit grünem, und ein alkoholischer 
Auszug grüner, d. h. chlorophyllhaltiger Blätter, 
der mit blutrotem Fluoreszenzlichte leuchtet. Die 
Beziehungen zwischen dem erregenden und dem 
Fluoreszenzlicht folgen im allgemeinen der bereits 
seit mehr als einem halben Jalirhundert bekannten, 
jedoch nicht in aller Strenge gültigen Stokes'schen 
Regel, nach der die Wellenlänge des Fluoreszenz- 
lichtes größer als die des erregenden Lichtes ist. 
Die Fluoreszenz, die im sichtbaren oder im un- 
sichtbaren Teile des Spektrums auftreten kann, 
setzt ähnlich wie jede photochemische Wirkung 
vorangehende Absorption des erregenden Lichtes 
voraus, und zwar besitzt, wie Stark gezeigt hat 
(Physik. Zeitschrift VIII, 8i \\90f) jeder fluores- 
zierende Stoff Absorpt ion sbande n. Die ein- 
fachste mögliche Erklärung des Mechanismus der 
Fluoreszenz, nach der diese auf eine direkte Über- 
tragung der Energie der erregenden Strahlung auf 
die fluoreszenzfähigen Moleküle zurückzuführen und 
somit als einfache Resonanzerscheinung aufzufassen 
wäre, hat sich bei näherer Untersuchung nicht 
aufrecht erhalten lassen, da die Wellenlänge maxi- 
maler Intensität beim Fluoreszenzlicht entgegen 
den Forderungen der Theorie von der Schwingungs- 
zahl des erregenden Lichtes unabhängig ist (Ni- 
chols und Merritt, Phys. Review, 19, 18 [1904]). 
Die Wirkung des erregenden Lichtes muß somit 
eine indirekte sein , indem durch das erregende 
Licht zunächst eine chemische Substanz erzeugt 
wird, die spontan unter Abgabe der empfangenen 
Energie in Form von Fluoreszenzlicht unter 
Rückbildung des Ausgangsstofi'es wieder zerfällt. 
Für die Fluoreszenz würde also dasselbe Schema 
gelten, das Luther und Percy Waentig (Zeitschr. f 
physikal. Chemie, 51, 435, oder Percy Waentig, Zum 
Chemismus phosphoreszierender Erdalkalisnlfide, 
Dissertation, Leipzig 1905J für die Erscheinungen 
der Phosphoreszenz aufgestellt haben : 

Stoff A -j- erregendes Licht = StoffB 

Stoff B = Stoff A -\- Phosphoreszenz od. Fluoreszenz, 
und in der Tat hat Wiedemann (Wiedem. .^nna- 
len, 34, 448) durch Einbettung fluoreszierender 
Stoffe in Gelatine die Abgabe des Fluoreszenz- 
lichtes so verlangsamen können, daß das Leuch- 
ten, auch nachdem die Wirkung des erregenden 
Lichtes aufgehört hatte, noch sichtbar war, d. h. 
er hat die Fluoreszenz in Phosphoreszenz verwan- 
delt und damit die prinzipielle Gleicliheit beider 
Erscheinungen dargetan. 

Unsere Kenntnisse über die Beziehungen zwi- 
schen der Fluoreszenz und der chemischen Kon- 
stitution der organischen Verbindungen ist durch 
eine Reihe von neueren Untersuchungen, von 
denen in erster Linie diejenigen von J o h. Stark 
zu nennen sind, beträchtlich erweitert und vertieft 
worden. Stark hat gezeigt, daß (sichtbare oder 
unsichtbare) Muoreszenz besonders bei dem Benzol 
und allen seinen Derivaten mit nichtreduziertem 



Kern auftritt. Das Benzol selbst besitzt kräftige 
Fluoreszenz im Ultraviolett; durch Kondensation 
mehrerer Benzolkerne wird die Fluoreszenz immer 
mehr in der Richtung zum sichtbaren Teile des 
Spektrums hin verschoben. Diese Verschiebung 
kann auch durch Einführung von auxofloren, d. h. von 
gewissen substituierenden Gruppen in den Benzolkern 
bewirkt werden. ,,Die Verschiebung wächst mit 
der Zahl der Substitutionen , aber langsamer, als 
die Proportionalität ergeben würde. Die ver- 
schiebende Wirkung verschiedener substituierender 
Atome oder Atomgruppen ist ungleich groß. Von 
den untersuchten Gruppen verschiebt am wenig- 
sten die Methylgruppe, am meisten die Amido- 
gruppe, in der Mitte zwischen beiden steht die 
Hydroxylgruppe. Die drei Halogene Cl, Br und J 
verschieben das Fluoreszenzspektrum des Benzol- 
ringes um so weiter, je größer ihr .«Atomgewicht 
ist". Außer den auxofloren kennt man auch 
,,hypsoflore" Gruppen, durch die die Fluoreszenz 
geschwächt oder vernichtet werden kann ; hypsoflor 
wirken z. B. die Nitro- und die Acylgruppen. 
.Auch hängt die Fluoreszenz, wie leicht begreiflich, 
von der Natur des Lösungsmittels sowie von der 
Temperatur ab. 

Die Absorptionsbanden der fluoreszenzfähigen 
aromatischen Verbindungen sind ausnahmslos ,,in 
der Richtung von kürzeren nach längeren Wellen 
abschattiert". Stark hat nun gefunden, daß auch 
Stoffe, die den Benzolkern nicht enthalten, fluores- 
zenzfähig sind, sobald sie einen Chromophor ent- 
halten und ihre Absorptionsbanden ebenfalls nach 
den längeren Wellen hin abschattiert sind. So 
fluoreszieren Aceton, Methyläthylketon und Kam- 
pher blau- violett, Brenztraubensäure, Kampher- 
chinon,Diacetyl u.a. blaugrün bisgelbgrün. Enthalten 
Stoffe gleichzeitig den Benzolring und einen frem- 
den Chromophor, so treten je nach der relativen 
Lage der .Absorptions- und der Fluoreszenzbanden 
verschiedene Erscheinungen ein. 

„Schon seit ziemlich langer Zeit," schreibt Stark 
am Schlüsse seines Berichtes über den von ihm 
auf der diesjährigen Naturforscherversammlung 
gehaltenen Vortrages „Über die Fluoreszenz orga- 
nischer Substanzen" (Chem.-Zcit. 1908, S. 953 — 
954), „nimmt man an, daß die Chromophore und 
auch der Benzolring ungesättigte Valenzen ent- 
halten. Die Valenzkräfte des Chemikers sind nun 
als identisch mit den elektrischen Kraftlinien an- 
zusehen, welche von negativen Elektronen an der 
Atomoberflächc ausgehen. Andererseits hat man 
heutzutage erkannt, daß die Zentren der Absorp- 
tion und Emission des Lichtes negative Elektronen 
sind. Beide Anschauungen kombinierend, kann 
man theoretisch folgern, daß die Lichtwellen, 
wenn sie die ungesättigten oder gelockerten 
Valenzelektronen der Chromophore zum syn- 
chronen Mitschwingen veranlassen und an sie 
Energie abgeben, sie zum Teil von ihrem Molekül 
lossprengen und in P'orm langsamer Kathoden- 
strahlen aus der belichteten fluoreszierenden Sub- 
stanz herausschleudern werden. Die Theorie for- 



N. F. VIII. Nr. I 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



13 



dert also, daß die Fluoreszenz organischer Sub- 
stanzen von einem lichtelektrischen Eftekt be- 
gleitet sei, denn dieser besteht ja in der Emission 
langsamer Kathodenstrahlen. In der Tat zeigten 
nun alle Substanzen, welche den Benzolring ent- 
halten und somit entweder nachweisbar oder 
latent fluoreszieren, den lichtelektrischcn Eftekt in 
einer Stärke, die annähernd parallel geht der 
Intensität der Fluoreszenz". 

Diesem kurzen Bericht ist im wesentlichen die 



Stark'sche Theorie (I.e.) zugrunde gelegt. Wegen 
alles Weiteren seien unsere Leser auf die ausge- 
zeichnete Übersicht von H. Ley Leipzig „Beziehun- 
gen zwischen Fluoreszenz und organischer Chemie" 
(Zcitschr. (. angew. Chemie 1908, S. 2027 — 2038), 
sowie auf die Abhandlung von Kauffmann „Die 
Beziehungen zwischen Fluoreszenz und chemischer 
Konstitution" (Ahrens' Sammlung chemischer und 
chemisch-technischer Vorträge, Stuttgart 1902) 
hingewiesen. Werner Mecklenburg. 



Kleinere Mitteilungen. 

Jan G r och m a 1 ic k i , Über die Linsen- 
regeneration bei den Knochenfischen. (Zeitschr. 
f wiss. Zoologie Bd. 89, Heft i, ausführl. poln. 
Archivum naukowe 1908). — Das Problem der 
Linsenregeneration ist von so großem theoreti- 
schem Interesse, daß v. Kupffer als Vorsitzen- 
der auf der X. X'ersammlung der anatomischen 
Gesellschaft im Jahre 1896 die Ergebnisse von 
G.Wolf für die bedeutsamste auf experimentellem 
Wege gewonnene Entdeckung bezeichnete. Die 
Versuche Wolfs sowie zahlreicher anderer For- 
scher beziehen sich fast ausschließlich auf Triton- 
und Salamandralarven, zum Teile auf erwachsene 
Tritonen und Kaulquappen. Über die Regenera- 
tion der Linse bei den Plschen , die in entwick- 
lungsgeschichtlicher Hinsicht von den Tritonen und 
Salamandern niedriger stehen , sind bisher keine 
überzeugenden Beweise erbracht worden. Es 
liegen nur sehr unbefriedigende Resultate von 
Röthig vor, da R. nur in einem F'alle „ein kleines 
linsenförmiges Gebilde bemerkte". Seine Befunde 
machen, wie er sich selbst ausdrückt, ,,die Rege- 
neration der Linse (bei den Fischen) zwar wahr- 
scheinlich, aber nicht sicher". 

In der vorliegenden Arbeit von G. haben wir 
daher eigentlich den ersten Beweis, daß die exstir- 
pierte Linse auch bei den Fischen wieder ansetzt 
und im Bau sowie im Aussehen der bei normalem 
Entwicklungsgang entstandenen Linse gleicht. Die 
Versuche hat Verf an 500 Forellen 5 — 15 Tage 
nach dem Ausschlüpfen aus der Eihülle angestellt. 
„Durch einen Linearschnitt an der Cornea wurde 
das Auge geöffnet und durch einen leichten seit- 
lichen Druck auf den Bulbus die Linse hervor- 
zugleiten gezwungen." Die mikroskopische Unter- 
suchung von Zeit zu Zeit fixierter Tiere ergab, 
daß der Regenerationsprozeß der Linse bei den 
r'ischen dem bei anderen Tieren konstatierten 
sehr ähnlich ist; schon am 5. — 7. Tage nach der 
Operation trat die Wundheilung ein und erst am 
20. — 30. Tage erschienen die ersten Anzeichen 
der Regeneration: die Entpigmentierung der Iris 
durch Leukocyten, Spaltung ihrer beiden Lamellen 
und Wucherung ihrer Zellen am Pupillarrande. 
An einer Stelle des Pupillarrandes ordnen sich 
die Zellen der Iris faltenförmig und bilden eine 
in die Pupille hineinragende Verdickung (Fig. i). 



Diese knospenförmige Verdickung entsteht meisten- 
teils wie bei anderen Tieren am oberen Irisrande, 
manchmal aber, was der Verfasser besonders her- 
vorhebt, ,,auch irgendwo seitlich am Pupillarrande". 
In manchen Fällen bilden sich die Linsenanlagen 
weit von der Pupillaröfifnung, ja selbst aus den 
Zellen der Basis der Pars ciliaris, wenn die Iris 
gänzlich ausgerissen wurde, was schon Fischel 
in seinen Arbeiten beschrieben hat. Die ver- 
schiedenen Arten der Entstehung der Linsen- 
anlage werden sehr genau vom Verf beschrieben 
und durch photographischc Aufnahmen mikro- 
skopischer Präparate illustriert. Unter den bei- 
liegenden Bildern der regenerierten Linse fällt be- 
sonders ein Gebilde auf, welches an die Zwillings- 
linse der Salamanderlarve von Fischel erinnert; 
neben der regenerierten Linse ist eine in Verbin- 
dung mit derselben stehende Zellmasse von 
spindelförmigen Zellen durch(]uert zu sehen, wel- 
che G. aber wegen des Mangels der Linsenkapsel 
als eine Ansammlung in Degeneration begriffener 
Zellen deutet. 




Fig. 1. Ein Horizontalschnitt durch ein Forellenauge 6S Tage 

nach der Operation. Photographische /Vufnahme. 

(Nach Grochmalicki.) L Linsenanlage. 

Nach größerer Beschädigung des Auges ent- 
stehen auch in der Netzhaut kugelförmige oder 
ovale Gebilde von konzentrisch gelagerten Zellen, 
welche der Verf im Anhange der polnischen 
Arbeit sehr genau beschreibt. Diese Neubildungen 
erinnern an die Lentomen oder Lentoiden 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VKI. Nr. i 



F"ischel's, da sie auch von der verwundeten 
Retina stammen, weisen aber im Bau keine Über- 
gänge von Zellen in I'^asern auf. Ein anderes 
cystenartiges Gebilde in der vorderen Kammer 
des .Auges, welches allseits von der Cornea um- 
schlossen war, betrachtet der Verf. für ein patho- 
logisches Gebilde, das durch eine Gruppe von 
der Cornea abgelöster Zellen entstanden ist. Eine 
vollständig regenerierte Linse hat G. in drei 
l'^ällen , in sehr verschiedenen Zeitabständen 70, 
106, 187 Tage nach der Operation erhalten. Die 
Linse erreichte gegen -',\j der normalen Größe, 
sonst wies sie keine Unterschiede im Bau auf 
(Fipr- 2). 




Kig. 2. Frontalschuilt durch ein Auge mit vollständig regene- 
rierter Linse nach 1S7 Tagen. Photographische Aufnahme. 
(Nach Grochmalicki.) 

Den langsamen Verlauf des Regenerations- 
prozesses der Linse bei den Fischen erklärt der 
Verf. durch die geringe Regenerationsfähigkeit 
der Fische im allgemeinen und das Verweilen 
der Fische im Wasser, welches der Wundheilung 
im Wege steht. 

Wie aus dem Vorausgegangenen zu ersehen 
ist, bildet sich die Linse während der Regenera- 
tion aus der Iris, also aus einem Gewebe, aus 
welchem sie embr\-onal nicht entsteht, da sie in 
der Ontogenie aus dem ektodermalen Teile der 
Haut sich bildet. Zahlreiche Forscher haben 
diese merkwürdige Erscheinung zu erklären ver- 
sucht, wie uns G. im geschichtlichen Teile am 
Anfang seiner Arbeit schildert. Wolf, auf dem 
teleologischen Standpunkt stehend, sieht in der 
Linsenregeneration den Beweis, daß der Organis- 
mus auf eine künstliche Veränderung imstande 
ist, in zweckmäßiger Weise zu reagieren. R e i n k e 
und Schimke witsch sehen in der Linsenregene- 
ration nur eine atavistische Rückkehr zum blasen- 
förmigen Auge, wo die Linse sich \om Rande 
der Augenblase bildet. Fisch el und andere 
Forscher, denen sich auch der Verf. anschließt, 
halten die Reizung der Irisränder für die Haupt- 
ursache der Linsenregeneration, da in allen Fällen 
die Entfärbung der Iris und eine Wucherung ihrer 
Zellen zu beobachten ist. Karoline Reis. 



Speisezettel des Frosches. — Gelegentlich 
einer Sektionsübung fiel mir der ungemein 
stark und straff gefüllte Magen eines über 
9 cm großen Exemplares des Seefrosches 
(Varietät vom grünen Teichfrosche, Rana escu- 
lenta) auf. Als auf mein Geheiß der Magen ge- 
öffnet wurde, zog der betreffende Schüler eine 
Maus hervor, die ausgestreckt rund 8 cm lang 
(ohne Schwanz) war. Es ist mir beinahe uner- 
klärlich, wie der Frosch diesen gewalligen Bissen 
hat hinunterwürgen können. Die Maus war noch 
sehr wenig verändert, also wohl kurz vor dem 
Fang am Nachmittage vom Frosche aufgenommen. 
Ob er sie lebend verspeist hat, läßt sich natürlich 
nicht entscheiden , obgleich gerade diese F"rage 
sehr interessant ist, doch erinnere ich mich noch 
nirgends gelesen zu haben, daß ein Frosch Mäuse 
fängt oder auch nur frißt. \'erdächtigend für 
ähnliche Räubereien ist aber noch der Befund in 
einem anderen F"roschmagen , der einige Vogel- 
federn betrifft. — Eine weitere Revision der übri- 
gen Froschmagen ergab noch eine bunte Folge 
von Kerbtieren und Schnecken, nämlich: Spanner- 
raupen, Wasserskorpione, Wespen, Libellen, Flie- 
gen, Blattkäfer, 2 Nacktschnecken. Alle diese 
Tiere waren vollständig verschluckt, auch die 
ziemlich großen, langbauchigen Libellen. 

Magdeburg. Dr. O. Rabes. 



Bücherbesprechungen. 

E. Zschimmer, Eine Untersuchung über 
Raum, Zeit und Begriffe vom Stand- 
punkte des Positivismus. Leipzig, Verlag 
von W. Engelmann, 1906. 54 S. — Preis 1,20 Mk. 
Es ist erfreulich , daß sich die Versuche , die 
Dinge und Vorgänge von positivistischem Standpunkte 
aus zu betrachten und das Vorgefundene eingehend 
zu beschreiben, trotz starker Gegenströmungen mehren. 
Auch die vorliegende Schrift ist in kritisch - empiri- 
schem Sinne gehalten und behandelt das Wesentliche 
des Gestalt- und des Zeittatsächlichen, insbesondere 
den Begrifl^ der Zeit und der .\nderung, hebt die 
Eigentümlichkeiten von Sinnlichkeit, Erinnerung und 
Vorstellung und deren Verknüpfungen hervor, um 
zum Schlüsse das Charakteristische des Begriffes und 
der Begriffsbildung zu untersuchen. 

Im Gegensatze zu F. Dreyer, der die drei- 
dimensionale Gestalttatsächlichkeit durch eine zwei- 
fach-mannigfaltige Gesichtstatsächlichkeit und durch 
eine hinzutretende hypothetische, metageometrische 
Auffassung zustande kommen läßt, sucht Zschimmer 
nachzuweisen, daß man auch direkt zum Begrift' 
einer Dreidimensionalität geführt werde. Indes dürfte 
der Verfasser die Dreyer'sche Auffassung nicht wider- 
legt haben. Auch mit der Einteilung der Tatsäch- 
lichkeit als eines Ganzen in das , .gegebene Sein", das 
„Neue" und die „.Änderung" wird man schwerlich sich 
befreunden. 

Der zweite Teil des Werkchens, der sich auf 
Sinnlichkeit, Erinnerung, Vorstellung und deren Ver- 



N. F. VHI. Nr. i 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



15 



knUpfung, sowie auf das Eigentümliche des liegriffes 
und der Hegriftsbildung bezieht, verdient volle An- 
crkenninig. Gut sind ferner die eingeflochtenen kri- 
tischen Bemerkungen, in denen sich Z schimnuM- 
rait Kant auseinandersetzt. .^ngersbacll. 

Dannenberg, (". eologie der Steinkohlen- 
lager. ]. Teil. Gebr. Bornträger in IIlmIIu. kioS. 
— Preis 6,50 Mk. 
Es ist sehr verdienstlich, daß sich Verfasser der 
Mühe unterzogen hat, eine Geologie der Steinkohlen- 
lager zu sclirelben, und zwar sei gleich von 
vornherein betont , daß es sich im wesentlichen um 
eine rein stratigraphische Steinkohlengeologie handelt. 
In bciiuemer und zuverlässiger Weise findet man dies- 
bezüglich alles zusammengestellt, und zwar werden in 
dem vorliegenden I. Teil besprochen : das Ruhrkohlen- 
revier, die .Ablagerungen von Ibbenbüren und Osna- 
brück, das Aachener Revier 1 natürlich mit Einschluß 
der neuerdings bekannt gewordenen Fortsetzungen 
desselben z. B. bei Limburg), das Pfalz-Saarbrücken- 
i,othringer Revier, das niederschlesisch- böhmische 
Revier und das oberschlesisch - mährisch - polnische 
Revier. Verfasser hat sich bei der Fülle von Tat- 
sachen, die in Frage kommen und bei der auch hier, 
wie in den meisten anderen Disziplinen unermeßlichen 
Literatur, eine ganz gewaltige Aufgabe gestellt und, 
wie gesagt, hinsichtlich der rein stratigraphischen Dar- 
stellung ist das Buch, soweit es bis jetzt vorliegt, 
sehr wertvoll. Es ist für den Einzelnen gar nicht mehr 
möglich alles das, was für die Behandlung einer 
Geologie der Steinkohlenlager in Betracht kommt, 
vollständig zu beherrschen. Das zeigt sich namentlich 
in der Einleitung des Buches, die sich mit der 
Klassifikation der Steinkohlen und ihrer Bildung und 
mit damit Zusammenhängendem beschäftigt. Die 
Paleobotanik, die hierbei mit in Rücksicht zu ziehen 
ist, ist eine dermaßen schreibfreudige Disziplin, daß 
es da wahrhaftig kein Wunder ist, wenn selbst ein 
gewissenhafter .Autor wie Dannenberg hier gelegentlich 
die wichtigsten und wertvollsten Literaturerscheinungen 
nicht kennt, die ja auch leicht in der Fülle der wert- 
losen Masse untergehen, jedoch äußerlich bemerkens- 
werterere Erscheinungen von Dilettanten auf paleo- 
botanischem Gebiet zitiert, vor denen man geradezu 
warnen müßte. Wir befinden uns jetzt in der Periode 
der Kompendien, d. h. der Zusammenfassung wichtiger 
Wissensgebiete, und wer ein solches Kompendium 
hefert, wie dies Dannenberg durch seine Geologie 
der Steinkohlenlager tut, der erwirbt sich den Dank 
derjenigen, die diese Disziplin zu berücksichtigen haben 
und dadurch viele Zeit, die beim Studium von Spezial- 
literatur darauf gehen würde , ersparen. Ich glaube 
aber, daß wir in einer späteren Zukunft doch bei der 
Bearbeitung solcher Kompendien, soweit es sich um 
so schwierige Gebiete handelt wie das vorliegende, 
dazu kommen werden, eine gemeinsame Bearbeitung 
verschiedener in Betracht kommender Fachleute zu 
erreichen. Da hierbei eine sehr kenntnisreiche, ver- 
ständige, ausfeilende Redaktion notwendig wird, be- 
gegnet solch ein Plan allerdings recht großen Schwierig- 
keiten, und vorläufig wird es d.iher wohl noch lange 



dabei bleiben, daß Einzelne sich der Mühe unterziehen 
und das Wagnis unternehmen, die Gesamtgegenstände 
in zusammenfassender Form zu behandeln. Was da- 
bei einem Einzelnen möglich ist, das hat Dannenberg 
in dem ersten Teile seines Werkes erreicht. P. 

Prof Dr. Konrad Keilhack, Lehrbuch der prak- 
tisch e n Geologie. .Arbeits- und Untersuchungs- 
nuthoden auf dem Gebiete der Geologie, Minera- 
logie und Paläontologie. 2. völlig neu bearbeitete 
.Auflage. Mit 2 Doppeltafeln und 348 Abbildungen 
im Text. Stuttgart, Ferdinand Encke, 1908. — 
Preis 20 Mk. 
Die zweite Auflage enthält Beiträge verschiedener 
anderer Autoren, so von E. v. Drygalski, E. Kaiser, 
P. Krusch, S. Passarge, Ä. Rothpletz, K. 
Sapper und A. Sieberg. 

Das Werk ist inhaltlich um etwa die Hälfte um- 
fangreicher geworden als die erste Auflage. Wir 
haben seinerzeit auf das Buch hingewiesen und die 
Wichtigkeit desselben für jeden , der mit der Praxis 
der Geologie zu tun hat, hervorgehoben ; aber auch 
derjenige, den wesentlich nur die theoretische Geo- 
logie interessiert, muß in dem Falle, daß er sich ein 
Urteil über die Zuverlässigkeit gewonnener Resultate 
bilden will , von der Methodik , durch welche die 
Resultate gewonnen wurden, Kenntnis nehmen. Auch 
nach dieser Richtung hin hat das vorliegende Buch 
einen Wert. Es ist so ausführlich und umfassend, 
daß derjenige, der in ihm einen Rat sucht, sich wohl 
kaum vergebens an das Buch wenden wird. Es zer- 
fällt in 3 große Teile, nämlich in I. Arbeiten im 
Felde, II. Arbeiten im Hause, III. Paläontologische 
Methoden. Jeder dieser Abschnitte zerfällt in eine 
Anzahl Kapitel, die in den beiden ersten Abschnitten 
unter folgende Gruppen zusammengefaßt sind : I. A. 
Die geologische Kartenaufnahme , B. Besondere geo- 
logische Beobachtungen , C. Aufsuchung und Unter- 
suchung technisch nutzbarer Ablagerungen, D. Unter- 
suchungsmethoden das Wasser betreftend. Der II. Ab- 
schnitt zerfällt in : A. Methoden der Bodenunter- 
suchung, und B. Mineralogisch-petrographische Me- 
thoden. 

i) Prof H. Klingelhöffer, Leitfaden der Phy- 
sik. 187 Seiten mit 334 Abbildgn. Gießen, E. 
Roth, 1908. — Preis geb. 2 Mk. 

2) K. Fufs und G. Hensold, Lehrbuch der 
Physik. 55S S. mit 448 .Abbild, und Spektral- 
tafel. Freiburg i. B., Herder, 1908. — Preis 5,30 Mk., 
geb. 6 Mk. 

3) Prof Dr. Breitfeld, L e i t f a d e n für den Unter- 
richt in der Xat urlehre. 128 Seiten. Dazu 
I Heft mit Abbildungen (29 Seiten). Leipzig, 
Degener, 1908. — Preis 1,50 Mk. -|- i Mk. 

i) Dieser Leitfaden enthält nur das Wichtigste, 
er ist für die Unterstufe bestimmt. Die Figuren sind 
vielfach nicht ganz einwandfrei. So fehlt bei der 
Feuerspritze der Stützpunkt des Hebels, ebenso der 
Scheibe der Elektrisiermaschine das Achsenlager, bei 
den Thermometern sind die Lumina der Röhren fast 
so dick wie die Kugeln, der gezeichnete Phonograph 



i6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. vin. N. I 



könnte nie funktionieren, die perspektivischen Ellipsen 
sind durchgängig viel zu spitz gezeichnet. Im Text 
sind uns keine Stellen aufgefallen, die zu beanstanden 
wären. 

2 ) Das klar und elementar geschriebene Buch 
von Fuß und Hensold ist sehr reichhaltig und eignet 
sich namentlich für Seminare und höhere Töchter- 
schulen. Die neue Auflage tragt dem Fortschritt der 
Wissenschaft im allgemeinen Rechnung, doch sollte 
unseres F.rachtens die Radioaktivität ausführlicher be- 
sprochen werden. 

3) Der kurze I-eitfaden von Breitfeld faßt die 
wichtigsten Unterrichtsergebnisse der Physik und 
Chemie mit wenigen Worten zusammen und ist daher 
für Wiederholungen seitens des Schülers "gut geeignet. 
Ursprünglich war diese Ausarbeitung für die Bau- 
gewerkschule in .Münster bestimmt, demgemäß ist die 
Auswahl den Bedürfnissen dieser Schulgattung ange- 
paßt. So wird z. B. die Spektralanalyse nicht er- 
wähnt. In dem Leitfaden befinden sich keine Ab- 
bildungen. Das die Abbildungen enthaltende Heft 
gibt eine Reihe von Vorlagen zu Tafelzeichnungen, 
die zumeist von Oberlehrer Wohlgeboren stammen. 
Auch diese geschickt entworfenen Zeichnungen können 
dem Schüler einen guten Anhalt für Wiederholungen 
bieten. Kbr. 



Anregungen und Ant\vorten. 

Zur Nachricht an die Leser. — Um mehr Platz zu 
gewinnen, wurde der Titelkopl' des redaktionellen Teiles 
durch VVeglassung der Vignette usw. wesentlich verkleinert, 
während der Umschlag diesbezüglich seine bisherige Form 
bewahrt liat. — Red. 



Herrn Seh. in Kr. — Rotfärbung der Hölzer 
kommt wiederholt vor. Unter unseren einheimischen Hölzern 
zeichnet sich das Erlenholz (von Aliiiis glutiiwsn L.) da- 
durch aus, daß es im frischen Zustande gelbrot, nach dem 
'i'rocknen hell rostrot wird. Auch das Kirschbaumholz 
zeigt im Splint eine rötliche Färbung. — In den Tropen gibt 
es eine ganze Reihe von Rothölzern, die eine mehr oder 
minder intensive rötliche Farbe zeigen. Sic stammen gröl3ten- 
leils von Arten der Leguminosen-Gattung Caesalpinia ab, und 
dienen zum Färben, zur Fabrikation von Lack und Tinte oder 
werden in der Kunsttischlerei verwendet. Solche Hölzer sind 
z.B. das Fe r nam b uk-H olz (von C ifc/(/»(7.'rt aus Brasilien), 
das Sappan-Holz (von C. sappan L, aus dem tropischen 
Asien), von hellroter Farbe. Die Rotfärbung rührt in diesem . 
Falle von dem sogenannten Brasil in her, das sich in dem 
inneren älteren Teile des HolzUörpers (dem Kernholz) ab- 
lagert. 

Außer Caesalpinia gibt es noch einige andere Gattungen 
der Leguminosen , die rote Hölzer liefern. So besonders 
.■\rten der Gattung Pterocat pus ; Pt. lialbcrgioides Ro.\b. von 
den -Xndamanen liefert das sog. Andaman-Rotholz (oder 
An da man Padouk). Mehrere afrikanische Arten der 
Gattung besitzen rotes Holz. Von Bapliia nitida , einer in 
Westafrika (Sierra Leone) heimischen Leguminose, stammt das 
Cam-Wood (afrikanisches Rotholz); es soll ursprüng- 
lich weiß sein und erst an der Luft die rote Färbung anneh- 
men. Es ist eine weit verbeitete Erscheinung, daß die Fär- 
bungen bei Einwirkung von Licht und Luft sich verliefen 
oder überhaupt erst dann auftreten. 11. Harms. 



Herrn H. — Geologische Anfänger- 
Literatur und geologische Vereine. — 
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das wohl allen lliren 
.Ansprüchen genügen dürfte, ist die , .Vorschule der Geologie" 
von Joh. Wallher, die kürzlich in 3. Auflage (Jena 190S) 
zum Preise von 2,50 Mk. erschienen ist. Dort finden Sie 
auch eine Zusammenstellung aller guten geologischen Führer 
und Karten. Eine wesentliche Förderung in Ihrem geologi- 
schen Interesse würden Sie sicherlich durch den Anschluß an 
einen der bestehenden geologischen \'ereine gewinnen. Es 
sind deren im Deutschen Reiche zurzeit vier vorhanden : 
I)ic Deutsche geologische Gesellschaft, der Oberrheinische 
geologische Verein, der iN'iederrheinische geologische Verein, 
der Niedersächsische geologische Verein. A^on allen vier 
Gesellschaften werden namentlich die geologischen Exkur- 
sionen lebhaft gepflegt. Die Deutsche geologische Gesell- 
schaft mit dem Sitze in Berlin , eine Vereinigung aller deut- 
schen Fachgenossen , hält regelmäßige Monalsversanmilungen 
in Berlin und jährlich eine große allgemeine Versammlung an 
wechselnden Orten ab. An die letztere schließen sich etwa 
14 Tage dauernde Exkursionen an. Jedes Mitglied erhält die 
wissenschaftlich bedeutende Zeitschrift, jährlich einen starken 
Band. Die drei anderen V'ereine besitzen entsprechend ihrem 
wesentlich geringeren Jahresbeiträge kleinere Publikations- 
organe. Alle il>re jährlich niehrfacli wiederholten Tagungen 
wechseln mit dem Orte und sind stets mit ein- oder mehr- 
tägigen E.\kursionen unter fachmännischer Leitung verbunden. 
Die derzeitigen Vorsitzenden der vier Vereine sind der Reihe 
nach : Prof. Dr. H. Rauff, Berlin (Bergakademie) ; Geh. Ober- 
bergrat Prof. Dr. Lepsius, Darmstadt ; Geheimrat Prof. Dr. 
Seinmann, Bonn ; Prof Dr. H. Stille, Hannover. 

Str. 

Herrn K. L., llalver i. W. — Ihr Ofenrohr ist in diesem 
Sommer stark gerostet. Sie schreiben, durch den Lack seien 
viele mehr oder weniger große, rotbraune Tropfen durchge- 
brochen. Es scheint sich, soweit man dies nach Ihren Schil- 
derungen zu beurteilen vermag, lediglich um eigentümliche 
Kosterscheinungen zu handeln. Ist der Lacküberzug an einer 
Stelle, die nicht größer zu sein braucht, als eine Stecknadel- 
spitze, beschädigt, sei es nun infolge ungenügenden Anstrichs 
oder durch Abspringen — stets wird sich unter den hierzu 
günstigen Bedingungen (Luft und Feuchtigkeit) Rost bilden. 
Nach der Gleichung Fe. -f O3 + HjO = Fe2(OH)„ ent- 
stehen aus 56 g Eisen 107 g Oxydhydrat (Rost), also 
rund das doppelle Gewicht Rost. Da nun außerdem 
das spezifische Volumen der letzteren größer ist als das 
des Eisens, so nimmt der aus einer gewissen Menge Eisen 
entstehende Rost einen viel größeren Raum ein. Nun kann 
sich diese entstehende Rostmasse nur rückwärts durch die 
kleine Öffnung hindurch ausbreiten , wächst also hier heraus 
und setzt sich an der Oberfläche des Lacks rund um die 
Öffnung in Form eines Tropfens an. Hat die Einwirkung 
lange genug stattgefunden, ist das Eisen an der betreffenden 
Stelle durchgefressen , so bricht natürlich auch der Rost im 
Inneren des Ofenrohrs durch. 

Von einer Einwirkung im Heizstoff enthaltenen Schwefels 
kann nicht die Rede sein, da nur glühendes Metall Gase 
diffundieren läßt, und der Angriff, wie Sie schreiben, von außen 
vor sich geht. Je nach dem Grade der Luftfeuchtigkeit ent- 
hält der Rost natürlich mehr oder weniger Wasser. Heizen 
Sie also den Ofen, so verdampft dieses und der Rost 
bäckt fest an. Wenn Sie die Tropfen mit einem feuchten 
Lappen abwischen, werden Sie ebenfalls die schadhafte Stelle 
im Lacküberzug sehen. Sie haben beobachtet, daß der An- 
griff dann wieder beginnt, wenn Sie das Rohr einsetzten. Das 
ist ganz richtig. Durch den Zug wird durch bereits schad- 
hafte Stellen des Eisens die Luft angesaugt, und mit ihr 
Feuchtigkeit, und so geht die Rosterscheinung weiter. Auch 
wenn das Rohr unten nicht verstopft war, findet dies statt, 
weil dann besonders innen viel Feuchtigkeit mitgerissen wird. 

Lb. 



Inhalt: Prof .\. Pütt er: ,,Die Ernährung der Wasserticre" und ,,der Stoffhaushall des Meeres". — Sammelreferate 
und Übersichten: Werner Mecklenburg: Neues aus der organischen Chemie. — Kleinere Mitteilungen: 
Jan G r o r h ra ali c ki: Über die Linsenregeneration bei den Knochenfischen. — Dr. O. Rabcs: Speisezettel des 
Frosches. — Bücherbesprecbungen : E. Zschimmer; Eine LTntersuchung über Raum, Zeit und Begriffe vom Stand- 
punkte des Positivisnius. — fiannenberg; Geologie der Steinkohlenlager. — Prof. Dr. Konrad Keilhark: Lehr- 
IukIi der praktischen Geologie. — Sammel-Referat über physikalische Lehrbücher. — Anregungen und Antworten. 

Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Polo nie, Groß-LichterfeldeWest b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck von Lippert & Co. (G. Pälz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Nene h'uli;e VIII. Hau,!; 
der gan/eii Reihe XXIV li.md. 



Sonntag, den lo. Januar igog. 



Nummer 3. 



,,Die Ernährung der Wassertiere" und „der Stoffhaushalt des Meeres". 

Zwei Referate über Prof. A. Püttei's gleichnamige Arbeiten (Zeitschr. f. allg. Physiol. Bd. VlI, 1907, p. 283—368) 
[Nachdruck veiboten.] von Dr. Friedrich von Möller, Schlofl Sommerpahlen, Livland. 

nämlich die im Meervvasser gelösten komplexen 
C- Verbindungen, von denen bereits in Pütter's 
„Ernährung der Wassertiere" (a. a. O.) die Rede 
war, und die hier sehr ausführlich behandelt wer- 
den, nachdem zuvor die chemische Zusammen- 



II. Der Stoffhaushalt des Meeres. 



Vom „Haushalt der Natur", von dem so oft 
in der biologischen Literatur die Rede ist, können 
uns nur quantitative Untersuchungen einen rich- 
tigen Begriff verschaffen. Mensen und seiner 
Schule verdanken wir eine generelle Orientierung 
über den Organismenbestand der verschiedensten 
Meere zu den verschiedensten Jahreszeiten. ,,Was 
dagegen noch vollständig fehlt, ist die Kenntnis 
des Stoffumsatzes dieser Organismen in der 
Z e i t e i n h e i t." 

I. Der Stoffbestand des Meeres. 
Über die geformten Stoffe der Meere haben 
wir also eine zur allgemeinen Übersicht genügende 
Kunde, über eine Reihe der gelösten Stoffe 
gleichfalls, aber eine höchst wichtige Stoffgruppe 
ist der Bestimmung bisher völlig entgangen, 



Setzung der Meeresorganismen erörtert worden ist. 

a) Die Meeresorganismen. 

Die folgenden Angaben sind umgerechnet aus 
Lohmann's Zahlen für das Plankton von 
Syrakus, welche, da L o h m a n n das Wasser durch 
Papier oder Seide filtrierte, auch die dem Plank- 
tonnetz entgehenden winzigen Organismen be- 
treffen. „Von dem Volumen ist auf das Lebend- 
gewicht geschlossen unter Annahme eines spezifi- 
schen Gewichtes von 1,030." Die (aschehaltige 
d. Ref.) Trockensubstanz wurde zu 20,7"/,, des 
Lebendgewichtes angesetzt. 



„Tabelle I (auf 1000 1 Meerwasser bezogen d. Ref.) 





Zalil der 


Volumen 


Lebendgewicht 


Trockensubstanz 
mg 




Individuen 


cmm 


mg 


(aschehaltig d. Ref.) 


Diatomeen 


i,ioo,;oo 


10,2 


10,60 


2,20 


i Pyrocysteen 


65 


0,9 


0,93 


0,19 


Peridineen Gymnodineen 


404,250 


0,66 


0,68 


0,14 


Peridiniaceen 


37,450 


0,7 


0,72 


0,1.5 


.andere Flagellaten 


38,680 


0,04 


0,04 


0,08 
0,00828 d. Ref.) 


Halosphacra 


7,760 


0,7 


0,72 


0,15 


Protophyten unsiclicrer Stellung 


494,100 


3,8 


3,92 


0,81 


Rhizopoden 


5.9S5 


0,8 


0,83 


0,17 


Flagellaten 


264,400 


0,27 


0,28 


0,06 


( Tintinnen 
Cihaten [ 

[ andere Ciliaten 


19,830 


0,06 


0,06 


0,01 


35.295 


) 


— 


— 


-Metazoen 


17,325 


34,7 


36,00 


7,50 
(7,45 d. Ref.) 


Bakterien 


785,000,000 


0,8 


0,83 


0,17" 



„Es beträgt dann die Menge der Trockensubstanz 
(aschehaltig d. Ref.) in 1000 1 

aus Protophyten 3,70 mg ( 3,648 mg d. Ref.) 

,, Protozoen 0,24 ,, ( 0,24 ,, ,, ,, ) 
,, Bakterien o, 17 ,, (0,17 ,, ,, ,, ) 

,, Metazoen 7,48 ,, ( 7,45 ,, ,, ,, j 

Summa: 11,59 mg (11,508 mg d. Ref.)" 



„Für die Hauptvertreter der großen Gruppen 
der Planktonorganismen gibt" Brandt ,, zusammen- 
fassend den Gehalt der Trockensubstanz an Eiweiß, 
Kohlehydraten, Fetten, Chitin und Asche. Von 
Diatomeen wurde Chaetoceras, von den 
Peridineen Ceratium tripos untersucht, als 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 2 



Vertreter der Metazoen gelangten Copepoden 
zur Analyse." 

„Tabelle II. ■) 
Zusammensetzung der häufigsten Planktonorga- 
nismen nach Brandt. 

a) auf loo Teile (aschehaltige d. Ref.) Trockensubstanz 

Diatomeae I'eridineae Copepoda 

Chaetoceras Ceratium Iripos spec. 

Eiweiß 10,7 '3.° 59'° 

Kohlehydrate 21,5 So,6 20,o 

Fette 7,0 1,5 7i7 

Chitin — — 5>3 

Asche 6^,3 5,0 9,3 



Summa: 100,0 



100,0 



100,0 



bl auf 100 Teile aschefreie Trockensubstanz 

C ; N = I : 9,5 C : N = I ; 20,0 C : N ^ i : 4,8 
(N : C = I : 9,6 (N : C = I : 20,5 (N : C = I : 4,8 
d. Ref) d. Ref.) d. Ref.) 
Eiweiß 31,0 13,5 65,0 
Kohle- 
hydrate 62,0 85,0 22,0 
Fette 7,0 1,5 7,7 

Chitin -— — 5,3 

Summa: 100,0 100,0 100,0" 

Aus Tabelle II und der vorhin angegebenen 
Menge der aschehaltigen Trockensubstanz in 1000 1 
berechnet Verf. annähernd die Zusammensetzung 
der aschefreien Trockensubstanz aus 1000 1 Meer- 
wasser und ihre Verteilung auf die Gruppen des 
Plankton und erhält : 

„Tabelle III.-) 

Die Flanktonorganismen aus 1000 Litern ent- 
halten : 



') Am Kopfe der Tabelle IIb, wie auch auf p. 330 und 
331, sind m. E. die Symbole C und N verwechselt worden, 
ich erhalte außerdem bei Diatomeen und Peridineen ein etwas 
anderes Verhältnis von N und C. Bei dieser Kontrollberech- 
nung ergab sich folgende prozentische Zusammensetzung der 
aschefreien Trockensubstanz der 

Diatomeen Peridineen Copepoden 

C SP °/o C 47,2 o/„ c 53,8 «/„ 

H 6,7 „ H 6,2 „ H 7,1 „ 

N i;,2 „ N 2,3 „ N 11,4 ,, 

O 38.9 .. O 45,5 „ O 29,5 ,. 

S 0,7 ,, S 0,3 „ S 1,6 „ 

101,5 »/o 101,5 7o 103,4 "/o 

Die Fehler in der Prozentberechnung sind absichtlich 
nicht ausgeglichen. 

Zugrunde gelegt wurden dieser Berechnung folgende Werte 
und Formeln : Eiweiß enthält 55 »/„ C, 7 »/„ H, 17 »/„ N, 24% O, 
2,4 <•/„ S (Summa: 105,4) (Landois Physiologie, 9. Aufl., 1896, 
p. 12) mit Fortlassung der ersten Dezimalstelle bei H 
und N.) — Die Kolilehydrate von der Zusammensetzung 
CoHioOs enthalten: 45.5% C, 6% H, 49,5"/,, O (Summa: 
101,0). — Die Fette enthalten 76,5 "/„ C, 12,0% H, 11,5% O 
(Summa: 100,0) (Landois, a. a. O.). — Das Chitin, ein N- 
haltiges Glykosid von der Formel C,5 Hog N.^ 0,„ enthält 
45,6 »/„ C, 6,5''/„ H, 7,3 7o N, 40,6 o/„ O" (Summa: 100,0.) 
(Landois, a. a. O. p. 491). D. Ref. 

^) Ich bemerke hierzu, dali die Summe der in Tabelle 111 
verteilten Stoffe 9,84 mg beträgt, während vorhin für die Menge 
der aschehaltigen Trockensubstanz aus looo 1 11,59 mg an- 
gegeben war. Die Differenz beträgt 1,75 mg und stellt 
offenbar den Aschengehalt dar. Davon haben dann die Pro- 
tophyten 1,03 mg, Protozoen und Bakterien 0,01 mg und die 
Metazoen 0,71 mg .Aschengehalt. D. Ref. 





mg 


mg 


mg 


mg 


Protophylen 


0,40 


2,20 


0,07 


— 


Protozoen u. 










Bakterien 


0,05 


0,34 


0,01 


— 


Metazoen 


4.40 


1,50 


0,52 


0,35 


Summa 


4,^5 


4,04 


0,60 


0,35' 



... ... Kühle- „ ,, ,,,.,. C:N(N:C 

Liweiß , , . Fette Lhitin , „ /■% 

hvdrate d. Ref.) 



1:4,6 



b) Die gelösten Stoffe. 
I. Der Sauerstoffgehalt. 

DerSauerstoft'gehaltdesMeerwassersimGolfvon 
Neapel unterliegt sehr bedeutenden Schwankungen. 
,,Bei gleicher Temperatur wurden an derselben Stelle 
im Meere zu gleicher Tageszeit an verschiedenen 
Tagen" folgende Werte beobachtet (im Liter): bei 
12,8" — 6,8 mg; 7,0 mg; 8,0 mg, „also Unterschiede 
von 17— iS^n des ganzen Wertes. Bei 13,1" 
fanden sich folgende Zahlen: 5,8; 7,3; 7,8; 7,8; 
also noch bedeutendere Schwankungen (34 "/^ !)" 
,,Es wurde stets Oberflächenwasser untersucht." 



(Mittelzahlen , 



Der Kohlenstoffgehalt. 

„Tabelle VI. 
pro Liter Meerwasser. 



D. Ref.) 



Kohlensäure 
flüchtige Säuren 
andere höhere 
Säuren, Kohlen- 
wasserstoffe usw. 



Menge Kolilenstoff- Sauerstoffkapazität 

gehalt 
in mg in mg in mg 

99 27 o 

36 23 43 



70 



4-' 



137 



(Summa : 205 



92 



iSod. Ref.y 



3. Der Stickstoffgehalt. 

,,Bei den geringen Mengen, in denen der 
Stickstoff im Meerwasser enthalten ist, liegen 
die Werte, die man erhält, gerade an der Grenze 
des Bestimmbaren und können daher nur die 
Kenntnis der Größenordnung vermitteln, während 
der prozentuale Fehler sehr hoch ist." Es beträgt 
in einem Liter Meerwasser der Stickstoffgehalt: 

Kjeldahl-Stickstoff . 0,56 mg 

Nitrit- und Xitrat-Stickstoff 0,1 !S mg 



Gesamtstickstoff 0,74 mg 

Es kann aber nach Ansicht des Verf dieser 
Wert um etwa die Hälfte zu niedrig sein. 

4. Das Verhältnis von Kohlenstoff, Stickstoff und 
Sauerstoff im Meerwasser. 

Im Liter Meerwasser ist das Verhältnis von 
N: C :0 ^ 0,74 : 92 : 7,6 (= i : 125 : 10,25 d. Ref.). 
Dagegen ist im Plankton C : N (N : C d. Ref.) 
= I : 10 (bei Diatomeen i :9,6, bei Peridineen 
1:20,5, bei Copepoden 1:4,8, vgl. Tabelle IIb 
d. Ref). „In höchst auffälligem Mißverhältnis zur 
Menge des Kohlenstoffs steht jene des gelösten 
Sauerstoffs, der im Mittel der Bestimmungen 
7,6 mg beträgt (pro Liter d. Ref)." Die Zahlen 
der angeführten Tabelle VI zeigen, „daß die 
Mengen Sauerstoff, die die organischen Verbin- 
dungen eines Liters zur vollständigen Oxydation 



N. F. VIII. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



19 



verbrauchen würden , viel größer sind als der 
disponible Sauerstoff". „Die Sauerstoffkapazität der 
unvollständig oxydierten Verbindungen beträgt 
pro I 1 180 mg, während nur 7,6 mg oder nur 
wenig über 4 "'„ dieser Menge verfügbar sind." 

c) Vergleich dergelösten und geformten 
Stoffe im Meere. 

„Kin Vergleich der Stoffmengen, die im Meere 
gelöst sind, mit jenen, die in Form von Organis- 
men darin leben, zeigt, wie außerordentlich ge- 
ring die Masse der geformten Stoffe denen der 
ungeformten gegenüber ist." „In looo 1 sind an 
gelöstem C 92,000 mg, an gebundenem in Orga- 
nismen nur 4 mg, d. h. in Lösung befindet sich 
23,000 mal mehr wie in den Leibern der Plankton- 
wcsen. Für den .Stickstoff beträgt die Menge in 
Lösung, 740 mg, in Organismen 0,4 (ca. ' jq der 
C-Menge d. Ref.), so daß 1850 mal mehr" im 
Meerwasser gelöst ist als in den Organismen vor- 
handen. 

„Es wird also auch für C und N nicht be- 
hauptet werden können, daß sie im gewöhnlichen 
Sinne ,im Minimum' vorhanden wären, und damit 
wird die Frage von den Grenzen der Produktion 
im Meere von neuem einer Diskussion bedürftig, 
nachdem Brandt sie dadurch zu lösen versuchte, 
daß er annahm, der Stickstoff wäre im Minimum 
vorhanden." „Die Planktonmengen, mit denen 
hier gerechnet wird, beziehen sich auf einen 
relativ sehr planktonarmen Meeresteil, die Fänge 
der Ostsee sind um das Vielfache reicher, und 
hier würden die Zahlen des Überschusses der 
gelösten über die geformten Stoffe sehr viel ge- 
ringer ausfallen, aber auch hier würden die Plank- 
tonorganismen insgesamt immer noch viel weniger 
Stickstoff enthalten, als in Form von NH., und 
Nitrat (im Meerwasser d. Ref) vorhanden ist. 
Die Menge des Kjeldahl -Stickstoffes ist für die 
Ostsee unbekannt, und ebenso jene des komplex 
gebundenen Kohlenstoffs. Es ist- daher nicht 
zweckmäßig , die Planktonmengen der Kieler 
Bucht mit den Mengen gelöster Stoffe im Golf 
von Neapel zu vergleichen, während das Plankton 
von Syrakus als gut zum Vergleich brauchbar 
erscheint." 

II. Der Stoffumsatz im Meere. 

„Die bisher gegebenen Daten bezogen sich 
nur auf den Stoffbestand in einem gegebenen 
Augenblick, oder auf die Änderung von Tag zu 
Tag oder mit den Jahreszeiten bei ungehindertem 
Stoffaiistausch des untersuchten Wasservolumens 
mit dem übrigen Meerwasser und mit der Atmo- 
sphäre. Was wir auf diesem Wege kennen 
lernen", „sind die Schwankungen um einen Gleich- 
gewichtszustand", „in dem die Summe' aller Prozesse, 
die im entgegengesetzten Sinne verlaufen, etwa 
gleich Null wird, oder doch nur sehr gering und 
zwar periodisch wechselnd, bald positiv bald 
negativ ist, so daß der Zustand in einem gegebenen 



Moment sich nur wenig ändert." Bei Erhaltung dieser 
natürlichen Bedingungen des Gleichgewichtes lassen 
sich Schlüsse nur auf das Verhältnis der einzelnen 
Partialprozesse ziehen, nicht aber auf die absolute 
Intensität eines jeden von ihnen. Um nun einen 
Einblick in die Umsatzgeschwindigkeit zu erhalten, 
muß man die Bedingungen für das Gleichgewicht 
stören, „und nun die Änderung des Zustandes in 
der Zeiteinheit beobachten", „wobei für das unter- 
suchte Wasserquantum der Austausch mit der 
Umgebung ausgeschlossen werden muß". 

Nachl, ohmann kann man durch ein Papier- 
filter, das von den Bakterien fast quantitativ 
passiert wird, diese vom übrigen Plankton trennen. 
„In einer mit dem Glase von der Oberfläche ge- 
schöpften Wasserprobe sind Metazoen meist über- 
haupt nicht vorhanden, so daß der Organismen- 
bestand zusammengesetzt ist aus Algen, Protozoen 
und Bakterien. Da die Protozoen, wie gezeigt 
werden wird, nur einen sehr geringen Anteil am 
Gesamtumsatz nehmen, so können wir sagen: In 
den beiden Proben haben wir 

1. unfiltriert: Algen -}- Bakterien 

2. filtriert: Bakterien." 

„Von jeder Probe werden zwei Versuche an- 
gesetzt um den Sauerstoffverbrauch zu ermitteln, 
von denen der eine im Dunkeln, der andere im 
Licht gehalten wird." 

„Während in der Probe, die unfiltriert im Licht 
aufgehoben wird, die Bedingungen für ein Gleich- 
gewicht nicht prinzipiell gestört sind, ist in den 
beiden filtrierten Proben durch Entfernung der 
Algen die Hauptbedingung des Gleichgewichtes 
aufgehoben. In der unfiltrierten Probe im Dunkeln 
ist durch den Lichtabschluß ein zweifellos für das 
Stoffwechselgleichgewicht im Meere sehr bedeu- 
tungsvoller Faktor ausgeschaltet." 

a) Die Größe der Sauerstoffzehrung 
im Meerwasser. 

I. Sauerstoffverbrauch der Planktonbakterien. 

Aus 12 Beobachtungen erhält Verf. folgende 
Werte für den Sauerstoffverbrauch der Bakterien 
in einem Liter Meerwasser in 24 Stunden im 
Dunkeln: 

bei 11,0° (Mittel aus 0,15 mg bis 1,20 mg, fünf Bestimmungen) 

— 0,87 mg 

bei 13,2" (^Mittel aus 0,30 mg bis 1,42 mg, fünf Bestimmungen) 

— 1,38 mg 

bei 14,1" (Mittel aus 1,24 mg bis 2,15 mg, zwei Bestimmungen) 

— I.7S "lg (1.695 d. Ref.). 

Trotz großer Schwankungen ergibt sich also 
hier eine bedeutende Steigerung des Sauerstoff- 
verbrauches mit der Temperatur. Die Wirkung 
des Bakterienstoffwechsels in den Tropen wird 
also bedeutend größer sein als in kühleren oder 
gar kalten Meeren. Im Lichte beträgt der Sauer- 
stoffverbrauch der Bakterien weniger. — Verf. fand 
schließlich folgende Werte für den 0-Verbrauch 
der Bakterien unabhängig vom Licht: 



20 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 2 



bei 11,6° - 0,78 mg 
„ 12,2« — 1,17 „ 
„ 13,2° — 1,22 „ 

also im Mittel: bei 13,1 
verbrauch. 



bei 13,3» — 1,23 mg 
„ I3>9" — i>74 .. 
„ 14,1° — i,5.S „ 

1,29 mg- Sauerstoff- 



2. Der Sauerstoffumsatz der Planktonalgen. 

.,Um die Größe der Sauerstoffproduktion der 
Planktonalgen kennen zu lernen, muß man die 
Sauerstoffzehrung (m. E. wäre Sauerstoff u m s a t z 
richtiger d. Ref) des unfiltrierten Wassers im 
Licht untersuchen, und mit dem gleichzeitigen 
Sauerstoff konsum der Planktonbakterien vergleichen. 
Es ist in allen Fällen eine deutliche Sauerstofif- 
produktion zu konstatieren, die mit steigender 
Temperatur steigt." „Die Werte schwanken zu 
sehr, als daß es Zweck hätte, die Einzelheiten zu 
verfolgen, es ist vielmehr das Beste, lediglich den 
Mittelwert aus allen vierzehn Bestimmungen zu 
ziehen und zu sagen: bei 13,0" beträgt die Pro- 
duktion von Sauerstoff pro Liter und Tag 0,98 mg." 
„Es stellt diese Sauerstoffmenge das Maß für die 
Überproduktion der Algen dar, denn sie (und die 
Bakterien d. Ref.) verbrauchen in ihrem Stoff- 
wechsel Sauerstoff, decken nicht nur diesen ganzen 
Bedarf, sondern liefern noch die angegebene 
Menge mehr." Aber auch „im Dunkeln haben 
die Planktonalgen nicht nur ihren Sauerstoffbedarf 
gedeckt", sondern es sind pro Liter in 24 Stunden 
noch 0,18 mg freigemacht worden. Dieser Prozeß 
ist seiner Natur nach unbekannt, ist aber wahr- 
scheinlich auf die zahlreichen Bakterien zurück- 
zuführen, welche in der Schleimhülle der Diato- 
meen ihren Sitz haben, und auf keine Art von 
den Diatomeen getrennt werden können. Es ist 
ja bekannt, daß z. B. Nitrobakterien CO'- im Dun- 
keln zu spalten vermögen. 

3. Methodische Fehler in der Bestimmung des 
Sauerstoffumsatzes. 

Die der Titrationsmethode zur Last zu legen- 
den Fehler sind sehr gering, etwa i "/„. Trotzdem 
ist der Sauerstoffgehalt bei gleicher Temperatur 
an verschiedenen Stellen sehr verschieden, z. B. 
betrug der Sauerstoff verbrauch der Bak- 
terien im Dunkeln am 1 8. F'eb. 06 — 1,24 mg, 
am 28. nur 0,30 mg — im Licht am 18. 0,94 mg, 
am 28. 0,53 mg; die Sauerstoffproduktion 
der Algen im Licht am 18. 0,19 mg, am 28. 
0,87 mg — im Dunkeln am 18. 0,75 mg, am 28. 
nur 0,04 mg. Solche bedeutende Unterschiede 
können mit der Verschiedenheit der Zusammen- 
setzung des Plankton an diesen Tagen zusammen- 
hängen, ,, besonders die Menge der Bakterien, die 
einen so bedeutenden Anteil am Stoffumsatz im 
Meere nehmen, kann sicher in kurzer Zeit enormen 
Schwankungen unterliegen, wenn aus irgend- 
welchen Gründen die Vermehrung plötzlich an- 
steigt oder absinkt." „Es ist aber auch gar nicht 
notwendig, daß der Planktonbestand eines be- 
stimmten Raumteiles des Meeres sich derart ver- 



ändert hat, denn infolge der permanenten Meeres- 
strömungen untersucht man je an zwei aufein- 
anderfolgenden Tagen niemals Proben aus dem- 
selben Kubikmeter Wasser, sondern es sind stets 
Proben von anderen Stellen, die am nächsten Tage 
schon wieder irgendwo andershin transportiert sind." 
„Den vollen Nutzen wird man aus derartigen Be- 
stimmungen des Stoffwechsels erst ziehen können, 
wenn stets gleichzeitig die Menge und Art der 
Planktonorganismen gezählt, und vor allem auch 
der Bakteriengehalt festgestellt wird, eine Aufgabe, 
die allerdings die Kräfte eines einzelnen über- 
steigt." 

b) Die Intensität des Stoffumsatzes der 
einzelnen Komponenten des Planktons. 
Bei 13, 1 " verbrauchen die Bakterien aus einem 
Liter am Tage (innerhalb 24 Stunden) 1,29 mg 
Sauerstoff. Diese Leistung vollbringen etwa 
1,000,000,000 Bakterien, welche 0,00016 mg asche- 
freie Trockensubstanz besitzen. In 24 Stunden 
wird 1,29 mg Sauerstoff verbraucht von 0,00016 mg 
aschefreier organischer Trockensubstanz, um also 
in einer Stunde die gleiche Menge Sauerstoff 
(1,29 mg) zu verbrauchen, dazu gehören 
0,00016 X 24 =^ 0,0039 nig aschefreier organischer 
Trockensubstanz. Die aschefreie organische 
Trockensubstanz der Bakterien verbraucht also in 
einer Stunde mehr als das 300 fache ihres eigenen 
Gewichtes für ihren Stoffwechsel und zwar ist das 
nur ihr Sauerstoffverbrauch. Das heißt pro kg 
aschefreier organischer Trockensubstanz und Stunde 
mehr wie 300,000,000 mg. Der Mensch ver- 
braucht für I kg aschefreier organischer Trocken- 
substanz und Stunde ca. 1400 mg, d. h. die Bak- 
terien verbrauchen relativ 200,000 mal mehr. Dies 
erscheint nicht mehr so sehr erstaunlich, wenn 
wir nicht nach Gewichtseinheiten, sondern nach 
Oberflächeneinheiten vergleichen. „Die Oberfläche, 
mit der ein Organismus an sein umgebendes 
Medium grenzt, nimmt bei abnehmender Größe 
mit dem Quadrat des Radius ab, während die 
Masse nach der dritten Potenz (des Radius d. Ref) 
abnimmt, so daß das Verhältnis von Oberfläche 
zur Masse" sich mit abnehmendem Radius immer 
mehr zugunsten der Oberfläche verschiebt. „Es 

r'^ I 
handelt sich ja um das Verhältnis von -^ = - ." 

Wenn die Oberfläche eines einzelnen (als 
kugelförmig mit 0,282 /( Radius angenommenen 
d. Ref.) Bakteriums zu 10 ,<('' gesetzt wird, so be- 
trägt die Oberfläche der Bakterieimienge, deren 
aschefreie organische Trockensubstanz gleich 1 kg 
ist, 62,500 qml I^eini Menschen kommt auf 1 kg 
aschefreie organische Trockensubstanz eine Ober- 
fläche von 0,168 qm, d. h. die Oberflächenent- 
wicklung der Bakterien ist eine 370,000 mal so 
starke als die des Menschen.') 

') Der Referent möclite hierzu bemerlien, daß es ihm 
richtiger erscheint, nicht nur die Flächenentwicklung der 
äußeren Haut des Menschen (ca. 1,59 qm) hier zum Vergleiche 
heranzuziehen, sondern auch seine sonstigen, Gase und Nähr- 



N. F. VIII. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



21 



In gewissem Sinne ist also die Intensität des 
Stoffwechsels der Oberfläche proportional. „Eine 
derartige Erkenntnis ist, wie ohne weiteres ein- 
zusehen, von grundlegender Bedeutung bei der 
Beurteilung des Anteils, den irgendwelche Organis- 
men am Gesamtumsatz einer Biocönose nehmen. 
Wenn wirklich die Intensität des Stoffwechsels 
nicht der Masse, sondern der Oberfläche propor- 
tional ist, so liegt gerade in der Erforschung der 
winzigsten und meist in größler Menge vorhan- 
denen Organismen die Hauptaufgabe der Plankton- 
forschung, da diese vermöge ihrer immensen 
Oberfläche viel mehr bedeuten, als die größeren, 
der Erforschung leichter zugänglichen Wesen, deren 
Oberfläche sehr viel geringer ist." Immerhin ist maß- 
gebend für die Intensität des Umsatzes stets die 
spezifische Eigenart der untersuchten Organismen. 
Nach welchem Gesetz ändert sich nun die Zu- 
nahme der Intensität des Stoffwechsels (d. h. 
die in der Zeiteinheit von der Flächeneinheit ver- 
brauchte Menge von Nährstoffen) bei abnehmender 
Masse, oder, was dasselbe ist, bei zunehmender 
relativer Größe der Oberfläche? Theoretisch be- 
trachtet wahrscheinlich proportional der Abnahme 
des Radius, d. h. also : nur soviel mal wie der 
zweite Radius kleiner ist als der erste, um soviel 
mehr Masse des Organismus kommt mit dessen 
Oberfläche in Berührung und um soviel mal ist 
daher die zweite Intensität des Stoffwechsels 
größer als die erste. Die Erfahrungen, welche 
Driesch mit isolierten Blastomeren von Seeigeln 
machte, deutet Verf. in diesem Sinne. „Die zwei 
Halbblastomeren liefern zwei Blastulae, die zu- 
sammen nicht das Volumen der Vollblastula haben, 
sondern kleiner sind (Driesch). Es ist also bei 
den Halbblastomeren, die eine relativ größere 
freie Oberfläche haben, mehr Material in gleicher 
Zeit umgesetzt worden." ,,Man kann sich nach 
den Zahlen, die Driesch gibt, leicht überzeugen, 
daß das Mehr an Substanz, das die kleineren 
Blastomeren verarbeitet haben, proportional der 
Abnahme des Radius ist, was Driesch auch ge- 
funden, aber nicht in dieser Weise ausgedrückt 
hat." ,,Daß in diesem Falle die Steigerung des 
Umsatzes gerade so groß ist, wie wir theoretisch 
postulieren müssen , nämlich umgekehrt propor- 
tional dem Radius, gibt uns einen sicheren Hin- 
weis, daß wir mit der Annahme auf dem richtigen 
Wege sind, und daß für die Vergleichung der 

lösungen resorbierenden Oberflächen, vor allem die Oberfläche 
der Lungenbläschen (ca. 8l qm, Landois, Physiol., 9. Aufl., 
1896, p. 206) und des Darmes; für letztere nehme ich, da 
mir Angaben fehlen, nur I qm an. Es ergeben sich dann 
83,5 qm resorbierender Oberflächen. Das macht (bei 8,9 kg 
aschefreier organischer Trockensubstanz) 9,38 qm auf das kg 
aschefreier organischer Trockensubstanz — anstatt 0,168 qm 
wie der Verf. will. Die Oberflächenentwicklung der Bakterien, 
bezogen auf das Kilogramm aschefreier organischer Trocken- 
substanz, wäre dann nicht mehr 370000 mal stärker als die 
des Menschen, sondern nur 6663 mal. Es will mir aber 
scheinen, daß auch dieses Größenverhältnis schon vollkommen 
ausreicht, um die furchtbaren Wirkungen der winzigen patho- 
genen Bakterien auf den Menschen dem Verständnis näher zu 
rücken. D. Ref. 



Stoffwechselintensitäten verschiedener Organismen 
als Maß der Umsatz pro Flächeneinheit gewählt 
werden muß." ,, Unter der ersten rohen Voraus- 
setzung", daß alle Planktonorganismen Kugel- 
gestalt hätten, berechnet Verf die Gesamtober- 
fläche aller in looo 1 enthaltenen Glieder der 
Schwebefauna zu 9030 qmm, also pro Liter 9 qmm. 
Die einzelnen Gruppen des Plankton zeigen nun 
folgende Anteile an der Oberflächenentwicklung, 
also nach unserer Annahme auch am Stoffumsatz: 

„Tabelle X. 

Volumen 



Oberfläche 

\'olunien , '" |? Oberfläche in "/„ der 

des Gc- . „ "• 
in cmm , m qmm Gesamt- 
samt- ' i, j- u 
, obernache 
Volumens 



in 



Prulophyla 


17,0 


31.8 


3>^2" 


42,3 


Protozoa 


1,1 


2,1 


263 


2,9 


Bakteria 


0,8 


I■^ 


3600 


40,0 


Metazoa 


34,7 


64,6 


1340 


14,8 



Summa: 53,6 100,0 



9030 



100,0" 



„Das ist eine ganz andere Verteilung der Be- 
deutung, als diesen Gruppen auf Grund der 
Volumbestimmung zuerkannt werden konnte." 
„Die Bakterien machen nur etwa 1,5 "/(, des Ge 
Samtvolumens, aber 40"/,, der Gesamtoberfläche 
aus, dagegen beträgt das Volumen der Metazoen 
64,6 "/ij des Gesamtvolumens, die Oberfläche nur 
14,8%! 

III. Der Stoffwechsel des Plankton in den 

Seewasseraquarien der Zoologischen Station 

zu Neapel. 

Die Seewasseraquarien haben 120 mg Gesamt- 
kohlenstoff im Liter (gegen 92 mg C des Wassers 
im Golfl. Davon sind 38 mg CO'- (27 mg im 
Golf), 10 mg flüchtige Säuren (23 mg im Golf), 
und ganze 72 mg Kohlenstoffe in anderen Bin- 
dungen (gegen 42 im Golf). Das „Mehr an 
organischen Stoffen kommt vor allem in der Frak- 
tion jener Kohlenstoffverbindungen zum Ausdruck, 
die nicht CO^ und nicht flüchtige Säuren, also 
höhere Säuren und wohl Huminsubstanzen usw. 
sind, d. h. typische Fäulnisprodukte." „In bezug 
auf den Sauerstoffgehalt war kein Unterschied des 
Wassers im Aquarium und im Golf festzustellen, 
woraus allerdings bei den geringen Werten und 
hohen Fehlern der Bestimmung nichts geschlossen 
werden kann. Infolge der guten Durchlüftungs- 
einrichtungen ist das Aquarienwasser stets sehr 
reich an Sauerstoff, bei 10,9" betrug der Gehalt 
pro Liter etwa 8,5 mg, also jedenfalls nicht weniger 
wie im Golf." „Wir haben also eine mit Sauer- 
stoff stets sehr reichlich versehene Wassermenge, 
die in bezug auf Licht wohl einer Probe aus 50 
oder mehr Metern Tiefe entspricht und reich an 
Fäulnisprodukten ist." ,,Der Sauerstoffumsatz 
dieser Biocönose ergänzt in interessanter Weise 
das Bild vom Umsatz im Meere, das wir uns auf 
Grund von Studien am Wasser des Golfes ge- 
macht haben." Die Sauerstoffzehrung der Bak- 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 2 



terien betrug im Mittel aus 8 Bestimmungen — 
im Licht bei 10,9" — 0,79 mg, im Dunkeln bei 
11,0" — 0,87 mg, also durchschnittlich bei 11,0" 
pro Tag und Liter , .unabhängig vom Licht ge- 
dacht" 0,83 mg. „Für den Golf betrug bei 11,6" 
der entsprechende Wert 0,78 mg und wenn man 
mit den Werten für Temperaturein Wirkung, die 
oben ermittelt wurden, von 1 1,6" auf 11, o" extra- 
poliert beträgt der Verbrauch etwa 0,53 g. Die 
Sauerstoffzehrung der Bakterien ist also im 
Aquarium um ".^ höher (öo"/,,) als im Golf" Die 
Algen des Aquariums produzierten im Licht bei 
10,9'^ im Mittel 0,33 mg Sauerstoff und im Dunkeln 
bei 11,0 im Mittel 0,13 mg. Merkwürdigerweise 
produzieren die Algen des Golfes (ebenfalls auf 
11" umgerechnet) im Lichte 0,66 mg, also doppelt 
soviel wie die des Aquariums, während sie im 
Dunkeln gleichfalls 0,13 mg produzieren.') 

IV. Die Sauerstoffzehrung bei längerem 
Verweilen im Dunkeln. 

Trotz der bedeutenden Sauerstoffzehrung in 
den ersten 24 Stunden der Verdunkelung gelingt 
es nicht einmal mit dem Wasser des Aquariums 
ein wirkliches Ausfaulen zu erzielen. In einem 
Falle wurden nach 16 Tagen 5,8 mg Sauerstoff 
gefunden, während die Anfangsmenge 8,5 mg 
betrug, „und daß noch Prozesse abliefen, die 
Sauerstoff ohne Beihilfe des Lichtes freimachten, 
zeigten die Veränderungen zwischen dem 12. und 
14. Tage, wo der Sauerstoffgehalt von 5,6 mg 
auf 6,3 mg zunahm." Auch im filtrierten Golfwasser 
trat nach dem Sauerstoffminimum des dritten Tages 
wieder ein steigender Sauerstoffgehalt auf. Es 
kommen also Prozesse vor, „die ohne Hilfe von 
Licht Sauerstoff freimachen, Prozesse, für die wir 
Bakterien verantwortlich machen müssen." Diese 
Prozesse sind aber offenbar sehr verwickelt und 
es zeigt sich, „daß eine große Zahl von Variabein 
zusammenwirken, die man durch einen Indikator", 
den Sauerstoff, „nicht voneinander differenzieren 
kann". Übrigens ergab sich das für die Versuchs- 
technik wichtige Resultat, daß es einerlei ist, ob 
man 2 1 oder 250 ccm Wasser untersucht, die 
Werte für den Sauerstoffumsatz, die man erhält, 
sind in beiden Fällen dieselben, nämlich gute 
Mittelwerte, wie auch Loh mann es für die Er- 
mittlung der Zahl der Planktonorganismen betonte. 

V. Die Herkunft der gelösten organischen 
Stoffe im Meere. 

„Die Entdeckung der erstaunlichen Kohlenstoff- 
mengen, die gelöst im Meere vorhanden sind und 
durch Messin ger's Kohlenstoffbestimmung auf 
nassem Wege der Untersuchung zugänglich wurden, 
hat das ganze Bild, das wir uns von den Stoffwechsel- 
prozessen im Meere zu machen gewohnt waren, in 
fundamentaler Weise umgestaltet." Diese gelösten 



') Der Versuch einer Erklärung hierfür ist im Original 
nachzulesen (S. 352). D. Ref. 



komplexen C-Verbindungen wurden vom Verfasser 
als Nahrungsquelle der Wassertiere erkannt und nach- 
gewiesen („Die Ernährung der Wassertiere"). 
„Aber es blieb die F"rage offen, woher die große 
Masse der bezeichneten Nährstoffe stammt." „Man 
kann nun einmal nicht über die Tatsache hinweg, 
daß für die Verluste an verwertbarer Energie, die 
bei jedem Lebensbetrieb unvermeidlich sind, in 
letzter Linie nur die Sonnenenergie genügenden 
Ersatz schaffen kann" und „daß nicht mehr or- 
ganische Verbindungen umgesetzt werden können, 
als in photosynthetischen Prozessen entstehen". 
Eine ausschlaggebende Rolle bei der Photosyn- 
these organischer Verbindungen spielen im Meere 
jedenfalls nur die Planktonalgen. 

Die Planktonforschung nahm bisher an, daß 
,,die Leibessubstanz der Plankton- 
pflanzen, die in der Zeiteinheit produ- 
ziert wird, denselben (oder einen 
höheren) Nährwert repräsentieren müsse, 
wie die Leibessubstanz der sämtlichen 
Konsumenten." (Vom Ref gesperrt.) Verf. 
dagegen weist diese übermäßige Betonung des 
Baustoffwechsels, als prinzipiell jeder Begründung 
entbehrend zurück, und stellt seinerseits folgendes 
Postulat auf: ,,Daß in der Zeiteinheit (Zeitiichkeit 
ist wohl ein Druckfehler d. Ref) im Stoffwechsel 
der Produzenten soviel organische Verbindungen 
(gelöst oder in Organismen gebunden) 
produziert werden sollen, wie die Konsumenten 
brauchen, um einerseits ihren Bedarf an Nahrung 
zu decken (Betriebsstoffwechsel) und anderer- 
seits ihre Leibessubstanz aufzubauen (Bau Stoff- 
wechsel)" (vgl. Pütter's „Ernährung der Wasser- 
tiere" d. Ref.). 

Die Planktonalgen liefern im Licht 0,8 mg 

Sauerstoffüberschuß pro Tag und Liter, was der 

Zerlegung von 1,1 mg CO., mit 0,3 mg C entspricht 

(p. 384 des Originales). Ihre aschefreie organische 

Trockensubstanz beträgt pro Liter 0,003 mg, mit 

etwa 4270 C- Gehalt = 0,0013 ^S Kohlenstoff. 

Aus dem Sauerstoffüberschuß von 0,8 mg pro 

Tag und Liter entsprechend der Zerlegung von 

03 nig C ist also auf einen Betriebsstoffwechsel 

0,3 
zu schließen von — ' =230 mal so groß wie 
0,0013 ' 

die Leibessubstanz, soweit sie aus Kohlenstoff besteht. 
Nehmen wir als Teilungsgeschwindigkeit 12 Stun- 
den an, also vervierfachte Algenmasse am Ende 
der 24. Stunde (d. h. 4 >, 0,0013 mg C = 0,0052 
mg C), so bleibt der Betriebsstoffwechsel immer 
noch ca. 60 mal größer als der Baustoffwechsel. 
(Für diesen haben wir aber hiermit stillschweigend 
die ganz unwahrscheinliche Annahme gemacht, 
daß ihm von einer Teilung bis zur anderen die 
gesamte Leibessubstanz der Algen unterliegt. D. Ref.) 
Für die Bakterien erhält Verfasser bei Annahme 
noch größerer Teilungsgeschwindigkeit, 8 Stun- 
den von einer Teilung bis zur nächsten, also in 
24 Stunden 3 Generationen (d. h. 2'' = 8 fache 
Massenvermehrung) und bei gleich unwahrschein- 



N. F. VIII. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



23 



lieh hoch antrenommenem Bausloffwechsel sogar 
den Wert : Betriebsstoffwechsel = Baustoffwechsel 
X 780. Nun ist aber der Betriebsstoffwechsel 
auch noch aus dem Grunde viel zu niedrig an- 
gesetzt, weil nur der Sauerstoffverbrauch als 
Maß für den Stoffumsatz verwertet worden 
ist. Der vorhandene Sauerstoff (7,6 mg im 
Liter) steht aber einer Sauerstoffkapazität der 
noch oxydierbaren Substanzen von 180 mg im 
Liter gegenüber. Wenn also wirklich, wie an- 
genommen wird, alle Stoffe sich am Stoffumsatz 
beteiligen, „so muß dieser ca. 24 mal so groß sein 
wie er aus dem Sauerstoffverbrauch erschlossen 
wurde". Verf gelangt schließlich dazu, das mittlere 
Verhältnis von Bau- und Betriebsstoffwechsel im 
Meere auf i : 6000 bis i : 27000 zu schätzen, und er 
schließt diesen Abschnitt mit den folgenden Worten : 
„Wenn wir berücksichtigen, daß der Betriebsstoff- 
wechsel (im Meere d. Ref.) als mehrtausendmal 
intensiver wie der Baustofifwechsel angesehen 
werden muß ... so können wir die Frage, wo- 
her die gelösten organischen Stoffe im Meere 
stammen, mit großer Wahrscheinlichkeit dahin 
beantworten : die gelösten Kohlenstoffverbindungen 
des Meeres sind die Produkte des Betriebsstoff- 
wechsels der Meeresorganismen, speziell der Algen 
und Bakterien." 



VI. Die Grenzen der Produktion des Meeres 
an Organismen. 

Für die Grenze der Produktion der Erde an 
Pflanzen fand Liebig im sogenannten Gesetz des 
Minimum den folgenden Ausdruck: die Produktion 
an Pfianzensubstanz kann nur bis zu dem Punkt 
gehen, an dem irgendein notwendiger Stoff völlig 
aufgebraucht ist, d. h. völlig in Verbindungen im Pflan- 
zenkörper übergeführt ist. Hierbei ist das Material des 
Betriebsstoffwechsels der Pflanze, nämlich der CO., 
der Luft, nicht berücksichtigt. Brandt versucht 
dieses Gesetz des Minimum auch auf die Produk- 
tion von Meeresorganismen anzuwenden und zu 
zeigen, daß der Stickstoff, als im Minimum vor- 
handen, die Produktion regele. Aber abgesehen 
davon, daß er den sogenannten Kjeldahl-Stickstoff 
(außer NH.;) unberücksichtigt läßt und daher die 
Menge Stickstoff im Meerwasser prinzipiell unter- 
schätzt, geht nach Ansicht des Verf auch aus 
Brand t 's eigenen Zahlen hervor, „daß noch mehr 
Stickstoff im Wasser gelöst enthalten, wie in 
Form von Organismen gebunden ist." Verf. gibt 
nun nach seinen Untersuchungen das Verhältnis 
von dem im Meere gelösten Stickstoff zu dem in 
den Meeresorganismen gebundenen als 1850: i an, 
(auf 740 mg gelösten Stickstoff in looo 1 Meer- 
wasser nur etwa 0,4 mg Stickstoff in Organismen) 



— der Stickstoff ist also nicht in Brandts Sinne 
im Minimum vorhanden. Verf. stellt nun den 
Satz auf, daß „alle Fragen des Stoffhaushaltes im 
Meere in erster Linie als Fragen des Betriebs- 
stoffwechsels behandelt werden" müssen. Er 
findet, daß das 1850 fache der Stickstoffmenge und 
das 20,000 fache der Kohlenstoffmenge der Or- 
ganismen im Meerwasser gelöst sind, und zeigte 
ferner, daß höchstwahrscheinlich die Plankton- 
organismen diese gelösten Kohlenstofifverbindungen 
und Stickstoffverbindungen produzieren „da ihr 
Betriebsstofifwechsel auf etwa das 16,000 fache 
(6000—27,000) des Baustoffwechsels angeschlagen 
werden mußte". „So unsicher diese Zahlen sind, 
zeigen sie doch die Möglichkeit, daß der Betriebs- 
stofifwechsel so außerordentlich den Baustofif- 
wechsel an Intensität übertrifft, wie es der Fall 
sein müßte, wenn das Verhältnis von gelösten 
zu geformten Stoffen im Meere einen Ausdruck für 
einen Gleichgewichtszustand darstellt." 
Dieser Gleichgewichtszustand regelt den Anteil 
,,der in Form von Organismen gebunden werden 
kann , während der Rest für den Betriebsstofif- 
wechsel übrig bleiben muß" — mit der Er- 
reichung dieses Gleichgewichtszu- 
standes ist also zugleich auch die 
Grenze der Produktionsfähigkeit des 
Meeres erreicht.^) 

VII. Zusammenfassung. 

,,Nach allem dem gestaltet sich das Bild der 
Stoffumsetzungen im Meere folgendermaßen: Im 
Stoffwechsel der Algen werden in großer Menge 
lösliche Kohlenstofifverbindungen gebildet und an 
das Meerwasser abgegeben, vielleicht nachdem ein 
erheblicher Teil schon durch die den Algen an- 
haftenden Bakterien Veränderungen erfahren hat. 
Bedeutende Mengen Sauerstoff werden hierbei im 
Lichte frei, während die Bakterien (vielleicht Nitro- 
bakterien) auch im Dunkeln Sauerstoff entbinden 
können. Von den gelösten Kohlenstofifverbin- 
dungen, sowie zum sehr geringen Teil von den 
Leibern der Planktonalgen lebt die ganze Masse 
der Meerestiere, d. h. sie baut einerseits ihre ge- 
samte Körpersubstanz aus diesen Stoffen auf, und 
verwendet sie außerdem als Nahrung im Betriebs- 
stofifwechsel, und diese letztere Verwendung stellt 
vieltausendmal höhere Anforderungen an die Stofif- 
zufuhr als der Baustofifwechsel." 



') Was die Frage nach der Ursache der Armut der 
'l'ropenmeere an Planktonorganismen anlangt, will Verf. zu 
ihrer Erklärung annehmen, daß mit steigender Temperatur der 
Betriebsstofl'wechsel eine stärkere Zunahme erfährt wie der 
Baustoffwechsel, für diesen also weniger Material verfügbar 
bleibt. 



Kleinere Mitteilungen. 

Irrlichter. — Das „närrische F'euer", der 
„ignis fatuus", wie die mittelalterlichen Physiker 



das Irrlicht nannten, hat seinem Namen alle Ehre 
gemacht. Man hätte in der Tat keinen besseren 
lateinischen Ausdruck wählen können. Hat doch 
jahrhundertelang dieses ,, einfältige" Licht höhn- 



24 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 2 



lachend sein Spiel mit dem Menschen getrieben. 
Im Volke waren diese gespensterhaften ,, Tücke- 
boten" nicht wenig gefürchtet. Für verwünschte 
oder unselige Seelen hielt man sie, die weder im 
Himmel noch in der Hölle ihren Platz finden 
könnten, weil sie eines unnatürlichen Todes ge- 
storben wären. Hier und da erblickte man auch 
in ihnen höllische Geister, tückische Abgesandte 
des Teufels (wie noch Daniel Sennertus um 1650 
in seiner „Fpitome Naturalis Scientiae", Bd. 14, 
Kap. 2). Solche Unholde suchte man dann nicht 
etwa durch Gebete, wie die anderen Geister, son- 
dern durch dreistes Fluchen und Schimpfen zu 
vertreiben: „denn der Donner der Flüche treibt 
die Luft ungemein schnell vom Munde fort und 
bringt die Irrlichter so zum Erlischen", wie die 
drastische Erklärung der ,, ökonomischen Ency- 
klopädie" (von Dr. Krünitz, Berlin 1784) hierfür 
lautet. Auch in vielen gruseligen Spukgeschichten, 
die den Irrlichtern so manche Schandtaten nach- 
sagten, bekundet sich deutlich die Furcht des 
Volkes vor dieser geheimnisvollen Lichterscheinung. 

Und wie ist es heute? Nichts von alledem. 
Es scheint, als wollten die Irrlichter dem Men- 
schen zum Ärger von der Erde gänzlich ver- 
schwinden, bevor man noch mit Bestimmtheit 
über ihre wahre Natur etwas erfahren hat; und 
durch ihr immer selteneres und spärlicheres Auf- 
treten haben sie es verstanden, den Menschen von 
neuem in die Irre zu führen — diesmal aber 
nicht den müden Wanderer, sondern so manchen 
eifrigen Forscher, der da glaubt, es hätte „eigent- 
liche" Irrlichter niemals gegeben. 

Nun ist freilich nicht zu leugnen, daß das 
Wort ,, Irrlicht" im Laufe der Zeit zu einem 
Sammelbegriff für die verschiedenartigsten nächt- 
lichen Leuchtphänomene geworden ist. Die zahl- 
reichen Berichte über Irrlichter-Beobachtungen 
(H. Steinvorth bringt ein sehr umfangreiches 
Material in den ,, Jahresheften des naturwissen- 
schaftlichen Vereins für das Fürstentum Lüne- 
burg", Heft 13 u. 14) beweisen deutlich, daß viel- 
fach nur eine Verwechslung mit bekannten Er- 
scheinungen der Luftelektrizität vorliegt, so 
namentlich mit dem St. Elmsfeuer, bisweilen auch 
wohl mit dem Kugelblitz, dessen Entstehungs- 
weise freilich bis auf den heutigen Tag nicht mit 
Sicherheit aufgeklärt ist. Sehr oft waren auch die 
„Irrlichter" nichts anderes als eine Phosphores- 
zenzerscheinung an verwesenden organischen 
Stoffen, an Fleisch- oder Fischüberresten, an 
faulenden Pflanzen oder Baumstämmen u. dgl. 
Ebenso häufig entpuppten sich auch die selt- 
samen „Elflichter" als harmlose Insekten mit 
Leuchtorganen, wie die bekannten Johannis- 
würmchen (Lampyris noctiluca u. splendidula). 
Wie oft mag auch das Irrlicht, die „Trugfackel" 
nur ein „Trugbild" einer allzu leicht erregbaren 
Phantasie, eines allzu furchtsamen oder aber- 
gläubischen Gemüts gewesen sein ! 

All dies muß ohne weiteres zugegeben werden. 
Nur darf man nicht so weit gehen, daß man die 



Existenz aller anderen sog. Irrlichter, die nicht 
auf die eben angeführten oder andere bekannte 
Tatsachen zurückzuführen sind, schlechthin be- 
streitet. Obwohl die Zahl derer nicht gering ist, 
denen es trotz wiederholter, sorgfältiger Nach- 
forschungen niemals gelungen ist, ein Irrlicht zu 
beobachten, so muß es doch heute als ganz 
sicher erwiesen gelten und es ist hinreichend 
verbürgt, daß es neben diesen ,,Pseudoirrlichtern" 
auch ,, eigentliche" Irrlichter gibt, die eine beson- 
dere, für sich bestehende Gruppe der nächtlichen 
Lichterscheinungen bilden. 

Wenn man das kurz zusammenfaßt, worin die 
Aussagen glaubwürdiger und urteilsfähiger Zeugen 
(so in erster Linie des Astronomen Fr. Wilhelm 
Bessel in Poggendorfs Annalen Bd. 44, pag 366) 
übereinstimmen, so ergibt sich folgendes Bild. 
Irrlichter sind kleine, etwa der Größe einer 
Kerzenflamme entsprechende Flämmchen von 
relativ niedriger Temperatur und geringer Licht- 
stärke. Ihre Farbe wird — zum Teil wohl wegen 
der verschiedenen Beleuchtung und des verschie- 
denen Hintergrundes bei den einzelnen Beob- 
achtungen — verschieden angegeben: meist er- 
scheint sie bläulich rot, selten grünlichgelb, aber 
nie rein weiß. Sie schweben in einiger Entfer- 
nung über dem Erdboden (bzw. der Wasserfläche), 
scheinen auf jeden Lufthauch zu reagieren und 
zeigen in der Regel eine unruhige, hüpfende Be- 
wegung. Es ist aber anzunehmen, daß diese 
Ortsveränderung nur eine scheinbare ist, daß in 
Wahrheit das plötzliche Erlöschen eines Irrlichts 
und das gleichzeitige Aufleuchten eines anderen 
in nächster Nähe jenen Eindruck der Bewegung 
hervorruft (dies stimmt u. a. mit Vogel's Beob- 
achtung überein, Pogg. Ann., Bd. 82, pag. 595). 
Der eigentliche ,, Tanzplatz", die eigentliche Heim- 
stätte des Irrlichts ist jedes an stehenden Wassern 
reiches, modriges Sumpfgeläiide, vornehmlich das 
teilweise abgetorfte, aber noch nicht entwässerte 
Hochmoor. Nicht selten zeigen sie sich auch auf 
feuchten Wiesen oder bruchigem Waldboden. 
Hier und da sollen sie auch auf Kirchhöfen zum 
Vorschein kommen, doch bleibt es sehr zweifel- 
haft, ob die hier wahrgenommenen Irrlichter nicht 
durchweg mit Eimslichteiitladungen zu identifi- 
zieren sind, was keineswegs unwahrscheinlich ist, 
da sich hier an den vielen eisernen Grabum- 
zäunungen und Grabkreuzen die Spitzenaus- 
strahlung in hohem Grade geltend machen kann. 
Zu allen Jahreszeiten hat man Irrlichter beob- 
achtet : am häufigsten im Spätsommer und Herbst, 
auch im Winter hat man sie oft gesehen, dagegen 
treten sie im I'rühjahr in Deutschland so gut wie 
gar nicht in die Erscheinung. Daß man sie nur 
zur Dämmerungs- oder, wie meistens, zur Nacht- 
zeit aufleuchten sieht, ist leicht erklärlich, da sie 
eben nur schwaches Licht aussenden. Voll- 
kommene oder doch annähernd vollkommene 
Windstille scheint in allen Fällen die conditio 
sine qua non zu sein. Außerdem pflegen sie 
nebliges, und vor allem schwüles Wetter zu be- 



N. F. Viri. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



25 



Vorzügen. Hiermit dürfte die Hesclireibung der 
charakteristischen Merkmale der eigentlichen Irr- 
lichter erschöpft sein. Eine solche war vielleicht 
um so mehr am Platze, da die allgemeinen An- 
sichten über das Irrlicht sich oft in den wesent- 
lichsten Punkten nicht wenig widerstreiten, was 
einer definitiven Lösung der ganzen heikleti Frage 
natürlich sehr im Wege war. 

Nun existiert aber noch eine zweite, viel 
seltenere Gruppe von Irrlichtern, die bisher ab- 
sichtlich unerwähnt blieb, die „großen Irrlichter", 
wie wir sie nennen wollen. Von ihnen gilt ganz 
das nämliche wie von den oben beschriebenen, 
nur durch ihre Größe sind sie von ihnen unter- 
schieden. Denn haben jene annähernd die Größe 
einer Kerzenflamme, so sind diese etwa manns- 
hoch. Von glaubwürdiger Seite werden sogar 
einige von ihnen erwähnt (vgl. H. Steinvorth a.a.O., 
Heft 13, S. 32, 36, 47), deren Höhe durchschnitt- 
lich gar auf 4 — 5 m geschätzt wird. Diese 
„großen Irrlichter" sind es, die im Volke „Irr- 
wische", ,,gleunige Keerls", ,, feurige Männer", 
„Lüchtemänneken" und ähnlich genannt werden, 
was aus der oben genannten Krünitz'schen Ency- 
klopädie hervorgeht. Hier heißt es (30. Teil, 
pag. 792) ;,,... Daher nimmt man sehr oft sehr 
große F"lammen auf den Wiesen wahr, welche 
zuweilen die Größe einer Schütte Stroh und eines 
Mannes erreichen. Ein solches großes Licht 
nennt der gemeine Mann den großen Leuchter, 
die brennende Schütte, den Feuermann usw. . . ." 
Es sind demnach alle diese Namen nicht, wie 
man gewöhnlich liest, Bezeichnungen für das Irr- 
licht y.aT lt,oyJ]Y. Heutzutage gehört diese Art 
von Irrlichtern zu den größten Seltenheiten. 
Früher ist sie jedenfalls häufiger gewesen; zu 
Musschenbroek's Zeiten (um 1750) soll der 
Bolonnais, das steinkohlenreiche Gebiet in der 
Nähe von Boulogne surMer (der ehemalige pagus 
Bononiensis) an diesen „großen Irrlichtern" so 
reich gewesen sein, daß sie das ganze Jahr hin- 
durch in jeder dunklen Nacht sichtbar gewesen 
sind (vgl. M.'s „Introductio ad Philos. nat." Vol. 2, 
pag. 1061, Leyden 1762). 

Musschenbroek war wohl der erste Natur- 
forscher, der eine wissenschaftliche, heute aller- 
dings nicht mehr haltbare, Erklärung des Irrlicht- 
phänomens zu geben versuchte, die sich frei hielt 
von den abergläubischen Vorstellungen jener Zeit. 
Viele Theorien sind seitdem über die Entstehung 
der Irrlichter aufgestellt, aber noch heute ver- 
mögen wir keine befriedigende Antwort auf die 
Frage zu geben. Die Erscheinung ist eben so 
selten; und Zeit, Ort und Umstände lassen in den 
meisten Fällen eine eingehende wissenschaftliche 
Untersuchung nicht zu. 

Zwei Ansichten stehen sich heute gegenüber. 
Nach der einen liegt eine elektrische Lichterschei- 
nung vor, die andere behauptet, man hätte es hier 
mit irgendeinem Gase oder Gasgemisch zu tun. 
Für die letzte Annahme spricht die Wahrschein- 
lichkeit in hohem Maße. Denn die Irrlichter 



sind, wie schon erwähnt, stets auf solchem Boden 
beobachtet worden, in dem viele organische Sub- 
stanzen aufgespeichert sind. Wenn diese nun 
durch die Vermittlung von Mikroorganismen in 
Fäulnis übergehen, finden die verschiedensten 
chemischen Reaktionen statt, bei denen nachweis- 
lich mehrere Gase entstehen, z. B. Wasserstoff, 
Schwefelwasserstoff und andere. Man hat hier 
aber vor allem an zwei Gase gedacht : an das 
brennbare Sumpfgas (Methan, CH,) und den 
selbstentzündlichen flüssigen Phosphorwasserstoft' 
(P2H4). Doch wie es einerseits rätselhaft ist, wo- 
durch das Sumpfgas sollte entzündet werden, 
müßte andererseits bei der Verbrennung von 
Phosphorwasserstoff ein weißer, meist ringförmiger 
Rauch, sowie ein widriger, an faule Fische er- 
innernder Geruch entstehen, was man jedoch bei 
Irrlichtern niemals wahrgenommen hat. Auch 
kennen wir bisher keinen, in der Natur sich ab- 
spielenden, chemischen Vorgang, bei dem der in 
Frage kommende Phosphorwasserstoff gebildet 
wird. 

Die zweite, neuere Ansicht, daß das Irrlicht 
eine besondere Erscheinungsform der Luftelektri- 
zität ist, wird dadurch gerechtfertigt, daß es mit 
Vorliebe sich zeigt, wenn die Luft mit Elektri- 
zität außergewöhnlich stark geschwängert ist, so 
vor allem bei nebligem Wetter oder an schwülen 
Abenden vor Gewitterausbrüchen. Im übrigen ist 
die elektrische Natur der Irrlichter noch zu wenig 
erwiesen, als daß man berechtigt wäre, sichere 
Schlüsse daraus zu ziehen. Einstweilen hat sicher- 
lich die „Gastheorie" den größeren Anspruch auf 
Wahrscheinlichkeit, auch aus folgendem Grunde. 
Bekanntlich hat die fortgesetzt in großem Maß- 
stabe betriebene Drainage und Moordammkultur 
des Sumpf- und Moorgeländes, des Haupttummel- 
platzes der Irrlichter, bewirkt, daß diese von Jahr 
zu Jahr seltener werden. Der tiefere Grund hier- 
für ist nun darin zu suchen, daß infolge der Ur- 
barmachung entweder die chemischen oder die 
elektrischen Bedingungen für die Entstehung des 
Irrlichts nicht mehr in dem Maße wie früher vor- 
handen sind. Das erstere ist aber weit einleuchten- 
der, denn es ist nicht recht einzusehen, inwiefern 
eine Änderung der Bodenbeschaft'enheit die Luft- 
elektrizität so empfindlich beeinflussen könnte. 
Und daß die Lufielektrizität als solche nicht im 
Abnehmen begriffen ist, beweist die jährliche Zu- 
nahme der Gewitter. Mehr Aussicht auf Be- 
stätigung hätte vielleicht noch eine Vereinigung 
beider Theorien. Danach hätte man sich die 
Entstehung des Irrlichts so vorzustellen, daß das 
erfahrungsmäßig sich bildende Sumpfgas durch 
eine dem St. Elmsfeuer verwandte elektrische Er- 
scheinung zur Entzündung gebracht wird. Immer- 
hin ist es fraglich, ob bei der, unseres Wissens 
noch nicht festgestellten, aber allem Anscheine 
nach sehr niedrigen Normaltemperatur des Elms- 
lichtes eine solche Entzündung möglich ist. 

Es mangelt nicht an Vorschlägen für Irrlicht- 
Untersuchungen: man solle die Lichtstärke, sowie 



26 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 2 



den Wärmezustand bestimmen, man solle die 
etwaigen, das Licht ausstrahlenden Gase in 
Reagenzgläsern aufsammeln, man solle versuchen, 
das Irrlicht auf die photographische Platte zu 
bannen; doch alle diese Untersuchungsmethoden 
dürften — falls sie überhaupt zu einwandfreien 
Resultaten führen — wenig aussichtsvoll sein. 
Ein anderer, so nahe liegender Weg, auf den 
merkwürdigerweise nur selten hingewiesen worden 
ist, könnte schon eher zum Ziele führen : die 
spektroskopische Untersuchung. Jener Wunder- 
apparat, dem die Wissenschaft schon soviele 
wichtige Entdeckungen verdankt, das Spektroskop, 
würde auch hier vortreftliche Dienste leisten. 
Dureh eine einzige exakte Analyse des Irrlicht- 
spektrums würde die Streitfrage so gut wie ge- 
löst sein. Und eine solche wäre um so mehr zu 
wünschen, als man schon heute mit Gewißheit 
sagen kann, daß, wenn die nächsten Jahrzehnte 
keine wissenschaftlich unwiderlegbare Erklärung 
des Irrlichts bringen, auch der Glaube an ihre 
jemalige Existenz gänzlich dahinschwinden wird. 
Und wenn der alte Kampf mit dieser Niederlage 
der Wissenschaft endigen sollte, dann hätte der 
„ignis fatuus" seine Narrenrolle wahrlich vortreft- 
lich ausgespielt. Hjalmae Sander. 



Biologische Beobachtungen an einem 
deutschen Myriapoden, Polydesmus com- 
planatus. — Die Lebensgeschichte der deutschen 
Myriapoden ist bisher nur sehr wenig zum Gegen- 
stande eingehenderer Untersuchungen gemacht 
worden. Es liegen zwar eine Reihe von Beob- 
achtungen vor, so die von Fahre (1855), 
vomRath, Verhoeff, von Schlecht endal 
u. a., aber eine systematische Durcharbeitung ist 
bisher noch nicht geliefert worden. Vielleicht 
regen diese Zeilen zu weiteren Studien in dieser 
Richtung an. Ich habe mich selbst längere Zeit 
mit vorwiegend anatomisch-histologischen Unter- 
suchungen an Polydesmus befaßt, dabei aber 
auch vielfach biologische Beobachtungen gemacht, 
von denen hier einige mitgeteilt seien. 

Die Gattung Polydesmus gehört zu den 
Diplopoden, ist also verwandt mit den be- 
kanntesten Tausendfüßern lul us und Gl omeris 
(= Rollassel); auch der merkwürdige kleine 
Polyxenus gehört hierher. Polydesmus er- 
reicht im erwachsenen Zustande eine Länge von 
ungefähr 2 cm. Sein Körper besteht aus dem 
Kopfe und 20 hintereinander liegenden Segmenten, 
von denen die mittleren, vom 5. bis zum iS. Seg- 
ment, sich fast vollkommen gleichen und sich 
durch den Besitz von je zwei Beinpaaren aus- 
zeichnen, während die vier vorderen und die 
beiden letzten Segmente von ihnen mehr oder 
weniger verschieden sind. Während wir am 
I. Segment ein Beinpaar vorfinden, ist das 2. 
Segment ein einfacher beinloser Ring. Am 
3. und 4. Segment finden wir dann wieder nur 
je ein Beinpaar angebracht. Das 3. Segment trägt 



in beiden Geschlechtern die Genitalöfifnung. Beim 
Männchen sind es zwei Löcher, die an der Unter- 
seite der Coxen der Beine liegen. Beim Weibchen 
finden wir einen sehr komplizierten Apparat vor, 
die paarigen sog. ,, Vulven", die in einer tiefen 
Grube des 3. Segmentes liegen. Sie können weit 
über die Körperoberfläche vorgestreckt werden 
und dienen bei der Kopulation zur Aufnahme 
der männlichen Begattungsorgane und weiterhin 
auch zur Eiablage (s. Fig. i). Neben den weib- 
lichen .'\usführungsgängen befinden sich in den 
Vulven auch noch je ein Receptaculum seminis. 



cht' 





Fig. I. Polydesmus spcc. Vulva in der Ansicht von vorn- 

oben. (Original.^ chl = Chilinleisten, recs = Receptaculum 

seminis. 



Die Männchen besitzen besondere Kopulations- 
organe am 7. Segment ihres Körpers und zwar 
sind dies umgewandelte Beine, die aus zwei Ästen 
an einem gemeinsamen Stamm bestehen. Daran 
befindet sich auch ein kleines Bläschen, dessen 
Eingang von zarten Borsten umstellt ist. Das 
Bläschen dient zur Aufnahme des Spermas (s. Fig. 2). 
Erwähnt sei, daß die Spermatozoen nicht die all- 
bekannte Form haben, sondern einfache, kugelige 
Zellen sind. — Es wurde schon gesagt, daß die 
beiden letzten Segmente des Körpers, das 19. 
und 20., abweichend gebaut sind. Das 19. Seg- 
ment nämlich ist ein beinloser Ring und das 20. 
ebenfalls beinlose „Analsegment" ist durch zwei 
Klappen ausgezeichnet, die den After seitlich be- 
grenzen, die „Analklappen". Bemerkenswert ist 
am Analsegment noch ein mit feinen Sinnesborsten 
versehenes Schwänzchen. — Nach dieser kurzen 
anatomischen Einleitung können wir zu den 
Lebenserscheinungen übergehen. 

Polydesmus complanatus führt einsehr 
verstecktes Leben. Man findet das blinde Tier- 
chen unter feuchtem Laub, Steinchen, Holz, in 
alten hohlen Weiden usf Hauptbedingungen für 



F. N. VIII. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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sein Gedeihen sind Dunkelheit und kühle, feuchte 
Beschaffenheit seines Wohnortes. Vor hellem 
Lichte zieht sich das Tierchen sofort zurück, in- 
dem es lebhaft rückwärts kriecht. Dabei machen 
die 31 (resp. 30 beim S) Beinpaare eine wellen- 
förmige Bewegung-, indem sie nacheinander in 
Tätigkeit treten. Gelingt es dem Tierchen nicht, 
sich aus dem Bereiche der Sonnenstrahlen zu 
retten oder hält man es so in Gefangenschaft, 
daß es der Besonnung ausgesetzt bleibt, so geht 
es in sehr kurzer Zeit zugrunde und zwar an voll- 
ständiger Austrocknung des Körpers. Kälte und 
Feuchtigkeit sind unserem Polydesmus sehr 
zuträglich, sogar im Winter kann man die Tier- 
chen an geschützten Stellen unter altem, modern- 
den Laube usf. mit ziemlicher Sicherheit finden 




iy-^^--,- nha 



Fig. 2. Polydesmus spec. Kopuhitioiisfuß. (Origioal.) m = 
Muskulatur, hk = Chitinliakcn, hpt = Hauptast, nba = 
Nebenast, sbl = Samenblase, cisbl = Eingang zur Samcnblase. 

Der Myriapode kann weiter nur an solchen Stellen 
sein Leben fristen, wo sich kohlensaurer Kalk 
in reichlichen Mengen findet. Die chemische 
Untersuchung des Chitinpanzers gibt uns die Er- 
klärung dafür, er enthält nämlich ganz beträcht- 
liche Mengen von Kalksalz eingelagert. 

Die Nahrung des Poly desmiden ist rein 
vegetarisch. Wenn man den Darminhalt einer 
mikroskopischen Untersuchung unterzieht, so 
findet man darin neben zahlreichen feinen Erd- 
teilchen Reste von allerhand pflanzlichen Produkten 
— Blättern, Holzstückchen usf. 

Die versteckte Lebensweise der Poly des- 
miden sichert sie in hohem Maße vor Nach- 
stellungen vonseiten größerer Tiere, ja, man weiß 
noch gar nicht einmal, ob sie überhaupt von 
irgendwelchen Tieren gefressen werden. Wenn 
man auf den Fang von Polydesmus ausgeht 



und das feuchte Laub umwendet, unter dem er 
lebt, so sieht man ihn sich fluchtartig in dunklere 
Regionen zurückziehen. Und wenn man das 
Tierchen mit den Plngern fassen will, so rollt es 
sich meist spiralig zusammen und verbleibt längere 
Zeit in dieser Stellung, die man als Totstellen 
auffassen kann. Aber noch eine andere Einrich- 
tung sichert die Polydesmiden vor Feinden. Wir 
finden nämlich in einer Anzahl von Segmenten 
in den Seitenkielen Drüsen, die sog. Stink- oder 
Wehrdrüsen, Glandulae odoriferae, die einen übel- 
riechenden Saft ausscheiden, der wahrscheinlich 
ein wirksames Schreckmittel ist. Die Drüsen 
selbst habe ich genau untersucht und fand sie 
aus einem ansehnlichen Säckchen bestehend, das 
sich nach der Peripherie des Körpers zu flaschen- 
halsförmig verengt. Der Hals ist von ganz zarten 
Muskelchen sphinkterartig umgeben und mündet 
dann in einen Vorraum, in dem das Sekret, be- 
vor es durch die Saftlöcher (Foramina repugna- 
toria) ausfließt, gesammelt wird. Die chemische 
Untersuchung des Saftes ergab bei Paradesmus 
gracilis, daß es sich dort um Blausäure handelt 
(Guldensteeden-Egeling). 

Während man, wie erwähnt, von äußeren 
Feinden von Polydesmus nichts Bestimmtes 
weiß, kennt man hingegen eine Reihe von Para- 
siten, die ihn befallen. Von Ektoparasiten sei 
eine kleine Milbe erwähnt, die nicht einmal die 
Größe der Kuppe einer Insektennadel erreicht. 
Das Tierchen klammert sich an die Beine seines 
Wirtes fest und erscheint bei der Betrachtung als 
Beulchen. Von Entoparasiten kennt man beson- 
ders G r e g a r i n e n , die im Darmkanal schmarotzen, 
einige Nematoden und endlich Mer'mis (vom 
Rath). Pflanzliche Parasiten, die das befallene Tier 
fast stets zugrunde richten, sind die Schimmelpilze. 

Besonders interessant sind die Fortpflanzungs- 
erscheinungen, die ich mehrfach zu beobachten 
Gelegenheit hatte, wenn auch nicht lückenlos in 
ihrem ganzen Verlaufe. Es liegen aber mehrfach 
Beobachtungen der Autoren vor, so daß sich un- 
gefähr folgendes Bild ergibt. — Zweimal im Jahre 
findet die Begattung statt, im Frühling und im 
Herbste. Auch dieser Vorgang spielt sich wie 
das ganze Leben des Tieres überhaupt im Dunkeln 
ab. — Wie wir erwähnten, münden die männ- 
lichen Geschlechtsdrüsen an der Basis der Beine 
des 3. Segmentes nach außen ohne einen Penis 
zu bilden. Dagegen finden wir am 7. Segment 
die merkwürdigen Kopulationsfüße, deren Samen- 
bläschen vor der Begattung mit Sperma gefüllt 
werden müssen. Diesen Vorgang und die darauf 
folgende Kopulation schildert uns Fabre mit 
folgenden Worten: „Bevor das Männchen zu einer 
Paarung schreitet, erhebt es den vorderen Teil 
seines Körpers und indem es ihn S-förmig krümmt, 
nähert es das 2. Segment (das 3. Segment! — 
d. Verf.) dem 7., d. h. es stellt eine Verbindung 
her zwischen seinen Geschlechtsöffnungen und 
dem Kopulationsorgane. Ich habe sogar bei 
Polydesmus, wo die Beobachtung leichter ist. 



28 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 2 



den Augenblick erfassen können , in dem ein 
Spermatröpfchen aus jeder Geschlechtsöft'nung 
austrat und alsbald von den Chitinpinselchen auf- 
genommen wurde, welche die inneren Aste der 
Kopulationsfüße tragen. Alsdann dringt ohne 
Zweifel das durch das Kürstchen festgehaltene 
Tröpfchen durch die in der Mitte des Haarkranzes 
liegende Öffnung und gelangt so in den darunter- 
liegenden bläschenförmigen Hohlraum. Dieser 
Hohlraum spielt also die Rolle eines Recepta- 
culum seminis. Nach diesen unerläßlichen Vor- 
bereitungen begibt sich das Männchen auf die 
Suche nach einem Weibchen. Die Vorbereitungen 
werden wahrscheinlich nicht 7,u jeder Paarung 
von neuem getroffen. Nach mehreren vergeh 
liehen Versuchen des Männchens, auf den Rücken 
des Weibchens zu steigen, gelingt dies schließlich 
doch. Das Männchen ergreift das Weibchen mit 
seinen Kiefern beim Nacken. Es kippt dann seit- 
lich um und läßt sich so herabgleiten, daß es 
Bauch gegen Bauch mit dem Weibchen zu liegen 
kommt. In dieser Stellung ragt es dann ein 
wenig über das Weibchen hervor, sein Mund liegt 
über dem Nacken des Weibchens, während dieses 
das Männchen mit seinen Kiefern erfaßt. Der 
Zwischenraum zwischen dem 6. und 7. Segment 
des Männchens schwillt dann an, läßt den Apparat, 
den es birgt, hervortreten und stellt ihn den 
Vulven gegenüber, die endlich die Kopulations- 
füße aufnehmen. Während dieses Aktes ist das 
Hinterende des Körpers in vollständiger Ruhe, 
während die Antennen und die den Kopulations- 
organen benachbarten Beine in fortwährender Be- 
wegung sich befinden, so daß man sich über die 
Wichtigkeit des Vorganges, der sich da abspielt, 
nicht täuschen kann." — Über die Dauer der 
Kopulation gehen die Beobachtungen auseinander. 
Während vom Rath angibt, sie dauere zwei 
Tage, sagt Fahre, sie sei schon nach einer 
Viertelstunde beendet. Fr fügt noch hinzu : ,,Peu 
apres la Separation le male se met ä la recherche 
d'une autre femelle, en meme temps sa premiere 
compagne est loin d'etre insensible aux caresses 
d'un second male." 

Nach etwa 30 Tagen legt das Weibchen seine 
Fier ab und zwar in ein eigens zu diesem Zwecke 
verfertigtes kunstvolles Nestchen, dessen Bau ich 
in diesem Frühjahr beobachtet habe. Das Nest 
hat etwa die Gestalt eines Kohlenmeilers, dem 
oben ein zierlicher Hohlzj'linder aufgesetzt ist, 
durch den der Luftwechsel stattfinden kann 
(s. Fig. 3). Kurz vor der Eiablage beginnt das 
Weibchen mit dem Bau. Es fertigt zunächst 
einen feinen Ringwall an, auf dem es zusammen- 
gerollt liegt so, daß der Kopf das Hinterende be- 
rührt. Der Umfang des Ringwalles entspricht also 
der Länge des Tierchens, d. h. beträgt ungefähr 
2 cm. Wenn man sich Zeit und Mühe nimmt, 
das Bauen weiter zu verfolgen, so macht man 
eine merkwürdige Entdeckung. Das Hinterende 
des Tierchens bleibt beständig auf dem Ringwall, 
während Kopf und Vorderkörper die Umgebung 



des Nestchens absuchen. Das Weibchen befühlt 
dabei mit seinen Antennen lebhaft das Material 
und man kann deutlich wahrnehmen, wie es davon 
mit dem Munde aufnimmt. Wenn es sich ge- 
nügende Mengen von Erde usf. einverleibt hat, 
so steigt es wieder vollständig auf sein Nestchen 
und haut weiter. Man sieht dann ab und zu, wie 
der Endahschnitt des Enddarmes zwischen den 
chitinigen Analklappen ausgestülpt wird und wie 
kugelige Kotbailen aus ihm austreten, untermischt 
mit einem glashellen Sekret. Die Kotballen 
dienen zum Nestbau, während das Sekret den 
Mörtel darstellt, der das Baumaterial, die Erd- 
und Holzteilchen in den Kotballen, bindet. Mit 
der Lupe kann man deutlich sehen, wie Stück für 
Stück dem Rande der Glocke angefügt wird, wie 
das Tierchen die Stelle des Bauens mit dem aus- 
gestülpten Enddarm betupft, wie es diesen dann 
wieder zurückzieht, einige Male auf dem Nestchen 
herumkreist und das Fertige mit den Antennen 
befühlt, wie um die Güte des Nestes zu prüfen. 
Das genannte Sekret wird aus einer Drüse ab- 
geschieden, die im Hinterende des Tieres über 
und zu den Seiten des Enddarmes sich ausdehnt 
und vermittels paariger Gänge in die Afterhöhle 
mündet. Meine Beobachtungen stimmen mit 
denen überein, die von Schlechtendal über 
den Nestbau veröffentlicht hat. — Wenn das Nest 
eine gewisse Größe, etwa 7.. der Höhe erreicht 
hat, legt das Weibchen seine Eier hinein, etwa 
100 an der Zahl, was ^ ^ Stunden dauert. Die 




Fig- 3- ^cst von Polydesmus complanatus. (Originat) 

Eier treten durch die Vulven nach außen und 
werden durch ein klebriges Sekret zusammen- 
gehalten, das wahrscheinlich einer drüsigen Masse 
in den Vulven entstammt. Sicherheit darüber 
konnte ich leider nicht erzielen. Wenn die Eier 
abgelegt sind, wird das Häuschen geschlossen und 
durch den schon genannten Schornstein gekrönt. 
Den Bau dieses zierlichen Gebildes konnte ich 
nicht beobachten. Wird das Tierchen beim Nest- 
hau oder der Eiablage gestört, so zieht es sich 
zurück, um bald darauf wieder zur Stelle seiner 
Tätigkeit zurückzukehren und das unterbrochene 
Werk fortzuführen. Sicherlich wird es dabei 
durch seinen Geruchssinn geleitet, der an die 
Antennen gebunden ist. Eine Zeitlang nach der 
Fertigstellung des Nestes hält das Weibchen hei 



N. F. VIII. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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diesem Wache, um es dann seinem Schicksale zu 
überlassen. Nach etwa 12 — 15 Tagen schUipfen 
die jungen Polydesmiden aus. Es sind kleine 
weiße Larven mit nur drei Beinpaaren und 
7 Segmenten. Wenn sie die Eihüllen durchbrochen 
haben, so fressen sie sich vermöge ihrer kräftigen 
Mandibeln durch die Wand des Nestchens durch, 
um eine Zeillang sich in seiner Nähe aufzuhalten 
und dann ihre eigenen Pfade zu wandeln. Bis 
zum ausgebildeten Zustande durchlaufen die Tiere 
sieben vorbereitende Stadien, während welcher 
die Zahl der Segmente und Reinpaare allmählich 
ergänzt wird. Die Kopulationsfüße kommen erst 
mit der letzten Häutung zum Vorschein. Die 
neugebildeten Ringe schieben sich stets zwischen 
dem vorletzten (19.) und dem Analsegment (20.) 
ein. — Wenn Polydesmus sich zur Häutung 
anschickt, so verkriecht er sich in die Erde, macht 
sich dort ein kunstloses Nestchen und verharrt 
darin lo— 12 Tage mit starr abstehenden Beinen 
und vorne umgeschlagenem Kopfe Endlich wird 
die Haut abgestreift. An der Exuvie kann man 
alle Chitiiiteile erkennen: die Ringe, Beine, An- 
tennen, Mundwerkzeuge, Kopulationsfüße, Vulven, 
die Auskleidungen von Vorder- und Enddarm usw. 
Pliysiologische Angaben über den Häutungsvor- 
gang verdanken wir Verhoefif. Es sei nur sein 
Autoreferat darüber wiedergegeben (Zool. Cen- 
tralblatt 1901, 89): „Betrachten wir eine abgelegte 
Exuvie mikroskopisch, so zeigt sie sich verdünnt 
im Verhältnis zum gewöhnlichen Hautskelett und 
dicht besetzt mit Körnern verschiedener Größe. 
Diese Körner sind ein Salz, das durch die Wirkung 
der Harnsäure erzeugt wird, indem dieselbe, 
auf das Hautskelett wirkend, das Chitin nicht, 
wohl aber den Kalk aufzulösen vermochte. Dieser 
Kalk bildet die Innenschicht, die Säure macht 
dieselbe verschwinden und erzeugt die Salzkörner. 
Das Hautskelett wird aber dadurch so geschmeidig 
gemacht, daß es von dem häutungsbedürftigen 
Tiere verlassen werden kann. Aus dem starren 
Panzer wird ein geschmeidiges Hemd." 

Dr. phil. W. Effenberger, Jena. 



Die Seismometer. — Einem aus dem Leser- 
kreise geäußerten Wunsche nachkommend geben 
wir heute in Ergänzung zu dem Aufsatz von A. 
Sieberg über Erdbeben (Bd. VI, Seite 785) eine 
Beschreibung der Prinzipien, welche dem Bau der 
Seismometer zugrunde liegen, wobei wir uns den 
lichtvollen Auseinandersetzungen anschließen, wel- 
che Prof Wiechert auf der Dresdener Natur- 
forscherversammlung 1907 zu diesem Thema ge- 
geben hat. 

„Die vollständige Bestimmung der Erdboden- 
bewegungen verlangt die Kenntnis von drei Kom- 
ponenten : zweier horizontaler (etwa Nord-Süd und 
Ost-West) und der vertikalen Komponente. So 
ergibt sich eine natürliche Scheidung der Seismo- 
graphen in Horizontal- und in Vertikal-Seismo- 
grapheii. 



Die Seismologen pflegen die schwere Masse, 
deren Relativbewegungen gegen das Gestell durch 
das Schreibwerk aufgezeichnet werden, die „sta- 
tionäre Masse" zu nennen. — Bei den Horizontal- 
seismometern sind zur Aufhängung der sta- 
tionären Masse vornehmlich drei Prinzipien in 
Gebrauch (Fig. l): i. Das Prinzip des verti- 
kalen Pendels. Die stationäre Masse bildet 
dann den Körper eines gewöhnlichen, herabhängen- 
den Pendels. Je länger das Pendel gemacht wird, 





Vertikales HoiizonUilpendel. Verkehrtes Pendel. 

Pendel. 

Fig. 1. Horizontalseismometer. 



um SO empfindlicher wird die Aufhängung, denn 
um SO geringer wird die Kraft, welche die statio- 
näre Masse bei Ablenkungen in die Ruhelage zu- 
rückführt; man merkt die wachsende Empfindlich- 
keit an dem Größerwerden der Eigenperiode. — 
2. Das Prinzip des Horizontalpendels. Den- 
ken Sie sich, um dessen Wesen einzusehen, ein 
gewöhnliches Pendel mit recht kräftiger, zunächst 
horizontal gelagerter Achse. Nun werde die 
Achse aufgerichtet. Je steiler man sie stellt, um 
so geringer wird die Kraft, mit der die Pendelmasse 
in die Ruhelage zurückgeführt wird, um so größer 
wird damit auch die Schwingungsperiode. Schließ- 
lich, wenn man die Achse hinten überneigt, kann 
man das Pendel sogar labil machen. In der Praxis 
der Erdbebenpendel wird die Achse nahezu ver- 
tikal gestellt, um die Empfindlichkeit recht hoch 
zu machen , so daß das Pendel in einer nahezu 
horizontalen Ebene schwingt; so erklärt sich der 
Name „Horizontalpendel". — 3. Das Prinzip des 
„umgekehrten Pendels". Hier ist das Pen- 
del sozusagen auf den Kopf gestellt, so daß es 
zunächst labil ist. Durch passend angebrachte 
Paedem wird es dann stabil gemacht. Indem man 
die Federkraft reguliert, hat man es in der Hand, 
die Eigenperiode, also die Empfindlichkeit, mehr 
oder weniger hoch zu legen. 

Bei Vertikalseismometern muß man 
die stationäre Masse von Federn tragen lassen, 
um die vertikale Beweglichkeit zu erzielen (Fig. 2). 
Da man die p-edern in der Regel nicht nachgiebig 
genug machen kann , um den Anforderungen an 
Empfindlichkeit der Aufhängung zu genügen, so 
sieht man sich genötigt, irgend einen Kunstgriff 



30 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vni. Nr. 2 



anzuwenden, um die Empfindlichkeit zu erhöhen, 
man muß ,,as lasieren". Das geschieht z. B., 
wenn man die stationäre Masse von der Feder 
nicht direkt, sondern durch Vermittlung eines hori- 
zontalen Hebels tragen läßt. Die Achse des Hebels 
sitzt dann an einem Ende des Hebels, das andere 
trägt die stationäre Masse; die Feder greift da- 
zwischen an. Noch mehr und beliebig hoch läßt 
sich die Empfindlichkeit steigern, wenn der An- 
griffspunkt der Feder nach unten, unter die Ebene 
durch Achse und Schwerpunkt gerückt wird. Es 
gibt noch eine Reihe anderer Methoden der Asta- 
sierung, doch ist es nicht nötig und nicht angäng- 
lich, hier näher darauf einzugehen. 

Für die Empfindlichkeit des Seismo- 
met ers ist die Empfindlichkeit der Aufhängung, 
die sich an der Höhe der Eigenperiode beurteilen 




Direkte 
Aufhängung. 



Einfacher Hebel. Hebel mit tiefgelegenem 

Angriffspunkt. 

Fig. 2. Vertikalseismometer. 



läßt, noch nicht allein entscheidend. Offenbar 
kommt es noch darauf an, in welcher Vergröße- 
rung die Bewegungen der stationären Masse auf- 
gezeichnet werden. Dies hat zur Folge, daß für 
die Empfindlichkeit eines Seismometers 2 Größen 
maßgebend sind. Als eine davon können wir die 
Vergrößerung annehmen, in der der Apparat Erd- 
erschütterungen aufzeichnet, die im Verhältnis zu 
seiner Eigenperiode sehr schnell verlaufen. Ich 
nenne sie die „I n d i k a t o r v e r g r ö ß e r u n g" und 
will sie mit V bezeichnen. Bei Erdbebenbewegun- 
gen, die langsam gegenüber der Eigenperiode 
verlaufen, kommt es auch auf diese Eigenperiode 
an, und zwar ergibt die mathematische Theorie, 
daß bei sehr langsamen Erdbodenbewegungen 
die Größe der Aufzeichnungen proportional mit 
dem Produkt VT'- ist, wenn 7" die Eigenperiode 
kennzeichnet. Statt T- kann man auch die Länge 
L eines mathematischen Pendels nehmen, welches 
die gleiche Eigenperiode haben würde, denn die 
Länge eines solchen Pendels ist proportional mit 
T-. Es gilt nämlich die P'ormel : 



/.: 



47r- 



7'-, 



in der g die F"allbeschleunigung bedeutet. Als 
Maß für die Empfindlichkeit bei sehr langsamen 
Bodenbewegungen hätten wir hiernach auch das 
Produkt VL. Es bedeutet eine Länge — ich will 
sie mit / bezeichnen : 

T-=VL 



und „In d i ka t o r 1 ä n ge" nennen — , die bei 
Horizontalseismometern eine sehr anschauliche 
Bedeutung hat: sie gibt die Länge eines einfach 
herabhängenden Zeigers an , der bei Neigungen 
des Gestelles eben dieselben Ausschläge geben 
würde wie das Seismometer. Demgemäß ist 
7?= 1/206000 / der Ausschlag des Instrumentes 
für eine Bogensekunde Neigung. 

Ich möchte hier noch die Bemerkung einschal- 
ten , daß ein jedes Horizontalseismo- 
meter, wie kompliziert immer auch 
seine Ko nstrukt ion sein mag, sichdoch 
den Erdbodenbewegungen gegenüber 
geradeso wie ein einfaches Pendel von 
der Länge L verhält, das einen Zeiger 
von der Länge / besitzt (Fig. 3). — Sie 
werden vielleicht fragen, warum man dann die 



= Pendellänge. 

y I ^= Indikatorlänge. 

^ = V ^ Indikatorvergrößerung. 

Achse, vom Uhrwerk gedreht und 
verschoben. 

Papierband für die Registrierung. 

Spannrolle. 




^n^ 




Fig. 3. .Schema der Horizontalseismographen. 

komplizierten Konstruktionen überhaupt anwendet 
und nicht stets ein einfaches Pendel als Vorbild 
nimmt. Darauf ist zu antworten, daß dieses aus 
praktischen Gründen nicht angeht. Mein Hori- 
zontalseismograph mit einer stationären Masse 
von 1000 kg entspricht in der gewöhnlichen Re- 
gulierung einem einfachen Pendel von 36 Meter 
Länge mit einem Pendelkörper von lOOO kg und 
einem Zeiger von 7200 Meter Länge. Sie werden 
leicht begreifen, daß es unmöglich wäre, ein sol- 
ches Instrument herzustellen und mit ihm zu 
arbeiten, so einfach auch der zugrunde liegende 
mathematische Gedanke ist. Das Einfache ist 
eben nicht in allen Fällen auch das Praktische. 

Sind V und 7 oder — was auf dasselbe hin- 
ausläuft — V und /, oder V und E bekannt, und 
weiß man , wie groß die Reibung im Gehänge 
und wie groß die Dämpfung der Schwingungen 
ist, so sind alle Daten beisammen, um aus den 
Ausschlägen des Instrumentes durch die Rechnung 
auf die Bewegung des Bodens zu schließen. Der 
Zusammenhang wird durch eine Differential- 
gleichung 2. Ordnung vermittelt. Nach dem Ge- 



N. F. VIII. Nr. 2 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



31 



sagten werden Sie erkennen, daß für sehr schnell 
verlaufende Bodenbewegungen die Indikatorver- 
größerung F, bei sehr langsamem Verlauf die 
Indikatorlänge / entscheidend ist; dazwischen 
kommen beide Größen zur Geltung. „Schnell" 
und „langsam" sind hier gegenüber der Eigen- 
periode des Instrumentes zu beurteilen. So wird 
verständlich , daß je nach der Lage der Eigen- 
periode das Instrument mehr die kleinen Perioden 
in dem Erdbeben oder mehr die großen bevor- 
zugt. Schwingt das Instrument ungedämpft, und 
liegt seine Eigenperiode im Bereich der Perioden 
bei dem Erdbeben, so wird es durch Resonanz 
besonders stark auf seine Eigenperiode reagieren. 
Das erhöht zwar unter Umständen sehr seine 
Empfindlichkeit, ist aber höchst störend, wenn ein 
klares Urteil über den Verlauf der Erderschütte- 
rungen gewünscht wird, denn das übermächtige 
Auftreten der Eigenperiode läßt nichts anderes 
deutlich zur Geltung kommen. Die Instrumente, 
welche zum Studium der Erdbebenwellen 
dienen sollen, müssen daher eine starke Dämpfung 
erhalten, wenn man nicht die Periode sehr hoch 
(i Minute und darüber) oder sehr niedrig (i Se- 
kunde und darunter) legen kann, was meist aus 
technischen Schwierigkeiten nicht angängig ist. — 

Ich sagte vorhin, daß die Registrierung der 
Erdbebenwellen sehr hohe instrumentelle Anfor- 
derungen stellt. Dies wird hervortreten, wenn 
ich nun einige Angaben über die Empfindlichkeit 
der Instrumente mache, die für den praktischen 
Gebrauch in Betracht kommen. 

Handelt es sich um die Aufzeichnung der 
großen V\' eltbeben, so ist eine Neigungsempfind- 
lichkeit £ = 1 mm für I Bogensekunde , ent- 
sprechend einer Indikatorlänge / von 200 Meter, 
nur noch in besonderen F"ällen hinreichend, man 
muß i; :=: 5 — 50 mm, entsprechend / ^= 1000 
bis 10 000 Meter erstreben. Eine Indikatorver- 
größerung V von nur 10 ist nur noch bei ganz 
großen oder verhältnismäßig nahen Beben zu- 
reichend, man muß 50 oder lOO oder 200 erstre- 
ben. In den kleinen Erdbeben, wie sie in Mittel- 
europa auftreten, zeigen sich hauptsächlich sehr 
kurze Perioden (höchstens ein paar Sekunden) und 
sehr geringe Bewegungen. Will man diese in 
einigen Hundert Kilometer Entfernung noch re- 
gistrieren, so findet man, daß selbst eine 200 fache 
Vergrößerung noch wenig befriedigend oder ganz 
ungenügend ist. Ich habe deshalb in Göttingen 
für diese Erdbeben noch ein besonderes Instrument 
aufgestellt, das 2100 mal vergrößert." 

Natürlich ist bei photographischer Registrierung 
die Erzielung hoher Empfindlichkeit sehr viel 
leichter zu erreichen, als bei mechanischer, da der 
Lichtstrahl, auch wenn er noch so lang ist, nichts 
wiegt und beim Auftreffen auf photographisches 
Papier keine Reibung erzeugt. Ein photographieren- 
des Horizontalpendel kann daher in kleinen Di- 
mensionen und im Gewicht von 20 — lOO Gramm 
hergestellt werden; nur stellt sich der Betrieb sehr 
teuer und daher bleibt man auf den meisten 



Stationen auf die mechanische Registrierung an- 
gewiesen, bei der zur sicheren Überwindung der 
Reibungen die stationäre Masse sehr groß gemacht 
werden muß. Die Wiechert'schen Pendel haben 
Massen von 1000 kg bzw. 17000 kg. Die letztere, 
gewaltige Masse, welche durch einen mit Schwer- 
spat gefüllten Eisenzylinder von 2 m Höhe und 
2 m Durchmesser dargestellt wird, gehört zu dem 
oben erwähnten Instrument mit 2 100 maliger Ver- 
größerung. Mit diesem Instrument konnte aber 
auch z. B. am 16. September 1906 die Explosion 
eines Forts in Besangon zu Göttingen deutlich 
wahrgenommen werden und die Maschinen des 
Göttinger Elektrizitätswerkes , das 2 V2 ^^ von 
der Erdbebenwarte entfernt liegt, bedingen eine 
feine Wellung der Seismogramme, vermöge deren 
der Betrieb des Elektrizitätswerkes genau kontrol- 
liert werden kann. Selbst in den unterirdischen 
Befestigungen der Insel Helgoland, wo das Instru- 
ment zeitweilig aufgestellt war und eine sonst 
nirgends erreichbare Ruhe zeigte, traten doch hin 
und wieder nervöse Zuckungen des Lichtpunktes 
und fortwährende leichte Bewegungen auf. 

Bis Mitte 1907 gab es auf der Erde im ganzen 
126 Stationen mit registrierenden Erdbebenmessern. 
Fast die Hälfte davon entfällt auf das über die 
ganze Erde ausgedehnte englische Netz. Deutsch- 
land hat 15 inländische Stationen, denen sich 
neuerdings je eine in Apia (Samoa-Inseln), Dar- 
es - salam und Kiautschau zugesellt hat. Die 
meisten Stationen sind mit Horizontalpendeln aus- 
gestattet, während die Zahl der Vertikalseismo- 
meter noch sehr gering ist. — Mit Hilfe der 
Potsdamer, in 25 m Tiefe unter dem Erdboden 
aufgestellten Horizontalpendel hat O. Heck er 
kürzlich auch die Deformationen des Erdkörpers 
unter dem Einfluß von Sonne und Mond sehr 
deutlich nachweisen können. Aus dem Betrage 
dieser Gezeitenerscheinung am festen Erdkörper 
ergibt sich, daß diesem etwa die Starrheit des 
Stahles zukommt. Kbr. 



Bücherbesprechungen. 

Otto zur Strassen, Die neuere Tierpsycho- 
logie. Vortrag in der zweiten allgemeinen Sitzung 
der 79. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Ärzte zu Dresden. Druck und Verlag von B. G. 
Teubner, Leipzig und Berlin, 1908. 
Der Verfasser macht uns in geschickter Weise 
mit den verbreitetLten Anschauungen der modernen 
Tierpsychologie bekannt. Als Vertreter des psycho- 
physischen Parallelismus behandelt er in erster Linie 
das rein ins Gebiet der Physik und Chemie fallende 
Problem des tierischen Bewegungsmechanismus, erst 
ganz am Schlüsse spricht er sich über die Zuordnung 
des Psychischen aus. Das für alle Wissenschaft 
obligatorische Prinzip der Ökonomie veranlaßt ihn, 
nicht nur dem Menschen, sondern auch den Tieren 
ein Bewußtsein zuzuschreiben. Bis zu welcher Stufe 



N.itur\vissonsoluirtlk"ho WooluMischrift. 



\. K. VUI Nr 



iti der Tierreihe er die F.iiilegung des Psychischen 
ausgodohnt wissen will, erfahren wir nicht. 

Ansicrsbach. 



Sammlung naturwissenschaftlich pädagogischer 
Abhandlungen. Hor.iusgegeben von Trof. Dr. 
l\ Sohnicil in M.irlnirg ;\. l,. und Trof. Or. W. 
B. Schmidt in l.eip/ig, /.weiter Hand. Mit .\b- 
hildungen im Texte. Leiprig und Berlin. Druck 
und Verlag von B. G. Teubner, looS. — Preis 
13 Mk. 

Der umfangreiche Rmd, der eine reiche (Quelle 
nicht nur fvir die Methodik des Unterrichts ist. son- 
dern auch viel .tweckdienliches L'nterrichtsniaterial 
bringt. enthSlt die folgenden Abhandlungen : 

1. Die Bedeutung des F.xpcr:mentes tiir den Ihiter- 
richt in der Chemie (von M. Wehner"!, 11. Sind Tiere 
und rtlan^en beseelt? Lehrstort" für den Unterricht 
in Prima im Anschluß an die philosophische Propä- 
deutik (^F. HiiokK 111. Beiträge lur Metliodik des 
botanischen l'nterrichts ^F. Schleichertl, IV. Der dy- 
niuuologische 1 ehrg-ang. Versuch einer geschlossenen 
Naturkunde ^K.. Renuisl, V. Beiträge zur Geschichte 
und Methode des chemischen Unterrichts in der 
Volksschule ^^R. Böttgert. VI. Die meteorologischen 
Elemente und ihre Beobachtung mit Ausblicken auf 
Witterungskunde und Klimalehre. Unterlagen tür 
schulgemäiSe Behandlung sowie nun Selbstunterricht 
l^O. Meit.Mier\ Vll. Der Lehrplan tur den Unterricht 
in Xaturkur.de, historisch und kritisch betrachtet 
(^P. HenklerK \"1U. Ph\-siologie und Anatomie des 
Menschen nüt Ausblicken auf den ganzen Kreis der 
Wirbeltiere in methodischer Behandlung (^F. Kienitz- 
Gerloftl 



Anregungen und Antworten. 

Herrn W. Z. u\ B. — i. Oie wicliügslen Werke über 
Pflantenbiologie siuJ folgende. .-Vn erster S'.cUe muli 
Siels das kUissische Werk A. von Kerner"s genannt »erden: 
Ptlantcnicben : 1 Bde. Leipiig iSoo — ot (antiq, clw.i 15 Mk.V — 
Zur F.inluhrung in d»s Studium dieses Wissenscliatlsiweiges 
sind folgende Lehrbüelier craptehlenswerl : Fr. Ludwig, 
Lelirbuoh der Biologie der Prtanien (Stuttgart 1805); und 
J. Wiesner, Biologie der Pflanien ^W\en 1SS9 und 1902, 
2, .-Kutl. ; bildet Bd. HI von desselben Verf. Elemente der 
\vissenscliat\liolien Botanik ; mit vielen l.iter.itunitalenl ; ferner 
W. M i g u 1 a, riUnienbiologie 1 t^uelle v"ic Meyer, Leipzig ; S Mk.). 
— Ein g.mt ausgeicichneles Werk über Biologie der Blüten ist: 
E, L o e w . Einführung in die Blütenbiologie auf historischer 
Grundlage ^Berlin, K. Dümmlers Verl. lS95'>; dieses ist un- 
entbehrlich tvir jeden, der speziell in dieses reich entwickelte 
Gebiet eindringen will. Derselbe Verl", tchrivb: Blütenbio- 
logische Kloristik d, miulcrcn und nördlichen Eurojxx ^Stult- 



gatt 18041, und in IVlonio's Naturvv. Wochenschrift iSSo eine 
„.Vnleitnng «u bliitenbiologischen Beobachtungen", die jeder 
lesen muB. der selbst solche Studien treiben will. Ein 
kleineres Werk über Blütenbiologie ist: R. Knulh, Grund- 
rifi der Blütenbiologie (Kiel und Leipzig, l.ipsius u, Tischer, 
1S94I. K. Knuth begrüiulele das umt'angreiche, verdienstvoUo 
Handbuch der Blütenbiologie (4 Bde., W. Engelmann, Leiptig, 
iSoS — tooö), das nach seinem Tode von O. .\ppel und E. 
U o e w vollendet wurde. Ein gutei .\bschnilt über Blüten- 
biologie tindet sich in W. 1. Behrens, l.ehibuch der .Mlg. 
Botanik, 5. .Xutl. iSo4. Hie Beziehungen »wischen Blumen 
und Insekten wird behandeln: O. Kirchner, Blumen und 
Insekten ^wird 1000 bei reubner-l.eiprig erscheinen!. — Es 
gibt natürlich wahllose -Vbhandhingeu über biologische The- 
mata ; von wichtigeren seien hier noch genannt ; (.>. K i r c h - 
ner, Bestäubungseinrichtungen der Blüten (Stuttgart, 1900 — 
IftOl) ; viele .\rbeiten von K, G oebel, besonders seine Pflanzen- 
biologischen Schilderungen (Marburg, iSSo— o,;; 3 Peile; 
etwa 15 Mk. antiii V — Die Beziehungen der Pflanzen Mittel- 
europas in ihrer l'mgebung behandelt das großangelegte, im 
Erscheinen begritVene Werk : Kirchner, L o e w und 
Schröter, Lcbensgcschichle der Blütenpflanien Mitteleuropas 
(Stuttgart, E. l'lmerV 

i. Da die Blütezeit tur jeden Ort eines größeren Gebietes 
wie Deutschland sehr verschieden ist. so ist es schwierig, 
tur ein so großes llebict einen sog, B 1 ü t e n k a 1 e n d e r auf- 
zustellen, d. h. ein chronologisches Verzeichnis, in dem die 
Pflanzen nach ihrer BUihperiode, dem Beginn und l'nde ihres 
Blühens angeordnet sind (E. Beiche, Blütenkaleuder der 
deutschen Phaaerogamenllora, J Bde., 1S73. 3Mk.l Dagegen 
kann man recht wohl für einen einzelnen Bezirk die verschie- 
denen Phasen des Blühens durch jahrelange Beobachtungen 
ermitteln und einen gewissen konstanten .Mi ttel t ermin lur 
einen bestimmten Beobaehtungsort festlegen. Der Blüten- 
kalender wird lur jeden Ort ein anderer sein (z. B. L. 
Beisse nberger, Beitrag tu einem Kalender der Elora von 
llermannsladt, in .\rohiv för Siebenbürgische Landeskunde, N. 
K. XXVI, 1S95. ^- 57^^- "• Hoffmann hat liir Gießen die 
Mittelwerte der Hauptphasen von über lioo Prtanzenarten 
in alphabetischer .\nordnung der .Vrten mitgeteilt (Berichte 
der Deutsch. Bot. Gesellschalt IV iiSSo] p. JiSo— 300I. E. 
Gohn schildert ^Dic Pflanze, 1SS2, S. 142) einen Pflanzen- 
kalender liir Breslau (vgl. Ludwig, Lehrbuch der Biologie 
der Pflanze, S. 147V — Man bezeichnet die Wissenschaft, die 
sieh mit der zeitliehen Entwicklung des Pflanzenlebens im 
Laufe eines Jahres (vornehiulich mit der Belaubung, dem .\uf- 
blühen, der Eruchtreife, der Laubvert^rbung, dem Laubfall^ 
und ihrer Beziehung zum Klima beschäftigt, als P h ä n o 1 o g i e. 
Untersuchungen dieser .\rt gehen bis auf Linne zurück. In 
seiner ,,Philosophia botanica" 1,1751! findet man p. 2'2 einen 
Blütenkaleuder für l'psala (beginnt mit 17 -Vpril: Hepatica). 
Ein eifriger Förderer phänologischer Bcoliachtungen aus 
neuerer Zeit ist besonders 11. Hoffmann in Gießen gewesen 
(vgl, seine ,,Phänologischen Mitteilungen" in den „Berichten 
der Oberhessischen Gesellschaft lur Xatur- und Heilkunde" 
und von 1000 an in den „.Abhandlungen der Naturforschen- 
den Gesellschall in Nürnberg"!. Seine Studien wurden auf- 
genommen und fortge>etzt von Ihne (vgl, dessen Geschichte 
der phänologischen Beobachtungen, in H o f f m a n n und Ihne, 
Beitr;ige zur Phänologie. Gießen 1SS4!. Drude (Deutschlands 
Pflanzengeographie. Stuttgart 1S95!, Knuth (für Holstein) 
u. a. Ihne l<at tur bestmimte Gebiete Kärtchen entwott'en, 
die sich auf Fragen der klimatographischen Phänologie be- 
ziehen, so z. B. eine des Frühlingseinzugs in Europa (in Peter- 
maim's Mitteilungen 1905; abgedruckt .luch in .Meyer's Kon- 
vcisatiouslexikon 6. .\ui',. X\ . 11. Ilarms. 



Inhaltt Prof, .\, P ü 1 1 e r ; „Die Ernährung der Wassertiere" und „der Sloffhaushalt des Meeres". — Kleinere Mitteilungen: 
ll'almac Sander; Irrlichter. — Dr. phil. W. E ffenbergcr; Biologische Beobachtungen ;ui einem deutschen Myria- 
poden, Polydesmus complanatus. — Prof. Wiechert; Seismomeier. — Büclierbesprechungen : Otto zi:r Strassen: 
Die neuere Tierpsychologie, — S;immlung n.Uurwissenschaftlich-pädagogischer .Abhandlungen. — Anregungen und 
Antworten. 



Verantwortlicher Redakteur : 



Prot'. Dr. 11. Potonie, Groß-Lachtetielde-West b. Berlin. VcrUig von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. ^G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neur l-olif Vlir. l;uw\ 
Tr a^n/rii K«llic XXIV. I 



Sonntag, den 17. Januar 1909. 



Nur/irfjer li. 



Die Salamander und die ursprünglichsten vierbeinigen Landwirbeltiere. 



! Naclidruck verboten, j 



Von Vr. J. Vemluy», l'fivatrlozirtit a. 'J. Univcrtilät <ii>-li<-ii. 



Noch nicht ganz fünfzig Jahre sind vergangen, 
seit Darwin und Wallacc uns ihre Begrün- 
dung der Abstammungslehre gegeben haben. 
Jetzt erst fing diese Lehre an unsere Anschauungen 
über die lebende Welt zu beherrschen. Sic lehrte 
uns, daß jeder Organismus seine an Umbildungen 
oft reiche Stammesgeschichtc hat. So wie die 
Gesamtheit der Gesetze eines Staates sich erst 
verstehen und würdigen läßt, wenn man sich auf 
geschichtlichen Hoden stellt und die Verhältnisse 
und Bedürfnisse der Zeit berücksichtigt, in welcher 
jedes Gesetz entstanden i.st, so wird auch der 
Körperbau eines Tieres uns erst verständlich sein 
können, wenn wir seine Bildungsgcschichtc in den 
1 lauptzügen ermittelt haben. Vieles im Bau der 
ricre, was uns sonst befremdend erscheinen 
müßte, hat schon dadurch eine Krklärung gefunden. 

h.s hat sich denn auch seit der .Mitte des 
vorigen Jahrhunderts eine Keihc hervorragender 
Forscher darum bemüht, den Bau des men.sch- 
lichen Körpers, seine F!,ntwicklung und seine 
individuellen Abweichungen aus der Vergangen- 
heit zu erklären. Dieses Streben führte zur Auf- 
stellung einer Reihe von hypothetischen .Stamm- 
formen, deren Bau sich demjenigen bekannter 
Tiere mehr oder weniger genau anschloß. Man 
hat versucht, den Bau unserer Stammformen bis 
in die weiteste Vergangenheit zu rekonstruieren. 

Schien auch die Lösung dieses Problems im 
.Anfang nicht sehr schwierig, so hat doch eine 
mehr eingehende I'rüfung gezeigt, daß wir von 
der endgültigen Beantwortung vieler Fragen noch 
weit entfernt sind, (jar zu viele wichtige Tier- 
formen sind ausgestorben und uns entweder nicht 
oder nur unvollständig als I""ossiIien bekannt. F^s 
bleiben große Lücken im Stammbaum der Wirbel- 
tiere, zu deren Ausfüllung die Tatsachen nicht 
ausreichen. Da kann man vorläufig nur durch 
hypothetische F'ormen den .Stammbaum ergänzen, 
dadurch die verschiedenen Möglichkeiten be- 
leuchten und Anhaltspunkte finden für neue 
Untersuchungen. 

Es hat nun in der Entstehungsgeschichte der 
höheren Wirbeltiere eine sehr wichtige Zeit ge- 
geben, da unsere Stammformen vom Wasserleben 
zum Leben auf dem Lande übergegangen sind. 
Da wurde der Bauplan ausgebildet, der den Aus- 
gang gegeben hat für die Organisation aller 
höheren Landwirbeltiere. Manches schwierige 
Problem würde bei Kenntnis dieses Bauplans 
seiner Lösung näher gebracht werden. Es ist 
eine unserer wichtigsten Aufgaben den Bau dieser 
ersten vierbeinigen I^ndwirbeltiere , der ersten 
Tetrapoden, zu ermitteln. 



Vergleichende Anatomen, F^mbryologen und 
Zoologen haben sich denn auch vielfach dem 
.Studium jener lebenden 'I'icrc zugewendet, welche 
den ersten Ictrapoden am näch-Stcn stehen. Das 
sind die Amphibien. 

Dabei hat man im Anfang bei stammes- 
gcschichtlichen Untersuchungen ziemlich allgemein 
angenommen, daß unter den lebenden Amphibien 
die Salamander oder Sc;hwanzlurche jenen ältesten 
Tetrapoden so nahe ständen, daß sie selbst wohl 
als Ausgangspunkt für den Bau aller anderen 
Land Wirbeltiere, besonders auch der Säugetiere, 
gelten dürften. Dieser Standpunkt hat viele 
Untersuchungen beherrscht. Ist er nicht richtig, 
dann ist Nachprüfung in mancher FVage erwünscht. 
Darin liegt die große Bedeutung einer richtigen 
Beurteilung der Organisation der Schwanzlurche. 
Ihre Ähnlichkeit mit den ersten Tetrapoden abzu- 
wägen, ihren Charakter als ursprüngliche Tiere zu 
prüfen, das ist eine wichtige Aufgabe. 

.Meine eigene Meinung geht dahin, daß die 
.Salamander in mancher Hin.sicht umgebildete 
Tiere sind, die weder den ersten 'Tetrapoden noch 
den .Stammformen der Reptilien und Säugetiere 
in jeder Hinsicht nahe stehen. Bei ihnen auf- 
tretende Organisationszustände dürfen erst nach 
sorgfältiger Prüfung als Ausgangspunkt für die 
Zustände höherer Wirbeltiere verwertet werden. 

Von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich hier 
einige Betrachtungen über die Organisation der 
Schwanzlurche oder Salamander geben. Dabei 
gliedert sich das 'Thema in zwei Abschnitte. 

F,rstens gibt es unter den .Salamandern einige 
Arten, die F'Lschlurche, welche so vollständig 
Wassertiere sind und einen so einfachen Bau auf- 
weisen, daß sie namentlich früher als sehr ur- 
sprüngliche Tiere betrachtet wurden, welche den 
Fischen noch sehr nahe ständen. Dies muß erst 
geprüft werden, denn wäre es richtig, so brauchten 
wir den Grundplan der ersten I^ndwirbeltiere 
nicht weiter zu suchen; er wäre uns in jenen 
Arten gegeben. 

Wir werden sehen, daß diese Ansicht nicht 
richtig ist. Die zweite Aufgabe meiner Aus- 
führungen wird es sein, darzulegen, daß auch die 
typischen Salamander, die Salamandrinen, in 
mancher Hinsicht umgebildete 'Tetrapoden sind. 

F'angen wir mit den Fischlurchen an, 

.Man unterscheidet dabei zwei kleine Gruppen 
von Arten, die Kiemenlurche oder Perenni- 
branchiata und die JJerotremen. Erstere ver- 
danken ihren Namen dem Besitze von äußeren 
Kiemen, welche in einem Büschel auf beiden 
-Seiten hinter dem Kopfe hervorragen ^Fig. i;. Es 



34 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 3 



gehört dazu der ziemlich bekannte 01m oder 
Proteus, der in einigen Höhlenseen Östeireichs 
lebt, dann Necturus und die Armmolche S i r e n 
und Pseudobranchus, alle aus Nord- Amerika. 
Erst 1894 wurde dann in Texas noch eine fünfte 
Gattung der Kiemenmolche entdeckt, Typhlo- 
molge rathbuni, die wie der 01m unterirdisch 
lebt. Alle bekannten Exemplare der Typhlo- 
molge, etwa ein Dutzend, wurden merkwürdiger- 
weise mit dem Wasser eines 188 Fuß tiefen 
artesischen Brunnens lebend heraufbefördert. Die 
Figur 1 bringt eine Abbildung dieser noch nicht 
allgemein bekannten Art. 




Fig. I. 'I'y p h lo m olge rathbuni, nach Black ford 
,,Nature": ^j^ nat. Größe. 




Fig. 2. Amphiuma means, Aalmolch, nach Brehm's 
Tierleben; '/a nat. Größe. Der dunkle Fleck etwas nach 
vorne vom Vorderbeine ist der Kicmenspalt, der hier zeit- 
lebens offen bleibt. 

Den typischen Salamandern oder Salamandrinen 
etwas ähnlicher sind die Derotremen. Dazu ge- 
hören der japanische Riesensalamander (Mega- 
lobatrachus), der Hellbender (Crypto- 
branchus oder Menopoma) und der in 
Figur 2 abgebildete Aalmolch (Amphiuma). 

Es seien nun zuerst einige Merkmale der 
Kiemenlurche und Derotremen hervorgehoben, 
welche als ursprünglich gedeutet worden sind, 
indem diese Tiere hierin eine von den Fischen 
zu den Salamandrinen hinüberleitende Organisation 
zeigen sollten. 

Erstens besitzen alle Fischlurche, mit alleiniger 
Ausnahme des Riesensalamanders, zeitlebens offene 
Kiemenspalten wie die Fische (vgl. Fig. 2). Bei 



den übrigen Amphibien, auch bei den Salaman- 
drinen. kommen offene Kiemenspalten nur den 
Larven zu ; bei den Reptilien, Vögeln und Säugern 
treten dieselben nur während der Entwicklung 
auf. In der Kiemenregion liegen bei allen Fischen 
einige aus Knorpel oder Knochen bestehende 
paarige Skeletspangen, die Kiemenbogen ; es sind 
wenigstens 5 solche Spangen beiderseits vorhan- 
den. Die Salamandrinen besitzen nur 2 solche 
Bogen. Bei den Fischlurchen sind sowohl 4 wie 
3 und 2 Bogen gefunden worden, also Zahlen, 
welche von den Fischen zu den Salamandrinen 
überleiten. 

Einen ähnlichen Übergang zeigen nach 
C. Rabl die Gliedmaßen. Es sollen die 
Fischlurche besonders in der geringen 
Zahl ihrer Zehen (es gibt Arten mit nur 
2 und 3 Zehen) Zustände darbieten, welche 
von den Flossen der Lungenfische zu den 
4- und 5 -zehigen Füßen der Salamandrinen 
^ , überleiten. 

Auch das Geruchsorgan einiger Kiemen- 
TfT- molche zeigt einen sehr einfachen Bau. 

=^~ Namentlich fehlt beim Olm und bei 

~ Necturus ein Jacobson'sches Organ, die- 

ses rätselhafte Nebensinnesorgan der Nasen- 
höhle, welches den anderenSchwanzlurchen 
zukommt, allen Fischen aber fehlt und 
welches sich, soweit jetzt ersichtlich, erst bei den 
Stammformen der Landwirbeltiere entwickelt haben 
muß. 

Da die Tatsachen darauf hinweisen, daß Larven 
oft ursprünglichere Verhältnisse aufweisen als die 
erwachsenen Tiere, so war es wichtig, als für ver- 
schiedene Organe der Fischlurche nachgewiesen 
wurde, daß ihr Bau demjenigen der Larven der 
Salamandrinen ähnlich ist. Dies konnte damals 
nur als ein Zeichen der primitiven Organisation 
der Fischlurche gedeutet werden. 

Wir sehen aus diesen Beispielen, die ich noch 
vermehren könnte, daß die Fischlurche wirklich 
im Bau verschiedener Organe sich mehr als die 
Salamandrinen den F"ischen nähern. Und es ist 
sehr erklärlich, daß im Anfang der von der Ab- 
stammungslehre beherrschten Untersuchungs- 
periode den Fischlurchen eine sehr tiefe Stellung 
im Stammbaum der Tetrapoden zugewiesen wurde ; 
diese Auffassung schien sehr gut begründet. 

Und dennoch kommt diese tiefe Stellung im 
System den Fischlurchen nicht zu. Die Fisch- 
lurche sind nicht die ursprünglichsten Salamander, 
welche auf niedrigerer Entwicklungshöhe stehen 
geblieben sind, während die typischen Salamander 
eine höhere Entwicklungsstufe erreichten und jetzt 
nur noch als Larven das ursprüngliche Fisch- 
lurchstadium durchleben. Die sehr große Ähn- 
lichkeit namentlich der Kiemenlurche mit den 
Salamanderlarven ist nur eine Folge davon, daß 
erstere auch Larven sind, aber Larven, die sich 
nicht mehr, wie ihre Stammformen das getan 
haben müssen, zu vollkommenen Salamandriden 
entwickeln. Der Übergang der Larve zum er- 



N. F. VIII. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



35 



wachsenen Salamander, die Verwandlung oder 
Metamorphose, ist bei ihnen unvollständig ge- 
worden oder unterbleibt gänzlich. 

Boas hat zuerst betont, daß die Kiemenlurche 
Salamandcrlarven sind, welche die Fähigkeit, sich 
umzuwandeln, verloren haben, aber dennoch ge- 
schlechtsreif wurden und sich dann im Laufe der 
Zeit in Anpassung an ihr beständiges VVasserleben 
in mehrfacher Hinsicht umbildeten. Die Dero- 
tremen sind nach Boas Salamander, die im 
Übergangsstadium von der Larve zum Erwachsenen, 
also in der Verwandlung, stehen geblieben sind. 

Der Gedankengang der von Boas gegebenen 
Beweisführung ist etwa folgender; 

Während die erwachsenen Salamander nach 
dem Grundplan eines Landtieres gebaut sind, 
leben ihre Larven im Wasser und haben sich im 



An einem Beispiele, welches ich Unter- 
suchungen von Boas entlehne, möchte ich dies 
erläutern. 

Die erwachsenen Salamander atmen durch 
Lungen, wenigstens soweit nicht Verkümmerung 
derselben eingetreten ist. Die gut entwickelten 
Lungenarterien (Fig. 3A: 4 und /) führen den 
Lungen aus dem Herzen (durch den aus letzterem 
hervorgehenden Arterienstamm st) sauerstoffarmes 
Blut zu, welches in den Lungen aus der Luft 
Sauerstoff aufnimmt. Der Salamanderzustand 
schließt an denjenigen der Lungenfische, beson- 
ders Ceratodus, an und dürfte demjenigen der 
Stammformen der Tetrapoden nahe stehen. 





Fig. 3. Arterienbogen der Salamander, schematisch, aus Boas, Lehrbuch der Zoologie, 4. Auflage. 

A erwachsenes Tier, B Larve, ao Aorta, br Kieme (abgeschnitten, am zweiten und dritten Bogen fortgelassen ; der vierte 

Bogen hat keine Kieme), ca Kopfarterie, / Lungenarterie, sl aus dem Herzen nach vorne führender Arterienstamm; 

I — '' erster, 2 — 2' zweiter, 3 — 3' dritter, 4 — 4' vierter Arterienbogen; la — 3« erste bis dritte zuführende Kiemenarterie; 

ib—Z/i erste bis dritte abführende Kiemenarterie. Das Blut strömt vom Herzen durch das Gefäß st und die Arterienbogen 

(1-3 Fig. A) oder die zu- und abführenden Kiemengefäße (1(7-30 und id—zb Fig. B) zur großen Körperarterie, zur AorV^iio. 



Laufe der Zeit dem Wasserleben immer mehr 
angepaßt. So haben sie Unterschiede gegenüber 
den erwachsenen Tieren erworben, welche bei 
der Verwandlung ausgeglichen werden. Es haben 
sich larvale Organisationszustände ausgebildet, 
von denen sich nachweisen läßt, daß sie keine 
ursprünglichen sind und daß sie den erwachsenen 
Stammformen der Salamander nicht zukamen. 

Es zeigen nun die Fischlurche auch solche 
larvale Anpassungen; ja, diese Anpassungen gehen 
noch weiter. Es bleiben die Tiere ja zeitlebens 
Wasserbewohner, es entwickelt sich aus ihnen 
kein Landtier mehr. Und dadurch ist es möglich 
geworden, daß einige Organe Llmbildungen zeigen, 
welche derart sind, daß sich niemals mehr ein 
erwachsener, landbewohnender Salamander aus 
ihnen entwickeln könnte. Die Anlage des Baues 
der erwachsenen Salamander, die den Larven 
immer zukommen muß, zeigt bei den Fisch- 
lurchen Verkümmerungen. 



Während des Larvenlebens aber herrschen in 
Anpassung an das Wasserleben andere Zustände. 
Die Lungen funktionieren dann nicht als Atmungs- 
organe, denn die Larven sind Wasserbewohner, 
welche durch Kiemen atmen (Fig. 3 B, br). Wenn 
die Lungen nun durch die Lungenarterien (4 und/) 
wie bei den Erwachsenen sauerstoffarmes Blut 
zugeführt bekämen, so würde in den Lungen, da 
jene noch nicht funktionieren , Sauerstoffmangel 
eintreten. Diese Schwierigkeit, eine Folge des 
Fehlens einer Kieme im Verlauf des 4. Arterien- 
bogens (Fig. 3B: 4), ist durch eine Änderung 
des Kreislaufs während des Larvenlebens in 
folgender Weise beseitigt. Durch ein Verbindungs- 
gefäß jeder Lungenarierie mit einem der abführen- 
den Kiemengefäße (Fig. 3B: 4' mit ib) wird den 
Lungen sauerstoffreiches Blut aus einer der 
äußeren Kiemen der Larve zugeführt. Das Blut 
strömt also vom Herzen durch das Gefäß 3 a zur 
Kieme und dann durch 3/', 4' und / zur Lunge. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 3 



Das Verbindungsgefäß 4' kommt auch den er- 
wachsenen Salamandrinen (Fig. 3 A) und dem 
Lungenfisch Ceratodus zu, aber bei diesen Tieren 
strömt das Blut darin von der Lunge ab, indem 
ein kleiner Teil des durch Gefäß 4 aus dem 
Herzen kommenden Blutes nicht durch p zur Lunge, 
sondern durch 4' zur Aorta geht. Bei den Larven 
folgt das Blut in Gefäß 4' nicht dieser ursprüng- 
lichen Richtung, sondern strömt der Lunge zu. 
Der Abschnitt der Lungenarterien aber, der sich 
vom Herzen bis zu diesem Verbindungsgefäß er- 
streckt (Fig. 3B: 4) ist bei den Larven sehr zart, 
so daß nur sehr wenig oder kein sauerstoffarmes 
Blut aus dem Herzen unmittelbar den Lungen zu- 
geführt wird. Wir haben hier also eine An- 
passung der Larve an ihre Lebensbedingungen. 

Die Kiemenlurche nun schließen sich im Bau 
dieser Gefäße (4, 4' und p) entweder ganz den 
Salamandrinenlarven an , oder es ist bei ihnen 
Rückbildung eingetreten. So fehlt bei einigen 
Arten der Anfangsabschnitt der Lungenarterien 
(4 der Figur 3), der bei den Larven wegen der 
späteren Lungenatmung der Erwachsenen vorhan- 
den sein muß. Schon dadurch kann bei diesen 
Kiemenlurchen sich niemals mehr der Kreislauf 
der erwachsenen Salamandrinen ausbilden. Die 
Kreislaufzustände der Kiemenlurche entfernen sich 
weiter vom ursprünglicheren Zustande des Lungen- 
fisches Gerat odus , als dies beim typischen Zu- 
stande der erwachsenen Salamandrinen der Fall 
ist. Es kann der Kreislauf der Kiemenlurche nur 
von dem der Salamandrinenlarven abgeleitet 
werden; die Kiemenlurche zeigen in dieser Be- 
ziehung keine ursprünglichen Verhältnisse, aus 
denen sich die Kreislaufszustände der erwachsenen 
Salamandrinen entwickelt haben könnten. 

Von den Derotremen zeigt der Hellbender 
(Cryptobranchus oder Menopoma) durch- 
aus larvale Verhältnisse der Lungenarterien (wie 
in Figur 3 B ist Gefäß 4 sehr schwach ; das Blut 
geht durch 4' und p zur Lunge) ; Riesensalamander 
und Aalmolch schließen sich mit ihrer gut ent- 
wickelten Lungenarterie (Fig. 3 A, 4 und p) mehr 
den erwachsenen Salamandrinen an. Die vor- 
liegenden Zustände sind nicht leicht zu deuten; 
ich kann hier darauf nicht näher eingehen. 

Auch andere Organe der Fischlurche, beson- 
ders der Kiemenlurche, zeigen einen Bau, der 
demjenigen der Salamandrinenlarven ähnlich ist, 
der aber in mehreren F"ällen den Stammformen 
der Salamandrinen anscheinend nicht zukam. Die 
ganze Organisation der Kiemenlurche ist eine 
larvale. 

Dies läßt sich nur erklären durch die Annahme, 
daß die Kiemenlurche sich entwickelt haben aus 
Salamandrinenlarven, deren Verwandlung ausblieb. 
Daß dies möglich ist, läßt sich sicher begründen, 
denn man kennt bei den typischen Salamandern 
alle Übergänge einer etwas unvollkommenen Ver- 
wandlung bis zu einer vollständigen Unterdrückung 
derselben. Man nennt diese Erscheinung Neotenie 
und spricht von neotenischen Larven, wenn das 



Larvenleben sich über die normale Zeitdauer aus- 
dehnt, so daß die Verwandlung viel später als 
gewöhnlich stattfindet oder gänzlich unterbleibt. 
Solche Larven, welche man auch von den in 
Deutschland einheimischen Wassermolchen her 
kennt, können sich fortpflanzen. Bei der Sala- 
mandrinengattung Amblystoma pflanzen bei- 
nahe alle Arten sich nur in der gewöhnlichen 
Weise als erwachsene Tiere fort. Bei einer Art 
aber, Amblystoma tigrinum, nähert sich die 
Geschlechtsreife bei vielen Arten sehr der Ver- 
wandlung und kann unmittelbar nach derselben 
eintreten. Nicht selten aber pflanzen schon die 
Larven dieser Art sich fort, und dann findet die 
Verwandlung, jedenfalls oft, nicht mehr statt. In 
bestimmten Gegenden findet man Larven, die 
Axolotl, die regelmäßig als solche geschlechtsreif 
werden und bei denen die Verwandlung so selten 
ist, daß man die Larven als einen Kiemenlurch 
unter dem Namen Siredon beschrieben hat. 

Genau so muß man sich die Stammformen 
der Kiemenlurche entstanden denken. Eine will- 
kommene Bestätigung dieser von Boas zuerst 
vertretenen Ableitung der Kiemenlurche hat die 
Untersuchung des Kiemenlurches Typhlomolge 
rathbuni durch Fräulein E. T. Emerson ge- 
bracht. Dieselbe hat ergeben, daß diese Art sich 
in ihrem Bau, auch in einigen Details, den Larven 
eines nordamerikanischen Salamandrinen, Speler- 
pes ruber, sehr nahe anschließt. Daneben 
zeigt sie schon einige Anpassung an ihr unter- 
irdisches Wasserleben. Es ist demnach kaum 
zweifelhaft, daß dieser Kiemenlurch sich entwickelt 
hat aus der neotenischen Larve eines Salamanders 
der F"amilie Plethodontidae , der auch Speler- 
pes ruber angehört. 

Denkt man sich Salamandrinen, bei denen die 
Neotenie fixiert wurde, wie das ja beim Axolotl 
nahezu schon der Fall ist, so würden diese Tiere allen 
Anforderungen entsprechen, die an die Stamm- 
formen der Kiemenlurche gestellt werden müssen. 
Seit ihrer Entstehung haben dieselben sich dem 
Wasserleben mehr anpassen können, als es sonst 
die Salamandrinenlarven tun können. Denn sie 
brauchten sich niemals mehr zu Landtieren um- 
zuändern, während bei den Larven die Anpassung 
ans Wasserleben doch immer in gewissen Grenzen 
gehalten wird durch die Anforderungen des 
späteren Landlebens und die beschränkte Um- 
bildungsmöglichkeit bei der im Freien stattfinden- 
den IVIetamorphose. So zeigen einige Kiemen- 
lurche eine erhebliche Streckung des Körpers, 
auch des Rumpfes, wodurch die Gestalt mehr 
aalartig wird. Diese Streckung ist eine Anpassung 
ans Wasserleben. Aber aus einem Tiere mit er- 
heblich verlängertem Rumpfe konnte bei der 
Verwandlung kaum mehr ein Tier sich entwickeln, 
das imstande wäre, wie die typischen Salamander, 
sich mit seinen Gliedmaßen auf dem Lande fort- 
zubewegen; dazu wäre die Entfernung von vor- 
deren und hinteren Gliedmaßen zu groß. Ob- 
gleich dieselbe Streckung des Körpers auch für 



N. F. Vin. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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die Larven der Salamandrinen vorteilhaft sein 
dürfte, da ja die Lebensweise ähnlich ist, findet 
diese Streckung dennoch nicht statt; durch die 
Bedingungen des späteren Landlebens erscheint 
sie ausgeschlossen. 

Ich hoffe, daß es jetzt klar sein wird, wie wir 
die Organisation der Kiemenlurche beurteilen und 
weshalb wir das so tun. Sie sind aus neoteni- 
schen Larven entstanden \ denn ihre Organisation 
ist annähernd dieselbe wie diejenige der Larven 
und kann nur aus dieser abgeleitet werden, nicht 
umgekehrt. Ein direkter .Anschluß der Kiemen- 
lurche an die Fische besteht nicht, und anderer- 
seits können die Salamandrinen sich nicht aus den 
Kiemenlurchen entwickelt haben. Über den Bau 
der ursprünglichsten Tetrapoden lehren die 
Kiemenlurche uns also nicht mehr, als die 
typischen Salamander und deren Larven. 

Etwas anders, als die Organisation der Kiemen- 
lurche, muß diejenige der Derotremen beurteilt 
werden. Auch sie sind keine ursprünglichen 
Salamander. Aber von typischen Larven kann 
man sie nicht ableiten, denn sie zeigen eine 
Mischung von Charakteren erwachsener Salaman- 
der und Larven. Die einfachste Erklärung dieser 
eigentümlichen Erscheinung ist wohl folgende. 
Die Deortremen stammen ab von typischen Sala- 
mandern, welche vollständig zum Wasserleben zu- 
rückgekehrt waren. Die Verwandlung, welche 
dazu dient, im Bau der Larven die für das Land- 
leben notwendigen LTmänderungen herzustellen, 
verlor dabei größtenteils ihre Bedeutung, sie 
dehnte sich über eine immer längere Zeit aus, 
und schließlich trat dann bei den noch unvoll- 
kommen umgebildeten Tieren schon Geschlechts- 
reife ein. Einige Organe behielten die ursprüng- 
liche Umwandlung beinahe vollständig bei, andere 
gaben sie ganz oder größtenteils auf, behielten 
den larvalen Bau. So schließt M e n o p o m a sich 
im Schädel den erwachsenen Salamandern an, in 
seinem Kreislauf herrschen aber noch larvale Ver- 
hältnisse vor. 

Größtenteils vollendet wird die X'erwandlung 
beim Riesensalamander. Dagegen bleibt Meno- 
p o m a auf mehr larvaler Entwicklungshöhe stehen ; 
der Riesensalamander ist also von diesen nahe 
verwandten Gattungen diejenige, die den gemein- 
samen Stammformen am nächsten steht. 

Eine ähnliche Rückbildung der Verwandlung 
dürfte der Aalmolch durchgemacht haben. 

Für die Kiemenlurche Siren und Pseudo- 
branchus wird vielleicht die Ableitung von 
neotenischen Larven zur Erklärung ihres Baues 
nicht ganz ausreichen: auch für sie muß möglicher- 
weise eine allmähliche Verkümmerung der Ver- 
wandlung, wie für Riesensalamander und Meno- 
p o m a , angenommen werden. 

Aber wie steht es dann mit den vielen Merk- 
malen der Fischlurche, welche von so manchem 
Forscher als sehr ursprünglich gedeutet wurden, 
welche an die Stammformen der Tetrapoden er- 
innern sollten ? 



Darauf muß an erster Stelle geantwortet 
werden, daß zwar ein Organisationszustand, der 
bei den Fischlurchen auftritt, nicht mehr deshalb 
als ursprünglich betrachtet werden darf, daß aber 
doch bei Larven so oft während der Entwicklung 
primitive Zustände mehr oder weniger vollkommen 
wiederholt werden, daß diese auch bei den Sala- 
mandrinenlarven und dann auch bei den Fisch- 
lurchen auftreten können. Der eigentümliche Ur- 
sprung der Fischlurche schließt also das Auftreten 
sehr ursprünglicher Verhältnisse nicht aus, läßt 
diese im Gegenteil erwarten, aber nur insoweit 
diese auch den Larven der Salamandrinen, deren 
Organisation sie ja wieder erworben haben, zu- 
kommen. Vielleicht stammen die Fischlurche 
auch teilweise von sehr ursprünglichen Salaman- 
dern ab, und können dadurch ursprüngliche Merk- 
male zeigen, welche bei allen anderen Salaman- 
dern und auch bei deren Larven verloren ge- 
gangen sind. Allein es stellt sich doch heraus, 
daß mit dem neu erworbenen Einblick in die 
Stammesgeschichte der Fischlurche mehrere der- 
jenigen Eigenschaften, welche als ursprüngliche 
betrachtet worden sind, das nicht sein können. 
So wird es klar, daß die schon erwähnte, von 
Rabl versuchte Ableitung der Szehigen Glied- 
maßen der Tetrapoden aus den Flossen der 
Lungenfische, wobei er die 2- und 3-zehigen 
Gliedmaßen einiger Fischlurche als Etappen des 
Entwicklungsganges verwertet hat, nicht haltbar 
ist. Sie ist schon von M. Fürbringer wider- 
legt worden, und auch ich kann die geringe Ent- 
wicklung der Extremitäten und die niedrigere 
Zehenzahl bei einigen Fischlurchen nur einer Ver- 
kümmerung zuschreiben. Mir scheint, daß hier 
zweifellos die Folgen einer Rückkehr zum Wasser- 
leben hervortreten. Während bei den Larven der 
Salamandrinen im allgemeinen die Gliedmaßen, 
wenn auch spät, eine kräftige Ausbildung erreichen, 
da ja die erwachsenen Tiere beinahe immer ans 
Land gehen, ist bei den Fischlurchen im An- 
schluß an ihr ständiges Wasserleben eine Rück- 
bildung der Gliedmaßen möglich geworden und 
bei allen auch eingetreten. Denn im Wasser ist 
das Körpergewicht äußerst gering; es genügen 
viel weniger kräftige Gliedmaßen, es zu tragen. 
Wollen die Tiere sich schneller fortbewegen, 
dann schwimmen sie, ohne sich dazu ihrer Glied- 
maßen zu bedienen. Dabei finden wir die am 
wenigsten entwickelten Gliedmaßen bei denjenigen 
.Arten, welche sich in der Streckung des Rumpfes 
am meisten der schwimmenden und gleitenden 
F'ortbewegung angepaßt haben. Auch tritt bei 
verschiedenen Exemplaren derselben Art eine 
große Variabilität auf, wie man das öfters findet, 
wenn Rückbildung vorliegt. Bei ein und derselben 
Art, dem .Aalmolch, kennt man Exemplare, deren 
Füße I, 2 und 3 Zehen besitzen; es kommt sogar 
vor, daß bei einem Tiere die Zahl der Zehen 
links und rechts verschieden ist. 

Schwieriger ist es, für die einfachen Zustände 
der Nasenhöhle, namentlich für das Fehlen des 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 3 



Jacobson'schen Organes beiNecturus und beim 
Olm EU entscheiden, ob Rückbildung vorliegt und 
ob sich diese dann mit dem VVasserleben in Zu- 
sammenhang bringen läßt. Seydel, dem wir 
wesentlich unsere Kenntnisse auf diesem Gebiete 
verdanken, glaubt letzteres nicht annehmen zu 
dürfen. 

Er weist darauf hin, daß das Jacobson'sche 
Organ sich bei den Larven der Salamandrinen 
schon ziemlich frühzeitig anlegt und noch vor der 
Verwandlung seine vollkommene Ausbildung er- 
reicht. Seydel schließt hieraus, daß dieses 
Organ schon funktioniert bei den älteren Larven, 
welche doch ausschließlich Wasserbewohner sind, 
und dann kann auch, meint er, im Wasserleben 
des 01ms und Necturus kein Grund für eine 
Verkümmerung liegen. 

Demgegenüber möchte ich nun aber hervor- 
heben, daß ein Organ, auch wenn es erst beim 
erwachsenen Tiere in Tätigkeit tritt, bei der Larve 
doch schon gut entwickelt sein kann. Es er- 
scheint durchaus nicht notwendig, daß die voll- 
kommene Ausbildung aller derjenigen Organe, 
welche nur beim Landleben von Bedeutung sind, 
bis zur Verwandlung aufgeschoben wird. Letzteres 
erscheint nur notwendig für diejenigen Organe, 
deren vollkommener Zustand für das Wasserleben 
der Larven nicht geeignet ist, wie z. B. die Kreis- 
laufsorgane. Aber für andere Organe darf man 
das nicht immer erwarten. Denn es läßt sich 
verstehen, daß die Verwandlung, wegen der Ge- 
fahr, welche sie für das Leben der Tiere mit sich 
bringt, eine so geringe ist, wie die Verhältnisse 
es nur erlauben. Dementsprechend ist es nicht 
befremdend, wenn einige Organe schon während 
des Larvenlebens, wenn auch spät, die voll- 
kommene Ausbildung erreichen, welche erst für 
die höheren Ansprüche des Landlebens notwendig 
ist. So sind ja die Gliedmaßen bei den Larven 
doch auch schon einige Zeit vor der Verwand- 
lung viel besser ausgebildet, als für ihre geringen 
Leistungen während des Wasserlebens erforderlich 
ist; diese Entwicklung wird wohl nur erreicht, 
weil sie später notwendig ist für die Fortbe- 
wegung auf dem Lande, welche ja an die Glied- 
maßen viel höhere Ansprüche stellt. 

Die vollständige Ausbildung eines Organes 
bei den Larven einige Zeit vor der Verwandlung 
bedeutet also nicht, daß dieses Organ schon beim 
Wasserleben in vollem Maße funktioniert. Ich 
kann denn auch dem von Seydel hervorge- 
hobenen Grund für den ursprünglichen Charakter 
der Nasenhöhle beim Olm und Necturus nicht 
beipflichten und glaube, daß Rückbildung vor- 
liegen muß. Nachdem wir über die Fischlurche 
erfahren haben, daß sie von Salamanderlarven ab- 
stammen, könnte das Fehlen des Jacobson'schen 
Organes hier nur ursprünglich sein, wenn dieses 
Organ auch den Larven der Salamander abginge, 
oder doch, als neu entstanden, bei diesen Larven 
erst sehr spät angelegt wurde. Wir haben aber 
gesehen, daß es dort, so weit bekannt, schon früh 



auftritt und gut entwickelt ist. Auch hier dürfte 
also bei den Fischlurchen, namentlich beim Olm 
und Necturus, kein ursprünglicher Zustand 
vorliegen, und Seydel's Anschauung, daß das 
Jacobson'sche Organ sich bei den Kiemenlurchen 
zu bilden anfängt, scheint mir nicht mehr haltbar. 

Wir sehen aus diesen Betrachtungen, wie der 
richtigere Einblick in die Stammesgeschichte der 
Fischlurche von großer Bedeutung sein kann für 
unsere Anschauungen über die Entstehung ver- 
schiedener Organisationsverhältnisse der Tetra- 
poden. Sie zeigen uns, wie die Fischlurche von 
typischen Salamandern abstammen, den Fischen 
nicht näher stehen als diese und uns also über 
den Bau der ersten Landwirbeltiere oder Tetra- 
poden nicht mehr Auskunft geben können, als 
die übrigen Salamander. 

Bevor ich von den Fischlurchen Abschied 
nehme, möchte ich noch kurz einiges hervorheben. 

Bei der neuen Boas 'sehen Ansicht über die 
Stammesgeschichte der Kiemenlurche ist es klar, 
daß die dazu gehörigen Arten sich unabhängig 
voneinander aus neotenischen Larven verschiedener 
Salamanderarten entwickelt haben können. Das 
scheint auch wirklich der Fall gewesen zu sein. 
Denn die Kiemenlurche weisen untereinander so 
viele Unterschiede auf, daß eine allen gemeinsame 
Entwicklung nicht wahrscheinlich ist. Und das- 
selbe trifft auch für die Derotremen zu, wo der 
Aalmolch sich unabhängig von den untereinander 
näher verwandten Formen, dem Riesensalamander 
und Menopoma, also aus einer anderen Sala- 
manderform, entwickelt haben dürfte. 

Nur für wenige der zugehörigen Arten können 
wir die nächsten Verwandten unter den Sala- 
mandrinen schon jetzt angeben. Für Typhlo- 
molge ist die Abstammung von einer Art aus 
der Familie Plethodontidae näher begründet 
worden. Für den Riesensalamander und Meno- 
poma glaube ich eine Entstehung aus den 
Amblystomatidae annehmen zu müssen und 
zwar aus Formen, welche mit den Gattungen 
Raniceps undHynobius verwandt waren, mit 
denen nach Wiedersheim und Drüner im 
Kopfskelett und Kiemenbogenapparat auffallende 
Ähnlichkeiten vorliegen. Diese Formen müssen 
demnach der Familie Amblystomatidae an- 
geschlossen werden. Dagegen darf man sie nicht, 
wie dies vielfach noch geschieht, mit dem Aal- 
molch (Amphiuma) in einer Familie .^m- 
phiumidae vereinigen, denn die gemeinsamen 
Derotremen-Charaktere haben sie wahrscheinlich 
unabhängig voneinander erworben. 

Ich komme jetzt zum zweiten Teil meines 
Themas, auf die Frage, inwieweit die Organisation 
der typischen Salamander denjenigen der Stamm- 
formen der Tetrapoden nahe stehen diirfte. 

Solange man die Fischlurche als Übergangs- 
formen von den Fischen zu den Tetrapoden be- 
trachten konnte, erschien auch eine sehr tiefe 
Stellung der Salamandrinen wahrscheinlich. Jetzt, 



N. F. Vin. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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wo wir über die Abstammung der P'ischlurche 
genauer unterrichtet sind, ist aber einer der wich- 
tigsten Gründe hinfällig geworden, welcher für 
die Deutung der Salamander als F"ormen, die den 
Stammformen der übrigen Tetrapoden sehr nahe 
stehen, herangezogen werden könnte. Aber hier- 
aus geht nicht hervor, daß die typischen Sala- 
mander keine ursprünglichen Tiere sind. Denn 
wir haben nur erfahren, daß die Fischlurche uns 
über die Stammesgeschichte der Salamandrinen 
nicht unterrichten können . weil sie nicht die ur- 
sprünglichsten Salamander sind. 

Es bleibt demnach möglich, daß die Sala- 
mander doch den Stammformen der anderen 
Tetrapoden sehr nahe stehen. Dafür spricht ihre 
sehr einfache Organisation, die für viele Organe 
einen Bau aufweist, der ursprünglicher sein kann 
als bei irgendeinem anderen lebenden Tetrapoden. 
Es muß noch ermittelt werden, inwieweit die 
Salamander sich den ursprünglichsten Tetrapoden 
nähern und inwieweit ihre Organe als Ausgang 
genommen werden dürfen für unsere stammes- 
geschichtlichen Betrachtungen über die Organ- 
systeme der höheren Wirbeltiere. 

Dazu verfügen wir über mehrere Hilfsmittel, 
welche es uns ermöglichen, uns vom Bau der 
Stammformen der Landwirbeltiere ein Bild zu 
entwerfen. So kennen wir viele Skelette ausge- 
storbener Landwirbeltiere aus der Steinkohlen- 
formation und der sich anschließenden permischen 
Periode, das ist aus einer Zeit, wo die Entstehung 
der Tetrapoden aus Fischen noch nicht weit zu- 
rücklag. Diese Skelette erlauben auch Schlüsse 
auf den Bau des Muskelsystems sowie auf die 
Lebensweise jener ausgestorbenen Tiere. Aber 
es läßt sich nicht ohne weiteres ablesen, welche 
Arten darunter den Stammformen aller Tetra- 
poden am nächsten stehen und ob es überhaupt 
darunter Arten gibt, welche diesen Stammformen 
so nahe kommen, daß sie mit diesen vereinigt 
werden dürfen. Hier kann nur ein sorgfliltiger 
Vergleich uns den Weg zeigen. Wenn ein Orga- 
nisationszustand auftritt, der ungezwungen die 
.Ableitung anderer Zustände desselben Organes 
bei verschiedenen Abteilungen der Tetrapoden 
erlaubt , wenn Anschluß an den Bau der Fische 
möglich ist, dann kann ein ursprünglicher Zustand 
vorliegen. Namentlich auch eine weite Verbreitung 
eines Organisationszustandes kann wichtige An- 
deutungen geben. Wenn wir z. B. bei denjenigen 
Fischen, welche für die Ableitung der Tetrapoden 
am ersten in Betracht kommen, den Kopf bedeckt 
finden mit einer ziemlichen Zahl von Knochen- 
platten, welche nur Öffnungen für die Sinnes- 
organe lassen, sonst aber eine geschlossene Decke 
des Kopfes bilden, und wir finden diese Knochen 
in ähnlicher Anordnung auch bei karbonischen 
und permischen Amphibien, bei den sogenannten 
Stegocephalcn, und dann wieder bei den ältesten 
bekannten fossilen Reptilien, dann wird es wahr- 
scheinlich, daß diese geschlossene Schädeldecke 
auch den Stammformen der Landwirbeltiere zu- 



gekommen ist. Und da sich herausgestellt hat, 
daß die in dieser Beziehung sehr wechselnden 
Zustände der Reptilien sich ungezwungen auf 
jenen Zustand, und nur auf jenen , zurückführen 
lassen, so wird dies beinahe zur Gewißheit. 

So sehen wir, daß es doch möglich ist, man- 
ches über den Bau der allerersten Tetrapoden zu 
ermitteln, über den Bau von Tieren, die wir nie- 
mals lebend gesehen haben und auch fossil viel- 
leicht niemals finden werden. Dann können wir 
versuchen, die ältesten Tetrapoden zu rekonstru- 
ieren. Und wenn wir dann die Salamander mit 
diesen ältesten Tetrapoden vergleichen, so können 
wir wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit an- 
geben, inwieweit erstere von den Stammformen 
aller Landwirbeltiere abweichen und ob sie sich 
davon entfernt haben in einer Richtung, welche 
zu den höheren Landwirbeltieren überleitet, oder 
ob sie einen selbständigen, eigenen Entwicklungs- 
weg gegangen sind. 

Und dann glaube ich, daß wir tatsächlich bei 
den Salamandern wichtige Abweichungen gegen- 
über den ersten Tetrapoden konstatieren können. 
Ich will mich wieder auf einige Beispiele be- 
schränken. 

Den Salamandern fehlt jene vollständige 
knöcherne Kopfbedeckung, von der wir soeben 
erfahren haben, daß sie den ältesten Tetrapoden 
zukam. Hier müssen wir den Verlust vieler 
Knochen bei den Salamandern annehmen. Auch 
sonst dürfte ihr Schädel noch wesentlich abweichen 
von jenem ursprünglichen Schädeltypus, von dem 
wir den Reptilienschädel ableiten können. 

Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich auch 
nachweisen, daß den ersten Tetrapoden eine voll- 
ständige Hautbedeckung von kleinen, in regel- 
mäßigen Reihen angeordneten Knochenschuppen 
zukam. Diese Hautbedeckung zeigen diejenigen 
Fische, an welche wir die Landwirbeltiere an- 
knüpfen müssen; und einige der ältesten Stego- 
cephalcn zeigen diesen Panzer noch in vollkom- 
mener Ausbildung. In Figur 4 ist ein beinahe 
vollständig beschuppter Stegocephale abgebildet. 
Bei den meisten ausgestorbenen Amphibien war 
der Panzer nur an der Bauchseite erhalten und 
dort findet man auch noch Überbleibsel jener 
Körperbedeckung bei vielen Reptilien. Die Bauch- 
rippen der Crocodilier, des altertümlichen Reptils 
Sphenodon, einiger vereinzelten Eidechsen (Tili- 
(|ua und Trachysaurus), sowie der Bauch- 
schild der Schildkröten sind aus jenem Haut- 
skelette hervorgegangen. Bei den jetzt lebenden 
Amphibien kommt nur unter den Blindwühlen 
dieser Hautpanzer noch vor, und zwar in ver- 
kümmertem Zustande. Die Salamander müssen 
diese Körperbedeckung verloren haben. 

Ich wage es nicht zu versuchen, eine Erklärung 
für die Rückbildung dieses Hautpanzers bei den 
Amphibien zu geben. Es läßt sich aber wenig- 
stens der Nutzen der Erhaltung des Panzers an 
der Bauchseite vieler Stegocephalcn angeben. Bei 
den älteren Tetrapoden, mit ihren nur kurzen 



40 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vin. Nr. 3 



Gliedmaßen (vgl. Fig. 4) und ziemlich langem 
Rumpfe, war bei der kriechenden Fortbewegung 
auf dem Lande zweifellos die Bauchseite in fort- 
währender Berührung mit dem Boden. Eine be- 
sondere Hautbedeckung muß hier wichtig gewesen 
sein. Der Schuppenpanzer bedeckt denn auch 
noch manchmal teilweise die nach unten gewen- 
dete Haut der Oberarme und Schenkel, wie z. B. 
bei dem in Fig. 5 abgebildeten Panzer von Bran- 
chiosaurus, einem permischen Stegocephalen, 
der keinen Rückenpanzer mehr besitzt. Bei der 
Kriechbewegung dürfte auch die Bauchmuskulatur 
mitgearbeitet haben, und diese mag dann am 
Hautskelett einen erwünschten Ansatz gefunden 
haben. 

Beim Leben im Wasser aber besteht eine be- 
sondere Bedeutung des Bauchpanzers nicht. Denn 




Fig. 4. Ricnodoncopei, ein Stegocephale der peimischen 
Periode, vom Rücken gesehen, restauriert nach Fritsch, 
etwas umgeändert ; '^/^ nat. Gröfle. Die Bedeckung des Kopfes 
mit Knochenplatten ist bei dieser Art ungenügend bekannt 
und deshalb nicht vollständig angegeben. 




3?- 
Fig. 5. Bauchpanzer von Bran chi os aurus, au; 
liegenden von Sachsen; aus Smi th Wood ward , 
Palaeontology, nach Credner; nat. Gröl 



aus dem Rot- 
. Vertebrate 
Größe. 



erstens können die Beine dann viel leichter das 
Körpergewicht tragen und den Rumpf heben, und 
zweitens sind die Tiere dann gar nicht an den 
Boden gebunden , sondern bewegen sich vielfach 
auch schwimmend und kriechend zwischen Wasser- 
pflanzen umher. Wenn also bei den meisten 
Stegocephalen der Schuppenpanzer auf dem Rücken 
und den Seitenflächen des Körpers verloren geht, 
aber an der Hauchfläche gut erhalten bleibt, so 
deutet dies darauf hin, daß alle diese Stegocephalen 
nicht ausschließlich Wasserbewohner waren, son- 
dern daß für sie das Landleben sehr wichtig war; 
denn nur dann könnte diese Lebensweise die Er- 
haltung des Bauchpanzers bedingen. 

Eine Bestätigung findet diese Ansicht, daß 
zwischen Erhaltung des Bauchpanzers und dem 



Landleben ein Zusammenhang besteht , in dem, 
was über den Bauchpanzer des Stegocephalen 
Branchiosaurus durch Credner bekannt 
geworden ist. Bei diesem Tiere tritt der gut 
entwickelte Bauchpanzer erst kurz vor oder wäh- 
rend der Verwandlung auf. Seinen Larven, welche 
als ausschließliche Wasserbewohner nach obiger 
Auffassung den Bauchpanzer nicht brauchen, 
kommt derselbe noch nicht zu. — Daß den 
Fröschen ein Bauchpanzer abgeht, kann uns in- 
soweit nicht wundern . als bei der hüpfenden 
Fortbewegung eine Reibung der Bauchfläche mit 
dem Boden weniger häufig ist und diese Fläche 
daher eines besonderen Schutzes nicht bedarf. 

Daß den Salamandern der Bauchpanzer auch 
fehlt , verdient aber besondere Beachtung. Für 
sehr viele Salamander, welche sich vorwiegend 
kriechend auf dem Lande fortbewegen , müßte 
diese Schutzvorrichtung doch anscheinend ihren 
Nutzen haben. So kommt die Frage auf, inwie- 
weit sich bei ihnen der Verlust des Bauchpanzers 
mit der Lebensweise in Verbindung bringen läßt. 
Ich glaube, daß dieser Verlust für eine abnehmende 
Bedeutung des Landlebens bei den nächsten 
Stammformen der Salamander spricht. Jetzt 
könnte dann bei einem Teil der Salamander das 
Landleben wieder von größerer Wichtigkeit ge- 
worden sein. 

Der Nachweis, daß den ersten Tetrapoden ein 
gut entwickeltes knöchernes Hautskelett zukam, 
erlaubt uns noch einen Schluß zu ziehen. Es 
darf daraus nämlich gefolgert werden , daß bei 
diesen Tieren die Hautatmung nicht von großer 
Bedeutung gewesen ist. Wenn wir jetzt bei den 
Fröschen und Salamandern eine sehr entwickelte 
Hautatmung finden, so kann dies nur etwas neu 
erworbenes sein, und zwar etwas äußerst wichtiges. 
Sie übt auf die Mischung von sauerstoftVeichem 
und sauerstoffarmem Blut einen großen Einfluß 
aus. Die Trennung des Körper- und Lungen- 
kreislaufs verlor durch die Hautatmung an Be- 
deutung. Zusammen mit der Schlundatmung mag 
die Hautatmung die vollständige Verkümmerung 
der Lungen und die damit Hand in Hand gehen- 
den Rückbildungen am Herzen ermöglicht haben, 
welche viele Salamander aufweisen. Die neu er- 
worbene Hautatmung übt einen umgestaltenden 
Einfluß auf die anderen Atmungsorgane und auf 
die Kreislaufsorgane aus, der das Ende seiner 
Wirkung noch nicht erreicht haben dürfte. Die- 
selben Umbildungen und Verkümmerungen der 
Atmungs- und Kreislaufsorgane finden wir inner- 
halb verschiedener Familien der Salamander, bei 
denen sie dann aber unabhängig voneinander er- 
worben sind und fortschreiten. Nicht nahe ver- 
wandte Gattungen bilden hier gemeinsame neue 
Merkmale und Organisationszustände an wichtigen 
Organsystemen aus, welche nur scheinbar ein 
Zeichen engerer Verwandtschaft sind. 

Aber bei einer so eingreifenden L^mbildung 
muß man sich fragen, welche Einflüsse hier tätig 
gewesen sein können. Weshalb verkümmert hier 



F. N. VIII. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



41 



die Lungenatniung, welche sich bei den höheren 
Tetrapoden so vorzüglich bewährt hat ' 

Und dann glaube ich, daß auch hier ein Grund 
in der Lebensweise gesucht werden muß. Denn 
für Tiere, welche sowohl im Wasser wie auf dem 
Lande leben, hat die Hautatmung einen sehr 
großen Wert. Weder die Kiemen- noch die 
Lungenatmung sind im Wasser und auf dem 
Lande gleich brauchbar, die Hautatmung aber 
leistet ihre Dienste unter allen Umständen. 
Ihre kräftige Ausbildung bei den Amphibien 
schreibe ich dem Einfluß des Wasserlebens zu. 
Hier liegt eine Anpassung an diese Lebensweise 
vor, welche den ältesten, vollständig beschuppten 
Tetrapoden nicht zugekommen und erst innerhalb 
der Klasse der Amphibien, vielleicht schon bei 
den Stegocephalen, erworben worden ist. 

Fassen wir zusammen, was wir jetzt über den 
Bau der Salamander und der ersten Tetrapoden 
erfahren haben , so geht aus den Beispielen her- 
vor, daß sehr wesentliche Unterschiede im Kopf- 
skelett, in der Haut, in den Kreislaufsorganen und 
in der Atmung vorliegen. Dieselben sprechen 
dafür, daß wichtige Differenzierungen die jetzt 
lebenden Salamander von den ersten Landwirbel- 
tieren trennen. Die Organisation der Salamander 
gibt uns nur ein unvollkommenes Bild vom Bau 
der ältesten Tetrapoden. 

Aber diese Beispiele lehren uns noch etwas 
mehr. Die erörterten Unterschiede weisen nach 
einer bestimmten Richtung. Das Fehlen eines 
Bauchpanzers, die geringe Bedeutung der Lungen- 
atmung, die in den Vordergrund gerückte Haut- 
atmung, sie weisen darauf hin, daß bei den 
Stammformen der • Salamander das Wasserleben 
von neuem das Übergewicht über das Landleben 
errungen hat. Während die von den ältesten 
Tetrapoden ab immer fortschreitende Anpassung 
ans Landleben in der Ausbildung der Eidechsen, 
Vögel und Säuger gipfelt, haben die Salamander 
diesen Weg frühzeitig verlassen. Ihre Stamm- 
formen haben wieder mehr und mehr das Wasser 
aufgesucht, und ihre Organisation ist davon wesent- 
lich beeinflußt worden. 

Die Umbildung der Salamander hat doppelten 
Charakter. Sie äußert sich erstens in der Aus- 
bildung neuer Zustände, andererseits in der Ver- 
kümmerung von Vorrichtungen , welche für das 
Wasserleben weniger geeignet waren oder doch 
dabei ihre Bedeutung verloren. 

Es scheint mir sehr erwünscht, daß wir ver- 
suchen, uns über die Ausdehnung dieser Ver- 
kümmerungen und neuen Anpassungen Klaiheit 
zu schaffen. Wenn wir bei unseren vergleichend- 
anatomischen Untersuchungen immer wieder auf 
den Bau der Salamander, als in mancher 
Hinsicht ursprünglich, zurückgreifen, dann 
müssen wir diesen ursprünglichen Charakter 
genau abwägen. Namentlich für die Sinnesorgane, 
welche von den Unterschieden in den Bedingungen 
des Land- und Wasserlebens so sehr beeinflußt 



werden, scheinen mir neue Untersuchungen er- 
wünscht. Mir ist es wahrscheinlich, daß in den 
herrschenden Auffassungen über den schalleitenden 
Apparat, Trommelfell und Gehörknöchelchen, 
vieles nicht richtig ist, weil sie mit Unrecht davon 
ausgehen, daß hierin die Verhältnisse der Sala- 
mander ursprünglichen Zuständen nahe stehen. 
Ich glaube vielmehr, daß auch hierin der Bau der 
Salamander sich nur durch weitgehende Ver- 
kümmerung erklären läßt. Und dabei verdient 
besondere Beachtung, daß ein schalleitender 
Apparat beim Wasserleben ohne jede Bedeutung 
ist, so daß auch hier die Rückbildung eine ein- 
fache Erklärung finden würde in einem Zurück- 
treten des Landlebens bei den Stammformen der 
jetzigen Salamander. Bei der großen Bedeutung 
aber, welche man dem schalleitenden Apparate 
bei stammesgeschichtlichen Betrachtungen über 
die Säugetiere zugeschrieben hat, liegt hier eine 
Frage von großer Tragweite vor. 

Wenn ich aber auf die Umbildungen bei den 
Salamandern einen besonderen Nachdruck gelegt 
habe, so soll damit nicht behauptet sein, daß 
daneben bei diesen Tieren nicht recht ursprüng- 
liche Verhältnisse auftreten. Im Gegenteil ! Wenn 
die Salamander wieder mehr zum Wasserleben 
zurückgekehrt sind, dann mag dies für viele Or- 
gane die weitere Entwicklung gehemmt haben, 
so daß sie auf ursprünglicher Entwicklungsstufe 
stehen geblieben sind. Denn diese genügte oft 
den vom Wasserleben gestellten Anforderungen, 
während bei den typischen Landwirbeltieren die- 
selben Organe immer höheren Ansprüchen ge- 
nügen mußten und sich dementsprechend immer 
mehr vom ursprünglichen Zustande entfernt haben. 
Die Ausbildung der Rumpfmuskulatur und des 
Gliedmaßenskeietts bei den typischen Salamandern 
einerseits, den Reptilien und Säugetieren anderer- 
seits gibt hierfür gute Beispiele. Allerdings muß 
auch hier auf Rückbildung, wenn auch nur in 
geringem Maße, geachtet werden, wie sie ja das 
Gliedmaßenskelett mehrerer Fischlurche und der 
Schultergürtel der Salamander aufweisen. 

Ich habe versucht, in diesen Ausführungen zu 
zeigen, wie sich gewichtige Gründe beibringen 
lassen für die Auffassung, daß die Salamander, 
wenn sie auch den ersten Landwirbeltieren unter 
allen lebenden Tetrapoden am nächsten kommen 
dürften, doch in mancher Hinsicht stark umge- 
bildete Landtiere sind. Ich habe versucht, dar- 
zulegen, in welcher Richtung sich die stammes- 
geschichtliche Entwicklung der Salamander, so- 
wohl der mehr typischen Salamandrinen als der 
Fischlurche, bewegt hat. 

Aber ich hoffe in diesen Erörterungen noch 
mehr gezeigt zu haben. Wenn ich hier versucht 
habe, eines unserer stammesgeschichtlichen Pro- 
bleme zu behandeln, so lag mir daneben auch 
daran, einen Einblick zu geben in die Art, wie 
der Zoologe oder Anatom in diesen stammes- 
geschichtlichen Fragen arbeitet, wie er versucht, 
weiter zu kommen. 



42 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 3 



Der Widerspruch der Meinungen in diesen 
Fragen mag zeigen, wie verwickelt sie sind, und 
eine Entschuldigung bieten für manchen Fehler, 
der uns im Lichte seiner Zeit sehr begreiflich 
wird. Kann es uns wundern, wenn man sich im 
.'\nfang der vielen Schwierigkeiten noch nicht be- 
wußt gewesen ist. Wer hätte erwarten dürfen, 
daß uns in den offenen Kiemenspalten der Fisch- 
lurche von neuem bei erwachsenen Tieren Bildun- 
gen vorgeführt worden sind, welche während langer 
Reihen von Generationen ihren erwachsenen 
Stammformen nicht mehr zukamen? Schon bei 
den permischen Tetrapoden dürften die Kiemen- 
spalten bei den erwachsenen Tieren alle ge- 
schlossen gewesen sein. 



Wie schwierig muß es dann aber sein, bei 
nur fossil erhaltenen Arten immer Klarheit zu 
bringen ! So dürfen wir überzeugt sein, daß das 
Tatsachenmaterial noch nicht ausreicht, um den 
Stammbaum der Landwirbeltiere zu rekonstruieren. 
Unsere Kenntnisse müssen noch nach mancher 
Richtung vermehrt werden; dann erst können wir 
mit mehr Aussicht auf eine richtige Antwort 
manchen phylogenetischen Fragen nähertreten. 
Doch dürfen wir deshalb diese Fragen nicht ruhen 
lassen. Denn, wie so oft, zeigt auch hier erst 
mancher verfehlte Versuch den richtigen Weg 
zur Beantwortung. — Und was in 50 Jahren er- 
reicht worden ist, gibt uns schöne Hoffnung für 
die Zukunft. 



Kleinere Mitteilungen. 

Gerücht und Wunder. — In der vorurteils- 
losen Wissenschaft ist es seit langer Zeit bekannt, 
daß eine Legion von Wundergeschichten und 
mystischen Erlebnissen aller Art ihre Entstehung 
lediglich den Übertreibungen und Entstellungen 
des Gerüchts verdankt, jener Fama, die schon 
dem Altertum als größte aller Lügnerinnen er- 
schien. Angesichts des nicht unbedenklichen Un- 
heils, das eine kritiklos weitergegebene und dann 
auch vielfach bedingungslos geglaubte, sensationelle 
Wundererzählung in vielen Köpfen anzurichten 
vermag, erscheint es dringend geboten, besonders 
eklatante Fälle dieser Art aufzuklären und dann 
als warnendes Beispiel für die Unzuverlässigkeit 
der im Volk umgehenden mystischen Geschichten 
vor der breiten Öffentlichkeit in ihrem wahren 
Zusammenhang darzulegen. — So sei es mir ge- 
stattet, auch heute wieder ein Schulbeispiel dieser 
Art, das vor einigen Monaten ziemliches .'\ufsehen 
erregte, zu diskutieren. 

Am 26. September 1908, mittags etwa um 
2 Uhr, ereignete sich in Berlin das furchtbare 
Hochbahnunglück auf dem Gleisdreieck. In dem 
Bericht, den der Berliner Lokal- Anzeiger am 
Morgen des 27. September darüber brachte, fand 
sich nun u. a. folgender aufsehenerregende Passus: 

,,Ein Herr, Bruder des schwerverletzten Tape- 
zierers Schumacher, erzählte uns: ,Ich bin Reisen- 
der für ein hiesiges Haus, und befand mich seit 
vierzehn Tagen auf der Tour. Heute war ich in 
Swinemünde und wollte nach Kolberg. Da, es 
ist so etwa gegen 2 Uhr, überkommt mich eine 
namenlose Unruhe. Etwas in mir sagt mir un- 
ablässig, daß etwas geschehen sei. Kurz ent- 
schlossen gebe ich die Fahrt nach Kolberg auf 
und fahre nach Berlin zurück. Bei meiner An- 
kunft auf dem Stettiner Bahnhof sagen mir die 
Extrablätter, was vorgefallen ist, und jetzt finde 
ich hier meinen Bruder schwer verletzt.'" 

Hatte der Fall sich wirklich so zugetragen, 
wie es hier behauptet wurde, so lag eine ein- 
wandfreie Fernahnung vor, wie deren Hunderte 



und Tausende immer wieder und wieder von den 
verschiedensten Seiten berichtet werden, ohne daß 
es bisher gelungen wäre, einen absolut einwand- 
freien und wissenschaftlich unangreifbaren Beweis 
für das wirkliche Vorkommen solcher Ferngefühle, 
Ahnungen, hellseherischer Begabungen usw. zu 
erbringen. Der Fall schien daher einer sorgsamen 
Nachprüfung wert zu sein; durfte man doch von 
einer solchen unter allen Umständen, wie auch 
das schließliche Resultat sein mochte, wertvolle 
Aufklärungen für die psychologische Wissenschaft 
erhoffen. Da ich überdies Mitglied der Kom- 
mission war, welche die ,, Psychologische Gesell- 
schaft" in Berlin zur Veranstaltung ihrer „Okkul- 
tismus-Enquete" eingesetzt hatte, mußte ich um 
so lebhafter den Wunsch hegen, volles Licht über 
einen Fall von Ahnung zu verbreiten, der auf den 
ersten Moment von einer geradezu frappanten 
Beweiskraft zu sein schien , der überdies in 
weiten Teilen der Berliner Bevölkerung bekannt 
geworden war und viel besprochen wurde. 

Nachdem ich die Zustimmung der beiden an- 
deren Mitglieder unserer Okkultismus-Kommission 
eingeholt hatte, suchte ich mich mit dem Herrn, 
der die Ahnung gehabt haben sollte, in Verbin- 
dung zu setzen. Es war dies nicht ganz einfach, 
da der Name und die Wohnung des verunglückten 
Tapezierers in den verschiedenen Tageszeitungen 
ganz verschieden angegeben worden waren. 
Schließlich gelang es mir, den Gesuchten aus- 
findig zu machen: es war der Kaufmann Johannes 
Schumann (nicht Schumacher), Berlin, Bromberger 
Straße 12, wohnhaft. Ich richtete an Herrn 
Schumann einen eingehenden Brief, in dem ich 
ihn über die Bedeutung einer genauen Fest- 
stellung der Tatsachen und über das Interesse, 
das unsere Okkultismus-Enquete an dem Fall 
nahm, aufklärte. Im Anschluß daran richtete ich 
eine größere Reihe von genau präzisierten Fragen 
an ihn, die ich nach bestem Wissen und Gewissen 
zu beantworten bat. Herr Schumann hatte die 
große Liebenswürdigkeit, auf meine Anregung ein- 
zugehen, und richtete am 16. Oktober 1908 aus 
Königsberg i. Fr., wohin er wieder verreist war, 



N. F. VIII. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



43 



einen 4 Seiten langen Brief an mich, für den ich 
ihm auch an dieser Stelle herzlichen Dank sagen 
möchte. 

Ich kann es mir versagen, hier die von mir 
gestellten Fragen und den Schumann'schen Brief 
im ganzen Umfang ungekürzt wiederzugeben. 
Für die Beurteilung des Vorfalls genügt voll- 
kommen der nachfolgende, dem Brief entnommene 
Abschnitt : 

„Sonnabend den 26. September Vormittag er- 
ledigte ich meine geschäftlichen Angelegenheiten 
in Swinemünde. Hierauf überlegte ich, ob ich 
den kommenden Sonntag in Swinemünde ver- 
bleiben soll oder noch denselben Tag nach Kol- 
berg fahre. Bald darauf erwog ich auch, ob ich 
wohl meine Frau in Berlin mit meinem Besuch 
überraschen soll; ich verwarf jedoch letzteren 
Plan, da er mir zu kostspielig und zeitraubend 
erschien. Ich beschloß nun, Nachmittag nach 
Kolberg zu fahren. Bevor ich mich noch zur 
Weiterreise nach Kolberg rüstete, sagte mir plötz- 
lich etwas unbestimmtes, fahre sofort nach Berlin. 
Ich bekam eine ungewöhnliche Unruhe, dachte an 
meine Frau und Kind (i Jahr alt) und nichts 
hätte mich von der Reise mehr abhalten können. 
Nachmittag I Uhr 18 Minuten fuhr ich von 
Swinemünde nach Berlin, also bereits vor der 
Katastrophe. Während der Fahrt verlor sich die 
innere Unruhe, wozu jedenfalls die Zeitungslektüre 
beitrug. Erst beim Eintreffen in Berlin erfuhr ich 
von der furchtbaren Katastrophe." 

Das Wunderbare , das dem Ereignis in der 
Schilderung des „Berliner Lokal-Anzeigers" an- 
haftete, zerfließt also — wieder einmal ! — bei 
näherer Betrachtung in wesenlosen Schein. Wir 
sehen, daß Herr Schumann schon am Vormittag 
des verhängnisvollen Tages in Swinemünde ernst- 
haft den Gedanken erwog, den darauffolgenden 
Sonntag in Berlin in Gesellschaft von Frau und 
Kind zu verbringen, die er für mehrere Wochen 
nicht wieder sehen sollte. Er verwarf zwar zu- 
nächst den Plan wegen der damit verbundenen 
Kosten, nahm ihn aber auf, weil er einen Anfall 
von jener weitverbreiteten und wohlbekannten 
Unruhe erlitt, die einen von seinen Lieben ge- 
trennten Menschen gelegentlich beim Gedanken 
an die Entfernten ergreift und ihn nicht selten 
dazu treibt, sich rasch in irgendeiner Weise, 
durch telegraphische oder telephonische Anfrage 
oder auch durch persönlichen Augenschein, von 
ihrem Wohlbefinden zu überzeugen. Herr Schu- 
mann nun entschloß sich, im Hinblick auf den 
bevorstehenden freien Tag, zur Reise nach Berlin, 
worin wahrlich niemand etwas Wunderbares sehen 
kann. Da er schon um i Uhr 18 Minuten, also 
zu einer Zeit, wo das Hochbahn-Unglück noch 
gar nicht geschehen war, von Swinemünde abfuhr, 
ist deutlich bewiesen, daß keine psychische Fern- 
wirkung des verunglückten Bruders das Gefühl 
der Unruhe auslöste, daß also von einer 
Ahnung in die Ferne unter keinen Um- 
ständen die Rede sein konnte! Es kommt 



hinzu, daß Herr Schumann ausdrücklich betont, 
seine Unruhe habe sich nur auf Frau und Kind 
— also nicht auf den Bruder! — bezogen, und 
das unbehagliche Gefühl sei während der Fahrt — 
also gerade zur Zeit der Katastrophe! — wieder 
verloren gegangen. 

Lag hier, wie mystisch veranlagte Gemüter 
natürlich nach wie vor als erwiesen erachten 
werden, wirklich eine Ahnung vor, so stimmte 
sie demnach weder in bezug auf die Zeit, zu der 
sie eintrat, noch in bezug auf das Objekt. Die 
F"ahrt nach Berlin, die in der Schilderung des 
Berliner Lokal-Anzeigers als etwas ganz Unvorher- 
gesehenes und als eine ausschließliche Folge der 
inneren Unruhe erscheint, war mehrfach und 
gründlich vorher erwogen worden, und die „innere 
Unruhe" war weder ,, namenlos" noch trat sie 
„gegen 2 Uhr" ein ; vielmehr stellte sie sich über 
eine Stunde früher ein und beruhte auf ganz all- 
täglichen und wohlbekannten psychischen Vor- 
gängen, als F'olge eines zu besonderer Lebhaftig- 
keit gesteigerten Gedankens an Frau und Kind, 
die in der Ferne weilen. 

Der Fall selbst wie auch seine Aufklärung 
sind typisch in ihrer Art. Sie enthalten für die 
wissenschaftliche F'orschung wie auch für jeden, 
der sich ein unbefangenes und ungetrübtes Urteil 
zu bewahren wünscht, aufs neue die eindringliche 
Mahnung, jede scheinbar noch so gut beglaubigte, 
angebliche Wundergeschichte nicht eher für bare 
Münze zu nehmen, bis nicht alle in Erwägung zu 
ziehenden Fehlerquellen zuverlässig ausgeschaltet 
und alle vom Gerücht aufgestellten Behauptungen 
bis in die kleinsten Einzelheiten hinein gründlich 
nachgeprüft worden sind. 

Dr. Richard Hennig. 



Auftreten der Raupe von Aglossa pinqui- 
nalis im Darm. — Vielen Krankheiten ist so- 
wohl der tierische wie menschliche Körper unter- 
worfen, deren Ursachen in erster Linie auf das 
Vorhandensein tierischer oder pflanzlicher Organis- 
men zurückzuführen sind. Unter letzteren sind 
es besonders die Bakterien, die zu den gefürch- 
tetsten Epidemien Veranlassung geben können. 
Von den tierischen Lebewesen finden wir unter 
den Protozoen, Würmern und Gliedertieren zahl- 
reiche Vertreter, welche teils auf, teils in dem 
Menschen ihre Nahrung suchen. In letzterem 
Falle kommt es hierbei zu mehr oder minder 
schweren Erkrankungen des heimgesuchten Or- 
ganismus. Während die genaue Kenntnis der- 
artiger Erkrankungen erst neueren Datums ist, so 
das Malariafieber, die Schlafkrankheit u. a. m., 
reicht die Kenntnis mancher durch Insekten oder 
Würmer hervorgerufenen Krankheiten auf viel 
frühere Zeiten zurück. Durch weitgehende Unter- 
suchungen sind wir heutzutage über die meisten 
Erkrankungen, welche sich auf die Anwesenheit 
von Würmern bei dem Menschen — sei es im 
Darm, oder anderen Körperteilen — zurückführen 



44 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 3 



lassen, vollständig im klaren. Neben den Würmern 
sind es die Gliedertiere, und unter diesen wieder 
die Dipteren, welche in mannigfacher Weise dem 
Menschen gefährlich werden können. So die 
Larven der ()striden (Biesfliegen) und Museiden 
(Fliegen), welche als gelegentliche Schmarotzer 
sich auf und unter der Haut des Menschen, im 
Gehörgang, in der Conjunctiva, in der Urethra 
und Vagina, im Magen und Darm aufhalten können. 
Nicht häufig sind bis jetzt die Fälle , wo 
Museiden im Darme gefunden wurden. Und doch 
wird das Auftreten derselben im Darme ein viel 
häufigeres sein müssen, als bis jetzt bekannt ist. 
Denken wir nur an die Gewohnheit zahlreicher 
Fliegen, ihre Eier auch auf Eßwaren wie Fleisch, 
Brot, Käse usw. abzulegen, so ist es leicht ver- 
ständlich, wie oft wir nicht nur Übertragungen 
schädlicher Krankheitskeime, sondern auch Infek- 
tionen durch die Larven selbst ausgesetzt sind. 
Im Magen oder Darm geben diese Larven bei 
zahlreicher Einwanderung Veranlassung zum Er- 
brechen, zur Übelkeit und Kolik. Viele kolik- 
artige Fälle dürften wohl mitunter- auf die Gegen- 
wart von Fliegenlarven im Darme zurückzuführen 
sein. 




Fig. I. 

Die Raupe von Aglossa pinquinalis in l'/a" Fächer 

Vergrößerung. Am Vorder- und Hinterende ist bei der 

Konservierung der Darm etwas herausgetreten. 

Abkürzungen: v Vorderende; h Hinterende. 

Aber auch andere Larvenformen als gerade 
Muscidenlarven können gelegentlich in den Darm 
des Menschen gelangen. So wurde mir vor kurzem 
von einem befreundeten Arzte ein Tier zur Be- 
stimmung zugesandt, mit der Angabe, daß sich 
dasselbe im Stuhlgange seines 3V'., -jährigen Jungen 
befunden hätte. Es wäre nicht tot, sondern noch 
lebend gewesen, was durch Zuckungen des Tieres 
kenntlich gemacht worden sei. Die Zustellung 
geschah in Alkohol. Meine erste Vermutung, daß 
es eine Muscidenlarve sei, wurde bei genauerer 
Untersuchung des Tieres dahin berichtigt, daß es 
sich um die Raupe des Schmetterlinges Aglossa 
pinquinalis handelte. In Fig. 1 ist das Tier in 
i'/.^-facher Vergrößerung photographisch wieder- 
gegeben. Man erkennt die den Schmetterlings- 
raupen eigentümlichen vorderen und die fünf 
hinteren sog. falschen Beinpaare. Während die 
vorderen Beinpaare keinen wesentlichen Unter- 



schied mit denen der übrigen Raupen aufweisen 
(s. Fig. 2 b), lassen die falschen Beinpaare in der 
Nähe der Fußsohle einen deutlichen Kranz von 
Chitinhaken erkennen, deren Spitzen nach außen 
gerichtet sind (s. Fig. 2 a). Man wird unwillkür- 
lich an den Hakenkranz bei Taenia solium (Haken- 
bandwurm) erinnert, wo die Stellung und Form 
der Haken fast eine ähnliche ist. Schon diese 
eigentümliche Bewaft'nung der falschen Beinpaare 
läßt darauf schließen, daß die Raupe von A. p. 
auf einem schlüpfrigen Substrate leben muß, wo- 
bei ihr die Beine als gute Haftorgane vortreffliche 
Dienste leisten müssen. Was weiterhin das Tier 
als Raupe kenntlich macht, ist das Auftreten von 
Stigmen an jedem Leibesringe, während bei den 
Muscidenlarven nur 2 Stigmen am hinteren Körper- 
ende vorhanden sind. Die Farbe des Tieres war 
schmutzigweiß mit häufig auftretender bräunlicher 
Punktierung. Der Kopf war dunkelbraun. 





Fig. 2. 
a Hinterfuß mit Hakenkranz ; b Vorderes Bein. 



Es lag nun die Frage nahe, auf welche Weise 
die Raupe in den Darm des Kindes gelangte. 
Es sei zunächst vorweggenommen, daß weitere 
Raupen bis jetzt nicht mehr in dem angeführten 
Falle zutage traten, wir es also nur mit einem 
vereinzelten und daher ausnahmsweisen Auftreten 
der Raupen zu tun haben müssen. Ferner sei 
zugleich an dieser Stelle bemerkt, daß ein Irrtum 
in bezug auf den Befund völlig auszuschließen ist, 
da der betreffende Arzt jeden Morgen den Stuhl 
des Knaben genau untersuchte, weil in letzter 
Zeit der Junge an der bekannten Kinderwurm- 
krankheit (Oxyuris vermicularis) litt. Sehen wir 
uns einmal in der Literatur um, was über A. p. 
angegeben wird. Dieser Schmetterling gehört zu 
der Familie der Kleinschmetterlinge und unter 
diesen wieder zu der Gruppe der Pyraliden, der 
Zünsler oder Lichtmotten. Zünsler ist ein bayri- 
scher Provinzialname für Lichtmotten. In Spuler's 
Schmetterlingswerk finden wir ferner folgende 
Angabe : „Die Raupe von A. p. ist dunkelgrau 
mit schwarzem Kopf. Sie lebt besonders in 
Ställen in seidenen Röhren unter Streu und er- 
nährt sich von vegetabilischen .Abfällen." In der 
Synopsis von Leunis wird die Raupe als dunkel- 
braun angegeben, in bezug auf ihre Lebensweise 
gesagt, daß sie sich von Fett, Schmalz nnd ähn- 
lichen Stoffen ernährt. Demnach haben wir uns 



N. F. VIII. Nr. 3 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



45 



von der Lebensweise des Tieres folgende Vor- 
stellung zu machen : Die Falter setzen ihre Eier 
an den Stellen ab, wo die jungen Raupen sofort 
entsprechende Nahrung finden werden. Solcher 
Stellen gibt es viele, besonders auf dem Lande, 
so z. B. Holzgefäße zum Aufbewahren von Butter, 
Fett u. a. m. Den Raupen dienen hierbei die 
Haken der Beine in geeigneter Weise zum Fest- 
halten und Fortbewegen an den eingefetteten 
Wänden der Gefäße. Hat die Raupe ihre volle 
Größe erreicht, so verläßt sie ihren ursprünglichen 
."Xufenthaltsort, um sich in passenden Schlupf- 
winkeln zu verpuppen. 

In unserem Falle wird sich nun vielleicht in 
der Butter eine noch junge Raupe von A. p. be- 
funden haben — ungefähr 2 bis 3 mm groß — 
und mit dem Essen in den Magen, bzw. Darm des 
Kindes gelangt sein. Trotz des außergewöhn- 
lichen Aufenthaltes entwickelte sich die Raupe 
weiter, wobei sie in ihren Beinen passende Werk- 
zeuge zum F"esthalten an der glatten Darmwand 
besaß. Die Ausbildung des Pigmentes wurde 
nunmehr bei der Raupe gehemmt, oder schon 
vorhandenes Pigment zerstört , daher die ab- 
weichende helle Färbung des Tieres. Der ev. 
Einwand, daß der Magen- und Darmsaft das Tier 
zum Absterben hätte bringen müssen, läßt sich 
dadurch beseitigen, daß wir an zahlreichen an- 
deren Beispielen eine große Lebenszähigkeit von 
im Darm lebenden Larven beobachtet haben. 
Unsere in Fig. i abgebildete Raupe ist fast aus- 
gewachsen, ihr Alter auf 8 bis 10 Tage zu be- 
messen, von der Zeit des Auskriechens ab ge- 
rechnet. Es ergibt sich daher im Darm ein 
Aufenthalt von 6 Tagen, wenn wir annehmen, 
daß die Raupe bei ihrer Einwanderung 3 mm 
groß war. Es könnte aber die Raupe in ihrer 
abgebildeten Größe eingewandert sein ! Dagegen 
spricht wohl aber der Umstand, daß das Tier ab- 
gesehen von dem ev-. ,, Gesehenwerden", durch die 
kauende Tätigkeit des Kindes hätte getötet oder 
wenigstens gequetscht werden müssen. Wie schon 
eingangs erwähnt, lebte jedoch das Tier beim 
Austritt aus dem Darm. Es war auch sonst an 
der Raupe nichts zu bemerken, was auf voraus- 
gegangene Verletzungen hätte hinweisen können. 
Ferner hätte ein kurzes Verweilen im Darm das 
Pigment nicht so zum Verschwinden bringen 
können, wie es bei dem gefundenen Tiere zu be- 
obachten war. 

Der ganze Befund spricht demnach dafür, daß 
wir es hier mit einem zufälligen Auftreten und 
zeitweiligen Verweilen einer Schmetterlingsraupe 
im Darme des Menschen zu tun haben, bedingt 
durch die eigenartige Lebensweise der Raupe von 
A. p. Zu besonderen Erkrankungen scheint eine 
solche Einwanderung keine Veranlassung zu geben. 
Vielleicht sind derartige rasch vorübergehende 
Infektionen viel häufiger, als man denkt, entziehen 
sich aber wohl in den meisten Fällen den Beob- 
achtungen. Mögen daher beigegebene Abbildungen 
dazu dienen , dem Arzte gelegentlich die Er- 



kennung solcher zutage tretenden Larven zu er- 
leichtern, dann wäre der Zweck dieser kurzen 
Abhandlung vollständig erfüllt. 

Dr. August Ackermann, Bonn. 



Bücherbesprechungen. 

Ernst Haeckel, Unsere Ahnenreihe (Progo- 
nota.xis Hominis). Kritische Studien über 
])hyletische Anthropologie. Festschrift zur 350- 
jährigen Jubelfeier der Thüringer Universität Jena 
und der damit verbundenen Übergabe des phyle- 
tischen Museums am 30. Juli 1 908. Mit 6 Tafeln. 
Jena. Gustav Fischer. 1908. — Preis 7 Mk. 
Vor 50 Jahren, am i. Juli 1S58, machte Darwin 
die ersten Mitteilungen über seine neue Entwicklungs- 
lehre. Ihre wichtigste Konsei|uenz, nämlich die Ab- 
stammung des Menschen von -Säugetieren, zog 1863 
Thomas Huxley in seinen drei berühmten Abhand- 
handlungen: I. Über die Naturgeschichte der menschen- 
ähnlichen Affen, 2. Über die Beziehungen des Menschen 
zu den nächstniederen Tieren und 3. Über einige 
fossile menschliche Überreste. In diesen Schriften 
wird der Nachweis erbracht, daß der Mensch zu- 
sammen mit den .Affen und Halbaffen, zu den Herren- 
tieren (Primates) gehört. Übrigens finden wir schon 
bei Carl von Linne (1735) den Menschen mit den 
Affen und Halbaffen vereinigt zur Ordnung der 
Anthropomorpha. In Deutschland fand Darwin's Lehre 
Eingang durch Carl Vogt (1S63) und besonders durch 
Haeckel. Er versuchte schon 1866 in seiner „Gene- 
rellen Morphologie" den Stammbaum des Tierreiches 
aufzustellen und die Keimesgeschichte der Organismen 
aus ihrer Stammesgeschichte heraus zu erklären 
(biogenetisches Grundgesetz). Später, 1872, zeigte der 
Verfasser in seiner Gastraea-Theorie, daß alle Metazoen 
von einem einfachen, zweischichtigen, becherförmigen 
Urdarmtier, seiner ,,Gastraea", abzuleiten sind. Erst 
1895 fand Monticelli in Neapel das Urbild der hypo- 
thetischen Gastraea, das er Pemmatodiscus gastrulaceus 
nannte. — Die wichtigste Aufgabe der Phylogenie, 
die Abstammung des Menschen bis hinab zu den 
Protozoen zu verfolgen, suchte Haeckel 1874 in seiner 
„Anthropogenie" zu lösen. Trotzdem diese Wissen- 
schaft der Anthropogenie die historische Grundlage 
für die Anthropologie bildet, ist sie doch von dieser 
lange Zeit — besonders unter Virchow's großem Ein- 
fluß — bekämpft worden. Erst in neuester Zeit 
bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die „Anthropo- 
genie das Fundament der Anthropologie ist". Das 
Interesse der Forscher, die sich mit der Ahnenreihe 
des Menschen befaßten, wandte sich zunächst seinen 
nächsten Verwandten, den Affen, zu. Von großer 
Wichtigkeit wurde hier die Auffindung des „missing 
link", des fehlenden Gliedes zwischen Affen und 
Mensch. Eugen Dubois fand es 1891 auf Java und 
nannte es Pithecanthropus erectus. — Nachdem nun 
durch die Auffindung des „missing link" die Ab- 
stammung des Menschen von den Affen als bewiesen 
zu betrachten ist, wendet sich die Forschung neuer- 
dings zu den älteren Ahnen des Menschen. Die ge- 



46 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vin. Nr. 3 



samte Vorfahrenreihe des iMenschen sicher festzustellen, 
dürfte niemals gelingen. Aber eine ganze Anzahl 
typischer und wichtiger Stammformen läßt sich fest- 
stellen, die zwischen ihnen liegende „phyletische 
Strecken" begrenzen. — Die Progonotaxis des Menschen 
zerfällt in zwei große Abschnitte. Der erste .Abschnitt 
umfaßt die Ahnen, die fossil nicht bekannt sind. Die 
ältere Hälfte ist vom historisch geologischen Gesichts- 
punkte aus betrachtet präsilurisch, die jüngere Hälfte 
reicht vom Silur bis zur Gegenwart. Wenn also in 
der ersten Hälfte unserer Progonota.xis fossile Doku- 
mente fehlen, so können die dahingehörigen Ahnen 
nur durch die Methoden der vergleichenden Anatomie 
und der Ontogenie erschlossen werden, wobei uns 
das biogenetische Grundgesetz die wichtigsten Direk- 
tiven gibt. Was die Urkunden unserer Progonotaxis 
anbetrifft, so lassen sie sich aus dem Vorhergehenden 
z. T. schon ersehen. Sie sind i. die Paläontologie, 
die uns in den Fossilien wertvollste positive Kennt- 
nisse vermittelt, aber auch zahlreiche störende Lücken 
aufweist, 2. die Ontogenie, die insofern sehr wichtig 
ist, als sie ja eine kurze Rekapitulation der Phylogenie 
ist, und endlich 3. die Morphologie, die, vergleichend 
betrieben, wichtige Aufschlüsse über Verwandtschafts- 
verhältnisse u. s. f. gibt. Diese drei Wissenszweige 
müssen bei den Studien über unsere Progonotaxis in 
gleicher Weise berücksichtigt und kritisch angewendet 
werden. — 

Die erste der sechs Strecken unserer Progonotaxis 
umfaßt die Protisten-Ahnen. Der Lehrsatz, daß alle 
Wirbeltiere, somit auch der Mensch, wie überhaupt 
alle Histonen {=^ Gewebetiere) von Protisten ab- 
stammen, ist jetzt wohl allgemein angenommen. Es 
ist sichergestellt, daß jedes Individuum von einer 
Stammzelle aus, der Cytula, seinen Ursprung nimmt. 
Nach dem biogenetischen Grundgesetz muß daher jede 
Tierform mit einer Urstammzelle in seiner Ahnenreihe 
beginnen , der Cytaea. Unter den Protisten sind 
wiederum die Piasmodomen , die Protophyten , die 
älteren Formen , aus denen erst später die plas- 
mophagen Protozoen hervorgegangen sind. Die Proto- 
zoen gingen aus den Protophyten durch Umkehr des 
Stoffwechsels, durch „Metasitismus" hervor. Bei den 
Protisten unterscheidet man zwischen Urzellen oder 
Archicyten und Kernzellen. Zu den Urzellen , die 
kernlos sind, rechnet man die Moneren. Zu diesen 
gehören die Chromaceen und Bakterien, die keine 
Kerne , manchmal nur Chromidien besitzen. Die 
Chromaceae (^ Cyanophyceae) sieht Haeckel als die 
„Urorganismen" an, die den Übergang von der an- 
organischen zur organischen Welt vermitteln. Ihre 
einfachsten Formen, z. B. Chroococcus, Gloeocapsa etc. 
sind mit den Chromatophoren der Metaphyten ver- 
gleichbar. Das Protoplasmakügelchen dieser Organis- 
men ist von einer Gallerthülle umgeben, einem Schutz- 
organ des nackten Zellleibes. Denken wir uns diese 
Hülle weg, so haben wir die einfachsten Organismen 
vor uns, die hypothetischen „Probionten" des lauren- 
tinischen Zeitalters. Diese müssen wir uns als durch 
Urzeugung entstanden denken. — Die nächste Ahnen- 
stufe sind die „Algarien", besonders die Palmellaceen 
und Xanthellaceen. Diese sind einzellige Algen mit 



Zellkernen, aber noch ohne Flimmerbewegung. Aus 
diesen .'\lgarien entstanden durch Metasitismus die 
Amöben, die die älteste Stammform der Protozoen 
bilden. Die einfache Organisation der Amöben und 
die Tatsache, daß amöboide Zellen im Tierreich viel- 
fach vorkommen (z. B. Leukocyten) sprechen dafür, 
daß sie .Ahnen der Menschen sind. Auf die Amöben 
folgen in der Progonotaxis durch Vermittlung der 
Mastigamöba die Flagellata, bestimmt geformte, mit 
einer oder mehreren Geißeln schwimmende , teils 
plasmodome, teils plasmophage Formen. Besonders 
die einfachen Zoomonaden und Monadinen geben 
uns ein ungefähres Bild dieser Progonen. Die 5. Stufe 
unserer Progonen bilden die Blastaeaden, die Über- 
gangsgruppe zu den Metazoen. Es sind dies Hohl- 
kugeln, aus einer Schicht gleichartiger Zellen gebildet. 
In der Ontogenie der Histonen entspricht diese Ahnen- 
form der wichtigen Blastula. Noch heute gibt es 
einige Organismen, die auf der Stufe der Blastula 
stehen, so die plasmodomen Volvocineen | Volvox, 
Pandorina) und die plasmophagen Catalacten (z. B. 
Magosphaera ). 

Die zweite Strecke unserer Progonotaxis umfaßt 
die Invertebraten-Ahnen. Unter diesen Metazoa 
invertebrata unterscheidet man zwei große Gruppen, 
die Niedertiere oder Cölenteria und die Obertiere 
oder Cölomaria nach dem Fehlen oder Vorhandensein 
einer Leibeshöhle (= Cölom). Die gemeinsame 
Ausgangsform der Cölenterien ist die hypothetische 
Gastraea, die sich als Abbild infolge strenger Ver- 
erbung noch heute bei allen Metazoen in Gestalt der 
Gastrula erhält. Von der Gastraea leiten sich ab : 
I. die Spongien, 2. die Cnidarier und 3. die Platoden. 
Nur die letzteren finden sich unter den Progonen des 
Menschen. Von den Gastraeaden- Ahnen leben in der 
heutigen Fauna Olynthus und Hydra. Dem Urbilde 
der Gastraea soll der von Monticelli entdeckte 
Pemmatodiscus gastrulaceus vöUig entsprechen. Aus 
den beiden Keimblättern der Gastraea haben sich 
alle Gewebe entwickelt. An diese Gastraeaden 
schließen sich die Piatodarien, eine kleine Gruppe 
einfach gebauter Tiere, die von den Platoden ab- 
getrennt werden. Hypothetisch sind unter ihnen die 
Archelminthes, denen sich die .'\coela, die niedrigsten 
Turbellarien anschließen. Sie besitzen an Stelle des 
Urdarmes der Archelminthes ein verdauendes Paren- 
chym. Haeckel faßt sie als Reste der Übergangs- 
formen von den Gastraeaden zu den Rhabdocölen 
auf. An diese einfachen, diploblastischen Cryptocölen 
schließen sich in unserer .■\hnenreihe die triploblasti- 
schen Platodinien an, deren Nachkommen die heute 
lebenden Rhabdocölen sind und die sich auch durch ein 
Exkretionssystem und die Sonderung des Gehirnes 
von den Cryptocöliern unterscheiden. Mit diesen 
Rhabdocölen-Vorfahren, eben den Platodinien, ver- 
lassen wir die Niedertiere oder Cölenterien und ge- 
langen zu den Cölomarien, den Tieren, die sich durch 
den Besitz einer Leibeshöhle auszeichnen. Mit dem 
Erwerb der Leibeshöhle gehen Hand in Hand die 
Entstehung einer zweiten Darmöfthung und des Blut- 
gefäßsystems. Damit kommen wir zu den Vermalien 
Haeckel's, jener Gruppe, die übrig bleibt, wenn wir 



N. F. Vtll. Nr. 



Naturwissenschaflliche Wochenschrift. 



47 



von den „Würmern" (im alten Sinne) die Platoden 
und .'\nneliden abziehen. Am klarsten treten uns die 
hypothetischen Provermalien in den Gastrotrichen ent- 
gegen, die noch zahlreiche Pladoten-Merkmale zeigen, 
aber einen After besitzen. Von der 9. Etappe unserer 
Progonotaxis, den Provermalien, bis zu den Pro- 
chordoniern führt der allerdunkelste Weg. Als Ziel des 
Weges sieht man nur die „Chordaea", eine ebenso 
wichtige Stammform wie die Gastraea. Sie ist die 
gemeinsame Stammform der Tunicaten und der 
Vertebrata. Wie sie aus den Frontoniern entstanden 
ist, darüber läßt sich nichts Bestimmtes angeben. Die 
Chordaea ist längst ausgestorben und dürfte in der 
präsilurischen Zeit gelebt haben. Näheres über die 
Chordaea- Theorie findet man in : Haeckel, Anthropo- 
genie, Kap. 10. 

Die dritte Strecke unserer Progonotaxis umfaßt 
die Monorrhinen-Ahnen. Zu diesen gehören vor allem 
die Acranier, die heute nur durch den Amphioxus 
(Branchiostoma) vertreten sind, den einzigen Über- 
lebenden einer großen Gruppe aus dem präsilurischen 
Zeitalter. Die große Bedeutung dieses Tieres ist 
durch die klassischen Untersuchungen von Johannes 
Müller, Kowalevsky und Hatschek klargelegt worden. 
So sehr einfach auch der Bau und die Entwicklungs- 
geschichte dieses niedersten rezenten Vertebraten sein 
mögen, so zeigt er doch eine Reihe sekundärer, erst 
später erworbener Merkmale. Daraus ergibt sich, daß 
er nicht als direkter Vorfahre des Menschen auf- 
zufassen ist. Dagegen dürften seine präsilurischen 
Stammformen, die hypothetischen „Urwirbeltiere" oder 
Prospondylia, in die Ahnenreihe des Menschen zu 
rechnen sein. Auf diese uralten Prospondylien-Ahnen 
folgt ein dunkles Wegestück in unserer Progonotaxis, 
wo wir nur auf mehr oder minder wahrscheinliche 
Schlüsse angewiesen sind. Festen Boden gewinnen 
wir erst wieder, wenn wir zu den Cyclostomen ge- 
langen. Diese Tiere sind schon Schädeltiere (Cranioten) 
und als solche weit höher organisiert als der schädel- 
lose Amphioxus. Die beiden sehr voneinander ab- 
weichenden Ordnungen der C}clostomen, die Myxi- 
noiden und die Petromyzonten , sind höchst wahr- 
scheinlich divergente Abkömmlinge einer älteren 
Stammgrappe, die Haeckel als Urschädeltiere (= Archi- 
crania) bezeichnet. Von ihnen sind fossile Reste nicht 
erhalten und wir können uns nur durch das Studium der 
Larve von Petromyzon ein ungefähres Bild jener alten 
Urschädeltiere machen. Diese „Archicranier" nun 
sind in unserer Ahnenreihe sicherlich vertreten ge- 
wesen. — Mit diesen Archicranier-Ahnen schließt der 
erste große Abschnitt unserer Progonotaxis ab und 
wir gelangen nun in ein Gebiet, wo wir infolge des 
Vorhandenseins paläontologischer Urkunden sicherer 
gehen. Die hier beginnende vierte Strecke unserer 
Progonotaxis umfaßt die Anamnien-Ahnen, also solche 
Tierformen, denen im embryonalen Leben ein Amnion 
noch fehlt. Sie beginnen mit den Fischen , der 
untersten Abteilung der Gnathostomen. Von den 
Fischen (Pisces) kommen nur die Selachier und Ganoiden 
für unsere Ahnenreihe in Betracht, während die 
Teleostier oder Knochenfische nicht als Vorfahren 
des Menschen zu betrachten sind. Die Selachier 



werden als Stammform aller Gnathostomen ange- 
sprochen. Die heute lebenden Selachier freilich zeigen 
auch wieder sekundäre Merkmale. Nach deren Ab- 
zug gelangte Haeckel zu seinem hypothetischen ältesten 
Stammfisch, dem Ichthygonus primordialis, dem die 
fossilen obersilurischen Proselachier sehr nahe ge- 
standen haben dürften. Diese Proselachier dürften 
also zu unseren Progonen zu rechnen sein. An die 
Selachier, und mit ihnen durch Übergänge verbunden, 
schließen sich die Ganoiden oder Schmelzschupper. 
Die ältesten Ganoiden sind die Proganoiden, von 
denen spärliche Reste schon im oberen Silur vertreten 
sind. Von diesen Proganoiden führt die Entwick- 
lungslinie zu den noch heute in Afrika lebenden 
Crossopterygiern und weiter zu den Dipneusten oder 
Lurchfischen. Diese Dipneusten sind besonders in- 
sofern höher organisiert als sie neben den Kiemen 
bereits Lungen besitzen , die ihnen den Aufenthalt 
außerhalb des Wassers gestatten. Sie bilden aus diesem 
Grunde den Übergang zu den Amphibien und eine 
besondere Stufe unserer Ahnenreihe. Die ältesten 
Dipneusten sind die Paladipneusten des Devon und 
Carbon, aus denen sich die Progonamphibien ent- 
wickelten , die Ausgangsformen aller Vierfüßer. — 
Es folgen nun die Amphibien-Ahnen, die eine sehr 
wichtige und durch alle drei Urkunden gestützte Vor- 
fahrengruppe bilden. Die Paläontologie lehrt uns die 
uralten, sehr primitiven Stegocephalen kennen. Dann 
zeigt uns die vergleichende Anatomie, daß die Am- 
phibien in der Mitte zwischen den älteren Fischen 
und den Amnioten stehen und endlich zeigt uns die 
Ontogenie, wie sich der Übergang vom Wasser- zum 
Landleben gestaltet hat. Diese alten Stegocephalen 
waren noch mit dem pentadactylen Kriechbein ver- 
sehen. Ihr salamanderähnlicher Körper war mit einem 
festen Panzer bedeckt. Die rezenten Nacktlurche 
(Lissamphibia) gehören nicht in die Ahnenreihe. Von 
den Stegocephalen gelargen wir zu den Proreptilien, 
den Ausgangsformen der Amnioten, deren Hauptmerk- 
male Amnion und Allantois sind. Die Amnioten um- 
fassen die Sauropsiden (Reptilien -f- Vögel) und die 
Säugetiere. Zuerst treten primitive Reptilien auf, die 
permischen Tocosaurier, Proreptilien, die einen letzten 
Überrest in der Hatteria punctata hinterlassen haben. 
Zwischen den Reptilien-Ahnen und den niedersten 
Säugern sind uns gar keine fossilen Reste erhalten. 
Man hat daher eine Übergangsgruppe angenommen, 
die Sauromammalien. Aus dieser hypothetischen 
Gruppe entwickelten sich parallel die riesigen Thero- 
morphen und die Säugetiere. — Somit betreten wir 
die fünfte Strecke unserer Ahnenreihe, die der Säuge- 
tiere. Die Säugetiere bilden eine morphologisch wie 
phyletisch einheitliche Gruppe, die durch 8 sehr 
wichtige Merkmale charakterisiert ist. Deshalb müssen 
die gesamten Säugetiere eine einzige Stammform haben, 
die eines unbekannten Promammale. Von diesem 
hypothetischen Promammale führt der Weg zu den 
Monotremen. Wahrscheinlich haben wir in den 
mesozoischen Pantotherien Progonen des Menschen 
zu suchen. Sicher sind auch unter den Marsupialiern 
oder Beuteltieren verschiedene Stufen unserer Pro- 
gonotaxis zu suchen , besonders ihre gemeinsame 



48 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 3 



Stammform, die Prodidelphier. Die höchst entwickeUe 
Subklasse der Säugetiere ist die der Zottentiere = 
Placentalia. An der Wurzel hängen alle die ver- 
schiedenen, weit auseinandergehenden Placentalier zu- 
sammen. Sie haben die gemeinsame Stammform der 
Urzottentiere. Im Tertiär fand die große EntfaUung 
der Säugetiere statt. Aus den IMallotherien (Urzotten- 
tieren) entwickelten sich wahrscheinlich in der Kreide 
die Lemuraviden, die älteren Halbaffen, mit der Zalin- 

formel ^ ' ' ' -^ An sie schließen sich die jüngeren 

3 ■ I • 4- 3 
Halbaffen an, unter denen Tarsius sehr primitive 
Merkmale zeigt. Mit diesen Prosimien-Ahnen haben 
wir übrigens die sechste Strecke unserer Progonotaxis 
beschritten. An die Prosimien schließen sich die 
pithekoiden Ahnen an. Da sind zu nennen i. Platyr- 
rhinen und 2. Katarrhinen. Unter den letzteren Ost- 
affen treffen wir heute die niederen Hundsaffen und 
die höheren Menschenaffen oder Anthropomorpha, die 
den unmittelbaren Übergang zum Menschen bilden. 
Nach dem Pithecometra-Satz Huxley's sind wir zu der 
Annahme berechtigt, daß der Mensch zusammen mit 
dem Gibbon, Orang, Schimpansen und Gorilla von 
geschwänzten Hundsaft'en abstammt. Wir haben also 
in der letzten Strecke unserer Progonotaxis folgende 
Stufen: i. ältere Hundsaffen, 2. jüngere Hundsaffen, 
3. ältere Menschenaffen, 4. jüngere Menschenaffen, 

5. Affenmenschen (den Pithecanthropus erectus), 

6. Urmenschen (Homo primigenius) und 7. Vernunfts- 
menschen (Homo sapiens). Darüber findet man näheres 
in Haeckel: Syst. Phylogenie III, ^;^ 444 — 460. 

In der vorliegenden Schrift Haeckel's finden sich 
noch 2 Abschnitte über i. phyletische Beiträge zur 
Kraniologie und 2. phyletische Studien über Menschen- 
rassen. Die Besprechung dieser Abschnitte würde 
hier zu weit führen und es muß daher auf das 
Original verwiesen werden. 

Dr. phil. Effenberger, Jena. 



Afrika und die Charakterpflanzen Afrikas. II. Bd." Cha- 
rakterpfianzcn .\frikas {insbesondere des trop.). Die Fami- 
lien der afrikan. Pflanzenwelt u. ilire Bedeutg. in derselben. 
I. Die Pteridophyten, Gymnospermen u. monokotyledonen 
Angiospermen. iVIit 16 Vollbildern u. 316 Textfig. ;(XI, 
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Gase. Vortrag. (39 S. m. Abbildgn ) gr. 8". Leipzig '08, 
Akadem. Verlagsgesellschaft. — 1,40 Mk., kart. 1,80 Mk. 



Anregungen und Antworten. 

Herrn Sl. R. in Krakau. — Nur allgemein interessierende 
Fragen können wir an dieser Stelle beantworten. Einen An- 
spruch auf ."Antwort können wir daher unseren Lesern nicht immer 
gewähren, es sei denn, dal3 sie das Porto für briefliche Ant- 
wort mitsenden. — Die Geschäftsstelle des deutschen Monisten- 
bundes befindet sich in Berlin W, Kurfiirstenstr. 167. 



In Nr. 46 (1908) der Naturw. Wochenschr. erschien ein 
Artikel von Dr. S. Killermann über den ,,K ann ibal is mus 
bei Menschen und Tieren". Dazu kann ich nach per- 
sönlicher Beobachtung hinzufügen, daß auch bei den Kanarien- 
vögeln, also nicht Fleischfressern, dieselbe Erscheinung zu 
konstatieren ist. Ich habe mehrmals beobachtet, daß die 
Eltern, besonders oder ausschließlich junge Eltern, ihren 
kaum gefederten Jungen erst die Federn auszogen und dann 
schlieiSlich die Brust durchstachen , wobei sie die Eingeweide 
verzehrten. Ob sie dabei nach einer weichen Unterlage für 
ein neues Nest suchten, ist fraglich ; sie haben wenigstens zu 
dieser Zeit keinen Mangel an den von den Kanarienvögel- 
züchtern verwendeten weichen Spinnfasern gehabt. 

Dr. E. V. Budkewicz. 



Literatur. 

Bartels, Dr. Walth. : Die Gestalt der deutschen Ustseeküste. 

(XI, 12S S.) Stuttgart 'oS, Strecker & Schröder. — 4,50 Mk. 
Cook, des Kapit. James, Weltumseglungsfahrten Ein Auszug 

aus seinen Tagebüchern. Bearb. u. übers, v. Dr. Edwin 

Hennig. Mit 8 Bildern u. i (färb.) Karte, i.— 4. Taus. 

(554 S.) Hamburg '08, Gutenberg-Verlag. — 6 Mk. , geb. 

7 Mk. 
Darmstaedter's Ludw., Handbuch zur Geschichte der Natur- 
wissenschaften u. der Technik. In chronolog. Darstellung. 

2., umgearb. u. verm. Aufl. Unter Mitwirkg. v. Prof. Dr. 

R. du Bois-Reymond u. Oberst z. D. C. Schaefer hrsg. v. 

Prof. Dr. L. Datmstaedter. (X, 1263 S.) gr. 8". Berlin 

'08, J. Springer. — Geb. in Leinw. 16 Mk. 
Dircks, Gust. : Das moderne Spanien. (III, 376 S. m. 96 Ab. 

bildgn.) Le.\. S». Berlin 'oS, H. Pactel. — 9 Mk., geb. 

in Leinw. 10 Mk. 
Engler, A.: Die Pflanzenwelt Afrikas, insbesondere seiner 

tropischen Gebiete. Grundzüge der Pflanzenverbreitung in 



Berichtigung zu der Antwort betreffend ,,v er- 
kannte Fremde" (Nr. 47, Seite 752). — Herr Dr. Graebner 
macht mich darauf aufmerksam, daß die bisher als Bidens 
frondosus L. angesehene Adventivpflanze jetzt zu Bidens 
melanocarpus Wiegand gerechnet wird; Wiegand hat 
(in Bull. Torrey Bot. Club X.KVI. (1899) 405) die Unterschiede 
seiner neuen Art gegenüber dem echten B. frondosus 
L. festgelegt. Vgl. auch .Ascherson in Verh. Bot. Vereins 
d. Prov. Brandenburg XLII. (1900) 293. — Die ausführlichste 
Zusammenstellung über Adventivpflanzen gab F. Hock 
I Ankömmlinge in der Pflanzenwelt Mitteleuropas während des 
letzten halben Jahrhunderts) in: Beihefte zum Botan. Central- 
blatt IX. (1900) 241, X. (1901) 284, XI. (1902) 261, XII. 
(1902) 41, XIII. (1902) 211, XV. (igoj) 387, XVIII. (1905) 
79; 1. c. XI. (1902) 277 findet man Literatur über Bidens 
melanocarpus. H. Harms. 

Herrn Dr. E. B. in Wien. — Wir kennen nur das Buch 
von Ebert, ,, .Anleitung zum Glasblasen". Leipzig, J. A. 
Barth, 2. Aufl. 1895. Preis 2 Mk. 



Inhalt: Dr. J. Versluys: Die Salamander und die ursprünglichsten vierbeinigen Landwirbeltiere. — Kleinere Mitteilungen : 
Dr. Richard Hennig: Gerücht und Wunder. — Dr. August Ackermann: Auftreten der Raupe von Aglossa 
pinquinalis im Darm. — Bücherbesprechungen: Ernst Haeckel: Unsere Ahnenreihe (Progonotaxis Hominis). — 
Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. 

Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buclidr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Koli;e VIII. Band ; 
der ganzen Reihe XXIV. B.-ind. 



Sonntag, den 24. Januar 1909. 



Nummer 4. 



[Nachdruck verboten.] 



Vogelschutz in den Vereinigten Staaten. 

\'on Dr. Ernst Schultze, Hamburg-Großborstel. 



Die ungeheuren Naturschätze, die noch vor 
hundert Jahren auf dem Gebiete der heutigen 
Vereinigten Staaten vorhanden waren, sind durch 
unkluge und unvorsichtige Maßnahmen auf ein 
zum Teil recht bescheidenes Maß zurückgeführt 
worden. Es gibt wenige Länder, in denen man 
mit den Schätzen der Natur so große 
Verschwendung getrieben hat wie in Nord- 
amerika. Am bekanntesten ist die unsägliche 
Waldverwüstung, die riesige Waldungen nicht 
nur dort ohne weiteres vernichtet hat, wo an 
Stelle der niedergebrannten Wälder Ackerbau 
möglich ist, sondern die sogar weite Strecken 
Landes jedes Baumwuchses beraubt hat, selbst 
wenn sie von der Natur gar nicht zum Ackerbau, 
sondern eben zum Waldbestand bestimmt sind. 
Man hat berechnet, daß in manchen Jahren der 
Schaden durch Waldbrände mehr als 100 Millionen 
Dollars (400 Millionen Mk.) betragen hat. Der 
Raubbau, den ein großer Teil der amerikanischen 
Farmer treibt, bringt ähnliche Folgen mit sich ; 
ohne dem Boden durch zeitweiligen Anbau von 
Hackfrüchten oder durch anderen F"ruchtwechsel 
Erholung zu gönnen, wird Jahr für Jahr dasselbe 
Getreide oder dieselbe Frucht darauf gezogen. 

Die gewaltigen Kohlenlager, die unter der 
Erdoberfläche in den Vereinigten Staaten liegen, 
sind bereits so stark angegriffen worden, daß be- 
rechnet worden ist, dal3 z. B. der Anthrazit nur 
noch höchstens 75 Jahre ausreichen wird. Und 
obwohl die übrigen Kohlenlager der Vereinigten 
Staaten noch gegen 1500 Milliarden Tonnen aus- 
machen, so warnt doch das Geologische Landes- 
amt in Washington ernstlich davor, den Abbau 
der Kohlenfelder in so verschwenderischer Art 
weiter zu betreiben wie bis jetzt: so nämlich, daß 
den Kohlenbergwerken vielfach nur der vierte Teil 
der Mächtigkeit eines Kohlelagers entnommen wird. 

Und ebenso geht es mit der Tierwelt. Die 
prächtigen Büffelherden der Vereinigten Staaten 
sind vernichtet — nicht durch allmähliches Ab- 
schießen der Büfifel, um ihr Fleisch als Nahrung 
zu verwenden, vielmehr weil sich in den 1870 er 
Jahren Aktiengesellschaften bildeten, die lediglich 
die Häute und Hörner der Büfifel verwenden 
wollten und die den echten amerikanischen Groß- 
betrieb einführten. Die Büfifel wurden nicht ein- 
zeln mit dem Gewehr erlegt, sondern die Büfifel- 
herden wurden mit Kugelspritzen beschossen, und 
den gefallenen Tieren wurden nur die Häute ab- 
gezogen, während man das Fleisch größtenteils 
verwesen ließ, so daß die Luft meilenweit ver- 
pestet war. 4V0 Millionen Büffel sind in den 



Jahren 1872 — 1874 getötet worden, über 3 Millionen 
nur der Häute wegen. 

Auch die V o g e 1 w e 1 1 der Vereinigten Staaten 
ist von dieser unsäglichen Verschwendung be- 
troffen worden, obwohl sie sich wirtschaftlich viel 
weniger ausnutzen läßt wie etwa die Säugetiere. 
Im Gegenteil ist das Bestehen zahlreicher Vogel- 
arten für den Menschen von größtem Nutzen, 
soweit diese Vögel zu den Insektenvertilgern ge- 
hören — von den ästhetischen Reizen, die die 
gefiederten Sänger der Luft auf uns ausüben, ganz 
zu schweigen. Dennoch ist man in den Ver- 
einigten Staaten selbst gegen die Vögel mit einer 
Zerstörungswut vorgegangen, die sich zum Teil 
schon bitter gerächt hat. Klagen doch die Farmer 
schon seit langem über die geringe Zahl der in- 
sektenfressenden Vögel. Ein Beispiel für den 
riesigen Vogelreichtum früherer Zeiten : es gab in 
den Vereinigten Staaten so ungeheure Mengen 
der Wandertaube, die in jedem Frühjahr in großen 
Schwärmen erschien, daß diese Vögel an ihren 
Brutstätten in den Wäldern nicht zu Tausenden, 
sondern zu Hunderttausenden beieinander saßen. 
Damals mästeten die Farmer ihre Schweine mit 
den Eiern und den jungen Vögeln, die aus den 
Nestern der Wandertauben fielen. 

Der Mensch hätte in den Vereinigten Staaten 
um so mehr Anlaß gehabt, die Vogelwelt zu 
schonen und zu schützen, als ihr neben den über- 
all vorhandenen Vogelfeinden, als da sind Katzen, 
Marder usw., Tod und Vernichtung durch die 
großen Stürme drolien, denen die gewaltige Flach- 
mulde zwischen den .'Mleghanies und dem Felsen- 
gebirge so häufig ausgesetzt ist. Unzählige kleine 
Vögel finden bei diesen heftigen Stürmen ihren 
Tod. Auch hat die Vernichtung der Wälder in 
den Vereinigten Staaten natürlich in hohem 
Maße dazu beigetragen, daß die Zahl der Vögel 
reißend schnell abnahm. Das Waldgebiet der 
Vereinigten Staaten umfaßt heute nur noch einen 
kleinen Bruchteil der großen Landfläche , die 
vor hundert Jahren mit Wäldern bedeckt war, 
und noch immer schmilzt das Waldgebiet weiter 
zusammen. 

Der größte Feind der Vogelwelt ist indessen 
doch wohl menschlicher Unverstand und Eigen- 
nutz. Gegen diese aber hat eine gemein- 
nützige Gesellschaft einen lebhaften und 
tatkräftigen Kampf eröffnet, die im Jahre 1886 in 
New York begründet wurde, schon 2 Jahre später 
fast 25000 iVIitglieder besaß und sich in der 
Zwischenzeit zu einer der größten gemeinnützigen 
Gesellschaften in den Vereinigten Staaten ausge- 



so 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 4 



wachsen hat. Der Mitgliedsbeitrag zu der 
„Audubon Society" beträgt 5 Dollars (20 Mk.) 
jährlich. Sie verwendet ihre IVIitgliedsbeiträge 
und die Zinsen eines ihr durch die letztwillige 
Verfügung von Mr. Albert Wilcox zugeflossenen 
Kapitals von etwa i 200 000 Mk. dazu, die Vogel- 
schutz-Bestrebungen in den Vereinigten Staaten 
nach allen Kräften zu fördern. Nur 9 Staaten der 
nordamerikanischen Union besitzen keine Zweig- 
vereine der Audubon Society. Alle anderen 
ziehen aus ihrer Tätigkeit Nutzen. In zwei Staaten 
haben sogar die Parlamente in Übereinstimmung 
mit dem Gouverneur beschlossen, daß die dortigen 
Zweigvereine der Audubon Society als Staats- 
organe anzusehen seien; man hat ihnen dort 
klugerweise die Aufgaben und die Befugnisse 
der Ausschüsse für Wildschutz (State Game 
Commissions) übertragen. 

Übrigens beschränkt sich die Audubon Society 
nicht auf den Vogelschutz allein, sondern nimmt 
sich der Erhaltung der Tierwelt der Ver- 
einigten Staaten und ihrer Kolonien 
ganz im allgemeinen an. So hat sie z. B. 
die Vögel der Sandwichinseln vor den japanischen 
Federjägern gerettet. Das Abschießen der Elche, 
nur um ihre Geweihe als Schmuckstücke ver- 
wenden zu können , wird von ihr verhindert. 
Wildschützen, die trotz der bestehenden Gesetze 
Wildarten abschießen, die nicht geschossen wer- 
den dürfen, werden von ihr unbarmherzig ver- 
folgt und vor die Gerichte gezogen. Die Audubon 
Society hat dazu beigetragen, daß die Union Ge- 
setze zum Schutze der letzten Büffel erließ, ferner 
daß bessere Wildschutzgesetze für Alaska ge- 
schaffen wurden. Auf den Bahamainseln hat die 
Audubon Society die Flamingos vor der Vernich- 
tung bewahrt, indem sie den Erlaß eines beson- 
deren Gesetzes veranlaßte. Sie hat den weißen 
Reiher, den schönsten Watvogel Amerikas, vor 
Vernichtung bewahrt, und sie hat den Schutz 
auch der anderen Vogelarten, wie wir noch sehen 
werden, in erfolgreichster Weise betrieben. 

Der Name der Audubon Society konnte nicht 
schöner und ^treffender gewählt werden. John 
James Audubon war der bedeutendste Orni- 
thologe Nordamerikas. Trotz seines französischen 
Blutes war er, wie schon seine Vornamen zeigen, 
ganz amerikanisiert. Er wurde am 4. Mai 1780 
in der Nähe von New Orleans geboren, ging in 
sehr jungen Jahren nach Paris, um sich dort unter 
David in der Malerei auszubilden, und lebte seit 
1798 als Farmer an den Ufern des Schuylkill in 
Pennsylvanien. Zwölf Jahre später ging er nach 
Kentucky, damals noch eine völlige Wildnis, und 
durchstreifte hier die Wälder und befuhr die 
Ströme, um das Leben der Vögel zu erforschen 
und ihre Arten zu zeichnen. 1826 begab ersieh 
nach Europa, um hier die Herausgabe eines vier- 
bändigen Werkes über die Vögel Amerikas zu 
beginnen, das sich durch außerordentlich sorg- 
fältige Beobachtungen, durch die lebensvollsten 
Schilderungen und durch vorzügliche Abbildungen 



auszeichnete. Drei Jahre später kehrte Audubon 
wieder nach Amerika zurück. Hier schrieb er 
noch eine ganze Reihe von Büchern über die 
amerikanische Vogelwelt. In den letzten Jahren 
seines Lebens arbeitete er viel mit einem deutsch- 
amerikanischen Pfarrer und Naturforscher, John 
Bachmann, zusammen. Mit ihm gemeinschaftlich 
schrieb er zwei Werke über die Vierfüßer 
Amerikas, von denen das eine, wie sein großes 
Vogelwerk, mehrfache Auflagen erlebte. Audubon 
starb am 27. Januar 185 1 in New "\'ork. 

Über die gegenwärtige Wirksamkeit der 
Audubon Society gibt ein Aufsatz von Mr. T. Gilbert 
Pearson in der amerikanischen Zeitschrift ,,The 
Worlds Work" Näheres an, aus dem die wichtigsten 
Tatsachen im folgenden berichtet seien. Die 
Audubon Society sucht die Vernichtung; der Sing- 
vögel und ebenso das massenhafte Abschießen 
wilder Vögel zu verhindern. Wo Gesetze für 
den Vogelschutz noch fehlen, sucht sie sie 
vorzubereiten und durchzusetzen. Wo sie dagegen 
schon geschaffen sind, bemüht sie sich — was in 
den Vereinigten Staaten noch wichtiger ist wie 
in manchem anderen Lande — zu veranlassen, 
daß sie auch wirklich durchgeführt werden. Ferner 
strebt sie dahin, daß in jedem einzelnen Staate 
der amerikanischen Union ein Ausschuß für Wild- 
schutz eingesetzt werde und daß dieser Ausschuß 
möglichst ein sog. unpolitischer sei, d. h. daß er 
nicht ausschließlich mit den Anhängern und 
Günstlingen der gegenwärtig gerade am Ruder 
befindlichen Partei besetzt werde. 

Ihre wichtigste Aufgabe sieht die Audubon 
Society in der Erziehung des Publikums und in 
der Einwirkung auf die öffentliche 
Meinung. Schon die Schulkinder sollen lernen, 
daß der Mensch den Vögeln Schutz gewähren 
soll. Der Junge soll dahin gebracht werden, ein- 
zusehen, daß der Vogel für uns auch dann Inter- 
esse haben kann, wenn wir ihm sein Nest nicht 
fortnehmen. Und das Mädchen soll erkennen 
lernen, daß ein lebender Vogel schöner ist, als 
sein Flügelpaar, wenn es zum Schmucke eines 
Damenhutes verwendet ist. Da die Amerikaner 
ihre Kinder fast wie erwachsene Leute behandeln, 
hat die Audubon Society Hunderte von „Junior 
Secretaries" (was erheblich respektvoller klingt, 
als wenn man es einfach mit „Kindersekretäre" 
übersetzt) ernannt, die unter ihren Kameraden, 
also unter der Schuljugend, die Vogelschutz- 
bestrebungen fördern. Auch auf die Schulbehörden 
und die Lehrer und Lehrerinnen wirkt die Audubon 
Society ein, und ihre Broschüren werden Jahr für 
Jahr in Zehntausenden von Exemplaren verteilt 
und verkauft. Sie sind mit farbigen Abbildungen 
versehen, die die Amerikaner ja prächtig herzu- 
stellen wissen. Außerdem veröffentlicht die 
Audubon Society eine Zeitschrift „Bird Lore", die 
von Mr. Frank M. Chapman von dem amerikani- 
schen Museum für Naturgeschichte herausgegeben 
wird. In den landwirtschaftlichen Unterrichts- 
anstalten treibt die Audubon Society eine aus- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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gedehnte Propaganda. Die Jägerklubs werden 
von ihr beeinflußt und aufgeklärt. Ihre Vortragen- 
den durchziehen das Land, um Lehrerversamm- 
lungen, P'armerkongresse usw. zu besuchen und 
dort die Wichtigkeit des Vogelschutzes darzutun. 
Die Presse wird beständig mit Nachrichten ver- 
sehen. Natürlich wird auch von der Kunst der 
Interviews ein reichlicher Gebrauch gemacht; 
insbesondere hochstehende Beamte und offizielle 
Persönlichkeiten müssen daran glauben. Wenn 
ein Vogelschutzgesetz in Vorbereitung ist, so 
stehen ein oder mehrere Vertreter der Gesell- 
schaft stets zur Verfügung, um das Gesetz zu 
vertreten. Häufig hat sich schon der Fall er- 
eignet, daß die gesetzgebenden Körperschaften 
die betreffenden Vertreter ersucht haben, ihnen 
einen größeren Vortrag über Vogelschutz zu halten. 
Übrigens hat sich die Audubon Society ge- 
sagt, daß es unmöglich sein würde, die Vogel- 
Schutzbestrebungen in Nordamerika erfolgreich 
durchzuführen, wenn die Vögel zwar in be- 
stimmten Staaten der Union geschützt sind, in 
anderen aber nicht. Das würde nur bedeuten, 
daß die Schutzmaßnahmen des einen Staates den 
Vogeljägern des anderen zugute kommen. Keine 
Tierklasse wandert ja so gern und regelmäßig 
und über so große Gebiete wie gerade die Vögel. 
Die Audubon Society hat daher den brennen- 
den Wunsch, daß ein einheitliches Vogel- 
schutzgesetz für die ganzen Vereinigten Staaten 
geschaffen werde, das den Vögeln, die als Jagd- 
wild betrachtet werden, in allen Jahreszeiten und 
in allen Staaten der Union Schutz verleiht. Über 
200 Arten solcher Vögel sind gegenwärtig noch 
in jedem Staate der Union zu finden, und sie 
machen mehr als vier Fünftel aller nordameri- 
kanischen Vögel aus. Aber die Verfassung der 
Vereinigten Staaten wird allgemein so ausgelegt, 
daß nur diejenigen Dinge, die ausdrücklich darin 
genannt sind, der amerikanischen Bundesregierung 
zustehen, während alle anderen zur Machtvoll- 
kommenheit der Kinzelstaaten gehören. Da die 
Begründer der nordamerikanischen Union nicht 
daran gedacht haben, daß das Wild eines beson- 
deren Schutzes bedürfen könnte, und auch nicht 
daran zu denken brauchten — denn zu ihrer Zeit 
war es außerordentlich zahlreich und sie gingen 
nicht so verschwenderisch damit um, wie dies 
später ihre Nachkommen taten — , so ist in der 
amerikanischen Verfassung nicht von Wildschutz 
die Rede. Die strenge Auslegung der Verfassung 
macht es daher unmöglich, daß von der Bundes- 
regierung ein entsprechendes Gesetz geschaffen 
wird. So hat die Audubon Society denn die 
riesige Arbeit in Angriff nehmen müssen, die 
Gesetzgebungsmaschinen aller Einzelstaaten in Be- 
wegung zu setzen, soweit sie sich in Bewegung 
setzen ließen ! In nicht weniger als 37 unter den 
46 Staaten der Union hat sie das erwähnte Vogel- 
schutzgesetz durchgesetzt, das allgemein unter dem 
Namen ,, Audubon Law" bekannt ist. Auch die Mehr- 
zahl der 9 Provinzen Kanadas haben es angenommen. 



Am erfolgreichsten ist das Vorgehen der 
Audubon Society im Staate Nordkarolina ge- 
wesen. Dort haben die gesetzgebenden Körper- 
schaften im März 1903 beschlossen, den Zweig- 
verein der Audubon Society mit allen Rechten 
eines Regierungsamtes für Wildschutz auszustatten. 
Und da dieser Zweigverein sich ebenso wie die 
Hauptgesellschaft von rein politischen Einflüssen 
freihält, so ist seine Wirksamkeit besonders er- 
folgreich gewesen. Von allen Seiten wird ihr 
große Achtung entgegengebracht. Im Jahre 1907 
brachten im Staate Nordkarolina die Angestellten 
der Audubon Society 245 Fälle der Verletzung 
der Wildschutzgesetze vor Gericht, und durch 
diese strenge Verfolgung sind natürlich viele an- 
dere Versuche, sie zu verletzen, im Keime er- 
stickt worden. Das Wildschutzgesetz, das in 
Nordkarolina am meisten verletzt wird, ist das 
Verbot der Verschickung von Wachteln. Die 
amerikanische Wachtel , Quail genannt (Ortyx 
virginianus), ist als Delikatesse gerade in den Nord- 
staaten besonders geschätzt ; sie ist kleiner als 
das europäische Rebhuhn, aber größer als unsere 
Wachtel und besitzt ein vorzügliches Fleisch. Um 
die Versendung von Wachteln nach Norden zu 
verhindern, ist in der Jagdzeit einer der Inspek- 
toren der Audubon Society beständig auf den 
Beinen, und er fängt namentlich in Greensboro 
immer wieder solche Sendungen ab. Die wich- 
tigste Hilfe leistet ihm dabei sein Hund, der mit 
untrüglicher Sicherheit festzustellen vermag, ob 
in dem Inhalt eines großen Koffers oder eines 
Hutkoffers, eines Korbes oder eines Whiskeyfasses 
Wachteln versteckt sind. In all diesen und 
anderen Behältern werden sie mit Vorliebe ge- 
schmuggelt. 

Die Tätigkeit der Audubon Society nach dieser 
Richtung hin wird nicht nur von all den Tausen- 
den gern unterstützt, denen die Erhaltung der 
Singvögel am Herzen liegt, sondern auch von den 
Besitzern und Pächtern vieler großer Jagdgebiete. 

Dem Staate Nordkarolina folgte im P'ebruar 
1907 der Nachbarstaat Südkarolina, indem er den 
dortigen Zweigverein der Audubon Society mit 
den Pflichten und Rechten eines Fischerei- und 
Wildschutz-Ausschusses bekleidete. Verlassene 
Reisfelder dieses Staates werden nun in große 
Entenbrutstätten umgewandelt. 

Besonderen Schutzes bedarf das Rotkehlchen. 
In den Südstaaten gilt es allgemein als jagdbarer 
Vogel. Wenn das Rotkehlchen im Winter nach 
Süden wandert, findet man in den Städten der 
nordamerikanischen Südstaaten große Reihen von 
toten Rotkehlchen zum Verkauf ausgestellt. Ins- 
besondere des Nachts werden sie abgeschossen 
oder anders getötet. Sie pflegen auf den Asten 
einer Zeder oder Fichte zu schlafen. Dort sitzen 
die Rotkehlchen so dicht auf den Zweigen, daß 
das Abschießen einer einzigen Schrotladung zu- 
weilen 20 — 30 tote Vögelchen herunterbringt. 
Die dortigen Neger und ebenso die bösen Buben 
von weißer Hautfarbe brauchen indessen nicht 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 4 



einmal ein Gewehr, um die Vögel zu töten, da 
sie eine noch einfachere Jagdart befolgen. Sie 
gehen nachts zu zweien in die Wälder. Einer 
von ihnen trägt ein Licht und klettert auf einen 
Baum, während der andere auf die Zweige der 
umstehenden Bäume mit einer Stange losschlägt. 
Die erschreckten Vögel fliegen dann dem Lichte 
zu, und der Neger oder der weiße Junge, der das 
Licht trägt, ergreift die Vögel, die ängstlich um 
das Licht flattern, drückt ihnen den Kopf ein und 
wirft sie zu Boden. Zuweilen soll man in den 
Südstaaten nachts bis zu 20 solcher Lichter auf 
kleinem Räume nebeneinander sehen können. Die 
Zahl der Rotkehlchen, die dann ihr Leben lassen 
müssen, geht in die Tausende. Durch die Be- 
mühungen der Audubon Society sind nun in den 
verschiedenen Staaten Schutzgesetze für das Rot- 
kehlchen angenommen worden. In Nordkarolina 
hat man nur ihre Tötung zwischen Sonnenunter- 
gang und Sonnenaufgang verboten, in Südkarolina, 
in Alabama und Texas z. B. ist es dagegen über- 
haupt strafbar, ein Rotkehlchen zu töten. 

Die ärgsten Feinde der Vogelwelt sind aber 
vielleicht nicht die Leidenschaften der Lecker- 
mäuler, die sich an dem zarten Fleisch von Sing- 
vögeln gütlich tun wollen, sondern die Mode- 
torheiten, die das weibliche Geschlecht 
von Zeit zu Zeit befallen. Vor einigen Jahren 
wurde es bei den Damen wieder einmal modern, 
auf den Hüten statt der sonst so beliebten hängen- 
den Gärten einen riesigen Aufbau von Federn 
von Meerschwalben, Möwen oder anderen See- 
vögeln zu führen. Die Folge war — da für die 
Mode nichts zu teuer ist — daß überall auf den 
kleinen Inseln an der Ostküste Nordamerikas die 
Federjäger abschössen, was sie von Seevögeln 
nur erreichen konnten, natürlich ohne Rücksicht 
auf die Erhaltung der betreffenden Vogelarten. 
Man rüstete Schiffe aus, die Vorräte für mehrere 
Monate an Bord führten, und betrieb das Ab- 
tötungsgeschäft als Großbetrieb. Um die in den 
Nestern liegenden Eier und kleinen Vögel kümmerte 
man sich nicht. Diese unmenschlichen Vogel- 
jagden haben damals die Atlantische Küste der 
Vereinigten Staaten und ihre Golfküste einer un- 
geheuren Zahl von Seevögeln beraubt. Allein in 
den beiden Staaten Nordkarolina und .Südkarolina 
wurden damals im Laufe von 8 Jahren eine halbe 
Million Flügelpaare an die Modegeschäfte verkauft. 
Und auf Cobbs Island im Staate Virginia wurden in 
einem einzigen Jahre loooo Vögel abgeschossen. 
Die Audubon Society hat auch diesem Unfug einen 
Riegel vorgeschoben. Sie hat für die Verbesse- 
rung der Gesetzgebung gesorgt, und sie besoldet 
eine Anzahl von Wärtern, die eine große Zahl 
von Brutstätten der Seevögel an der ganzen öst- 
lichen und südlichen Küste, also auf der riesigen 
Strecke zwischen dem Staate Maine und dem 



Rio Grande, regelmäßig überwachen. Ebenso 
wird die ganze Küste des Stillen Meeres, soweit 
sie den Vereinigten Staaten gehört, überwacht. 
Infolgedessen nimmt die Zahl der Seevögel wieder 
stark zu, und man hoft't, daß sie die Zahl wieder 
erreichen, die sie vor 20 Jahren aufwiesen. Ins- 
besondere ist die Zunahme der Möwen bemerkens- 
wert, wie man in den Seestädten beobachten kann. 
Die Seevögel sind auch nicht mehr so scheu wie 
in den Jahren, in denen sie so erbarmungslos ab- 
geschossen wurden. 

Präsident Roosevelt, der große Naturfreund, 
hat seinerseits dazu beigetragen, den Vogelschutz 
zu pflegen. Er hat durch eine Exekutivorder 
eine Anzahl kleiner Inseln an den Küsten 
und im Inneren dazu bestimmt, den Vögeln als 
Brutstätten und Ruheplätze zu dienen. 
Sie dürfen daher von Menschen ohne besondere 
Erlaubnis nicht betreten werden. Nur die Beamten 
der Audubon Society haben dort Zutritt, um die 
Vermehrung der Vögel zu beobachten und ihnen 
Schutz gegen die Unbilden der Witterung zu 
ver.schaffen. Die bedeutendsten dieser Vogelbrut- 
stätten liegen in den Staaten Louisiana und 
Florida (je vier), ferner zwei in Michigan, eine in 
Norddakota, eine in Oregon, eine in Nebraska 
(wo man überhaupt dem Vogelschutz große Auf- 
merksamkeit zuwendet) und endlich drei an der 
Küste des nordwestlichsten Staates, Washington. 
Aber auch in den anderen Staaten finden sich 
manche Vogelbrutstätten, die von der Audubon 
Society überwacht werden. 

Man hofft, daß infolge dieser Maßnahmen auch 
solche Abarten, deren Zahl bereits arg zusammen- 
geschmolzen war, sich wieder vermeliren werden. 
So waren z. B. einige .Abarten der Meerschwalbe 
bereits soweit abgeschossen, daß nur noch weniger 
als looo Vögel davon am Leben waren. Jetzt 
hat sich ihre Zahl bereits wieder gehoben. 

Die Tätigkeit der Audubon Society 
ist somit von unschätzbarem Werte für die 
ganzen Vereinigten Staaten. Ein Land ohne 
Vögel entbehrt eines der schönsten Reize, mit 
denen die Natur uns umgibt. Der Wälder haben 
sich die Vereinigten Staaten bereits zum größten 
Teile beraubt. Ließen sie nun auch noch die 
.Singvögel aussterben, so würden die Nachkommen 
des heutigen Geschlechtes es diesem niemals ver- 
geben können, daß es mit dem von der Natur 
verschwenderisch gespendeten Reichtum so un- 
bedacht umging. Die Audubon Society hat der 
öffentlichen Meinung Amerikas diese schlimmen 
Folgen klar vor Augen geführt, und sie hat dafür 
gesorgt, daß man der Gefahr mit tatkräftigen 
Maßnahmen begegnete. Ihr gebührt hoher Dank, 
und ihrer Tätigkeit ist auch für die Zukunft der 
allerbeste F>folg zu wünschen. 



N. F. VIII. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



53 



Sammelreferate und Übersichten 



tische 
m en" 
recht 



über die Fortschritte in 

Neues aus der Bakteriologie. — Seit der 
Erfindung des Ultramikroskopes ist auch 
hier und da die Behauptung von der Exi- 
stenz bestimmter Ultramikroorganismen aufge- 
taucht. So hatten namentlich E. Raehlmann 
(Münch. medizin. Wochenschr. 51. Jg., 1904, und 
Berliner klin. Wochenschr. 41. Jg., 1905) sowie N. 
Gaiduko w (Centralbl. f Bakteriol, IL Abtlg., Bd. 16, 
1906, und Verhandl. Deutsch. Zool. Gesellsch., 1906) 
solche ultramikroskopische Wesen als leicht zu 
beobachtende, überaus häufige Erscheinung be- 
schrieben; ja der letztgenannte spricht sogar von 
solchen, die er teils außer-, teils innerhalb(!) 
von Algen-, Pilz- u. a. Zellen gesehen haben 
wollte. Nun veröfi"entlicht H. IMol isch in Botan. 
Zeitg. 66. Jg, 1908, I. Abtlg., S. 131, eine kri- 
Studie „Über Ultramikroorgan is - 
nach welcher das Vorkommen solcher doch 
zweifelhaft erscheint. Mo lisch hat mit 
der gleichen optischen .Ausrüstung und an dem 
gleichen Material wie jene, in Faulflüssigkeiten, in 
algenhaltigem Teich- und Grabenwasser usw., nach 
Ultramikroben gesucht, aber durchweg mit nega- 
tivem Resultat, und das vier Monate lang fast 
täglich ! Was an nachweislichen Mikroorganismen 
in der Dunkelfeldbeleuchtung erschien, konnte bei 
genauem Zusehen mit stärksten Objektiven (Zeiß 
hom. Imm. 2 mm, Oc. 18) auch im durchfallenden 
Licht wahrgenommen werden. In siebzehnjähriger 
Praxis als Bakteriologe hat M. (wie sehr viele 
Andere mit ihm) niemals auf irgendwelcher Kultur- 
platte eine Kolonie gefunden, die nicht aus 
mikroskopisch definierbaren Organismen bestanden 
hätte. 

Ultramikroskopische Krankheits- 
erreger hatte man vermutet für die Lungen- 
seuche der Rinder, für die Maul- und Klauen- 
seuche, für die „Mosaikkrankheit" des Tabaks, für 
die „infektiöse Chlorose" der Malvaceen. Die 
Erreger der erstgenannten Krankheit stehen eben 
noch diesseits der Grenze gewöhnlicher mikro- 
skopischer Sichtbarkeit, für die Maul- und Klauen- 
seuche ist ein organischer Erreger nicht nach- 
gewiesen, und daß ein solcher nicht mit Not- 
wendigkeit durch indirekten Beweis gefolgert 
werden kann, das lehren die beiden erwähnten 
Pflanzenphänomene (vgl. über die Mosaikkrankheit 
F. W. Hunger, Ber. Deutsch. Botan. Gesellsch. 
23. Bd., 1905, über die infektiöse Chlorose E. 
Baur, Sitzber. d. k. preuß. Akad. d. Wissensch. 
Bot. Gesellsch. 22. Bd., 1904, 
von welchen beiden wohl mit 
daß sie, trotz ihres infektiösen 
durch Organismen , sondern 
durch Stoffwechselprodukte hervorgerufen werden, 
die autokatalytisch die Krankheit übertragen. 

Durch die durchweg negativen Befunde von 
M o 1 i s c h verliert auch die X ä g e 1 i 'sehe Hypothese^) 
von den Probien, primitiven Organismen von 



1906, Ber. Deutsch, 
und 24. Bd., 1906), 
Sicherheit feststeht, 
Charakters nicht 



den einzelnen Disziplinen. 

kleinsten Dimensionen, die noch in der Gegen- 
wart jederzeit durch Urzeugung sollten entstehen 
können, sehr an Glaubhaftigkeit — da die mole- 
kulare Größe gewisser Eiweißkörper schon inner- 
halb der ultramikroskopischen Sichtbarkeit liegt, so 
ist die Existenz weit verbreiteter Organismen, 
die im Ultramikroskop nicht sichtbar sein sollten, 
recht unwahrscheinlich geworden. 

Über Fortbewegungsgeschwindigkeit und 
Bewegungskurven einiger Bakterien veröffentlicht 
R. Stigell im Centralbl. f. Bakteriol., I. Abt., 45, 
einige interessante Berechnungen und Skizzen. 
Die bei 1500-facher Vergrößerung beobachteten 
Höchstmaße der Geschwindigkeit, auf /t in i Sek. 
bezogen, waren für: 

Bac. subtiüs 5,55 Bac. typhi 2,50 

„ proteus 2,90 „ megatherium 2,08 

„ butyricus 4,47 Vibrio cholerae 4,38 

mesentericus 4,08 „ proteus 3,34 

„ pyocyaneus 2,70 „ aquatilis 6,66 

Diese Höchstmaße dürften charakteristischer 
sein als die von St. aus je 10 Messungen berech- 
neten Durchschnittswerte; die lo Parallelbestim- 
mungen zeigen sehr starke Differenzen, augen- 
scheinlich beruhen sie z. T. auf Beobachtungen 
an Individuen, deren Beweglichkeit schon im Ab- 
nehmen begriffen war. 

Recht eigenartig sind die Skizzen von Be- 
wegungskurven; während die einen sich annähernd 
geradlinig oder in schwacher Schlängelung fort- 
bewegen, beschreiben andere ziemlich enge Win- 
dungen, die bei Bac. pyocyaneus etwa an orien- 
talische Schriftzeichen erinnern. 

Die Nitrifikation ist eine der interessantesten 
Erscheinungen in der ganzen belebten Natur, als 
die absonderliche Lebensäußerung von Organismen, 
die nicht Kohlenstoffverbindungen veratmen, son- 
dern an deren Stelle Ammoniakverbindungen zu 
Nitriten und Nitraten oxydieren. Nach Wino- 
gradsky's grundlegenden Arbeiten wissen wir, daß 
es zweierlei Gruppen von Organismen sind, deren 
die einen (Nitrosobakterien) aus Ammoniaksalzen 
Nitrite, die anderen (Nitrobakterien i. e. S.) aus 
Nitriten Nitrate bilden, stets unter Verbrauch von 
atmosphärischem Sauerstoff. Während nun die 
Oxydation der salpetrigen Säure zu Salpetersäure 
ein exothermischer Vorgang ist, würde die Oxy- 
dation von Stickstoff zu salpetriger Säure einen 
Energieverbrauch bedingen; da aber einerseits 
auch der Wasserstoff des Ammoniaks zu Wasser 
verbrannt wird, andererseits die Nitritation nur in 
Gegenwart freier Basen oder kohlensaurer Salze 
stattfindet, welch letztere die entstehende freie 
Säure binden, so ist ein Energiegewinn der Er- 
folg auch dieses Vorganges. Der chemische 
Prozeß, der bei der Nitritbildung aus schwefel- 



') C. V. Nägeli, Mechanisch physiologische Theorie der 
.Abstammungslehre. München-Leipzig 1884. 



54 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 4 



saurem Ammoniak in kalkhaltigem Boden sich 
abspielt, findet also etwa in folgender F'ormel 
seinen Ausdruck: 

(NHJ„SO, + 2CaC03 + 3O, - 
Ca(NO,)., + Ca SO^ -f 2 CO., + 4 H.,0. 

Bezüglich der Art, wie die betreffenden Vor- 
gänge sich im normalen Boden abspielen, ist noch 
vieles dunkel; erst in neuester Zeit ist es ge- 
lungen, einige schwerwiegende Irrtümer zu be- 
richtigen, welche sich an die sonst so überaus 
wichtigen Arbeiten von Winogradsky an- 
knüpften. Seine Untersuchungen waren nämlich 
durchweg in Lösungen angestellt, und es hat 
sich hier, wie anderwärts, wieder gezeigt, daß es 
grundfalsch sein kann, Ergebnisse dieser Her- 
kunft auf die Vorgänge im Erdboden zu über- 
tragen. Nach Winogradsky sollten die Nitroso- 
und Nitrobakterien äußerst empfindlich sein gegen 
lösliche organische Substanzen, sie sollten durch 
mehr als 0,2 % Ammonsulfat bereits in ihrer 
Tätigkeit gehemmt werden, auch sollte Nitrit- und 
Nitratbildung niemals gleichzeitig nebeneinander 
erfolgen können, vielmehr die Nitratbakterien 
selbst durch Spuren von Ammoniaksalz gehindert 
werden, ihre Tätigkeit zu entfalten, die erst be- 
ginnen könnte, nachdem alles Ammoniak in Nitrit 
umgewandelt wäre. Wenn nun auch an der 
Richtigkeit jener Beobachtungen an sich nicht zu 
zweifeln ist, so liegen denn doch im natürlichen 
Boden ') die Dinge wesentlich anders, und müssen 
obige Sätze als durchaus ungültig bezeichnet 
werden. Daß dem so ist, dafür bringt eine Arbeit 
von L. C. Coleman, Untersuchungen über 
Nitrifikation (in Centralbl. f. Bakteriol., II. Abt., 
20, S. 401 ff., 1908), eine Reihe von Beweisen, 
durch zahlreiche analytische Belege unterstützt. 
Die auffallendsten und auch am besten durch- 
geführten Resultate erhielt C. bei Verwendung 
von Dextrose, die bis zu 0,5 "j^ des Bodenge- 
wichtes nicht nur ertragen wurde, sondern sogar 
eine deutliche und regelmäßige Beschleunigung 
der Nitrifikation bewirkte; auch war die 
Nitrifikation keineswegs dadurch verhindert, daß 
an Ammonsulfat i "i„ des Bodengewichtes gegeben 
wurde, was, auf die beigefügte Wassermenge be- 
rechnet, eine 7,5-prozentige Lösung ergab — also 
das 37V2-fache der von Winogradsky ange- 
gebenen Höchstkonzentration. Eine später, nach 
der dritten Woche, eintretende scheinbare 
Hemmung ist auf Rechnung einer Denitrifikation 
zu setzen, welche durch die Anwesenheit organi- 
scher Substanz im Boden naturgemäß begünstigt 
wurde. Rohrzucker, Milchzucker, Glyzerin wirkten 
kaum merklich, ebenso buttersaurer Kalk, während 



') Hierin verhalten sich nun verschiedenartige Böden 
durchaus verschieden : ganz leichter Sand ändert wenig an 
den für wäflrige Lösungen gültigen Thesen Winogradsky's; 
je reicher ein Boden aber an absorptionsfähiger Sub- 
stanz, an Humus- und Tonpartikelchen ist, um so 
weiter entfernen sich die tatsächlichen Vorgänge von jenen 
Sätzen. 



essigsaurer Kalk hemmend wirkte; sehr stark war 
letzteres der Fall mit Pepton und Harnstoft'. 

Das Feuchtigkeitsoptimum für die Nitrifikation 
liegt um i6°/|, herum; stärkere Befeuchtung 
hemmt mehr als größere Trockenheit, weil sie 
den unbedingt notwendigen Luftzutritt erschwert. 
In zu feuchtem Boden wirkt auch Dextrose nicht 
fördernd, sondern hemmend auf die Nitrifikation. 
Das Optimum der Temperatur liegt nach früheren 
Untersuchungen, die Verfasser bestätigt fand, bei 
etwa 26" C. 

Sehr auffallend erscheint das weitere Schicksal 
der beigefügten Dextrose, die in reinem sterilen 
Sand, in Mengen von 0,02 bis 0,05 "/oi i" Rein- 
kulturen ebenfalls vielleicht eine Beschleunigung 
bewirken kann; dabei verschwindet aber die 
Dextrose allmählich, und wenn die Kulturen des 
Verfassers wirklich rein waren (für den Nitrit- 
bildner gibt er selbst Unreinheit zu), dann würden 
wir das überraschende Ergebnis vor uns sehen, 
daß — wieder entgegen Winogradsky — die 
Nitrobakterien nicht so ausgesprochen prototroph 
wären, wie man lange angenommen hat. Zur 
Assimilation von Kohlensäure sind Nitrit- wie 
Nitratbildner befähigt, auch ist die Dextrose nicht 
imstande, fehlende Kohlensäure zu ersetzen, auch 
eine Reizwirkung kommt kaum in Frage, die 
Rolle des Zuckers ist also noch recht fraglich und 
der Aufklärung bedürftig. 

Über Anaerobiose liegt eine neue Arbeit 
vor: Ein experimenteller Beitrag zur 
Kenntnis der Bedeutung des Sauerstoff- 
entzuges für die Entwicklung obligat 
anaerober Bakterien, von R. Burri und 
J. Kürsteiner, in Centralbl. f Bakteriol. usw., 
II. Abtlg., 21, 1908, S. 289. An Kulturen von 
Bacillus putrificus, eines obligat anaeroben Spalt- 
pilzes, wurde die neue und auffallende Tatsache 
beobachtet, daß nach der von Kürst einer (vgl. 
Naturw. Wochenschr., Bd. 8, S. 406 u. S. 551) 
früher beschriebenen Methode streng anaerob ver- 
schlossene Bouillonröhrchen auch dann lebhaftes 
Wachstum zeigten, wenn nach relativ kurzer Zeit 
der Verschluß geöfthet und die Zuchten bei 
vollem (d. h. nur durch den gewöhnlichen Watte- 
pfropfbehindertem) Lu ft zu t ritt gehalten wurden. 
Das gelang ganz besonders auch bei solchen 
Röhrchen, die bisher noch keine Spur von 
Trübung hatten erkennen lassen, aber trotzdem 
unter genannten Bedingungen nach kurzer Zeit, 
infolge lebhafter Bakterienvermehrung, sich stark 
trübten. Ja. die Trübung war ganz regelmäßig 
in den geöffneten Röhrchen stärker, als in den 
verschlossen gebliebenen, vielleicht infolge einer 
Reizwirkung des eindringenden Sauerstoffes. Die 
Grenze der Entwicklungsmöglichkeit lag ziemlich 
genau bei 13 — 14 Stunden anaeroben Aufent- 
haltes im Thermostaten bei 37". Zuweilen ent- 
wickelten sich aber im Luftzutritt auch Kulturen, 
die nach kürzerer Zeit, bis herab zu 6 Stunden, 
geöffnet wurden, andererseits blieben ältere manch- 
mal im Wachstum zurück, zeigten erst nach 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



5S 



mehreren Tagen langsame Zunahme der Trübung, 
welche nun entweder doch noch normale Inten- 
sität erreichte, oder aber wieder unter anaeroben 
Verschluß gebracht werden mußte, um sich nor- 
mal zu entwickeln ; das Kxtrem stellten solche 
Zuchten dar, deren bereits sehr merkliche Trübung 
nach Entfernen des Verschlusses keine Spur von 
Zunahme mehr zeigte, und erst nach Neumon- 
tierung des Burri 'sehen Verschlusses normal 
weiterwuchsen. 

Die Erklärung des Hauptergebnisses ist im folgen- 
den zu suchen: Die bereits entwickelte Anaeroben- 
kultur ist imstande, zutretenden Sauerstoff un- 
schädlich zu machen; doch ist ausgeschlossen, 
daß letzterer etwa veratme t würde; Anaerobier 
können eben nicht normal atmen. Vielmehr 
müssen es reduzierende Substanzen sein 
(Anaerobier entbinden z. B. fast durchgehends 
freien Wasserstoff), welche den Sauerstoff so weit 
absorbieren, daß er an die Spaltspitze nicht mehr 
herantreten kann, außer in minimaler Menge, in 
welcher er nun vielleicht sogar als Reizstoff 
wirkt (vgl. o.). Die sog. anaeroben Züchtungs- 
verfahren würden nur der Bestimmung dienen, 
den allerersten Generationen das im Sauerstoft 
liegende Entwicklungshemmnis zu beseitigen. 
Dann geht eine normal kräftige Kultur auch bei 
Luftzutritt ihren Weg, selbst wenn (vgl. o.) im 
Beginn des Luftzutrittes die Bakterienvermehrung 
noch zu keiner sichtbaren Trübung fortgeschritten 
war. Die oben kurz skizzierten Ausnahmefälle 
schwächeren Wachstums, bzw. geringerer Wider- 
standsfähigkeit gegen molekularen Sauerstoft 
deuten einerseits auf eine gewisse Variabilität der 
Bakterien auch in dieser Hinsicht, andererseits aut 
einen Existenzkampf, der nicht von allen Zuchten 
glücklich bestanden wird. Die Untersuchungen 
erstreckten sich nur auf die eine, obengenannte 
Art; ob das Ergebnis — was an sich nicht un- 
wahrscheinlich ist — zu verallgemeinern sein wird, 
mag die Zukunft lehren. 

Übrigens hat schon vor 2 Jahren Hans 
Pringsheim (Über ein Stickstoff assimi- 
lierendes Clostridium, in Centralbl. f. Bak- 
teriol., II. Abtlg.. 16, 1906, S. 795) ein dem 
Clostridium butyricum Prazmowski und dem Cl. 
Pasteurianum Winogradsky naheverwandtes Butter- 
säurebakterium beschrieben , das „im offenen 
Kolben Zuckerlösung vergärt", unter gleichzeitiger 
Bindung von Luftstickstoft", wenn eine geringe, 
unzureichende Menge Stickstoff als Ammonsulfat 
gegeben wird. Es dürfte sich auch hier um eine 
von Haus aus anaerobische Form handeln, welche 
leichter als andere in hoher Schicht zu kultivieren 
ist. Man kann sich den Vorgang wohl so vor- 
stellen, daß die Bakterienvermehrung zuerst in 
der -j- sauerstofffreien Bodenschicht einsetzt, 
und daß die hier alsbald erzeugten reduzierenden 
Stoffe die weitere Entwicklung durch die ganze 
Flüssigkeitssäule ermöglichen. 

Über einen extrem verkürzten Ent- 
wicklungsgang bei zwei Bakterien- 



spezies ist eine Arbeit von L. Garbowskiim 
Biolog. Centralbl. 27, 1907, S. 717 betitelt. Der 
Verfasser beobachtete an frisch isoliertem Bacillus 
tumescens Zopf eine überaus rasche Auskeimung 
der soeben aus den Mutterzellen freigewordenen 
Sporen, andererseits eine sehr rasche Sporen- 
bildung in den soeben der Spore entkeimten 
Stäbchen, die sich gar nicht erst teilten, 
sondern sofort zur .Sporu lation schritten, 
wobei bisweilen die neue Spore das Keimstäbchen 
vollständig ausfüllt. (Bei Bac. asterosporus A. 
Meyer wurde Sporenbildung im Keimstäbchen 
ebenfalls beobachtet.) Die Sporen werden unter 
solchen Bedingungen immer kleiner, von durch- 
schnittlich 2,2 /< ging ihre Länge in drei Monaten 
bis auf 1,4 bis 1,6 // zurück. Die Erscheinung kam 
nur auf einem mit i "/„ Dextrose versetzten Nähragar 
zum Vorschein, auf einer Mischung von i Teil 
dieses Agars mit 2 Teilen wäßriger Agarlösung 
trat sie sehr vereinzelt auf, und behielten die 
Sporen auch ihre Größe bei. Andere Nährböden 
ergaben ebenfalls teils sehr zahlreiche, teils sehr 
spärliche Beispiele dieser Abkürzung des Ent- 
wicklungsganges. Ein halbes Jahr später, nach 
weiterer Kultur des Stammes, hatte sich die 
Sporengröße auf 1,6 /( verringert, jedoch trat die 
oben beschriebene Erscheinung bei weitem weniger 
charakteristisch zutage. 

Über Entwicklungszyklen bei Bakterien 
schreibt F". Fuhrmann in den Beiheften zum 
Botan. Centralbl., Bd. 23, 1. Abt., 1907. Eine von 
ihm aus Flaschenbier isolierte Art, Pseudo- 
monas cerevisiae, ein durch ein endständiges 
Geißelbüschel lebhaft bewegliches Stäbchen, war 
im wesentlichen der Gegenstand seiner Unter- 
suchungen. Interessant und nachahmenswert ist 
die Methode, deren er sich bediente, um einzelne 
Zellen in ihrer Entwicklung einige Zeit zu ver- 
folgen : er fing die Zellen in den Maschen von 
dünn geschnittenen Scheiben (die selbstredend 
sterilisiert wurden) von Sambucus- oder Helian- 
thus-Mark, die dann in die feuchte Kammer und 
mit dieser unters Mikroskop gebracht wurden. 
Hier spielten sich die zu beschreibenden Er- 
scheinungen sogar sehr rasch ab , beschleunigt 
wohl durch beginnenden Sauerstoft'mangel. 

Das lebhafte Schwärmen der Stäbchen ver- 
langsamt sich vor jeder Zweiteilung, allmählich 
wird aber überhaupt die Bewegung träger und 
hört zuletzt ganz auf, während zugleich die Zellen 
sich niclit mehr trennen, sondern zu P'äden ver- 
einigt bleiben; die kürzeren Fäden führen noch 
schlängelnde Bewegungen aus, die längeren sind 
unbeweglich und zeigen kaum noch eine Gliede- 
rung in Zellen. Innerhalb der Zellen treten unter- 
dessen winzige, stark lichtbrechende Körnchen auf, 
welche mehr und mehr zu größeren verschmelzen, 
die Konturen 'der" Fäden beginnen zu verschwin- 
den, und zuletzt findet man nur einen ,, Detritus", 
aus jenen Körnchen bestehend, die, mit alter 
Methylenblaulösung tingiert, die charakteristische 
„metachromatische", d, h. rote Färbung annehmen. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vni. Nr. 4 



und 
den 
jene 



Bei erhöhter Temperatur findet diese Entwicklung 
unter einer geringen Vergrößerung der Zellen 
statt, die sich z. T. kolbig aufgetrieben zeigen; 
das ist noch mehr der Fall in Lösungen mit 
I — 2 Ammoniumchlorid als Stickstoftquelle 
0,5% Saccharose als Kohlenstoffquelle;') in 
kolbigen Anschwellungen sind hauptsächlich 
Körnchen enthalten. 

Dieselben sind nun sicherlich keine Sporen, 
trotzdem aber noch lebensfähige Dauer- 
zustände, die zu neuen Kulturen aus- 
keimen können — ein höchst auffallender, 
wohl aber nicht für alle analogen Bildungen all- 
gemeingültiger Befund. (Ref. wenigstens hat sehr 
oft vergeblich versucht, solche Bakterienkolonien 
weiterzuzüchten, die, auf Agarplatten aufgegangen, 
der Weiterzüchtung wert schienen, sich aber 
unter dem Mikroskop nur noch als aus Körnchen 
bestehend erwiesen; obwohl die Platten oft nur 
8 — 14 Tage alt waren, ist in keinem Fall die 
Aussaat von Erfolg gewesen — verschiedene 
Arten verhalten sich also wohl verschieden.) 
Werden kolbige Zellen mit Körncheninhalt in 
frisches Nährsubstrat gebracht, so treten die Körn- 
chen zu kurzen Ketten geordnet heraus, ein jedes 
wächst zu einem Stäbchen heran, und nun erst 
trennen sich die Zellen, um jetzt selbstbeweglich 
davon zu schwärmen. Zwischenstufen, die erst 
auf dem Wege zum Kolbenstadium waren, gehen 
dagegen den beschriebenen Gang zu- 
rück, in gleicher, nur umgekehrter Reihenfolge: 
die Körnchen verteilen sich zu immer winziger 
werdenden Pünktchen, dadurch wird der Zellen- 
inhalt immer homogener, und die Fäden teilen 
sich in schwärmende Kurzstäbchen. (Diese Er- 
scheinung ist eine interessante Illustration zu der 
Behauptung mancher Vitalisten , es bestehe 
zwischen Lebensvorgängen und solchen in unbe- 
lebter Substanz ein fundamentaler Unterschied 
darin, daß die ersteren nur in einer Richtung 
verlaufen könnten, die letzteren aber reversibel 
wären. Hier haben wir wieder einmal ein 
Beispiel für Umkehrung eines unleugbaren Lebens- 
vorganges; ebenso gibt es zur Genüge Vorgänge 
in der unbelebten Weh, die nicht umkehrbar sind: 
Gewitter, Wasserfälle und vieles andere.) 

Bringt man die Dauerzustände in konzentrier- 
tere, 5 — lo-prozentige Chlorammoniumlösung, so 
findet zwar keine Entwicklung statt, die Aus- 
keimung erfolgt aber prompt nach Übertragung 
in eine normale Nährlösung; frischlebende Kulturen 
aber ertragen die konzentrierte Lösung nicht, son- 
dern gehen zugrunde. Die beschriebene Körn- 
chenbildung ist also als eine der Sporulation 
analoge Bildung von Dauerzuständen, zur Über- 
windung ungünstiger Außenbedingungen, anzu- 



') Als ,,Nähr"lösung enthält dieselbe übrigens viel zu 
viel Stickstoff. Dem natürlichen Bedürfnis der Bakterien an 
Kolilenstoff und Stickstoff würde es ungefähr entsprechen, 
wenn man Kohlenhydrat und Ammoniaksalz im Verhältnis 
von 20 : I darreichte. Die übergroße Salmiakgabe erklärt 
wohl hinreichend die Deformation (Anm. d. Ref.). 



sehen. Die Körnchen sind, gleich den Sporen, 
austrocknungsfähig, aber bei weitem nicht im 
gleichen Grade hitzebeständig. Vom Diphtherie- 
Bazillus ist es lange bekannt, daß er Austrock- 
nung überdauert, obwohl auch er keine Sporen 
erzeugt; doch bildet gerade er sehr leicht und 
intensiv die „metachromatischen" Körnchen aus. 

Es sind höchst auffallende Gebilde bakterieller 
Herkunft, die Herm. IVIüller-Thurgau (Cen- 
trale, f. Bakteriol., IL Abt., 20. Bd., S. 353 ff.) 
als Bakterienblasen oder Bacteriocysten 
beschreibt. .Ähnliche, aber meist weit weniger 
charakteristische Bildungen haben so manchen 
Autor veranlaßt, wunderliche Theorien aufzustellen, 
wonach die Spaltpilze gar keine selbständigen Zellen 
bzw. Organismen, sondern nur Bestandteile, Bruch- 
stücke bzw. Bausteine höherer Zellen sein sollten, 
welch letztere aus Bakterien entstehen und wieder 
in solche zerfallen könnten. Müller-Thurgau 
steht auf diesem Standpunkte nicht, er beschreibt 
die Dinge als das , was sie sind, als Gebilde 
eigener Art, die mit Zellen wohl einige Ähnlich- 
keiten aufweisen, aber selbst etwas ganz anderes 
sind. 

In Obst-, besonders Birnweinen fand Verfasser 
nach abgelaufener Hauptgärung oft zahlreiche 
blasenförmige Gebilde, von mikroskopischer Klein- 
heit bis zu mehreren mm, in Ausnahmefällen 
selbst von 10 — 20 mm Durchmesser. Den ein- 
zigen Inhalt der Blasen bildeten Bakterien, niemals 
wurden Fremdkörper darin gefunden; junge 
Blasen sind mit Bakterien innerlich ganz erfüllt, 
ältere nur noch teilweise, die Bakterienmasse 
bildet dann ungefähr ein Kugelsegment, der 
übrige, oft weit größere Raum ist mit Flüssigkeit 
gefüllt. 

Die Blasen entwickelten sich nur in Birnsäften 
von einem mittleren Gerbstoffgehalt; ein solcher 
dürfte für die Entstehung der Blasenhaut von 
Wichtigkeit sein, ein Mehr an Gerbstoff hemmt 
die Entwicklung derselben. 

Die Haut ist an normalen Blasen durchaus 
glatt, von mäßiger F"estigkeit, sie kann durch 
Wasserverlust schrumpfen, um bei Wasserzutritt 
wieder ganz das vorige Aussehen anzunehmen. 
Häufig fanden sich entleerte Häute; die Bakterien 
hatten , obwohl nicht selbstbeweglich , die 
schützende Hülle wohl durch einen Spalt verlassen. 

Die Bakterien sind in den Cysten bald mehr 
in Form von Kurzstäbchen oder selbst Kokken, 
bald als Langstäbchen oder als lange Fäden ent- 
halten , die alle als Entwicklungsstufen einer Art 
auftreten können, insofern die Fäden zu kokken- 
artigen Kurzstäbchen zerfallen. Es sind durchweg 
Milchsäurebakterien, die als neue Arten: 
Bacterium mannitopoeum, B. gracile, 
Micrococcus cystipoeus, beschrieben werden. 

In günstigen Fällen konnten in Obstmosten 
schon in der vierten Woche mit bloßem Auge 
sichtbare Bacteriocysten auftreten ; da sie sich erst 
nach der Hauptgärung entwickelten, und diese 
14 Tage beanspruchte, so bleiben also 10 — 14 Tage 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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für die Entwicklung der Blasen. Die Entstehung 
der Blasen konnte einwandfrei an Reinkulturen 
verfolgt werden. Es bilden sich zunächst Fäden 
der in Frage kommenden Bakterien aus, die sich 
zu kleinen Knäueln verschlingen, deren oft mehrere, 
zuweilen viele aus einem Faden hervorgehen und 
so miteinander zusammenhängen, woraus dann 
auch Gruppen von Blasen entstehen. Die Knäuel 
nämlich werden durch reichliche Absonderung 
von Schleim, der die Zellen auch dann noch zu- 
sammenhält, wenn sie als Zellen sich voneinander 
getrennt haben, zu Zoogloeen geballt, und 
diese Zoogloeen sind es, die durch Abscheidung 
einer leidlich resistenten Haut zu den Bacterio- 
cysten werden. Die gruppenweise Entstehung 
führt zur Bildung eines kleinen Nabels, der an 
den Blasen auch dann noch wahrnehmbar ist, 
wenn sie sich voneinander losgelöst haben. Wie 
in der Entstehungsweise, so zeigt sich auch in 
der Beschaffenheit der Zoogloeen in den Obst- 
weinen eine große MannigfaUigkeit. Oft finden 
sich in einem Obstweintrub fast nur einzelne 
Zoogloeen verschiedener Größe, während in an- 
deren Fällen die meisten in mehr oder weniger 
losen Gruppen, von oft bis über loo Stück, zu- 
sammenhängen. Die größte der beobachteten 
Zoogloeen besaß einen Durchmesser von 2,6 mm. 
Die Zoogloeen können sich nun mit einer 
Membran umgeben, sie tun dies aber nur in gerb- 
stoffreicheren Medien; so konnten unbehäutete 
Zoogloeen, die in einem gerbstoffarmen Birnsaft 
gewachsen waren, durch Übertragung in gerbstoff- 
reicheres Substrat zur Blasenbildung übergehen. 
Die Haut zeigt manche Ähnlichkeiten mit einer 
Zellmembran, aber auch wichtige Unterschiede : 
sie ist nicht doppelbrechend, unlöslich in Kupfer- 
oxydammoniak, färbt sich nicht mit Jod -\- 
Schwefelsäure. Auch Pilzcellulose dürfte nicht in 
Frage kommen. Die Haut löst sich in gesättigter 
Kalilauge in i — 2 Tagen vollständig auf, in 
25-prozentiger Chromsäure schon in 30 — 60 Min.; 
in starker Salzsäure unlöslich, färbt sie sich beim 
Kochen in dieser rötlich, was auf Gerbstoff 
schließen läßt. Sie dürfte ihrem Wesen nach eine 
echte Niederschlagsmembran sein, ent- 
standen infolge der Berührung der kolloidalen 
Kittmasse der Zoogloeen mit dem Gerbstoff des 
Nährmediums, wenn sie auch mit den nach 
Pfeffer's Anweisung aus Leim und Tannin- 
lösung erzeugten „künstlichen Zellen" nicht in 
allen Punkten übereinstimmt. Letztere nämlich 
zeigen unter dem Mikroskop eine Menge Unregel- 
mäßigkeiten, entstanden durch Risse, welche durch 
erneute Niederschläge verschlossen wurden ; solche 
fanden sich nicht in den Häuten der Bacterio- 
cysten, die vielmehr stets glatt und gleichmäßig 
erschienen, was auf ein sehr langsames und regel- 
mäßiges Wachstum schließen läßt. Die ,, künst- 
lichen Zellen" sind in heißem Wasser leicht lös- 
lich, die Bakterienblasen aber unlöslich. Zuweilen 
fanden sich an den Blasen oder an sonst unbe- 
häuteten Zoogloeen lange Schläuche, manchmal 



schraubig gewunden, meist von unregelmäßiger 
Form, von dergleichen Membransubstanz gebildet; 
solche Schläuche (wohl an Rißstellen der Cyste 
gebildet) konnten während ihres Wachstums be- 
obachtet werden, es zeigte sich dann der Schlauch 
an der Spitze offen, an der Öffnung stets von 
einem feinen Gerinnsel umgeben, und verlängerte 
sich rasch, indem am freien Ende stets neue 
Wandpartien sich ansetzten. Bei starker Ver- 
größerung erschienen die Schläuche wie aus lauter 
kleinen Ansatzstücken aufgebaut. (Ganz dieselben 
Erscheinungen kann man beobachten, wenn man 
die Entstehung der bekannten Perrocyankupfer- 
membranen unter Deckglas mit dem Mikroskop 
verfolgt; Ref.) Die Blasenhaut zeigt übrigens 
nachweislich Flächenwachstum und scheint auch 
in die Dicke wachsen zu können; jedenfalls be- 
ruht das allmähliche Größerwerden der Blasen 
nicht auf bloßer Dehnung der Membran. 

Die „biologische Bedeutung" der Bak- 
terienblasen sieht Verfasser darin, daß sie eine 
Schutzhaut darstellen. Da sie aber, wie der Ver- 
fasser ausdrücklich feststellt, nur unter den künst- 
lichen Bedingungen der Mostgärung überhaupt 
zustande kommen, in natürlichem Substrat, in 
faulenden Birnen, aber gar nicht zur Entwicklung 
gelangen, so dürfte wohl die rein kausale 
Auffassung die zu treffendere sein. Viel- 
leicht haben wir gerade hier wieder einmal ein 
Beispiel dafür, daß recht eigenartige Gebilde ent- 
stehen können, obwohl sie keine biolo- 
gische Bedeutung haben. 

Wichtige Untersuchungen über Bienenkrank- 
heiten veröffentlicht A. Maassen: Zur Ätio- 
logie der sog. Faulbrut der Honig- 
bienen, in Heft i, p. 53 des 6. Bandes der 
Arbeiten der Kaiserl. Biolog. Anstalt für Land- 
und Forstwirtschaft. 

Seit Jahrzehnten haben die Imker zweierlei 
Seuchen ihrer Pfleglinge beobachtet: die „gut- 
artige" und die „bösartige P'aulbrut" oder „Brutpest". 

Die gutartige Faulbrut befällt die unge- 
deckelten Larven, die nach dem Tode breiartige 
Beschaftenheit und einen starken Geruch nach 
Kapronsäure annehmen, übrigens aber rasch ein- 
trocknen. Die Bienen können die vertrockneten 
Kadaver fortschaffen, worauf oft die Seuche von 
selbst zurückgeht. 

Der bösartigen Faulbrut erliegen die 
gedeckelten Larven, die eine stark schleimige 
Konsistenz annehmen, bei schwachem Faulgeruch; 
die Krankheit ist nur durch energisches Eingreifen 
zu bekämpfen, meist geht das ganze Volk oder 
gar der ganze Bienenstand zugrunde. 

Als Erreger der ersteren Infektion ist der seit 
1885 bekannte Bacillus alvei anzusehen, der sehr 
widerstandsfähige, jahrzehntelang keimkräftige 
Sporen bildet, in Kulturen aber leicht degeneriert. 
Sein Hauptsitz ist der Darmkanal der Bienen- 
larven. Mit dem B. alvei gemeinsam findet sich 
oft ein Streptokokkus von lanzettförmiger Gestalt, 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Str.'apis, dem Str. pneumoniae und Str. lactis 
verwandt, mit einem Temperaturoptimum von 
36—39''. In den toten Maden sterben sie rasch 
ab, wohl infolge selbst erzeugter freier Säure. 
Die gegenseitigen Beziehungen der beiden Spalt- 
pilze sind noch nicht völlig aufgeklärt; der 
Streptokokkus scheint für sich allein zur Infektion 
untauglich zu sein. 

Die bösartige Erkrankung, die in fast 90 "/(, 
der beobachteten Fälle festgestellt wurde . wird 
durch Bacillus Brandenburgiensis n. sp., 
einen beweglichen, sporenbildenden Spaltpilz, her- 
vorgerufen. Er findet seine üppigste Entwicklung 
nicht im Darm, sondern im Fettkörper der Larven. 
Seine Sporen sind über 20 Jahre lang haltbar, 
aber weniger hitzebeständig als die von B. alvei. 
Sehr charakteristisch und darum diagnostisch ver- 
wertbar ist seine Eigenschaft, die Geißeln in 



Menge abzuwerfen und dieselben zu ,, Geißel- 
zöpfen" zu verflechten, die mit größter Ähnlich- 
keit das Bild einer Spi roch acte (!) vortäuschen. 
Bekanntlich ist von den Pathologen schon für 
eine ganze Reihe sog. Spirochaeten nachgewiesen 
worden, daß es sich nicht um solche , sondern 
um Kunstprodukte oder Gebilde anderweiten 
Ursprungs handelte. 

In zahlreichen Fällen wurden auch Misch- 
infektionen von Bac. alvei und Brandenbur- 
giensis gefunden; dann war aber der erstere durch 
den letzteren in seiner Entwicklung stark gehemmt 
oder unterdrückt, und das Krankheitsbild war 
ganz das der bösartigen Epidemie. Nur durch 
ein besonderes Verfahren war es dann möglich, 
neben dem Bac. Brandenburgiensis auch den Bac. 
alvei herauszuzüchten. 

Dr. Hugo Fischer. 



Kleinere Mitteilungen. 

Die Wiederkehr des Halley'schen Kometen. 

— Der erste Komet, dessen Umlaufszeit erkannt 
wurde und der daher einen Wendepunkt in der 
Erforschung dieser Himmelskörper brachte, ist der 
Halley'sche Komet. Er ist zugleich derjenige, 
dessen Periodizität am weitesten zurückverfolgt 
werden kann und von dem, obwohl seine Um- 
laufszeit größer als die der übrigen periodischen 
Kometen ist, die meisten Erscheinungen vorliegen. 
Dies kommt wohl hauptsächlich daher, daß dieser 
Komet bei jeder Wiederkehr eine außergewöhn- 
liche Helligkeit hatte und daher stets die allge- 
meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, so daß es 
selbst für sehr frühe Zeiten gelingt, sein Auftreten 
nachzuweisen. Freilich wird dieser Nachweis 
immer schwieriger, je weiter die Erscheinung 
zurückliegt, weil man im Altertum und auch noch 
lange Zeit im Mittelalter die Kometen nicht für 
Himmelskörper, sondern für irdische Lichterschei- 
nungen hielt, die von Ausdünstungen der Erde 
herrühren und daher nur ganz oberflächliche An- 
gaben über ihren Ort und ihre Bewegungen am 
Himmel machte. 

Erst der Astronom Johann Müller genannt 
Regiomontan beobachtete mit seinem Schüler 
Walther den 1472 erschienenen Kometen syste- 
matisch. Seinem Beispiel folgten in anerkennens- 
werter Weise andere Astronomen, wodurch in der 
Folgezeit ein viel sichereres und brauchbareres 
Beobachtungsmaterial als bisher hinterlassen wurde. 



Kepler, der zwar noch nicht an die kosmische 
Natur der Kometen glaubte, nahm 1608 an, daß 
sie eine geradlinige Bahn durchlaufen, während 
der Danziger Astronom Joh. Hevel durch die 
Beobachtungen des Kometen vom Jahre 1664 ver- 
anlaßt wurde, sich dahin auszusprechen, daß sich 
alle Kometen in krummlinigen Bahnen bewegen, 
die von der geraden Linie nur sehr wenig ab- 
weichen und deren konkave Seite sich gegen die 
Sonne richtet. 

Am 4. November 1681 entdeckte Gottfried 
Kirch in Koburg einen großen Kometen, den 
auch G. S. Dörffel in Plauen eifrig beobachtete. 
Dieser machte nun zum erstenmal den Versuch, 
die Bahn eines Kometen zu bestimmen. Er be- 
stätigte dadurch die Hevel'sche Idee und ergänzte 
und erweiterte sie dahin, daß die Bewegungslinie 
wohl eine Parabel sein möge, in deren Fokus die 
Sonne stehe. Die Untersuchungen DörfTel's waren 
nur auf graphischem Wege ausgeführt worden. 
Bald darauf entwickelte aber J. Newton eine erste 
Methode einer rechnerischen Bahnbestimmung und 
erprobte sie auch an dem Kometen des Jahres 
1680. E. Halley wendete sie dann auf alle ihm 
zugänglichen Kometenbeobachtungen an und 
konnte 1705 bereits 24 Bahnen mitteilen. 

Ein Vergleich seiner Rechnungen ließ 
nun die große Ähnlichkeit der Bahnen des 
von Peter Apian, des 1607 von J. Kepler 
des 1681 von G. Kirch entdeckten Kometen er 
kennen, deren Elemente die folgenden waren: 



ihm 

1531 
und 



Periheldurchgang 

1531 
1607 
1682 



Neigung der 


Länge des 


Länge des 


Bahn 


Knoten 


Perihels 


I7«56' 


49''2S' 


301 »39' 


17 2 


50 21 


302 16 


17 56 


51 16 


302 53 



Periheldistanz 

o,S7 
o,S9 
0,58 



Bewegung 
[ rückläufig 



Er schloß daraus, daß der Komet in etwa Bahn keine Parabel, sondern eine geschlossene 
76 Jahren die Sonne umkreise und daß daher die Ellipse sei. Auch glaubte er, daß der im Jahre 



N. F. VIII. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschriit. 



59 



1456 erschienene Komet mit diesem identisch sei, 
wenn er auch aus Mangel an guten Beobachtungen 
dafür keine Bahn berechnen koonte. Ja so sehr 
war sein Vertrauen auf seine Rechnungen, daß er 
die Wiederkehr des Kometen für das Jahr 17 58, 
also "jG Jahre später ansagte. 

Diese erste Vorhersage ging auch wirklich in 
Erfüllung, wenn er sie auch nicht mehr selbst er- 
leben sollte, da er bereits 16 Jahre vorher im 
Jahre 1742 im 87. Lebensjahre sein taten- und er- 
folgreiches Leben abgeschlossen hatte. Seit dieser 
Zeit ist der Name Halley's mit diesem Kometen 
verknüpft. 

Wie man schon aus der obigen Zusammen- 
stellung sieht, sind die Perioden der Rückkehr 
nicht ganz gleich, wodurch die Zeit der Wieder- 
kehr auch entsprechend unsicher wird. A. Cl. 
Clairaut unternahm daher neue Untersuchungen, 
wobei er den Einfluß der Störungen durch Jupiter 
und Saturn berücksichtigte, aus welchen hervor- 
ging, daß dadurch eine Verzögerung von 618 Tagen 
eintrete, weshalb er die Rückkehr des Kometen in 
sein Perihel auf Mitte April 1759 ansagte, wobei 
er eine Unsicherheit in der Zeit von einem Monat 
angab. 

Der Komet wurde am 25. Dezember 1758 
wieder aufgefunden, während er sein Perihel am 
13. März 1759 passierte, also 32 Tage früher, als 
die Rechnungen Clairauts ergeben hatten, wobei 
aber zu berücksichtigen ist, daß dieser Termin 
noch innerhalb der Unsicherheitsgrenze der 
Rechnung liegt. Die Unsicherheit wird noch ver- 
ständlicher, wenn man bedenkt, daß der Komet 
jeweilen nur einige Hundert Tage beobachtet 
werden kann, während die ganze Umlaufszeit 
86006 Tage beträgt, so daß dieser F"ehler erst 
ein Tausendstel der Umlaufszeit ist. Überdies 
muß man berücksichtigen, daß damals noch nicht 
die zwei äußersten Planeten, Uranus und Neptun, 
entdeckt waren. 

Die nächste Rückkehr zum Perihel hatte G. D. 
Pontecoulant für den 13. November 1835 be- 
rechnet, während sie nur drei Tage später, am 
16. November eintrat. Bei dieser Berechnung war 
der Einfluß des 1781 von Herschel entdeckten 
Uranus schon berücksichtigt worden. 

Die englischen Astronomen P. H. Co well 
und A. C. D. Crommelin unternahmen, nun in 
den letzten Jahren eine neue und genaue Unter- 
suchung der Bahn des Kometen, wobei sie seinen 
Laufauch soweit wie möglich rückwärts verfolgten. 
Schon früher hatte Pontecoulant die Erschei- 
nungen seit 1531 untersucht und durch die 
Rechnungen von G. Celoria, der die Beobach- 
tungen von Toscanelli aus dem Jahre 1456 
wiedergefunden hatte, stand fest, daß der Halley- 
sche Komet auch in diesem Jahre erschienen war. 
Die weitere Rückwärtsrechnung, die mit großen 
Schwierigkeiten verknüpft ist, hat nun den beiden 
genannten englischen Astronomen die Gewißheit 
gebracht, daß bis zum Jahre 1066 die Erschei- 
nungen sicher gestellt und daß wohl auch die 



beiden Kometen vom Jahre 451 und 760 mit ihm 
identisch sind. Nach ihren weiteren Llntersuchun- 
gen gehört auch der im Jahre 87 v. Chr. in Italien 
beobachtete Komet hierher und wahrscheinlich 
der nach den chinesischen Berichten 240 v. Chr. 
erschienene Komet, der also noch um zwei weitere 
Umläufe zurückliegt. Von den dazwischen liegen- 
den Erscheinungen fehlen bisher die nötigen An- 
gaben, doch lassen sich wahrscheinlich noch einige 
weitere namentlich in China beobachtete Kometen 
identifizieren. 

Man hat daher die folgenden sicheren Er- 
scheinungen des Halley 'sehen Kometen : 

Sonnennähe Umlaufszeit 

87 V. Chr. 

451 Juli 3. a. St. 

760 Juni II. 

1066 April I. 

1145 April 29. 

1222 September 15. 

1301 Oktober 22. 

1378 November 8. 

1456 Juni 8. 

1531 August 25. 

1607 Oktober 27. n. St. 

1682 September 14. 

1759 März 12. 

1835 November 16. 

1910 April 13. 

Man kann diesen Zahlen entnehmen, daß die 
Umlaufszeit des Halley'schen Kometen innerhalb 
mehrerer Jahre hin- und herschwankt und im 
Mittel etwa 76 '/.j Jahre ist, daß sie aber infolge 
der Störungen, die der Komet durch die Planeten 
erfährt, bald längere, bald kürzere Zeit beträgt. 
Seine Bahn (Fig. i) ist äußerst langgestreckt, wes- 
halb der Komet im Perihel bis innerhalb der Venus- 
bahn gelangt, während er im Aphel noch um 
767 Millionen Kilometer weiter von der Sonne 
absteht, als der äußerste Planet Neptun, der in 
fast 4500 Millionen Kilometer Entfernung von der 
Sonne seine Bahn hat. Er kann daher sich der Sonne 
bis auf 102 Millionen Kilometer, gegen 58 des 
Merkur und 108 der Venus, nähern, während er 
über 6200 Millionen Kilometer sich wieder ent- 
fernt. Da seine Bahn aber gegen die Erdbahn 
um 17^ geneigt ist, so erhebt er sich im Perihel 
um 27 Millionen Kilometer über (nach der Nord- 
seite) und im Aphel um 740 Millionen Kilometer 
unter (nach Süden) der Erdbahn. Es leuchtet 
aber unmittelbar ein, daß seine Bahn, je nach 
der Stellung der Planeten mehr oder minder 
stark verändert werden kann, woher auch die 
großen Schwankungen der Umlaufszeiten rühren, 
die ja bei den Planeten so regelmäßig sind. 

Der Halley'sche Komet ist bei allen seinen 
Erscheinungen ein prachtvolles Beobachtungs- 
objekt gewesen, so zeigte er z. B. 1758 einen 



"]"] Jahre 

77-2 „ 

76,5 .. 

79 Jahre i Monat 

•]•] „ 4 Monate 

79 - I 

n ., — 

n n 7 

75 -, 2 

76 „ 2 
74 „ 9 
1^ „ 5 

76 „ 7 ,. 

74 „ 5 



6o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 4 



Schweif bis 30" Länge. Besonders interessante 
Wahrnehmungen machte F. W. Bessel 1835. 
Am 2. Oktober sah er eine fächerförmige Licht- 
ausströmung in der Richtung gegen die Sonne, 
die sich in den folgenden Tagen rasch änderte und 
teilweise eine pendelartige Bewegung annahm, für 
welche Bessel eine Periode von 2 Tagen 9 Stunden 
berechnete, während der Schwingungsbogen den 
dritten Teil des Kreisumfangs umfaßte. Alle diese 
und ähnliche Beobachtungen von der D. F. A r a g o , 
J. Herschel u. a. zeigen, daß der Komet in fort- 
währenden Wandlungen begriffen ist, die auf das 
Aussehen und unter Umständen auch auf den 
Lauf des Kometen von Einfluß und Bedeutung 
sind. 

Die bevorstehende Rückkehr des Halley 'sehen 



und daher auch nahe in der gleichen Ebene mit 
den übrigen Planeten ist. 

Die mit römischen Ziffern bezeichneten 
Punkte der Erd- und Venusbahn bezeichnen den 
Ort dieser Gestirne je am Anfange des betreffen- 
den Monats. Anfangs März 1910 tritt der Komet 
in Erdbahnentfernung, die Erde selbst ist aber 
dann recht weit entfernt. Rasch aber nähern 
sich beide Gestirne. Am 13. April findet der 
Periheldurchgang des Kometen statt und im Mai, 
kurz nachdem er den absteigenden Knoten passiert 
hat, wird er in Erdnähe stehen, worauf er sich 
wieder rasch entfernt. 

Am günstigsten ist wohl die Erscheinung, 
wenn der Komet sich im Juni und Juli der Erde 
nähert, da dann die Beobachtung in der Entwick- 




l'ig. I. Die Bahn 

des llalley'schen 
Kometen imPlaneten- 
system. 




Flg. 2. Der Lauf des Kometen Halley bei seiner nächsten Wiederkunft. 



Kometen findet die Astronomen mit neuen Hilfs- 
mitteln ausgerüstet, nämlich dem Spektroskop und 
der Photographie. Mit Hilfe der letzteren hofft 
man auf eine frühzeitige Entdeckung, was für 
seine Bahnberechnung besonders wichtig ist. Die 
beistehende Figur 2 gibt nach den Rechnungen 
von Cowell und Crommelin einen Anhaltspunkt 
über die zu erwartende Erscheinung, indem der 
Weg vom I. Januar 1909 bis i. Juli 1911 ange- 
deutet ist. 

Während dieser Zeit bleibt der Komet immer 
ziemlich weit vom Jupiter entfernt, dessen Ort 
für den i. Januar 1908 und 1909 eingezeichnet 
ist. Die beiden folgenden Jahre wird er ent- 
sprechend weiter außerhalb der Bahn stehen. 
Recht nahe kommt dagegen der Komet dem 
Mars insbesondere zu Beginn des Jahres 1910, 
wo er durch seinen aufsteigenden Knoten geht 



lung seines Schweifes am leichtesten ist. Trifft 
er die Erdnähe in den folgenden Monaten, so ist 
die Schweifentwicklung noch nicht so weit vorge- 
schritten, daß günstige Beobachtungen möglich 
wären. Aber auch dieses Mal steht der Komet 
recht günstig. 

Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Komet 
in der nächsten Zeit mit Hilfe der Photographie 
gefunden wird, also zu einer Zeit, wo er 
sich noch in der Nähe der Jupiterbahn be- 
findet. Er wird dann nur eine unscheinbare 
runde Nebelmasse ohne Schweif sein, da dieser, 
falls er schon vorhanden, in entgegengesetzter 
Richtung von der Erde aus steht. Sein schein- 
barer Ort war bis im November 19Q8 in 
den Zwillingen, nördlich vom Orion, von wo 
er langsam nach Westen weiter rückte. Mit 
der Annäherung an die Marsbahn wird auch sein 



F. N. VIII. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



6i 



Lauf am Himmel schneller. Er bewegt sich durch 
den Stier bis zu den Fischen in den nächsten 
beiden Monaten, wo er Mitte April stationär wird 
und dann im raschen Lauf nach Osten eilt. 

Zur Zeit seiner größten Erdnähe am lO. Mai 1910 
ist seine scheinbare Bewegung so rasch wie die 
des Mondes, also 15" bis 20" in einem Tage. 
Zur gleichen Zeit erreicht er seine größte Helligkeit. 

Je nachdem der Komet früher oder später, 
als den 13. April, nach den Rechnungen von 
Cowell und Crommelin, in sein Perihel (Sonnen- 
nähe) gelangt, ist seine Stellung zur Erde ver- 
schieden. In diesem Falle ist er im Mai der Erde 
am nächsten, aber da er dann sehr nahe bei der 
Sonne steht, kann man ihn dann nur einige Tage 
vorher, anfangs Mai am Morgen und Ende Mai 
am Abend sehen. ') 

Prof. Messerschmitt-München. 

') Eine ausführliche Aufsuchungsephemeride des Kometen 
wurde im Dezember 1908 in den .Astronomischen Nachrichten 
publiziert. Ked. 



J. Nusbaum, Beitrag zur Frage über die 
Abhängigkeit der Regeneration vom Nerven- 
system bei Nereis diversicolor O. F. Müll. 
(Arch. f. Entwicklungsmechanik der Organismen 
Bd. XXV, 1908). — Trotz der zahlreichen Ar- 
beiten über die Regeneration verschiedener Tiere 
ist die wichtige Frage, ob die Regenerationsvor- 
gänge von dem Zentralnervensystem beeinflußt 
werden, bisher nicht endgültig gelöst. Es liegen 
zweierlei Ansichten vor : Die einen Forscher (Jost, 
Rabes, Morgan) haben die Abhängigkeit der Re- 
generationsprozesse vom Nervensystem konstatiert, 
die Beobachtungen anderer (Carriere, Barfurth, 
Loeb) sprechen gegen den Einfluß desselben auf 
die Regenerationsvorgänge. In der vorliegenden 
Arbeit sehen wir einen Versuch, diese Frage zu 
ergründen und gleichzeitig dieselbe theoretisch zu 
erklären. Die Experimente hat Verf. an Nereis 
diversicolor und zwar folgendermaßen ausgeführt 
(Fig. i). Es wurden dem Wurme die letzten 
Segmente (7 — 15) abgeschnitten und von den 
übrigen an 4 — 10 Segmenten das Bauchmark aus- 
geschnitten oder mit einer glühenden Nadel zer- 
stört. Durch Autotomie warfen die Würmer ein- 
zelne von den operierten Segmenten ab, es blie- 
ben aber immer i — 3 Segmente mit zerstörtem 
Bauchnervenstrang. Die Wundheilung ging ganz 
normal vonstatten. 

Bei den auf diese Weise operierten Tieren 
trat aber eine Verzögerung im Regenerations- 
prozesse ein , erst in der 6. — 7. Woche konnte 
man einen kleinen Regenerationskegel konstatieren, 
während bei den Tieren, denen bloß das Hinter- 
ende abgeschnitten wurde, schon in der 3. — 4. 
Woche der Regenerationskegel erschien. 

Die Ursache dieser Verzögerung zeigt die 
mikroskopische Untersuchung der operierten Wür- 
mer; es wird nämlich zwischen dem Prozeß der 



Wundheilung und der eigentlichen Regeneration 
des Hinterendes (der Neubildung neuer Segmente) 
ein ganz besonderer Prozeß eingeschaltet, die 
Neubildung des Nervensystems in denjenigen Seg- 
menten , in denen es zerstört wurde. Sagittal- 
schnitte durch die operierten Tiere zeigen einige 
Tage nach der Zerstörung des Bauchmarkes 
(Fig. 2), daß von dem intakt gebliebenen Bauch- 
marke Nerven gegen das Hinterende des Wurm- 
körpers wachsen und an denjenigen Stellen, wo 
die Bündel derselben mit dem Epithel in Berüh- 
rung kommen eine Proliferation des letzteren be- 
ginnt, welche die zur Regeneration des Bauch- 
markes dienenden Zellen liefert. Außer dieser 
Zellanhäufung am hinteren Ende hat der Verf. 
an der Grenze zweier Segmente ebenfalls eine 




Fig. I. Der hintere Körperteil von Nereis diversicolor dem 
einige Segmente abgeschnitten und in den drei weiteren das 
Bauchmark zerstört wurde. Vergrößert. (Nach Nusbaum.) 









Fig. 2. Ein Teil eines Sagittalschnittes durch die V'entralwand 

einer Nereide einige Zeil nach der Operation. 

a Analöffnung, d Darmepithel, b Blutgefäße, e Epithel, 

n Bauchmark. (Nach Nusbaum.) 



Proliferation des Hauptepithels konstatiert und 
vermutet daher, daß fast an der ganzen Bauch- 
fläche, wo das Nervensystem zerstört wurde, seg- 
mentweise vom Epithel zelliges Material zur 
Regeneration des Bauchmarkes zugeführt wird. 
Erst, nachdem der zerstörte Teil des Bauch- 
markes vollständig regeneriert, beginnt der eigent- 
liche Regenerationsprozeß, d. h. die Bildung einer 
Proliferationszone vor dem Analsegment, in wel- 
cher median die Anlage des Bauchmarkes und 
lateral die Anlagen für das Cölomgewebe und die 
longitudinale Muskulatur liegen. 

Aus obigen Experimenten zieht N. den Schluß, 
daß die Wundheilung von der Anwesenheit des 
Nervensystems nicht abhängt, dagegen der Rege- 



62 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 4 



nerationsprozeß von demselben beeinflußt wird. 
Für den Einfluß des Nervensystems auf die Re- 
generation 'spricht die Verzögerung des Regenera- 
tionsprozesses sowie das stetige Vorausgehen der 
Reparation des Bauchstranges der Ausbildung des 
Analsegmentes. Bei der ontogenetischen Ent- 
wicklung ist dagegen der Einfluß des Nerven- 
systems von keiner Bedeutung, was aus zahlreichen 
Versuchen anderer Forscher zu ersehen ist. Diesen 
Unterschied zwischen dem ontogenetischen und 
dem Regenerationsprozesse hebt der Verf beson- 
ders hervor und sucht ihn dadurch zu erklären, 
daß bei der ontogenetischen Entwicklung die 
Auslösung von Erbpotenzen vor der Differenzierung 
des Nervensystems stattfindet und daher von dem- 
selben nicht beeinflußt werden kann, dagegen bei 
der Regeneration, wo eine Rückdifferenzierung 
der sonst passiven und nur ihresgleichen produ- 
zierenden Elemente stattfindet, „liefert das Nerven- 
system einen der wichtigsten formativen inneren 
Reize, welche die Auslösung von Erbtendenzen 
in den Elementen der Wunde bedingen". Diese 
Reize werden wahrscheinlich beim Zusammen- 
treffen der Nervenfasern mit den Elementen der 
Wunde denselben übermittelt. Während der Re- 
generationsprozeß durch formative Reize des 
Zentralnervensystems bedingt ist, genügen zur 
Heilung der Wunde traumatische Reize, der erstere 
Prozeß kann daher ohne Nervensystem nicht zu- 
stande kommen, während der letztere, auch wenn das 
Nervensystem im betreffenden Segmente zerstört 
wurde, sich in ganz normaler Weise vollzieht. 

Karoline Reis. 



Wetter-Monatsübersicht. 

Bis gegen Ende des vergangenen Dezember war es in 
der westlichen Hälfte Deutschlands mild , aber größtenteils 



T[5mj5eralur-5t&inima oini^si* ürlc im DciombsrlSOS 



I OBXe.nb.. 8 




BwlinerWelferburftau. 



trübe, während im Osten etwas liälteres und gleichzeitig 
freundlicheres Wetter vorherrschte. Besonders warm für die 
Jahreszeit waren die ersten Tage des Monats, in denen, wie 
aus der beistehenden Zeichnung ersichtlich, sogar die Tem- 
peraturminima in verschiedenen Gegenden 5 oder mehr Grad 
über dem Gefrierpunkte lagen. Das wiederholte sich später 
noch um die Monatsmitte ; an vielen Orten des Rhein- und 
Wesergebictes ging das Thermometer in der Nacht zum 15. 
nicht unter 8" herab und stieg an diesem und dem folgenden 
Tage bis auf 12 oder 13, iu Aachen bis 14° C. 

In Ostdeutschland sanken die Temperaturen bald nach 
.Anfang Dezember ziemlich bedeutend, in der Nacht zum 7. 
zu Osterode bis auf — 10, zu Bromberg bis — 9, zu Posen, 
Breslau und an anderen Orten bis — S" C, ohne daß der 
Erdboden durch eine hinreichende Schneedecke vor dem 
tieleren Eindringen des Frostes geschützt war. Kurz darauf 
trat hier etwas milderes Wetter ein und hielt auch während 
der zweiten Hälfte des Monats noch an, nachdem im Westen 
bereits eine langsame Abkühlung begonnen hatte, die bis fast 
zum Schlüsse des Jahres mehr und mehr zunahm. Im Osten 
aber erfolgte mitten wäTirend des Weihnachtsfestes ein 
schroffer Übergang zu strengerem Froste, der sich am meisten 
in Westpreußen, Hinterpommern und Posen steigerte. In der 
klaren Nacht zum 28. brachten es daselbst Marienburg bis 
auf 31, Graudenz auf 28, Lauenburg auf 25, Bromberg 
auf 24, Schivelbein auf 23, Konitz und Tremessen auf 
21" C Kälte. Auch zu Berlin gehörten der 28., 29. und 30. 
mit Mittellemperaturen von — 13,4, — 14,7 und — 13. ■" C 
fast zu den kältesten Dezembertagen, die man nach lang- 
jährigen Aufzeichnungen hier erwarten kann. Die mittleren 
Temperaturen des Monats waren demgemäß östlich der Elbe 
um I bis 1 Va Grad zu niedrig, während sie in Nordwest- 
und Süddeutscliland ihren normalen Werten nahezu ent- 
sprachen. 

Die in unserer zweiten Zeichnung dargestellten Nieder- 
schläge waren zwar sehr häufig, ihre Mengen aber im allge- 
meinen gering. .Anfangs fanden an der östlichen Ostseeküste 






i,r Ü-l .N .Si 3-13^ J 

=Hl.Ji:Hi>l11|ii1ii 




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^ifflcpcr Werl" für 
DeuFscMand 

Monatesummc im DezcmD. 

.07, QB. 05. 01. 03. 




ßerJire. WtfTtfbureou. 



zahlreiche Regenfälle statt, die sich allmählich weiter nach 
Westen und Süden ausbreiteten und im Osten mehr und mehr 
in Schneefälle übergingen. Zwischen dem 10. und 20. De- 
zember regnete es am stärksten an der Nordseeküste, am 
Rhein und in seiner weiteren Umgebung sowie in ganz Süd- 
deutschland, wo es bis dahin fast völlig trocken geblieben 
war. 



N. F. VIII. Nr. 4 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



63 



Wahrend der nächsten fünf Tage, in manchen Gegenden 
auch schon früher, higerle über dem Frdboden bestandig ein 
aufierordcntlich starker Nebel, durch den der Verkehr, be- 
sonders in West- und Mittcldcutschhind, nicht unerheblich 
erschwert wurde, doch kamen wesentliche Niederschläge in 
dieser Zeit nur vereinzelt vor. Dann stellten sich nordöstlich 
der F.lbe zahlreiche Schneefälle ein, die sicli bis zum Kndc 
des Monats fast täglich wiederholten und allmählich auf ganz 
Deutschland ausdehnten. Am stärksten waren sie an der 
pommerschen und westpreußischen Küste, wo der Schnee zu- 
letzt durchschnittlich I '/j Dezimeter hoch lag. Die gesamte 
Xiedersclilagshöhe des Monats aber betrug für den Durcli- 
schnilt aller berichtenden Stationen nicht mehr als 20, g mm, 
während die gleichen Stationen im Mittel der früheren De- 
zembermonale seit beginn des vorigen Jahrzehnts 49,9 mm 
und im Dezember 1907 sogar 67,6 mm Niederschlag geliefert 
haben. 



In der allgemeinen Anordnung des Luftdruclvcs traten 
von einem Tage zum anderen meistens nur langsame Ände- 
rungen ein. In den ersten Tagen des Dezember befand sich 
in Kußland eine umfangreiche Barometerdepression, von der 
verschiedene Teilminima mit milden, feuchten Südwestwinden 
nach der Ostseeküste gelangten , während Südwest- und 
Mitteleuropa von einem Hochdruckgebiet eingenommen wur- 
den. Nachdem sich dieses am 4. mit einem zweiten , aus 
Nordwesten neu herangekommenen Ma.ximum vereinigt hatte, 
wurde es durch mehrere außerordentlich tiefe atlantische 
Minima, die rasch hintereinander bei Island auftraten und 
nordostwärts fortzogen, weiter und weiter nach Osten gedrängt. 
In Ostdeutschland herrschten daher jetzt längere Zeit hindurch 
ziemlich kalte, trockene südöstliche Winde vor, während im 
Westen etwas mildere Südwinde wehten. 

Erst am 20. Dezember vermochte das barometrische 
Ma.\imum, das inzwischen in Rußland an Umfang und Höhe 
noch zugenommen hatte, sein Gebiet wieder auf den größten 
Teil des europäisciien Festlandes auszudehnen. Bald darauf 
zerfiel es in mehrere Teile, von denen sich der eine nord- 
westwärts verschob, und am 25. Dezember abermals mit 
einem neuen Barometermaximum in Verbindung trat, das vom 
nördlichen Eismeer nach Nordskandinavien vorrückte. Dort 
erreichte das Maximum in den nächsten Tagen 785 mm 
Höhe und die von ihm ausgehenden eisig kalten, scharfen 
Nordostwinde führten in beinahe ganz Nord- und Mitteleuropa 
außerordentlich strenge Kälte lierbei. Auf den britischen 
Inseln aber und im westlichen Mittelmeergebiete hielten sich 
gegen Ende des Monats ziemlich tiefe Depressionen auf, die 
dort lange anhaltende starke Niederschläge verbreiteten und 
von denen auch einzelne , jedoch sehr flache Teilminima auf 
das Festland gelangten. Dr. E. Leß. 



Bücherbesprechungen. 

Alois Sigmund, Die Minerale Niederöster- 
reichs. 194 Seiten mit 8 Original-Abbildungen 
und 3 Profilen nach Grubenkarten im Texte. Wien 
und Leipzig, Fr. Deuticke. 1909. — Preis 6 Mk. 
In dem eingehenden Werke wird das Vorkommen 
von 1 1 2 verschiedenen aus Niederösterreich bislang 
bekannt gewordenen Mineralien beschrieben ; eine Auf- 
zählung der zu diesem Zwecke durchgesehenen Mine- 
raliensammlungen und ein ausführliches Literatur- 
verzeichnis ist der Arbeit vorangeschickt. Die Mine- 
ralien werden, nach chemischem Grundsatz geordnet, 
eins nach dem andern behandelt. Diese Art der An- 
einanderreihung von Wichtigem und weniger Wichtigem 
besitzt leider den Nachteil einer etwas geringen Über- 
sichtlichkeit ; man erhält nur schwer ein anschauliches 
Bild über die ganze Mineralverteilung im Lande; die 
Einleitung des Buches genügt hierfür nicht. Wenn 
man auch die Bedeutung gewisser Örtlichkeiten als 



Mineralfundpunkte aus der Ausführlichkeit, mit der 
sie behandelt sind, oder aus der Häufigkeit, mit der 
einige von ihnen bei den einzelnen Mineralien wieder- 
kehren, abnehmen kann, so würde doch ein Kapitel, 
in dem die wichtigen und klassischen Fundpunkte 
und zusammengehörige Gebiete in scharfumrissenen 
Zügen ihrer Bedeutung entsi>rechend herausgehoben 
sind, für den Leser außerordentlich anregend wirken. 
Etwas wird dieser Nachteil durch eine Aufzählung 
aller in Betracht kommenden ( )rtlichkeiten mit je- 
weiliger Angabe aller dort gefundenen Mineralspezies 
ausgeglichen. 

Im übrigen bietet aber das Werk eine Fülle wert- 
vollen Materials; eine solche Inventuraufnahme ist 
gleich wichtig für den Mineralogen und den Sammler, 
wie für den Techniker und Industriellen, der Aus- 
kunft über das .auftreten dieses oder jenes Stoftes im 
Lande wünscht, wie endlich für den, der auf einer 
Studienreise begriffen, die wichtigsten Fundstellen be- 
suchen will : aber gerade für diesen letzteren dürfte 
oben genannter Nachteil fühlbar werden. 

Der \Vert der vorliegenden Arbeit wird dadurch 
erhöht, daß der Verfasser sich nicht auf die Mine- 
ralien als solche beschränkt, sondern sie auch in ihrer 
Verbreitung als Gesteine, wie Kalk, Dolomit, Marmor, 
Gips, Magnesit, Kaolin, Kohle, Torf usw. bespricht. 
Bei den technisch wichtigen IMineralien wird auch 
ihre wirtschaftliche Bedeutung und die Geschichte 
des örtlichen Bergbaus in kurzen Zügen behandelt, 
wodurch der Bergmann mancherlei Aufschluß über 
noch vorhandene und früher nicht abgebaute Erze 
erhalten wird. Namentlich dem Gold, Silber, Blei, 
Eisen wird ein breiterer Raum gewährt. Die letzten 
Kapitel über die Silikate, bei denen gleichzeitig auf 
die Gesteine, in denen sie aufsetzen, übergegriffen 
wird, werden weniger für den Praktiker als den wissen- 
schaftlichen Mineralogen von Wert sein. 

O. Schneider. 

i) Pahde- Lindemann, Leitfaden der Erd- 
kunde für höhere Lehranstalten. 6 Hefte kart., 
ä 60 Pf Berlin und Glogau, C. Flemming, 1907. 
2) Dr. M. Geistbeck, Leitfaden der mathe- 
matischen und ph\sikalischen Geogra- 
phie. 30. u. 31. Auflage. 1S6 Seiten mit 116 
Abb. Freiburg i. B., Herder, 190S. — Preis geb. 
2 Mk. 
1) Der Leitfaden von Pahde-Lindemann ist eine 
von Dr. Lindemann besorgte, verkürzte Ausgabe des 
größeren Lehrbuchs von Prof Dr. Pahde, das bereits 
in zweiter Auflage vorliegt und viel Anerkennung 
gefunden hat. Die Gliederung des Leitfadens in ein- 
zelne Klassenhefte ist ein dankenswertes Entgegen- 
kommen gegenüber dem Wunsche nach Erleichterung 
der Schulmappe. Auch mit Rücksicht auf das „Zer- 
lernen" der Schulbücher im Laufe des Schuljahrs ver- 
dient diese Trennung Nachahmung. Die Darstellung 
ist schlicht und klar, die Stoffauswahl wohlgelungen. 
Besonders gut gefällt uns die im vierten und fünften 
Heft an der Hand einiger lehrreicher Profile durch- 
geführte Berücksichtigung der Geologie. Auch die 
astronomischen und meteorologischen Teile des fünf- 



64 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 4 



teil Heftes zeichnen sich durch sehr sachgemäße, 
klare Darstellung und saubere, instruktive Figuren 
aus. Das sechste Heft ist eine sehr schön gedruckte 
Zusammenstellung verkleinerter Abbildungen der be- 
kannten Hölzel'schen geographischen Charakterbilder, 
die wohl zu den beliebtesten Anschauungsmitteln 
jeder Schule gehören. Hiermit wird dem Schüler zu 
einem recht niedrigen Preise eine ihm sicherlich viel 
Freude gewährende und förderliche Gabe angeboten. 
2) Wenn es ein Werk bis zur 31. Auflage (aller- 
dings wohl meist doppelt zählende) gebracht hat, so 
bedarf es kaum noch einer Empfehlung. Es genüge 
daher die Angabe, daß wir bei aufmerksamer Durch- 
sicht nirgends auf veraltete Angaben gestoßen sind. 
Die Figuren 20 und 21, welche irreale Stellungen 
der Erdachse veranschaulichen sollen, halten wir für 
entbehrlich, sie können in flüchtigen Schülern sogar 
falsche Begriffe erwecken. Dagegen scheint uns eine 
Besprechung der Methoden zur Bestimmung der 
Sonnenentfernung recht wünschenswert. Bei den 
neuen Sternen sollte als Beispiel lieber die Nova 
Persei von igoi genannt werden. Unter den Doppel- 
sternen sollten auch die durch Spektralanalyse als 
solche erkannten Erwähnung finden. Im recht reich- 
haltigen Literaturanhang verdiente unter A I auch 
Newcomb's „Astronomie für jedermann" (Jena, G. 
Fischer) Erwähnung , unter B III Koerber's Trans- 
formator für sphärische Koordinaten (Berlin, D. Reimer) 
und Schmidt's Sonnenzeiger (Wien, Freytag u. Berndt). 



Prof. Dr. R. Fitzner, Die Regenverteilung 
in den deutschen Kolonien. 115 Seiten. 
Berlin, H. Paetel, 1907. — Preis 4 Mk. 
Für den wirtschaftlichen Wert unserer Kolonial- 
gebiete ist die Regenmenge an erster Stelle maßgebend. 
Demgemäß sind in allen Kolonien eine größere An- 
zahl von Regenstationen eingerichtet worden, die zum 
Teil unter dankenswerter Unterstützung seitens der 
Farmer arbeiten und bereits einen Überblick gewinnen 
lassen. Die erste Zusammenstellung der Ergebnisse 
dieser Messungen wird daher in Kolonialkreisen 
ebenso interessieren, wie in dem der Fachmeteorologen. 
Wir heben hier einige besonders markante Zahlen 
heraus: In Kamerun schwankt die jährliche Regen- 
höhe von 3 m (Küste) bis 10 m (Debundscha), in 
Togo von 0,6 m (Lome) bis 1,6 m 1 Amedschowe). 
Für Südwestafrika konnte bereits eine Regenkarte 
entworfen werden , die Seite 40 wiedergegeben ist, 
einen Küstenstreifen mit unter 100 mm jährlicher 
Regenhöhe zeigt, nach dem Inneren zu eine allmäh- 
liche Steigerung erkennen läßt , die jedoch im Süd- 
osten des Gebietes (Warmbad) nicht über 200 mm 
hinausgeht, während sie im Nordosten (Grootfontein) 
500 mm überschreitet. Auch für Deutsch Ostafrika 
finden wir Seite 72 eine Regenkarte. Hier liegt das 
trockenste Gebiet (unter 750 mm) im Binnenlande, 
südöstlich vom Viktoria Nyansa , während an der 



Küste Regenhohen von 800 (im Süden) bis 1400 mm 
(im Norden) beobachtet wurden. Im Kilimandjaro- 
gebiet finden wir ca. 1500 mm, '^an einzelnen Punkten 
der Kolonie aber (z. B. in Herkiüu und Rutenganio) 
2 bis 3 Meter. In Neu-Guinea und den ozeanischen 
Kolonien sind die Regenhöhen naturgemäß wieder 
wesentlich höher. In Tsingtau fallen jährlich 600 
bis 700 mm Regen, also etwa ebensoviel wie in 
Deutschland. Hinsichtlich jahreszeitlicher Verschieden- 
heiten müssen wir auf die Schrift selbst verweisen. 

Kbr. 

Literatur. 

Lassar-Cohn, Prof. Dr.: Die Chemie im täglichen Leben. 
Gemeinverständliche Vorträge. 6. verb. Aufl. (VIII, 344 S. 
m. 24 Abbüdgn ) S". Hamburg '08, L. Voß. — Geb. in 
Leinw. 4 Mk. 

Nielsen, Doz. Dr. Niels: Lehrbuch der unendlichen Reihen. 
Vorlesungen , geh. an der Universität Kopenhagen. (VIII, 
287 S.) Lex. 8°. Leipzig '09, B. G. Teubner. — 11 Mk., 
geb. 12 Mk. 

Schenck, Prof. Dr. Rud.: Physikalische Chemie der Metalle. 
Vorträge üb. die wissenschaftl. Grundlagen d. Metallurgie. 
(V, 193 S. m. 114 Abbildgn.) Lex. 8". Halle '09, W. 
ivnapp. — 7 Mk., geb. in Leinw. 7,75 Mk. 

Schneider, Prof Dr. Karl Camillo : Histologisches Praktikum 
der Tiere f. Studenten u. Forscher. (IX, 615 S. m. 434 
Abbildgn.) Lex. 8«. Jena '08, G. Fischer. — 15 Mk., 
geb. ib Mk. 

Strasburger, Prof. Dr. F.duard : Das kleine botanische Prak- 
tikum {. Anfänger. Anleitung zum Selbststudium der mikro- 
skopischen Botanik u. Einführg. in die mikroskop. Technik. 
6. umgearb. Aufl. (VIII, 258 S. m. 128 Holzschn.) Le.K. 8». 
Jena '08, G. Fischer. — 6 Mk., geb. 7 Mk. 

Thonner, Frz.: Die Blütenpflanzen Afrikas. Eine Anleitung 
/um Bestimmen der Gattungen der afrikan. Siphonogamen. 
(XVI, 673 S. m. I Karte u. 150 Taf) Lex. 8». Berlin 
'08, R. Friedländer & Sohn. — 10 Mk., geb. in Halbfrz. 
12 Mk. 

Anregungen und Antworten. 

Herrn Dr. G. A. in Greifswald. — Über die Technik 
des Torfschlämmens linden Sie eine gute Zusammen- 
stellung in Keil hack, Praktische Geologie, 2. Auflage. 
Eine durch Abbildungen unterstützte Anleitung zum Bestimmen 
der Pflanzenteile (namentlich Früchte usw., überhaupt Phanero- 
gamenreste) gibt : I. Andersso n, Studier öfver Finlands Torf- 
mossar (mit 4 Tafeln) ; Helsingfors 1S98 (leider schAvedisch ge- 
schrieben, mit kurzem deutschen Auszug); ferner 2. M üll er , G. 
und Webe r, C. A., Über eine frühdiluviale und vorglaziale Flora 
bei Lüneburg. Abhandl. k. Pr. Geol. Landesanst. 1904 (mit 
Tafeln). 3. Keid, Cl,, and M. Reid; The fossil Flora of 
Tegelen-sur-Meuse, near Venloo , in the Provinz of Limburg 
(mit 3 Tafeln). Verh.andelingen der kon. Akad. van Weten- 
schappen te Amsterdam. II. Sektion. Amsterdam , September 
1907. 4. Reid, Cl., and M. Reid, On the preglacial Flora 
of Britain. Linnean Society's Journal, Botany, vol. XXXVIII. 
igoS (^mit 5 Tafeln). Es ist aber dringend zu raten, die Be- 
stimmungen nicht nur auf .\bbildungen zu gründen, sondern 
unter allen Umständen rezentes Vcrgleichsmaterial zu Rate zu 
ziehen. Eine diesbezügliche Sammlung legt man am besten 
selbst an, da erfahrungsgemäß in den meisten Herbarien der 
Museen und Institute Samen und Früchte der Pflanzen ent- 
weder fehlen oder, in unreifem Zustand gesammelt, als Ver- 
gleichsmaterial nicht brauchbar sind. Dr. J. Stoller. 



Inhalt: Dr. Ernst Schultze: Vogelschutz in den Vereinigten Staaten. — Sammelreferate und tjbersichten : Dr. Hugo 
Fischer: Neues aus der Bakteriologie. -- Kleinere Mitteilungen: Prof. Messerschmitt: Die Wiederkehr des 
Halley'schen Kometen. — J. Nusbaum: Beitrag zur Frage über die Abhängigkeit der Regeneration vom Nervensystem 
bei Nereis diversieolor. — Wetter-Monatsübersicht. — Bücherbesprechungen: Alois .Sigmund: Die Minerale 
Niederösterreichs. — i) Pahd e-Lind emann: Leitfaden der Erdkunde. 2) Dr. M. Geistbeck: Leitfaden der 
mathematischen und physikalischen Geographie. — Prof. Dr. R. Fitz n er: Die Regenverteilung in den deutschen Ko- 
lonien. — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. 

Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-VVest b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.j, Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue folge VIII. Band ; 
der ganzen Keihe XXIV. Band. 



Sonntag, den 31. Januar 1909. 



Nummer 5. 



Die Nutzpflanzen unter den Flechten. 



[Nachdruck verholen.] 



Von Prof. Dr. Victor Schiffner, Wien. 

(Mit 25 Figuren.) 

Die unscheinbaren Flechten werden von den letztere zu entfernen wird die Flechte in reinem 
Laien gewöhnlich nur wenig beachtet und ge- Wasser mazeriert, dann getrocknet und gemahlen, 
meiniglich für ein recht unnützes Produkt der Das Mehl wird abermals gewässert, um die Bitter- 
schafifenden Natur angesehen, und doch finden keit ganz zu benehmen, und dann zu Brot ver- 
sieh unter ihnen eine Menge von recht nützlichen backen oder zu einem Gelee in süßer oder saurer 
Pflanzen, die sich der Mensch zu seinen Zwecken Milch zubereitet. Nach Thenard hat dieses 
dienstbar gemacht hat, aber freilich sind die Mehl halb soviel Nährwert als Weizenmehl, 
mannigfachen Nutzanwendungen der Flechten Daß diese Hechte dem Menschen durch 
nicht so allgemein verbreitet, und so allgemein längere Zeit ausschließlich als Nahrung zu dienen 
bekannt, wie die der meisten Nähr- und Nutz- vermag, ist durch die Tatsache erhärtet, daß John 
pflanzen unter den höheren Gewächsen, und ich Franklin und die Teilnehmer an seiner Nord- 
glaubte daher, daß es vielleicht nicht ohne Inter- polexpedition im Jahre 1821 wochenlang aus- 
esse wäre, diesen Gegenstand in Kürze zusammen- schließlich von dieser Flechte lebten, 
zufassen und über die Nutzpflanzen unter den In gleicher Weise wird gelegentlich das 
Flechten zu berichten. ,, Renntier Moos" {Cladonia rangiferina] verwendet 

Die Nutzanwendungen der Flechten lassen sich (Fig. 3, 4), welches eine ähnliche Verbreitung hat, 

in drei Kategorien scheiden und möge nach wie Cetraria islaudica. Im nördlichen Finnland 

diesem Gesichtspunkte der reiche Stoff, den ich hat man diese Flechte in Zeiten der Not, gemi.>cht 

hier zu behandeln habe, eingeteilt werden : mit etwas Roggenmehl, zu Brot verbacken und 

I. Die Flechten als Nährpflanzen für den nach Bosc gibt sie mit Milch ein nahrhaftes 
Menschen und die Nutztiere. 



2. Die Flechten als Heilmittel. 

3. Die F"lechten in ihrer Verwendung zu tech- 
nischen Zwecken (vorzüglich zur Erzeugung von 
Alkohol und Farbstoffen). 

I. Die Flechten als Nährpflanzen für den 
Menschen und die Nutztiere. 



Gelee. 

Ebenso könnten Evernicn und Sticta piilino- 
naria verwendet werden, letztere ist aber sehr 
bitter durch das in ihr enthaltene Stictin; welches 
extrahiert werden muß. 

Gyrophora proboscidea (Fig. 10, 11) und G. 
cylindrica {F"ig. 5, 6) werden von den Pelzjägern 
im arktischen Amerika als Nahrungsmittel ver- 
wendet und erstere, sowie Gyr. erosa werden in 
Die Verwendbarkeit gewisser Flechten als Kanada gegessen und heißen dort „tripe de röche" 
Nahrungsmittel beruht auf ihrem größeren oder (nach Lindsay). 

geringeren Gehalt an Lichenin und Isolichenin In Japan und China spielt Gyrophora esciilenta 

(Flechienstärkej. Dieser Stoff ist freilich in den Miyoshi (Flg. 7, 8) eine bedeutende Rolle; sie 
Flechten stets gepaart mit Bitterstoffen (Cetrar- soll sehr wohlschmeckend sein und gilt als 
säure u. a), welche die Flechten für den Menschen Delikatesse; sie wird in Wasser aufgekocht und 
als Nahrungsmittel problematisch machen würden, meistens mit Shoju (d. i eine Sauce aus den 
wenn sie sich nicht auslaugen und durch reich- Bohnen von Soja hispidd) gegessen. Sie wächst 
liches Auswaschen bis zu einem hohen Grade in den Gebirgen Japans an feuchten Granitwänden 
entfernen ließen. und wird von Krämern überall feilgehalten, auch 

Besonders in Zeiten der Not und in den von bildet sie einen bedeutenden Exportartikel. Im 
der Natur spärlich bedachten arktischen Ländern Japanischen heißt sie ,,Iwatake". 
und in den Wüsten sind Flechten als Nahrungs- In Japan wird noch eine andere Flechte ge- 

mittel verwendet worden. gessen : Alectoria sulcata (Lev.) Nyl., die dort 

In dieser Beziehung kommen besonders folgende ,,Bandai-no-kinori" heißt (Fig. 9). Sie soll nach 
Arten in Betracht. Miyoshi sehr wohlschmeckend sein. 

Cetraria islandica („Isländisches Moos") ist F'ür die Wüsten Vorderasiens und Afrikas ist 

nicht nur in Island und dem arktischen Gebiete von Bedeutung als Nahrungsmittel die merk- 
rings um den Pol, sondern durch ganz Mittel- und würdige Krustenflechte Lecaiiora [Spaerotkid/ia) 
Südeuropa verbreitet und bildet auf sandigen csculenta Evers., die überdies auch in den Wüsten 
Böden oft Massenvegetation (Fig. I, 2). Nach Amerikas vorkommt und auch als Seltenheit auf 
Berzeli US enthält sie 44% Lichenin, i "/^ Liehe- europäischem Boden (in Giechenland) gefunden 
nostearin und daneben bittere Cetrarsäure. Um wurde. Die dicke hellbraune Kruste wächst auf 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 5 



Felsen, wird aber vom Winde abgebröckelt und 
in der Wüste hin und her gerollt, wodurch sie 
zu ringsum gleich ausgebildeten, etwa erbsen- 
großen Körnern auswächst, die oft in erheblicher 
Masse in Mulden und Tälchen zusammengeweht 
werden (Fig. 12). Es ist kein Zweifel, daß diese 
Flechte das im alten Testament erwähnte „Manna" 
sei, von dem die Juden in der Wüste lebten. 
Daß die Körner dieser Flechte von den Wüsten- 
stürmen weit verweht werden und stellenweise 
als „Mannaregen" niederfallen, ist vielfach beob- 
achtet (durch Parrot 1826, 1845 im Distrikt 
Jenischehir usw.). Nach einer Analyse von 
Goebel enthält die F"lechte 65.91 "/„ Kalkoxalat, 
23 "/o Lichenin, 2,5"/,, Inulin, sie ist also viel 
weniger nahrhaft als Cetraria islandica. Die 
Tartaren bereiten daraus eine Art Brot. Nahe 
verwandte eßbare Arten, vielleicht von L. esat- 
Iciita nicht spezifisch verschieden, sind: Lecanora 
desertornui Kremi^elh., L. affiiiis und L.friiticubsa. 
Schließlich sei noch darauf verwiesen, daß 
Forskäl berichtet, daß aus dem griechischen 
Archipel ganze Schiffsladungen der auch bei uns 
an Räumen gemeinen Evernia prunastri nach 
Ägypten eingeführt werden, wo sie vermählen und 
dem Mehl zugesetzt wird, um das Brot nach 
dortiger Ansicht wohlschmeckender zu machen. 

Fast noch wichtiger für gewisse Gegenden 
sind die Flechten als Nahrungsmittel für die dem 
Menschen unentbehrlichen Nutziiere, wodurch 
diese Länderstrecken für den Menschen überhaupt 
bewohnbar gemacht werden. Dies gilt besonders 
von den Polargegenden, wo eine Flechte : Cladonia 
raiigifcrina (das „Renntiermoos") (Fig. 3, 4), 
nahezu die ausschließliche Nahrung des Renntieres 
bildet, welches dem Bewohner dieser armseligen 
Gegenden nicht nur unentbehrliches Zugtier ist, 
sondern ihn auch mit allem zu seinem Leben 
notwendigen, mit Nahrung, Kleidung, und mit 
Knochen und Gehörn zu seinen Gerätschaften 
versorgt. Die Wichtigkeit dieser Flechte kann 
nicht besser charakterisiert werden als durch 
folgenden Ausspruch Linne's, des großen Refor- 
mators der deskriptiven Naturwi.ssenschaften, in 
seiner Flora suecica: „Huic licheni innititur oecono- 
mia et salus totius Lapponiae, hoc enim hyeme 
toto sustentantur rangiferi, Lapponum pecora; Lap- 
pones enim pastores sine Haccho et Cerere viventes" 
(Auf dieser Flechte beruht die Volkswirtschaft 
und Volkswohlfahrt von ganz Lappland, mit ihr 
werden während des Winters die Renntiere, d. i. 
der Viehstand der Lappländer unterhalten; die 
Lappländer sind nämlich ein Hirtenvolk ohne 
Wein- und Ackerbau). Außerhalb der arktischen 
Zone ist diese Flechte als Viehfutter freilich von 
geringerer Bedeutung; in Norwegen und Jütland 
wird sie als Winterfütterung für Schafe und in 
Krain für Schweine, Pferde und Ochsen verwendet. 
Schulrat Steiner teilt mir mit, daß im Vintsch- 
gau Usnca barbata als Notfutter für das Klein- 
vieh eingesammelt wird und dann unter den 
„Schab" (Laubholzzweige) gemischt wird. 



II. Die Flechten als Heilmittel. 
Eine tatsächliche Heilwirkung dürfte nur der 
bereits erwähnten Cetraria islandica (Fig. i, 2) 
zukommen, welche noch gegenwärtig gegen Er- 
krankungen der Respirationsorgane als Tee an- 
gewendet wird und wegen ihres Bitterstoffes wohl 
auch gleichzeitig appetitanregend wirkt. ') Ihre 
medizinischen Eigenschaften waren zuerst den 
Bewohnern Islands bekannt. 1670 berichtet 
Olaus Borrichius (Ole Borrich) über die- 
selbe in der Schrift: De musco cathartico Islandiae 
in Acta Havniensia und 1672 Breyne unter dem 
Namen : Muscus Eryngii folio im III. Bande der 
Miscellanea naturae curiosorum. Definitiv wurde 
sie erst in den Arzneischatz aufgenommen über 
Empfehlung von Linne (1737) und Scopoli 
(1700). — Die Drogue kommt nicht aus Island 
in den Handel, sondern vorzüglich aus Schweden, 
der Schweiz (Kanton Luzern), Spanien, Deutschland 
(besonders Fichtel- und Riesengebirge). 

In- vorlinneischen Zeiten waren mehrere 
Flechten (zumeist „per signaturam", d. h. wegen 
äußerer Ähnlichkeiten) offizineil, so : Sticta pitlmo- 
naria seit Beginn des 16. Jahrhunderts gegen 
Lungenkrankheiten (Caesal pi n , Boer haveusw.), 
Xaiithoria parietiiia gegen Gelbsucht, '-') Usiiea 
barbata (als Muscus s. ajga arborum) auch als 
Haarwuchsmittel und anderweitig (nach Theo- 
phrast, Üioscorides, Plinius, Avicenna 
u. a.), Cladonia pyxidata gegen Keuchhusten. 

1697 kam in England der Pulvis antilyssns 
(ein Heilmittel gegen Hundswut) durch Dampier 
auf, welcher aus Pcltiger a canina (daher der Name) 
und gleichen Teilen schwarzen Pfeffers bestand. 

Auch Pcltigera aphthosa wurde als Heilmittel 
(besonders als Anthelminthicum) angewendet. 

Eines großen Rufes gegen Epilepsie erfreute 
sich die Tolcnkopfsflechte, welche einst mit 
horrenden Preisen bezahlt wurde. Es ist die ge- 
meine Parnielia saxatilis, welche gelegentlich auf 
alten Menschenschädeln wuchs. 

Pcrtusaria amara (Fig. 19) wurde während 
der napoleonischen Kontinentalsperre als Ersatz 
für die Chinarinde empfohlen. 

Ctilorea vulpina (Fig. 20) wird mit zerstoßenem 
Glas von den norwegischen Bauern als Gift 
gegen Füchse verwendet, ob das Glas oder die 
Flechte verderblich auf die Füchse wirken, ist 
nicht sicher; für Hunde soll sie giftig sein. 

Von den Alpenbewohnern wird in manchen 
Gegenden Thamnolia vermiciilaris als Mittel gegen 
die Lungenseuche der Schweine angewendet (nach 
persönlicher Mitteilung des Herrn Schulrates 
Steiner). 

III. Technische Verwertung der Flechten. 
Es mögen hier vorweg die Nutzanwendungen 
verschiedener Flechten genannt werden, welche 
von minderem Belang sind. 



'1 Ehedem wurde sie auch gegen Wechselfieber ange- 
vendct (Müller und Cazin). 

-) Auch als Fiebermittel und Adstringens. 



F. N. VIII. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



67 



Linne erzählt, daß die Kauern in Smaland 
(Schweden) Hellen eandelariiis (Xanthoria Can 
delarid) gepulvert zu Talglichtern mischen, um 
sie gelb zu färben und sie den an Festtagen ver- 
wendeten Wachskerzen ähnlich zu machen. 

Nach Gmelin (Sibir. Reise III, p. 426) wird 
in Sibirien in einem Kloster Stieta pulnionaria 
statt des Hopfens zum Hierbrauen verwendet. Es 
finden sich Angaben, daß dieselbe Flechte ge- 
legentlich auch zum Gerben Verwendung fand. 



findet in der Parfumerie vielfach Anwendung, da 
sie (jerüche aufsaugt und festhält. 

Weitaus wichtiger als die genannten, nur ge- 
legentlichen Verwendungen ist die F~abrikation 
von .Alkohol aus Flechten. Es wird zu diesem 
Zwecke besonders Cladonia nrngi/'eriiia [V\g. 3, 4), 
minder häufig auch Cetraria islaiidica (Fig. i, 2) 
verwendet. 

Das Verfahren dieser Alkoholgewinnung wurde 
etwa 1826 in Frankreich von Roy entdeckt, aber 




Nutzbare Flechten I. ( i'hotograpliie von J. Brunnthaler. ) 
Fig. I. Cetraria islanitica, steril (aus Böhmen). — 2. ('. islaiidica var. plafi/loha, mit Apothecien (Böhmerwald). — 3. Cladonia 
rangiferinu var. spongiosa Mort., ist eine auf der Tundra häufige Form |^j illand, Igt. Mortensenl. — 4. Cladonia rantjif-rina 
t. vulgaris, mit .Apothecien. — 5. Gyro/ihora cißindrica, mit .Apoth. | Böhmen). — 6. Dieselbe, von der Unterseite. — 7. Gi/ropliora 
esculenia, IJberseite (Japan, Orig.-lix. von Miyoshi). — 8. Dieselbe, Unterseite. — g. Alectoria sutcata (Japan, Nikl<o, Igt. 
Miyoshi). — 10. Gyrophora probosridea var. arctica, mit Apoth., Oberseite (Grönland, igt. Breulel). — II. Dieselbe, Unter- 
seite. — 12. Sphaerotliallia esadenta, steril (Sahara von Algier, Igt. Hohenacker). — 13. Evernia prima slri, steril (aus Böhmen). 



Als Weberschlichte wird eine aus Flechten 
gekochte Gelatine von den armen Webern der 
Gebirgsgegenden verwendet und anstatt Gummi 
arabicum in einigen Stoffdruckfabriken besonders 
in Lyon. Nach Roumeguere geben lange, 
mazerierte Strauchflechten einen Leim zum Leimen 
der Farben, der wie tierischer Leim wirkt; er ist 
bekannt unter den Namen: „Colle forte" oder „Colle 
de Flandre". 

Physcia {Anaptyehia) ciliaris und andere Flechten 
werden gepulvert zu kosmetischen Pudern ver- 
wendet (,,Poudre de Chypre"). Evernia prunastri 



erst 1868 durch Prof. Stenberg in Schweden 
und später in Rußland behufs fabriksmäßiger 
Herstellung von Alkohol in großem Maßstabe 
eingebürgert. 

Das Verfahren besteht in folgendem : Durch 
Kochen in verdünnter Schwefel- oder Salzsäure 
wird das Lichenin in Glykose verwandeil ; die so 
behandelte Mechtenmasse wird neutralisiert mit 
Kreide oder kohlensaurem Natron und ergibt dann 
durch Gärung und Destillation einen sehr gtiten 
Alkohol. Man soll aus I kg Flechten etwa '/., 1 
Alkohol erhalten. Von i86g — 1883 sind in 



68 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 5 



Schweden 17 Fabriken entstanden. In dem Jahre 
1809 soll Skandinavien 1 120 000 1 Flechtenspiritus 
produziert haben. Es ist merkwürdig, daß in 
neuerer Zeil nichts Sicheres mehr über diese In- 
dustrie in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Es ist 
zu vermuten, daß solche Fabriken auf die Dauer 
mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben werden, 
bezüglich der Beschaffung des nötigen Flechten- 
materiales. 

Zweifellos die wichtigste Verwendung der 
Flechten zu praktischen Zwecken, wodurch einige 
zu einem bedeutenden Artikel des Welthandels 
geworden sind, ist die Bereitung von wert- 
vollen Farbstoffen aus denselben. Wohl 
der wichtigste dieser Farbstoffe ist die „Orseille". 
Mit diesem Namen, der unbekannter Herkunft ist,') 
bezeichnet man gegenwärtig im Weithandel 
zweierlei: I. einen bestimmten aus Flechten her- 
gestellten Farbstoff und 2. das Rohmaterial der 
zu dessen Bereitung verwendeten Flechten. 

Der Besprechung der Farbstoffflechten und 
ihrer Produkte sollen einige historische Daten 
vorausgeschickt werden. 

Angeblich reicht die Kunst aus Flechten 
Farben zu bereiten bis in das Altertum zurück. 
Theophrast etwa 300 v. Chr. erwähnt „%o dk 
növTinv <f'V-Ai)g", welches nach Krempelhuber 
Roccella tincloria sein soll. Auch das bei Plinius 
(Lib. 26, cap. 66) erwähnte Phycos thalassion, 
quo in Creta vestes tingunt" soll eine Farbflechie 
sein. Ich glaube eher, daß mit beiden irgend eine 
Floridee (vielleicht Rhyfypitloca tincloria) gemeint 
ist. Sicher unrichtig ist die Ansicht von Bory 
de Saint Vincent, wonach der Purpur von 
Tyros der Phönizier Orseille gewesen sein soll. 
Es ist wohl zweifellos sicher, daß der Purpur der 
Alten von Schnecken (M u rex a rte n) abstammte. 
Sicher ist, daß diese Kunst lange im Orient be- 
kannt war und von dort durch einen Florentiner 
deutscher Abstammung Namens Federigo um 
1300 nach Europa kam. Seine Nachkommen 
wurden durch das Geheimnis der Orseillefabrika- 
tion sehr reich und ein angesehenes Patrizier- 
geschlecht, das sich Oricellari, dann Ruccellari 
und endlich Ruccellai nannte. 

Erst 1540 wurde die Bereitung der Orseille 
durch Rosetti's Buch über die Färbekunst all- 
gemeiner bekannt und 1729 trug M i c h el i durch 
sein ausgezeicimetes Werk: Nova plantarum genera 
viel zur Verbreitung der Keniunis von der Her- 
stellung der Flechtenfarben bei. 

Es ist hier nicht der Ort, genaue Angaben zu 
machen über die Entwicklung der Technik in der 
Bereitung der Flechtenfarben ; einige wenige Hin- 
weise mögen genügen. Ursprünglich war das 
Verfahren ein äußerst kompliziertes, durch An- 
wendung zahlreicher ganz unwesentlicher Stoffe 
und Manipulationen. Erst 1750 gab Hellot 
(L'art de la teinture des laines) ein vereinfachtes 



Verfahren an. Die Akademie von Lyon ver- 
anstaltete eine Preisausschreibung für Arbeiten 
über nützliche Flechten. 1787 wurden unter 
dem Titel ,,Memoires sur les lichens" drei wichtige 
preisgekrönte Arbeiten von Hoffmann, Willemet 
und Amoreux publiziert, von denen die erste 
bereits die Bereitung des Lackmus in Holland 
beschreibt. 

Die Entdeckung der chromogenen Substanzen 
in den Hechten durch Robiquet, Heeren usw. 
führte eine neue Ära in der Flechtenfarbentechnik 
ein. Man suchte die chromogenen Stoffe rein 
darzustellen und daraus die Farben herzustellen. 
(Stenhouse 1848, Fouacier 1855, Frezon 
1858.) Ein wichtiges Resultat dieser Bestrebungen 
war die Erfindung des „Pourpre frangaise" durch 
Guinon, Marnas und Bonnet 1858, über 
dessen Herstellung Persoz') berichtet. 

Gauthier deClaubery teilt 185Q ein von 
H a 1 a i n e erfundenes Verfahren mit, durch welches 
aus gewöhnlicher Orseille drei Produkte gewonnen 
werden: i. ,,eine amaranihrote Seidenfarbe, 2. eine 
rosarote, 3. als wichtigste die „Orseille solide". 

Späterhin befaßte man sich wegen des wachsen- 
den Einflusses der Anilinfarben nicht weiter mit 
der Verbesserung der F"lechtenfarben. 

Während aber durch die Anilinfarben fast alle 
anderen Farbstoffe völHg verdrängt wurden, ist 
dies mit den Flechtenfarben nicht der Fall. Sie 
werden gegenwärtig noch viel zum P~ärben von 
Wolle (seltener von Seide und zum Kattundruck) 
verwendet, aber meistens nicht rein, sondern als 
Gemisch mit anderen Farbstoffen, besonders um 
diesen mehr Glanz zu geben (letzteres gilt beson- 
ders vom Indigo). 

Vielleicht alle Flechten könnten Farbstoffe 
geben. Lindsay, Clerc, Lebail u. a. haben 
über 500 Flechtenarten auf ihre Farbstoffe unter- 
sucht und violette, braune, grüne, gelbe usw. 
gefunden. 

Von praktischer Verwendbarkeit sind aber nur 
wenige und auch von diesen spielt nur eine ge- 
ringe Anzahl eine bedeutende Rolle im Welt- 
handel. 

Vorweg mögen einige erwähnt werden, welche 
sich keine hervorragende Stellung in der Farben- 
fabrikation erringen konnten, aber doch von 
einiger Bedeutung sind für beschränkte Distrikte. 

In England wird aus Sticta fu/iiioiiaria eine 
braune Farbe zum Färben von Stoffen gewonnen. 

Wichtiger scheint Pannelia saxatilis zu sein, 
aus der auch eine braune Farbe hergestellt wird. 
Nach Hoffmann sind in Schottland jährlich 
mehr als 200 Leute mit dem Einsammeln dieser 
Flechte beschäftigt. 

Uiiibilicavia piisttilata (Fig. 25) wird in Lyon 
zum F"ärben von Seide (braun und rot) verwendet. 

Von Bedeutung für den Welthandel sind aber 



') Alle bisher gegebenen Erklärungen sind zweifellos 
unrichtig. 



') Persoz, Maliere colorante violette derivee de l'orseille 
ou pourpre Frani;aise de M. Guinon (Rep. de chemie poure 
et appliquee l8s9 p. 189) und Rouceray 1. c. p. 18IT. (1906"). 



N. F. VIII Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



69 



nur folgende fünf Farbstoffe, die uns nun aus- 
schließlich beschäftigen sollen: i. die Orseille 
(= Orseille d' herbe), 2. das C u d b e a r oder 
Persio, 3. der Orseilleex t rakt, 4. der 
französische Purpur und 5. der Lackmus. 
I. Die Orseille (Orseille d'herbe) wurde 
früher so gewonnen , daß man die Flechten mit 
faulendem Urin lange Zeit ma/.erierte und dann 
Ätzkalk zusetzte. Später verwendete man statt 
des Urins wässerigen .Ammoniak. Gegenwärtig 
bereitet man diesen Farbstoff auf folgende 



Gewebsteile der Flechten erkennen läßt, und in 
Wasser und Alkohol leicht löslich ist. Die Lö>ung 
ist mit Alkalien violett, mit Säuren schön rot. 

2. Das Cudbear (so in England genannt) 
oder der Persio (in Deutschland) ist ein rot- 
violettes Pulver, bestehend aus der getrockneten 
und zerriebenen Orseille. Dieser Stoff wird auch 
,, roter Indigo" genannt und besonders in Kanada, 
England und Schottland erzeugt. 

Der Orseilleextrakt kommt in verschie- 
denen Formen in den Handel als: ,, einfach". 




Nutzbare Flechten II. (Photographie von J. B r u n n t h al e r.) 
Fig. 14. Roccella phj/copsis, mit Soredien (Nrapel, Camaldoli). — 15- ß- phycopsis, mit Sor.dien (Madeira, Igt. J. Born- 
müller). — i6. Ä. .Vuntiigiiei (hus M.idajjaskarJ. — 17. Ochrulechia tartarea, mit Apothecien (^Schweden, Öt', Risinge). — 18. 0. 
tartarea, sterile Krusie (Schweden, Södermanland). — 19. Pertusaria amara (Aus Korfu). — 20. C'hlorea vvlpina, mit Apoihec. 
(Tirol, Windisch -Matrei). — 21. Iloccella hypomecha (Teneriff--, Igt. Hory). — 22. R. ßicifurmis (Ma.li-iia. Igt. J. Born- 
müller). — 23. DenJrographa leucophaea, mit Apoihec (Kalifornien, Igt. H. \V i 1 1 e y). — 24. Perittsaria tlealhala var. laevigata 
(Bei Heidelberg, Igt. Zwackh). — 25. l'mbilicaria pustulata, mit Apothec. (.•\us Nied. -Österreich). 



Weise. ') Die Flechten werden gekocht unter 
Zusatz von 2 — 3 kg Kalk auf 100 kg Flechten. 
Der Saft wird etwas eingedickt, die Flechten- 
masse gereinigt und in 3 m langen Kesseln (die 
man ,,barques" nennt) mit einem Teile des Saftes 
und .Ammoniak (oder Gaswasser) täglich 3 — 4 mal 
umgerührt, indem man die Temperatur auf 
25 — 30" C erhält, nach 2 — 3 Monaten ist das 
Produkt fertig. Dieses ist eine teigige Masse von 
dunkelrotvioletter Farbe, die unter dem Mikroskop 



') Verfahren der Fabrik Lucien, Picard & Co. 



,, doppelt", „konzentriert", und als ,,Orseille- 
karmin". Er wird aus dem ausgekochten Safte 
der H'lechten (siehe bei Orseille) bereitet durch 
Zusatz von Ammoniak und unter Durchlüftung 
unter einer konstanten Temperatur von 25 — 30" C. 

4. Der französische Purpur (pourpre 
frangaise, pourpre de Guinon) ist eine 
sehr schöne rotviolette Farbe, deren komplizierte 
Herstellung Persoz ausführlich mitteilt. Es ist 
im wesentlichen eine ammoniakalische Orzein- 
lösung, gefällt mit Chlorkalcium. 

5. Der Lackmus ist eine holländische Er- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 5 



findung; er wird aus RocccUa oder Ochrolechia 
tartarea (Fig. 17, 18) hergestellt, ähnlich wie die 
Orseille, aber durch sehr lange Gärung unter 
Anwendung von Kalk oder Pottasche u. Ammoniak. 
Es ist im freien Zustande rot, seine Salze sind 
blau. Mit Gips oder Kreide gemischt, kommt 
er in Stücken oder Täfelchen in den Handel, 
wird aber nur mehr als Reagens, zum Färben der 
Wäsche und des Weines verwendet. Er wird in 
Holland, Frankreich und einigen Orten West- 
deutschlands hergotellt. 

Die ,,Parelle" ist eine Orseille aus Ochro- 
lechia parella, die nicht mehr in den Handel 
kommt. 

Obwohl man schon lange praktische Methoden 
zur Bereitung der Farbstoffe kannte, war über 
deren Entstehung wi>senschaftlich nichts be- 
kannt; man wußte nur, daß die F'lechten selbst 
keinen gefärbten Stoff enthalten, sondern daß 
dieser erst durch gewisse Behandlung derselben 
entstehe. 

Angebahnt wurde die wissenschaftliche Er- 
kenntnis dieser Vorgänge durch die Entdeckung, 
daß die Orseille durch Umwandlung bestimmter 
in der Flechte enthaltenen Stoffe entstanden sei, 
die auch isoliert wurden, wobei aber leider wenig 
Rücksicht genommen wurde auf sichere Bestimmung 
des untersuchten Materiales, wodurch diese Re- 
sultate nahezu wertlos wurden. 

Rob'iquet entdeckte 1829 das Orcin in 
Pertiisaria dcalbata, welches sich unter Einfluß 
von Licht, Wasser und Ammoniak in Orseille 
umwandelt. 1830 entdeckte Heeren andere 
chromogene Substanzen: das Erythrin, Pseudo- 
erythrin und die Roccellsäure. 

Schunck entdeckt 1847 die Lecanorsäure 
(C"'H'''0') und nennt das Erythrin passender: 
Erylhrinsäure (C' H'-O'") ') Wir wissen jetzt, 
daß die in den Färbeflechten, verschiedene 
Flechtensäuren enthalten: Erylhrinsäure, Lecanors., 
Parells., Roccells. usw., die farblos und meist 
Körper aus der Benzolreihe sind. -; Durch 
Alkalien werden sie gespalten in Kohlensäure und 
Orcin (C'H^O^), einen farblosen, in Wasser löblichen 
Körper, welcher mit Sauerstoff und Ammoniak 
das Orcein (C'H'NO'') gibt, einen braunen, 
amorphen Körper, in Alkalien und Alkohol lös- 
lich und violett werdend. Das Orcein ist der 
wesentliche Bestandteil der Orseille, das nahe 
verwandte braunrote Azolitmin (C'H'NO') ist der 
wesentliche Bestandteil des Lackmus. 

Über den wichtigen Prozeß der Entstehung 
des Orcei'ns (resp. der Orseille) sind drei ver- 
schiedene .Ansichten aufgetaucht. I. Amoreux 
(1787), Robiquet (1829) erblicken darin einen 
rein chemischen Prozeß. Das Orcin soll 



') Eine Methode zur Herstellung reinen Erythrins gibt 
Ronceray, Contrih. ä l'etude des Lichens a Orseille. 1904. 

^) Nach Ronceray (1. c. 1904) sind die i'lechtensäurcn 
Ausscheidungsprodukte des Flechtenpilzes; sie finden sich aus- 
kristallisiert äußerlich an den Hyphen. 



unter Einwirkung von Luft, Wasser und Ammoniak 
ohne jedwede Fermentation Orcein geben. 

2. Nach Czapek, Über Orseillegärung (in Centn 
f Bakter. 1898) geschieht dies nur unter Einwirkung 
eines Mikroben (eines Bacillus, ähnlich dem B. 
subtilis), der von ihm auch rein gezüchtet wurde. 
Derselbe entstammt dem zur Bereitung verwen- 
deten faulen Urin.') 

3. Ronceray (1. c. 1904) betont, daß Czapek 
dabei das in den Flechten enthaltene freie Orcin 
nicht berücksichtigt habe und daß Cz. selbst an- 
gibt, daß mit Chlorofoi mzusatz dennoch eine 
Violettfärbung (wenn auch verlangsamt) eintritt. 
Ronceray weist nach, daß bei der Orseille- 
bildung eine Mikrobe nicht unbedingt mittätig 
sein müsse, daß aber dieselbe auch sicher nicht 
ein rein chemischer Prozeß sei, sondern auf der 
Wirkung einer in der Flechte enthaltenen Diastase 
beruhe. Solches wurde schon früher von Du- 
claux vermutet (Traite de microbiologie 1901). 

Handelssorten. 

Orseille nennt man nicht nur den F'arbstoff, 
sondern im Handel wird auch das Rohprodukt, 
die Farbstoff liefernden Flechten selbst, mit diesem 
Namen bezeichnet. 

Seit langer Zeit unterscheidet man im Handel 
zwei Hauptsorten von Flechtenwaare : Die eine ist 
die Orseille de terra (oder Or. de monta- 
gne), durchwegs dorsiventral gebaute Flechten, 
zumeist Krustenfiechten. 

Pertiisaria dcalbata Nyl. var. variolaria liefert 
die ,,Ors. der Pyrenaeen, Alpen und Sevennen" '-) 
(vgl. Fig 24). 

Lccauora (Ochrolechia) tartarea Ach. (Fig. 17, 18) 
wird in Schweden (und Kanada) zu Persio ver- 
arbeitet. Sie ist die „Ors. de Suede". '') 

Umbilicaria pjistnlata DC. (Fig. 25) bildet den 
Hauptbestandteil der ,,Ors. de Norwege". 

In Schweden sollen auch Eveniia, Parmelia, 
Gyropliora vellea u. a. zum Färben verwendet 
werden. 

Die Orseille de terre war einst von 
großer Wichtigkeit; gegenwärtig spielt sie keine 
nennenswerte Rolle. Von wirklicher Bedeutung 
in der Farbenindustrie ist nur noch die zweite 
Hauptsorte: Orseille de mer oder Ors. de 
herbe (auch ,,Orchal" genannt). 

Sie besteht fast ausschließlich aus Roccella- 
Arten, ansehnlichen Strauchflechten, zumeist Felsen 
der wärmeren Meeresstrände bewohnend. Im 
Laufe der Zeit kamen über ein Dutzend Sorten 
von Orseille de mer in den Handel, die nach dem 

') Czapek faßt die Orseillegärung als einen Entgiftungs- 
Ijrozeß auf. Der Bacillus spaltet aus den Flechtensäuren das 
für ihn giftige Orcin ab, das Orcein ist für ihn unschädlich. 

-') Nach F. Henneguy, Les Lichens utiles, (Paris 1883) 
soll aber Ptrtusaiia dealbata an und für sich wertlos sein, 
ebenso wie andere Flechtenarten, die als Gemisch in dieser 
Orseille vorkommen. Sie verdanke ihre Anwendung als Farb- 
stoff geringen Mengen von beigemischter Lecanoia. 

^) In Schweden wird daraus auch eine braune Farbe 
hergestellt, die dort „Boeltelet" heißt. 



N. F. VIII. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



71 



Ursprungslande oder Stapelplatze benannt waren, 
wie z. B. „Orseilie des Canaries", ,,Ors. de Moga- 
dor", „Ors. de Valparaiso", „Ors. de Manille" usw. 

Diese Sorten enthielten nur selten eine einzige 
Spezies, meistens Gemische von mehreren, was 
ja auch natürlich ist, da oft mehrere von den 
habituell nur schwer unterscheidbaren Arten ge- 
meinsam wachsen. Systematisch wurden die 
Arten von Roccella erst gründlich festgelegt in 
Darbishires, Monographia Roccellarum (in 
Bibl. botan. 1898), weswegen ältere Angaben über 
die Zusammensetzung der Sorten der Orseilie de 
mar ganz unsicher sind. 

Von den 17 Spezies der genannten Mono- 
graphie wurden, soweit dies aus der Literatur 
hervorgeht, folgende als Orseilie verwendet: 

1. Roccella fiiciformis (L.) DC. — Küsten des 
Mittelmeers, des atlant. Ozeans von England bis 
Senegal und Kongo, auch auf den atlantischen 
Inseln. — Steinbewohnend (Fig. 22). 

2. R. tinctoria DC. — Wie vorige, aber bis 
zum Kap und auf Socotra und Neuseeland. — 
Steinbewohnend. 

3. A'. phycopsis Ach. — Verbreitet wie die 
vorigen, aber weniger weit südlich an der atlant. 
Küste; ist aber auch aus Madagaskar, Australien 
und Neu-Kaledonien bekannt. — Steinbewohnend. 

(Fig. 14, 15)- 

4. R- hypoiHccha Ach. — Cap der Guten Hoff- 
nung, Kanaren (Fig. 21). 

5. R. portentosa Mont. — Chile und Peru. — 
Steinbewohnend. 

6. R.perucnsis Kremplh. — Kalifornien bis Chile 
und auf St. Domingo. — Holzbewohnend. 

7. R. difficilis Darbish. — Vielleicht nur stein- 
bewohnende Form der vorigen; auch in Brasilien. 

8. R. canaricnsis Darbish. — Kanarische Inseln. 
Steinbewohnend. 

9. A'. Montagnei Bei. — Trop. Afrika, Ost- 
Indien, Ceylon, Ind. Archipel, China, Philippinen. 
— Kommt auch im Binnenlande vor. — Holz- 
bewohnend (Fig. 16). 

10. DendrcgrapJia Icucopliaea Darbish. — 
Habituell der Roccella fucifonnis ganz ähnlich 
und früher mit ihr verwechselt. Wächst an 
Steinen und Bäumen (Fig. 23). 

Nach der Angabe von R o n ceray (1904), die 
sich auf Mitteilungen eines Großhändlers in 
Orseilie stützt, kommen gegenwärtig im Handel 
nur noch folgende 4 Handelssorten in Betracht : 

1. „Orseilie de Mozambique". 

2. ,,Ors. de Madagascar" beide bestehend aus 
Rocc. Montagnei. 

3. „Ors. du Cap. Vert", angeblich aus A'. 
tinctoria (wohl aber auch aus R. fiiciformis, R. 
canariensis .- und R phycopsis .-). 

4. „Ors. de Californie", bestehend aus Dendro- 
grapha leucopliaea. 

In letzter Zeit soll noch eine Sorte als 
„Orseilie des colonies" in den Handel kommen, 
die aus einem Gemisch von Usnea Arten besteht. 
(Eine Probe enthielt U. plicata F>. und U. angu- 



lata Ach.) — Erstere ist nahezu kosmopolitisch, 
letztere in Nord- und Südamerika, Madagaskar, 
Tasmanien, Neu -Seeland. 

Ich will mit zwei statistischen Daten schließen, 
welche ein beredtes Zeugnis abgeben von der 
Wichtigkeit der Farbflechten und ihrer Produkte 
im Welthandel. 1881 wurden in Frankreich im- 
portiert an F^arbflechten 1486677 kg im Werte 
von 2004793 F"r., im selben Jahre wurden ex- 
portiert aus Frankreich an Flechtenfarbstoffen 
I 018931 kg. 

Anhang, betreffend die Literatur über den Nutzen 

der Flechten. 
Es liegt mir ferne, an dieser Stelle alle die Werke und 
Abhandlungen aufzuzählen, welche sich mit unserem Gegen- 
stande befaßt haben. l-ür den Zeitraum von den ältesten 
Zeiten bis zum Jahre 1870 exi-tieit übrigens bereits eine 
solche (nahezu vollständige) Zusamnien-tellung, auf die ich 
hier verweisen kann, da sich das betreffende wertvolle Werk 
in jeder grödren Bibliothek findet; es ist: A. v. Krerapel- 
huber, Geschichte und Literatur der Lichen<ilogie., I. Bd. 
liSby, II. Bd. 1869, III. Bd. 1872. Man findet daselbst im 
I. Bd., p. 57q — 589, 59;— 601 und im III. Bd., p. gq — loo, 
lOI 103 die Titel von 217 Schriften angegeben, welche sich 
mit der Nutzbarmachung der Flechten befassen. Ich will nur 
zur Ergänzung einige der wichtigeren Schriften über diesen 
Gegenstand anführen, welche in den Verzeichnissen von 
Krempelhuber nicht enthalten sind; 
Ascherson, Eine im Februar 1880 auf dem Droguenbazar 

in Cairo angekaufte Probe von Strauchflechten, (Sitzb. d. 

Ges. nalurf Freunde zu Berlin 1S81}. 
Berg, B., These de Dorpat, 1S72. 
Bougon, La manne des Hebreux dans le desert, Le Natura- 

liste, 1S98, p. 41 — 42. 
Bryant, Verzeichnis der zur Nahrung dienenden Pflanzen, 

Leipzig 1786. 
Buchner, Über die Bestandteile des isländischen Mooses, 

Cetraria islandica, Berlin 1 S89. 20 p. 8°. 
Calkins, An edible Liehen not herctofore noted as such, 

Kot. Gaz., 1892, p. 418. 
Clerc, Des Lichens et leurs produits, These de pharmacie 

de Paris, 1869. 
Czapek, Über Orseillegärung, Centr. f. Bakteriol. VI, 1898, 

p. 49. 
Darbishire, Monographia Roccellarum, Bibl. botan. Nr. 45, 

1898. 
Dragendorf, Die Heilpflanzen der verschiedenen Völker 

und Zeiten, ihre Anwendung, wesentlichen Bestandteile 

und Geschichte, Stuttgart, F. Enke, 1898. 
Efibare Hechten, Zeitschr f. Naturw., Bd. 67, 1894, p. 277 — 280. 
Etoc, La Lecanora esculenta et la Manne des Hebreux, Bull. 

acad. Internat, de Geogr. bot. 1899, p. 49-53- 
Fink, B., Lichens: their economic Hole, The Plant World 

IX, 1906, p. 258 — 265. 
Flückiger et Hanbury, Histoirc des drogues d'origine 

vegetale II, 1878. 
Girardin, Legons de chimie elementaire appliquee aux arts 

industriels VI, 1870. 
Goris et Ronceray, Sur les Lichens ä orseilie. Bull. Soc. 

pharmac. XllI, 1906, p. 463. 
Haidinger, Ein Mannaregen bei Karput in Klein-.Asien im 

März 1864, Sitzb. d. Ak. d. Wiss., Wien L, II. Abt. 1865, 

p. 170- 177. 
Hansteen, Nordische Flechten als Nahrungsmittel, Retcrat 

in Chemikerzeitung 1906, Nr. 51. 
Harlay, Plantes de differenles faniilles fournissant l'orseille 

et ie tournesol, Manuscrit pour le prix Menier 189b in 

Biblioih. de l'ecole de l'harmacie de Paris. 
Heldreich, Die Lackmu-flechte des grierhischen Archi- 

pelagus, Sitzb. d. Ges. naturforsch. Freunde zu Berlin 1881. 
Henneguy, Les Licliens utiles, Paris, O. Doin, 1883. 
Hennings, Orseillcflechten im Kongogebiet, Gartenfl. 1888, 

p. 147 — 148. 



72 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 5 



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Bd. 57, 1898, p. 232—318. 

Hilger und Buchner, Zur chemischen Charakteristik der 
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Chem. Ges. 1S90, p. 461 — 464. 

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Kobert, Lehrb. der Inioxicationen (enthält Notiz über die 
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Nachweis, daß F'lechten bei der Herstellung alter indischer 

Papiere verwendet wurden. 
Zopf, Über den Nutzen der Flechten, Die Natur 1S96, 

p. 185 — 187. 



Sammelreferate und Übersichten 

über die Fortschritte in den einzelnen Disziplinen. 



Neues aus der Astronomie. Eine neue 
Auffassung der Sonnen Corona glaubt R. 
W. Wood auf Grund der von ihm experimentell 
festgestellten Emission polarisierten [Jchts seitens 
fluoreszierender Gase verfechten zu können. Das 
Licht der Corona ist bis auf etwa 1 1 "/,, in radialer 
Richtung polarisiert, zeigt dabei ein kontinuier- 
liches Spektrum mit einigen hellen Linien, vor 
allem der grünen Coroniumiinie (^=5303), und 
gibt am Bolometer keine auf Wärmestrahlung 
deutende Ausschläge. Gerade dieses Felilen der 
Wärmestrahlung ist nicht gut mit der meist ge- 
machten Annahme vereinbar, daß das kontinuier- 
liche Spektrum von weißglühenden, festen Teil- 
chen herrühre. Dagegen bietet sich nach Wood's 
Experimenten der Auffassung keine Schwierigkeit, 
daß die Corona aus gemischten Metalldämpfen 
bestehe, die unter dem Einfluß der Sonnenstrahlung 
fluoreszieren. Die hellen Coronalinien könnten 
einfacli Fluoreszenzlinien bekannter Elemente sein, 
denn beim Natrium besteht, wie Wood gleichfalls 
nachgewiesen, keinerlei Beziehung zwischen den 
Fluoreszenzlinien und den auf andere Weise er- 
regten, bisher bekannten Linien. (Phys. Zeitschr. 
vom 15. September 1908.) 

Die Aufnahme von Wass erst o f f wol k e n 
(sog. Flocculi) in der Soniienatmosphäre 



erfolgte bisher zumeist im Lichte der Linie Hj- 
Neuerdings konnten solche Gebilde jedoch unter 
Anwendung farbenempfindlicher Platten durch 
Haie auf Mt. Wilson auch mit Hilfe der roten 
H„ - Linie photographiert werden, wobei sich be- 
merkenswerte Unterschiede gegen Bilder, die im 
H,i - Licht aufgenommen waren, ergaben. Vor 
allem zeigen sich am Sonnenrande die Protube- 
ranzen im H„-Licht weit ausgedehnter, ja selbst 
auf die Scheibe projizierte Protuberanzen wurden 
in diesem Lichte abgebildet. Die Aufnahmen 
machen den Eindruck ausgedehnter Wirbel, wie 
sie von der Fleckentheorie Faye's bereits seit 
langer Zeit angenommen wurden. Da die H„- 
Wolken auch ein anderes Rotationsgesetz befolgen, 
wie die vermutlich tiefer liegenden H<) -Flocculi, 
so wären solche Wirbel auch nach der Helmholtz- 
schen Luftwogentheorie an der Grenze ungleich 
bewegter Schichten der Sonnenatmosphäre leicht 
erklärbar. Gerade die Entstehung von Wirbeln 
aus Luftwogen ist von Emden kürzlich näher 
untersucht worden. Es scheint, daß diese theo- 
retischen Entwicklungen durch die Fortschritte 
in der Photographie der Flocculi eine treffliche 
Bestätigung finden. - Besonders die im September- 
heft (1908) des Astrophysical Journal reprodu- 
zierten Aufnahmen zeigen die Wasserstoffwirbel 



N. F. Vm. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



73 



sehr deutlich. Durch Aufnahmen, die in kurzen Gestalt von Protuberanzen wieder zu erscheinen. 
Intervallen aufeinander folgten, konnte direkt ver- Die Geschwindigkeit dieser ,, Stürme" in der 
folgt werden, wie die Wasserstoffmassen der Sonnenatmosphäre erreichte Werte von mehr als 







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Der Komet Morchouse (1908 c) am 30. September 1908, um 14'' 22™ Cal. Z. Expositionsdauer i''50ii 

1 cm = 0,24°. 









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Der Komet Morehouse (1908c) am 1. Olttober igoS um I,V'43"i Cal. Z Expositionsdauer 2'' 

I cm ^= 0,24". 



Sonnenatmosphäre von den hlecken angezogen 
und sozusagen verschlungen werden, um gelegent- 
lich später in der Umgebung der Flecken in 



100 km in der Sekunde. IVIerkwürdig ist dabei, 
daß nur größere Wolken nach den Flecken hin 
strömen, während die kleineren, vermutlich weil 



74 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII Nr. 5 



sie in einem anderen Niveau schweben, wohl auch 
durch ihr Aussehen Strömungen andeuten, aber 
keine so schnell erkennbaren Positionsänderungen 
zeigten. Ihre Bewegung muß also eine wesent- 
lich langsamere sein. 

Aus Spektralaufnahmen von Sonnenflecken, 
welche Haie unter Vorschaltung eines Fresnel- 
schen Rhombus und eines Nicol'schen Prismas in 
verschiedenen Stellungen des letzteren aufgenom- 
men, zeigten sich in den verbreiterten und ver- 
doppelten Linien gewisse Intensitätsunterschiede, 
die nach Zeemann fast mit Sicherheit anzeigen, 
daß es sich hier um die ersten kosmischen Fest- 
stellungen des Zeeman n - Effekt s, d. h. des 
Einflusses starker magnetischer Kraft auf die Licht- 
schwingungen handelt. Die Sonnenflecken sind 
danach, wie ja auch ihr Einfluß auf den Erdmag- 
netismus erwarten ließ, starke magnetische Kraft- 
felder, deren Kraftlinien auf der Sonnenoberfläche 
nahezu senkrecht stehen. (Nature vom 20. August 
1908.) Näheres hierüber teilte Zeemann auf der 
Kölner Naturforscherversammlung mit. Während 
man früher die verdoppelten Linien im Sonnen- 
fleckenspektrum für durch Druck verbreiterte 
dunkle Linien hielt, die von einer feinen, hellen 
Emissionslinie überlagert und so nur scheinbar in 
zwei Teile geteilt werden, ist durch Hale's neueste 
Feststellungen erwiesen worden, daß es sich hier 
in der Tat um einen von der Natur im größten 
Maßstabe hervorgerufenen Zeemann-Effekt handelt. 
Der Longitudinal-Zeemann-Effekt, d. h. die Beein- 
flussung der Lichtschwingungen bei Betrachtung 
in der Richtung der Kraftlinien, besteht in der 
Zerteilung einer Linie in zwei entgegengesetzt 
zirkulär polarisierte Komponenten. Ist aber das 
magnetische Feld nicht gleichförmig oder die 
Lichtquelle nicht homogen, so zeigen nur die 
Ränder der verbreiterten Linie die Zirkularpolari- 
sation. Haie konnte nun die Zirkularpolarisation 
an den Linien 6302,7 und 6363,1 im Flecken- 
spektrum vortrefflich nachweisen. Die Linien 
zeigen sich je nach der Stellung des vorgeschal- 
teten Nicol bald nach rechts, bald nach links ver- 
breitert, während dicht dabei liegende atmosphä- 
rische Linien keinerlei derartige Deformation auf- 
weisen. Zeemann hat die betreffenden Aufnahmen 
in Köln vorgezeigt und in der physikalischen 
Zeitschrift vom 15. November 1908 veröft'entlicht. 
Nach der neuesten Veröft'entlichung (Astrophys. 
Journal, November 1908) hat Haie die Sicherheit 
der hier wiedergegebenen Auffassung noch da- 
durch wesentlich erhöhen können, daß er bei 
entgegengesetzten Rotationsrichtungen der Sonnen- 
wirbel auch umgekehrt gerichtete magnetische 
Felder nachweisen konnte, wie man nach den 
Beobachtungen an Solenoiden erwarten mußte. 
Auch gelang es bereits, nahe dem Sonneiirande 
lineare Polarisation in den Sonnenflecken nachzu- 
weisen, also auch den TransversalZeemann-Effekt 
(quer zu den Kraftlinien) zu beobachten. Die 
Stärke des magnetischen Feldes, auf das diese P"or- 
schungen schließen lassen, beträgt etwa 3000 Gauß. 



Eine erhebliche Förderung haben Hale's Sonnen- 
forschungen durch ein neues, auf Mount Wilson 
aufgestelltes Instrument, das Turm-Teleskop, 
erfahren, das nunmehr neben dem Snow-Teleskop 
den spektrographischen Forschungen dient. Auf 
einem 65 P'uß hohen Stahlgerüstturm ist ein mit 
zwei sehr dicken (30 cm) Spiegeln versehener 
Coelostat montiert, der die Sonnenstrahlen im 
Innern des Turmes durch ein Objektivglas von 
30 cm Öffnung und 18 m Brennweite vertikal 
nach unten sendet. Am Grunde des Turmes be- 
findet sich der Spalt eines Spektrographen Littrow- 
scher Konstruktion und durch diesen fällt das 
Licht in eine 9 m tiefe Untergrundkammer ein, 
in deren Grunde das Kollimationsobjektiv und 
darunter ein Rowland'sches Gitter angeordnet sind, 
von dem das in ein Spektrum aufgelöste Licht 
wieder heraufreflektiert wird, um hier die photo- 
graphische Platte zu erreichen. Diese neue, durch 
Beihilfen Carnegies ermöglichte Konstruktion hat 
den Zweck, Störungen in der Bildschärfe zu ver- 
meiden, die bei dünneren Spiegeln durch Gestalt- 
änderungen infolge der Erwärmung auftreten, und 
die andererseits bei horizontalem Strahlengang 
durch vertikale Luftströmungen entstehen. In der 
Tat sind mit dem Turm-Teleskop bereits ausge- 
zeiclnnete Erfolge erzielt worden sowohl hinsicht- 
lich der Fleckenspektra, als auch in bezug auf die 
Rotationsbestimmungen aus der Ver-chiebung der 
Wasserstofflinien. Während das Snow-Teleskop 
nur etwa eine Stunde lang bei niedrigem Sonnen- 
stande benutzbar ist, kann das Turm -Teleskop 
fast den ganzen Tag über mit gutem Erfolge ge- 
braucht werden. 

Prof. M a r t u s hat seine Studien über die 
Mondkrater, über die wir Seite 294 des vorigen 
Jahrgangs berichteten, unter Benutzung der Pariser 
photographischen Mondaufnahmen fortgesetzt 
(Weltall, 8. Jahrg., Heft 21—24, 9. Jahrg., Heft i u. f.). 
Die Grundrisse einiger Ringgebirge wurden nach 
einem einfachen Verfahren ermittelt, wobei sich 
wiederum, besonders bei größeren Kraterlöchern 
in der Umgebung von Ringgebirgen, die nach 
dem Mondrande zu langgestreckte Form einzelner 
dieser Krater herausstellte, namentlich in hohen 
nördlichen und südlichen Breiten. Das früher aus 
Neison's Mondkarten abgeleite Ergebnis wurde also 
durch die Ausmessung der Photographien im 
ganzen bestätigt, wenn auch, wie zu erwarten war, 
erhebliche Ungenauigkeiten der Zeichnungen zu- 
tage traten. Der Betrag der Abweichung der 
Mondkrater von der Kreisform ist in Wahrheit 
erheblich geringer , als nach den Neison'schen 
Zeichnungen gefunden war. Demnach hält M. an 
der Aufsturztheorie fest. Aus den Mondphoto- 
graphien konnte auch die Ortsveränderung der 
Erde am Himmel des Mondes ermittelt werden. 
Für einen Beobachter auf dem Monde würde die 
Erde während jedes Monats eine länglich runde, 
breit liegende Bahn von 13 — 15 Grad Durchmesser 
im Sinne der Uhrzeigerbewegung beschreiben. 

Die mögliche Breite des Nebelringes, aus dem 



N. F. VIII. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



75 



unser Mond hervorging, dürfte nach den Rech- 
nungen von Martus weniger als 12 Erdhalbmcsser 
betragen haben. Im Anscliluß an diese Betrach- 
tungen wurden auch die Salurnringe , sowie die 
Monde Saturns und Jupiters rechnerisch unter- 
sucht. Martus kommt dabei zu dem Ergebnis, 
daß die große Anziehungskraft des Saturn das 
Aufrollen seiner Ringe zu Trabanten verhindert, 
da die einzelnen Ringteilchen infolge der großen 
Saturnnähe sehr erhebliche Geschwindigkeitsunter- 
schiede aufweisen müssen und daher einander 
nicht lange genug nahe bleiben, um sich vereinigen 
zu können. Vm den Marsmond Phobos und die 
vier seit 1892 entdeckten Jupitermonde hält Martus 
die Entstehung aus Dunstringen für unmöglich, 
da hier die Geschwindigkeitsunterschiede noch 
größer als in den Saturnringen sein müssen. Diese 
Trabanten müssen demnach als eingefangene 
Planetoiden angesehen werden, während der Mars- 
mond Deinios noch aus einem Ringe hervorge- 
gangen sein kann. 

Der Komet Morehouse (1908c) war eine 
der hellsten Erscheinungen der letzten Jahre und 
konnte bei der hohen, nördlichen Deklination im 
Oktober und November in unseren Gegenden 
zeitweilig mit bloßem .Auge wahrgenommen wer- 
den. Besonders intensiv war die Wirkung des 
Kometenlichtes auf die photographische Platte, 
so daß eine große Reihe schöner Photographien 
gewonnen werden konnten. Barnard hatte bis 
zum 26. Oktober bereits 190 Aufnahmen gemacht, 
über die er im Novemberheft des Astrophysical 
Journal berichtete. Durch diese Aufnahmen sind 
sehr schnell sich vollziehende, wesentliche Ver- 
änderungen im Aussehen des Kometen festgehalten 
worden. Die stärkste Änderung ereignete sich 
zwischen dem 30. September und i. Oktober und 
wird durch die hier wiedergegebenen Bilder ver- 
anschaulicht. .Am 30. September wurde eine un- 
gewöhnlich hell leuchtende Materie vom Kopf 
ausgeschleudert, die am darauffolgenden 1 age nur 
noch in sehr aufgelöstem Zustande weitab vom 
Kopfe im Schweif zu erkennen ist. Dicht am 
Kopf zeigt der Schweif am i. Oktober deutlich 
eine Zerspaltung in mehrere, unter verschiedenen 
Winkeln ausströmende Strahlen. Barnard hat in 
beiden Nächten mehrere .Aufnahmen gemacht, und 
wenn diese noch durch europäische, in die 
Zwischenzeit fallende Aufnahmen ergänzt werden 
könnten, würde man alle Stadien der großen Ver- 
änderung scharf verfolgen können. Spätere Auf- 
nahmen desselben Kometen, über die Barnard im 
Dezemberheft des Astrophys. Journal berichtet, 
zeigten nochmals am 15. Oktober ein explosions- 
artiges Anschleudern von .Schweifmaterie, die sich 
bis zum 16. mit der gleichbleibenden Geschwin- 
digkeit von 3,3' pro Stunde vom Kopf entfernte. 
Im ganzen hatten bei diesem Kometen die Kräfte, 
welche die Bewegung der Schweifteilchen be- 
stimmten, ihren Sitz mehr im Kometen selbst und 
nicht, wie es die verschiedenen Theorien annehmen, 
in der Sonne. Eine in kurzen Zeitintervallen sich 



wiederholende Pulsation der Helligkeit des Kopfes 
glaubt Barnard mit dem A\ige übrigens sowohl 
bei diesem wie bei dem Daniel'schen Kometen 
mit Sicherheit beobachtet zu haben. — Die photo- 
graphisch besonders hohe Wirksamkeit des Lichtes 
von Komet Morehouse spricht sich auch darin 
aus, daß am 5. November der dem Auge infolge 
des Mondlichts völlig unsichtbare Schweif gleich- 
wohl in einer Ausdehnung von 8 — 9 Grad photo- 
graphiert werden konnte. 

Eine umfassende spektrographische Durch- 
musterung des Himmels in bezug auf 
radiale Geschwindigkeiten ist in den 
Jahren 1903 bis 1907 in Bonn durch F. Küstner 
und Zur hellen für die Sterne des zweiten und 
dritten Spektraltypus bis herab zur vierten Größen- 
klasse ausgeführt worden. Die Geschwindigkeits- 
werte, die aus der Verschiebung der Spektrallinien 
im Vergleich mit einem mitphotographierten 
Eisenspektrum sich ergaben, finden sich im Juni- 
heft des Astrophysical Journal veröffentlicht. Unter 
den 99 Sternen, die in Bonn beobachtet wurden, 
befinden sich 15, von denen bereits die Veränder- 
lichkeit der Geschwindigkeit bekannt war und 
drei weitere (d Tauri, i Bootis und ,» Pegasi), bei 
denen eine solche Veränderlichkeit auf Grund der 
Bonner Bestimmungen vermutet werden muß. 
Der wahrscheinliche Fehler des aus einer Platte 
sich ergebenden Geschwindigkeitswertes beträgt 
+ 0,64 km , die Messungen zeichnen sich also 
durch eine hohe Genauigkeit aus. 

Die Bahnelemente des Algol haben 
durch Curtiss auf Grund der bis jetzt vorliegen- 
den Messungen der radialen Geschwindigkeit die- 
ses Sterns eine erneute Behandlung erfahren, durch 
welche festgestellt wurde, daß Algol samt 
seinem dunklen Begleiter sich auf einer Bahn von 
nicht weniger als 89 Millionen Kilometer Radius 
in 1,9 Jahren um einen dritten, ebenfalls nicht 
sichtbaren Stern bewegt. Die radialen Geschwin- 
digkeiten zeigen nämlich eine entsprechende 
periodische Schwankung (Amplitude 9,4 km). Es 
ist zu vermuten, daß die gegenseitigen Anziehungen 
zwischen den drei das Algol-System zusammen- 
setzenden Himmelskörpern alle Abweichungen 
erklären , welche die Beobachtungen der Minima 
gegen die Vorausberechnung zeigen, der die An- 
nahme einer einfachen Doppelsternbahn zugrunde 
liegt. (Astrophys. Journal, September 1908.) 

Auf dem Gebiete der Himmelsphotogra- 
phie wird besonders eifrig am Harvard-Obser- 
vatorium unter Pickering's Leitung gearbeitet. 
Man hat hier in Verbindung mit der peruanischen 
Filiale zu Arequipa kürzlich eine Aufnahme des 
gesamten Himmels auf nur 55 Platten vollendet, 
die sich durch einen außerordentlichen Reichtum 
an Sternen (vielfach bis herab zur 12. Größe) aus- 
zeichnet und sich namentlich für das Studium der 
veränderlichen und neuen Sterne sehr nutzbringend 
erweisen wird , zumal Glasnegativkopien käuflich 
abgegeben werden. Exakte Positionsbestimmungen 
lassen dagegen diese Platten bei der Ausdehnung 



1^ 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 5 



des auf einer jeden abgebildeten Himmelsgebietes graphischen Himmelskarte (vgl. Naturw. Wochen- 
naturgemäß nicht zu, wie ja auch gar nicht be- Schrift Bd. 5, S. 753 f-) irgendwie Konkurrenz zu 
absichtigt war, der großen, internationalen photo- machen. 



Kleinere Mitteilungen. 

Die Sinnesempfindungen des Amphioxus 

untersucht G. H. Parker in einer ausführlichen 
Arbeit (Proceedings of the .American Academy of 
Arts and Sciences, Vol. XLIII, 1908). Das Material 
bestand aus Branchiostoma caribaeum Sunde- 
vall, einer westindischen Art, die unserem B. 
lanceolatum nahe verwandt ist. Die erwähnte 
Art kam in der Nähe der Bermuda Biological 
Station sehr häufig vor. Es konnten daher täg- 
lich frische Exemplare beschafft werden, die sich 
mehrere Tage im Aquarium hielten. Parker 
untersuchte die Wirkungen von Licht, Hitze, me- 
chanischen und chemischen Reizen auf die Tiere. 

Durch verschiedene Beobachter (wie Willey, 
Nagel und Hesse), war angegeben worden, daß 
Amphioxus sehr empfindlich gegen Licht sei. 
Wenn nämlich Licht plötzlich in das Aquarium 
fällt, so schwimmen alle Exemplare wild durch- 
einander. Parker konnte durch sorgfältiges Ex- 
perimentieren feststellen, daß diese Erscheinung 
nicht auf das Licht direkt zurückzuführen ist. 
Durch das Licht veranlaßt, schwammen nur einige 
Tiere umher; durch Berührung reizten sie ihre 
Nachbarn, so daß auch diese unruhig umher- 
schwammen. Das erregte Schwimmen ist also 
mehr durch den Reiz der Berührung, als durch 
den Einfluß des Lichtes veranlaßt. Amphioxus 
ist also nach Parker nur wenig gegen Licht 
empfindlich. Eine Veränderung des Verhaltens 
der Tiere konnte nie bei einer plötzlichen Ab- 
nahme des Lichts beobachtet werden, aber immer 
bei einer schnellen Steigerung. 

Man hat sich seit langem über die Organe 
der Lichtempfindung bei Amphioxus gestritten. 
So wurde der ansehnhche Pigmentfleck am Vorder- 
ende des Nervenrohrs von joh. Müller, Retzius 
u. a. für ein primitives Auge gehalten. Hesse 
glaubte, daß das Licht durch zwei seillich liegende 
Gruppen von Integumentzellen am Vorderende 
des Tieres aufgenommen würde. Nüßlin war 
der Meinung, daß das Vorderende der Rücken- 
flosse lichtempfindlich wäre, während Nagel diese 
Eigenschaft der gesamten Haut zuschrieb. Hesse 
vertrat dagegen die Ansicht, daß die zahlreichen 
kleinen Pigmentflecken des Rückenmarks einfache 
Augen wären, die man mit denen der Planarien 
vergleichen könne. Durch verschiedene Experi- 
mente, besonders durch Exstirpation des einen 
oder anderen Organs wurde Parker zur Bestäti- 
gung der Hesse 'sehen Theorie geführt. Es 
dürften demnach wohl die „Rückenmarksaugen" 
die wirklichen Aufnahmeorgane des Lichtes dar- 
stellen. Der Teil des Körpers von Amphioxus, 
der durch Licht gereizt werden kann, breitet sich 



von einem Punkte etwas hinter dem Vorderende 
bis zur Schwanzspitze aus. 

Wie W. Müller schon 1874 gezeigt hat, ist 
Branchiostoma lanceolatum negativ phototropisch; 
die gleiche Eigenschaft zeigt auch B. caribaeum. 
Amphio-xus schwimmt also von einer Lichtquelle 
weg. Da er sich bei Belichtung bewegt und erst 
in dunklen Gebieten ruht, bezeichnet man ihn als 
photokinetisch (photodynamisch). 

Einige Beobachter haben gemeint, der Amphi- 
oxus grabe sich so in den Sand ein , daß das 
Hinterende hervorrage. Man hat aber gefunden, 
daß dies nicht der Fall ist, sondern daß das Vorder- 
ende frei hervorsteht. Auch dieses wird bei Be- 
lichtung noch eingezogen, eine Wirkung, die wahr- 
scheinlich auf die vordersten Rückenmarksaugen 
zurückzuführen ist. Es ist aber eine irrtümliche 
Meinung, daß der Amphioxus nur am Tage in 
den Sand eingegraben sei und eine näclnliche 
Lebensweise führe. Parker konnte beobachten, 
daß die Tiere auch während der Dunkelheit in 
ihrer Lage im Sande verharren. Wahrscheinlich 
verändert Branchiostoma caribaeum seinen Wohn- 
platz nur, wenn es dazu gezwungen wird. 

Parker untersuchte ferner den Einfluß der 
Hitze auf Amphioxus. Das Seewasser, in wel- 
chem die Tiere lebten, hatte eine Temperatur 
von 31" C. Dieser Wärmegrad wurde als der 
normale angenommen. Schon bei 40" C starben 
die Tiere. Durch längeren Aufenthalt in Wasser 
von 4" C werden die Tiere ebenfalls getötet. Von 
Gebieten warmen Wassers schwimmt Amphioxus 
hinweg; er gehört also zu den negativ thermo- 
tropischen Tieren. 

Wie schon oben dargelegt ist , beruht die 
augenblickliche große Empfindlichkeit des Amphi- 
oxus gegen Licht hauptsächlich auf der leichten 
Reaktion mechanischen Reizen gegen- 
über. Die empfindlichsten Teile sind die Mund- 
kapsel und die Mundeirren. Auf eine Berührung 
derselben reagiert das Tier stets durch eine Rück- 
wärtsbewegung. 

Der „c he m ische Sin n" des Amphioxus hat 
seinen Sitz in der ganzen Körperoberfläche und 
besonders in der Mundregion. Jedenfalls dient 
dieser Sinn dazu, den Amphioxus vor ungünstigen 
chemischen Umgebungen zu schützen. Nagel 
hat bereits gezeigt, daß die Tiere gegen Chloro- 
form usw. empfindlich sind; er sagt, daß jeder 
Teil des Körpers ungefähr gleich empfindlich gegen 
chemische Reize ist, ja, daß das Hinterende emp- 
findlicher als irgendein anderer Körperteil sei. 
Parker verwandte zu seinen Experimenten Säuren, 
süße, bittere und alkalische Substanzen, sowie 
Mischungen von Öl und anderen Stoßen. Er 
konnte feststellen, daß die Körperoberfläche des 



N. F. Vm Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



n 



Amphioxus empfindlich ist gegen Lösungen von 
Salpetersäure, Pottasche, Pikrinsäure, Alkohol, 
gegen starken Äther, Chloroform, Terpentin, Ber- 
gamotöl, Rosmarinöl, aber nicht gegen Zucker- 
lösungen. Ebenfalls reagiert er auf verdünntes 
Seevvasser und auf Süßwasser. Da Amphiojtus 
die oben genannten chemischen Substanzen flieht, 
kann man ihn als negetativ chemotropisch be- 
zeichnen. 

Den Experimenten , die wohl als einwandfrei 
bezeichnet werden können, schließt der Verfasser 
noch einige Betrachtungen über das Nervensystem 
und die Sinnesorgane des Amphioxus an. Wir 
wollen auf diesen Teil der Arbeit nicht näher 
eingehen, da es noch eingehender Untersuchungen 
bedarf, ehe alle diese Probleme geklärt sind. Man 
erkennt aber aus Park er 's Beobachtungen, daß 
es von großem Wert ist, immer wieder die Le- 
bensweise auch häufig vorkommender Tiere zu 
studieren. Erst eine vergleichende Zusammen- 
stellung aller Lebenserscheinungen kann uns ein 
völliges Verständnis des Tierlebens ermöglichen. 

Dr. Brohmer, Jena. 



Ein Meteorkrater. — Immer wieder lenkt 
das Colorado Plateau im südwestlichen Anteil der 
Vereinigten Staaten von Nordamerika die Augen 
der Geologen und Geographen auf sich : die sehr 
eigenartigen Beziehungen zu den jungen tektoni- 
schen Störungen, die diesem intramontanen Ge- 
biet in weitem Bogen ausweichen, die Entwicklung 
der paläozoischen Schichten, die ungeheuer groß- 
artigen Erosionsformen der sog. Caiion's, schließ- 
lich auch die vielgerühmte Farbenpracht haben 
von jeher die .'\ufmerksamkeit des Gelehrten und 
des Reisenden gefesselt. Es kommt nunmehr 
eine neue, ganz einzigartige Erscheinung hinzu, 
über die uns eine interessante kleine Abhandlung 
von Merrill ■) belehrt. 

Etwa 2 Meilen vom Canon Diablo im Staate 
Arizona, südlich der St» Fe- Bahn befindet sich in 
das Plateau eingesenkt eine krater förmige 
Vertiefung von etwa kreisrunden Umrissen 
(Durchmesser II 70 — 1200 m). Ihr Boden liegt 
134 m unter der Hochfläche und rings um sie 
läuft ein Wall von etwa 48 m Höhe. Der Wall 
besteht aus groben Gesteinsblöcken und kleinerem 
Material bis zu ganz mürbem Gesteinsmehl und 
ist offenbar aus der Masse erbaut, die einst im 
Schichtenzusammenhang jene Vertiefung ausgefüllt 
hat, d. h. aus Sandsteinen und Kalken der zu 
oberst gelegenen karbonischen, zum geringen Teil 
auch permischen Schichten. In weitem Umkreise 
um den „Krater" aber finden sich zahlreiche 
Meteorsteine und zwar der Zusammensetzung 
nach Mesosiderite. Da diese Diamanten führen, 
wurden sie sehr schnell ausgebeutet und so konnte 
leider nicht der ganze Fund der Wissenschaft 
dienstbar gemacht werden. Immerhin ließ sich 



Smithsonian miscellaneous colleclions, Vol. 50. 



erweisen, daß es sich hier um den größten 
bisher bekannten Meteorfall handelt. Was 
nämlich die Zahl der gefundenen Einzelstücke an- 
betrifft, so kann sich nur der berühmte Steinfall 
von L'Aigle im Jahre 1S03 mit seinen 2000 — 3000 
Exemplaren dem hiesigen an die Seite stellen, 
dagegen ist das Gesamtgewicht größer als je zu- 
vor: der in Ensisheim am 7. November 1492 ge- 
fallene Stein wog 150 kg, derartige Stücke sind 
auch an unserem Krater sogar mehrfach vorhan- 
den; in Tucuman, Argentinien, fielen 17S3 über 
1500 kg, in Bemdego, Brasilien, 1784 ca. 8700. 
Hier aber wird die Gesamtschwere auf 20 tons, 
also das 2 — 3 fache, geschätzt. 

Bei so außerordentlichen Mengen wird man 
auch ungewöhnliche Wirkungen vorauszusetzen 
berechtigt sein und die Frage drängt sich unwill- 
kürlich auf, ob der Krater das Werk des 
Meteor falls sei. Vulkanische Kräfte und heiße 
Quellen sind nicht in der Nähe und nichts deutet 
auf ihre Anwesenheit an der fraglichen Stelle hin. 
Wohl sind große Mengen des lockeren Sandes 
eingeschmolzen, doch erhält man nicht den Ein- 
druck eines vulkanischen Glases oder eines zu 
Vergleichszwecken im Carnegie - Institut herge- 
stellten künstlichen Quarzflusses, vielmehr wird 
man an die Erscheinungen bei Blitzröhren erinnert. 
Auch hört diese Metamorphose der sandi- 
gen Lagen nach der Tiefe hin auf, die Ursache 
muß also von oben, d. h. von außen herange- 
treten sein. Neben hohen Hitzegraden 
müssen aber ferner gewaltige mechanische 
Kräfte wirksam gewesen sein. Nicht nur zeigen 
die Sandkörnchen unter dem Mikroskop starke 
Zertrümmerungsspuren, sondern auch große Fels- 
blöcke sind 7-2 "i'lc weit, feineres Material bis 
auf 30 km im Umkreis geschleudert worden und 
auch in senkrechter Richtung haben Verlagerungen 
um 90 m aufwärts stattgefunden. 

Andererseits fehlt es nicht an Einwendungs- 
möglichkeiten : Im Krater selbst hat man nur 3 
oder 4 Meteorsteine auflesen können, dafür zeigten 
aber die lockeren sandigen Lagen bis zu 200 m 
Tiefe chemisch nachweisbare Spuren von Eisen 
und Nickel, den Hauptbestandteilen der Meteorite. 
Nach Analogie der Wirkungen, die in dem Boden 
einschlagende Geschosse hervorbringen, sollte man 
ferner dem Durchmesser von 1200 m entsprechend 
einen Einschlagskörper von ca. 150 m Durchmesser 
vermuten,dann wäre aber eine Gesamtmasse zu erwar- 
ten, von der die gefundene kaum ein Tausendstel 
darstellt. Es könnte freilich noch in der Tiefe ver- 
borgenes Material den Nachforschungen entgangen 
sein, doch besteht gerade auch in dieser Hinsicht 
ohnehin eine beträchtliche Abweichung von allem, 
was wir bisher bei Meteorfällen zu finden gewohnt 
sind. Das tiefste Eindringen in den Erdboden 
wurde bei dem Meteor von Knyahinya in Ungarn 
durch Haidinger beobachtet und betrug nur — 
3 "3 m. Selbst der 150 kg schwere Ensisheimer 
Stein bohrte sich nur i '/.j m tief ein, die meisten 
bleiben oberflächlich liegen oder versinken nur gerade 



78 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 5 



um ihren eigenen Durchmesser in die Erde. Und 
hier besteht ein weites und durch Bohrungen als 
etwa 330 m tief ermitteltes Kraterloch! Machen 
wir uns klar, wovon das Eindringen abhängt: Es 
wird im allgemeinen angenommen, daß die Me- 
teore durch den Widerstand der Luft ihre ganze 
Eigengeschwindigkeit einbüßen und mit der Ge- 
schwindigkeit eines einfach fallenden Körpers die 
feste Erdrinde erreichen. Der Eintritt in die At- 
mosphäre erfolgt dagegen nach zahlreichen Be- 
obachtungen mit ungemein wechselnder Geschwin- 
digkeit und das ist sehr erklärlich; überholt nämlich 
ein Meteor die Erde bei ihrer Bewegung um die Sonne 
von hinten her, so ist seine scheinbare Geschwin- 
digkeit gleich der Dift'erenz, trifft er sie von vorn, 
gleich der Summe der Eigengeschwindigkeiten 
beider Himmelskörper. Trifft nun eine hohe Ge- 
schwindigkeit zusammen mit so großer Menge, 
wie sie in unserem Falle zweifellos vorliegt, so 
ist es wohl denkbar, daß die Wirkung des Auf- 
pralls ungewöhnliche Dimensionen annimmt. Man 
kann daher Merrill's Annahme zustimmen, es sei 
die Masse des Meteors sowie ein großer Teil der 
betroffenen Sandsteine und Kalke im Augenblick 
des Aufpralls durch die dabei entwickelte Hitze 
eingeschmolzen und sofort vergast worden und 
die Expansionskraft der Gase habe zu einer ge- 
waltigen Explosion geführt, bei der nun das 
ganze Material in weitem Umkreise verspratzt 
worden sei. Damit ist zugleich auch eine weitere 
auffällige Erscheinung erklärt, daß nämlich die 
Oberfläche der einzelnen Stücke nicht die üblichen 
vom Luftdruck hervorgerufenen Eindrücke auf- 
weist, es sind eben Bruchstücke. Daß der Fall 
nicht ganz jugendlichen .alters sein kann, beweisen 
die bei den Bohrungen angetroffenen, Mollusken- 
schalen und Gips enthaltenden Ablagerungen 
eines Sees, der einst den Krater erfüllt hat. 
Ihre Mächtigkeit beträgt 20 m und überlagert 
werden sie von 7 m Aufschüttungsmaterial. 

Wenn Merrill den Fallwinkel des Meteors zu 
etwa 70" aus NW angibt, so hat diese Berechnung 
keineGrundlage.fallsseine Annahme einer Explosion 
richtig ist, die einzelnen Meteorite also nicht ur- 
sprüngliche Lagerung einnehmen. Doch 
diese Frage ist für das eigentliche Problem ohne 
Bedeutung. Man wird — unbeschadet einiger noch 
offenbleibender Fragen — einstweilen daran fest- 
halten dürfen, daß ein gewaltiger Meteor- 
fall hier eine kraterähnliche Öffnung 
in ein altes Plateau der Erdoberfläche 
geschlagen hat. Damit wird die alte Frage 
wieder aufgerollt, ob viele ähnliche Erscheinungen 
der Mondoberfläche (wo die physikalischen Ver- 
hältnisse dafür etwas günstiger liegen würden) in 
gleicher Weise zu erklären sind. Gewiß werden 
auch die Anhänger der noch reichlich phantasti- 
schen „Aufsturztheorie",') nach welcher die Wclt- 
körper sich überhaupt aus kleineren aufeinander- 



stürzenden Meteormassen im Laufe langer Zeiten 
aufgebaut hätten, dieses Vorkommen als willkom- 
menen Beweis für die Richtigkeit ihrer Anschau- 
ungen ergreifen. Man kann aber ebensowohl das 
Gegenteil daraus herleiten, denn nach allem, was 
wir bisher auf der Erde kennen, handelt es 
sich hier um eine ganz einzig dastehende Aus- 
nahmeerscheinung. Dr. Edw. Hennig. 



Himmelserscheinungen im Februar 1909. 

Stellung der Planeten: Merkur und Venus sind un- 
sichtbar, Mars ist morgens in der Schlange, Saturn abends 
in den Fischen etwa I ','2 Stunden lang sichtbar. Nur Jupiter, 
der am 28. in Opposition kommt, kann die ganze Nacht hin- 
durch gesehen werden. 

Verfinsterungen der Jupitertrabanten: 
Am I. um n Uhr 55,7 Min. ab. M.E.Z. Eintr. d. 111. Trab. 
>. 6. „ II „ 53,9 „ „ „ „ „ 11. „ 

., 13- ,. 9 „ 10,7 „ „ „ „ „ I. „ 

.. 20. ,, 1 1 ,, 4,3 „ „ ,, ,, „ I. ,, 

Algol - Mininna können beobachtet werden am I ^. um 
8 Uhr 45 Min. und am iS. um 5 Uhr 34 Min. abends. 



') Es wurde darüber in Nr. 45 des V. Bandes der ,, Natur 
wissensch. Wochenschrift" (4. November 1906) berichtet. 



Bücherbesprechungen. 

K. Brunner v. Wattenwyl, k. k. Hofrat und Jos. 
Redtenbacher, Prof. am k. k. Elisabeth-Gymnasium 
in Wien, Die Insekten familie der Phas- 
miden, mit Unterstützung der hohen k. k. Aka- 
demie der Wissenschaften in Wien aus der Treitl- 
Stiftung. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelniann, 
1906 — 1908, 589 S. gr. 4" mit 27 Taf. — Preis 
65 Mk., geb. 70 Mk. 
Die Stab- und Blattheuschrecken sind, 
obgleich sie fast ausschließlich in den Tropen vor- 
kommen , jedem Lehrer , ja , man darf wohl sagen, 
jedem Gebildeten in einzelnen ihrer Vertreter bekannt. 
Wohl keine Schulsammlung ist so klein, daß sie nicht 
einzelne Stücke dieser äußerst interessanten Tiere 
enthielte. — Die Artnamen derartiger Vertreter fest- 
zustellen, war bisher keine leichte Aufgabe, und des- 
halb können wir den Verfassern des vorliegenden 
Werkes nicht dankbar genug sein , daß sie uns von 
den sämtlichen bisher bekannten (etwa 2000) Arten 
nicht nur gute Beschreibungen, sondern auch zur 
leichten Orientierung Bestimmungsschlüssel und von 
den wichtigsten Gattungsvertretern vorzügliche Ab- 
bildungen geliefert haben. Es bedarf keiner weiteren 
Worte auf die Wichtigkeit des Werkes hinzuweisen. 
Jeder, der eine Schulsammlung oder Privatsammlung 
zu verwalten hat, wird aus eigener Erfahrung wissen, 
wie notwendig ein solches Buch war. — Es sei mir 
gestattet, von den einleitenden Worten des Werkes 
einiges in gekürzter Form hier wiederzugeben und 
dann einige Ergänzungen bzw. Berichtigungen folgen 
zu lassen. — Die Familie der Phasmiden enthält 
die größten Formen unter den lebenden Insekten ; 
einige Arten erreichen im weiblichen Geschlechte die 
Länge von ' ,, — '/., m. — Die ziemlich gleichförmige 
Lebensweise der Phasmiden läßt eine gewisse Ein- 
förmigkeit im Körperbau derselben erwarten, die je- 
doch in Wirklichkeit keineswegs vorhanden ist. Zwar 



N. F. VIII. Nr. 5 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



79 



kommt allen Phasmiden die Eigentümlichkeit zu, 
verscniedene Ptlanzenteile, insbesondere Stengel und 
Blätter nachzuahmen, worauf schon die Bezeichnungen 
Stabheuschrecke, wandelnde Blätter usw. hindeuten; 
im einzelnen aber herrscht eine erstaunliche .Mannig- 
faltigkeit. Zwischen dem spindeldürren , schlanken 
Leib, durch den die -Männchen von Bacillus usw. 
an Gras- oder Binsenhalme erinnern und dem kräf- 
tigen, dicken walzenförmigen Körper von EuryciDitlia 
usw. finden sich alle möglichen Übergänge; dabei 
ist der Körper glatt oder rauh , mit Dornen und 
Stacheln bekleidet {Ohrimus etc.) oder mit flachen 
zackigen Fortsätzen , Schuppen u. dgl. besetzt , wo- 
durch derselbe an die mit Moosen und Flechten 
bewachsene Borke von Baumzweigen erinnert [Lam- 
poiiius etc.). Seltener als die Nachahmung von 
Stengeln und Zweigen ist jene von frischen oder 
abgestorbenen Bläitt-rn, wie man sie in der voll- 
kommensten F'orm bei PhylUum und Chitoniscus fin- 
det; liat ja doch diese vollendete Nachäfifung bei den 
Eingeborenen Ostindiens den Glauben hervorgerufen, 
daß diese Tiere ursprünglich Blätter waren. — Es 
ist festgestellt, daß der grüne Farbstoff von Phylliiim 
spektroskopisch große Ähnlichkeit mit Chlorophyll 
besitzt, wodurch allerdings die Identität der beiden 
Stoffe nicht erwiesen ist. Unhaltbar ist auch die 
Annahme , daß die grüne Farbe von dem Genüsse 
grüner Pflanzenteile herrühre oder daß mit dem 
Welken der Blätter die grüne Farbe durch Braun 
ersetzt würde. — Am Seitenrand des Metathorax von 
Leosthenes, JVisyrus und Prisopus treten zarte, beweg- 
liche am Rande bewimperte Blättchen auf, welche 
wegen ihrer Ähnlichkeit mit den bekannten Organen 
der Ephemeridi-nlarven für Tracheenkiemen gehalten 
wurden. Neuere Autoren bezweifeln mit Recht diese 
Deutung, da z. B. Nisyrus gar nicht im Wasser lebt. 
Die Arten der Gattung Prisopus leben freilich nach 
Murray mit dem Kopfe gegen den Strom gerichtet, 
die ausgehöhlte, am Rande bewimperte Unterseite 
des Körpers an Steinen förmlich festgeklebt , in den 
Bergwässern Brasiliens. Selbst bei diesen ist übrigens 
die Kiemennatur jener Blättchen keineswegs festge- 
stellt und die hornige Beschaffenheit derselben macht 
dies wenig wahrscheinlich. — Eine weitere Eigen- 
tümlichkeit sind die bei vielen Phasmiden vorkom- 
menden Stinkdrüsen , lange schlauchförmige Organe, 
die vor den Voiderhüften mit einer stigmenartigen 
Öffnung münden. — Wie die Imagines an Zweige 
und Blätter erinnern, so gleichen die Eier derselben 
auf das Täuschendste verschiedenen Samen , so daß 
sie wiederholt als solche angesehen und sogar ver- 
sendet wurden. — Merkwürdig ist , daß die äußere 
derbe Eischale nicht bloß das Aussehen , sondern 
mitunter auch die Struktur eines Pflanzengewebes 
zeigt. Ein dünner Schnitt durch die Eischale von 
PhylUum bietet ein ähnliches Bild , wie das Rinden- 
gewebe mancher Pflanzen und diese Ähnlichkeit wird 
noch dadurch erhöht, daß jenes Gewebe zahlreiche 
grüne Körner enthält , welche an Chlorophyllkörner 
erinnern. — Die Zahl der Eier scheint bevrächt- 
lichen Schwankungen zu unterliegen; 20 — 50 dürfte 
als die häufigste Durchschnittszahl gelten, doch sollen 



manche Arten mehr als 100 Eier ablegen. — Die 
Zahl der Häutungen ist nur bei wenigen Arten be- 
kannt , dürfte aber durchweg gegen vier oder fünf 
betragen. — Als eine Eigentümlichkeit der Larven 
wird angegeben, daß Stachel- und lappenförmige 
F"ortsätze des Körpers und der Beine bei ihnen 
stärker ausgebildet seien als bei der Imago und mit- 
unter selbst bei solchen F'ormen auftreten , die im 
vollkommenen Zustande derlei Auszeichnungen gar 
nicht besitzen. — Dagegen kann man bei verschie- 
denen Arten auch den entgegengesetzten Fall be- 
obachten, daß derlei Lappen an den Beinen der 
Larven schwächer ausgebildet sind als beim voll- 
kommenen Insekt oder ganz fehlen. — Sehr bekannt 
ist die Reproduktionsfähigkeit der Phasmiden. 
Schneidet man ein Bein unterhalb des Schenkelgelenkes 
ab, so fällt der Rest noch vor der nächsten Häutung 
ab, wird aber bei der Häutung selbst als ein kurzer 
gerader Stumpf mit bereits erkennbarer Gliederung 
oder als verkümmertes Bein (mit geradem Schenkel, 
aber fast kreisförmig gekrümmten Schienen und 
Tarsen) erneuert. Im ersteren Falle nimmt das Bein 
erst bei der nächsten Häutung das Aussehen an, das 
es im zweiten Falle hat. In beiden Fällen aber geht 
dasselbe bei der nächstfolgenden Häutung in ein 
Bein von normaler Bildung über, welches nur durch 
geringere Größe und viergliedrige Tarsen ausgezeich- 
net ist. — Die Phasmiden sind durchwegs Pflanzen- 
fresser von trägem, stumpfsinnigem Charakter ; gleich 
den Faultieren Südamerikas klettern sie langsam und 
schwerfällig von Zweig zu Zweig, aber nur, wenn das 
Bedürfnis nach Nahrung sie hierzu antreibt. — Ihr 
Flug wird al'gemein als ein schwerfälliger bezeichnet, 
da die Hinteiflügel mehr als Fallschirm verwendet 
werden. — Das F"utter nehmen sie hauptsächlich in 
der Nachtzeit zu sich und sind dabei sehr gefräßig. 
— Das wichtigste natürliche Schutzmittel der Phas- 
miden gegenüber den Feinden besteht vor allem in 
ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Pflanzengebilden 
der verschiedensten Art. Bei vielen Arten wurde 
ferner beobachtet, daß sie sich bei Gefahr totstellen, 
indem sie den Körper vollkommen unbeweglich halten, 
die Vorderbeine dicht neben dem Kopfe gerade nach 
vorn , das eine oder andere der vier hinteren Beine 
aber starr nach der Seite strecken, wodurch die Ähn- 
lichkeit mit Zweigen noch erhöht wird. Eine weitere 
sehr verbreitete und ausgiebige Schutzwafife besteht 
in den schon erwähnten Stinkdrüsen. — Während 
bei der großen Mehrzahl der Phasmiden Männchen 
und Weibchen nahezu in gleicher Menge auftreten, 
besteht bei einigen Gattungen {Bacillus etc.) ein ab- 
normes Verhältnis, indem die Männchen außerordent- 
lich selten sind. Diese Erscheinung hat die Ver- 
mutung angeregt , daß bei diesen Tieren wenigstens 
gelegentlich parthenogenetische Fortpflanzung statt- 
finden dürfte und tatsächlich gelang es im Laufe der 
letzten Jahre , bei verschiedenen Spezies dies festzu- 
stellen. — In den neueren Lehrbüchern der Zoologie 
werden die Phasmiden wegen der fünfgliedrigen 
Tarsen noch immer mit den Mantiden und Blattiden 
vereinigt. — Tatsächlich haben sie mit den beiden 
genannten Gruppen außer den fünfgliedrigen Tarsen 



80 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. VIII. Nr. 5 



noch den Mangel der Sprungbeine und Zirporgane, 
sowie die normale Lage der Flügelscheiden bei den 
Larven, sonst aber auch nichts gemeinsam. — Von 
Handlirsch ist ein für allemal festgestellt, daß die 
Phasmiden eine relativ junge Insektengruppe sind 
und vermutlich zusammen mit den heutigen Saltatorien 
von den paläozoischen Protolocustiden abstammen. 
— — Damit hätte ich einige der vielen Punkte, 
welche die Einleitung des Werkes behandelt, in Form 
eines kurzen A-uszuges berührt. — Was die Feinde 
der Phasmiden anbetrifft , so habe ich im Bismarck- 
Archipel durch eine umfangreiche Untersuchung der 
Mageninhalte aller dort vorkommenden Vögel fest- 
stellen können , daß Teile von Phasmiden sich nur 
bei einer einzigen Vogelart fanden. Der Spornkuckuck 
(Centropus ateralhus) ist es, der die Phasmiden trotz 
ihrer großen Ähnlichkeit mit Zweigen und Blättern 
zu finden weiß. Er sucht die Pflanzen aber auch, 
wie ich mich überzeugen konnte , mit einer außer- 
ordentlichen Gründlichkeit ab. Meine Untersuchung 
der Vogelmägen beweist also , daß die Phasmiden 
vor den übrigen insektenfressenden Vögeln des 
Bismarck-Archipels einigermaßen sicher sind, daß 
ihnen also ihre oben genannten Eigenschaften einen 
weitgehenden (wenn auch nicht absoluten) Schutz und 
damit große Vorteile im Kampfe ums Dasein ge- 
währen (vgl. Mitt. zool. Mus. Berlin, Bd. i, Heft 3, 
S. 171). — Wenn die Verfasser des Werkes, gestützt 
auf eine Mitteilung M on t ro uziers, die verdickten 
Hinterl)eine des Männchens von Eurycantha horrida 
als Waffe auffassen, die „gewaltig verwunden" soll, so 
entspricht das meiner Erfahrung nicht. Ich habe 
das Tier sehr oft lebend in Händen gehabt, ohne 
etwas von dieser geiährlichen Waffe zu verspüren. 
Ich habe nur gefunden, daß es sich mit den Hinter- 
beinen vorzüglich festhalten kann und da die Hinter- 
beine nur beim Männchen stark verdickt sind, glaube 
ich annehmen zu dürfen , daß dieselben besonders 
zum Festhalten des Weibchens dienen, obgleich ich 
die Paarung nicht beobachtete. Dahl. 



Heinrich Kirchmayr, Die analytische Be- 
rechnung regulärer Kristalle, für Stu- 
dierende der Kristallographie. 47 Seiten 
mit 31 Figuren im Text. Verlag von W. Junk 
in Berlin. 1908. — Preis 1,50 Mk. 
Eine sehr sachliche .'\bwä.;ung des Wertes des 
vorliegenden kurzen Werkes gibt der Verfasser selbst, 
indem er sagt, daß sich die angewendete analytische 
Methode nur für gewisse Fälle des regulären Systems 
gut eignet, namentlich, um aus den Indices die Flächen- 
und Kantenwinkel sowie die Kantenlängen zu be- 
rechnen. Für den Studierenden, wenigstens den An- 
fänger, dürfte daher das im übrigen einfach und klar 



gefaßte Buch weniger in Frage kommen, da dieser 
sich zunächst in einen einzigen, bestimmten, allge- 
mein gültigen Weg der Kristallberechnung, der ihm 
doch nicht erspart bleibt, wird einarbeiten müssen. 
In der Hand des fertigen Kristallographen und nament- 
lich bei der Anfertigung von Kristallmodellen wird 
es aber vielfach gute Dienste leisten. 

O. Schneider. 



Anregungen und Antworten. 

Herrn P. J. Bg. in Ka. — LUe Reste von Pithecan- 
thropus sind von Dubois nicht so gefunden worden, daß 
man von vornhereia ohne Zweifel anzunehmen hätte, sie 
stammten auch von einem und demselben Tiere. Sie lagen 
in einer knochenreichen Flußablagerung unter zahlrciclien 
Resten von Stegodon, Axis , Bubalus, Bibns, Sus usw. Im 
September 1891 wurde der rechte dritte obere Molar gefun- 
den, in etwa I m Entfernung dann das Schädeldach. Im 
Jahre darauf wurde ganz nahe dem Fundplal^e des ersten 
Jahres der linke zweite obere Molar und in 15 m Entfernung 
das linke Femur entdeckt. Trotz dieser so weit auseinander- 
liegenden Fundstätten der einzelnen Teile ist dennoch Duhois 
davon überzeugt, daß sie nicht nur zu derselben Tierart, sondern 
sogar zu einem und demselben Skelette gehören ; einerseits 
weil die anatomischen Merkmaie der KopUeile mindestens 
für den menschenähnlichsten der menschenähnlichen Affen 
sprechen, diejenigen des Femur vielleicht sogar für einen Men- 
schen ; andererseits aber trotz des fünfjährigen Grabens nicht ein 
einziger Skelettrest der gleichen Tierart, auch nicht einer 
ähnlichen, zu der die Knochen z. T. gerechnet werden könn- 
ten, gefunden wurde, obwohl die R'-ste der genannten ande- 
ren Tiere so massenhaft vorhanden waren, daß sie in etwa 
115 zentnerschweren Kisten nach Leyden transportiert wurden 
und dort, obwohl nur z. T. ausgepackt, ein ganzes Haus an- 
füllen. — Inzwischen hat nun 1907 eine neue Ausgrabung 
in denselben .Schichten stattgefunden , die von Frau Selenka 
mit Unterstützung der Berliner Akademie der Wissenschaften 
unternommen worden ist. Aber auch diese Ausgrabung hat 
kein neues Material von Pithecanthropus zutage gefördert. 
Dennoch sind hierbei Beobachtungen gemacht worden, die 
geeignet sind, Dubois' -Ansicht zu stützen. Die Ausgrabungen 
wurden mit der größten Sorgfalt überwacht und jedes Stück 
sogleich mit Nummer und Etilcett versehen, die Nummer gleich 
mit genauester .i^ngabe des Fundortes sowohl bezüglich der 
Tiefe wie der seitlichen Entfernung von bestimmten Stellen 
in ein Fundbuch eingetragen. Da hat sich nun gezeigt, daß 
Reste eines und desselben Tieres in der Tat meterweit sowohl 
in horizontaler wie vertikaler Erstreckung gefunden sind. So 
tragen z, B. die z. T. in den Nähten, z. T. durch Bruch ge- 
trennten Stirnbeine eines jungen männlichen Hirsches, die un- 
zweifelhaft aneinanderpassen , andere Bezeichnung des Fund- 
ortes wie sogar der Schicht. Der B'uch ist mit Sicherheit alt 
und vor der Ablagerung beider Knochen erfolgt. — Der 
Verfasser dieser Notiz, der die Bearbeitung der Säugetiere 
übernommen hat, ist nach solchen Feststellungen von der Zu- 
sammengehörigkeit der Skeletteile des Pithecanthropus über- 
zeugt. Str. 

Das Oxyburserazin (vgl. Naturw. Wochenschr. N. F. 
Bd. Vlll, S. 10) ist meines Wissens nicht im Handel. Nähere 
.Auskunft über seine Verwendung gegen Flechtenerkrankungen 
dürfte der Entdecker der Substanz Herr Dr. Werner von 
Bolton (Charlottenburg-Nonnendamm, Physikalisch-Chemisches 
Laboratorium von Siemens & Halske) geben. Mg. 



Inhalt: Prof. Dr. Victor Sehiffner: Die Nutzpflanzen unter den Flechten. — Sammelreferate und Übersichten: F. 
Koerber: Neues aus der .Astronomie. — Kleinere Mitteilungen: G. H. Parker: Die Sinnesempfindungen des Am- 
phio.tus. — Dr. Edw. Hennig: Ein Meteorkratcr. — Hinimelserscheinungen im Februar 1909. — Büctierbesprechun- 
gen : K. Brunner v. Wattenwyl und Jos. R e d te n b ac h er : Die Insektenfamilie der Phasmiden. — Heinrich 
Kirchmayr: Die analytische Berechnung regulärer Kristalle, für Studierende der Kristallographie. — Anregungen 
und Antworten. 



Verantwortlicher Redakteur; 



Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lirhterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue holge Vlll. Band ■ 
der ganzen Keihe XXIV. Band. 



Sonntag, den 7. Februar igog. 



Nummer 6. 



Über örtlich getrenntes oder geselliges Vorkommen verwandter Pflanzenformen. 



[Nachdruck verboten, i 

Der amerikanische Botaniker Robert Green- 
leaf Leavitt hat im American Naturalist 
(Vol. XLI, 207 — 240) eine Studie über die geo- 
graphische Verbreitung nahe ver- 
wandter Arten veröffentlicht. Er geht von 
der .Auffassung aus, daß sich aus der Verteilung 
nahe verwandter Formenkreise erkennen lassen 
müsse, ob sie durch allmähliche Entwicklung oder 
durch Mutation im Sinne von deVries entstan- 
den seien. Von besonderer Wichtigkeit ist die 
F"rage, inwieweit Isolierung der neu entstehenden 
Arten notwendig ist, um eine Vermischung aus- 
zuschließen und eine selbständige Entwicklung 
der einzelnen neuen Formenkreise zu ermöglichen. 
Der Verfasser hat mir nun die Frage vorgelegt, 
welcher Art meine Erfahrungen über die Ver- 
breitung nahe verwandter Pflanzenarten seien. Es 
ist mir unmöglich, mich darüber ganz kurz, also 
etwa in einem gewöhnlichen Briefe, auszusprechen. 
Die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und Vor- 
gänge in der Natur ist viel zu groß, um eine Zu- 
rückführung der Tatsachen auf wenige allgemeine 
Gesichtspunkte zu gestatten. Ich möchte daher 
versuchen, in den folgenden Betrachtungen meine 
Ansichten über die Bedeutungderisolierung 
und der freien Kreuzung für die Artenbil- 
dung darzulegen und zwar mit besonderer Bezug- 
nahme auf die geographische Verbreitung der 
nahe verwandten Formen. Ich bin der Ansicht, 
daß die Beobachtung in der freien Natur viele 
Vorstellungen berichtigen muß, die man sich in 
der Studierstube gebildet hat. Der Freifeld- 
botaniker muß, wie auch Leavitt betont, die 
Brauchbarkeit der von den Gelehrten theoretisch 
gefundenen und im Anschluß an bestimmte Schul- 
meinungen formulierten Lehren an der wilden 
Pflanzenwelt prüfen. 

Variation. Es würde viel zu weit führen, 
wenn ich auf die mit den besprochenen Fragen 
zusammenhängenden Vorstellungen über Ursachen 
der Abänderungen, über Variation und Mutation 
(plötzlich auftretende erbliche Abänderung) usw. 
eingehen wollte. Ich muß indes von vornherein 
betonen, daß ich die gegenwärtig üblichen Unter- 
scheidungen zwischen den Wirkungen der Varia- 
tion und der Mutation nicht für glücklich halte. 
Die unter dem Namen der Variation zusammen- 
gefaßten Erscheinungen sind von äußerst mannig- 
faltiger Art. Mit vollem Rechte sagt de Vries: 
„nichts ist variabler als das Wort Variabilität". 
Eine besondere Klasse von Variationen sollen die 
Mutationen sein ; es ist nun aber offenbar nicht 
sachgemäß, in jedem Einzelfalle nur zwei ver- 
meintliche Möglichkeiten, Variation in engerem 



\on W. O. Pocke. 



Sinne oder Mutation, in Betracht zu ziehen. Im 
Jahre 1875 habe ich in ausführlicher Begründung 
vorgeschlagen (Jen. Zeitschr. f. Naturwissensch. IX), 
statt des unbestimmten Begriffes der Variation 
zunächst wenige versciiiedene Stufen oder Formen 
von Varietäten zu unterscheiden; 1877 habe ich 
in meiner Synopsis Rubor. Germ, 6 verschiedene 
Stufen des Artvvertes angenommen, nachdem ich 
1866 die Ungleich Wertigkeit behauptet hatte. 
Schon 1872 hatte Engler (Monogr. Saxifraga) 
in einzelnen Fällen auf eine vollständige Gliede- 
rung in Spezies verzichtet und hatte Schwärme 
von allzu nahe verwandten Arten zu einem Typus 
polymorphus zusammengefaßt. Christ sprach 
sich 1873 über die Ungleich Wertigkeit der Rosen- 
arten aus. Es hat aber lange Zeit gedauert, bis 
entsprechende Anschauungen in den floristischen 
Werken zum Ausdruck gelangt sind; neuerdings 
ist dies z. B. von Ascherson und Graebner 
versucht. Die Kompromisse, die man zwischen 
der mannigfaltigen lebendigen Natur und dem 
toten systematischen Schema zu schließen sucht, 
werden niemals befriedigen, aber sie sind doch 
unentbehrlich, um formale Näherungswerte zu er- 
halten, an die sich die Vorstellungen anlehnen 
können. Man pfropft immer noch in die Begriffe 
von Mutationen und Varietätsstufen ganz ver- 
schiedenartige Eigenschaften hinein, die in gar 
keiner festen Beziehung zueinander stehen. Man 
wird bei neuen Formen nach den Vorfahren und 
dem Ursprünge (plötzliche oder allmähliche Aus- 
prägung), dem Grade der Verschiedenheit von 
der Stammform, dem erfahrungsmäßigen syste- 
matischen Werte der Unterschiede (z. B. geringe 
Bedeutung der auffallenden Pelorien und Varietates 
monopliyllac, dissectae, discoidcae usw.), der Erb- 
lichkeit der Merkmale, der Anpassung an die 
mannigfaltigen Lebensbedingungen usw. forschen. 
Die Kenntnis dieser Eigenschaften dürfte ein 
besseres Bild von der Bedeutung einer be- 
stimmten Abänderung geben, als eine Unter- 
suchung darüber, ob diese Abänderung eine 
Varietät oder eine Mutation ist. 

Es ist nur ein einziges Verfahren bekannt, 
durch welches man mit einiger Sicherheit solche 
wesentliche Abänderungen erzielen kann, die 
,, sprungweise", also unvermittelt, entstehen und 
sich unverändert fortpflanzen, die sich also ver- 
halten wie die Mutationen von Oenotliera 
Lamarckiana. Jenes bis zu einem gewissen Grade 
bewährte Verfahren besteht in der Kreuzung ver- 
wandter Arten oder ausgeprägter Rassen. Unsere 
Kulturgewächse sind größtenteils aus Rassen- oder 
Arten-Kreuzungen hervorgegangen; man findet 



82 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIIl. Nr. 6 



daher bei ihnen außerordentlich zahlreiche der- 
artige unvermittelt auftretende Abänderungen. Es 
ist nicht zu verstehen, weshalb de Vries unter 
der Nachkommenschaft von Hybriden keine Muta- 
tionen und keine daraus hervorgehenden neuen 
Arten anerkennen will, während er doch die 
zweifellos aus Hybriden entstandenen Kulturrassen 
als wirkliche Mutationen betrachtet. Dies eine 
Beispiel mag nur zeigen, welchen Schwierigkeiten 
man begegnet, wenn man den Mutationsbegriff 
für die tatsächliche Beurteilung bestimmter Ab- 
änderungen zu verwerten sucht. Ein näheres 
Eingehen auf diese Vorstellungen würde ausführ- 
liche Auseinandersetzungen erfordern. 

Isolierung und Wanderungen. Als 
man anfing, sich eingehend mit den Anschau- 
ungen zu beschäftigen, welche sich als Folge- 
rungen aus der Darwin'schen Entwick- 
lungslehre ergaben, legte man sich notwendig 
auch die Frage vor, wie es möglich sei, daß Ab- 
änderungen von Tier- und Pflanzenarten zu Varie- 
täten und selbständigen neuen Arten umgeprägt 
werden könnten, obgleich sie durch freie Kreu- 
zung mit der Stammform stets wieder zu dieser 
zurückgeführt werden müßten. Es schien kaum 
denkbar, daß die natürliche Auslese die neuen 
Formen in ausreichender Weise begünstigen 
könnte, um sie zu einer Verdrängung der Stamm- 
art zu befähigen. Ohne Ausschluß der Kreuzungen 
schien es auch nicht möglich, daß eine Abände- 
rung sich im Wettbewerb mit dem alten Typus 
einen gesicherten Platz erobern könne. Als das 
beste Mittel, um der neuen Form die Möglichkeit 
einer selbständigen Entwicklung zu gewähren, er- 
schien die Auswanderung, die örtliche Trennung. 
Auf diesen Gedanken baute sich die Wag n er- 
sehe Migrationstheorie auf, nach welcher Wan- 
derungen den Anstoß zu einer je nach den 
neuen Heimatsgegenden verschiedenartigen Ent- 
wicklung der Tiere und Pflanzen gegeben haben 
sollten. Örtliche Trennung bewirkt aber an sich 
keine Variation; viele Pflanzen der subarktischen 
Gegenden Europas finden sich in den Alpen und 
anderen Gebirgen in unveränderter Gestalt wieder, 
obgleich sie hier seit der Eiszeit durch einen 
breiten Zwischenraum von ihren nordischen Art- 
genossen getrennt sind. Noch viel älter ist die 
Sonderung Nordeuropas von Amerika; trotzdem 
aber gibt es in beiden Erdteilen viele überein- 
stimmende Arten. Zeit und Ort sind in diesen 
Fällen ohne Einfluß auf den Arttypus geblieben. 
Andererseits schien die Migrationstheorie eine 
gewisse Stütze in der Auffindung von zahlreichen 
„Schöpfungszentren" zu gewinnen. Man fand, daß 
bestimmte systematische Gruppen von Tieren 
oder Pflanzen vorzugsweise in bestimmten Gegen- 
den vertreten sind; daraus schloß man, daß an 
diesen Stellen die Urheimat der Gruppe (Ord- 
nung, Gattung oder Sammelart) zu suchen sei 
und daß sich die Einzelglieder der Gruppe von 
dort aus längs der Bergketten oder der Ebenen 
oder der Flüsse nach verschiedenen Richtungen 



ausgebreitet hätten. In manchen Fällen schienen 
derartige Vorstellungen die Tatsachen ganz gut 
zu erklären. Aber die geologischen Unter- 
suchungen zeigten bald, daß aus der jetzigen Ver- 
breitung der Organismen nicht geradezu auf die 
ehemalige geschlossen werden darf. Pferde gab 
es in Amerika vor Ankunft der Europäer nicht; 
trotzdem machen die beobachteten paläontolo- 
gischen Tatsachen es wahrscheinlich, daß die ur- 
sprüngliche Heimat dieser ganzen Tiergruppe in 
Amerika lag. Im Miozän Europas hat man 
mancherlei amerikanische Baumarten gefunden, so 
daß man in jedem Falle fragen muß : ist der 
Typus im Osten oder im Westen des Atlantischen 
Ozeans entstanden oder ist er nach beiden Ländern 
aus einer arktischen oder sonstigen Urheimat ein- 
gewandert? 

So sehr auch derartige Erfahrungen zur Vor- 
sicht mahnen, so gibt doch für die nördliche ge- 
mäßigte Zone die Annahme eines ehemaligen 
Zusammenhangs zwischen den Verbreitungs- 
bezirken ähnlicher Arten eine gute Erklärung. 
Aus einem arktischen oder zirkumpolaren Lande 
zogen sich Pflanzen und Tiere während der kühler 
werdenden Pliozänzeit und Eiszeit südwärts zurück. 
Viele Arten werden zugrunde gegangen sein; 
viele der widerstandsfähigsten und für Wande- 
rungen gut ausgerüsteten Formen konnten später 
einen Teil ihres ehemaligen Wohngebietes von 
neuem besiedeln, andere Arten erhielten sich hie 
und da an einzelnen geeigneten Standorten, die 
in der Gegenwart durch weite Zwischenräume 
getrennt sein können. Die Annahme, daß in ver- 
gangenen Zeiten auch die Lücken in der Ver- 
breitung für die betreffende Art bewohnbar ge- 
wesen seien, ist in vielen Fällen durchaus wahr- 
scheinlich und gibt eine weit bessere Erklärung 
der Tatsachen, als die Vorstellung, daß Stürme 
oder Vögel die Samen an neuen Standorten aus- 
gestreut hätten. Die Möglichkeit einer derartigen 
Verbreitungsweise soll übrigens durchaus nicht 
bestritten werden. 

Das Vorkommen übereinstimmender oder sehr 
ähnlicher Pflanzen an weit voneinander getrennten 
Standorten, die ähnliche Lebensbedingungen bieten, 
ist längst bekannt. Berühmt ist das Beispiel der 
drei nahe verwandten Cedern-Formen vom Atlas, 
Libanon und Himalaya. Echte Hochgebirgs- 
pflanzen, wie das Edelweiß {Leontopodiuin) treten 
in den weit getrennten höheren Bergketten 
Amerikas, Asiens und Europas auf Erwähnt 
wurde bereits die Übereinstimmung mancher sub- 
arktischer mit alpinen, sowie nordamerikanischer 
mit europäischen Arten. Der ostwestliche Ver- 
lauf der wichtigsten Bergketten in Europa sowie 
im westlichen und mittleren Asien läßt die scharfe 
Absonderung der Gebirgsbewohner von den nor- 
dischen Arten deutlich hervortreten, während in 
Amerika und Ostasien die mehr nordsüdliche 
Richtung der Gebirge als günstiger für Wande- 
rungen und für die Erhaltung eines Zusammen- 
hanges zwischen den Gliedern der einzelnen 



N. F. Vm- Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



83 



Formenkreise erscheint. Als Beispiel einer geo- 
graphischen Trennung von charakteristischen 
Pflanzentypen seien hier die in einem vielfach 
unterbrochenen Gürtel der nördlichen Halbkugel 
auftretenden Gewächsformen erwähnt. In den 
einzelnen geographischen Abschnitten, in welche 
dieser Gürtel zerfällt, haben sich die Typen in 
etwas verschiedener Weise entwickelt, so daß sie 
als Varietäten, Rassen oder ähnliche Arten unter- 
schieden werden. Zu diesen Typen gehören z. B. 
die echten Kastanien, die in Nordamerika und 
Mittelasien vorkommen, die nahe verwandten 
Ebereschen {Sc'/-/'t(s) Europas, Ostasiens, West- 
und Ostamerikas, die Steinhimbeeren, von denen 
die europäische Art, Ritbits saxatilis, auch durch 
Nordasien verbreitet ist, während zwei ähnliche, 
früher als Varietäten betrachtete Arten in Japan 
und in Nordamerika wachsen. Noch ähnlicher 
sind sich die echten Himbeeren, Riibus idaciis, 
' zwischen deren Rassen sich keinerlei haltbare 
Artgrenzen ziehen lassen. Merkwürdig sind einige 
amerikanische Potentillen, P. fruticosa und P. 
peniisilvanka, die in Nordasien und Europa ganz 
zerstreut an einzelnen Orten in wenig abweichen- 
den Rassen auftreten. 

Alle diese Tatsachen erklären sich ungezwungen 
aus der tertiären Verbreitung und aus den eiszeit- 
lichen Wanderungen der Arten, sowie aus einer 
verschieden gestalteten Weiterentwicklung der- 
selben innerhalb der jetzigen vollständig geson- 
derten Verbreitungsbezirke. Bis soweit genügt 
zur Erklärung der Artenbildung die Migrations- 
lehre in Verbindung mit den bekannten Tatsachen 
der gewöhnlichen Variation. Man erkennt aber 
leicht, daß auf diesem Wege keine allzugroßen 
Veränderungen erfolgt zu sein scheinen. Seit der 
Eiszeit hat sich in der Gestalt der Arten kaum 
etwas verändert, ja selbst der Betrag der Ände- 
rungen seit der Miozänzeit ist nicht groß genug, 
um die Ausprägung ganzer Pflanzenfamilien 
während eines den üblichen Schätzungen ent- 
sprechenden Zeitraums zu ermöglichen. Noch 
viel weniger läßt sich durch die Migrationstheorie 
die große Mannigfaltigkeit einzelner Gruppen von 
Pflanzen und Tieren innerhalb eng umgrenzter 
Räume verständlich machen. Um nur ganz be- 
sonders ausgezeichnete Beispiele zu erwähnen, sei 
an die Landschnecken der Hawaischen Inseln und 
an die zahlreichen, ungewöhnlich artenreichen 
Pflanzengattungen einzelner Teile Südafrikas und 
Westaustraliens erinnert. Man sieht in derartigen 
Fällen allerdings Schöpfungszentren, aber die von 
diesen ausgehenden Ausstrahlungen sind bei der 
geographischen Isolierung der Herde sehr spärlich 
geblieben oder fehlen gänzlich. Untersucht man 
nun andere, weniger abgeschlossene Schöpfungs- 
zentren, so findet man allerdings in manchen 
Fällen zahlreiche Ausstrahlungen, man findet auch 
in diesen Ausstrahlungen Arten, die allen Anforde- 
rungen an geographisch und systematisch gut um- 
grenzte „Spezies" entsprechen, aber diese Arten 
oder nahe verwandten Formen häufen sich in dem 



Zentrum so sehr, daß an eine Isolierung, welche 
die freie Kreuzung hindern würde, nicht gedacht 
werden kann. 

Freie Kreuzung. Die Fülle derartiger 
Tatsachen, von denen hier nur beispielsweise 
wenige einzelne Fälle erwähnt werden konnten, 
ist so groß, daß eine Erklärung derselben durch 
die Migrationstheorie völlig aussichtslos ist. Es 
muß, wie man sich längst klar gemacht hat, not- 
wendig eine Unrichtigkeit in dem Gedankengange 
stecken, der zu der Migrationstheorie geführt hat. 
Es liegt nahe, zu glauben, daß der Fehler in der 
Vorstellung von der Allgemeinheit der freien 
Kreuzung liegt. 

Bei den höheren Gewächsen ist es leicht, zu 
erkennen, daß örtliche Trennungen, wie sie 
überall vorkommen, genügen, um Kreuzungen 
zwischen gleichartigen Pflanzen verschiedener 
Standorte außerordentlich zu erschweren. Weder 
der Wind noch die Insekten werden den Blüten- 
staub der Bergpflanzen häufig zu einem 100 oder 
selbst nur 20 km entfernten anderen Berge hin- 
überführen ; manche Samen mögen leichter auf 
derartige Entfernungen transportiert werden, aber 
im allgemeinen muß die Zuwanderung neuer An- 
kömmlinge derselben Art an einen einigermaßen 
isolierten Standort einer bestimmten Pflanze ein 
verhältnismäßig recht seltenes Ereignis sein. Die 
Charakterpflanzen solcher Standorte, die sich nur 
zerstreut finden, wie es höhere Berge, Sümpfe, 
Salzstellen, Kalkhügel, Sanddünen usw. sind, 
werden, wenn sie irgendwo zu Abänderungen 
neigen, darin durch an anderen Stellen wohnende 
Artgenossen kaum gestört werden. Ihre Isolierung 
ist tatsächlich fast ebenso vollständig, wie die der 
durch weite Entfernungen und breite Meere ge- 
trennten verwandten Arten, deren Verhalten be- 
reits vorstehend erörtert worden ist. 

Bei den Pflanzen ist weder die Individualität 
noch die Trennung der Geschlechter so ausge- 
prägt wie bei den Tieren. Gerade die voll- 
kommensten Pflanzen sind in überwiegender Zahl 
zweigeschlechtig. Ihre Fortpflanzungsverhältnisse 
sind außerordentlich mannigfaltig. Vegetative, 
also völlig ungeschlechtliche Vermehrung ist 
bei vielen Gewächsen in großem Maßstabe mög- 
lich. Die Wasserpest [Elodcä) hat sich seit 50 
oder 60 Jahren in Europa außerordentlich ausge- 
breitet und ist stellenweise zur Plage geworden, 
ohne je einen Samen gereift zu haben. Noch 
weit länger ist der Kalmus [Acorus) in Europa 
eingebürgert, bringt hier aber niemals F"rüchte. 
Arten von Hcmcrocallis und einige Zwiebel- 
gewächse verhalten sich ähnlich; manche Arten 
von Allium und Liliuni, Dentaria bulbifera usw. 
bringen selten Früchte, vermehren sich aber durch 
besondere Organe (Brutzwiebeln). Bei den Moosen 
ist die häufige oder ausschließliche Vermehrung 
durch Brutkörner etwas ganz Gewöhnliches. — In 
einer anderen Reihe von Fällen entwickeln sich 
Samen aus den weiblichen Knospen ohne jede 
Befruchtung, also parthenogenetisch {AI- 



84 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 6 



cliimilla, Antennaria, Taraxacnm usw.). Endlich 
sind kleistogamische Blüten, in denen die 
Befruchtung ausschließlich durch Blütenstaub der 
in der nämlichen Hülle eingeschlossenen männ- 
lichen Organe erfolgt, gar nicht selten. In allen 
diesen F'ällen ist Kreuzung verschiedener Stöcke 
vollständig unmöglich, während eine sehr wirk- 
same Vermehrung und Ausbreitung stattfinden 
kann. Die für die Artenbildung als erforderlich 
erachtete Isolierung ist somit in diesen Fällen 
vorhanden, aber es fehlt eine andere Vorbedin- 
gung, nämlich die Variabilität. Die auf vegeta- 
tivem Wege oder durch engste Inzucht erzeugte 
Nachkommenschaft ist außerordentlich gleichförmig. 
Individuelle Eigentümlichkeiten können bei den 
Abkömmlingen eines einzigen Exemplars für 
völlig konstante Rassenmerkmale gehalten werden. 

Aus diesen Erfahrungen und Überlegungen 
muß man den Schluß ziehen, daß die freie Kreu- 
zung eine Vorbedingung der Variabilität und 
damit der Artenbildung ist. Es ist daher eine 
durchaus einseitige Betrachtungsweise, wenn man 
nur von dem Gesichtspunkte ausgeht, daß die 
freie Kreuzung die Weiterentwicklung der Varie- 
täten zu selbständigen Arten hindere. 

Für die biologische Würdigung der partheno- 
genetischen und der damit biologisch ziemlich 
gleichwertigen kleistogamischen Fortpflanzung 
werden die Erfahrungen als maßgebend gelten 
können, welche man bei gewissen Tieren (Blatt- 
läusen, Rädertieren) gemacht hat. Unter den 
günstigsten äußeren Verhältnissen erscheint die 
geschlechtliche Zeugung als entbehrlich; die Ver- 
mehrung erfolgt in einfachster Weise nur aus den 
weiblichen Keimen. Sowie aber die Lebensbe- 
dingungen mißlicher werden, tritt die geschlecht- 
liche ZeuCTung wieder in ihre Rechte ein ; es 
werden dann mittels derselben widerstandsfähigere 
Individuen oder Dauereier erzeugt. Ganz ähnlich 
verhalten sich viele niedere Pflanzen (Algen, Pilze). 
Es ist wahrscheinlich, daß die parthenogenetisch 
und kleistogamisch fortgepflanzten höheren Ge- 
wächse unter bestimmten Bedingungen wieder 
zur geschlechtlichen Kreuzbefruchtung übergehen; 
sind sie nicht dazu imstande, so werden sie ge- 
legentlich ungünstigen Verhältnissen (Witterung, 
Wettbewerb, Parasiten) erliegen. 

Wenn man die Gewächse, welche sich regel- 
mäßig ohne Kreuzung fortpflanzen, in eine 
besondere biologische Abteilung stellt, so kann 
man eine zweite aus denjenigen Arten bilden, bei 
welchen sowohl Kreuzung als Selbst- 
bestäubung möglich ist, eine dritte aus den 
ausschließlich aufKreuzung der Individuen 
(Stöcke) angewiesenen Formenkreisen. Die zweite 
Abteilung ist durch sehr zaiilreiche Arten ver- 
treten, von denen jede Pflanze bei Isolierung ohne 
Nachhilfe oder doch bei Bestäubung mit eigenem 
Pollen reichlich Samen bringt. Zugleich sind ihre 
Blüten entweder für Bestäubung durch Wind oder 
durch Tiere, namentlich Insekten, eingerichtet. 
Manche Arten erhalten selten, andere sehr häufig 



Insektenbesuche; bei manchen ist Fremdbestäubung, 
bei anderen Selbstbestäubung der häufigere Fall. 
Diese Verhältnisse sind während der letzten Jahr- 
zehnte ziemlich allgemein bekannt geworden. Es 
wird nicht erforderlich sein, an dieser Stelle näher 
darauf einzugehen, weil es sich hier nur darum 
handelt, zu untersuchen, ob nahe verwandte 
Formen nebeneinander wachsen können, ohne 
durch die. freie Kreuzung gemischt zu werden. 
Es zeigt sich nun eine überraschende Mannigfaltig- 
keit der Möglichkeiten. In manchen Fällen hat 
sich ein Arttypus unter dem Einflüsse standört- 
licher Verhältnisse in verschiedene Rassen ge- 
sondert. Bekannt sind in den .'Mpen die Formen- 
kreise, welche in einer kristallinisches Gestein und 
einer Kalkfels bewohnenden Varietät, Rasse oder 
verwandten Art vorkommen. Diese Parallelformen 
sind auch auf anderem Boden samenbeständig, 
aber sie sind hier weniger widerstandsfähig; es 
sind keine großen Entfernungen erforderlich, um 
sie rein zu erhalten, wenn auch gelegentlich beim 
Zusammentreffen Kreuzungen vorkommen. In 
entsprechender Weise wirken auch sonstige ver- 
änderte Lebensbedingungen. So z. B. wird Juncns ' 
covipressus, der oft an Flußufern wächst, an den 
Seeküsten und an salzreichen Stellen sofort durch 
J. Gerardi ersetzt; nach Übergangsfoimen sucht 
man meistens vergeblich. Es gibt in Mitteleuropa 
drei verbreitete nahe verwandte Arten von 
Aniit'ria\ eine derselben, die A. elongata, wächst 
im ebenen und hügeligen Binnenlande, eine andere 
{A. alpiner) auf Hochgebirgswiesen, die dritte {A. 
viarithna) am Seestrande. Außerdem kommen 
noch einige mehr lokalisierte Formen vor. An 
trockenen sandigen Stellen am Weserufer z. B. 
wächst A. elongata häufig; im Unterlaufe des 
Flusses fehlen solche sandige Stellen und damit 
auch die Armerien, bis sie plötzlich unter der 
Einwirkung des Salzwassers in großer Masse in 
den Wiesen wiedererscheinen, aber in einer etwas 
abgeänderten Gestalt. Es ist nicht etwa die A. 
maritima, welche hier auftritt, sondern eine Mittel- 
rasse, die an der deutschen südlichen Nordseeküste 
eine große Verbreitung hat, während weder A. 
elongata noch A. maritima daselbst vorkommen. 
An anderen Stellen, z. B. schon an der nahen 
Eibmündung, finden sich die genannten beiden 
Hauptarten nebeneinander. — Ein ferneres Bei- 
spiel, wie zwei nahe verwandte Formen einander 
vertreten, ist folgendes. Von Synipliyttint officinale 
wächst an der mittleren Weser eine blaßgelb 
blühende, an dem Nebenflusse Aller eine dunkel- 
violette Form. Von der Vereinigung der beiden 
Flüsse an abwärts findet sich regelmäßig nur die 
violette Form, aber mit Einmischung einzelner 
mehr oder minder rosa blühender Exemplare, die 
wohl als Kreuzungen zu deuten sind und weiter 
stromabwärts seltener werden. In ähnlicher Weise 
pflegen die blaßgelbe Scabiosa ocJiroleuca und die 
hellblaue Sc. columbaria einander auszuschließen; 
auch das gelblich weiße Phyteuma spicatum und 
das schwarzviolette Ph. niirrum bewohnen im all- 



N. F. Vin Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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gemeinen getrennte Standorte, doch entstehen da, 
wo beide Rassen zusammcntreft'en, stets zahlreiche 
Kreuzungsformen. Caf'sc/lir nihclla ist eine süd- 
europäische, sehr beständige Pflanze, die sich 
indes von der viel weiter verbreiteten, formen- 
reichen C. Bursa pasloris nur durcii geringfügige 
Merkmale untersciieidet. Beide F'ormen wachsen 
häufig nebeneinander, ohne daß Übergänge vor- 
kommen, doch treten zuweilen anscheinende 
Kreuzungen auf, die merkwürdigerweise so gut 
wie vollkommen unfruchtbar zu sein pflegen. 
Auch andere nahe verwandte Arten wachsen 
häufig gemischt, ohne sich gegenseitig zu beein- 
flussen, wenn auch hie und da Mischlinge vor- 
kommen. Solche trotz ihrer Aiinliciikeit gut ge- 
trennte, nahe verwandle Arten oder Rassen 
sind z. B. Festitca elatior und F. arundinacca, 
Scirpus lacuster und ^i:. Tabernaciitontani, Luzula 
campestris und L. midtiflora, Viola silvatica und 
V. Rivhiiaita, Alcctorolopliiis major und A. minor. 
Der Ähnlichkeit wegen mag hier noch ein Fall 
erwähnt werden, der einen zweihäusigen Formen- 
kreis betrifft , also eigentlich an anderer Stelle 
besprochen werden müßte. Mclandryum rubrum 
und M. album sind zwei nahe verwandte Arten, 
von denen jede ihrem besonderen Standorte, dem 
Walde und dem oflenen Felde, vorzüglich ange- 
paßt ist. Die beiden Arten trefi'en oft zusammen 
und werden dann stets gekreuzt; die Mischlinge 
sind fast vollkommen fruchtbar, aber sie sind beim 
Wettbewerb mit den Stammarten an jedem 
Standorte im Nachteil. Die beiden echten Arten 
werden somit durch derartige Kreuzungen so gut 
wie gar nicht beeinflußt ; sie fließen selbst an einzelnen 
Stellen kaum irgendwo zusammen. Sind einmal 
ähnliche Arten gut an verschiedene Lebens- 
bedingungen angepaßt, so führen selbst häufige 
Kreuzungen zu keiner Beeinflussung der Stamm- 
arten. 

Die angeführten Beispiele zeigen, daß gar 
keine großen Entfernungen nötig sind, um zwei 
nahe verwandte Arten und Rassen in genügender 
Weise getrennt zu halten, so daß sie einander 
trotz gelegentlicher Kreuzungen kaum beeinflussen. 
In einigen Fällen (z. B. Alectoroloplius, Festuca) 
vermögen wir noch keinen Grund einzusehen, 
weshalb keine Vermischung eintritt; wir können 
bis jetzt nur die Tatsache verzeichnen. Auch 
gibt es Fälle, in denen das wirkliche Verhältnis 
zweier Formenkreise zueinander zweifelhaft ist, 
z. B. Ranunculus Flannnula und A'. reptans, Carex 
flava und C. OcJeri. 

Ein besonderer Fall ist es, wenn durch den 
Menschen zusammengebrachte, verwandte Arten 
zusammentreffen. In einigen Phallen fehlen an den 
neuen Standorten die Kreuzungsvermittler; man 
kann daher die verschiedenen Arten und Rassen 
aus den Formenkreisen der Datura Straiumonium 
und des Pisum sativum nebeneinander kultivieren, 
ohne daß irgendwelche Kreuzungen eintreten, 
obgleich man mit Leichtigkeit Mischlinge durch 
künstliche Bestäubung erzeugen kann. In anderen 



Fällen findet dagegen eine so wirksame Mischung 
statt, daß die ursprünglichen Formen in der Nach- 
kommenschaft vollständig verschwinden. Die in 
Amerika standörtlich getrennten, eng verwandten 
Arten oder Rassen aus dem F"ormenkreisc von 
Bcrberis Aquifolium sind in europäischen Gärten, 
in denen sie kultiviert wurden, zu einer formen- 
reichen Sammelart verschmolzen. In diesem 
Falle haben die Gärtner nur wenig zu den 
Kreuzungen beigetragen, dagegen sind durch ihre 
Bemühungen viele Arten von Ziergewächsen so 
gemischt worden, daß die echten Stammformen 
kaum wieder zu finden sind. Ein großer Teil 
unserer Nutzpflanzen ist im Laufe langer Kultur 
aus unabsichtlichen Kreuzungen hervorgegangen. 
Man darf diese Beispiele, in denen die freie 
Kreuzung ihre mächtige Wirkung ausgeübt hat, 
nicht außer acht lassen, wenn man sich mit den 
zahlreichen Fällen beschäftigt, in denen sie offenbar 
völlig bedeutungslos ist. 

Es wird nun notwendig sein, diejenigen Fälle 
zu erörtern, in denen es sich nicht um die Ver- 
gesellschaftung zweier oder weniger nahe ver- 
wandter Rassen, sondern um ganze Rasse n- 
oder Artensch wärme handelt, die gleichsam 
in einem Schöpfungszentrum vereinigt sind. Der 
französische Botaniker Alexis Joidan hat nach- 
drücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die 
meisten sog. Spezies der Floristen keineswegs aus 
gleichwertigen und wirklich gleichartigen Individuen, 
sondern aus mehr oder minder zahlreichen 
engeren Formenkreisen, die er „especes affines" 
nannte, zusammengesetzt sind. Wir würden diese 
samenbeständigen Formen, die große Analogie 
mit vielen sog. „Varietäten" unserer Kulturge- 
wächse zeigen, heute als Rassen oder Kleinarten 
bezeichnen. Jordan, der in kirchlichen Vor- 
urteilen befangen war, hat sich zwar als sorg- 
fältiger Beobachter erwiesen, aber es lag ihm jedes 
Nachdenken über naturwissenschaftliche Tatsachen 
völlig fern. Er gab keine Deutung seiner Er- 
fahrungen, aber andere Botaniker, welche die 
Richtigkeit seiner Beobachtungen anerkannten, 
haben wohl allgemein seine meisten especes affines 
für unmittelbar entstandene erbliche Varietäten 
gehalten; wenn sie gut ausgeprägt wären, würde 
man sie heute wohl „Mutationen" nennen. Es 
fehlt indessen bis jetzt die Beweisführung für diese 
Auffassung der Bildungsweise der Kleinarten ; es 
fragt sich auch, ob und inwieweit Rassenkreuzungen 
an der pLntstehung der Kleinarten beteiligt sind. 

Beispielsweise unterschied Jordan in der 
früher als formenreiche Art betrachteten ein- 
jährigen Draba verna etwa 200 especes affines, 
die sich nebeneinander im Garten kultivieren 
ließen und sich nach Jordan 's Behauptung als 
streng samenbeständig erwiesen. Wie diese Tat- 
sache kontrolliert werden konnte, ist freilich 
schwer zu verstehen; möglich wäre der sichere 
Nachweis nur durch Aussaat an entfernter Stelle. 
Kreuzungen beobachtete Jordan nicht. In ent- 
sprechender Weise prüfte oder beurteilte er andere 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 6 



Sammelarten. L. Reichenbach hat später die 
Gattung Scleravtlius in ähnlicher Weise behandelt, 
wie es Jordan mit Draba venia gemacht hat. 
Gandoger und andere haben Jordan 's Werk 
fortgesetzt, aber es ist ihnen nicht gelungen, das 
Auffassungsvermögen anderer Botaniker so zu 
schärfen, daß dieselben viele der especes affines 
wiedererkennen. Blickt man indessen in die 
neueren floristischen Spezialarbeiten , z. B. in 
Ascherson und Graebner's Synopsis der 
mitteleuropäischen Flora, so erkennt man bald, 
daß von einem einheitlichen Anbegriff keine Rede 
mehr sein kann, daß vielmehr die Hauptarten 
meistens aus Unterarten, Rassen, Leitarten, Ab- 
arten usw. zusammengesetzt sind. Es steht jeden- 
falls fest, daß in vielen Fällen zahlreiche ausgeprägte 
Kleinarten oder especes affines gesellig vorkommen 
und sich unter diesen Umständen beständig zeigen, 
anscheinend ohne einen merklichen Einfluß der 
freien Kreuzungsmöglichkeit. Allerdings gibt es 
auch Fälle, in denen sich das Schwanken des Arttypus 
leichter durch die Annahme vorhandener Rassen, 
die stets wieder gekreuzt werden, verstehen läßt. 
Nun gibt es aber auch Artenschwärme, 
deren Glieder durch wesentlichere Unterschiede, 
als die der especes affines zu sein pfiegen, ge- 
trennt sind. In Mitteleuropa trifft man sehr häufig 
kleine Waldungen oder Gebüsche an, in denen 
Dutzende von Arten aus den Gattungen Rabiis, 
Rosa oder Hieraciiim nebeneinander wachsen. In 
einer Entfernung von wenigen Kilometern kann 
man einen anderen Wald untersuchen, der einige 
übereinstimmende, aber außerdem auch mehr oder 
weniger zahlreiche andere Arten enthält. Um 
sich die Entstehung von ,, Schöpfungsherden" an 
einem Beispiel in kleinstem Maßstabe klar zu 
machen, sei hier an Le vi er 's Schilderung der 
italienischen Tulpenfundorte erinnert. In Getreide- 
feldern Mittelitaliens haben sich an zerstreuten 
Stellen Tulpen eingebürgert, die anscheinend ver- 
änderte Abkömmlinge orientalischer wilder Arten 
sind. Sie sind an jedem Standorte sehr gleich- 
förmig, erhalten sich durch Zwiebelvermehrung, 
bringen aber sehr selten P'rüchie. Von Zeit zu 
Zeit erscheinen nun neue Tulpenarten, aber fast 
immer an den Stellen, an denen schon von jeher 
das Vorkommen von Tulpen bekannt war. Bei 
der Augenfälligkeit der Blumen und bei dem 
Interesse, das sie bei Botanikern und Liebhabern 
erregen, ist es unmöglich, anzunehmen, daß die 
neuen Arten früher übersehen sind. Sie sind 
offenbar wirklich neu entstanden. Der Schöpfungs- 
herd liegt ohne Zweifel in einer der seit langer 
Zeit eingebürgerten und bekannten Tulpen, die 
mit eigenem Blütenstäube völlig unfruchtbar sind. 
Wird nun einmal durch irgendeinen Zufall Pollen 
einer Gartentnlpe auf eine Feldtulpennarbe ge- 
führt, so werden Samen erzeugt, die ausgestreut 
werden und Mischlinge entstehen lassen, welche 
sich ohne Samen durch Zwiebeln vermehren. 
Solche Mischlinge sind die in dem Schöpfungs- 
herde gebildeten neuen Arten. 



Die zahlreichen gesellig wachsenden Arten 
von Rtlbus, Rosa und Hieraciiim haben nun eine 
gemeinsame Eigentümlichkeit: in ihrem Blüten- 
stäube findet man mehr oder minder zahlreiche 
mißgebildete oder verkümmerte Körner. Der- 
artigen ,, mischkörnigen" Blütenstaub trifft man fast 
regelmäßig bei Bastarden an. — Bei Riibiis liegen 
nun die Verhältnisse folgendermaßen. Es gibt in 
Mitteleuropa unter den schwarzfrüchtigen Brom- 
beeren drei weit verbreitete, allerdings variable 
Arten, die einen gleichkörnigen Blütenstaub be- 
sitzen. Wo sie zusammentreffen, bilden sie sehr 
häufig lebenskräftige, wuchernde aber wenig 
fruchtbare Bastarde. Zwei der Arten, R. caesius 
und R. toiiicntosits, liefern auch häufig Kreuzungen 
mit den übrigen Ritbiis-¥ormex\\ die dritte Art 
(R. iilmifolius oder R. rusticaniis) tut es ebenfalls, 
aber seltener. Unter den zahlreichen misch- 
körnigen Riibiis-Voxvc\tx\ sind manche gut abge- 
grenzte und recht beständige Arten vorhanden, 
die auch eine ansehnliche Verbreitung besitzen 
(z. B. R. stiberectiis, siilcatiis, Qiiesticrii, Sprcngelii, 
rii'iis, scaber Bellardii usw.). Solche Arten 
wachsen gewöhnlich zu mehreren oder vielen ge- 
sellig; Bastarde zwischen ihnen sind selten. Aller- 
dings gibt es einzelne Arten, z. B. R. vestilns und 
R. bifroiis, die in ähnlicher Weise wie R. caesius 
und R. tomentosus, leicht Verbindungen mit an- 
deren Arten eingehen. Auch wenn man die 
Schwierigkeit der Erkennung von Mischlingen 
zwischen ähnlichen Arten sorgfältig berücksichtigt, 
kann man sich nicht der Wahrnehmung entziehen, 
daß die nahe verwandten Riibus-Krxtn sich selten 
fruchtbar kreuzen. Es ist vollkommen unrichtig, 
wenn man allgemeingültige Behauptungen über 
Kreuzungsmöglichkeiten aufstellen will. Etwas 
veränderte Umstände bedingen manchmal ein 
vollständig verschiedenes Verhalten. Wo z. B. in 
Norddeutschland Potentilla procumbcns mit P. 
Tornientilla zusammentrifft, entstehen zahlreiche 
Mischlinge, die meistens viel häufiger sind als die 
P. prociinibens selbst, welche von ihnen an vielen 
Stellen ganz verdrängt worden ist. In England 
dagegen kommen zwar Kreuzungen der beiden 
Potentillcn vor, aber man muß danach suchen, 
da die echte P. procunibens unverhältnismäßig viel 
häufiger ist als die Mischlinge. 

Die Entstehung beständiger gekreuzter Rassen 
in den Gärten, sowie mancherlei einzelne Tat- 
sachen bestätigen die Ansicht, daß die Rubi mit 
mischkörnigem Blütenstaub aus Kreuzungen her- 
vorgegangen sind, die z. T. schon vor der Eiszeit 
erfolgt sein mögen. Zu weiteren Kreuzungen 
sind viele der Mischrassen wenig geneigt. — Mehr 
oder minder analoge Verhältnisse wie bei Ridnis 
finden sich bei Rosa und Hieraciiim, sowie bei 
manchen Potcntillen, Centaurcen und zahlreichen 
anderen Pflanzen. 

Die in die dritte Abteilung gestellten Pflanzen, 
bei welchen die Bestäubung durch Pollen eines 
anderen Stockes für die Fruchtbildung notwendig, 
Selbstbestäubung also ausgeschlossen 



N. F. Vin. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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ist, bieten viele außerordentlich interessante Ver- 
schiedenheiten, aus denen sich mancherlei Finger- 
zeige für die Entstehungsgeschichte der Arten 
entnehmen lassen. Die gesellig wachsenden ver- 
wandten Rassen scheinen indessen nicht zahlreich 
zu sein. Die durch Kreuzung zweier einander 
nahestehenden Arten entstandenen Stöcke be- 
dürfen zur Samenbildung Fremdbestäubung, haben 
aber sehr geringe .Aussicht von einer ihnen selbst 
ähnlichen Pflanze gleichen Ursprungs bestäubt zu 
werden oder dieselbe ihrerseits zu befruchten. Jede 
Kreuzung hat also fast immer weitere Kreuzungen 
ungleicher Stöcke zur Folge; die Entwicklung 
neuer Rassen aus den Kreuzungen ist im allge- 
meinen erst dann möglich, wenn zwei Formen- 
kreise nahezu vollständig verschmolzen sind und 
darauf Isolierungen eintreten, die an jedem Orte 
das Gedeihen der den dortigen Verhältnissen am 
besten angepaßten Formen des veränderlichen 
Sammeltypus begünstigen. 

Unter den zweihäusigen Gewächsen ist allein 
die Gattung Salix in Europa durch zahlreiche, 
zum Teil vergesellschaftet vorkommende Arten 
vertreten. Bei Salix sind Artenkreuzungen sehr 
häufig, scheinen aber auf die Stammarten kaum 
einen abändernden Einfluß auszuüben. Beachtens- 
wert für die in diesen Betrachtungen erörterten 
Verhältnisse sind namentlich zwei Reihen von! 
Salix- h.x\.en. Eine derselben besteht aus den ein-J 
ander nahe verwandten Arten der Caprea-Grup^e:] 
{Salix caprea, grandifolia, silcsiaca, aurita, cinerea)]-^ 
von denen oft mehrere standörtlich gemischt vor-,- 
kommen. Trotz ihrer Ähnlichkeit, ihres örtlichen 
Zusammenwohnens und der Trennung der Ge- 
schlechter findet man Kreuzungen zwischen ihnen 
nicht häufig. Jede Art bewahrt ihren Charakter 
und es ist keine Isolierung notwendig, um jeder 
Art ihre Selbständigkeit zu erhalten. Die zweite 
Reihe wird aus völlig verschiedenen Arten ge- 
bildet, die nur in ihrer großen Veränderlichkeit 
übereinstimmen. Die ausgeprägtesten Glieder 
ihrer Formenkreise sind untereinander so ungleich, 
daß man an ihrer spezifischen Verschiedenheit 
niemals zweifeln würde, wenn nicht alle Mittel- 
formen vorkämen, ohne irgendwelche Zeichen von 
Hybridität aufzuweisen. Zu diesen veränderlichen 
Arten gehören Salix repens, S. triandra {ainyg- 
dalind), S. nigricans. Ihre Formenkreise sehen so 
aus, als ob in ihnen je zwei oder mehrere ver- 
wandte Arten oder Rassen durch fortgesetzte 
Kreuzungen verschmolzen seien. Man kann sie 
mit manchen gekreuzten Kulturpflanzen ver- 
gleichen. 

Es scheint mir, als ob die geographische Ver- 
breitung der zweihäusigen und der mit eigenem 
Blütenstaub unfruchtbaren Gewächse viel mehr 
Ähnlichkeit mit den bei den Tieren beobachteten 
Verhältnissen hat. Trennung der Geschlechter 



erfordert bei Pflanzen wie bei Tieren wirksame 
Mittel zur Verhütung von Mischungen, wenn man 
selbständige reine Rassen züchten oder entstehen 
lassen will. 

Schlußbetrachtungen. Aus den ange- 
führten Tatsachen läßt sich keine allgemeine Regel 
darüber ableiten, ob verwandte Arten und Rassen 
getrennt oder gesellig vorzukommen pflegen. Man 
denke einerseits an die Parallelformen des Kalks 
und des kristallinischen Gesteins, andererseits an 
die Artenschwärme der Rubi und der especes 
affines. — Eine ganz allgemeine Fragestellung 
nach dem örtlichen (geographischen) Verhalten 
der verwandten Formen dürfte ziemlich unfrucht- 
bar sein. Über die Folgen der Isolierung und 
über ihre Wichtigkeit für die Entstehung neuer 
Arten macht man sich ebenso häufig unrichtige 
Vorstellungen, wie über die Allgemeinheit der 
Wirkungen freier Kreuzung. — Geschlechtliche 
Vermischung und Kreuzung verschiedener Stöcke 
sind notwendig für die Erhaltung der Biegsam- 
keit, der Veränderlichkeit, der Anpassungsfähig- 
keit und Widerstandskraft. Sollen sich aus Ab- 
änderungen neue Arten entwickeln, so ist aller- 
dings eine Beschränkung der freien Kreuzung, ein 
gewisser Grad von Inzucht, notwendig. Die Ab- 
sonderung der beginnenden Arien kann eine 
I räumliche oder zeitliche (Blütezeit) sein; bei der 
räumlichen Trennung braucht man aber nicht 
' notwendig an weite Abstände zu denken ; vielmehr 
' genügt eine Anpassung an verschiedene stand- 
örtliche Verhältnisse (Chemismus, Wasser- oder 
Lichtbedürfnis) vollkommen. Es wird ferner 
häufig beobachtet, daß verwandte Arten und 
Rassen geringe Neigung zeigen, Kreuzungen mit- 
einander einzugehen, ohne daß sich jedesmal ein 
äußerer Grund für dies Verhalten vermuten läßt. 
Es kommen sowohl allmähliche (Pedigree- 
Züchtungen) wie plötzliche (Mutationenj Abände- 
rungen vor. 

Auf die Unterscheidung, ob Variation, ob 
Mutation, vermag ich keinen erheblichen Wert 
zu legen. Wir müssen uns darüber klar werden, 
daß unsere ganze Merkmalsystematik nur ein 
vorläufiger Notbehelf ist, durch den wir uns einen 
allgemeinen Überblick über die Pflanzengestalten 
verschaffen wollen. Der wirkliche Gegenstand 
unserer Untersuchungen ist die lebende Pflanze 
mit ihrer verwickelten chemisch-physikalischen 
Tätigkeit, durch welche die spezifischen 
Albumosen gebildet und der spezifische Auf- 
bau der Organe sowie die äußere Gestalt be- 
stimmt werden. Nicht in den einzelnen Merk- 
malen, nicht in den Formschwankungen der Laub- 
und Blütenblätter oder in der Behaarung und 
Färbung, sondern in den inneren Stoff- 
wechselvorgängen liegen die wirklichen Ur- 
sachen der spezifischen Verschiedenheiten. 



88 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 6 



Kleinere Mitteilungen. 

Die neuesten Forschungen über die fossilen 
Saurier bildeten den Gegenstand einer Vorlesung, 
die der Direktor des Berliner zoolo^jischen Mu- 
seums, Prof. Dr. Brauer, für den Oberlehrer- Ferien- 
kursus am 3. Oktober 1908 hielt und aus deren 
interessantem Inhalt hier einiges berichtet werden 
soll. 

Die Hauptentwicklung der Saurier fällt in das 
Mesozoikum, jene etwa vier bis fünf Millionen 
Jahre zurückliegende Epoche der Erdgeschichte, 
da Europa infolge einer starken Meerestransgression 
in ein System von Inseln aufgelöst war und die 
eruptive Tätigkeit so gut wie völlig pausierte, so 
daß die Ablagerung der Schichten sehr gleich- 
mäßig und ungestört stattfand, ein Umstand, der 
den Reichtum der mesozoischen Ablagerungen 
an gut erhaltenen fossilen Resten bedingte. 



Größe bis hinauf zu jenen riesenhaften Formen, 
von denen nachher gesprochen werden soll. 

Wir unterscheiden unter den mesozoischen 
Reptilien vier Gruppen, die Ichthyopterygii, 
Sauropterygii, Patagiosaurier (Flugsaurier) und die 
Dinosaurier. 

Die besten Fundstätten der Ichthyosaurier 
und Plesiosauren sind Lyme Regis in England 
und Holzmaden bei Stuttgart. Die betreffenden 
Schichten liegen in Holzmaden nahe der Erdober- 
fläche (vgl. Fig. 1) und sind nur wenige Zenti- 
meter dick. Eine ausgebrochene Platte zeigt zu- 
nächst nur dem kundigen Auge, ob sie einen 
Tierrest einschließt und daher eine Präparation 
lohnt. Da das Gestein sehr brüchig ist, muß mit 
größter Vorsicht bei der Bloßlegung der fossilen 
Reste gearbeitet werden, so daß jede Präparation 
für mehrere Monate Arbeit gibt und oftmals eine 
künstliche Zusammensetzung aus vielen Bruch- 







Fig. I. Ein Posidonienschieferbruch (Lias «) in Holzmaden. 



Neben den massenhaft die damaligen Meere 
bevölkernden Ammoniten war die Fauna jener 
Zeit in erster Linie durch die zahlreichen Arten 
der Reptilien gekennzeichnet. 

Die Reptilien des Mesozoikums sind bereits 
ebenso wie die heut lebenden Ordnungen in zwei 
Gruppen geteilt, bei deren einer das Quadratbein 
beweglich eingelenkt ist, während es bei der 
anderen fest mit den Schädelknochen verbunden 
ist. Die gemeinsame Wurzel dieser beiden Gruppen 
ist demnach in früherer Zeit zu suchen , doch ist 
darüber wegen der weniger guten Erhaltung der 
älteren fossilen Reste nichts näheres bekannt. 
Im Mesozoikum beherrschen die Reptilien das 
Land, das Meer und sogar auch die Luft und 
zeigen sich uns in Arten der verschiedensten 



stücken erfordert. ') In Holzmaden werden all- 
jährlich über hundert Tiere gefunden und unter 
der umsichtigen Leitung von Herrn B. Hauff 
kunstgemäß präpariert. Der Freundlichkeit dieses 
Herrn verdanken wir die Vorlagen zu den Ab- 
bildungen I — 6. Aller Wahrscheinlichkeit nach 
war in dem Jura Meer hier in Holzmaden eine 
Meeresbucht, in welcher die Fischsaurier in großen 
Scharen lebten und nach ihrem Absterben durch 
eine schnelle Schlammeinbettung vor gänzlicher 
Zerstörung geschützt wurden. 

Beim Plesiosaurus (Fig. 3) sind die Körper- 
regionen scharf abgegrenzt, das Tier zeigt also 



') Vgl. den in Fig. 2 abgebildeten Fund , bei dem eben 
erst mit der Präparation begonnen worden. 



N. F. VIII. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



89 




i£? 




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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 6 





F. N. Vin. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



91 



noch seine Abstammung von Landtieren. Auch 
ist noch nicht der Schwanz das Hauptbewegungs- 
organ, sondern die Extremitäten. Der lange, aus 
41 Wirbeln bestehende Hals gab dem Tiere die 
Möglichkeit, große Flächen abzufischen. 

Der Ichthyosaurus (Fig. 4) zeigt eine 
große .Ähnlichkeit mit den Zahnwalen der Gegen- 
wart. Der Körper ist nicht mehr in seine Haupt- 
regionen abgegliedert, das Gebiß besteht aus lauter 
gleichen, spitzen Zähnen, der Schwanz ist das 
Hauptbewegungsorgan ; die hinteren Extremitäten 
sind zwar noch vorhanden, aber kleiner als die 
vorderen, die eine typische F"losse darstellen. Auch 
Rücken- und Schwanzflosse sind nach neueren 
Pfunden vorhanden gewesen, letztere allerdings 
wie bei den Fischen vertikal stehend, nicht hori- 
zontal wie bei Walen. Das Ende der Wirbelsäule 
biegt nicht wie bei Knorpelfischen nach der dor- 
salen Seite in die Schwanzflosse ab, sondern nach 
der ventralen Seite. Zuerst hielt man diese plötz- 
liche Abbiegung nach abwärts für eine zufällige 
Verdrückung. Da aber sämtliche F"unde die 
gleiche Erscheinung zeigen, muß die ventrale Ab- 
knickung der Wirbelsäule bereits allgemein im 
Leben vorhanden gewesen sein. — Trotz aller 
Ähnlichkeiten können die Wale nicht vom Ichthyo- 
saurus abstammen, wie man eine Zeitlang wohl 
angenommen hat. Das Studium der Wale ergibt 
mit voller Sicherheit, daß sie von Landsäuge- 
tieren abstammen müssen. Dies zeigt nament- 
lich der Walembryo. Ebenso sind die Ichthyo- 
sauren nicht etwa direkt von Fischen , sondern 
von Landreptilien abzuleiten. Die Ähnlichkeiten 
zwischen Fischen, Ichthyosaurus und Walen sind 
also lediglich als Konvergenzerscheinungen auf- 
zufassen, die durch Anpassung an das flüssige 
Element zu erklären sind. 

Bei 14 Exemplaren hat man im Innern der 
Ichthyosauren junge Tiere gefunden, und zwar i 
bis 1 1 in einem Exemplar. Auch unsere Abbil- 
dung Figur 5 läßt ein solches Junges erkennen. 
Es ist lange darüber gestritten worden, ob es sich 
hier um Embryonen oder von den Alten aufge- 
fressene Junge handelt. Fraas hält die jungen 
Tiere für Embryonen, zumal sie keine Spuren der 
Verdauung aufweisen und eines eine für Embryonen 
charakteristische Krümmung zeigt. Branca ist 
gegenteiliger Ansicht, da die Lage der jungen 
Tierchen eine sehr verschiedene ist. Viele liegen 
im Halse und von den 36 aufgefundenen Jungen 
zeigen nur 6 die normale Geburtslage (Kopf nach 
hinten), alle übrigen haben Steißgeburtlage, die 
nirgends im Tierreich normal ist. Auch die un- 
gleiche Anzahl der in einem Tier gefundenen 
Jungen muß Bedenken gegen die Embryonen- 
theorie erregen. Vielleicht sind beide Ansichten 
für je einen Teil der Funde zutreffend. Die 
Ichthyosauren müßten dann also lebendig gebärend 
gewesen sein. 

Einen auffallenden Gegensatz zu den Fisch- 
sauriern, die durch ihre Flossen und nackte Haut 
eine weitgehende Anpassung an den Aufenthalt 



im Meere zeigen, [bilden die namentlich in den 
Schiefern von BoU bei Göppingen vorkommenden 




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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vin. Nr. 6 



Teleosaurier, die mit dicl<en, viereclcigen Knochen- 
schildern bedeckt waren und durch ihre längeren 
Gliedmaßen wohl befähigt waren, sich auch auf 
dem Lande zu bewegen. Als ein Beispiel dieser 
Gruppe führen wir unseren Lesern in F'igur 6 ein 
Prachtexemplar des MyStriosaurus BoUensis vor 
Augen. 

Die Flugsaurier sind in hohem Maße an 
die Bewegung durch die Luft angepaßt, was man 
bei heutigen Reptilien nur in geringem Maße 
von einer einzigen Art, Draco volans, sagen kann. Da 
wir unter den fossilen Reptilien etwa 6o Arten finden, 
die das P'lugvermögen besaßen, und zwar darunter 



dagegen reduziert , die Flughaut trägt Federn. 
Bei den Flugsauriern finden wir eine nackte Flug- 
haut , Ober- und Unterarm sind kurz, dagegen 
der letzte Handfinger sehr stark verlängert. Un- 
möglich können daher die Vögel von diesen 
Formen abstammen, obgleich sie wohl von Rep- 
tilien abstammen mögen. Als Ubergangsformen 
können Archaeopteryx und Vögel der Kreidezeit 
mit bezahnten Kiefern (Ichthyornis) bezeichnet 
werden. Bei Archaeopteryx finden wir Federn, 
eine geschlossene Schädelkapsel, vogelartige Hinter- 
extremitäten, aber Zähne, drei freie, mit Krallen 
versehene Finger, einen langen Schwanz und nicht 




Fig. 7. Diplodocus Carnegiei, aufgestellt im- Lichthof des Berliner Museums für Naturkunde. 
(Mit Genehmigung der Redaktion der illustrierten Zeitung ,,Der Tag".) 



solche von der Größe eines Sperlings bis zu sol- 
chen, deren Spannweite 7';'., m beträgt (Pteranodon), 
so ist anzunehmen, daß sie sehr zahlreich gewesen 
sind. 

Der wichtigste Fundort für Flugsaurier ist 
Solnhofen in Bayern, wo ja auch die beiden bis 
jetzt bekannten Exemplare des berühmten Archaeo- 
pteryx gefunden wurden. Schon die Flugsaurier 
zeigen pneumatische Knochen und andere Ähn- 
lichkeiten mit Vögeln , sie sind aber nach dem 
Sacrum und vor allem nach dem Bau der Flug- 
organe echte Reptilien. Bei den Vögeln ist der 
Ober- und Unterarm stark verlängert, die Hand 



sehr stark ausgebildetes Becken. Das Tier war 
zu neun Zehnteln ein Vogel, aber zu einem Zehntel 
noch Reptil. Von welchen Reptilien die Vögel 
aber abzuleiten sind, ist noch nicht ermittelt. 
Fossile Funde, die den Übergang von Fallschirm- 
reptilien , die einen hohen Punkt durch Klettern 
erreichten, vermitteln, fehlen. Daß aber die Vögel 
von diesen und nicht von Flugsauriern abstammen, 
wird z. B. durch den Besitz des Daumens bei 
heutigen Vögeln wahrscheinlich gemacht, der mit- 
unter sogar noch eine Kralle hat und vom 
jungen Opisthocomus noch zum Klettern benutzt 
wird. 



N. F. Vin. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



93 



Unser besonderes Interesse beanspruchen nun 
nocli die Dinosaurier, jene g^ewaitigen Land- 
tiere, deren Spuren sich hauptsäclilich in Belgien 
und in den Rocky Mountains von Nordamerika 
gefunden haben. In Deutschland ist von dieser 
Tiergruppe leider nichts zu finden. In neue- 
ster Zeit sind allerdings auch auf deutschem 
Gebiet, nämlich bei Lindi in Ostafrika, Dino- 
saurierreste von Fraas entdeckt worden. Der 
Boden ist an der betreftenden Stelle mit zer- 
fallenen Knochen von Sauriern bedeckt, in der 
Erde aber findet man wohlerhaltene Skelette, und 
zwar in losem Sande, so daß die Ausgrabung 
ohne sehr erhebliche Kosten möglich sein wird. 
Zunächst ist das Terrain von der Regierung ge- 
sperrt worden, aber die Ankunft der wertvollen 
Funde im Vaterland wird noch eine Weile auf 
sich warten lassen.') Wir müssen uns daher vor- 
läufig mit den Nachrichten über die amerikanischen 
Funde '), beziehentlich mit dem von Carnegie in 
großherziger Weise dem deutschen Kaiser ge- 
schenkten Abguß eines Diplodocus, der sich 
im Berliner zoologischen IVIuseum befindet (vgl. 
Figur 7), begnügen. Die auf Kosten des Milliardärs 
Carnegie ausgeführten Ausgrabungen dieser Tiere 
wurden 190 1 begonnen und haben bis jetzt vier 
Skelette zutage gefördert , die bis auf das noch 
fehlende Schlüsselbein alle Knochen lieferten, so 
daß eben die Rekonstruktion eines vollständigen 
Skeletts möglich war, das im Original in Pitts- 
burgh verblieben ist. Manche der Tiere müssen 
die für Landbewohner enorme Länge von 40 m 
gehabt haben. Allein der Oberschenkel ist 1^2™ 
lang. Außerordentlich lang sind auch Hals und 
Schwanz, ersterer aus 15 sehr großen, letzterer 
aus 'J'^ am Ende sehr klein werdenden Wirbeln 
zusammengesetzt. Der Schädel ist im Vergleich 
zum übrigen Körper merkwürdig klein, nämlich 
nur ^/j m lang. Der Atlas ist nur '/j cm breit, 
aber nach dem Rücken zu werden die Wirbel 
immer größer. Der lange, dünne Schwanz hat 
wahrscheinlich als Waffe gedient. Der Name 
Diplodocus (mit doppelten Spangen) kommt da- 
her, daß die unteren Fortsätze der Schwanzwirbel 
doppelt, schlittenartig ausgebildet sind. 

Diplodocus hatte nur Schneidezähne, keine 
Backenzähne und war jedenfalls ein in Sümpfen 
oder seichten Gewässern lebendes Tier. Auf dem 
trockenen Lande würde es den Kampf mit kräf- 
tiger bezahnten Dinosauriern nicht bestanden 
haben. Die Schädelhöhle ist nur 6 cm lang. 
Die geistige Tätigkeit dürfte eine minimale ge- 
wesen sein. Im Gegensatz zum minimalen Gehirn 
steht die enorme Anschwellung im sakralen Teil 
des Rückenmarks. Man hat sie auch als Sakral- 
gehirn bezeichnet. Die Enge der Beckenöfi'nung 
deutet darauf hin, daß das Tier ziemlich kleine 



Eier, ähnlich wie die heutigen Riesenschildkröten, 
gelegt haben mag. Das Wachstum muß ein sehr 
langsames gewesen sein , so daß dem ausge- 
wachsenen Tier wohl ein Alter von 200 Jahren 
zuzuschreiben sein wird. Veränderte Lebens- 
bedingungen, die am Ende der Kreidezeit ein- 
traten, dürften das Aussterben der Dinosaurier 
bewirkt haben. Kbr. 



Onosma der Mainzer Sandflora Adventiv- 
pflanze? — Beim Lesen des interessanten Ar- 
tikels von Ernst H. L. Krause über den Namen 
Veronica in Nr. 31 vorigen Jahrganges fiel es mir 
auf, daß unter den alten Kräuterbüchern, die 
Verf auf diesen Namen hin durchgesehen hat, das 
von Lonitzer fehlt. Um zu sehen, ob dies über 
die Angelegenheit nichts enthalte, nahm ich es 
(Ausgabe von 1557) zur Hand. Was ich suchte, 
fand ich nun allerdings nicht, aber vergeblich war 
mein Suchen doch nicht; denn ungewollt machte 
ich dabei eine mir erfreuliche Entdeckung, die 
auch der Erwähnung an dieser Stelle wert sein 
dürfte. 

Ernst H. L. Krause hat im Jahre 1904 in 
Nr. 24 der Naturw. Wochenschrift Stellung ge- 
nommen gegen die von Jännicke aufgestellte 
Theorie, nach der die Flora des Mainzer Sand- 
gebietes als Relikt aus der Steppenzeit anzusehen 
ist. In Nr. 45 dieser Zeitschrift habe ich meine 
Bedenken gegen seine Ausführungen dargelegt 
und einzelne seiner Annahmen widerlegt. So 
konnte ich z. B. seine Behauptung, daß Onosma 
arenarium, diese typische Steppenpflanze, eine 
Adventivpflanze sei, die erst nach 18 14 dort 
aufgefunden worden sei, als irrtümlich nachweisen, 
indem ich aus der Literatur zeigte, daß sie bereits 
1794 in Menge dagewesen ist. Weiter zurück 
konnte ich damals ihr hiesiges Vorkommen nicht 
verfolgen, und doch hatte ich den Beweis ihres 
Indigenates, den ich erst jetzt gefunden habe, in 
allernächster Nähe bei mir stehen, nämlich in 
Lonitzer's ,,New zugericht Kreuterbuch". 

Warum kam mir damals nicht der Gedanke, 
in diesem Buche nachzusuchen? Lonitzer macht, 
wenn er den Standort einer Pflanze überhaupt 
erwähnt, immer nur ganz allgemeine Angaben. 
Z. B. von der Boberelle (Physalis alkekengi): 
,,Wechßt gern inn Weingärten und andern Gärten 
ann zeunen". Oder von der Küchenschelle (Pulsa- 
tilla vulgaris): „Wechßt an sandechten und berg- 
echten orten und inn Waiden in den Dornhecken" 
usw., er gibt aber nicht, wie das H. Bock oft tut, 
bestimmte Gegenden oder gar genau den Ort an, 
wo er seine Pflanzen gefunden oder ihr Vorhan- 
densein erfahren hat.*) Ich konnte mir also von 



') Kraas fand u. a. Rückenwirbel, die die des Diplodocus 
Carnegiei um ein Drittel übertreffen und die er daher einer 
neuen Spezies zuschreibt, der er den Namen Gigantosaurus 
augustus africanus gibt. 

'■') In den Veröffentlichungen des Carnegie-Museums. 



■) Nur bei drei Pflanzen habe ich das gefunden, bei 
Lunaria und Asphodelus, die nach Exemplaren aus dem 
Garten ,,von dem Ehrsamen Joanne Nezeno, Apotecker zu 
Franckfort'* gezeichnet worden sind, und bei Platanus, wo er 
eine Angabe von H. Boch wiedergibt. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 6 



einem Suchen in diesem Buche kaum P>folg ver- 
sprechen. Und dennoch habe ich darin nachge- 
sehen, habe auch zu meiner Freude den Namen 
Onosma gefunden, konnte aber weder aus der 
Abbildung, noch aus dem Texte etwas Sicheres 
entnehmen. Erstere (S. 321) zeigt eine Wurzel 
mit einem Blätterschopf, der zwar mit dem der 
erstjährigen Pflanze von Onosma arenarium etwas 
Ähnlichkeit hat, aber ebensogut auchden von Echium 
vulgare darstellen könnte. Dazu schreibt er: 
„. . . hat vil rauhe, dicke bletter, welche auf dee 
erden ringsumb gespreytet ligen, hat kein Stengel, 
auch kein blüet oder samen. Die wurtzel ist 
lang, dünn unnd rotfarbig. Wechßt an rauhen 
orten." Hieraus konnte ich unmöglich mit nur 
einiger Wahrscheinlichkeit auf unsere Pflanze 
schließen. Scheint auch die rote Wurzel auf sie 
hinzudeuten, so kann man doch bei einer so all- 
gemeinen Standortsbezeichnung nicht an eine 
Pflanze denken, die bei uns nur in einem so be- 
schränkten Gebiet vorkommt. 

Bei der vorhin erwähnten Gelegenheit fallen 
nun heut meine Blicke auf eine Abbildung, die 
mich sofort an Onosma arenarium erinnert. Zu 
meiner Überraschung finde ich auch in dem 
dazu gehörigen Texte eine Ausnahme von der 
Regel, nämlich die ganz bestimmte Angabe eines 
Fundortes, und zwar ist dieser die Sandgegend 
zwischen Mainz und Mombach, also das 
umstrittene Steppenüberbleibsel ! Lonitzer führt 
diese Pflanze unter den Ochsenzungen auf, unter 
denen er mehrere Geschlechter unterscheidet: 
,,die gemeyne zame und wilde Ochsenzung, die 
Welsch Ochsenzung, die Wald Ochsenzung, die 
Hundszung und der Borrich." Außerdem behan- 
delt er aber noch die in der Übersicht fehlende 
„Rot Ochsenzung", die diesen Namen „von dem 
rotfarben saft'c der wurtzeln" führt. Von dieser 
Gruppe zählt er ,,nach Dioscorides" drei Ge- 
schlechter auf, bildet sie auch ab, aber nur eins 
beschreibt er genau, offenbar, weil er nur dies eine 
genau kennt, die anderen aber wenig oder gar 
nicht. Diese sorgfältig beschriebene Pflanze ist 
nun aber offenbar unser heutiges Onosma arenarium. 
Er sagt von ihr folgendes: „Das erst (Geschlecht) 
ist, so da wechßt in sandechten orten und sehr 
gemeyn ist in dem sandechten feld bei Mentz 
auff Mumbach zu . , . Sie wechßt buschecht mit 
vielen nebenzincklin, welche mit vielen äschfarb 
grauen blettern besetzt sind ; die gstalt der bletter 
ist wie an der gemeynen Ochsenzung, ') Bringt 
weisse blumen; unden auf dem erdtreich bei der 
wurtzel bringt es etliche lange, schmale, feyßte, 
schwartzgrüne rauhe bletter wie lange, schmale 
Zungen. Die wurt?el ist fingers dick, hat ein 
rote schelen , welche die finger ferbet. Und hat 
die natur, daß sie nit ferbet, so sie in wasser 
gesotten wird sonder allein mit öl oder anderm 
feyßt, Wie ich solches selbs bewert habe." ') Die 



dazu gehörige Abbildung nun ist in bezugauf Blätter, 
Stengel und Blütenstand unverkennbar Onosma 
arenarium, wenn auch die schönen, großen Blüten 
der Pflanze wenig kenntlich sind. Aber mit der 
Blütenform nimmt es der alte Herr Doktor nicht 
immer allzu genau. Und doch sind ein Paar 
Merkmale der Natur richtig abgesehen. Höchst- 
wahrscheinlich ist die Zeichnung nach einem ge- 
trockneten Exemplare gemacht. Denn einmal 
sind zwei rotbraungefärbte Blüten abgebildet; das 
sind vertrocknete, wie sie bisweilen im Kelche 
stecken bleiben. Und zweitens zeigt der eine 
Blütenstand drei hervorstehende, geknöpfte Fäden; 
das sind die nach dem Abfallen der Blumenkrone 
weit aus dem Kelche hervorragenden Griffel, 
deren Narben allerdings etwas zu dick geraten 
sind. Daß bei den Abbildungen eine Verwechse- 
lung der Überschriften stattgefunden hat — An- 
chusa tertia statt prima — kann den nicht be- 
irren, der die Pflanze kennt. Zum Überfluß habe 
ich noch das letzte Merkmal, die Löslichkeit der 
Wurzelfarbe betreffend, untersucht und gefunden, 
was Lonitzer darüber bemerkt. Ein kleines Stück 
in Wasser gesotten gab diesem kaum einen röt- 
lichen Anflug, ein ebensogroßes in Öl färbt es 
aber wundervoll dunkelrot. 

Nach alledem kann es wohl nicht mehr im 
geringsten zweifelhaft sein, daß Onosma arenarium, 
schon vor der Mitte des 16. Jahrhunderts als 
,,sehr gemein" bei Mainz bekannt, zu den uralten 
pflanzlichen Bewohnern der Gegend gehört und 
als Steppenrelikt angesehen werden muß. 

L. Geisenheyner. 



Aus dem ^vissenschaftlichen Leben. 

Ein III. Ferienkurs für wissenschaftliche Mi- 
kroskopie findet statt vom 8. — 13. März 1909 in dem 
unter Leitung von Prof, Th, Liebisch stehenden mineralog,- 
petrogr, Institut der Kgl, Universität Berlin N, 4 (Invaliden- 
straße 43). Die Apparate und Mikroskope werden von der 
optischen Werkstätte von Carl Zeiß (Jena) zur Verfügung ge- 
stellt, .\Is Dozenten werden wirken Prof, Dr. H, Ambronn, 
Dr, A, Köhler, Dr, H, Siedentopf. — Die Anmeldungen zur 
Teilnahme sind zu richten an den Kustos des mineral-petrogr, 
Museums Prof, Dr, Belowsky, Die Zahl der Teilnehmer an 
den Übungen und Demonstrationen ist auf 30, an den Vor- 
trägen auf etwa 60 beschränkt. 



') Echium vulgare. 
-) Seite 222, 



Bücherbesprechungen. 

Archiv für die Geschichte der Naturwissen- 
schaften und der Technik (F. C, W. Vogel in 
Leipzig) nennt sich ein neues Periodikum, dessen 
erstes Heft vorliegt. Als Herausgeber sind angegeben 
die Professoren v. Buchka, Stadler und S u d h o f f 
und der Oberst z. D. C, Schaefer. Die Zeitschrift 
soll in zwanglosen Heften erscheinen, von denen fünf 
einen Band zum Preise von 20 Mk, bilden. Die 
Zeitschrift will die Kenntnis der Vergangenheit auf 
den Gebieten der Naturwissenschaft und Technik 
pflegen : sicherlich ein wichtiges Unternehmen. In 
der Anzeige wird mit Recht darauf hingewiesen, daß 



N. F. VIII. Nr. 6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



95 



die Erfassung des Werdens allein ein volles Verständ- 
nis des (Gewordenen verbürgt. Das erste Heft bringt 
nach einer Einführung von v. Buchica 8 Artikel in 
fran/iösischer, italienischer, meist aber in deutscher 
Sprache und unter kleineren Mitteilungen noch eine 
Notiz aus der Feder Sudhoff's, die größeren Ar- 
tikel (das ganze Heft umfaßt 86 Seiten) haben zu 
Verfassern: Loria, Haas, Vailati, Stadler, 
Wiedemann, Erdmann, v. Meyer. 



Dr. J. E. V. Boas, Prof. der Zoologie an der Kgl. 

Landw. Hochschule zu Kopenhagen, Lehrbuch 

der Zoologie für Studierende. 5. verm. 

und verbesserte .Auflage. Mit 603 Abbildungen. 

Verlag von Gustav Fischer in Jena, 1Q08. — Preis 

12 Mk. 

Die 4. Auflage des bewährten Buches erschien 
erst 1906 und schon wieder zeigen wir eine Neu- 
auflage an. Auch an dieser sieht man die liebevoll 
verbessernde Hand. Kleine Zusätze betreffen das 
Mendel'sche Gesetz, die Rhizostomen und Lucernarien 
usw. .\uch die mustergültigen Abbildungen hat der 
Autor sorgsam in Aufsicht gehalten und auch hier 
Neues hinzugefügt, resp. ältere durch bessere ersetzt. 
Im übrigen ist das Buch das gleiche geblieben. 



Kulturpflanzen der Weltwirtschaft. Unter Mit- 
wirkung erster Fachleute herausgegeben von Otto 
Warburg, Berlin, und J. E. von Someren 
Brand, Amsterdam. Mit 653 schwarzen und 12 
farbigen Abbildungen nach Photographien. R. 
Voigtländer's Verlag in Leipzig (ohne Jahreszahl: 
1908). — Preis geb. 14 Mk. 
Das prächtig ausgestattete Werk ist sehr geeignet, 
in die von ihm gebrachten Gegenstände einzuführen. 
Die einzelnen .Abschnitte werden von verschiedenen 
Autoren behandelt, so derjenige über den Reis von 
Eduard van Tsoe Meiren, über den Weizen 
von Pierre Nicolas, über den Mais von F. W. 
Morren, über den Zucker von den beiden Letzt- 
genannten, über den Weinstock von Nicolas, über 
den Kaftee und den Tee von A. J. Resink, über 
den Kakao und den Tabak von C. S. Kokke und 
endlich über die Baumwolle von War bürg. Die 
immer mehr und mehr um sich greifende und gegen- 
wärtig schon so weit vorgeschrittene Arbeitsteilung 
in der Gewinnung unserer Nahrungsmittel bringt es 
mit sich, daß der einzelne heutzutage über die Her- 
kunft und Entstehung und die Art der Dinge, die er 
zu seinem Lebensunterhalt gebraucht, wenig, schlecht 
oder gar nicht unterrichtet ist. „Ein 14 jähriger Junge 
— heißt es in der Vorrede — wollte einmal wissen, 
was Graupen seien. Niemand wußte es ihm zu sagen. 
Graupen sind etwas, was man essen kann, gab man 
ihm zur .Antwort. Da machte er sich daran, Graupen 
zu säen, und zwar säte er sie in einen Treibkasten. 
Die Körner verfaulten, denn Graupen sind geschältes 
Korn, das durch die Bearbeitung die Keimkraft ver- 
loren hat. Da studierte der Junge in allerhand 
Büchern über Pflanzenkunde — aber was Graupen 



waren, vermochte er nicht daraus zu erfahren." Nun 
solche und viele andere alltägliche und naheliegende 
Dinge zu beantworten ist das vorliegende Buch treff- 
lich geeignet und wird sicherlich bei Alt und Jung 
das größte Interesse finden, da es auch durch die 
sehr weitgehende Illustrierung die Anschauung außer- 
ordentlich unterstützt. „Dieses Buch — sagen die 
Herausgeber — möchte in die Dunkelheit, die uns 
so viel von dem Räderwerk verbirgt, das unser eigenes 
Dasein in Gang hält, einen kleinen Lichtschein wer- 
fen. Es wird nur ganz wenige Gegenstände behan- 
deln und von diesen Gegenständen nur einen geringen 
Teil." Es sind nur jene Kulturpflanzen vorgeführt, 
die, wie die obige Aufzählung zeigt, auf der ganzen 
Erde gebraucht werden. Die Verfasser haben es sehr 
gut verstanden, das Allgemein-Interessante aus den 
Gegenständen herauszuheben. 



G. Linck, Grundriß der Kristallographie 
für Studierende und zum Selbstunter- 
richt. II. umgearbeitete Auflage. Verlag von 
G. Fischer in Jena. 1908. 254 Seiten mit 3 Tafeln. 
— Preis II Mk. 
Die Eigenart des Linck'schen Grundrisses beruht 
vor allem in der Art des Vortrages, der auf leichte 
Faßlichkeit und Anschaulichkeit hinzielt, mathematische 
Herleitungen nach Möglichkeit ausschaltet, und die 
Richtigkeit eines Gesetzes lieber durch ein heraus- 
gegriffenes Beispiel, statt durch einen allgemeinen 
Beweis dartut, eine Art, die gut dazu angetan ist, 
das Interesse des Anfängers wachzurufen. So wird 
z. B. die Möglichkeit von nur 32 Symmetrieklassen 
dadurch klargemacht, daß etwa eine 12-zählige 
Symmetrieachse des hexagonalen Systems auf irrationale 
Indices führen würde, und das Gesetz der rationalen 
Indices läßt der Verfasser den Leser gewissermaßen 
selbst finden, indem er einen bestimmten, gemessenen 
Kristall zugrunde legt. 

Die vorliegende zweite Auflage unterscheidet sich 
von der im Jahre 1896 erschienenen ersten weniger 
durch die Menge des hinzugekommenen Stoffs, als 
durch dessen Behandlung. Neu hinzugefügt ist am 
.Anfang eine sehr erwünschte kurze Auseinandersetzung 
des Wesens der flüssigen Kristalle, und am Ende ist 
den Beziehungen zwischen den physikalischen Eigen- 
schaften der Mineralien und ihrer chemischen Zu- 
sammensetzung ein breiterer Raum gewährt als früher. 
Die Abbildungen haben eine ganz erhebliche Ver- 
mehrung erfahren, namentlich durch das Hinzutreten 
der schon viel besprochenen Photographien von Kri- 
stallmodellen, die bis auf die der Seiten 27 und 47 
gut gelungen sind, und sicher die Anschaulichkeit er- 
höhen. Eine Tafel der Interferenzfarben bildet eine 
willkommene Bereicherung. Vor allem hat aber der 
vorhandene Text, namentlich im morphologischen Teil, 
eine derartige Durcharbeitung erfahren, daß wohl kein 
Kapitel ganz dem früheren gleicht, und es den hier 
verfügbaren Raum weit überschreiten würde, auch nur 
annähernd die Änderungen aufzuzählen. Ob indessen 
hiermit schon das gesteckte Ziel und die größtmög- 
liche Klarheit erreicht ist, mag dahingestellt sein. 



96 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. Vni. Nr. 6 



So ist, um nur einige Punkte herauszugreifen, frag- 
lich, ob dem Anfänger der Übergang von den Sym- 
metrieklassen zu den Kristallsystemen (Seite 13) ganz 
klar wird, und man vermißt hier eine an etwa zwei, 
drei Beispielen durchgeführte Darlegung, warum nach 
dem Gesetz, daß gleiche Flächen gleiche Symbole be- 
kommen sollen , immer eine Reihe verschiedene 
Gruppen auf ein und dasselbe Kristallsystem führt. 
Bedauerlich geradezu erscheint es, wenn (auf Seite 21) 
noch die Begriffe der einzelnen Kristallformen, wie 
Pyramiden, Prismen, Domen usw. von den Kristall- 
achsen hergeleitet werden, mit denen diese, lediglich 
aus den Symmetrieeigenschaften sich ergebenden Ge- 
bilde nichts zu tun haben. Ob man sodann z. B. 
die Symmetrieebenen des rhombischen und monoklinen 
Systems als Neben-Symmetrieebenen bezeichnen soll, 
denen doch logischerweise Hauptsymmetrieebenen 
gegenüberstehen müßten, ist auch zweifelhaft. Ver- 
wirrend muß fernerhin die Nomenklatur der ver- 
schiedenen Kristallformen des monoklinen und triklinen 
Systems wirken, in denen die überlebten Begriffe: 
Hemi- und Tetartodomen, Hemi- und Tetartopyrami- 
den angewendet, und echte Domen bald als Prismen, 
bald als Hemidomen, bald als Tetartopyramiden be- 
zeichnet werden. 

Trotzdem aber bedeutet die Neuauflage mit ihrer 
schärferen und klareren Fassung vieler Sätze und der 
Ausmerzung von Fehlern (vgl. z. B. Seite 7 der I. und 
Seite 13 der II. Auflage) der früheren gegenüber 
einen ganz wesentlichen Fortschritt. 

O. Schneider 

O. Lesser, Lehr- und Übungsbuch für den 
Unterricht in der Arithmetik und Al- 
gebra. I. Teil. 203 Seiten mit 15 Figuren. 
Wien, F. Tempsky, 1909. — Preis geb. 2,80 Mk. 
Das Buch bildet den ersten Teil eines von Schwab 
und Lesser herausgegebenen mathematischen Unter- 
richtswerkes und enthält einen sehr beachtenswerten, 
vielfach auf neuem Wege vorgehenden Lehrgang. 
Der Funktionsbegriff steht, wie es die Meraner Lehr- 
pläne wünschen, im Mittelpunkt des Unterrichts und 
die graphische Darstellung von Funktionen wird von 
Anfang an geläufig gemacht. Bei der Auflösung der 
Gleichungen mit mehreren Unbekannten, bei der 
Berechnung der Quadratwurzeln und der Logarithmen 
wird in sehr sinnreicher Weise das graphische Ver- 
fahren herangezogen. Die Herstellung eines logarith- 
mischen Rechenstabes wird gelehrt und so in höchst 
zweckmäßiger Weise dieses immer mehr Boden ge- 
winnende Werkzeug von Grund aus dem Verständnis 
erschlossen. Mit einer größeren Zahl noch weniger 
bekannter Kurven wird der Schüler durch graphische 
Darstellung einfacher Funktionen bekannt gemacht. 
Das Buch enthält auch zahlreiche historische Hinweise. 
Bei den eingekleideten Gleichungen zeigt Verf. eine 



vielleicht übertriebene Vorliebe für alte Aufgaben, 
namentlich solche des Inders Bhäskara und aus der 
griechischen Anthologie. — Die Fortsetzungen dieses 
originellen Unterrichtswerkes, die im Laufe des Jahres 
1909 erscheinen sollen, werden die Fachkreise mit 
freudiger Spannung erwarten. Kbr. 



Literatur. 

Abderhalden, Prof. F.mil: Lehrbuch der physiologischen 
Chemie in 32 Vorlesungen. 2., vollständig umgearb. Aufl. 
(VH, 984 S. m. 19 Fig.) Lex. 8». Wien '09, Urban & 
Schwarzenbcrg. — 24 IMk., geb. 26,50 Mk. 

Boas, Prof. Dr. J. E. V.: Lehrbuch der Zoologie f. Studie- 
rende. 5. verm. u. verb. Aufl. (X, 66S S. m. 603 Abbild.) 
Lex. 8". Jena '08, ü. Fischer. — 12 Mk., geb. 14 Mk. 

Diesing, Stabsarzt a. D. Dr.: Das Licht als biologischer 
Faktor. (Eine Physiologie und Pathologie des F'arbstoff- 
wechsels.) (113 S.) 8". Freiburg i. B. '09, Speyer & 
Kaerner. — 3 Mk. 

Gänner, Prof. Dir. Dr. Aug : Leitfaden der Hygiene. Für 
Studierende, Arzte, Architekten, Ingenieure u. Verwaltungs- 
beamte. 5. verm. u. verb. Aufl. (XV, 634 S. m. 190 Ab- 
bildgn.) Lex. 8". Berlin '09, S. Karger. — 7,60 Mk., 
geb. 8,60 Mk. 

Graebner, Kust. Dr. Paul : Die Pflanzenwelt Deutschlands. 
Lehrbuch der Formationsbiologie. Eine Darstellung der 
Lebensgeschichte der wildwachs. Pflanzenvereine und der 
Kulturflächen. Mit zoolog. Beiträgen v. Oberlehrer F. G. 
Meyer. (XI, 374 S. m. 129 Abbildgn.) Lex. 8°. Leipzig 
'09, Quelle & Meyer. — 7 Mk., geb. in Leinw. 7,80 Mk. 

Henle, fr. Priv.-Doz. Dr. Frz. Wilh.: Anleitung für das orga- 
nisch präparative Praktikum. Mit e. Vorrede v. Prof. Dr. 
J. Thiele. Mit zahlreichen Skizzen. iXVI, 176 S.) gr. 8». 
Leipzig '09, Akadem. \'erlagsgesellschaft. — 4,60 Mk., geb. 
in Leinw. 5,20 Mk. 

Henrich, Prof. Dr. Ferd. : Neuere theoretische Anschauungen 
auf dem Gebiete der organischen Chemie. (XIV, 294 S. 
m. 7 Abbildgn.) 8". Braunschweig '08, F. Vieweg & Sohn. 
— 7 Mk., geb. 8 Mk. 

Kerl's Bruno : Probierbuch. Kurzgefaßte Anleitung z. Unter- 
suchung V. Erzen u. Hüttenproduklen. Bearb. v. Bergakad.- 
Privatdoz. Dr. Carl Krug. 3. Aufl. (VIII, 197 S. m. 71 
Abbildgn.) gr. 8°. Leipzig '08, A. Felix. — 7 Mk., geb. 
8 Mk. 

Mansfeld , Dr. Alfr. : Urwald-Dokumente. Vier fahre unter 
den Croßflußnegern Kameruns, Mit 32 Lichtdr.-Taf. , 165 
Abbildungen im Text, 2 Karten und Tab. (XVI, 310 S.) 
Lex. 8". Berlin '08, D. Keimer. — Geb. in Leinw. 12 Mk. 

Pax, Prof. r)ir. Dr. F.: Grundzüge der Ptlanzenverbreilung in 
den Karpathen. II. Bd. Mit 29 Texifig. u. I Karte. (VIII, 
332 S.) Leipzig 'oS, W. Engelmann. — Subskr.-Pr. 17 Mk., 
geb. in Leinw. 18,50 Mk., Einzelpr. 25 Mk., geb. in Leinw. 
26,50 Mk. 

Potonie, Landesgeol. Prof. Dr. H. : Die rezenten Kaustobio- 
lithe u. ihre Lagerstätten. I. Bd.: Die Sapropclite. Eine 
Erläuterg. zu der v. den deutschen geolog. Landesanstalten 
angewendeten Terminologie u. Klassifikation. 2., sehr stark 
erweit. Aufl. v. desselben Verf. ., Klassifikation u. Termino- 
logie der rezenten brennbaren Biolithe u. ihrer Lagerstätten" 
(Berlin 1906). (XV, 251 S. m. Abbildgn.) Berlin (NW 40, 
Platz vor dem Neuen Tore 3) 'oS, Vertriebsstelle der kgl. 
geolog. Laodesanstalt. — 8 Mk. 

Reye, Prof. Dr. Thdr. : Die Geometrie der Lage. Vorträge. 
I. .-\bllg. 5., verb. u. verm. Aufl. (VIU, 255 S. m. 98 Ab- 
bildgn.) gr. 8°. Leipzig '09, A. Kröner. — 8 Mk. , geb. 
in Halbfrz. lo Mk. 



Inhalt: W. O. Pocke: Über örtlich getrenntes oder geselliges Vorkommen verwandter Pflanzenformen. - Kleinere Mit- 
teilungen: Prof. Dr. Brauer: Die neuesten Forschungen über die fossilen Saurier. — L. Geisenheyner; Onosma 
der Mainzer Sandflora Adventivpflanze? — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Bücherbesprechungen: Archiv 
für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik. — Dr. J. li. V. Boas: Lehrbuch der Zoologie für Stu- 
dierende. — Kulturpflanzen der Weltwirtschaft — G. Linck: Grundriß der Kristallographie für Studierende und zum 
Selbstunterricht. — O. Lesser: Lehr- und Übungsbuch für den Unterricht in der Arithmetik und Algebra. — Lite- 
ratur: Liste. 

Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue folge VIII. Band; 
der ganren Kcihe XXIV. Band. 



Sonntag, den 14. Februar 1909. 



Nummer 7. 



fNachdruck verboten.] 

Charles Darwin wurde vor genau 100 Jahren, 
am 12. Februar 1809, in Shrewsbury in England 
geboren. Die naturwissenschaftliche Welt benutzt 
diese Gelegenheit, sich auf den Mann zu 
besinnen, dessen wissenschaftliche Werke eine 
neue Epoche im Bereiche der Biontologie ein- 
geleitet haben. Die Xaturw. Wochenschr. hat be- 
reits am 10 jährigen Todestag, das war der 
19. April 1892, die sympathische Persönlichkeit 
Darwins den Lesern vorgeführt; aber es wird 
das Bedürfnis empfunden werden, auch bei 
der diesmaligen Feier etwas Näheres zu hören. 
So wollen wir denn im folgenden noch einmal 
auf den Lebenslauf des heute am meisten ge- 
nannten Biontologen eingehen und die nächste 
Nummer wird eine der mannigfaltigen Seiten des 
großen Naturforschers näher behandeln durch 
einen Aufsatz aus der Feder von Herrn Prof. 
Detmer-Jena: .Charles Darwin als Botaniker." 

Charles Darwin's Haupttat aber ist die Be- 
gründung der Deszendenzlehre. 

Hatte man einmal erkannt, daß die Organismen 
in ihren ,, Zellen" die gleiche Grundlage im Auf- 
bau besitzen, so mußte das bei der eingehenden 
und allgemeinen Beschäftigung der Naturforscher 
mit der Zellenlehre die beste Vorbereitung sein, 
nunmehr mit mehr Verständnis als früher eine 
durch ihr Alter ehrwürdige Theorie aufzunehmen, 
welche weitergehend als die Zellenlehre den ge- 
meinsamen Zusammenhang aller Organismen 
überhaupt aufzuzeigen trachtete: die xAbstam- 
mungslehre. Schon im Anfang des 19. Jahr- 
hunderts hat diese Lehre, welche zur Verbindung 
von einer Fülle durch die Lebewelt gebotener 
Tatsachen die Herkunft aller, auch der jetzt ver- 
schiedensten Lebewesen von gemeinsamen \'or- 
fahren behauptete, durch Jean Bapiiste de Lamarck 
eine treffliche naturwissenschaftliche Grundlegung 
erfahren; aber erst seit Charles Darwin 1859 die 
Lehre nochmals neu und eingehender begründete, 
fand sie die meisten Naturforscher genügend vor- 
bereitet. Diese Lehre ist heute einer der wichtigsten 
Ausgangspunkte der biontologischen Forschungen: 
erklärt sich doch durch die Annahme der gemein- 
samen .Abstammung aller Lebewesen durch ,,Bluts"- 
Verwandtschaft eine Unzahl von Einzeltatsachen, 
die vorher zusammenhangslos hingenommen werden 
mußten. Durch die gemachte Annahme ist der 
Vorteil einer bedeutenden Vereinfachung in un- 
serem Denken gegeben. Besonders sind es Tat- 
sachen der Morphologie, die mit einem Schlage 
in hellstes Licht gerückt wurden. Es ist nämlich 
bemerkenswert, daß nicht nur die Zellen, sondern 



Charles Darwin 
zu seinem hundertsten Geburtstage. 

\'on H. Potonie. 



auch die Teile höherer Ordnung bei den Lebewesen, 
z. B. die Blätter der Pflanzen untereinander, trotz ihrer 
Mannigfaltigkeit, ferner z. B. die Fortbewegungswerk- 
zeuge der Tiere, wie die Flossen, Flügel und Beine, 
untereinander in ihrem Bau- Typus gewisse auffällige 
Übereinstimmungen zeigen, deren Betrachtung seit 
Goethe (1817) die „morphologische" heißt. Alle 
die morphologischen Tatsachen nun, die sich ge- 
waltig gehäuft hatten, waren durch die Annahme 
der gemeinsamen Abstammung der Lebewesen 
verstanden, erklärt. Man glaube nun aber nicht 
etwa, daß eine neue, vereinfachende Theorie wie 
die Abstammungslehre nun auch sofort überall 
alte Ansichten, die mit der neuen, besseren An- 
sicht im Widerspruch stehen, auszurotten ver- 
möchte; vielmehr sind die Nachwirkungen ein- 
gewurzelten älteren Denkens auch nach seinem 
Ersatz durch Besseres lange, oft noch sehr lange 
zu verspüren. Die Ausrottung einer Denkrichtung, 
sofern sie eine gewohnheitsmäßige ist, ist auch 
dann schwierig, wenn die Einsicht vorhanden ist, 
daß sie sich in falscher Bahn befindet und eine 
bessere gefunden ist. 

Um eine Erklärung der Entstehung der ver- 
schiedenen Tier- und Pflanzenarten anzubahnen, 
nahm Lamarck eine direkte Anpassung an neue 
Umgebungsverhältnisse an: ein Wiederkäuer, etwa 
aus der Verwandtschaft der Kamele, der genötigt 
wird, vorwiegend in hohen Baumkronen seine 
Nahrung zu suchen, wird nach ihm allmählich, 
d. h. im Verlaufe der Generationen zur Giraffe 
werden; nach Darwin jedoch ist es die ,, natürliche 
Zuchtwahl" (die „Selektion") durch den Kampf 
ums Dasein, welche aus einer vorhandenen, nach 
allen möglichen Richtungen hin abändernden 
(variierenden) Art, die zufällig den äußeren Um- 
ständen am besten angepaßten Individuen aus- 
wählt und durch Vererbung der nützlichen Eigen- 
schaften zur Entstehung einer neuen Art Ver- 
anlassung gibt. Es ist zweifellos, daß die Zucht- 
wahl eine große Rolle spielt, aber die Biontologen 
haben sich am Ende des 19. Jahrhunderts, nach- 
dem die Selektionstheorie, das ist der eigentliche 
Darwinismus, zunächst die vi'eiteste Anerkennung 
gefunden hatte, doch mehr der Lamarck'schen 
Ansicht von der direkten Anpassung als dem 
wesentlich Ausschlaggebenden für die Entstehung 
neuer Arten zugewendet. Nach der verbreitetsten 
jetzigen Anschauung sind es also die Einwirkungen 
der .Außenwelt in Verbindung mit dem durch die 
Lebewesen Gegebenen — wie man zu sagen 
pflegt, in Verbindung mit den inneren Verhält- 
nissen — , welche zusammenwirkend neue Arten 



98 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 



hervorbringen; die Zuchtwahl beseitigt nur das 
in der augenblicklichen Umgebung nicht Lebens- 
fähige und schafit Platz für die anpassungsfähigen 
Lebewesen: nur diejenigen unter iiincn, die auf 
neue Reize der Umgebung erlialtungsgemäß ant- 
worten, bleiben auch erhalten, die anderen gehen 
zugrunde. 

Die Anfeindungen, welche die Abstammungs- 
lehre erfahren hat, ergeben sich aus der Größe 
ihier Abweichung von dem Denken der Allge- 
meinheit. Der Alltagsmensch nimmt gern die 
praktischen Resultate der Naturwissenschaft in 
Empfang und benutzt sie; die Frage, ob sein 
Denken über die Welt mit demjenigen der Natur- 
forschung übereinstimmt, das diese Resultate ge- 
zeitigt hat, kümmert ihn wenig, weil er zu dieser 
Frage nicht geführt wird, die nur auftauchen 
könnte, wenn er Störungen erleidet, wenn ihm 
die Widersprüche des .Alltagslebens mit dem 
naturwissenschaftlichen Denken entgegentreten und 
bewußt würden. Bei dem Naturforscher aber ist 
dies der Fall: er hat in dieser Hinsicht unter den 
,, Vitaldifferenzen", die sich aus seiner Tätigkeit 
ergeben, zu leiden, und er sucht sie durch Be- 
seitigung der Widersprüche zu lösen; hierbei muß 
freilich Vieles aus dem \'olksdcnken als unhaltbar 
fallen. Wer aber mit unlösbaren Fesseln an dem 
Überkommenen festhaftet, der kann nicht Natur- 
forscher sein : er bliebe denn ein ausschließlicher 
Kärrner in der Wissenschaft, wobei eine Gefahr, 
die Widersprüche zu sehen, nicht groß ist. Wer 
die teilweise Unvereinbarkeit zwischen dem wissen- 
schaftlichen und dem Alltagsdenken aber dennoch 
sieht und doch nicht von dem durch Erziehung 
und freundliche Erinnerung im Denken Gewor- 
denen loskommt, der sucht sich durch ohn- 
mächtigen Kampf Zeit seines Lebens gegen die 
Naturwissenschaft abzumühen oder aber — er 
gibt freimütig zu, daß er nicht wissen will, son- 
dern daß er es vorzieht, wo Gefühle und Wunsche 
in Frage kommen, bei dem Liebgewordenen zu 
bleiben, — — auch wenn die Logik entgegen- 
steht. Grundsätzlich ist dieses Verhalten freilich 
durchaus nicht verschieden von dem des Natur- 
forschers: jeder pflegt sich diejenige Lösung zu 
suchen , bei welcher der Bestand seines Ichs am 
wenigsten gefährdet ist. 

Es gellt aus dem X'orangehenden hervor, daß 
die Bedeutung der Deszendenztheorie für die For- 
schung darin liegt, ein .•\riadnefaden in dem Laby- 
rinth der erdrückenden P'ülle von Einzeltatsachen 
zu sein, die das organische Reich bietet. Es ist 
aber merkwürdig genug, daß die Frage, warum 
uns gerade die Kenntnisnahme der Entwick- 
lung, der Entstehung der Organismen 
von besonderer Wichtigkeit erscheint, kaum auf- 
geworfen und zu beantworten gesucht wird. Die 
hohe Wichtigkeit einer Erforschung der Entwick- 
lung mit der Annahme, daß dabei im allge- 
meinen ein Fortschreiten von einfacheren(„niederen") 
zu komplizierteren („höheren") Verhältnissen statt- 
finde, wird einfach als Prinzip angenommen. Um 



den Wert eines Prinzipes zu erkennen, zu 
erfahren, was denn bei Befolgung desselben 
höchstenfalls für unsere Erkenntnis zu erwarten 
sei, ist aber die Beantwortung der gestellten Frage 
nicht zu umgehen, und daß es sich dabei gewiß 
nicht um etwas Nebensächliches handelt, braucht 
in unserer in Entwicklungsgedanken geradezu 
schwelgenden und zum Teil fast darin untergehen- 
den Biontologie nicht besonders hervorgehoben zu 
werden. 

Wenn ein Kind ein mechanisches, ihm so, wie 
es ihm entgegentritt, unverständliches Spielzeug 
zerstört, wenn ein Neger die ihm unbegreiflich 
erscheinende Uhr in ihre Bestandteile zerlegt, 
wenn der Forscher anatomische Untersuchungen 
anstellt, so handelt es sich durchgehends um den- 
selben Trieb, nämlich den, sich das ihm vorläufig 
noch Unerklärliche dadurch zu klären, daß der 
Untersucher die einzelnen Bestandteile kennen 
lernt in der Hoffnung, daß diese für ihn einfachere, 
bereits bekannte sein werden und ihm so als 
Brücke dienen können, das Zusammengesetzte zu 
verstehen, namentlich wenn er dieses nun aus den 
Einzelheiten werden, entstehen sieht. Jedes 
Werkzeug des Menschen, Alles was er schafft, entsteht 
in der Zeit, wird entwickelt, und wer sich das 
Fertige verständlich machen will, fühlt sich hin- 
reichend befriedigt, wenn er Kenntnis von dem 
Werden desselben hat. Das Streben nach dieser 
Kenntnis entspringt also rein und ausschließlich 
aus dem Bedürfnis, sich etwas F'ertiges, Unver- 
standenes verständlicher zu machen: es abzuleiten 
oder bedingt zu seilen aus Einfacherem, dessen 
weitere Erklärung daher weniger schwierig er- 
scheint, bis man dann zu „Elementen" gelangt, 
deren weitere ,, Erklärung" von den meisten nicht 
mehr als Bedürfnis empfunden wird. Hierin sind 
freilich die verschiedenen Menschen ganz ver- 
schieden veranlagt, indem der eine schon sehr 
frühe, zuweilen von vornherein Halt macht, der 
andere später und schließlich eine kleinere Ge- 
meinde auch die „einfachsten Elemente" ebenso 
,, unerklärlich" findet wie die kompliziertesten Ge- 
bilde. Aber da doch die ,, rohen", von der Natur 
ohne weiteres gebotenen Materialien den meisten 
Menschen als diejenigen, an die sie gewöhnt 
sind, auch hinreichend ,, erklärt" sind, so ist es erst 
das aus diesem Rohmaterial Hergestellte , was 
ihnen Fragen nach seiner Entstehung abnötigt. 

Das rein Menschliche ist es demnach, das Ent- 
wicklungs-, Entstehungsfragen gebiert, und wer 
über den engeren Kreis hinaustretend nun die 
Natur notgedrungen von dem einzig möglichen 
Standpunkte aus, d. h. mit menschlichem Maß- 
stabe gemessen, ansieht, der muß auch da, sobald 
ihm das Bewußtsein des auch in der Natur vor- 
handenen Komplizierteren neben Einfacherem auf- 
geht, nach einer ,, Erklärung" dieses Komplizierteren 
verlangen. Insbesondere sind es die Organismen, 
die notwendig dem Versuch sie entv^'icklungs- 
geschichtlich zu „verstehen" unterliegen müssen, 
sei es in ihrer individuellen Entwicklung, sei es — 



N. F. Vin. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



99 



da ihre Gesamtheit eine Reihe von „Niederem" 
zu „Höherem" bildet — in der theoretischen An- 
nahme, daß diese Reilie über die Entstehung der 
komplizierteren Organismen aus ursprünglich ein- 
facheren Auskunft gibt. 

Der Sinn der starken Bevorzugung 
cntwicklungsgeschichtlicherForschun- 
gen bedeutet demnach nur und allein 
eines von den Mitteln, Komplizierteres 
aus Einfacherem bereits „Verstande- 
nem" herzuleiten. Mehr dahinter zu 
suchen wäre Mystizismus, aber keine 
Naturforschung mehr. 



Bereits im Alter von acht Jahren verlor 
Charles Darwin seine Mutter, deren er sich über- 
haupt nur noch ganz dunkel erinnerte; so mußte 
denn sein Vater, der ein sehr beschäftigter Arzt 
war, die Erziehung allein überneinnen. In der 
Sammelschule, die Charles seit dem Frühjahr 1817 
besuchte, machte er geringe Fortschritte, er lernte 
weit langsamer als seine jüngere Schwester 
Catharine und gehörte nicht zu den Musterschülern. 
Aber schon jetzt zeigte Darwin einen ausge- 
sprochenen Sinn für Naturgeschichte und eine 
sehr lebhafte Neigung -zum Sammeln. Er ver- 
suchte die Namen der Pflanzen aufzufinden und 
sammelte alle möglichen Sachen, Muscheln, Siegel, 
Briefmarken, Münzen und Mineralien: eine Leiden- 
schaft, die sich bei Knaben ja oftmals findet und 
daher nichts Auffälliges hat. Auch in anderen 
Beziehungen unterschied sich Darwin nicht wesent- 
lich von seinen Mitschülern. ,,Ich will bekennen 
— sagt er selbst — , daß ich als kleiner Junge 
sehr geneigt war, unwahre Geschichten zu er- 
finden, und zwar geschah dies immer zu dem 
Zwecke, Aufregung hervorzurufen." 

Im Jahre 1S18 kam Darwin auf die große 
Schule von Dr. Butler in Shrewsbury und blieb 
dort bis zu seinem 16. Lebensjahre. Er sagt: 
„Nichts hätte für die Entwicklung meines Geistes 
schlimmer sein können, als Dr. Butlers Schule, 
da sie ausschließlich klassisch war und nichts 
anderes gelehrt wurde, ausgenommen ein wenig 
alte Geographie und Geschichte." Und in einem 
Briefe Darwins lesen wir: ,, Niemand kann die 
alte stereotype, einfältige, klassische Erziehung 
aufrichtiger verachten, als ich es tue." Da Darwin 
für Sprachen keine Begabung hatte, so hielten ihn 
die Leiirer und sein Vater für ziemlich beschränkt, 
und dieser tadelte den Sohn denn auch einmal 
mit den Worten: „Du wirst Dir selbst und der 
ganzen Familie zur Schande." 

Er beschäftigte sich aber weiter mit natur- 
wissenschaftlichen Dingen, wenn auch meist nur 
sehr oberflächlich. So sammelte er zwar mit 
großem Eifer Mineralien, aber kümmerte sich 
dabei nur um solche mit neuen Namen und ver- 
suchte kaum, sie zu klassifizieren. Durch seinen 
älteren Bruder wurde er zu einer Beschäftigung 
mit der Chemie angeregt und der Direktor der 
Schule, Dr. Butler, wies ihn dafür, daß er seine 



Zeit mit derartigen „nutzlosen" Sachen verschwende, 
öffentlich zurecht. 

,,Da ich — sagt Ch. Darwin — auf der Schule 
nichts Rechtes zu Wege brachte, nahm mich 
mein Vater sehr weise in einem im ganzen 
früheren .^Iter als gewöhnlich zurück und schickte 
mich (Oktober 1825) zu meinem Bruder auf die 
Universität Edinburg." Hier sollte Charles Medizin 
studieren, was ihm aber nicht behagte. Übrigens 
wußte er, daß er einst genügend Vermögen haben 
würde, um davon zu leben, und so beschäftigte 
er sich mehr und mehr mit rein naturwissen- 
schaftlichen Dingen. Der Verkehr mit bedeuten- 
den Gelehrten hat ihn besonders angeregt. Die 
meisten der von ihm gehörten Vorlesungen nennt 
er langweilig. 

Der Vater Darwins, der wohl sah, daß er 
keinen Arzt aus ihm machen würde, schlug ihm 
nunmehr vor, sich dem geistlichen Stande zu 
widmen. Darwin bat sich, von vornherein keines- 
wegs abgeneigt, den Vorschlag unbeachtet zu 
lassen, Bedenkzeit aus und beschäftigte sich mit 
theologischen Büchern. Er bezog die Universität 
Cambridge, füllte aber hier als leidenschaftlicher 
Jäger, der er damals war, die Zeit meist mit 
Jagen, auch mit Reiten und sonstigen Zerstreu- 
ungen, wie Gelagen, aus. Mit knapper Not machte 
er aber doch ein Examen, welches ihm den Titel 
eines Magister artium eintrug. 

Von naturwissenschaftlichen Studien sind es 
namentlich Botanik unter Henslow's und Geologie 
unter Sedgwick's Leitung, und namentlich 
Entomologie, welche ihn nun beschäftigten. 

Die beiden genannten Gelehrten erkannten in 
Darwin den scharfsinnigen Kopf und haben be- 
stimmend auf seine Lebensbahn eingewirkt. 

Die Erkenntnis der vollen Befriedigung, welche 
eine Beschäftigung mit den Naturwissenschaften 
gewährt, war Darwin jetzt aufgegangen; auch 
sein Streben war nunmehr, einen wenn auch noch 
so bescheidenen Baustein zu liefern zu dem er- 
habenen Gebäude der Naturwissenschaft. 

Nach seiner Rückkehr nach Shrewsbury wurde 
Darwin von Henslow ein Vorschlag gemacht, der 
Darwin's Wünschen nicht besser entsprechen 
konnte. Die englische Regierung rüstete nämlich 
ein Kriegsschiff, den „Beagle", aus, das die Küsten 
von Patagonien, Feuerland, Chili, Peru und einigen 
Inseln des Stillen Meeres aufnehmen und chrono- 
metrische Beobachtungen zur Bestimmung der 
Länge verschiedener Punkte der Erde machen 
sollte. Ein freiwilliger Naturforscher sollte mit- 
gehen und Henslow empfahl Darwin. Henslow 

schreibt an Darwin : Ich habe ausgesprochen, 

daß ich Sie für die bestqualifizierte Person unter 
denen, die ich kenne, halte . . . Ich spreche dies 
aus, nicht in der Voraussetzung, daß Sie ein 
fertiger Naturforscher, sondern reichlich dazu 
qualifiziert sind, zu sammeln, zu beobachten und 
alles, was einer Aufzeichnung auf dem Gebiete 
der Naturgeschichte wert ist, zu notieren." . . . 
,, Tragen Sie sich nicht mit irgendwelchen Zweifeln 



lOO 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 7 



oder Befürchtungen über Ihre Untüchtigkeit, denn 
ich versichere Ihnen, ich meine, Sie sind gerade 
der Mann, welchen sie suchen. . . ." 

Der Vater Darwins machte aber ernstliche 
Einwendungen gegen die Mitreise seines Sohnes: 
,,Wenn Du irgendeinen Mann von gesundem 
Menschenverstände finden kannst — sagte er ihm 
— der Dir den Rat gibt, zu gehen, so will ich 
meine Zustimmung geben." 

Darwins Onkel, Josua Wedgwood, gelang es, 
die Bedenken des Vaters zu beschwichtigen, und 
im Dezember 1831 schiffte sich Darwin auf dem 
von dem erst 24 jährigen F'itzRoy kommandierten 
„Beagle" ein, um erst Ende 1836 zurückzukehren. 

Die Reise nennt Darwin das bedeutungsvollste 
Ereignis seines Lebens, das seine ganze Laufbahn 
bestimmt habe. ,,lch habe stets gefühlt — sagt 
er • — daß ich der Reise die erste wirkliche Zucht 
oder Erziehung meines Geistes verdanke." Daß 
Darwin seine Unfähigkeit zu zeichnen sehr be- 
dauerte, ist nur zu begreiflich. 

Schon die Reisebriefe Darwins machten ge- 
rechtes Aufsehen bei den Gelehrten und der be- 
rühmte Geologe Sedgwick äußerte dem Vater 
Darwins gegenüber, daß der Sohn einst ein her- 
vorragender Gelehrter werden würde. 

Die Reisebeschreibung Darwin's, ,, Reise eines 
Naturforschers um die Welt", muß ein heutiger 
Naturforscher gelesen haben und wird auch jeden, 
der sich für Naturwissenschaften interessiert, ohne 
Gelehrter zu sein, hohe Befriedigung gewähren. 

Nach seiner Rückkehr erschien Darwin wesent- 
lich verändert. Seine Gesundiieit hatte stark ge- 
litten, vielleicht infolge der Seekrankheit, an der 
er auf dem Wasser fast beständig litt; seine 
Kränklichkeit kann aber auch eine Form der 
Gicht gewesen sein, die in der Familie schon seit 
dem Jahre 1600 erwähnt wird. Es verging kein 
Tag mehr, ohne daß er mehrere Stunden unpäß- 
lich gewesen wäre. Häufig war er tage-, ja auch 
wochenlang ganz arbeitsunfähig und er besuchte 
wiederholt eine Kaltwasserheilanstalt. Sein Schlaf 
dauerte selten länger als einige Stunden. 

Durch die Reise war aber Darwin ein Forscher 
ersten Ranges geworden. 

Die 2'/4 Jahre nach der Rückkehr von der 
Reise waren die täligsten, die Darwin je verlebt 
hat. In Cambridge, wo sich seine Sammlungen 
unter Henslow's Obhut befanden, arbeitete er 
3 Monate; 2 Jahre blieb er in London. Er stellte 
seine Reisebeschreibung fertig, hielt mehrere Vor- 
träge in der geologischen Gesellschaft usw. Im 
Juli 1837 begann er sein erstes Notizenbuch für 
Tatsachen in bezug auf den Ursprung der Arten, 
worüber er lange nachgedacht hatte; er hörte 
während der nächsten 20 Jahre nicht auf, daran 
zu arbeiten. 

Am 29. Januar 1839 heiratete er in London 
seine Niciite Emma Wedgwood. Der gesellschaft- 
liche Verkehr nahm ihn aber derartig in Anspruch, 
daß er sich, um nachhaltiger seinen Forschungen 
leben zu können, im Jahre 1842 nach Down in 



Kent zurückzog, wo er sich ein Landhaus kaufte, 
das er später nur noch selten verließ. 

Das tägliche Leben in Down gestaltete sich in 
der späteren Zeit in der folgenden Weise. 

Darwin stand früh auf und machte vor dem 
Frühstück einen Spaziergang. Nachdem er allein 
gefrühstückt hatte, begab er sich gegen 8 Uhr an 
die Arbeit und blieb dabei bis 9^'., Uhr; in diesen 
I '/., Stunden war er zum Arbeiten am besten 
aufgelegt. Um ^l^io Uhr ging er ins Wohn- 
zimmer, ließ sich bis Vo 1 1 Uhr Familienbriefe 
oder einen Roman vorlesen und ging darauf in 
sein Zimmer, wo er wieder bis 12 oder i2'/.2 Uhr 
arbeitete. Hiermit war sein Tagewerk eigentlich 
vollbracht. Zunächst ging er dann spazieren, 
mochte das Wetter gut oder schlecht sein. Er 
wandelte gewöhnlich erst durch die Gewächs- 
häuser, sah sich die keimenden Samen und die 
Versuchspflanzen an, ohne jedoch genauere Be- 
obachtungen anzustellen, und ging dann ins F"reie. 
Wenn er allein war, blieb er oft stehen und sah 
sich die Vögel und Tiere an. Bei einer solchen 
Gelegenheit liefen ihm einmal junge Eichhörnchen 
die Beine und den Rücken hinauf, während die 
Mutter ihre Jungen mit Angstgeschrei vom Baume 
aus zurückrief. 

Nach dem MittagsSpaziergange kam das zweite 
Frühstück. Darwin war äußerst mäßig im Essen 
und Trinken ; er aß gern Süßigkeiten, obgleich 
sie ihm schlecht bekamen. Nach dem zweiten 
Frühstück legte er sich aufs Sofa und las die 
Zeitung. Außer dieser las er selbst nichts Unter- 
haltendes. Alles übrige: Romane, Reisebe- 
schreibungen usw. ließ er sich vorlesen. Mit Politik 
beschäftigte er sich nicht, verfolgte sie aber. Nun- 
mehr ging er an die Beantwortung der Briefe, 
von denen kein einziger unberücksichtigt blieb. 
In Geld- und Geschäftssachen war Darwin sehr 
sorgfältig. Wenn die Briefe erledigt waren, legte 
er sich in seinem Schlafzimmer aufs Sofa, ließ 
sich aus einem unterhaltenden Werke vorlesen 
und rauchte eine Zigarette. Beim Arbeiten 
schnupfte er gern, um sich aber nicht zu sehr 
daran zu gewöhnen, stand der Topf mit Schnupf- 
tabak im Hausgange. 

Punkt 4 Uhr mit außerordentlicher Regel- 
mäßigkeit kam er die Treppe herunter, um sich 
zum Spaziergange anzukleiden. Von '/,,5 bis 
\'26 Uhr arbeitete er wohl noch, dann kam er aber 
ins Wohnzimmer und nahm an der Unterhaltung 
teil, bis er um 6 Uhr sich aufs Sofa legte, um 
sich aus einem Roman vorlesen zu lassen. Gegen 
V28 Uhr aß er zu Abend. Nach dem Essen blieb 
er nie im Wohnzimmer, sondern verkehrte mit 
den Damen. Mit seiner Frau spielte er dann 
Tricktrack, und war ärgerlich, wenn er kein 
Glück hatte. Nachher las er im Wohnzimmer 
oder, wenn zuviel gesprochen wurde, in seinem 
Studierzimmer etwas Wissenschaftliches, so lange, 
bis er sich müde fühlte; dann hatte er gern, wenn 
ihm seine Frau etwas auf dem Klavier vorspielte. 



N. F. VIII. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



lOI 



Um lo Uhr ging er hinauf und gegen '/., ii Uiir 
zu Belt. 

Darwin hat viel geschrieben. Kine große 
Anzahl Aufsätze finden sich in Zeitschriften, 
größere Arbeiten erschienen in Buchform; seine 
Hauptwerke sind alle ins Deutsche übersetzt 
worden und bilden in der bekanntesten Ausgabe 
i6 stattliche Bände. Sein epochemachendes Buch 
„Die Entstehung der Arten", das am 24. November 
1859 erschien, war im Geiste Darwins bereits 
1844 fertig. Er schrieb seine Gedanken nieder 
und übergab seiner Frau die schriftlich aufge- 
zeichneten genauen Bestimmungen darüber, was 
in dem Falle, daß er vor Vollendung seines 
Werkes stürbe, geschehen solle. Das Werk schwoll 
immer mehr an und wäre in der jetzigen, so 
günstigen Fassung überhaupt nicht erschienen, 
wenn nicht 1S58 ein bemerkenswerter Zwischen- 
fall eingetreten wäre. 

Der Naturforscher Wallace, welcher sich da- 
mals im malayischen Archipel aufhielt, schickte 
nämlich an Darwin eine Abhandlung ,,Über das 
Bestreben der Abarten, immer mehr von der 
Stammart abzuweichen". Diese Abhandlung ent- 
hielt fast die ganze Darwin'sche Lehre; nur 
fehlten die Begründungen und die Anwendungen. 
Zunächst war Darwin ratlos, was er nun tun 
sollte. Auf den Rat von Lyell entschloß er sich 
nun endlich, einen Überblick über die bisherigen 
Ergebnisse seiner Forschung zu geben, den er 
zugleich mit der Abhandlung von Wallace der 
Linnean Society vorlegte. Darwin verzichtete 
nunmehr darauf, seine Lehre mit allen Beobach- 
tungen, Versuchen und Belegen zu veröft'entlichen, 
die er gesammelt hatte, und entschloß sicli zur 
Abfassung eines alles Wesentliche enthaltenden 
Auszuges. Diese Arbeit ist „Die Entstehung der 
Arten": „The origin of species." 

Am Schluß seiner Autobiographie versucht 
Darwin die geistigen Eigenschaften und die Be- 



dingungen, von welchen sein Erfolg abgehangen 
habe, zu zergliedern, obwohl er sich — wie er 
sagt — sehr wohl bewußt sei, daß dies niemand 
ganz korrekt tun könne. 

Er sagt unter anderem: 

„Ich besitze keine große Schnelligkeit der Auf- 
fassung oder des Witzes . . . Meine F"ähigkeit, 
einem langen und rein abstrakten Gedankengange 
zu folgen, ist sehr beschränkt . . . Mein Gedächtnis 
ist ausgedehnt, aber nebelig." Den Kritikern, die 
von Darwin gesagt haben, daß er zwar ein guter 
Beobachter sei, aber nicht die Fähigkeit besitze, 
Schlüsse zu ziehen, erwidert er: „Ich glaube nicht, 
daß dies richtig sein kann, denn die „Entstehung 
der Arten" ist von Anfang bis zum Ende nur eine 
lange Beweisführung." „Ich habe ein ordentliches 
Teil Erfindungsgabe — sagt er ferner — und 
gesunden Sinnes oder Urteils, so viel ein Jeder 
erfolgreiche Sachwalter oder Arzt besitzen muß, 
aber, wie ich glaube, in keinem höheren Maße. 
Was die günstigere Seite der Wage betrifft, so 
glaube ich, daß ich der gewöhnlichen Art Men- 
schen darin überlegen bin, daß ich Dinge, welche 
der Aufmerksamkeit leicht entgehen, bemerke und 
dieselben sorgfältig beobachte. Mein Fleiß im 
Beobachten und im Sammeln von Tatsachen ist 
so groß gewesen, wie er nur hat sein können. 
Was aber von weit größerer Bedeutung ist: meine 
Liebe zur Naturwissenschaft ist beständig und 
heiß gewesen." 

Am 19. April 1882 ist Charles Darwin ge- 
storben. 

Die wenigen seiner wirklich wissenschaftlichen 
Gegner aus dem Kreise seiner Zeitgenossen, die es 
noch gab, sind längst ins Grab gesunken, und unter 
der neuen Generation der Naturforscher ist ein 
Gegner der Deszendenztheorie kaum noch möglich. 
Die Kenntnis der Prinzipien dieser Theorie gehört 
heute zu dem elementaren Wissen jedes Natur- 
forschers. 



Sammelreferate und Übersichten 

über die Fortschritte in den einzelnen Disziplinen. 



„Neues aus der Pharmazie". „Die Spal- 
tung des Amygdalins unter dem Ein- 
fluß von Emulsin." Von L. Rosenthaler. 
Mitteilung aus dem pharmazeutischen Institut der 
Universität Straßburg i. E. Arch. f. Pharm. Bd. 
246 (1908), 365 -366. 

K. Feist (Arch. d. Pharm. Bd. 246, S. 206. 
Vgl. auch das Referat in Naturw. Wochenschr. 
N. F. VIL Bd. Nr. 27 „Neues aus der Pharmazie") 
kommt zu dem Resultat, daß bei der Spaltung 
des Amygdalins durch Emulsin primär Benz- 
aldehydcyanhydrin entsteht, weil er letzteres dabei 
in optisch aktivem Zustande isolieren kormte. 
Nach Verf. hat Feist aber einen Umstand 
nicht berücksichtigt, nämlich den, daß aus primär 
abgespaltenem Benzaldehyd und Blausäure unter 



dem Einfluß des Emulsins sekundär ein optisch 
aktives Benzaldehydcyanhydrin entstehen konnte. 
Verf erhielt durch Einwirkung von Emulsin auf 
Benzaldehyd und Blausäure d-Benzaldehydcyan- 
hydrin und durch dessen Verseifung IMandcIsäure. 
Verf hält den Beweis für erbracht, daß Benzal- 
dehyd und Blausäure unter dem Einfluß des 
Emulsins zu optisch aktivem Benzaldehydcyan- 
hydrin zusammentreten. .Angesichts der Bedeu- 
tung, die derartigen ,, asymmetrischen Synthesen" 
zukommt, will Verf die Reaktion Emulsin Blau- 
säure-Benzaldehyd in quantitativer Hinsicht unter- 
suchen; außerdem will Verf. noch weitere Ver- 
suche darüber anstellen, in welcher Weise Emulsin 
und andere Enzyme zu Synthesen optisch aktiver 
Körper dienen können. Demgegenüber kann 



I02 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 7 



K. Feist (Arch. d. Pharm. Bd. 246, S. 509—510) 
in der Beobachtung von L. Rosen thaler nur 
eine Bestätigung seiner Annahme (K. Feist, 
Arch. d. Pharm. Bd. 246, S. 206) erblicken. Feist 
sagt: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß im 
Amygdalin das asymmetrische Kohlenstoffatom, 
das zur Bildung von d- Benzaldehydcyanhydrin 
führte, präformiert vorhanden ist, denn sonst 
würde keine optisch aktive Mandelsäure entstehen 
können, wenn man Amygdalin mit Salzsäure er- 
hitzt." Das optisch aktive Zwischenprodukt hat 
Feist isoliert, allerdings war es nicht ausschließlich 
entstanden, bzw. es war bereits zum Teil ver- 
ändert unter Bildung der razemischen Form und 
unter Spaltung in Benzaldehyd und Cyanwasser- 
stoff. Rosenthaler fand, daß Emulsin sogar 
die Bildung von d-Benzaldehydcyanhydrin aus 
Benzaldehyd und Cyanwasserstoff veranlaßt, des- 
halb glaubt Feist nicht annehmen zu können, 
daß es vorher dessen vollständige Spaltung her- 
beiführt. Nach Feist spielt das Emulsin hier 
die Rolle eines Katalysators, der einerseits einen 
Zerfall, andererseits eine Bildung bis zum Gleich- 
gewicht hervorruft ; 

d-Benzaldehydcyanhydrin -f- Emulsin ~^ 
Benzaldehyd -\- Cyanwasserstoff-]- Emulsin. 
Wer sich für die von L. Rosenthaler zuerst 
beobachtete asymmetrische Beeinflussung von 
Syntliesen durch Enzyme interessiert, versäume 
nicht, die schöne Arbeit von L. Rosenthaler 
,,Durch Enzyme bewirkte asymmetri- 
sche Synthesen" in der ,, Biochemische Zeit- 
schrift" 1908, Bd. 14, 238 — 253 zu lesen. 

„Ein Beitrag zur Kenntnis der im 
Safran vorkommenden Stoffe." Von Dr. 
B. Pfyl in Berlin und Dr. W. Scheitz in 
Meerane. Zeilschr. f. Unt. d. Nahrg. u. Gen. 1908, 
I61 337 — 346- ^'1 neuerer Zeit scheint es vielfach 
üblich geworden zu sein, daß man die wertvollen 
Safrannarben aus dem Rohsafran sorgfältig aus- 
liest und zu hohen Preisen verkauft, während man 
die wertlosen hellgelben Griffel, unverändert oder 
aufgefärbt, mit geringen Mengen von Narben ge- 
mischt (insbesondere im gepulverten Zustande) in 
den Handel bringt. Schon Hilger suchte diese 
Art der Fälschung zu bekämpfen. Verff. stellten 
erneute Versuche an, um zu einem brauchbaren 
Verfahren zur Wertbcstinimung des mit Griffeln 
verfälschten Safrans zu gelangen. Hierzu gehört 
eine gründliche Kenntnis der im Safran vorkom- 
menden Stoffe. Verff. haben sich deshalb damit 
beschäftigt, besonders typische, d. h. dem Safran 
eigentümliche Stoffe näher zu charakterisieren 
und zu isolieren; am Schlüsse ihrer interessanten 
Arbeit fassen sie die Ergebnisse zusammen : 
I. Das Verfahren von Quadrat [Gmelin, 
Handbuch d. organ. Chemie 1866, 4, 1409; Journ. 
f. prakt. Chemie 1866, 56, 68; Jahresber. 1851, 
532] und Weiß [Journ. f. prakt. Chemie 1867, 
101, 65; Jahresber. 1867, 733] führt zu keinem 
reinen Crocin , weil dabei die Abtrennung der 
von den Verff. nachgewiesenen Glykoside vom 



Safranfarbstoff nicht erzielt wird. Der von K a y s e r 
mit Tierkohle abgetrennte Farbstoff [Ben d. d. 
ehem. Ges. 1884, 17, 2228] wird durch Einwir- 
kung von Alkohol verändert. Es ist nicht ge- 
lungen, das Crocin zu kristallisieren. 2. Ebenso- 
wenig konnte das Crocetin als solches rein oder 
kristallinisch erhalten werden; hingegen gelang 
es, davon kristallisierte Salze darzustellen. 3. Bei 
der Spaltung des Crocins tritt Glykose auf, welche 
als Glykose - /i - Naphtylhydrazon nachgewiesen 
wurde. 4. Der von Schüler [Inaugural-Disser- 
tation, München 1899] beschriebene, aus dem 
Petrolätherextrakt erhaltene Kohlenwasserstoff war 
nicht rein. Nach völliger Reinigung schmilzt 
dieser bei 63" und scheint datm identisch zu sein 
mit einigen anderen Kohlenwasserstoffen, die in 
ebenfalls rotgelben Pflanzenfarbstoffen gefunden 
wurden [Wirth, Dissertation Erlangen 1891; 
Born er, Dissertation Erlangen 1891 ; Eh ring, 
Dissertation München 1896]. Das von Kays er 
[Ben d. d. ehem. Ges. 1884, 17, 2228] beschrie- 
bene Pikrocrocin konnte nicht kristallinisch er- 
halten werden. Nach der vonKayser angegebe- 
nen Vorschrift wurde einmal eine weiße Substanz 
vom Schmelzpunkt 67" erhalten, die nicht redu- 
zierte. 6. Die eingehende Untersuchung des 
Pelroläther- und Cliloroformextraktes führte zur 
Auffindung von drei kristallisierten Substanzen. 
Die in Chloroform übergehende Substanz hat 
Ähnlichkeiten mit dem Kays er 'sehen Pikro- 
crocin, indem als Spaltungsprodukte ätherisches 
Öl mit Safrangeruch und Zucker auftreten. Dieser 
Zucker aber ist linksdrehend, gibt kein Glykose-/i- 
Naphtylhydrazon, wohl aber das der Glykose oder 
Fruktose entsprechende Osazon und die Fruktose- 
reaktion. 7. In dem absolut alkoholischen Extrakt 
(nach erschöpfender Behandlung mit Petroläther 
und Chloroform) wurde ein freier Zucker nach- 
gewiesen , der ebenfalls kein Glykose-/i-Naphtyl- 
hydrazon, wohl aber das der Glykose oder Fruk- 
tose entsprechende Osazon und die Fruktose- 
reaküon gibt. Neben diesem freien Zucker konnte 
ferner ein Glykosid festgestellt werden, das bei 
der Spaltung ätherisches Safranöl und einen Zucker 
von den eben erwähnten Eigenschaften liefert. 
Da die Lösung der Gemenge von freiem Zucker 
und Glykosid vor und nach der Hydrolyse links 
dreht, so handelt es sich zweifellos in beiden 
Fällen um Fruktose. 

,,Über ein Verfahren zur Wertbestim- 
mung des Safrans." Von Dr. B. Pfyl in 
Berlin und Dr. W. Scheitz in Meerane. Zeitschn 
f. Unters, d. Nahrgs. u. Gen. 1908, 16, 347—352. 
Hierzu eignen sich nach Verff. besonders die 
Zuckerarten, welche sie im Chloroformextrakte 
feststeilen konnten (vgl. vorstehendes Referat). 
Da die Zucker des Handels nicht in Chloroform 
übejgehen, so können sie daher niemals als Ersatz 
dieser Substanzen gebraucht werden. Da Verff. 
qualitativ festgestellt hatten, daß weder die Griffel 
noch die üblichen Verfälschungsmittel (Lign. San- 
tali, Rhiz. Curcumae, Lignum Campechianum, 



N. F. VIII. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



103 



Flores Rhoeados, Flores Paeoniae, Honig, Calen- 
dula officinalis und Carthamus tinctorius) einen 
Stoft" eiuhallen, der in Chloroform löslich ist und 
nach der Einwirkung \-on Säuren Fehlin g'schc 
Lösung reduziert, so haben Vcrft'. die dem Zucker 
des Chloroformextraktes entsprechende Menge 
des reduzierten Kupfers als Maßstab zur Bestim- 
mung des Reinsafrans herangezogen: Der scharf 
getrocknete, fein zerriebene Safran (5,0 g) wird 
mit Petroläther im Soxhlet entfettet. Nach Ver- 
dunsten des Petroläthers wird 2 Stunden lang im 
.Soxhlet mit Chloroform extrahiert. Der nach 
dem Abdestillieren des Lösungsmittels verbleibende 
Rückstand wird mit heißem Aceton aufgenommen, 
die Lösung in ein Becherglas gespült, mit 25 ccm 
Wasser versetzt und das Aceton über kleiner 
Flamme auf dem Drahtnetz weggekocht. Nach 
Zusatz von 5 ccm Normal -Salzsäure wird die 
l'^lüssigkeit unter Ersatz des verdampfenden Wassers 
etwa I 5 Minuten im Kochen erhalten. Das Gly- 
kosid wird gespalten. Nach dem Erkalten wird 
filtriert und nachgewaschen, das Filtrat mit Normal- 
Alkalilauge neutralisiert und zu einer AUihn'schen 
Zuckerbestimmung benutzt. Das Kupfer wird als 
solches gewogen und ergibt die Kupferzahl. Zur 
Berechnung des in einem Falsifikate enthaltenen 
reinen Safrans benutzt man eine von Verff. auf- 
gestellte Interpolationstabelle, die Rücksicht auf 
die Tatsache nimmt, daß die Abscheidung des 
Kupferoxyduls aus Fehlin g'scher Lösung nicht 
proportional der vorhandenen Zuckermenge vor 
sich geht. 

,,Überdie Alkaloide der chinesischen 
C ory dal iskn ol 1 en." Von Dr. K. Makoshi 
aus Osaka (Japan). Mitteilung aus dem pharma- 
zeutischchemischem Institut der Universität Mar- 
burg. (Arch. d. Pharm. Bd. 246, 381 — 400.) Nach 
Yokusai, einem bekannten japanischen P'loristen, 
stammen die chinesischen Corydalisknollen von 
Corj'dalis bulbosa var. rotundifolia ab, 
wogegen dieselben nach Shimoyama von C o r y- 
dalis ambigua herrühren. Nach B red e m a n n 
stammen die chinesischen Corydalisknollen von 
Corydalis ambigua, die japanischen Corydalis- 
knollen von Corydalis Vernyi ab. Verf 
isolierte aus chinesischen Corydalisknollen: Cory- 
dalin vom Schmelzpunkt 134 — 135", Corybul- 
bin vom Fp. 237 — 239", Protopin vom Fp. 
202 — 207". Ferner isolierte Verf. noch zwei Al- 
kaloide, die er mit Alkaloid I und II bezeichnet. 
Nach seinem Gesamtverhaiten trägt das Alkaloid I, 
ebenso wie das Berberin, den Charakter einer 
.•\mmoniumbase. Die analytischen Daten, welche 
bei der Analyse des Chlorids und Golddoppel- 
salzes dieser Base gefunden wurden, stimmen mit 
denen überein, welche das Berberinchlorid bzw. 
dessen Golddoppelsalz verlangt. Auch läßt sich 
das Chlorid des Alkaloids I durch Reduktion in 
eine farblose Base verwandeln , die jedoch nicht 
mit dem Hydroberberin identisch ist. Das Alka- 
loid II war eine bei 197 — 199" schmelzende Base, 
welche in kompakten, grauweißen Nadeln kristalli- 



sierte. Die geringe Menge, in welcher dieses 
Alkaloid vorlag, gestattete eine weitere Unter- 
suchung nicht. 

,,Uber das Protopin der japanischen 
Corydalisknollen: Corydalis Vernyi." 
Von Dr. K. Makoshi aus Osaka (Japan). Mit- 
teilg. aus d. pharm. -ehem. Inst. d. Univers. Mar- 
burg. Arch. d. Pharm. Bd. 246, S. 401 — 402. Verf. 
untersuchte zwei von Professor Uyeno in Tokio 
erhaltene Rohalkaloide, welche aus den japanischen 
Corydalisknollen nacli dem X'erfahren von E. 
Schmidt isoliert waren. Die als Alkaloid A be- 
zeichnete Base war aus dem alkalisch gemachten 
P'.xtrakt durch Ausschütteln mit Äther gewonnen, 
die als Alkaloid B bezeichnete Base dagegen aus 
dem mit Äther behandelten Extrakt durch Aus- 
schütteln mit Chloroform isoliert. Durch Um- 
kristallisieren gelang es Verf das Alkaloid A in 
die typischen Formen des Protopins von Fp. 207" 
überzuführen. Auch in den Reaktionen stimmten 
diese Kristalle mit Protopin vollkommen überein; 
ferner wurde es noch durch das Hydrochlorid 
und das Platindoppelsalz identifiziert. Das Alka- 
loid B bildete eine gelbe, kristallinische Masse, 
welche in ihrem Verhalten und in ihrem Äußeren 
große Ähnlichkeit mit Dehydrocorydalin bzw. 
Berberinchlorid zeigte. Wegen der geringen Menge 
konnte das Alkaloid nicht näher identifiziert 
werden. 

„Zur Kenntnis des Pim pinellins." Von 
J. Herzog und V. Ha neu. Arbeiten aus dem 
Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin. 
.Arch. d. Pharm. Bd. 246 (1908) S. 402 — 414. 
Über das Pimpinellin, einen in der Wurzel von 
Pimpinella Saxifraga L. enthaltenen kristalli- 
sierten Stoff, lagen bisher zwei kurze Mitteilungen 
von Buch heim (Arch. d. Pathologie 1872, S. 37) 
und von G. Heut (Arch. d. Pharm., Bd. 236 
(1898) S. 162) vor. Zur Darstellung des Pimpi- 
nellins extrahierten Herzog und Häncu die Biber- 
nellwurzel mit Benzol und versetzten die Lösung 
zur Abscheidung des Pimpinellins mit Petroläther. 
Das Auskochen von Vegetabilien mit Benzol emp- 
fehlen Verff. sehr, da das Benzol die in Wasser 
löslichen Extraktivstoffe fast vollständig zurück- 
läßt, während es die meisten auch in Alkohol 
löslichen Stoffe reichlich löst; ferner siedet es sehr 
gleichmäßig in mit überhitzten Wasserdämpfen 
betriebenen Apparaten und bedeutet schließlich 
auch durch seinen geringen Preis einen Vorteil 
gegenüber dem Alkohol. Die Ergebnisse ihrer 
Arbeit fassen Verff. in folgendem zusammen : 

I. Die Wurzel von Pimpinella Saxifraga L. liefert 
in einer Menge von etwa 0,5 " „ einen kristalli- 
sierten Rohstoff, dessen hauptsächlichster, wenn 
nicht einziger Bestandteil das Pimpinellin ist. Ein 
zweiter einheitlicher Stoff konnte von Verff. (im 
Gegensatz zu Heut) aus dem Rohprodukt nicht 
isoliert werden. 

II. Das reine Pimpinellin stellt lange, glänzende, 
weiße Nadeln vom P'p. 119" dar; es besitzt nach 
Analyse und Molekulargewichtsbestimmung die 



I04 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift 



N. F. Vni. Nr. 7 



Formel CjgH,,^^ und zersetzt sich bereits durch 
die Einwirkung des lichtes unter Gelbfärbung. 

III. Das Pimpinellin ist mit größter Wahr- 
scheinlichkeit als ein Lakton anzusehen; es ent- 
hält zwei Methoxylgruppen in dem oben ange- 
nommenen Molekül. (Demnach würde die Formel 
des Pimpinellins weiter aufgelöst werden können 
in Ci„H,0.C0.0-(0CH3).,.) 

IV. Durch Oxydation entsteht aus dem Pim- 
pinellin eine Säure, die bei 212 bis 220" schmilzt, 
eine dreibasische Säure zu sein scheint und ge- 
wisse Ähnlichkeit mit der Phtalsäure zeigt. — 
Dieses Oxydationsprodukt des Pimpinellins CgHgO., 
(C00H)3 bildet mit Pyridin ein schön kristalli- 
sierendes Salz, das mit Diphenylharnstoffchlorid 
unter Bildung eines diphenylierten Säureamids 
zusammentritt; Cf-HgO., ■ [CONlC^HJ.j],,. 

V. Die Zusammensetzung der Pimpinellinformel 
und die Überführung des Pimpinellins in eine der 
Phtalsäure in mancher Beziehung ähnliche Säure 
führt zur Vermutung, daß das Pimpinellin ein 
Naphtalinderivat ist, das durch Oxydation in eine 
substituierte Phtalsäure umgewandelt wird. 

„Über die Inhaltstoffe der Rhizoma 
Imperatoriae." Von J. Herzog. Arbeiten 
aus dem Pharmazeutischen Institut der Universität 
Berlin. Arch. d. Pharm. Bd. 246 (1908), S. 414 
bis 417. Wie bei der Biberneil wurzel (vgl. vor- 
stehendes Referat) erfolgte die Erschöpfung der 
Droge durch siedendes Benzol, die Abscheidung 
durch Petroläther. Verf. erhielt in einer Ausbeute 
von etwa i "Jq rein weiße Kristalle vom Schmp. 
140 — 141", die als Oxypeucedanin angesehen wer- 
den müssen; in kleineren Mengen isolierte Verf. 
aus der Petrolätherlösung Ostruthin. Vielleicht 
läßt sich ein chemischer Zusammenhang zwischen 
den beiden Stoffen nachweisen. Verf. hofft hier- 
über in einiger Zeit berichten zu können. 

„Über das Verhalten des Chinins im 
Organismus." Von Dr. Paul Grosser. (Aus 
der II. inneren Abteilung des städtischen Kranken- 
hauses am Urban in Berlin.) Biochem. Zeitschr. 
Bd. VIII. (1908) S. 98 — 117. Zur quantitativen 
Bestimmung des Chinins wandte Verf. Phosphor- 
wolframsäure als Fällungsmittel an. „Ein Teil, 
meist 50 ccm, des bei großen Mengen auf ein 
kleines Volumen eingedampften Harnes wurde 
mit Salzsäure angesäuert und mit konzentrierter 
Phosphorwolframsäurelösuiig so lange versetzt, bis 
bei weiterem Zusatz keine Trübung mehr eintrat. 
Daneben wurde mit der gleichen Menge eine 
Kontrollprobe gemacht. Nach 24 -stündigem 
Stehen wurde abfiltriert; es war unbedingt nötig, 
den Niederschlag so lange absetzen zu lassen, da 
sonst die Flüssigkeit häufig trübe durchging. Der 
Filterrückstand wurde sodann quantitativ in eine 
Abdampfschale gespritzt, in dieser zu dem weiß- 
lichen Brei auf dem Wasserbade Barythydrat in 
Substanz gefügt, bis die Reaktion stark alkalisch 
wurde." Es wurde zur Entfärbung Tierkohle zu- 
gesetzt und zur Trockne verdampft. Der Rück- 
stand wurde im Soxhlet 12 Stunden mit Chloro- 



form extrahiert. Die nach Abdampfen des Chloro- 
forms verbleibende braune Schmiere wurde in 
Äther gelöst, vom Unlöslichen abfiltriert, der 
Äther verdunstet, der bräunliche Rückstand bei 
115" getrocknet und gewogen. Der Rückstand 
gab die bekannten Identitätsreaktionen. Zur Iso- 
lation des Chinins aus dem Harn war die Methode 
gut anwendbar; aus eiweißhaltigen Flüssigkeiten 
und aus Organen konnte das Chinin auf diese 
Weise nicht wiedergewonnen werden. Die Eiweiß- 
rückstände konnten trotz tagelangen Auswaschens 
nicht chininfrei erhalten werden. Auch die quan- 
titative Chininbestimmung aus der Leber bereitete 
zuerst große Schwierigkeiten ; Verf. gelangte 
schließlich zu folgender Methode: Die zerkleinerte 
und bei 80" getrocknete Leber wurde mit Seesand 
verrieben, mit etwa 100,0 ccm 25 "/o iger Schwefel- 
säure vermengt und im Schüttelapparat 3 Stunden 
kräftig geschüttelt, sodann getrocknet und der 
Rückstand im Soxhlet mit Chloroform extrahiert, 
bis das ablaufende Chloroform klar war. Das in 
Chloroform unlösliche schwefelsaure Chinin blieb, 
von einem Teil der Farbstoffe befreit, in der 
Filterpatrone zurück. „Das so gereinigte Pulver 
wurde nunmehr bis zur stark alkalischen Reaktion 
mit Natronlauge versetzt und wiederum im Schüttel- 
apparat 3 Stunden kräftig geschüttelt; der Brei 
nunmehr unter Zusatz von Tierkohle zur Trockne 
eingedampft, bei 80" völlig getrocknet, das Pulver 
wiederum im Soxhlet mit Chloroform extrahiert. 
. . . Das Chloroform wurde verdunstet, der braune 
Rückstand getrocknet und in verdünnter Schwefel- 
säure gelöst. Durch ein kleines Filter wurde vom 
ungelösten Rückstande abfiltriert und so lange 
mit verdünnter Schwefelsäure gewaschen, bis daß 
das Filtrat chininfrei war. Der nach Abdunsten 
des Äthers zurückgebliebene leicht gelbliche Rück- 
stand wurde getrocknet und gewogen." Der 
Rückstand gab die bekannten Chininreaktionen. 
„Über diabetische Lävulosorie und 
den qualitativen Nachweis der Lävu- 
lose im Harn." Von L. Borchardt. (Aus 
dem Institut für med. Chemie und exper. Pharma- 
kologie zu Königsberg. Direktor Gehr. Jaffe.) 
Zeitschr. f. physiolog. Chemie, Bd. 55 (1908), 
241 — 259. Verf. verwirft die Seli wanof f'sche 
Probe für Urin (Kochen mit gleichen Teilen Salz- 
säure und einigen Körnchen Resorzin : Rotfärbung 
bei Anwesenheit von Lävulose), denn außer Lävu- 
lose gibt eine Reihe anderer Körper, die im 
Urin vorkommen, eine ähnliche Rotfärbung, teils 
beim Kochen mit Salzsäure allein, teils beim 
Kochen mit Resorzin und Salzsäure. Die 
S el iwa n off ' sehe Probe ist in verschiedener 
Weise modifiziert worden; Verf führt die be- 
treffenden Modifikationen an. Die Methode von 
Rosin (Zeitschr. f physiol. Chemie, Bd. 38, 1903, 
S. 555), in der von ihm verbesserten folgenden 
Form, hält Verf. für den Nachweis der Lävulose 
im Urin für geeignet: „Einige Kubikzentimeter 
Harn werden im Reagenzglas mit der gleichen 
Menge 25 prozentiger (offizineller) Salzsäure und 



N. F. VIII. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrilt. 



105 



einigen Körnchen Resorzin einmal kurz aufgekocht; 
tritt Rotfärbung ein, so külilt man unter der 
Wasserleitung, gießt die Flüssigkeit in eine Schale 
oder ein Becherglas, macht mit Soda in Substanz 
alkalisch, gießt in das Reagenzglas zurück und 
schüttelt mit Kssigäthcr aus. Bei Anwesenheit 
von Lävulose färbt sich der Essigäther gelb." Die 
Probe ist nur dann beweisend, wenn nicht gleich- 
zeitig Nitrite und Indikan in deutlich nachweis- 
barer Menge vorhanden sind. Das gleichzeitige 
Vorhandensein beider Stoffe gibt nämlich auch 
eine positive Reaktion, während weder Nitrit noch 
Indikan allein die Probe geben. In einem solchen 
Falle entfernt Verf vorher die salpetrige Säure, 
indem er den mit Essigsäure angesäuerten Harn 
I Minute kocht. Ist der Indikangehalt sehr groß, 
so geht mitunter in den Essigäther ein blauer 
Farbstoft' über, der eventuell den gelben für Lävu- 
lose charakteristischen verdecken kann. In diesem 
Falle muß das Indikan vorher entfernt werden 
indem man gleiche Teile Urin und Obermeyer- 
sches Reagens mit Chloroform mehrmals aus- 
schüttelt. Da das Oberm eye r' sehe Reagens 
aber rauchende Salzsäure enthält, muß man nach 
Abgießen des Chloroforms erst mit ^1^ des 
Volumens Wasser verdünnen, wodurch die Kon- 
zentration der Flüssigkeit an HCl auf 12 — 13 "/„ 
herabgesetzt wird, dann gibt man einige Körnchen 
Resorzin zu, kocht auf und verfährt weiter wie 
oben. Der Urin von Patienten, die Santonin 
oder Rhabarber genommen haben, gibt eine ähn- 
liche Reaktion; diese Verwechslung wird leicht 
zu vermeiden sein, wenn man diese Fehlerquelle 
kennt. Aus Urinen, die Uroroscin enthalten, 
muß dieses vorher entfernt werden, da der P'arb- 
Stoff, der beim Ansäuern mancher Urine mit 
Salzsäure schon in der Kälte entsteht, bei An- 
stellung der angegebenen Reaktion mit rotvioletter 
Farbe in den Essigäther übergeht und den Nach- 
weis der Lävulose dadurch vereitelt. Die Ent- 
fernung dieses Farbstoffes gelingt leicht, wenn 
man gleiche Teile Urin und 25 prozentige Salz- 
säure 2 — 3 mal mit Amylalkohol auschüttelt, im 
Scheidetrichter trennt, dann mit Resorzin kocht 
und weiter wie oben verfährt. Da aber der Ver- 
wendung des käuflichen Amylalkohols, wie Verf 
gezeigt hat, erhebliche Bedenken entgegenstehen, 
so ist ein danach auftretendes positives Resultat 
nicht als absolut bewei'^end anzusehen. Nach den 
weiteren Untersuchungen des Verf., auf die ich 
hier nur verweisen kann, liegt für die Annahme 
einer Ausscheidung von Lävulose im Diabetiker- 
urin kein Grund vor. 

„Über den Wert der zur Bestimmung 
des Harnzuckers verwendbaren Metho- 
den." Von Casimir Funk. (Aus dem ehem. 
Laborator. der inneren Abteilung des Stadt. 
Krankenhauses in Wiesbaden.) Zeitschr. f physiol. 
Chemie, Bd. 56, S. 507-511. Auf Grund seiner 
Untersuchungen kommt Verf zu dem Resultate, 
daß die Bertrand'sche Zuckertitrationsmethode 
wegen ihrer Genauigkeit und scharfen Umschlags 



für Zuckerbestimmungen empfohlen werden kann, 
auch für die Bestimmung des Harnzuckers. Die 
Bertrand'sche Methode (Bull, de la Soc. chim. 
de F"rance, Bd. XXXV, S. 1285, 1906) skizziert 
Verf kurz wie folgt: Bertrand läßt die zu 
untersuchende zuckerhaltige Flüssigkeit mit einer 
Fe hl in g 'sehen Lösung von bestimmtem Gehalt 
3 Minuten lang kochen. Der CugO-Niederschlag 
wird auf einem Asbestfilter abfiltriert und mit 
heißem Wasser nachgewaschen. Der imErlen- 
mey er -Kolben zurückgebliebene Cu.^O Nieder- 
schlag wie auch der auf dem Asbestfilter zurück- 
gebliebene werden in einer Lösung von Fe.,(S04)3 
in H.jSO^ gelöst, wobei sich die beiden Verbin- 
dungen nach folgender Formel umsetzen : 
Cu.,0 + Fe.,(SOJ, + HjSO, = 2 CuSO^ + 
HoÖ + 2FeS04. 
Das entstandene Ferrosalz wird mit einer auf 
Ammoniumoxalat eingestellten KMnOj-Lösung 
titriert. Der Umschlag ist äußerst scharf. 

„Über eine neue Gallensäurenreak- 
tion und über denNachweis derGalletl^ 
säuren im Harn." Von Adolf Jolles. (Aus 
dem chemisch-mikroskopischen Laboratorium von 
Dr. M. und Dr. Ad. Jolles in Wien.) Zeitschr. 
f physiol. Chemie, Bd. 57 (1908), S. 30 — 34. 
Verf versetzt 50 ccm Harn mit 15 ccm einer 
3 prozentigen Caseinlösung, mischt gut durch und 
setzt hierauf tropfenweise von einer 10 prozentigen 
Schwefelsäure unter fortlaufendem Umrühren so- 
lange hinzu, bis das Casein vollständig ausgefällt 
ist. Es darf nicht mehr Schwefelsäure zugesetzt 
werden, als zur Ausfällung des Caseins nötig ist. 
Sodann wird filtriert und der auf dem Filter be- 
findliche Niederschlag in ein Becherglas gebracht, 
worauf 10 ccm absoluter Alkohol hinzugesetzt 
wird; nun läßt man etwa 1 Stunde unter wieder- 
holtem Digerieren bei gewöhnlicher Temperatur 
stehen. Jetzt wird filtriert und etwa 4 — 5 ccm 
des Filtrates werden in einem Reagenzglas mit 
I Tropfen einer 5 prozentigen Rhamnoselösung 
und 4 — 5 ccm konzentrierter Salzsäure versetzt, 
zum Kochen erhitzt und etwa i — 2 Minuten in 
schwachem Kochen erhalten. Nach dem Erkalten 
der Probe fügt man zu dem Inhalte des Reagenz- 
glases ca. 2 ccm Äther hinzu und schüttelt um. 
Bei Anwesenheit von Gallensäuren ist eine charak- 
teristische grüne Fluorescenz schön wahrzunehmen. 
„Über den Nachweis organischer 
Basen im Harn." Von R. Engel and. (Aus 
dem physiologischen Institut der Universität Mar- 
burg.) Zeitschr. f physiol. Chemie, Bd. 57 (1908), 
S. 49 — 64. Loh mann und Kutscher, Kut- 
scher und Achelis haben in einer Reihe von 
Arbeiten gezeigt, daß im Harn eine Anzahl or- 
ganischer Basen stecken, die bisher der Beobach- 
tung entgangen waren. Verf hat diese Unter- 
suchungen mit Methoden fortgesetzt, die von den 
genannten Forschern nicht angewandt wurden, 
und zwar fällte er i. mit kaltgesättigter Queck- 
silberchlorid- und Natriumacetatlösung den nicht 



io6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 7 



eingeengten Harn, 2. fällte er den Harn mit den- 
selben Lösungen nach vorheriger Konzentration 
und Reinigung mit Tannin, 3. fällte er den Harn 
unmittelbar mit heiß gesättigter Quecksilberchlorid- 
und Natriumacetatlösung. Verf hat nachgewiesen, 
daß sowohl Methyl- als auch Dimethylguanidin 
präformiert im Harn vorhanden sind. Ferner 
konnte er Histidin nachweisen, welches er nach 
den Angaben von Steudel in das Pikrolonat 
überführte, welches bei 220" schmolz. [Die 
Knorr'sche Pikrolonsäure, das Dinitrophenyl- 
methylpyrazolon, wurde von L. K n o r r (Ber. d. 
CfiH.-NO.^ 



N 



N 



C-O 

I 
■C-NO.,H 



CH3 
d. ehem. Ges. 30, I, 917) als ausgezeichnetes 
Fällungsmittel empfohlen, sie ist in der letzten 
Zeit zur erfolgreichen Charakterisierung organischer 
Basen angewandt worden, besonders solcher, die 
sonst kaum kristallinische Salze liefern. D. Ref] 
„Über VVacholdermus." Von H. Matt h es 
und F. Streitberge r. (Mitteilg. aus d. Inst, 
f. Pharm, u. Nahrungsmittelchemie der Universität 
Jena.) Pharmaz. Zeitg. 1908, Nr. 54. Verff. teilen 
zunächst die Analysen dreier Wacholderextrakte 
mit. Probe i war von einer Behörde bei einer 
in Thüringen umherziehenden Händlerin entnom- 
men worden. Die Untersuchung gab folgende 
Werte: 

Spez. Gew. der Lösung (i -|-2) bei 15'' 1,0941 
Daraus Extrakt nach Windisch 67,20 % 
Wasser 32,80 „ 

Polarisation der loproz. Lösung im 

200 mm-Rohr nach der Inversion -|-I3,5'* 
Der Polarisation nach lag also ein mit Stärke- 
sirup versetztes Präparat vor. Eine zweite Probe 
Wacholderextrakt, die den Anforderungen des 
D. A.-B. IV entsprechen sollte, war den Verff. 
von einer Fabrik von Koniferenpräparaten in 
Thüringen zur Verfügung gestellt worden. Das 
betr. Extrakt stellte einen dunkelbraunen, dicken 
Sirup dar, besaß süßen, aber zugleich herben Ge- 
schmack, und zeigte den charakteristischen Geruch 
des Wacholderöls. Es entsprach in bezug auf 
Löslichkeit den Anforderungen des D. A.-B. IV: 
mit gleichen Teilen Wasser vermischt, blieb eine 
starke Trübung bestehen. Die Asche enthielt 
geringe Mengen Kupfer, das Extrakt war nämlich 
in einem kupfernen Kessel eingedampft worden. 
Auf Veranlassung der Verff. hat der betr. Fabri- 
kant den zur Fabrikation dienenden Apparat im 
Innern mit einem gegen Säuren indifferenten Über- 
zug versehen lassen. 

Die weitere Untersuchung ergab folgende 
Werte: 



Spez. Gew. d. Lösg. i -|- 2 bei 15" 1,1082 

Daraus Extrakt nach Windisch 76,76 "/g 

Trockensubstanz gewichtsanalytisch 73,47 */o 

Wasser 26,53% 

Gesamtsäure in ccm Normalsäure 13,00 
Polarisation der lOproz. Lösung im 
200 mm-Rohr 

a) vor der Inversion — 0,41" 

b) nach der Inversion — 0,25" 
Zucker als Invertzucker berechnet: 

a) vor der Inversion 41,36% 

b) nach der Inversion 42,24 % 
Daraus Rohrzucker berechnet 0,84 % 

Eine dritte Probe stammte aus einer Drogen- 
handlung Leipzigs. Nach Angabe des Fabrikanten 
sollte das Extrakt „rein und unverfälscht" sein; 
es schmeckte süß, wenig gewürzhaft und besaß 
durchaus nicht den kräftigen Geruch des Wacholder- 
beeröles. Die Asche war frei von durch H.3S in 
salzsaurer Lösung fällbaren Metallen. Mit gleichen 
Teilen Wasser gemischt resultierte eine klare Lö- 
sung, während das D. A.B. IV eine stark trübe 
Lösung verlangt. Matt lies und Streitberger 
konnten durch Versuche im großen nachweisen, 
daß diese klare Löslichkeit nicht daher rührt, wie 
in der ,,Real-Enzyklopädie der gesamten Phar- 
mazie" Bd. IX, S. 526 (1890) angegeben ist, daß 
das ätherische Öl abdestilliert ist [ — dies ist bei 
allen Wacholderbeersäften zum größten Teil durch 
das Eindampfen verflüchtigt. Die trübe Löslich- 
keit rührt von natürlichen harzigen Bestandteilen 
der Beeren her — | , sondern daß die klare Lös- 
lichkeit durch zugesetzten Invertzucker bewirkt 
wird. Durch Zugabe von Invertzucker konnten 
Verff. auch trüblösliche Wacholderextrakte zur 
klaren Lösung bringen. ,,Es ist also in der 
klaren Löslichkeit von Wacholder- 
extrakt ein wichtiger Hinweis gegeben, 
daß zur Vermehrung der Masse ein Zu- 
satz von Invertzucker oder ähnlichen 
Stoffen stattgefunden hat." [Ref fiel es 
auf, daß auch in dem soeben erschienenen XI. Band 
der neuesten Auflage der gen. „Real-Enzyklopädie 
der ges. Pharmazie" die oben erwähnte alte, falsche 
Angabe stehen geblieben ist. Eine sehr wohl- 
wollende, ausführliche Besprechung der Arbeit von 
Matthes und Streitberger brachte s. Z. die 
,, Süddeutsche Apotheker-Zeitung".] 

Verff. kommen zu folgenden Schlußfolgerungen: 
„Ein als Wacholderextrakt bezeichnetes Präparat 
muß den Anforderungen des D. A.-B. IV ent- 
sprechen. Unter Wacholder mus verstehen wir 
ein dem Wacholder ex trakt in bezug auf Dar- 
stelUmg und Beschaffenheit gleichwertiges Produkt, 
denn Wacholdermus stellt das eingedickte Dekokt 
von Wacholderbeeren dar. Wacholder saft braucht 
in bezug auf Löslichkeit nicht den Anforderungen 
des D. A.B. IV zu entsprechen. Das Arzneibuch IV 
kennt auch nur die Bezeichnung: Succus Juniperi 
inspissatus = Wacholdermus." Gegen den indu- 
striellen Brauch, im Handel als Wacholdersaft 



N. F. VIII. Nr. 



Naturwisenschaftliche Wochenschrift. 



107 



ein stets mehr oder weniger versüßtes Wacholder- 
extrakt zu verkaufen, haben Veiff. nichts ein- 
zuwenden. Zum Versüßen dient meistens Stärke- 
sirup oder Zucker, auch Rübensaft. „Eine Dekla- 
ration solcher Zusätze halten wir für unbedingt 
erforderlich, da sonst Irrtümern und Preisunter- 
bietungen Tür und Tor geöffnet sind. Für den 
Apotheker wird es von Wichtigkeit sein, bei Be- 
stellungen stets sich der richtigen Bezeichnung 
Succus Juniperi inspissatus (Wacholdermus) zu 
bedienen, da er sonst bei Reklamationen nach 
dem jetzt üblichen Handelsbrauch leicht 
Schwierigkeiten haben kann. Bestellt er aber 
Wacholder saft Ph. G. IV, so müßte der Grossist 
oder Fabrikant auch vorschriftsmäßige Ware liefern, 
da sich diese Bezeichnung in Anlage VII des 
Arzneibuches S. 483 als synonym findet." 

„Über künstliches kristallisiertes 
Karlsbader Salz" haben H. Matthes und 
H. Serge r berichtet („Apoth.-Zeitg." 1908, Nr. 27, 
Nr. 41 u. Nr. 70), ferner H. Matthes in der 
„Balneologischen Zeitung" 1908, Nr. 11. G. Fre- 
richs untersuchte Sal Carolin, fact. Ph. G. IV 
(Apoth.-Zeitg. 1908, 135—136). Diese Arbeiten 
haben in pharmazeutischen Kreisen so allgemeines 
Interesse erregt, daß ich sie als bekannt hier nur 
erwähnen brauche; sie gipfeln in der sehr berech- 
tigten Forderung, daß sowohl das Sal. Carol. fact. 
crist., als auch das Sal. Carol. fact. Ph. G. IV in 
den Apotheken selbst dargestellt werden. Die 
Selbstdarstellung der galenischen Präparate wird 
jetzt wieder mehr angestrebt. In letzter Zeit 
fordeite sie auch Dr. Richter- Groitzsch i. S. 
(Pharm. Zeitg. 1908, Nr. 98 und 1909, Nr. 4), es 
kann ihm nur zugestimmt werden; leider will 
Richter die eingehende chemische Untersuchung 
der Chemikalien, Drogen usw., wie sie das D. 
.■\.-B. IV verlangt, fast ganz eingeschränkt wissen ; 
diesem Wunsche Rieh ter's wird hoffentlich von 
maßgebender Stelje nicht entsprochen werden. 

H. Thoms, „Über französisches Peter- 
silienöl und einen darin entdeckten 
neuen Phenoläther, ein i-Allyl-2. 3. 4. 5- 
Tetramethoxy-benzol. Aus dem Pharmaz. 
Institut der Universität Berlin. Ber. d. deutsch. 
ehem. Ges. 41, 2753 — 2761 (1908). Schon im 
Jahre 1903 (Ber. d. d. ehem. Ges. 36, 3451 [1903] 
und Arbeiten aus dem Pharmaz. Instit. d. Univers. 
Berlin, 1, 23) berichtete Verf über ein französi- 
sches Petersilienöl , in welchem er neben großen 
Mengen von Myris ticin, nur kleine Mengen 
Apiol nachweisen konnte, während deutsches 
Petersilienöl große Mengen des letztgenannten 
Phenoläthers enthält. Da die französischen Peter- 
silienfrüchte, aus denen das Ol gewonnen wurde, 
nur geringfügige anatomische Unterschiede von 
den deutschen Petersilienfrüchten zeigten, so führte 
Thoms obigen Unterschied auf verschiedene 
Kulturbedingungen oder klimatische Einflüsse zu- 
rück und führte Kulturversuche in dem Garten 
des Berliner pharmazeutischen Instituts aus. Verf. 
bemerkt im voraus, daß er sich von einer 



Kulturperiode nicht sehr viel versprochen habe. 
Für diese Annahme spricht auch der Ausfall der 
Versuche. Es haben sich zwar Verschiedenheilen 
gezeigt in der Zusammensetzung der ätherischen Öle, 
die von auf deutschem und auf französischem Bo- 
den aus gleicher französischer Saat erzielten Samen 
gewonnen wurden, jedoch sind diese Unterschiede 
nur unwesentlicher Art. Im Verlaufe dieser Unter- 
suchungen hat Verf. in den Hauptfraktionen des 
französischen Petersilienöles sowie des aus in 
Dahlem kultivierter französischer Saat erhaltenen 
Öles neben kleinen Mengen Apiol und Myristicin 
auch einen bisher unbekannten Phenoläther, ein 
i-Allyl-2. 3. 4. 5-Tetramethoxy-benzol: 

CH.2 . CH : CHj 



OCH3 
CHaOl J0CH3 
OCH3 
vom Schmp. 25" entdeckt. 

,, Weitere Untersuchungen über die 
Glycyrrhizinsäure." Von A. Tschirch 
und S. Gauch mann. (Arbeiten aus dem phar- 
maz. Inst. d. Univers. Bern.) Arch. d. Pharm. 
1908, 246, 545 — 558. Die ersten, welche das 
Glycyrrhizin rein darstellten und die Substanz 
genau untersuchten, waren Tschirch und 
Cederberg (Arch. d. Pharm. Bd. 245, 97 (1907). 
Dort auch die ältere Literatur). Ihnen gelang es, 
farblose Kristalle der Glycyrrhizinsäure und ihrer 
Salze zu erhalten und auch den chemischen Cha- 
rakter des Glycyrrhizins zu ermitteln. Als Spal- 
tungsprodukte erhielten sie Glycyrrhetinsäure und 
vermutlich Glukuronsäure. A. Tschirch und 
S. Gauch mann kommen auf Grund der Reak- 
tionen der vermutlichen Glukuronsäure zu dem 
Schluß, daß der zweite Spaltung der Glycyrrhizin- 
säure tatsächlich Glukuronsäure ist. Die Glukuron- 
säure kommt also nicht nur im tierischen Organis- 
mus vor, wie man es bis jetzt glaubte, sondern 
sie findet sich auch in Pflanzen, und zwar ist sie 
hier, wie im Tierkörper, mit hydroxylhaltigen 
Substanzen zu glykosidartigen , aber nicht echt 
glykosidischen Verbindungen gepaart. Die Unter- 
suchungen über die Glycyrrhetinsäure sind noch 
nicht abgeschlossen. Interessant ist auch die Angabe 
der Verfasser, daß im Gouvernement Astrachan, 
welches die Hauptmenge des russischen Süßholzes 
liefert, zwei von Engländern gegründete Fabriken 
bestehen, welche den Succus Liquiritiae in großen 
Mengen darstellen und diesen nach London ex- 
portieren, wo er besonders bei der Fabri- 
kation des Porterbieres X'^erwendung 
find et. 

,,Über das Vorkommen von Glycyr- 
rhizinsäure in anderen Pflanzen." Von 
A. Tschirch und S. Gauchmann. Arch. d. 
Pharm. 1908, 246, 558—565. Verff. kommen zu 
dem Schluß, daß der aus Periandra dulcis Mart. 
erhaltene Süßstoff und der aus der Monesia-Rinde 



lOS 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 7 



(Pradosia lactescens Radlk.) erhaltene mit Gly- 
cyrrhizinsäure identisch sind. 

E. Rupp und R. Loose, „Über einen 
alkalihochemp find liehen, zur Titration 
mit Hundertstelnormallösungen geeig- 
neten Indikator." Marburg, Pharm. -ehem. 
Institut. Ber. d. d. ehem. Ges. 41, 3905 (igo8). 
Verfif. verwenden einen Indikator, den sie anläß- 
lich einer Arbeit über den planmäßigen syntheti- 
schen Aufbau von Indikatoren erhalten haben. 
Seiner Konstitution nach repräsentiert er eine 
Azokombination aus o-Amidobenzoesäure 
und D i m e t hy 1 anil i n und ist dementsprechend 
zu formulieren als 



.•N:N. 



COOH 
p-Dimethylamino-azobenzol-o-carbon- 
säure 

Über die zur Ammoniaktitration üblichen Indika- 
toren erhebt sich der neue Indikator insofern, als 
n , , , n 





er nicht allein auf 



10 



sondern auch auf 



Lösung mit Schärfe anspricht. Ebenso übertrifft 
er das Hämotoxylin. Auch das Jodeosin glauben 
VerfF. durch ihn ersetzen zu können , zumal er 
außer Schärfe den nicht zu unterschätzenden Vor- 
teil bietet, die Äther- Wasser-Schicht nicht zu be- 
dürfen. Auch ist er zur Titration der Chinabasen 
tauglich , wo Jodeosin bekanntlich versagt. Vor 
allen Dingen erfordert er keine farblosen Titrations- 
lösungen. Der Umschlag vollzieht sich von 
schwacligelblich in alkalischer und neutraler Lö- 
sung zu violettrot in saurer Lösung, ähnelt also 
dem Umschlag von Methylorange, jedoch kommt 
die eigentümlich gelbrote Übergangsfarbe des 
letzteren gänzlich in Wegfall; wegen dieser Ähn- 
lichkeit nennen VerfF. ihren neuen Indikator 
Methylrot. Man benutzt die 0,2 proz. alkoho- 
lische Lösung des kristallisierten Präparates. 

Die Klärung der Pyrenol-Frage ist das Ver- 
dienst von Prof. Thoms, Dr. Zernick und Prof. 
Frerichs. Als Tragikomödie wirkte der Ver- 
such, das Verhalten des Pyrenols als einen Beweis 
für die Richtigkeit der van t'Hoff'schen Theorie 
der festen Lösungen hinzustellen. 

Dr. Otto Rammstedt, Dresden. 



100 



Kleinere Mitteilungen. 

Die phylogenetische Entstehung des Kopfes 
der Wirbeltiere hat Prof H. E. Z i e g 1 e r aufs Neue 
einer Untersuchung unterworfen. (Jenaische Zeitschr. 
f. Naturwissensch. 1908, 43. Bd. Auch separatim bei 
G. Fischer, Jena.) Bekanntlich hat dieses Problem 
die Naturforscher seit mehr als 100 Jahren be- 
schäftigt. Ich nenne nur die Namen Goethe 
und Oken, Huxley und Gegenbaur, um 
an die früheren Auffassungen zu erinnern. Diese 
älteren Autoren gingen in erster Linie von dem 
Kopfskelett aus. Erst durch Balfour und van 
Wijhe (1883) wurden auch die embryologischen 
Tatsachen in Betracht gezogen und die Aufmerk- 
samkeit auf die Ursegmente gelenkt, in denen 
sich die Gliederung des Kopfes zuerst ausspricht. 
Verschiedene Beobachter haben sich neuerdings 
wieder mit Erfolg an der Lösung des Problems 
beteiligt, so Froriep, Dohrn, Braus, Kolt- 
zoff u. a. Fast stets bauten die F"orscher ihre 
Folgerungen auf Beobachtungen an einem Organ- 
system auf. Das Ergebnis dieser einseitigen Be- 
handlung ist ein Auseinandergehen der Meinungen, 
wie sie kaum ein anderes Gebiet aufzuweisen hat. 

Die erste Frage bei unserem Problem lautet 
jetzt: „Wie viele Ursegmente (Somiie) sind in die 
Bildung des Kopfes eingegangen ?" Man hat näm- 
lich erkannt, daß die Ursegmente die phylogene- 
tisch ältesten Teile sind , was aus den Verhält- 
nissen beim Amphioxus deutlich hervorgeht, da 
hier weder Gehirn noch Schädel differenziert sind. 
Bei diesem einfachsten aller Wirbeltiere gehen 



die Ursegmente bis zum vorderen Körperende. 
Jedoch zeigt sich die Gliederung des Kopfes nicht 
allein in den Ursegmenten sondern auch in der 
Anordnung der Kopfnerven und in der Lage der 
Kiemenspaltcn. 

Ziegler geht von Selachierembryonen in den 
Stadien H — K (nach Balfour) aus. In diesen 
Entwicklungsphasen ist eine deutliche Zuordnung 
der Kopfnerven zu den Ursegmenten zu erkennen; 
außerdem besitzen die Nerven ektodermale Ver- 
bindungen an den zugehörigen Kiemenspalten. 
Die Segmente, welche Ziegler für die ursprüng- 
lichen hält, sind die Prämandibular-, die Mandi- 
bular- und die Hyoidhöhle, ein Glossopharyngeus- 
und drei Vagussegmente. Zu ihnen gehören die 
primären Kopfganglien und Nerven , nämlich 
Ciliar-, Trigeminus- und P'acialis- AcusticusGang- 
lion, der -Glossopharyngeus und der Vagus. Letz- 
terer ist durch Verschmelzung von drei Wurzeln 
entstanden , entspricht also einer gleichen Zahl 
von Segmenten. Außerdem sind noch vier Somite 
in den Bereich des Kopfes einbezogen worden, 
die ursprünglich zu Spinalnerven gehörten. Im 
ganzen stellt sich die Zahl der Segmente somit 
auf 12. Die Kiemenspalten liegen intersegmental, 
was aus den Rekonstruktionen deutlich ersicht- 
lich ist. 

Ziegler stellt sich die phylogenetische Ent- 
stehung des Wirbeltierkopfes nun folgendermaßen 
vor, wobei er besonders die palingenetischen 
Elemente in der Entwicklung des .Amphioxus be- 
rücksichtigt. Die Gastrula ernährte sich ursprüng- 
lich durch den Blastoporus; zu ihm wimperte die 



N. F. VIII. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



109 



Medullarplatte die Nahrung. Als sich das Me- 
dullarrohr gebildet hatte, strömte das Wasser mit 
den Nahrungsbestandteilen durch den vorderen 
Neuroporus ein und kam dann durch das Medullar- 
rohr, das mit einem Sinnesepithel zur Prüfung 
des durchströmenden Wassers ausgekleidet war, 
in den Darm. Diesen Weg zeigt uns die sche- 
matische Figur I. Ein eigentlicher Mund und ein 
After existieren noch nicht, wohl aber eine An- 




Fig. I. 
AraphioNUS-Larve im Stadium der Neurula (Gastrula mit Me- 
dullarrolir), nach Hatschek scliemalisiert (aus Ziegler). 



zahl Muskelsegmente, welche die Bewegung er- 
möglichten. Einen ganz ähnlichen Entwicklungs- 
zusland durchläuft die Amphioxuslarve , bei der 
ja noch viele ursprüngliche Charaktere erhalten 
sind (siehe Figur 2). In diesem primitiven Zu- 
stande mußte das Wasser den Körper wieder auf 
demselben Wege verlassen, den es genommen 
hatte. Diese unpraktische Einrichtung führte not- 
wendigerweise zur Bildung des Afters, durch wel- 
chen ein Abfluß für das Wasser geschaffen wurde. 
Eine höhere Stufe wurde erreicht, als Mund 
und Kiemenspalten durchbrachen. Der Mund ist 
ein unpaares, medianes Gebilde, das nicht durch 
Verschmelzung zweier Kiemenspalten entstanden 
ist, wie einige Forscher annahmen. Die Kiemen- 
spalten entstanden an den Stellen des geringsten 
Widerstandes, also zwischen den Segmenten. Die 
Kiemenspalten beider Seiten mußten sich also 
entsprechen ; auch beim Amphioxus sind die zu- 
erst entstehenden Kiemenspalten metamer ange- 
ordnet. Als sich der Mund gebildet hatte, obli- 
terierte der Canalis neurentericus (die Verbindung 



"P "f US 




Fig. 2. 
Embryo von Amphio.vus mit 9 Ursegmenten. (Nach Hat- 
schek aus Korscheit und Hei der), dv vorderes Ento- 
dermdivertikel (linkes Entodermsäckchen Hatschek's), ec 
Ektodetm, en Entoderm, m vorderer Fortsatz des sog. I. Ur- 
segments (us'), raf ungegliederter Teil des Mesoderms , mp 
Hatschek's Mesodermpolzellen, mz Muskelbildungszellen, 
np vorderer Neuroporus.. 



des Medullarrohres mit dem Darmrohr) ; das Me- 
dullarrohr, welches bisher nebenbei eine Sinnes- 
funktion gehabt hatte, um das durchströmende 
Wasser zu prüfen, wurde nun zum Zentralorgan 
des Nervensystems. 

Wichtig für unser Problem ist es also, daß 
ursprünglich der ganze Kopf eine Gliederung be- 
saß. Z i e g 1 e r entwirft ein Schema des Ursprung- 






?c 



K. 



Fig. 3. Schema des ursprünglichen Baues des Wirbeltierkopfes 

(nach Ziegler). C. Ciliarganglion. O. Ohrbläschen. 

P. Prämandibularhöhle. M. Mandibularsegment. H. Hyoid- 

segment. l.R. Erstes aufsteigendes Ursegmcnt. K. Kicmen- 

spaltcn. Fe. Pericardialhöhle , die mit den Ursegmenten in 

Kommunikation steht. 

liehen Zustandes, das ich in Figur 3 verkleinert 
wiedergegeben habe. Es zeigt uns vor allem die 
Zuordnung der Kopfnerven zu den Ursegmenten 
sowie die intersegmentale Lage der Kiemenspalten. 

P. Brohmer, Jena. 



Über die Farbe des Schwefels und das 
Farbproblem des Ultramarins. — Der Schwefel 
ist ein in mancher Beziehung merkwürdiger Grund- 
stoff; besonders eine Eigenschaft verdient mehr 
als bisher hervorgehoben zu werden ; sein Ver- 

E 

hältnis zur Temperatur und zum Quotienten -^, 

wo E die Lichtemission und A die Licht- 
absorption bedeutet. 

Die Farbe des Schwefels ist um so blasser, je 
tiefer die Temperatur ist. Schönbein hat schon 
beobachtet, daß der Schwefel bei — 50" fast 
farblos ist; bei der Temperatur der flüssigen 
Luft erscheint er weiß; bei gewöhnlicher Tem- 
peratur gelb, wird er erhitzt bis ca. 340° braun 
bis braunschwarz. Mit steigender Temperatur 
wächst also seine Absorptionsfähigkeit für das 
Licht, während sie mit sinkender Temperatur ab- 
nimmt. 

Außerdem hat der Schwefel aber die Fähig- 
keit, mit anderen Substanzen auf höhere Tempe- 
ratur gebracht, die verschiedensten Färbungen 
anzunehmen. Zunächst mögen einige ältere Be- 
obachtungen folgen : E. Mitscherlich ^) beobachtete, 



Pogg- Ann. 99, 145. 1S56. 



HO 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 7 



daß Schwefel mit ^3000 Teilen Tal g längere Zeit 
erhitzt, eine rote Masse ergab. Nach G. Magnus ') 
verfärben den Schwefel bei ca. 300" Stearin- 
säure, Paraffin, Wachs, Walrat, Ozokerit, Kolo- 
phonium, Mastix, Guttapercha, Bernstein, Zucker, 
Stärkemehl, Baumwolle, nach Dietzenbacher und 
Moutier '') Kampher bei 230 ", Naphthalin und 
Terpentinöl bei noch hölierer Temperatur, bei 
Zusatz von ';4iio ~ ','«1111 Substanz, Ruß von der 
Zucker- oder Holzkohle, bei Zusatz von Vi 000 
Substanz bei 270", Jod auf Zusatz von '/^u,, Teilen 
bei 180''. Bemerkenswert ist hierbei, daß der 
Schwefel nunmehr in Schwefelkohlenstoff unlös- 
lich geworden ist, wie er auch unlöslich wird, 
wenn er schnell z. B. in kaltem Wasser abge- 
schreckt wird. Ahnlich verhält sich der Schwefel, 
nachdem er mit Soda, Glaubersalz, hydrat- und 
wasserhaltigem Ton und Kohle die verschiedenen 
Ultramarine gebildet hat. 

Nach einer weiteren, älteren Beobachtung 'M 
wird beim Schmelzen von Rhodankalium im 
Porzellantiegel dieser blau gefärbt. Goethe*) 
bemerkte auf seiner italienischen Reise die Bildung 
von blauen Massen in sizilianischen Kalköfen, 
in denen jedenfalls tonhaltiger Marmor und 
außerdem Schwefel gebrannt worden war. 

Nach Weber '') besitzt eine Auflösung von 
Schwefel in Schwefelsäureanhydrid eine blaue 
Farbe. Bei Vermischen von Ferrichlorid- 
und Seh wefel Wassers t offlöSLingen tritt eine 
voriibergehende Blaufärbung ein; nach einiger 
Zeit scheidet sich weißer Schwefel im feinverteilten 
Zustande ab. 

Diese Blaufärbung wird durch die gebildete 
Salzsäure bzw. Wasserstoffionen wieder 
zerstört; ebenso wie Ultramarin durch 
Säuren entfärbt wird. 

Beim Zusammenbringen von Hisenchlorid- mit 
Schwefelleberlösung bildet sich ein anfäng- 
lich gelbgrüner, dann dunkelblau werdender 
Niederschlag, der diese Farbe ca. eine Stunde 
beibehält, bis Schwefel ausgeschieden wird.") 

Alkohole und Acetone werden durch Poly- 
sulfide blau gefärbt. 

Tonerde wird beim Glühen in Schwefel- 
wasserstoff gelblich, dann bläulich schwarz, 
beim längeren Erhitzen wird sie wieder weiß. 

Hierher gehören auch einige neuere Beobach- 
tungen, die teilweise die alten bestätigen.") Auf 
Zusatz von AI kal i p o ly SU 1 f i d e n zu siedendem 
Alkohol oder Aceton tritt die blaue P'arbe 
auf, dieser Vorgang wird die CanavesGil-Reaktion 
genannt. E. Paternö und A. Mazzuchelli sind der 
Ansicht, daß die blaue Farbe durch unvollständige 

') Pogg. Ann. 99, 145. iSsO. 

") 1. c. 

3) Ann. Chem. Pharm. lOS, 19. 1858. 

*) Italienische Reise 1787. 

'') Journ. prakt. Chem. 6, 178. 1835. 

^) Gmeiin-Kraut , Hantlbuch der anorganischen Chemie. 

^) E. Paternö und A. Mazzuchelli, Gazz. chim. 38, 129. 
1908, Über die blaue Farbe des Schwefels und einiger Ver- 
bindungen desselben. 



Dissoziation des Alkalipolysulfides vermutlich er- 
zeugt wird, aber nicht von freien Schwefel her- 
rührt; da überhaupt die Kenntnisse über die blaue 
Varietät des Schwefels sehr unsicher wären. 

Dagegen erwiesen sich die Absorptions- 
spektren der Polysulfidlösungen, des geschmol- 
zenen blauen Kali umsulfo Cyanids und der 
blauen Lösung von Schwefel in Schwefel- 
säureanhydrid sehr ähnlich untereinander. 

Auch wird noch die Beobachtung mitgeteilt, 
daß Schwefeldampf, in einem Quarzgefäß er- 
hitzt, bei etwa 1400" blaßblau erscheint, was 
durch die Luminiscenz des Dampfes erzeugt wird. 

F. Knapp ') erhielt ferner durch Mischungen 
von Borax, Natriu m seh wefe lieber, Borsäure 
eine blaue Masse. H. Puchner -) glühte die 
Rückstände von wässrigen Auszügen aus Kalk- 
humus, Gips, Tonerde, Silikaten, Kochsalz und 
erhielt blau, grün und rot gefärbte Produkte. Ver- 
mutlich ist der im Gips enthaltene Schwefel die 
Ursache dieser Farbbildungen gewesen. Plscher ") 
beobachtete blaue Ahiminiumverbindungen, die 
aus Aluminiumoxyd, Siliziumoxyd, Schwefel- 
säure bestanden. 

Endlich nimmt der Schwefel mit Soda, Glauber- 
salz, Kohle, Ton, je nach der Höhe der Tempe- 
ratur, fast alle Töne der F'arbenskala an, vom hellen 
Rot bis zum tiefen Violett; die Ultramarine. 
Man muß diese Phänomene im Zusammen- 
hang betrachten , wenn man die Ursachen der 
P'arbbildung der Ultramarine erforschen will. 

Schon aus der Tatsache, daß der Schwefel 
mit den verschiedensten Stoffen und auch mit ein 
und denselben Substanzen variable Färbungen 
liefert, geht hervor, daß schwerlich diese Ursache 
in der Entstehung einer stets einfarbigen, 
stöchiometrischen, bestimmten Verbin- 
dung gesucht werden muß. Hätte man diese 
Erkenntnis früher gehabt, so wäre manche Unter- 
suchung, die dieses bezweckte, unterblieben. Von 
diesem Gesichtspunkt aus verliert das P^arbproblem 
viel von dem Geheimnisvollen, das es bisher umgab. 

Nehmen wir zunächst an, daß , wie 
sich Jod in Äther mit roter, in Schwefel- 
kohlenstoff mit violetter Farbe auflöst, 
so der schmelzende Schwefel und Dampf 
die Fähigkeit besitzt, sich in den er- 
wähnten Substanzen mit verschiedener 
Farbe aufzulösen oder adsorbiert zu 
werden. 

Dieses Analogon läßt sich noch weiter ver- 
folgen; man kann Jod in großer Menge in Äther 
oder Schwefelkohlenstoff auflösen, und umgekehrt 
wenig Jod in einer großen Menge dieser Lösungs- 
mittel ; eine Färb Verschiebung ist die Folge. 
Ebenso kann man eine große Menge Schwefel in 
wenig Jod, Talg usw. auflösen, oder wenig Schwefel 
in einer großen Menge Ton, Soda, Glaubersalz, 



') Diegl. polytechn. Journ. 233, 479. 1S79. 
■-) Zt. f. angew. Chem. 9, 196. 1896. 
') Zt. f. anorg. Chem. 43, 944. 1905. 



N. F. Vin. Nr. 7 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



1 1 1 



Kohle. Auch hier wird eine Farbände- 
rung dadurch hervorgerufen. 

Die Löslichkeit, bzw. die Fähigkeit adsorbiert 
zu werden, des Jods sowie des Scliwefels wird 
erhöht, wenn sich beide in möglichst gefeintem 
Zustand befinden. 

Endlich werfen einige meiner Versuche auf 
das Farbproblem einiges Licht; da sich die Talke ')^j 
in bezug auf Abspaltung kolloidaler Stoffe 
durch Hydrolyse und damit verbundene plasti- 
sche Eigenschaften ähnlich wie die Tone ver- 
halten, auch ihrer Konstitution nach diesen ähn- 
lich zusammengesetzt sind, nur daß an Stelle des 
Aluminiums Magnesium substituiert ist, so war 
die Vermutung nahe gerückt, daß auch Talk, mit 
Soda und Schwefel erhitzt, eine gefärbte Substanz 
liefern könnte. 

Dieses ist in der Tat der Fall. Erhitzt man 
Talk, Soda, Schwefel zu gleichen Teilen etwa bis 
zur Sinterung, so erhält man eine grün gefärbte 
Substanz, die sich ähnlich wie Ultramarin verhält; 
gegen Alkalien ist sie beständig, durch verdünnte 
Säuren wird sie unter Bildung von H^,S entfärbt; 
und hierbei läßt sich, im Gegensatz zum Ultra- 
marin, der farbtragende Stoff von den Bestand- 
teilen trennen ; er ist mit gelbgrüner F"arbe in 
Wasser löslich, beim Eindampfen wird er rot- 
braun, oxydiert an der Luft zu Sulfat; 
offenbar ist es ein Polysulf id des Natriums. 

Auf das Farbproblem des Ultramarins zurück- 
schließend, kann man vermuten, daß auch der 
Farbbildung des Ultramarins ein Doppel poly- 
sulfid des Natriums und Aluminiums zu- 
grunde liegt, das sich mit den siliziumhaltigen 
Bestandteilen der Grundmasse im Zustande der 
verdünnten, festen Lösung oder einer Adsorptions- 
verbindung befindet.^) Dr. Rohland. 



') conf. P. Rohland, über die Talke. Sprechsaal, Zt. für 
die keramischen, Glas- und verwandte Industrien. 39, 19. 1906. 

-) P. Rohland über das Farbproblcm des Ultramarins. 
Phys.-chem. Centralblatt 5, 513. 190S. 

') conf. R. Abegg, Handbuch der anorganischen Chemie. 
Bd. III, Abt. 1. P. Rohland, Ultramarin. 



Bücherbesprechungen. 

Max Kleinschmidt, Obedehrer an der Realschule 
zu Rostock i. !M. , Grammatik und Wissen- 
schaft. Eine psychiatrische Studie. Hannover, 
Dr. Ma.x Jänecke, 1908. — Preis 1,50 Mk. 
Der Inhalt des Heftes ist für jeden, der über 
Verknöchertes, Unhaltbares hinaus möchte, geradezu 
herzerquickend. Verfasser deckt — und zwar so 
schonungslos, wie es sich für einen wahrhaft wissen- 
schafdichen Sinn geziemt — die großen Mängel des 
bisherigen grammatikalischen Denkens auf. Wenn 
nun auch die Psychiatrie (siehe den Untertitel) dort 
gelegentlich von krankhaften Geisteszuständen spricht, 
wo es sich um das Verlassen des Bodens der Logik 
handelt, so wird man zweckmäßig logische Fehler, 
die in der Wissenschaft vorkommen , nicht gut als 



krankhafte bezeichnen können , da es sich um eine 
ganz allgemein verbreitete Anlage handelt, die durch 
die menschliche Natur gegeben ist. Der Referent 
hat das seinerzeit einmal etwas näher darzulegen 
versucht in seinem Artikel „über die Entstehung der 
Denkformen" in der Naturwissenschaftlichen Wochen- 
schrift vom 12. .^pril 1891. Ich zitiere daraus nur 
den einen Satz : „Werden die Denkweisen im allge- 
meinen dann notwendig übereinstimmen, wenn Hand- 
lungen aus ihnen folgen, die das Leben hindern oder 
gefährden , so werden sie andererseits oft dann bei 
den verschiedenen Individuen keine Übereinstimmung 
zeigen, wenn der Kampf ums Dasein keine Veran- 
lassung hatte, klärend zu wirken, weil diese Denk- 
weisen nicht zu lebengefährdenden Handlungen führen." 
Anders ausgedrückt, weü „der Irrtum ... in praktisch 
gleichgültigen Dingen unschädlich" (E. Dühring) ist. 
Kleinschmidt schließt mit den Worten : „Meine Ar- 
beit unterscheidet sich dadurch von sehr vielen ähn- 
lichen, daß sie einen Beweis für ihre Behauptungen 
erbringt, wie er strenger selbst in der Geometrie 
nicht denkbar ist, so daß jede Möglichkeit eines 
Einwandes ausgeschlossen ist. Da aus sachlichen 
Gründen niemand mehr für die Beibehaltung des 
grammatischen LTnterrichts eintreten kann, so können 
es nur persönliche sein, die ihn dazu bestimmen. 
Vielleicht ist er an der Erhaltung der bestehenden 
Verhältnisse finanziell interessiert; vielleicht bringt er 
es nicht über sich zuzugeben, daß er sich jahrelang 
in einem — sehr verzeihlichen — Irrtum befunden 
hat. — Ich bin gespannt darauf, ob jemand den 
Mut haben wird oftentlich zu fordern , daß eine als 
schädlich erwiesene, in ihren Folgen gar nicht über- 
sehbare Einwirkung auf unsere Schuljugend fortge- 
setzt werde — nur weil er so oder so seine Rech- 
nung dabei findet. — Eins halte ich jedoch für aus- 
geschlossen — daß die Behörden die Fortsetzung 
dieses Unterrichts gestatten werden. Der bloße Zweifel, 
daß die maßgebenden Stellen auch nur einen Augen- 
blick zwischen sachlichen und persönlichen Erwägungen 
schwanken könnten, würde eine schwere Beleidigung 
für sie bedeuten. Und daher, obwohl das Prophezeien 
von allen Arten geistiger Betätigung diejenige ist, 
der ich am wenigsten Sympathie entgegenbringe, 
möchte ich jetzt doch eine Prophezeiung wagen : 
binnen Jahresfrist wird an deutschen Schulen kein 
Unterricht im pathologischen Denken mehr erteilt 
werden." 

Verfasser verspricht an Beispielen zu zeigen , wie 
nach einer wirklich wissenschaftlichen Methode die 
Erlernung fremder Sprachen zu gestalten sei: er will 
u. a. eine wissenschaftliche Grammatik der englischen 
Sprache herausgeben. Man darf gespannt sein , wie 
er seine Aufgabe lösen wird. Sicherlich muß man 
dem Verfasser dankbar sein, daß er fest in das 
Wespennest gegriffen hat. Trotzdem wird er sicher 
gestochen werden ! P. 



Prof. Dr. Bernh. Hoffmann, Kunst und Vogel- 
gesang. 230 Seifen. Leipzig, Quelle & Meyer, 
1908. — Preis 3,80 Mk., geb. 4,20 Mk. 



112 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 7 



Das vorliegende Buch ist unseres Wissens die 
erste Monographie des Vogelgesangs, die diesen vom 
musilcaUschen Standpunkte aus würdigt. Jeder musi- 
kalische Naturfreund wird den Versuchen des Verf, 
die Hauptthemen des Gesanges unserer einheimischen 
Vögel in Notenschrift zu fixieren, mit Interesse folgen, 
wenn auch die Schwierigkeit dieses Unterfangens nur 
eine unvollkommene Wiedergabe der Naturiaute ermög- 
licht, fühlen sich doch die befiederten Sänger weder an 
unsere Tonskala, noch an die in unserer Musik üb- 
lichen Rhythmen gebunden. So leicht sich auch 
z. B. der Ruf des Kuckuck oder Pirol in der Noten- 
schrift wiedergeben läßt, so schwer ist dies bei vielen 
anderen Vogelmelodien. Wir glauben z. B. kaum, 
daß in den auf Seite 182 gegebenen Tonfolgen 
irgendein Uneingeweihter das Gackern der Henne 
und das Kickeriki des Hahnes wiedererkennen würde. 
— Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile : „Die 
Kunst im Vogelgesang" und „Der Vogelgesang in der 
Kunst". Der erste Teil setzt beim Leser eine ge- 
naue Bekanntschaft mit der Vogehvelt und ihren 
Stimmen voraus, eine Bekanntschaft, wie sie etwa 
durch Voigt's Exkursionsbuch zum Studium der 
Vogelstimmen , besser aber durch persönliche Beleh- 
rung seitens eines guten Vogelkenners gewonnen 
werden kann. Allgemeineres Interesse wird der 
zweite Teil wachrufen, in welchem die Nachahmung 
der Vogelstimmen vom Volkslied (Kuckuck, Kuckuck 
rufts aus dem Wald) und der Kindersymphonie an 
bis zur Beethoven'schen Szene am Bach und Wagner's 
Waldvöglein an der Hand einfacher Notenskizzen 
verfolgt wird. Wir zweifeln nicht, daß das Studium 
dieser hübschen Zusammenstellung Musikkenner dazu 
anregen wird, auch noch weitere, dem Verf vielleicht 
unbekannt gebliebene Verwendungen von Vogelmotiven 
in der Musik ausfindig zu machen. Für den Refe- 
renten war besonders überraschend , daß die ersten 
Takte der Szene am Bach dem Gesänge des Roth- 
kehlchens entlehnt sind, ohne daß Beethoven dies wohl 
selbst gewußt , und daß zum Abschiedsmotiv des 
Lohengrin „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan" 
die Zippe (Singdrossel) Modell gesungen haben soll. 
Ein kleiner naturwissenschaftlicher Irrtum möge hier 
übrigens nicht unerwähnt bleiben. Seite 186 wird 
nämlich gesagt, daß die Nachtigall nur in später 
Nacht oder am frühesten Morgen singe und deshalb 
„von den wenigsten Menschen wirklich einmal ver- 
nommen wird". Wenn dem so wäre , würde gerade 
dieser Vogel wohl nicht so populär und als Sänger- 
könig anerkannt sein. Die Nachtigall schlägt eben 
auch in den Vormittagsstunden und gegen Abend 
und war z. B. vor einigen Jahren in Gr.-Lichterfelde 
so häufig, daß man ihretwegen im Mai nicht bei 
offenen Fenstern schlafen konnte. Kbr. 



A. V. -Ihering, Die Wasserkraftmaschinen 
und die Ausnutzung der Wasserkräfte. 120 Seiten 



mit 73 Abb. Nr. 228 der Sammlung „Aus Natur 
und Geisteswelt". Leipzig, B. G. Teubner, 1908. 
— Preis geb. 1,25 Wk. 
Die Ausnutzung der natürlichen Wasserkräfte ist 
bekanntlich seit einiger Zeit in einem außerordent- 
lichen Aufschwünge begrift'en. Es muß daher für 
jeden Gebildeten von hohem Interesse sein, aus der 
Feder eines namhaften Fachmanns Genaueres zu 
erfahren über die verschiedenen Formen der Wasser- 
räder und namentlich der Turbinen , sowie über die 
großartigen Anlagen , welche zum Teil mit Hilfe 
imposanter Stauwerke die Wasserkraft in geregelter 
Weise dem Menschen nutzbar machen. Das reich 
illustrierte Heft wird diesem Zwecke trefflich dienen 
können und gewährt dem Wißbegierigeren auch Ein- 
blick in die theoretischen Fragen, welche den Hydrau- 
liker beschäftigen. Kbr. 



Literatur. 

Beiträge aus der Geschichte der Chemie. Dem Gedächtnis 
V. Georg W. A. Kahlbaum, weil. o. ö. Professor der phy- 
sikal. Chemie an der Universität Basel, geb. 1S53 in Berlin, 
gest. 1905 in Basel, gewidmet v. R. Abegg, W. 1. Baragiola, 
A. Bauer u. a. Hrsg. v. Paul Diergart. Mit einem Porträt 
Georg W. A. Kahlbaums, zahlreichen Abbildgn. u. e. färb. 
Doppeltaf. (XV, 652 S.) gr. 8». Wien '09, F. Deulicke. 

— 24 Mk. 

Czuber, Prof. Eman. f Einführung in die höhere Mathematik. 
(X, 3S2 S. m. 114 Fig.) gr. 8". Leipzig '09, B. G. Teubner. 

— Geb. in Leinw. 12 Mk. 

Deegener, Dr. P. : Die Metamorphose der Insekten. (IV, 
56 S.) gr. 8". Leipzig '09, B. G. Teubner. — 2 Mk. 

Formänek, Prof. Insp. Jaroslav : Untersuchung und Nachweis 
organischer Farbstoffe auf spektroskopischem Wege. Unter 
Mitwirkg. V. Prof. Dr. Eug. Grandmougin. 2., vollständig 
umgearb. u. verm. Aufl. I. Tl. (VIII, 258 S. m 19 Fig. 
u. 2 Taf.) gr. 8». Berlin '08, J. SpringeV. — 12 Mk. 

Pasch, Mor. : Grundlagen der Analysis. Ausgearbeitet unter 
Mitwirkg. V. Clem. Thaer. (V, 140 S.) gr. 8°. Leipzig 
'09, B. G. Teubner. — 3,60 Mk., geb. 4 Mk. 

Ricbthofen's, Ferd. v , Vorlesungen üb. .allgemeine Siedlungs- 
u. Verkehrsgeographie. Bearb. u. hrsg. v. Priv.-Doz. Dr. 
Otto Schlüter. (16, 352 S. m. 4 Lichtdr.-Tafeln.) gr. 8". 
Berlin '08, D. Reimer. — Geb. in Leinw. 10 Mk. 

Schulz, Paul F. F.: Unsere Zierpflanzen. Eine zwanglose 
Auswahl biolog. Betrachtgn. v. Garten- und Zimmerpflanzen, 
sowie Parkgeholzen. .Mit 5 färb. Taf. nach C)rig. -Aquarellen 
V. Kunstmaler Wollif-Maage, 7 Taf. in photograph. Kunstdr. 
nach Orig. -.Aufnahmen v. Geo. E. F. Schulz, 68 photograph. 
Textbildern gleichfalls nach Orig. -Aufnahmen v. Geo. E 
F. Schulz, sowie zahlreichen Textbildern in Federzeichnungs- 
manier zumeist nach Orig. -Skizzen des Verf. (VllI, 216 S.) 
gr. 8". Leipzig '09, Quelle & Meyer. — 4,40 Mk., geb. in 
Leinw. 4,80 Mk. 

Stewart, Dr. A. W. ; Stereochemie. Deutsche Bearbeitg. v. 
Priv.-Doz. Dr. Karl Löffler. (XVI, 479 S. m. 87 Fig.) 



gr. 



Berlin '08, J. Springer. 



12 Mk., geb. in Halb- 



Idr. 14,^0 Mk. 

Treadwell, Prof. Dr. F. P. ; Kurzes Lehrbuch der analytischen 
Chemie in 2 Bdn. I. Bd. Qualitative Analyse. Mit 23 
Abbildgn. u, 3 Spektrallaf. 6., verm. u. verb. Aufl. (XIII, 
4S3 S.) 8». Wien '08, F. Deuticke. — 9 Mk. 

Volhard, Jak.: Justus v. Liebig. 2 Bde. (XII, 456 u. VIII, 
438 S. m. Fksms. u. 2 Bildnissen.) gr. 8°. Leipzig '09, 
J. A. Barth. — 22 Mk., geb. in Leinw. 24 Mk. 



Inhalt: 11. Potonie: Charles Darwin zu seinem hundertsten Geburtstage. — Sammelreferate und Übersichten: Dr. 
1,1 tto Rammstedt: Neues aus der Pharmazie. — Kleinere Mitteilungen: Prof. H. E. Ziegler: Die phylo- 
genetische Entstehung des Kopfes der Wirbeltiere. — Dr. Rohland: Über die Farbe des Schwefels und das Farb- 
problem des Ultramarins. — Bücherbesprechungen: Max Kleinschmidl: Grammatik und Wissenschaft. — Prof. 
Dr. Beruh. Hoffmann: Kunst und Vogelgesang. — A. v. Ihering: Die Wasserkraftmaschineu. — Literatur: Liste. 

Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Grofi-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Falscher in Jena. 

Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Kulge Vlll. Haiul ; 
der ganzen Keihe XXIV. Hanil, 



Sonntag, den 2i. Februar 1909. 



Nummer 8. 



Charles Darwin als Botaniker. 

Vortrag, gehalten am 14. Februar 1900 zu Hamburg bei der Feier des hundertsten Geburtstages Darwin? 

[Nachdruck verboten.] Von Dr. W. Detmer, Prof. an der Universität Jena. 



Hochansehnliche Festversammlung ! 

Der wissenschaftlichen Botanik gereicht es zu 
besonderem Vorteil , daß in ihrem Bereiche die 
Disziplinen der Morphologie, Anatomie, Physio- 
logie, Ökologie und Systematik im Laufe der 
letzten Jahrzehnte eine weit engere Verknüpfung 
gefunden haben, als es in der Zoologie der Fall 
ist. Eine der wesentlichsten Ursachen dieser 
glücklichen und für die Entwicklung der Botanik 
so überaus wertvollen Verkettung muß auf das 
Wirken unseres großen Meisters Charles Dar- 
win zurückgeführt werden. 

Charles Darwin, neben Newton, Lavoi- 
sier, Liebig und Helmholtz einer der größ- 
ten Naturforscher aller Zeiten, hat nicht nur durch 
seine bewunderungswürdigen theoretischen Unter- 
suchungen die Welt erschüttert und unserem 
Denken auf naturwissenschaftlichem, sozialem, 
metaphysischem und religionsphilosophischem Ge- 
biet ganz neue Bahnen gewiesen, sondern es ist 
ihm auch vergönnt gewesen, was freilich in weiteren 
Kreisen weniger bekannt zu sein scheint, manche 
Einzelwissenschaften durch scharfsinnig angestellte 
Beobachtungen und Experimente gewaltig zu 
fördern. 

Darwin war ein Botaniker ersten Ranges. 
Als Spezialforscher betätigte er sich ganz beson- 
ders auf botanischem Gebiet und hat die Resultate 
seiner Studien nicht in kleinen Abhandlungen, 
sondern in einer Reihe stattlicher Werke nieder- 
gelegt. Durchdrungen von dem Geiste wahrer 
Naturforschung, der sich der ungeheuren Bedeu- 
tung der induktiven Methode stets bewußt bleibt, 
ist D a r w i n dennoch weit entfernt gewesen von 
jedem unfruchtbaren reinen Empirismus und 
von sterilem Agnostizismus. Sein Geist war immer 
auf umfassendere, allgemeinere Gesichtspunkte 
gerichtet; er war der Mann dazu, mit genialem 
Blick die Fülle des von ihm ermittelten Tatsachen- 
materials zu beherrschen und für die Wissenschaft 
fruchtbringend zu verwerten. 

Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die 
sämtlichen botanischen Arbeiten Darwins zu 
erwähnen ; wir müssen uns auf die allerwichtigsten 
derselben beschränken : i. Insektenfressende Pflan- 
zen; 2. Die Wirkung der Kreuz- und Selbstbe- 
fruchtung im Pflanzenreich; 3. Das Bewegungs- 
vermögen der Pflanzen. 

Der größte Teil des zuerst genannten Werkes 
(251 Seiten) ist dem Studium der wunderbaren 
Drosera rotundifolia (Sonnentau) gewidmet. An- 



dere Insektivoren erfahren eine viel knappere 
Behandlung. Vor allen Dingen legt Darwin 
viel Gewicht darauf, die übereinstimmenden Züge 
im Verhalten der verschiedenen hier in Betracht 
kommenden Organismen zu betonen, ohne dabei 
freilich die tatsächlich bestehenden Differenzen 
zu übersehen. Bei Drosera wird das feinste Detail 
in meisterhafter Weise studiert, die theoretisch 
überaus wichtige Tatsache einer räumlichen Tren- 
nung zwischen perzipierender und motorisch 
tätiger Zone an den Tentakeln der Blätter fest- 
gestellt, die Bewegung der Tentakelstiele genau 
verfolgt, die Sekretion von Säure sowie Enzymen 
seitens der Tentakeldrüsen untersucht, die Eiweiß- 
verdauung durch die Sekrete und anderes ermittelt. 
Der außerordentliche prinzipielle Wert der allbe- 
kannten Studien Darwin's über die insektenfressen- 
den Pflanzen besteht, wie man wohl sagen darf, 
darin , daß durch dieselben in einer so exakten 
und zugleich umfassenden Weise wie niemals zu- 
vor auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologie der 
Nachweis dafür erbracht worden ist, wie unter 
Umständen eine für den Organismus sehr wichtige 
Leistungsfähigkeit eines kleinen Organs (hier Ge- 
winnung stickstoffhaltiger Substanz für die Pflanze) 
nur durch das ungemein komplizierte Zusammen- 
wirken mannigfaltigster Prozesse in demselben 
erzielt werden kann. 

Gehen wir zur Besprechung der zweiten der 
erwähnten Schriften Darwins über, so seien 
zunächst folgende Vorbemerkungen gestattet. Im 

17. Jahrhundert entdeckte Camerarius die 
Sexualität der Pflanzen. In den 60 er Jahren des 

18. Jahrhunderts wies Koelreuter die Möglich- 
keit der Erzeugung von Pflanzenbastarden wissen- 
schaftlich genau nach und sprach zugleich die 
Ansicht aus, daß es sich bei der Sexualität um 
die Verwischung zweier verschiedener Substanzen 
handle. Konrad Sprengel konstatierte dann 
weiter die sehr allgemeine Verbreitung der Kreu- 
zung im Pflanzenreich (auch bei Gewächsen mit 
Zwitterblüten) und erkannte die Bedeutung der 
Insekten als Überträger des Pollens sowie die 
Anpassungen im Bau der Blüten an die pollen- 
übertragenden Tiere. (Näheres findet man in 
sehr anziehender Form dargestellt in der Geschichte 
der Botanik von Sachs.) 

Darwin hat die ungemeine Wichtigkeit der 
Arbeiten Sprengeis voll und ganz gewürdigt. 
Er hat unsere Kenntnisse über die Beziehungen 
zwischen Blumen und Insekten , besonders in 
seinem Werke über Orchideenbefruchtung, selbst 



114 



Naturwissenschaftliche Wocnenschrift. 



N. 



VIU. Nr. 8 



sehr gefördert, aber der Kernpunkt seiner 
Leistung auf dem uns hier interessierenden Gebiet 
ist im folgenden zu suchen. 

Wenngleich man wußte, daß in der weit über- 
wiegenden Mehrzahl der Fälle Kreuzung bei den 
Pflanzen erfolgt und die Selbstbefruchtung aus- 
geschlossen oder beschränkt wird, so waren doch 
Sinn und Bedeutung dieser merkwürdigen Er- 
scheinungen nicht bekannt; Darwin blieb es 
vorbehalten, hier Entdeckungen von großer Trag- 
weite zu machen. Die mühsamen und jahrelang 
mit unendlicher Geduld durchgeführten Studien 
ergaben für zahlreiche Arten von Blütenpflanzen, 
daß solche Individuen, welche einer Kreuzung 
mit einem neuen Stamm ihr Dasein verdanken, 
sich durch weit bedeutendere Höhe, Fruchtbarkeit 
und erheblicheres Gewicht anderen Individuen 
gegenüber auszeichneten, die durch Selbstbefruch- 
tung oder durch Kreuzung der Pflanzen des näm- 
lichen alten Stammes entstanden waren. Selbst- 
befruchtung, namentlich mehrere Generationen 
hintereinander vollzogene, wirkt in der Regel 
(freilich nicht in allen Fällen) nachteilig, Kreuzung 
fördernd auf die Organismen ein. Für die ge- 
deihliche Entwicklung der Organismenwelt ist 
eine gewisse Qualitätsdifferenz der kopulieren- 
den Sexualzellen von außerordentlicher Wichtig- 
keit. Besitzen die Geschlechtszellen fast genau 
die gleichen konstitutionellen Eigenschaften (männ- 
liche und weibliche Zellen einer Blüte), so resul- 
tieren infolge der Befruchtung minderwertige In- 
dividuen. Es leuchtet auch nach dem Gesagten 
ohne weiteres ein, wie wichtig die Resultate der 
Arbeiten Darwins für die Beurteilung der 
Frage nach dem biologischen Wert der Sexualität 
überhaupt im Verhältnis zu demjenigen der unge- 
schlechtlichen Fortpflanzung und vegetativen Ver- 
mehrung sind. 

Es erübrigt hier noch, zur Charakteristik der 
biologischen Wichtigkeit der Kreuzung wenigstens 
einige Beispiele aus Darwins Werken anzu- 
führen : 

Petunia violacea wurde während 5 Generationen 
durch Selbstbefruchtung vermehrt. Zudem sind 
Exemplare der vierten Generation dieser Pflanzen 
mit solchen eines ganz neuen Stammes der Spezies 
gekreuzt worden. Die entwickelten Kreuzungs- 
produkte verhielten sich in bezug auf Höhe zu den 
durch Selbstbefruchtung entstandenen Individuen 
wie 100 zu 66. Dem Gewicht nach verhielten 
sich die ersteren zu den letzteren wie 100 zu 22. 
Jene produzierten auch ungefähr doppelt so viel 
Früchte als diese. 

Viele Primeln, z. B. P. officinalis, zeichnen sich 
durch Heterostylie in der Form des Dimorphismus 
aus. Die einzelnen Individuen gleichen einander 
hier insofern nicht, als manche (a) Blüten mit 
hochstehenden Narben, also langen Griffeln und 
tiefstehenden Antheren , andere (b) aber Blüten 
mit tiefstehenden Narben (kurzen Griffeln) sowie 
hochstehenden Antheren produzieren. Darwin 
(Verschiedene Blütenformen bei Pflanzen der näm- 



lichen Art) zeigte, daß die Pollenkörner jener 
ersteren Form bedeutend kleiner als diejenigen 
der letzteren sind. Findet nun Selbstbefruchtung 
(illegitime Verbindung) bei a oder auch bei b 
statt, so ist der Erfolg, gemessen an der Zahl der 
produzierten Kapseln und dem Gewicht der Samen, 
bei weitem nicht so günstig wie bei legitimer 
Verbindung, d. h. bei eingetretener Kreuzung 
zwischen a und b oder b und a. 

Indirekt wird der biologische Wert der Kreu- 
zung auch dadurch erwiesen, daß bei zahlreichen 
Blüten, z. B. solchen mancher Orchideen, Selbst- 
befruchtung unter natürlichen Umständen über- 
haupt unmöglich ist, während die bewunderungs- 
würdigsten Flinrichtungen zur Sicherung der 
Kreuzung realisiert sind. Vom Standpunkte der 
Selektionstheorie aus betrachtet, müssen solche 
Organisationsverhältnisse und physiologische P"unk- 
tionen der Blütenteile von vornherein als Ökologis- 
men angesehen werden, eine Anschauung, deren 
Richtigkeit Darwins Studien durchaus bestätigen. 

In dem Werke über das Bewegungsvermögen 
der Pflanzen, zu welchem auch sein Buch ,, Be- 
wegungen und Lebensweise der kletternden Pflan- 
zen" in nahen Beziehungen steht, behandelt Dar- 
win zuerst die Erscheinungen der Zirkumnutation. 
Er hat durch sehr genaue Beobachtungen den 
Nachweis geliefert, daß die Spitzen vieler wach- 
sender Pflanzenteile keine geradlinigen Bahnen 
einschlagen, sondern im allgemeinen bald nach 
dieser, bald nach jener Richtung hin von der 
Geraden abweichen. Dies Phänomen kommt 
durch Ungleichmäßigkeiten im Längenwachstum 
verschiedener Längslinien der Organe zustande. 
Weiter studierte der britische Naturforscher dann 
zahlreiche andere Bewegungserscheinungen der 
Gewächse, namentlich auch die heliotropischen 
sowie geotropischen Nutationen. 

Es ist bekannt, daß viele Pflanzenorgane, 
wenn sie einseitig beleuchtet werden, ein positiv 
heliotropisches Verhalten erkennen lassen. Der- 
artig reagieren z. B. auch die oberirdischen Teile 
der Paniceenkeimlinge. Das Merkwürdige ist nun 
aber in diesem speziellen Falle, wie Darwin 
nachwies, daß die heliotropische Krümmung nur 
dann eintritt, wenn das an der Spitze des Keim- 
lings sitzende Scheidenblatt einseitig beleuchtet 
wird. Dies Blatt ist allein zur Perzeption des 
Lichtreizes befähigt. Das Protoplasma seiner 
Zellen wird erregt, und nun erfolgt Reiztrans- 
mission bis in die Gewebe des unter dem Scheiden- 
blatt liegenden Epicotyls. Dieses führt, wenn die 
Paniceenkeimlinge ein gewisses Entwicklungs- 
stadium erreicht haben, die heliotropische Nutation 
allein aus, vermag aber keineswegs den Lichtreiz 
selbst zu perzipieren. Bei den Paniceenkeimlingen 
(andere Keimlinge zeigen nicht das analoge Ver- 
halten) ist ganz sicher Sonderung einer den Licht- 
reiz perzipierenden und einer allein motorisch 
tätigen Region gegeben. Letztere reagiert nur 
auf zugeleitete Erregung. Wenn daher das Scheiden- 
blatt durch aufgesetzte leichte Kappen verdunkelt 



M. F. Vin. Xr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



115 



wird, so krümmt sich das Epicotyl, auch bei ein- 
seitiger Beleuchtung desselben, gar nicht helio- 
tropisch. 

Nach Darwin spielt ebenso bei den geotro- 
pischen Notationen der Wurzeln die Spitze dieser 
Organe die Rolle eines Perzeptionsapparates, so 
daß die hinter der Spitze liegende motorische 
Zone ihre Aktion nur unter dem Einfluß zuge- 
leiteten Reizes geltend macht. Freilich ist diese 
Auffassung höchstwahrscheinlich für viele Fälle 
richtig, aber doch noch nicht ganz streng als 
zutreffend erwiesen. 

Die außerordentliche Bedeutung des Buches 
Darwins über das Bewegungsvermögen der 
Pflanzen ist, ganz abgesehen davon, daß es uns 
mit vielen neuen Tatsachen bekannt gemacht hat, 
in erster Linie in der Inangriffnahme seither kaum 
beachteter Probleme zu erblicken. Im Anschluß 
an Darwins Werk hat sich denn auch in der 
Tat eine große Literatur entwickelt, die haupt- 
sächlich die Fragen nach der Natur der die Reize 
perzipierenden Organe (Sinnesorgane der Ge- 
wächse), den Prozessen bei der Erregung des 
Protoplasmas und nach der Reiztransmission be- 
handelt. Darwin ist als Begründer der modernen 
Sinnesphysiologie der Pflanzen anzusehen. 



Im vorstehenden wurde Darwin als Spezial- 
forscher gewürdigt. Seine größten Leistungen 
fanden aber noch keine Berücksichtigung, nämlich 
diejenigen, durch welche er das gesamte Geistes- 
leben der Menschheit so gewaltig beeinflußte und 
zugleich zahlreichen Gebieten praktischer Be- 
tätigung ganz neue Bahnen wies. Wir haben hier 
natürlich die tiefe Begründung der Deszendenz- 
lehre durch den großen Briten sowie dessen 
Selektionstheorie im Auge. 

Linne und viele seiner Nachfolger vertraten 
die Ansicht von der Konstanz der Spezies im 
Pflanzen- und Tierreich. Sie nahmen an, daß 
dieselben, jede für sich, durch einen Schöpfungs- 
akt entstanden wären, sich dann ihrer Art gemäß 
vermehrt und unverändert (abgesehen von Varie- 
tätenbildung) erhalten hätten. Bei mehr philo- 
sophischer Behandlung naturwissenschaftlicher 
Probleme, wie eine solche z. B. von Herder in 
seinem schönen Werk „Ideen zur Philosophie der 
Geschichte der Menschheit" durchgeführt wurde, 
kamen noch andere Vorstellungen zur Ausprägung. 
Allen Organismen, den Pflanzen, Tieren und 
Menschen, liegt ein Urtypus zugrunde. Die ein- 
zelnen Arten sind nicht neben-, sondern nach- 
einander entstanden, zuerst einfache Formen, dann 
immer komplizierter gebaute. Die gesamte Stufen- 
folge in der Organismenwelt wird als Ausdruck 
der Wirksamkeit einer Idee (Weltseele) betrachtet, 
welche, indem sie den Lebewesen eine immer 
mehr den äußeren Verhältnissen angepaßte Aus- 
gestaltung verlieh, eine fortschreitende Entwick- 
lung derselben vermittelte. Ahnlich wie H erde r 
hat auch Goethe in seinen jüngeren Jahren ge- 
dacht. Wir haben es hier nicht mit einer wi rk - 



liehen, sondern nur mit einer scheinbaren 
Deszendenz zu tun. Die einzelnen Arten weiden 
nicht als Blutsverwandte aufgefaßt, sind niclit 
auseinander hervorgegangen, sondern nur nach- 
einander entstanden. Die echte Deszendenzlehre 
klar und deutlich zum Ausdruck gebracht zu 
haben, ist das große Verdienst anderer Männer 
gewesen, namentlich Lamarcks und auch 
Goethes, der sie, besonders in seinen späteren 
Lebensjahren, freudig, ja begeistert vertrat. Und 
nun Charles Darwin! 

Ihm gebührt das unermeßlich große Verdienst, 
der Lehre von einer realen Deszendenz aller 
Organismen (also auch des Menschen) und über- 
haupt dem Entwicklungsgedanken zu voller, 
machtvoller Wirkung verholfen zu haben. Unter 
Berücksichtigung zahlloser Tatsachen aus den 
Gebieten der vergleichenden Anatomie und 
Morphologie, der Embryologie sowie Paläontologie 
führt er den Nachweis, daß die Lehre von der 
Konstanz der Arten ein Dogma darstellt, und 
allein die Anschauung von der Veränderlichkeit 
der Spezies sowie der allmählich vollzogenen 
stammesgeschichtlichen (phylogenetischen) Ent- 
wicklung der Organismenwelt wissenschaftlich be- 
gründet werden kann. 

Von gewisser Seite wird immer wieder be- 
tont, um Darwins Verdienste herabzusetzen, er 
habe die Deszendenzlehre ja schon vorgefunden. 
Das letztere ist unzweifelhaft richtig. Aber es 
kommt auch in der Wissenschaft nicht allein dar- 
auf an, eine Idee auszusprechen, sondern man 
muß es ebenso verstehen, dieselbe zur Geltung 
zu bringen, d. h. den Gedanken energisch unter 
Heranziehung eines die Geister bezwingenden 
Tatsachenmaterials zu vertreten. 

Die ungeheure Wirkung des Buches Dar- 
wins über die Entstehung der Arten ist denn 
auch nicht ausgeblieben. 

Der Morphologie und Systematik sind durch 
Darwin ganz neue Bahnen gewiesen worden. 
Man erkannte auf einmal klar und deutlich, daß 
das natürliche System ein „Bild" der stammes- 
geschichtlichen (phylogenetischen) Entwicklung 
der Organismenwelt zu geben habe. Aber damit 
war der Forschung zunächst nur ein Ziel vorge- 
schrieben. Indem man sich bestrebte, dasselbe 
zu erreichen, stellten sich aus zahlreichen in der 
Natur der Sache liegenden Gründen den wissen- 
schaftlichen Bemühungen gerade auf botanischem 
Gebiete sehr bedeutende Schwierigkeiten entgegen. 
Manche Einsicht ist freilich bereits in bezug auf 
die Kryptogamen gewonnen worden. Auch 
konnten viele Beziehungen zwischen höheren 
Kryptogamen und Gymnospermen sowie zwischen 
diesen letzteren und den Angiospermen fest- 
gestellt werden; indessen läßt das System noch 
gar vieles zu wünschen übrig. Ganz besonders 
gilt dies auch mit Rücksicht auf die höheren 
Pflanzen. Wo zweigen z. B. die Monocotylen von 
den Dicotylen ab? Ist die Entwicklung der 
Sympetalen eine mono- oder polyphyletische ge- 



ii6 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIIF. Nr. 8 



wesen ? Diese und viele andere Fragen bedürfen 
dringend der Erledigung. Vor der Hand haben 
wir noch kein System, welches den groß 
artigen Prinzipien der Deszendenzlehre gerecht 
werden könnte. Nur die ganz allgemeinen Grund- 
linien zu einem solchen sind vorgezeichnet, und 
es bleibt einer fernen Zukunft vorbehalten, den 
begonnenen Bau im Sinne Darwins, der uns 
den allein gangbaren Weg gewiesen hat, zu 
vollenden. 

Nun taucht aber sofort das unendlich schwierige 
Problem auf, welche Ursachen die Deszendenz 
überhaupt ermöglichten. Lamarck suchte die 
von ganz einfachen Formen ausgehende, bis zu 
den höchsten Gestaltungen fortschreitende Evolu- 
tion in der Organismenwelt durch die Annahme 
eines den Lebewesen immanenten Vervollkomm- 
nungstriebes und dadurch zu begreifen, daß er 
den Pflanzen und Tieren das Vermögen zuschrieb, 
unter dem Einflute veränderter äußerer Umstände 
sofort zweckmäßig zu reagieren. Diese Einflüsse 
sowie auch Gebrauch der Organe rufen nach 
Lamarck im Organismus das teleologische 
Prinzip des Bedürfnisses hervor, welches, einmal 
wirksam, ohne weiteres direkte und auch funk- 
tionelle Anpassungen vermittelt. Und dazu gesellt 
sich bei Lamarck noch die Lehre von der Erb- 
lichkeit erworbener Eigenschaften. 

Eine den Lebewesen eigentümliche, bestimmt 
gerichtete Evolutionstendenz wird auch heute noch 
von manchen Forschern, namentlich den Neo- 
vitalisten, postuliert, um die Deszendenz verständ- 
lich zu machen. 

Darwin hingegen steht offenbar auf mecha- 
nistischem Boden. Die Deszendenz muß kausal- 
mechanisch erklärt werden können. Das ist ohne 
Zweifel, wenn man alle Bemühungen des großen 
britischen Naturforschers überblickt, die Hypothese, 
von welcher derselbe ausgeht, und die ihn zur 
Aufstellung seiner Selektionstheorie führte. 

Anknüpfend an die Erfahrungen , die an 
domestizierten Pflanzen und Tieren gewonnen 
worden sind, welche Darwin übrigens in einem 
besonderen Buch sehr eingehend behandelt hat, zeigt 
er, daß die Organismen auch im Naturzustande 
ganz allgemein zumeist richtungslose Ab- 
änderungen erleiden, die man, ohne näherauf 
deren Charakter einzugehen, ganz gut als Varia- 
tionen und Mutationen unterscheiden kann. 
Die Ursachen, welche diese übrigens schwierig 
scharf gegeneinander abzugrenzenden Abände- 
rungsformen bedingen, sind äußerst mannigfaltiger 
Art, und es steht hier der eben erst begonnenen 
experimentellen Forschung ein weites Feld der 
fruchtbarsten Betätigung offen. 

Durch das konservative Prinzip der Ver- 
erbung können die Abänderungen von einer 
Generation auf andere übertragen werden, aber 
neue Modifikationen bei den Individuen dieser 
letzteren sind selbstverständlich nicht ausge- 
schlossen und machen sich tatsächlich auch 
geltend. So befindet sich die Lebewelt also nicht 



im starren, unveränderlichen Zustande, sondern 
vielmehr in einem freilich nur dem genauen Be- 
obachter erkennbaren, ununterbrochenen Wechsel 
und Muß. Die Abänderungen sind das Primäre 
für die Deszendenz; sie bieten allen weiteren ein- 
greifenden Faktoren das zu bearbeitende Material 
dar. Und solche Faktoren sind nicht minder 
wichtig für die Phylogenie wie die Abänderungen 
selbst, denn kämen nur diese in Verbindung mit 
der Vererbung zur Geltung, so müßte die Or- 
ganismenwelt geradezu ein Chaos von Formen 
darstellen, während uns doch die Erfahrung lehrt, 
daß dies keineswegs der Fall ist. 

Wir wissen, daß in den Lebewesen eine un- 
geheure Reproduktionskraft ruht. Zahllose Keime 
entstehen; überaus viele Individuen jeder Art 
werden geboren. Aber relativ nur sehr wenige 
Individuen gelangen zur vollen Entwicklung und 
vermögen sich fortzupflanzen. Der Grund für 
diese Tatsache liegt in dem erbitterten Kampf 
ums Dasein, den die Organismen mit ihren 
nächsten Verwandten, ganz anderen Lebewesen 
und unter der Herrschaft der durch die anor- 
ganische Natur gegebenen Bedingungen führen 
müssen. In diesem Kampfe können nur die sich 
infolge ihres besonderen Charakters bewährenden 
Individuen erhalten bleiben; weitaus die meisten 
gehen zugrunde und sind dadurch vom ferneren 
Wettbewerb ausgeschlossen. Damit ist, zunächst 
ganz im allgemeinen, der Sinn bezeichnet, den es 
hat, wenn man mit Darwin von Selektion 
oder Auslese spricht. 

Vielfach wurde freilich gegen Darwin die An- 
sicht vertreten, daß kleine Abänderungen, welche die 
Organismen erfahren, nicht zur Entstehung scharf 
ausgeprägter Differenzierungen der Arten führen 
könnten, weil sie keinen Selektionswert hätten. 
Wer aber die Pflanzen und Tiere nicht nur im Museum 
und Laboratorium, sondern an der Quelle, d. h. 
in der freien Natur, studiert, wird sich einer solchen 
Auffassung gegenüber gewiß ablehnend verhalten. 
Man hat auch zu bedenken, was gar nicht ge- 
nügend gewürdigt wird, daß, wenn es sich um 
einen Wettbewerb bei eintretender Veränderung 
der Lebensbedingungen handelt, diese letzteren 
zumeist ganz allmählich im Laufe langer Zeit- 
perioden modifiziert werden, und die zunächst 
relativ geringfügige, aber doch schon wertvolle 
Variationsbreite der Organismen daher nach vielen 
Generationen ein bedeutendes Ausmaß gewinnen 
kann. Ist nämlich einmal eine bestimmte, für die 
Art vorteilhafte Abänderung zustande gekommen, 
so wird häufig mindestens die Tendenz zur \'er- 
folgung des eingeschlagenen Weges erblich auf 
die Nachkommen übertragen, und damit eine 
Akkumulationsbedingung gegeben, die von höchster 
Wichtigkeit für die Differenzierung der Spezies 
oder Varietäten werden muß. Das Chaos der 
Formen, von dem oben die Rede war, ver- 
schwindet. Diejenigen Individuen, welche in ihrem 
Bau und ihren Lebensäußerungen keinen er- 
haltungsgemäßen Charakter tragen, gehen 



N. !■. Vlll. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



117 



zuj^runde. Die Selektion weist der Entwicklung 
der Organismen gewisse Bahnen an, die natürlich, 
wenn neue Umstände wirksam werden, auch 
wieder durch neue Evolutionsrichtungen ersetzt 
werden können. 

Es ist nun eine sehr wichtige Tatsache, daß 
die im Kampf ums Dasein zustande kommende 
Selektion, welche neben dem auf Variation und 
Mutation beruhenden Abänderungsvermögen der 
Organismen und neben der Vererbung eine so 
überaus große Rolle bei der Artbildung sowie 
Phylogenie spielt, zur Erhaltung solcher Individuen 
führt, die den gegebenen Lebensverhältnissen zu- 
meist in geradezu bewunderungswürdiger Weise 
angepaßt erscheinen, d. h. genau diejenigen 
Eigentümlichkeiten in ihrem Hau und Lebens- 
betätigungen aufweisen, die es ihnen ermöglichen, 
sich zu voller Blüte auszugestalten und zahlreiche 
Nachkommen zu erzeugen. Das Zustandekommen 
und nicht minder auch das Bestehenbleiben dieser 
Anpassungen oder, wie man auch sagen kann, 
erhaltungsgemäßen Organisationen, ist vom 
Standpunkte der Naturwissenschaft aus, welche 
immer die kausal-mechanische Betrachtungsweise 
festzuhalten hat, allein selektionstheoretisch zu 
begreifen. Andererseits ist es aber auch durchaus 
zulässig, wie nur ganz kurz angedeutet werden 
möge, jene Anpassungen als Zweckmäßig- 
keitseinrichtungen zu charakterisieren, in- 
dem man die Erscheinungen von metaphysischer 
Perspektive aus beleuchtet, und danach das un- 
geheure Getriebe des kausal-mechanischen Ge- 
schehens in der Natur als Mittel zur Realisie- 
rung gewisser Weltziele ansieht. 

Doch lassen wir solche Gedanken , die 
Darwin fernlagen, hier beiseite. Es genügt für 
uns, zu konstatieren, daß er der Wissenschaft 
durch Aufstellung seiner Selektionstheorie einen 
unermeßlich großen Dienst geleistet hat. Es ist 
bewunderungswürdig, mit welcher tiefen biolo- 
gischen Einsicht er die schwierigsten Probleme 
durchdrang und wie vielseitig er dieselben 
behandelte, während selbst hervorragende Forscher 
unter seinen Nachfolgern von dem Fehler ein- 
seitiger Betrachtungsweise nicht frei gesprochen 
werden können. 

Gewiß sind zahlreiche Fragen, die sich auf die 
Entstehung der Arten beziehen, wie auch 
Darwin selbst immer wieder betont, noch keines- 
wegs gelöst. Es sind die Umstände auf experi- 
mentellem Wege zu prüfen , die Abänderungen 
der Arten bedingen. Man hat die Bedeutung der 
Mutationen , der Korrelationen und direkten .-Xn- 
passungen näher zu studieren. Das Problem von 
der Erblichkeit erworbener Eigenschaften ist neu 
zu bearbeiten. Es ist ferner z. ß. zu untersuchen, 
welchen Wert solche Abänderungen, die weder 
schädlich noch nützlich für den Organismus sind, 
und deshalb auch keiner Selektion unterworfen 
sein können, für die Artbildung besitzen. 

Von mancher Seite werden die tatsäch- 
lich bestehenden Schwierigkeiten, welche uns 



augenblicklich noch ein volles Verständnis be- 
züglich des Zustandekommens der Deszendenz 
unmöglich machen, in eine ganz übertriebene 
Beleuchtung versetzt. Es wird auch der prinzi- 
pielle Standpunkt vertreten, daß jene Schwierig- 
keiten überhaupt nicht durch rein naturwissen- 
schaftliche, d. h. allein auf das kausal-mechanische 
Geschehen gerichtete Forschung, überwunden 
werden könnten. Dazu gesellen sicli oft mancherlei 
Mißverständnisse, Vorurteile aller .Art und unzu- 
lässige Bestrebungen, die Probleme verschiedener 
Wissenschaften (Naturwissenschaft und Meta- 
physik) von vornherein ineinander fließen zu 
lassen, während es doch durchaus erforderlich ist, 
die in Betracht kommenden P^ragen zunächst ge- 
sondert zu behandeln, um die gewonnenen Re- 
sultate dann freilich schließlich von einem allge- 
meineren Standpunkte aus miteinander zu ver- 
knüpfen. Man vergißt, daß wir auf naturwissen- 
schaftlichem Gebiet doch eigentlich am Anfang 
der Erkenntnis stehen, daß höchstens Teilwahr- 
heiten gegeben sind, die volle Einsicht aber erst 
eine ferne Zukunft bringen kann. Andererseits 
unterschätzt man den tiefen Wahrheitsgehalt 
des Darwinschen Selektionsprinzips für das 
Problem der Artbildung gar sehr, der sich 
doch gerade durch neuere Forschungen so stark 
bewährt hat. Denn durch diese konnte gezeigt 
werden, daß viele selbst unscheinbare Eigentüm- 
lichkeiten der Organismen, von deren Selektions- 
wert man früher keine Ahnung- hatte, denselben 
im höchsten Maße besitzen. 

Solche Fortschritte sind aber nur möglich ge- 
worden durch die Ausgestaltung der Ökologie zu 
einem besonderen Gebiete der Wissenschaft. Diese 
Ökologie oder Biologie im engeren Sinne, die 
heute von hervorragenden Botanikern mit Vor- 
liebe getrieben wird, hat die Aufgabe, uns mit 
den Anpassungen der Organismen in ihrem Bau 
und LebensäuiSerungen an die Umgebung (andere 
Lebewesen und unbelebte Natur im weitesten 
Umfange) vertraut zu machen. Wertvolle Resul- 
tate sind hier freilich nicht leicht zu erzielen, denn 
es gehört die Gabe einer feinsinnigen Naturbe- 
trachtung und viel experimentelle Geschicklichkeit 
dazu, das wunderbare Wechselspiel der Lebens- 
beziehungen zu entwirren. 

Ganz ohne jeden Zweifel ist es kein Zufall, 
daß die Ökologie erst zu immer wachsender 
Blüte gelangte, nachdem Darwin mit seinem 
Selektionsprinzip hervorgetreten war. Er hat uns 
auch hier die Augen geöffnet, eine Fülle nach- 
haltigster Anregung geboten und selbst durch jene 
botanischen Meisterwerke, die im ersten Teil dieses 
Vortrages Erwähnung fanden, gewaltig zur Förde- 
rung des jungen Wissensgebietes beigetragen. 
Darwin ist als Begründer der modernen Öko- 
logie anzusehen! 

Und diese Disziplin hat nicht allein für die 
reine Wissenschaft, sondern auch für die Schule 
höchste Bedeutung gewonnen. Früher herrschte 
in dieser letzteren der sog. systematische Unter- 



ii8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 8 



rieht fast ausschHeßlich. Die Pflanzen wurden 
beschrieben und vielleicht auch noch bestimmt. 
Wer wollte es wagen, die Wichtigkeit der Syste- 
matik für die Schule zu leugnen ! Durch sie wer- 
den ja nützliche Kenntnisse verbreitet; sie kann 
den Sinn für ästhetischen Naturgenuß lebhaft 
fördern; das genaue Beschreiben der Pflanzen ist 
höchst wichtig für Entwicklung des Beobachtungs- 
vermögens, und das Bestimmen hat sicher in for- 
maler Hinsicht Wert. Zudem können, wie es für 
jede Schule zu fordern ist, die Grundprinzipien 
der Deszendenzlehre durch den Unterricht in der 
Systematik klargelegt werden. Aber die Allein- 
herrschaft darf die Systematik im Lehrgang nicht 
haben. Seine gewaltige geistesbildende 
Kraft kann der botanische Schulunterricht erst 
durch sachgemäße und in den verschiedenen 
Schulgattungen recht mannigfaltig zu gestaltende 
Verknüpfung der Systematik mit der Anatomie, 
Physiologie und Ökologie gewinnen. Das ist eine 
Forderung, von der man ebensowenig wie von 
jener anderen abgehen darf und kann, nach wel- 
cher der biologische Unterricht in allen Schulen 
bis zur Oberklasse fortzuführen ist. Als höchst 
erfreulich muß man es daher bezeichnen, daß die 
Bedeutung der Ökologie für die Schule heute sehr 



allgemein hohe Würdigung seitens der Lehrer- 
schaft und ganz besonders auch seitens der Volks- 
schullehrer gefunden hat, in deren Kreisen über- 
haupt ein gar nicht genug zu schätzendes wissen- 
schaftliches Streben, eine leidenschaftliche Sehn- 
sucht nach tieferer Erkenntnis und ein bewunde- 
rungswürdiger Idealismus angetroffen wird. 

So flutet der Strom wissenschaftlicher Einsicht, 
den Darwin uns erschlossen, durch alle Welt, 
und die Strahlen, welche von seinem Geiste aus- 
gingen, werden auch fernerhin überall mächtige 
Wirkungen verspüren lassen. 

Darwin war gleich groß als Spezialforscher 
wie als Denker. Und dazu steht er überaus hoch 
als Charakter da, wie jeder leicht aus seiner 
„Reise eines Naturforschers um die Welt", seiner 
Autobiographie und seinen Briefen entnehmen 
kann. Bescheidenheit, Lauterkeit der Gesinnung 
sowie Strenge der moralischen Anschauungen, die 
an diejenige Kants erinnert, sind dem unver- 
gleichlichen britischen Naturforscher namentlich 
nachzurühmen. 

Wir neigen uns in bewundernder Verehrung 
und tiefster Dankbarkeit vor dem gewaltigen 
Genius Charles Darwin. 



Kleinere Mitteilungen. 

Die Beschuppung der Reptilien hat Hans 
Otto zum Gegenstande einer erneuten Unter- 
suchung gemacht (Jenaische Ztschr. f Naturwiss. 
44. Bd. 1908). Die Kalkeinlagerungen in der 
Reptilienhaut wurden zuerst von 
Pallas (1801) bemerkt. Von 
späteren Forschern haben nur 
Heusinger (1822), Dumeril 
und Bibron (1837), Natale 
(1852), Blanchard (1861) und 
de Filippi (1863) Bezug auf die 
Hautossifikationen der Reptilien 
genommen. Eine sonderbare 
Theorie stellte Blanchard über 
den Zweck dieser Gebilde auf, in- 
dem er angab, daß sie eine wichtige 
Rolle bei der Atmung spielen. 
Diese Ansicht suchte er durch 
die Anwesenheit ,,des espaces 
a^riferes" zu begründen. L e y d i g 
gab dann (1868 — 1876) die ersten 
wichtigen Arbeiten über die Haut- 
knochen der Reptilien. Er war 
auch der erste, der den Knochen- 
schuppen der Reptilien eine 
systematische Bedeutung zuge- 
sprochen hat. Er verwarf mit 
Entschiedenheit die oben erwähnte 
Theorie Blanch ard 's, indem er zeigte, daß die 
„tubes aeriferes" nicht hohl, sondern mit dichtem 
Bindegewebe angefüllt sind. Cartier hat (1873J 



die Gruppe der Geckotiden untersucht und auch 
bei ihnen Hautknochen gefunden. An diese For- 
scher reihen sich dann eine Anzahl späterer, die 
sich besonders mit der P>age der Entstehung der 
Knochenschuppen beschäftigten. 

Otto hat sich hauptsächlich mit den Brevi- 




Fig. 1 

kns Kn 



Schuppe aus der Körpermitte von Anguis fragilis. 
ochenschuppe. hns Hornschuppe. mk Markkanäle, 
g Grenze der Cutis. (Nach Otto.) 

linguiern und Ascalaboten befaßt. Bei meiireren 
Vertretern der erstgenannten Familie, nämlich bei 
Anguis, Pseudopus und Zonurus, besteht die. 



N. F. VIII. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



119 



Knochenschuppe nur aus einer einzigen, mächtigen 
Knochentafcl , die an allen Körperstelien immer 
einer sie iiberdcckendeii Hornschuppe entspricht. 
Bei den anderen Brevilinguierarten (Scincus, Gon- 
gylus, Seps, L)-i;osoma, Mabuia und Acontias) 
finden wir dagegen , daß Knochenplättchen von 
verschiedener, für jede Spezies charakteristischer 
Gestalt zu einem Knochenkomplex zusammen- 
gclagert sind. Eine solche zusammengesetzte 
Knochenschuppe entspricht auch bei diesen Arten 
stets der sie überdeckenden Hornschuppe. 

Als Beispiel für die erste Gruppe, also für 
Bre vil i n gu i er mit einfacher Knochenschuppe, 
diene unsere Blindschleiche (Anguis fragilis). Fig. i 
stellt Knochen- und Hornschuppe dieses Reptils 
dar. Das Präparat war einem erwachsenen Exem- 
plar aus der Mitte des Rückens entnommen. 




der typischen Form, wie wir sie am Rücken fin- 
den, weichen die Schuppen anderer Körpergegen- 
den bedeutend ab. 

Wir übergehen die mannigfaltigen Variationen, 
der die Schuppen der verwandten Formen unter- 
liegen und kommen nun zu der Familie der As- 
caloboten. Bei den ihm zur Verfügung stehen- 
den Vertretern dieser Gruppe fand Otto nur bei 
dem Mauergecko (Tarentola mauritanica L.) Cutis- 
verknöcherungen. Merkwürdigerweise bestand 
hier jedoch keine Beziehung zwischen Hörn- und 
Knochengebilden ; nur am regenerierten Schwanz 
ließen sich ursprüngliche Verhältnisse feststellen. 
Seine Befunde, die auch durch histologische 
Untersuchung an Schnitten vervollständigt wur- 
den, verwertet Otto für die Systematik und 
Phylogenie der genannten Formen. Er hält die 
einheitliche Knochenschuppe 
für die ursprünglichste Form, 
aus der die Schuppen der 
Scincoiden durch sekundäre 
Spaltung der einfachen 
Knochenschuppe entstanden 
sind. Er unterscheidet bei 
den Brevilinguiern die beiden 
Familien der Scincoiden und 
Zonuriden (Zonurus und 
Pseudopus), zwischen denen 
Anguis steht. Der Verf. 
hält es für sehr wohl mög- 
lich, daß die Knochen- 
schuppe, wie sie uns bei 
Anguis und den Zonuriden 
entgegentritt, ein altes Erb- 
stück von den Amphibien 
ist. 

Dr. P. Brohmer, Jena. 



Fig. 2. Die typische Scincus-Schuppe. 
übrigen Bezeichnungen wie in Fig. I 



tsp Teilspa 
(Nach Otto 



Von der zweiten Gruppe, bei der die Knochen- 
schuppen aus einem Mosaik von Knochenplatten 
bestehen, wählen wir den Apothekerskink (Scin- 
cus officinalis). der im nördlichen und östlichen 



Ökologie der pflanz- 
lichen Saprobien. Von 
K o 1 k w i t z und M a r s s o n. 
(Berichte der deutschen bota- 
nisciien Gesellschaft. Jahrg. 
1908, Bd. 26 a, Heft 7.) 
Immer mehr bricht sich die Kenntnis der Be- 
deutung, welche Fauna und Flora für die Beur- 
teilung eines Wassers haben, Bahn. Früher zog 
man zur Wasseranalyse vorwiegend den chemi- 



Afrika vorkommt und eine Größe von 23 — 25 cm sehen und bakteriologischen Befund heran. Als 
erreicht. Die typische Scincusschuppe ist in es sich jedoch immer mehr herausstellte, daß 
Fig. 2 abgebildet. Wir erkennen, daß die Knochen- diese Methoden gerade dort leicht versagen, wo 



schuppe aus zwei verschiedenen Plattenformen 
zusammengesetzt ist, nämlich immer aus zwei 
Eckplatten und aus mehreren Längsplatten, von 
denen eine wechselnde Zahl vorhanden ist. Auf 
den Längsplatten bemerken wir eine Anzahl von 
Markkanälen (Ha ve rs' sehe Kanäle I, wäiirend die 
lieiden Eckplatten in allen Körperschuppen keine 



hochmolekulare, organische Verbindungen im 
Wasser gelöst vorhanden sind, so entschloß man 
sich, die Abhängigkeit dieser im Wasser gelösten 
Stoffe von Tier- und Pflanzenwelt zu studieren. 
Gerade sie sind es nämlich, welche als wichtige 
Nährstoffe für Tiere wie Pflanzen in Betracht 
kommen. — Besonders dort, wo organische, zer- 



solchen besitzen. Die Hornschuppe bedeckt nur setzliche Bestandteile ins Wasser gelangen, siedeln 
das freistehende Ende der Knochenschuppe. Von sich Lebensgemeinschaften von Organismen an, 



120 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 8 



welche zu Quantität wie Qualität dieser Stoffe 
in direkter Abhängigkeit sich befinden. Es 
handelt sich hier vorwiegend um mikrosko- 
pische Wasserbewohner. Ist die Lebensweise, 
sind die Ernährungsbedingungen, unter denen 
solche Organismen leben, bekannt, so wird es 
möglich, aus ihrem Auftreten als solchem be- 
stimmte Rückschlüsse auf den Reinheits- resp. 
Yerunreinigungsgrad eines Wassers zu ziehen. 

Kolkwitz und Marsson haben eine Liste von 
ca. 300 pflanzlichen Organismen zusammengestellt 
(eine Zusammenstellung der tierischen soll folgen), 
welche sich für eine derartige Beurteilung von 
Gewässern als geeignet erwiesen haben. 

Bei starker Verschmutzung eines Wassers in 
einer Zone, in welcher das Wasser sauerstoffarm, 
kohlensäurereich, einen hohen Gehalt an stickstoff- 
haltigen Nährstoft'en aufweist, sind es zunächst 
Schizomyceten und Schizophyceen, 
welche auftreten. Bakterien und Pilze sind be- 
kanntlich imstande, aus fäulnisfähigen, organischen 
Verbindungen ihre Leibessubstanz aufzubauen. 
Dabei werden diese mineralisiert, d. h. in Ammoniak, 
Schwefelwasserstoff, Kohlensäure und Wasser 
übergeführt. Der Boden dieser Zone besteht aus 
Faulstoffen und Schwefeleisen. 

Haben die als Entfäuler dienenden Pilze dem 
Wasser durch ihre Tätigkeit organische Sub- 
stanzen entzogen, und ist die Mineralisierung 
weiter fortgeschritten, so treten neben Schizomy- 
ceten und Schizophyceen große Mengen 
fressender Tiere und durchlüftender Pflanzen auf. 
Von letzteren ist besonders die reiche Flora von 
Kieselalgen für diese Zone charakteristisch, 
welche in der zitierten Arbeit näher aufgeführt 
sind. Ferner P hy tof lagellat e n und eine 
Reihe verschiedener Algenarten wie z. B. be- 
stimmte Conjugaten, Confervalen und 
Florideen. Ich möchte hier besonders be- 
tonen, daß man aus dem Auftreten einer einzelnen 
Art niemals einen sicheren Rückschluß auf den 
Reinheitsgrad eines Wassers ziehen kann, sondern, 
daß für die Diagnose besonders der V e r g e s e 1 1 - 
Schaft ung nicht nur der Pflanzen miteinander, 
sondern besonders derjenigen von Pflanze und 
Tier eine ausschlaggebende Bedeutung zukommt. 
Alle Organismengruppen reagieren erstaunlich 
schnell auf Änderungen des sie umgebenden 
Mediums. Sie vermehren sich schnell oder ver- 
mindern ihre Individuenzahl; wie auch ihr Auf- 
treten überhaupt oder ihr Verschwinden vom je- 
weihgen Zustand des sie umgebenden Mediums 
abhängt. — Es kann mitunter vorkommen, daß 
durch die Strömung einzelne Individuen fortge- 
schwemmt werden und diese dann vorübergehend 
unter solchen Umständen und in einer Vergesell- 
schaftung leben, welche nicht ganz ihren natürlichen 
Zuständen entspricht; doch sind solch einzelne 
Vorkommnisse wohl nur imstande, die Diagnose 
etwas zu erschweren. Dem Kenner wird es auch 
in solchen Fällen möglich sein, aus der charak- 



teristischen P"auna und Flora den Verunreini- 
gungsgrad zu erkennen. 

In der oben geschilderten Zone, in welcher 
die Mineralisation schon erheblich fortgeschritten 
ist, hat auch der Schlamm des Bodens ein er- 
heblich anderes Ansehen gewonnen, als der der 
Abwasserzone. Eine Reihe tierischer Organismen 
ist hier lebhaft an der biologischen Reinigung 
beteiligt : schlammbewohnende Kleinkrebschcn, 
Insektenlarven, verschiedene Würmer, unter ihnen 
der wohlbekannte Tubifex durchackern den 
Schlamm; verschiedene Schnecken und unsere all- 
bekannte Wasserassel leben hier als Schlickfresser. 
Durch die gemeinsame Tätigkeit dieser Organis- 
men wird der Sauerstoff des Wassers energisch 
mit dem schwarzen Schwefeleisen der Abwasser- 
schlammzone in Berührung gebracht. Dadurch 
oxydiert sich dieses zu Eisenoxydhydrat und all- 
mählich entsteht so ein normaler Schlamm. 

Im Wasser findet sich bei der fortschreitenden 
Reinigung organischer Stickstoff nur noch in 
Spuren. Die Sauerstoffzehrung ist gering, der 
Permanganatverbrauch niedrig. Auch in dieser 
Zone finden sich reichhaltige biologische Lebens- 
gemeinschaften. Neben Protozoen und Räder- 
tieren finden sich auch in dieser Zone wieder 
bestimmte S c h i z o m y c e t e n und S c h i z o p h y - 
ceen; aber natürlich andere Arten als in den 
vorher erwähnten Zonen. Daneben finden sich 
auch hier wieder verschiedene Kieselalgen, 
und zwar sowohl planktonische als auch schlamm- 
bewohnende; ferner Phyto flagellaten, Con- 
jugaten, Confervalen usw.; auch höhere 
Pflanzen, Monocotyledonen sowie Dicotyle- 
donen sind in dieser Zone anzutreffen. 

Ebenso wie die Landflora ist auch die Wasser- 
flora vom Wechsel der Jahreszeiten abhängig. So 
erreichen gewisse Abwasserpilze im Winter den 
Höhepunkt ihrer Vegetationsperiode. Gewisse 
blaugrüne Algen pflegen sich im Sommer am 
üppigsten zu entwickeln. Bei den Kieselalgen 
fällt das Maximum ihrer Vegetationsperiode in 
F"rühling und Herbst, während im Sommer die 
Kurve ihrer Lebensintensität tällt. Es sind dies 
Tatsachen, welche bei jeder biologischen Wasser- 
beurteilung zu berücksichtigen sind. 

Wie aus vorstehendem hervorgeht, sind Bak- 
terien und Protozoen bis stufenweise hinauf zu 
den übrigen Vertretern von Fauna und Flora für 
die Beurteilung eines Wassers gleich wichtig. Die 
im Titel angeführte Arbeit von Marsson und 
Kolkwitz ist deshalb von Wichtigkeit für unsere 
Kenntnis der biologischen Wasserbeurteilung, weil 
in ihr zum ersten Male eine größere Anzahl un- 
serer bekanntesten, weitverbreitetsten pflanzlichen 
Süßwasserbewohner, mit einer ganz präzisen bio- 
logischen Diagnose versehen sind. Hierdurch ist 
die Möglichkeit geboten, dieselben jederzeit in der 
Praxis für die biologische Wasserbeurteilung zu 
verwenden. M. Zuelzer. 



N. F. VIII. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



121 



Über das Verhalten von suspendierten 
Stoffen im Kristalloid- und Kolloidzustand. — 
F"rühere Forsclier, '~') die beobachtet hatten, daß 
f e i n verteilte Stoffe im suspendierten Zustande 
auf Zusatz von Elektrolyten und auch Nichtleitern 
sich rasch sedimentieren, haben nicht erkannt, 
daß nur solche Stoffe darauf reagieren, die kollo- 
ider Natur überhaupt sind, oder in Berührung 
mit Wasser Stoffe im Kolloidzustand zu bilden 
vermögen. 

Im folgenden sollen einige Versuche beschrie- 
ben werden, die dieses dokumentieren. 

Die Natur kristalloider und kolloider 
Stoffe wird nämlich sehr gut durch ihr Verhalten 
als Suspensionen in Wasser +ind auf Zusatz 
von Elektrolyten charakterisiert. 

Folgender Unterschied ist zu beobachten; Sus- 
pensionen kristalloider Stoffe, wie von Kalzium- 
karbonat, Kalzium sulfat, Eariumsulfat 
usw. halten sich schwebend nur kurze Zeit, allen- 
falls eine Stunde, während solche von kolloid ver- 
anlagten Stoßen, wie von kieselsaurem Alu- 
minium, kieselsaurem Magnesium, Ultra- 
marin, Zement stundenlang, ja Tage diese 
l'^ähigkeit besitzen. 

Zweitens wird die Sedi me n tat ion kristal- 
loider Stoffe durch Zusatz von Elektrolyten nicht 
beschleunigt, während dies bei den Kolloiden der 
Fall ist. 

Suspensionen von Ultramarin werden durch 
folgende Zusätze sedimentiert: NaOH, NH4(OH), 
NaCl, NH^Cl, CaCI.,, Na._,SOj , CaSO, , CuSO,, 
(NH^lCOj, Na.jCOg, NaNO^; sehr wenig wirksam 
ist dagegen Na.jHPO^, ohne jede Wirkung Borax. 

Eine Ultramarinsuspension erhält sich 
ca. lo Stunden schwebend; durch Zusatz von 
NH4(0H) ist sie in 6 Minuten, durch NaNO^ in 
lo', durch NaCl in 25', durch (NHJXO., in 90' 
sedimentiert. 

Tonsuspensionen''') werden rasch durch 
Zusätze sedimentiert, die OH'-ionen enthalten; 
NaOH, KOH, Na.,C03, Na.^SiOg. 

Suspensionen von Talk werden durch Zusatz 
von (NH|).,CO;(, CaCI,,, CaSO^ sedimentiert; wir- 
kungslos ist z. B. K.,Cr.,Oj. 

Zementsuspensionen werden durch Zu- 
satz von NaOH, CaCI.,, Na.,HPOi, (NH4).,C03, 
AICI3, FeCl.j sedimentiert; NaCl, Na.XO,,, CaSO^, 
Borax verhalten sich indifferent. Eine sehr starke 
Wirkung üben AICI3 und FeCl., aus; Zement- 
suspensionen, die sich 6 — 7 Stunden schwebend 
halten, werden in 2 — 3 Minuten sedimentiert. 

Auf Suspensionen von Kalifeldspat wirkt 
sedimentationsbeschleunigend besonders CaCI.,. 

Die Stoffe nun, die im Gegensatz zu den 
Kristalloiden, Gips, Kalkspat, dieses Ver- 



halten im suspendierten Zustand gegen Wasser 
und Elektrolytzusatz zeigen, sind kolloid ver- 
anlagt; sie bilden in Berührung mit Wasser 
Stoffe im Kolloidzustand , Kieselsäure-Tonerde- 
Eisenoxydhydrat; je mehr Kolloidstoffe eine Sub- 
stanz dabei zu bilden vermag, umso deutlicher 
tritt das Phänomen der langandauernden Schwe- 
bung auf. 

Dieses Verhalten kann geradezu als Reagens 
daraufhin betrachtet werden, ob ein solcher, ge- 
feinter Stoff in Berührung mit Wasser kristalloid 
oder kolloid veranlagt ist. 

Die Ursachen dieser Vorgänge sind die fol- 
genden: die schwebenden Teilchen sind von einer 
kolloidalen Hülle der erwähnten Hydrate 
umgeben; bestimmte Elektrolyte haben nun die 
F"ähigkeit, diese kolloidale Hülle, die als Ursache 
des andauernden Schwebens anzusehen ist, zu 
zerstören, worauf die Sedimentierung erfolgen 
muß. 

Auf die Frage, wie die Wirkung der Elektro- 
lyte zustande kommt, scheint folgende Antwort 
die richtige zu sein; es handelt sich schließlich 
um die Ausfällung von Kolloidstoffen; 
diese kommt wahrscheinlich auch hier dadurch 
zustande, daß die Kolloidteilchen, welche die 
kolloidale Hülle bilden, die mit der entgegen- 
gesetzten elektrischen Ladung behafteten Ionen 
der Elektrolyte an sich ziehen ') und Stoffkom- 
plexe bilden; dadurch erfolgt die Zerstörung der 
kolloidalen Hülle und die Sedimentierung. 

Beachtenswert ist noch, daß diejenigen Elek- 
trolyte, die am stärksten die Sedimentation be- 
schleunigen, wie Eisenchlorid, Aluminium- 
chlorid die wasseranziehende Fähigkeit be- 
sitzen. 

Indem diese Stofte das Wasser, welches den 
kolloid veranlagten Stoffen erst die kolloidale 
Hülle ermöglicht, an sich zieht, wird diese zer- 
stört, so daß die Sedimentierung erfolgen muß. 

Möglicherweise liegen beide Ursachen, die 
elektrostatische Anziehung zwischen Kolloidteil- 
chen und den Ionen der Elektrolyte und die Ent- 
ziehung des Kolloidalwassers, der Sedimentations- 
beschleunigung zugrunde. 

Als kolloid veranlagte Stoße sind Ultra- 
marin, Ton, Zement, Talk, Feldspate und ähn- 
liche Mineralien anzusehen. Dr. Rohland. 



') Th. Scheerer, Pogg. Ann. S2, 419. 1851. 
*) Fr. Schulze, ibidem 129, 366. 1866. 
') Ch. Schlösing, (^ompt. read. 70, 1345. 1870 usw. 
*) G. Quinke, .\nn. d. Physik. 7, 94. 1902 u. folg. 
^) conf. H. .Seger, Tonindustrie-Ztg. 1.5, 813. (189 II. 
P. Rohland, Zt. anorg. Chcm. 41, 325. (1904). 



') conf. Zt. phys. Chem. 45, 307. (1903). 51, 129. (1905). 



Vereinswesen. 

Deutsche Gesellschaft für volkstümliche 
Naturkunde (E.V.). — Nach den Sommerferien 
nahm die Gesellschaft am Dienstag, den 13. Ok- 
tober, abends 8 Uhr ihre .'\rbeit mit einer Sitzung 
im Hörsaal des Kgl. Instituts für Meereskunde 
wieder auf. Seitens des Vorstandes begrüßte zu- 
nächst der Schriftführer in Vertretung des an 
dem Abend behinderten Herrn Vorsitzenden die 



122 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 8 



zahlreich erschienenen Mitglieder und erteilte dar- 
auf das Wort Herrn Kustos Base hin vom Geo- 
graphischen Institut der Kgl. Universität zu seinem 
angekündigten Vortrage über das Thema: „Die 
Wellen des Meeres". 

Da das Meer 72 " (, der Erdkugel bedeckt und 
eine absolute Ruhe der Meeresoberfläche wohl 
nur ganz lokal und vorübergehend vorhanden ist, 
so ist von allen Oberflächenformen unseres Erd- 
balles die der Meereswellen sicher die verbreitetste, 
und doch ist über die Form und Entstehung 
dieser Naturerscheinung unser Wissen noch sehr 
unvollkommen. Um zu einem gründlichen Ver- 
ständnis dieser Vorgänge zu gelangen, müssen wir 
uns zunächst die Gesetze ins Gedächtnis zurück- 
rufen, die für Wasserwellen überhaupt gelten. Das 
stabile Gleichgewicht einer homogenen Wasser- 
masse hört auf, sobald an irgendeiner Stelle ihrer 
Oberfläche die horizontale Lage des Wasserspiegels 
gestört wird. Von dieser Stelle breiten sich 
Wellen aus, die, im allgemeinen mit gleichförmiger 
Geschwindigkeit auf der Wasseroberfläche sich 
fortbewegend und aus abwechselnden Bergen und 
Tälern bestehend, von dem Störungszentrum aus 
in kreisförmiger Form nach außen hin fortschreiten, 
wobei sie an Höhe allmählich abnehmen. Die 
Wellenbewegung ist also eine im Räume fort- 
schreitende, während die Wasserteilchen selbst an 
Ort und Stelle bleiben und nur eine oszillierende 
Bewegung ausführen, die bei ganz regelmäßigen 
Wellenformen eine Kreisbahn ist, welche in der 
gleichen Zeit durchlaufen wird, in der die Welle 
um eine Wellenlänge vorgerückt ist. Will man 
die Formen und Bewegungen der Wellen ein- 
gehender studieren , so ist in erster Linie eine 
genaue Messung der Wellendimensionen nach 
Höhe. Länge und Geschwindigkeit erforderlich. 
Am günstigsten werden solche Messungen mög- 
lichst fern vom Lande an Stellen von größerer 
Meerestiefe vorgenommen; allerdings bieten die 
Schwankungen des Schiffes dabei ein recht stören- 
des Hindernis. Am einfachsten ist noch die 
Wellengeschwindigkeit festzustellen. Man braucht 
nur, während das Schiff mit der Kiellinie in der 
Fortpflanzungsrichtung der Wellen still liegt, die 
Anzahl von Sekunden zu zählen, welche vergehen, 
bis ein Wellenberg von einem Ende des Schiffes 
zum anderen gelangt, und diese in die Länge 
des Schiffes in Metern zu dividieren. In ähnlicher 
Weise läßt sich die Wellenlänge ermitteln. 
Größere Schwierigkeiten hat bisher die Messung 
der Wellenhöhen, zumal bei höheren Wellen ge- 
macht. Sowohl die geometrische Messung, die 
darauf beruht, daß man am Mast des Schiffes so 
hoch hinaufsteigt, daß das Auge den nächsten 
Wellenberg gerade bis zum Horizont emporsteigen 
sieht, während das Schiff selbst im Wellental sich 
befindet, und dann die Höhe des Auges über dem 
Wasserspiegel feststellt, wie auch die barometri- 
sche mit Hilfe feinster Aneroidbarometer, die noch 
Luftdruckdifferenzen von Vioo r""i. entsprechend 
einem Höhenunterschied von etwa 11 cm, zu 



schätzen gestatten, liefern nicht immer zuverlässige 
Resultate. Erst in neuester Zeit ist es gelungen, 
eine Methode anzuwenden, die nicht nur dieHöhe, 
sondern auch die Länge der Wellen und ihre 
sonstigen Formen gleichzeitig in exakter Weise 
zu messen ermöglicht, die photogrammetrische, 
die auch bei Messungen auf dem Lande schon 
seit Jahren erfolgreich verwendet worden ist und 
die im wesentlichen darin besteht, daß man an 
zwei in einer bestimmten Entfernung voneinander 
gelegenen Punkten mit besonders eingerichteten 
Apparaten photographische Aufnahmen nach der- 
selben Richtung hin macht. Durch genaue Aus- 
messungen der photographischen Platten kann 
man dann nachträglich die Lage aller auf beiden 
Bildern sichtbaren Punkte im Räume genau fest- 
stellen. Im Jahre 1904 hat die kaiserliche Marine 
in der Kieler Bucht zum ersten Male derartige 
Aufnahmen von IJ/leereswellen machen lassen, auf 
Grund deren mit Hilfe des sog. Stereokompara- 
tors Herr Dr. Kohlschütter die erste überhaupt 
existierende, genaue kartographische Darstellung 
der Meereswellen geliefert hat. Durch diese ge- 
naueren Messungen ist die alte übertriebene Vor- 
stellung von turmhohen Wellen gründlich beseitigt 
worden. Wellen von mehr als 12 m Höhe dürften 
darnach zu den größten Seltenheiten gehören. 
Die Überschätzung der Wellenhöhen beruht ein- 
fach darauf, daß man das Deck des Schiffes als 
eine horizontale Ebene anzusehen pflegt, auch 
wenn das Schiff unter dem Einfluß der in der 
Kiellinie verlaufenden Wellen „stampft" oder unter 
dem Einfluß der seitwärts kommenden Wellen 
„rollt". 

Viel weniger als über ihre Höhen wissen wir 
nun über die Formen der Wellen, die den Messun- 
gen überaus große Schwierigkeiten entgegenstellen. 
Die Angabe der meisten Lehrbücher, wonach die 
Oberfläche der Meereswellen durch eine Kurve, 
die man als Trochoide bezeichnet, begrenzt wird, 
findet durch die genaueren photogrammetrischen 
Aufnahmen keine Bestätigung. Diese mangelnde 
Übereinstimmung zwischen Theorie und Wirklich- 
keit findet ihre Erklärung in den zahlreichen 
Interferenzerscheinungen, die in der Natur auf- 
treten und die die Meeresfläche oft in ein wildes 
Chaos verwandeln, das die Kunst der Schiffsführung 
auf die schwersten Proben stellt. 

Daß der Wind die Ursache der Meereswellen 
ist. ist allgemein bekannt; nur über das Wie 
gingen bis vor wenigen Jahren noch die Ansichten 
auseinander. Die wirkliche Ursache jener Natur- 
erscheinung fand erst ihre wissenschaftliche Be- 
gründung durch Helmholtz, der in den Jahren 
1888 bis 1890 nachwies, daß überall an der Grenz- 
fläche zweier beweglicher Stoffe, die sich mit ver- 
schiedener Geschwindigkeit übereinander hin be- 
wegen, eine Wogenbildung eintreten müsse. Die 
beiden Stoffe, um die es sich in unserem Falle 
handelt, sind das ruhende Wasser und die be- 
wegte Luft. Ein stationäres Wogensystem kann 
aber nur dann entstehen und Bestand haben, wenn 



N. F. VIII. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



123 



der Wind eine geraume Zeit hindurch in genau 
der gleichen Stärke und aus derselben Richtung 
weht, was aber fast nie der Fall ist. Jede plötz- 
liche Zunahme der Windgeschwindigkeit und jede 
Änderung der Windrichtung werden neue Wogen- 
systeme erzeugen, so daß vielfache Interferenzen 
entstehen müssen, die gelegentlich imstande sind, 
das ursprüngliche zu verwischen. Leider fehlt es 
noch sehr an guten photographischen Aufnahmen 
von Wellen; hier wäre für Amateurphotographen 
ein dankbares Feld gegeben zur praktischen Mitarbeit 
an den Aufgaben der Wissenschaft. Zumal kine- 
matographische Aufnahmen wären sehr erwünscht. 
Die Formen der Wellen sind so mannigfaltig, daß es 
unmöglich ist , auch nur die Haupttypen zu be- 
schreiben. Die Formveränderung der VVelle steigert 
sich bis zur völligen Lösung des Zusammenhanges 
der Wassermasse, wenn die Welle auf ein festes 
Hindernis stößt; sie zerstäubt alsdann in Gischt. 
Wenn der obere Teil der Wellenkämme auch 
auf hoher See Schaumkronen trägt, so rührt dies 
daher, daß die Wellen noch nicht die dem herr- 
schenden Winde entsprechende Geschwindigkeit 
erreicht haben. Ebenso muß ein Aufschäumen 
der Wellen eintreten , wenn der untere Teil in 
seiner Bewegung verlangsamt wird, wie es bei 
Untiefen oder in der Nähe der Küste der Fall 
ist. Auffällig erscheint uns zuerst die Tatsache, 
daß an einem flachen Ufer die Wellen fast stets 
von der See her ziemlich direkt auf die Küste 
zukommen, so daß die Wellenkämme in langen, 
zum Strande parallelen Linien auf diesen zueilen, 
gleichgültig, aus welcher Richtung der Wind weht; 
er darf nur nicht längere Zeit hindurch vom 
Lande her wehen. Während bereits in geringer 
Entfernung vom Strande draußen auf dem offenen 
Meere die Bewegungsrichtung der Wellen allein 
durch den Wind bestimmt wird, ist die am Strande 
beobachtete Abweichung von dieser Richtung 
lediglich bedingt durch die bei der Annäherung 
der Wellen an die Küste stetig zunehmende 
Verminderung der Geschwindigkeit der Wellen 
in dem immer seichter werdenden Wasser. Hier- 
auf beruht auch die reizvolle Erscheinung der 
Küstenbrandung. Eine Verzögerung der unteren 
Teile der Meereswellen kann aber auch auf hoher 
See eintreten, wenn nämlich unterseeische Sand- 
bänke oder Klippen bis nahe an die Oberfläche 
hinaufragen, und ,, Brandung voraus!" ist immer 
ein Schreckensruf für die Schiffsbesatzung. Außer 
durch ungleich schnelle Bewegung der einzelnen 
Teile der Welle entsteht ein Aufschäumen auch 
dann, wenn die Wellenhöhe übermäßig groß wird, 
wie dies bei mehrfachen Interferenzen der Fall 
sein kann. Am häufigsten kommen solche mehr- 
fachen Interferenzen da vor, wo auf verhältnis- 
mäßig kleinem Raum starke Winde aus verschie- 
denen Richtungen wehen. Dies ist der Fall im 
Zentrum eines Sturmfeldes. 

Eine Folgeerscheinung der Windwellen sind 
die Dünungen. Diese entstehen, wenn der zum 
Sturm angewachsene Wind schnell abflaut und 



schließlich ganz aufhört, während die nicht in 
dem gleichen Tempo sich beruhigenden Sturm- 
wellen über den Ozean weiterwandern. 

Viel größer aber als alle Windwellen sind 
solche Wellen, die ihre Ursache in plötzlichen 
Störungen des Gleichgewichts haben, wie sie ein- 
treten durch untermeerische vulkanische Aus- 
brüche und in noch gewaltigeren Dimensionen 
bei Seebeben. Von gewaltigem Umfang war die 
F'lutwelle, die am 27. August 1883 durch den 
furchtbaren Ausbruch des Krakatau hervorgerufen 
wurde. Auch an der deutschen Ostseeküsle treten 
mitunter eigentümliche, ihrer Entstehung nach 
noch nicht völlig aufgeklärte Stoßwellen auf, die 
Höhen bis zu 2 m erreichen können. Ebensowenig 
erklärt sind die am flachen Strande der West- 
küste Südfrankreichs gelegentlich beobachteten, 
plötzlich heranrollenden großen Einzelwellen. 

Viel bedeutsamer als die Wirkungen solcher 
gewaltigen Einzelwellen sind aber die Wirkungen 
der kleinen alltäglichen Windwellen, deren ge- 
ringe Einzelleistung mehr als wettgemacht wird 
durch die fast unausgesetzte rhythmische Wieder- 
holung desselben Vorgangs. Unter ihrer Wirkung 
vollzieht sich die gesteigerte Tätigkeit der riff- 
bauenden Korallen in der Brandungszone. Eine 
zweite Wirkung der Meereswellen ist der Wasser- 
transport, zu dem die oft so verheerenden Sturm- 
fluten gehören ebenso wie die mächtigen Meeres- 
strömungen, darunter der für Europa so segens- 
reiche Golfstrom. Eine dritte Wirkung schließlich 
ist der gewaltige, nimmer rastende Kampf zwi- 
schen dem festen und dem flüssigen Element, 
zwischen Festland und Meer, wie er sich abspielt 
in der Brandungszone der Steilküsten. 

Lernen wir so die Wellen des Meeres als die 
gewaltigste Macht kennen, die auf der Erde wirk- 
sam ist, als eine Macht, die zerstörend und ver- 
nichtend wirkt, so muß es als eine besonders 
lockende Aufgabe erscheinen, diese gewaltigen 
Kräfte der Menschheit nutzbar zu machen. Leise 
Anfänge sind gemacht worden, wie z. B. in den 
Glockenbojen oder den Wellenmotoren, aber diese 
Versuche stecken noch in den Kinderschuhen. 
Vielleicht daß es unserer rastlos vorwärts streben- 
den Technik einmal gelingt, die Schwierigkeiten, 
die sich der Verwirklichung dieses Gedankens in 
den Weg stellen, wegzuräumen. 

Im Anschluß an den Vortrag fand am Sonn- 
tag, den 18. Oktober, vormittags 10 Uhr, eine 
Besichtigung des Kgl. Instituts für Meereskunde 
statt, wobei außer Herrn Kustos Baschin noch 
Herr Kustos Dr. Dinse die nötigen Erläuterungen 
gab. 

I. A. : Prof. Dr. W. Greif, I. Schriftfdhrer. 
Berlin SO 16, Köpenickerstrafle 142. 



Aus dem wissenschaftlichen Leben. 

Wir erfahreu, daß die Vorbereitungen zu einer Expedi- 
tion zum Zwecke der Ausbeutung der reichen 
D i n osauri e r fu ndstätt e am Berge Tendaguru im Hinter- 



124 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 8 



lande von Lindi in D culsch - 1' s t iifr ik a vom paläontolo- 
gischcD Museum zu Berlin getroffen werden, dem ein Teil der 
erforderlichen Mittel von der Preuß. Akademie der Wissen- 
scliaften und der Gesellschaft naturforschender Freunde zur 
\'erfügung gestellt werden wird, i'^s wäre sehr zu wünschen, 
daß das Unternehmen nach dem Vorbilde der amerikanischen 
Förderer vorwcltücher Sammlungen auch bei hiesigen Freun- 
den dcrNaturwissenschafien die tatkriiftige Unterstützung findet, 
die die .Ausführung des aussichlsvollen l'lancs ermöglichen würde. 



Am 22. September igoS wurde auf Jder^ Naturforscher- 
Versammlung in Köln eine Deutsche Mineralogische 
Gesellschaft gegründet. Sie hat den Zweck, die Minera- 
logie und Petrogra])hie in Lehre und Forschung zu fördern, sowie 
die persönlichen Beziehungi-n der Mitglieder zu pflegen. 

.\ls I. Vorsitzender wurde Prof. Bauer- Marburg, als 
dessen Stellvertreter Berwerth - Wien und Brauns -Bonn, als 
Schatzmeister Kommerzieurat Seligmann - Koblenz und als 
Schrillführer Prof. Linck-Jena, gewühlt. 

Die Jahresversammlung für IQog wird in Salzburg abge- 
halten werden und mit der geschäftlichen Sitzung am i8. Seji- 
tember beginnen. 

Mitglied kann jeder werden, der sich für die genannten 
Wissenschaften interessiert; er hat sich zu diesem Zwecke bei 
einem der Vorstandsmitglieder anzumelden; der Jahresbeitrag 
beträgt 5 Mk. Es ist auch beabsichtigt , in größeren *.)rten 
• irtsgruppen zu bilden. (x) 



Wetter-Monatsübersicht. 

Nachdem das neue Jahr überall mit strengem F'roste be- 
gonnen hatte, trat schon an seinem zweiten Morgen an der 
Nordseeküste sowie im Gebiete des Niederrheins trübes, neb- 
liges Tauwetter ein und breitete sich mit mäßigen südwest- 
lichen Winden bis zum 4. über fast ganz Norddcutschland 



iem^erafur-SiGinima cinmcr Orts im 3^anuarl909. 




WctltF!>l.rt.U. 



aus. Dann blieb es daselbst während des größeren Teiles 
des Januar beinahe ohne Unterbrechung milde. .\m 5. oder 
6., ebenso um die Mitte des Monats gingen an vielen Orten, 
wie aus der beistehenden Zeichnung ersichtlich ist, die Tem- 
peraturen^nicht unter 2 oder 3 (_irad herab. In Süddeutsch- 
iand iingen sie erst seit dem 1 2. Januar zu steigen an, er- 
reichten hier aber am 15. in Stuttgart und Karlsruhe 12" C. 
An der Oder und weiter östlich klärte sich gleich nach 
Milte des Monats das Wetter auf unil erfolgte wieder eine 
rasche Abkühlung. In den übrigen Landesteilen wechselten 
noch mehrmals milde Tage und kalte Nächte ziemlich regel- 



mäßig miteinander ab, am 21. Januar setzten jedoch überall 
schärfere östliche Winde ein und einen Tag später herrschte 
in ganz Deutschland F'rost, der in den meisten Gegenden bis 
gegen Ende des Monats an Strenge langsam zunahm. Marg- 
grabowa braclite es an mehreren Tagen auf 20° C Kälte. 
Während wenigstens dort wie in der ganzen Provinz Ost- 
preußen eine .Schneedecke von ungefähr 1 Dezimeter Höhe 
lag, war der Boden im größten Teile des Reiches von 
Schnee entblößt. .Auch in den westlichen Flüssen bildete 
sich von neuem Grundeis , so daß z. B. die Weserschift'ahrt 
am 22. abermals eingestellt werden mußte. 

Kurz vor Schluß des Januar wurde es wiederum viel ge- 
linder. Seine mittleren Temperaturen lagen daher in Nord- 
deutschland nur ungefähr einen halben, im Süden aber fast 
1 Vi Grad unter ihren normalen Werten , wogegen die Zahl 
der Sonnenscheinstunden iti den meisten Gegenden etwas 
größer als gewöhnlich war. 

Wie schon seit Beginn des Herbstes, herrschte auch im 
ersten Monate des neuen Jahres in ganz Deutschland ein 
empfindlicher Mangel an Niederschlägen. Während seiner 
ersten 7 Tage fanden zwar ziemlich zalilreiche, aber fast 



Hicdfen^c^ra^l^ö^sn im Sanuar 1909 





taicoc^sitn^s: -cSxiccaco SicitihcaS 


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20 










1. bisT Januar. 

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8. bis17. Januar, H 






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IB.bis 31. Januar. 
















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MilllererWei^Fur 
Peulschland. 

Monalssummfl im Jan. 

M. 07. OB. 05. 01. 




^ Berliner Wctteftureau. 



immer nur geringe Kegen- und Schneefälle statt, die sich am 
häufigsten in Schlesien wiederholten. Erst am S. nahmen die 
Niederschläge, im Westen im allgemeinen Kegen, im Osten 
überwiegend Schneefälle, an Stärke bedeutend zu und es 
folgte eine längere Zeit mit sehr veränderlicher, windiger, an 
der Küste vielfach stürmischer Witterung, in der in Nordwest- 
und Mitteldeutschland auch wiederliolentlich Gewitter mit 
Hagel-, Graupel- und Schneeschaueru herniedergingen. 

Am l8. Januar trat im größten Teile Deutschlands trocke- 
nes Wetter ein und hielt an vielen Orten bis zu den letzten 
Tagen des Monats fast ununterbrochen an. In der Nacht zum 
30. fanden zunächst an der Nordseeküste starke Schneefälle 
statt, die sich innerhalb 24 Stunden bis an die Grenzen 
Deutschlands nach Osten und Süden fortpflanzten und endlich 
über den Boden eine zusammenhängende Schneedecke breiteten. 
Die gesamte Niederschlagshöhe des Monats betrug durch- 
schnittlich 30,2 mm, während die gleichen Stationen im Mittel 
der früheren Januarmonate seit Beginn des vorigen Jahrzehnts 
44,9 mm Niederschlag geliefert haben. 



Die allgemeine Anordnung des Luftdruckes in Europa 
wies von einem Tage zum anderen bedeutende Schwankungen 
auf, wobei sich aber die früheren Verhältnisse olt rasch 
wiederherstellten. Am Anfang wurden die mittleren Breiten 
h'uropas von einem lan;7gestreckten Hochdruckgebiete bedeckt, 
während im Norden liefe, im Süden flache Depressionen 
lagen, .\lier schon am 4. drang ein Minimum vom nördlichen 



N. F. VIII. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



125 



Eismeer in Rußland ein und teilte das Hochdruckgebiet in 
zwei Hiilften, deren eine durch nachfolgende Depressionen 
mehr und mehr nach Westen geschoben wurde. Zwar rüclde 
am 9. Januar das Maximum vom biskayischen Meere wieder 
gegen Mitteleuropa vor, wurde aber durch immer neue, sehr 
tiefe Minima, die ra5cli hintereinander bei Island auftraten 
und ostwärts weilcreillen, bald nach Südwesten zurückgedrängt. 
Am 17. Januar drang das barometrische Maximum eilends 
von Sudwesteuropa nordostwäits vor und vereinigte sich am 
folgenden Tage mit einem zweiten, das ihm von Ostrußland 
her entgegenkam. Dann verweilte das Hochdruckgebiet 
dauernd in Westrußland, wo am 21. noch ein anderes Baro- 
metermaximum aus Westen zu ihm stieß, und sandte nach 
ganz Mitteleuropa trockene, kalte Ostwinde hin, die erst zwi- 
schen dem 29. und 30. Januar, beim Herannahen einer liefen 
atlantischen Depression, durch feuchte südwestliche Winde 
verdrängt wurden. Dr. E. Leß. 



Bücherbesprechungen. 

1 ) Dr. Konrad Günther, Privatdozent an der Uni- 
versität Freiburg i. B., Vom Urtier zum Men- 
schen. Ein Bilderatlas zur Abstammung 
und Entwicklungsgeschichte des Men- 
schen. 2 Bände. Stuttgart , Deutsche Verlags- 
anstalt, 190g. — Preis geb. 26 Mk. 

2) Dr. Ludwig Reinhardt, Vom Nebelfleck 
zum Menschen. Eine gemeinverständ- 
liche Entwicklungsgeschichte des Natur- 
ganzen nach den neuesten Forschungs- 
ergebnissen. Die Geschichte der Erde. 
Mit 194 Abbildungen, 17 Vollbildern und 3 geo- 
logischen Profiltafeln nebst einem farbigen Titel- 
bilde. Ernst Reinhardt Verlag in München, 1907. 

— Preis 8,50 Mk. 

3) Dr. Ludwig Reinhardt, \ o m Nebelfleck zum 
Menschen. Das Leben der Erde. Mit 
380 .Abbildungen im Te.xt, 21 Vollbildern und 
einem farbigen Titelbild. Verlag wie oben. 1908. 

— Preis 8,50 Mk. 

4) Dr. Altert Gockel, Universitätsprofessor in Frei- 
burg (Schweiz), Schöpfungsgeschichtliche 
Theorien. Köln, J. F. Bachern, 1908. — Preis 
2 Mk. 

i) Das Günther'sche Werk ist bei der außer- 
ordentlich üppigen Ausstattung in Folio erstaunlich 
billig. Es ist so reich illustriert, daß es in der Tat 
sehr geeignet ist, jeden, der sich für die „Natürliche 
Schöpfungsgeschichte" interessiert, leicht eingehender 
zu orientieren. Verfasser hat sich betuüht sachlich 
und ruhig zu sein , und er ist auch allgemein-ver- 
ständlich ; sein Text ist gut lesbar. Er geht soweit 
auf den Bau des Menschen ein, daß das Werk auch 
für denjenigen von Wert ist, der sich über seinen 
Körperbau und die Funktionen der Organe unter- 
richten möchte: nur daß eben alles von dem einen, 
nämlich dem deszendenztheoretischen Standpunkte 
aus betrachtet wird, der ja auch bei dem derzeitigen 
Stand der Wissenschaft der gegebene ist. Will man 
die Tatsachen in Beziehung zueinander setzen, d. h. 
nichts anderes, als sie wissenschaftlich betrachten, so 
ist eben auch die Deszendenztheorie weitgehend zu 
berücksichtigen. Nicht nur der Text , sondern auch 
die .Abbildungen sind zuverlässig und klar. Verfasser 



disponiert sein Material in die wie folgt überschrie- 
benen Kapitel: i. Wesen und Bedeutung der 
.Abstammungslehre — Quellen für die .Ahnen- 
reihe des Menschen — Einführung in die wissen- 
schaftliche Arbeitsweise. — 2. Die Zelle und 
ihre Entstehung — Lebenserscheinungen in der 
einfachsten Form — Entstehung des Lebens auf der 
Erde. — 3. Vom Einzelligen zum Vielzelli- 
gen — Grundlagen für die Lebensfunktionen der 
höheren Tiere — Entwicklung der Fortpflanzung. 
Herausbildung und Trennung der Geschlechter. — 
4. Der Be fr uchtungs Vorgang — Fortpflanzung, 
Befruchtung, Vererbung. — 5. Die Hohltiere 
und die Entstehung der Organe — Nerven, 
Muskeln, Knochen in ihren ersten Anfängen. — 
6. Die Würmer und die Ausbildung der 
Körpergliederung, der Leibeshöhle und 
der Blutgefäße. — 7. DieEinheit der Ent- 
wicklung bei den Wirbeltieren und dem 
Menschen. — 8. Die Ahnen formen des 
;\Ien sehen unter den kiemenatmenden 
Wirbeltieren und die weitere Ausbildung 
desDarmsystems und der Haut. — 9. Wer- 
den und Vergehen tinter den Amphibien 
und Reptilien. — 10. Die Herausbildung 
der Säugetiermerkmale des Menschen. — 

11. Affe und Mensch. Das Problem der 
Menschwerdung und der Urmensch. — 

12. Die Ausbildung der wichtigsten Organ- 
systeme bei den Wirbeltieren. — 13. Rück- 
schläge aufTierahnen. Körper und Geist. 

2/3) Das Reinhardt'sche Werk erinnert äußer- 
lich und auch sonst an das bekannte Werk von 
Carus Sterne „Werden und Vergehen", jedoch ist 
die illustrative Ausstattung bei Reinhardt sehr viel 
üppiger, und naturgemäß nimmt es auch auf neuere 
Dinge Rücksicht, die die vor mehreren Jahren er- 
schienene letzte Auflage von Carus Sterne noch nicht 
bringen konnte. Bei der Beurteilung solcher um- 
fassenden Werke muß der Ref. stets sehr nachsichtig 
sein. Es ist ja für den einzelnen heutzutage gar 
nicht mehr möglich, den gesamten Wissensstoff', der 
in einer Darstellung der Entwicklung des Weltalls 
und der Lebewesen in Betracht kommt, irgendwie zu 
beherrschen oder zu verfolgen. Wir werden doch in 
Zukunft für solche Unternehmungen eine Anzahl von 
Fachleuten verlangen müssen, die sich zu gemein- 
samer Arbeit zusammentun. Die Schwierigkeit fest- 
gehalten, die die Abfassung eines solchen umfassen- 
den Werkes mit sich bringt, ist aber die Reinhardt- 
sehe Arbeit als eine fleißige und den Umständen 
nach brauchbare anzuerkennen. In dem oben unter 
2) aufgeführten Bande haben wir eine populäre all- 
gemeine Geologie zu sehen , wobei Verf. aber auch 
auf die Sternenwelt, insbesondere und natürlich unser 
Sonnensystem und dann wieder enger auf die Erde 
und den Mond eingeht, sowie auf diejenigen astro- 
nomischen Erscheinungen , die die Erde besonders 
angehen, wie die Kometen und Meteore. — Zur Be- 
gründung unserer Bemerkung, wie schwierig es sei, 
die in Betracht kommenden Spezialfächer angemessen 
zu übersehen, sei nur erwähnt, daß Verf auf S. 572 



126 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 8 



eine Gel an de form mit einem Gestein ver- 
wechselt. Er stellt nämlich dort die „Heidemoor- 
bildungen" dem „Torf gegenüber, er sagt u. a. : 
„Es sind beide Gebilde sehr nahe miteinander ver- 
wandt. Heidemoor entsteht auf trockenem 
Lande, Torf dagegen unter Wasser oder 
auf feuchtem Boden." Die hier hervorgehoben 
gedruckten Worte hat Verf selbst gesperrt drucken 
lassen. Auch sonst zeugt das , was er über Moore 
und ihre Bildung sagt, davon (es sei hier wieder ein- 
mal betont, daß Moore Gelände mit Torfboden sind ; 
Moore sind Geländeformen, Torfe hingegen Gesteine, 
die zu den Kaustobiolithen gehören) , daß er hier 
nicht eingedrungen ist. Aber es muß billig hinzu- 
gefügt werden, daß auch sonst die Geologien gerade 
in diesem Punkte beträchtliche Mängel erkennen 
lassen. — Der unter 3) erwähnte Band beschäftigt 
sich mit den Lebewesen in ihren Erscheinungen, 
ihrer Entwicklung, Ausbildung, ihrer Herkunft und 
Abstammung. 

4") Das oben unter Nr. 4 genannte Heft möchte 
„den zahlreichen populären Darstellungen der 
Schöpfungsgeschichte gegenüber, die fast alle mit 
einer erstaunlichen Sicherheit noch unbewiesene Dinge 
als Resultate moderner Naturwissenschaft hinstellen" 
zeigen, „wie viel, oder besser gesagt, wie wenig wir 
über die Entstehung unseres Erdballes oder gar des 
W'eltgebäudes Sicheres wissen, und darlegen, daß alle 
schöpfungsgeschichtlichen Theorien, angefangen von 
der Kant'schen bis zu den neuesten Meteoriten- 
theorien nichts anderes sind, als mehr oder weniger 
wahrscheinliche Hypothesen". 



Arnold Lang, 0. Prof. der Zoologie und vergleichen- 
den Anatomie an der Universität und am eidge- 
nössischen Polytechnikum in Zürich, Über die 
Bastarde von Helix hortensis Müller 
und Helix nemoralis L. , mit Beiträgen von 
Prof Dr. H. Boßhard in Zürich, Paul Hesse 
in Venedig und Elisabeth Kleiner in Zürich. 
118 S. gr. 4" mit 4 lithographischen Tafeln, Jena, 
Verlag von Gustav Fischer, 1908. — Preis 15 Mk. 
Es liegt uns hier eine Arbeit vor, die in zweierlei 
Hinsicht gleich wichtig ist. Sie liefert uns ein sicheres, 
schwer zu beschaffendes Beobachtungsmaterial, das 
einerseits in bezug auf die Vererbungsfrage und an- 
dererseits in bezug auf die Artfrage von größtem 
Werte ist. Wer sich mit allgemeinen biologischen 
Fragen und mit Deszendenztheorie beschäftigt, der 
wird künftig die Lang'sche Arbeit nicht unberück- 
sichtigt lassen dürfen. Ich möchte hier besonders 
auf die Bedeutung der Arbeit in deszendenztheoreti- 
scher Beziehung etwas näher eingehen, da diese Seite 
der Arbeit für die Leser der Natur w. Wochenschrift 
von ganz besonderem Interesse sein dürfte. — Der 
Verfasser hat für seine Untersuchung zwei Formen 
gewählt, die einander so nahe stehen, daß man sogar 
an der Artberechtigung derselben gezweifelt hat. Die 
unterscheidenden Charaktere, mit denen sich der 
Verfasser zunächst eingehend beschäftigt, sind in der 
Tat zum größten Teil sehr stark transgressiv. Zu 



diesen transgressiven Charakteren gehören die Größe 
und die Wölbung des Gehäuses, die Form der Mün- 
dung, die Zahl der Kieferleisten und die Form der 
inneren Geschlechtsorgane. Nur die Statistik ergibt 
an der Hand dieser Merkmale sichere Unterschiede. 
Zu den wenig oder nicht transgressiven und des- 
halb zur sicheren Erkennung verwendbaren Artmerk- 
malen gehören die Färbung des Mundsaums und die 
Form des sog. Liebespfeils. — Die Untersuchung 
ergab zunächst, daß trotz der nahen Verwandtschaft 
beider Arten und trotz der großen Fruchtbarkeit, 
mit welcher beide in reiner Zucht sich fortpflanzen, 
in 61 Kreuzungsversuchen , die einzeln ausführlich 
mitgeteilt worden sind, 30 gänzlich resultatlos blieben. 
Nur bei 13 Versuchen wurden im ganzen 35 Ba- 
starde bis zur Reife gebracht. — Durch Kreuzung 
der Bastarde untereinander wurde bisher eine Nach- 
kommenschaft nicht zur Reife gebracht. Da aber 
die Fruchtbarkeit bei den ersten Kreuzungen sehr 
verschieden groß ist, hält der Verfasser es nicht für 
ausgeschlossen , daß bei einer glücklichen Wahl der 
beiden Eltern die Fruchtbarkeit sich auf weitere 
Generationen erstrecken wird. — Die bisherigen Ver- 
suche lassen mit aller Klarheit erkennen, daß zwi- 
schen den beiden Arten, trotz ihrer nahen Verwandt- 
schaft , eine trennende physiologische Barriere vor- 
handen ist, mit anderen Worten, daß es sich um 
gute Arten handelt. Es ist dieses Resultat sehr 
wichtig, da es immer noch Forscher gibt (namentlich 
Protozoen-, Schwamm-, Korallenforscher usw.), die 
an der Tatsächlichkeit solcher Barrieren zweifeln, 
weil sie selbst auf ihrem engeren Untersuchungsgebiet 
keine scharfen Grenzen zwischen den Arten fanden. 
— Obgleich die beiden zur Untersuchung gewählten 
Schneckenarten oft miteinander vorkommen , dürften 
nach des Verfassers Untersuchungsresultaten Bastarde 
in der Natur äußerst selten sein. Er konnte nämlich 
nachweisen, ,,]), daß das von einer Copula herrührende 
Sperma im Receptaculum seminis unserer Hain- und 
Gartenschnecken jahrelang lebenskräftig bleiben kann 
und 2) daß, wenn eine von früher her schon mit 
Sperma der eigenen Art ausgestattete Schnecke mit 
einem Individuum der anderen Art kopuliert , aus- 
schließlich das ältere Sperma der eigenen ."^rt die 
Eier befruchtet und nicht das jüngere Sperma der 
fremden Art". — Nur wenn ein einzelnes Stück 
der einen Art durch Verschleppung in eine Kolonie 
der anderen Art hineingerät, ist also die Möglichkeit 
einer Bastardierung in der freien Natur gegeben. — 
Stücke, die man bisher für Bastarde gehalten hat, 
können nach des Verfassers Untersuchungsresultaten 
fast durchweg nicht als solche in Betracht kommen, 
da sie hinsichtlich der Charaktere nicht den künstlich 
erzeugten Bastarden entsprechen. Die Charaktere der 
echten Bastarde neigen nämlich in ganz bestimmter 
Weise entweder denen von Helix hortensis oder 
denen von H. nemoralis zu. Nur einzelne sind genau 
oder ziemlich genau intermediär. Eine starke An- 
näherung an Helix hortensis zeigen die Bastarde in 
bezug auf die Breite und Form der Mündung und 
die Form der Glandulae mucosae, eine starke An- 
näherung an H. nemoralis in bezug auf den Wölbungs- 



N. F. Vlll. Nr. 8 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



127 



index des Gehäuses, die Farbe der Mündung und 
die allgemeine Form des Pfeiles. Ziemlich genau in 
der Mitte zwischen beiden stehen sie in bezug auf 
die Gesamtgröße des Gehäuses, die Länge des Pfeiles 
und das Profil der vier longitudinalen Kreiizleisten 
des Pfeils. — Für die Vererbung geben auch die 
Farbe und die Bänderung des Gehäuses vorzügliche 
Anhaltspunkte; doch würde es zu weit führen, hier 
auf alle diese Punkte einzugehen. — Ich hoffe jeden- 
falls mit diesen kurzen Angaben die hohe Bedeutung 
der Arbeit hinreichend hervorgehoben zu haben. 

Dahl. 



Anton Handlirsch, k. u. k. Kustos am K. K. Natur- 
historischen Hüfmuseum in Wien, Die fossilen 
Insekten uwd diePhylogenie der rezen- 
ten Formen. Ein Handbuch für Paläontologen 
und Zodlogen. Mit 51 Tafeln, sowie 14 Figuren 
und 7 Stammbäumen. Leipzig, Wilhelm Engel- 
mann, 1006 — IQoS. 
Wir haben die ersten 8 Lieferungen dieses um- 
fangreichen Werkes bereits früher lobend besprochen. 
Heute liegt die 9. Lieferung vor (Preis 8 Mk.), die 
das Werk abschließt, das nunmehr einschließlich des 
umfangreichen Registers nicht weniger als 1430 Seiten 
in Groß-Lexikonformat umfaßt. Das Werk geht nach 
einer Beschreibung der rezenten Insektengruppen in 
zeitlicher Folge der geologischen Formationen , also 
von den paläozoischen Insekten durch die meso- 
zoischen und tertiären zu den quartären über, um 
sodann eine Zusammenfassung der paläontologischen 
Resultate zu bieten. Ein weiterer Abschnitt gibt 
eine chronologische Übersicht der wichtigsten Systeme 
und Stammbäume der rezenten Insekten, woran sich 
phylogenetische Schlußfolgerungen und die Begrün- 
dung eines neuen Systems schließen. Am Schluß 
macht der Verfasser auf einige für die Deszendenz- 
theorie wichtige Ergebnisse seiner Arbeit aufmerksam. 
Auch die fossilen Insekten zeigen eine schrittweise 
Entwicklung der heute lebenden Formen aus weniger 
spezialisierten Vorfahren. Besonders betont der Ver- 
fasser, daß die Abänderung äußerer Einflüsse eine 
Abänderung der Organismen bewirke. 



Maximilian Weber, Einführung in die Kri- 
stal 1 o p t i k. München 1 908, Verlag der J. Lindauer- 
schen Buchhandlung. 1 7 Seiten mit vielen Text- 
figuren. — Preis 80 Pf 
Weber's Einführung gibt in kurzer, gedrängter 
Form den Inhalt des Kollegs wieder. Für den , der 
sich erst in die Materie einarbeiten will, oder der 
der Vorlesung nicht hat genügend folgen können, 
und bestrebt ist, sich eingehender zu unterrichten, 
für den ist das Buch wegen seiner Kürze nicht faß- 
lich genug. Jeder, der weiß, wie schwer dem An- 
fänger z. B. allein die Vorstellung des Hauptschnittes 
und der dazu Senkrechten beim Kalkspat wird, wie- 
viel verzweifelte Mühe es macht, die Voreilung der 
einen W^elle und das Zustandekommen der Inter- 
ferenzfarben im anisotropen Blättchen zu verstehen, 



wird empfinden, daß in dem vorliegenden Buch die 
Darstellung zu knapp ist, um dies schwierige Gebiet 
dem Verständnis zu erschließen. Dem Studierenden 
aber, der die Sache im wesentlichen verstanden hat, 
und der sie kurz repetieren will, wird diese Vor- 
führung der wichtigsten Momente in einigen Leit- 
sätzen sehr nützlich sein. O. Schneider. 



Die Weltumseglungsfahrten des Kapitäns James 
Cook, ein Auszug aus seinen Tagebüchern. Be- 
arbeitet und übersetzt von Dr. Edw. Hennig. 
554 Seiten, 8 Bilder und i Karte. Gutenberg- 
Verlag, Hamburg 1908. — Preis geh. 6 Mk., geb. 
7 Mk. 
Der Band leitet eine Sammlung geographischer 
Reisewerke ein, die von Dr. Ernst Schnitze unter dem 
Titel „Bibliothek denkwürdiger Reisen" herausgegeben 
wird und ein Schwesterunternehmen zu der schon 
seit 1906 im Erscheinen begriftenen, geschichtlichen 
„Bibliothek wertvoller Memoiren" darstellt. Dem 
eigenhändigen Bericht eines Teilnehmers oder Augen- 
zeugen über Land, Leute, Zeitverhältnisse und Be- 
gebenheiten wohnt ja bekanntlich eine ganz andere 
Ursprünglichkeit und Lebendigkeit inne als der bloßen 
Beschreibung durch den Unbeteiligten. Und wer da 
weiß, welch eine Fülle trefflichen Beobachtungsmaterials 
in guten Reiseerinnerungen liegt, muß dem Heraus- 
geber Dank dafür wissen , daß er solche Schätze 
wieder ans Licht zieht. 

Im vorliegenden Bande führt uns Kant's Liebling, 
der große Entdecker der Südsee James Cook auf 
seine drei in den Jahren 1768^1779/80 ausgeführten 
Weltumseglungen, auf deren letzter er bekanntlich den 
Eingeborenen der Insel Hawaii zum Opfer fiel. In 
voller LTnmittelbarkeit spielen sich seine in der Ge- 
schichte der Entdeckungen einen ersten Platz bean- 
spruchenden Erfolge vor unseren Augen ab. Sein 
rastloser Siegeszug eroberte in wenig mehr denn 
einem Jahrzehnt die Südhemisphäre für das Wissen, 
legte den gesamten Stillen Ozean in den Hauptzügen 
klar, drang kühn gegen den Südpol wie den Nordpol 
vor und greift so selbst in die uns noch heut be- 
schäftigenden Probleme hinein. In dieser großartigen 
Umrahmung sehen wir nun mit anspruchsloser Be- 
scheidenheit aufgezeichnet, aber unter dem frischesten 
Eindruck des Geschehenen niedergeschrieben und 
mit dem warmen Herzen des stolzen, edlen Leiters 
empfunden, die Schicksale der mutig und begeistert 
durchgeführten drei Expeditionen. 

Darüber hinaus sind es aber wissenschaftliche 
Dokumente von sehr bedeutendem Werte, die Cook's 
seltene Beobachtungsgabe und Gewissenhaftigkeit uns 
hier hinterlassen hat. Den Urzuständen eines Landes 
und aller seiner Bewohner wird durch die erste Be- 
rührung mit der Kultur notwendig eine Jungfräulich- 
keit und Reinheit genommen, die niemand nach dem 
Entdecker mehr vorfindet. Die Forschung kann da- 
her eine zuverlässige Wiedergabe seitens der ersten 
Besucher kaum entbehren und Cook's .Augen waren 
überall und sahen kritisch ! 

Die englischen Originalausgaben der Tagebücher 



I2S 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. I'". VIII. Nr. 8 



umfassen nicht weniger als 6 Foliobände mit insge- 
samt fast 2 000 Seiten und sind schon dieses Um- 
fanges wegen dem deutschen Publikum schwer zu- 
gänglich. In der hier gegebenen Bearbeitung ist nun 
unter Ausschaltung vor allem der zahlreichen nauti- 
schen Angaben das Wesentliche als einheitlich fort- 
laufende Darstellung in getreuer Übersetzung zusammen- 
gefaßt worden ; was durch die Kürzung sonst an 
Einzelheiten geopfert werden mußte, ist dem raschen 
Fortgang der Ereignisse zugute gekommen. 

Der Verlag ist durch die geschmackvolle Aus- 
stattung des Werkes (der Buchschmuck stammt von 
Ernst Liebermann's Künstlerhand !) dem Bedürfnis 
des heutigen Publikums gerecht geworden, das zu 
einem guten Gemälde einen würdigen Rahmen liebt. 

E. H. 



Literatur. 

Escbericb, Prof. Dr. K.: Die Termiten od. weißen Ameisen. 
Kinc biolog. Studie. (XII, 19S S. ni. Abbildgn. u. i färb. 
Taf.) gr. 8". Leipzig '09, Dr. \V, Klinkhardt. — 6 Mk., 
geb. 7 Mk. 

Kanngießer, Dr. Frdr. : Die Etymologie der Plianerogamen- 
nomenklatur. Eine Erklärg. d. wissensciiaftl., d. deutschen, 
französ., engl. u. holländ. Pflanzenramen. (XII, 191 S.) 
gr. 8". Gera 'oS, F. v. Zezschwitz. — 3,85 Mk. , geb. in 
Leinw. 5 Mk. 

Kowalewski, Prof. Dr. Gerli. : Grundzüge der DilTerential- u. 
Integralrechnung. (VI, 452 S. m. 31 Fig.) 8". I^eipzig 
'09, B. G. Teubner. — Geb. in Leinw. 12 Mk. 

Marlotb, Dr. Rud.: Das Kapland, insonderheit das Reich der 
Kaptlora, das Waldgebiet und die Karroo, pflanzengeogra- 
phisch dargestellt. Mit Einfügung hinterlassener Schriften 
A. F. \V. Schimper's. Mit 8 Karten, 28 Taf. und 192 Ab- 
bildgn. im Text. (436 S. m, 20 Bl. Erklärgn.) Jena '08, 
i'r. Fischer. — Subskr.-Pr. 81,50 Mk., Einzelpr. 100 Mk. 

Ostwald, Wa.: Schule der Elektrizität. Gemeinverständliche 
Darstellg. der Elektrik u. ihrer Anwendgn. nacli den mo- 
dernen Anschaugn. u. Plaudereien üb. die neuen Strahlgn. 
Nach G. Claude, l'Electricite pour tout le mondc f. Deutsch- 
land bearb. Mit üb. 400 Abbildgn. u. Taf. (X[, 579 S.) 
Le.\. 8". Leipzig '09, Dr, \V. Klinkhardt. — 8 Mk"., geb. 
10 Mk. 

Poincare, H. : Die Ma.\well'sche Theorie u. die Hertz'schen 
Schwingungen. Die Telegraphie ohne Draht. .\us dem 
Franz, v. Max Ikle. (199 S. m. Fig.) S". Leipzig '09, 
J. A. Barth. ~ Geb. 3,20 Mk. 

Schwendener's Vorlesungen üb. mechanische Probleme der 
Botanik, geh. an der Universität Berlin. Bearb. u. hrsg. 
V Prof. Dr. Carl Holtcrmann, (VI, 134 S. m. 90 Fig. u. 
Bildnis.) Lex. S". Leipzig '09, \V. Engelmann. — 3,60 Mk. 

Serret, J. A.: Lehrbuch der Dilferential- u. Integralrechnung. 
Nach Axel Harnack's Übersetzg. 4. u. 5. .\ufl., bearb. v. 
Geo. Scheffers. I. Bd. Differentialrechnung. (.XVI, 626 S. 
ni. 70 Fig.) gr. 8". Leipzig '08, B. Cr. Teubner. — Geb. 
in Leinw. 13 Mk. 



Anregungen und Antworten. 

Herrn H. in B. — Agnostizismus bedeutet Nicht- Wissen- 
Können. — Bedingungen sind die ruhenden, änderungs- 



losen, die Wirkung nur ermöglichenden, sie nicht selbst her- 
beiführenden umstände. — l^rklären heißt etwas Unbe- 
kanntes auf Bekanntes zurückführen, sich dieses zunächst Un- 
bekannte dadurch vertraut, bekannt machen. — Gesetze 
fassen das zusammen, was stets geschieht. — Psycho- 
physischer Parallelismus. Dieser Ausdruck will be- 
sagen, daß jeder, aber auch jeder geistigen Regung ein 
physischer Vorgang im Gehirn entspreche. — Regeln fassen 
das zusammen, was meist geschieht. — Ursachen sind 
die sich ändernden, die wirkenden, die tätigen Umstände. — 
Vitalreihe I. Ordnung nennt R. .\vcnarius einen 
Lebensvorgang, der völlig im Sinne vorangegangener häufiger 
Übung abläuft, und er spricht von einer Vitalreihe höhe- 
rer Ordnung, wenn deren Verlauf von der bisherigen 
Übung abweicht. P. 



Herrn S. in N. — Eine bakteriologische Zeitschrift außer 
dem Zentralblatt für Bakteriologie existiert in Deutschland 
nicht; Referate über wichtigere bakteriologische Fragen bringt 
die Chemiker- Zeitung sowie die pharmazeutischen Zeitschriften. 
— Arbeiten über Bacillus bulgaricus und Yoghurt sind u. a. 
im 20. und 2t. Band des Zentralbl. f. Bakteriol., IL Abtlg., 
erschienen; andere sind mir nicht liekannt geworden, doch 
weiß ich durch die Zeitung, daß sich das Pharmaz. Institut 
der Berliner Universität (Direktor Prof. Dr. Thoms) ein- 
gehend mit der Frage beschäftigt hat. 

Hugo Fischer. 



Herrn J. S. in Aachen. — Diapositive für Projektions- 
apparate können Sie u. a. beziehen bei E. Liesegang, Düssel- 
dorf-Bilk, bei Unger & Hoffmann, Dresden-A. 16, sowie bei 
Dr. Stödtncr, Berlin NW 7, L'niversitätsstraße 3 b. Die Preise 
betragen für schwarze Bilder 0,85 bis 1,25 Mk., für kolorierte 
Bilder 2 bis 3 Mk. — Nach dem Lumiere'schen Verfahren 
hergestellte Projektionsbilder in natürlichen Farben gibt es 
gleichfalls, doch wissen wir nicht, ob solche von den ge- 
nannten Eirmen sclion geführt werden. 



Herrn P. Seh in Wien. — Die eingesandte Flechte 
(Südamerika, Smith-Kanal, an Bäumen, die auf sehr feuchtem 
Boden stehen) ist nach freundlicher Bestimmung von Herrn 
Prof. Dr. G. Lindau eine Sticta-.\rt aus der Gruppe 
Stictina, und zwar Sticta endochrysa Del., offenbar 
benannt nach dem goldgelben Inneren des Thallus. 

H. Harms. 



Herrn Prof. Seh. i)i Kr. — Bezüglich Rotfärbung 
des Holzes durch Pilze ist außer P. Hennings (in Naturw. 
Wochenschr. 1903, S. 62) noch folgende Literalurstelle von 
Interesse, die gerade auch von Acer negundo handelt. 
Sorauer (Pflanzcnkr. 2. Auli. II. (1886) 269) schreibt: „Von 
der Rotfäule ist die Blut faule zu unterscheiden, welche 
das Holz in größeren Streifen oder Flächen karminrot 
oder blutrot erscheinen läßt. Eidam beobachtete die 
Färbung an Ahorn und Buchenholz; das von Acer negundo 
stammende Stück war massenhaft von farblosem Mycel durch- 
zogen und zeigte Fruchtkörper von einem Polyporus." 
Nach Sorauer dürfte der Färbungsprozeß auf eine durch 
das farblose Mycel vcianlaßte chemisclie Zersetzung der Holz- 
faser zurückzuführen sein ; in anderen Fällen ist es wahr- 
scheinlich der Pilz selbst, der die Färbung veranlaßt. — Ge- 
nauere Untersuchung ist nur an Ort und Stelle möglich. 
Übrigens könnten wohl auch Bakterien die Rötung des Holzes 
veranlaßt haben. H. Harms. 



Inhalt: Dr. W. Detmer: Charles Darwin als Botaniker. — Kleinere Mitteilungen: Hans Otto: Die Beschuppung der 
Reptilien. — Kolk witz u.Marsson: Ökologie der pflanzlichen Saprobien. — Dr. Rohland: Über das Verhalten von 
suspendierten Stoffen im Kristalloid- und KoUoid/.ustand. — Vereinswesen. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — 
Wetter-Monatsübersicht. — Bücherbesprechungen: Sammel-Referat. — Arnold Lang: Über die Bastarde von 
Helix horlensis Müller und Helix nemoralis L. - .\ n t o n Ilandlirsch: Die fossilen Insekten und die Phylogenie 
der rezenten Formen. — Maximilian Weber; Eintulnung in die Kristalloptik. — Die Weltumseglungsfahrten des 
Kapitäns James Cook. — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. 

Verantwortliclier Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Grofl-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 

Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge VIII. BanJ; 
der gan7en Keihe XXIV. Band. 



Sonntag, den 28. Februar igog. 



Nummer i). 



Sammelreferate und Übersichten 
über die Fortschritte in den einzelnen Disziplinen. 



Neues aus der Philosophie. (Konformismus; 
Pragmatismus. iVIythenbildung und Erkenntnis.) 

Freiherr v. d. Pfordten behandelt in 
seinen „Vorfragen der Naturphilosophie" 
(verlegt von Carl Winters Universitätsbuchhand- 
lung in Heidelberg 1907) eine Reihe wichtiger 
Probleme. Die Erörterungen sind von hohem 
Interesse und werden F"reunde erkenntnistheore- 
tischer Fragen zum Nachdenken veranlassen. 

Eine bedenkliche Erscheinung ist nach der 
Ansicht des Verfassers ein Phänomenalismus, 
dem das Wesen der Dinge unerkennbar ist, dem 
alle Naturgesetze nur psychische Gesetze, näm- 
lich Gesetze von Vorstellungsverläufen sind, dem 
sich die Ergebnisse der Wissenschaft in ein 
System der ,, Beziehungen zwischen Einbildungen" 
zu verflüchtigen drohen, ein Phänomenalismus, 
der in Skeptizismus, Relativismus und Psycholo- 
gismus ausartet. 

Demgegenüber müsse man feststellen, welchen 
Erkenntniswert die einzelnen naturwissen- 
schaftlichen Theorien besitzen und wie der sich 
ergebende Erkenntnisstand am besten zu formu- 
lieren ist. Besonders handele es sich um die 
Frage, ob es eine erkennbare Außenwelt 
gibt und wie die Art, in der sich ein Erkennen 
derselben vollzieht, erklärbar ist. 

Im Gegensatze zum Phänomenalismus sollte 
die Erkenntnistheorie gerade auf die Erkenntnis 
der Dinge oder, schärfer ausgedrückt, auf die Er- 
kennbarkeit des „Dinges an sich" gerichtet sein. 

Über das Wesen der Dinge glaubt der Ver- 
fasser von der Chemie am ehesten Aufschlüsse 
zu erhalten. Hier sind es vor allem die Tatsachen 
der Synthese, die uns davon überzeugen, daß 
die Atome und Moleküle nicht nur begriffliche 
Bildungen sind, sondern daß sie vielmehr auf 
Faktoren einer unabhängig von den menschlichen 
Sinnen existierenden Außenwelt hinweisen. 

Von phänomenalistischem Standpunkte aus 
ist, wie dfer Verfasser meint, das Eintreffen eines 
auf Grund von Strukturformeln erwarteten Er- 
gebnisses der Synthese entweder jedesmal Zufall, 
was dem Grundaxiom von der Gesetzmäßigkeit 
des Geschehens zuwiderläuft, oder ein richtiges 
Wunder. 

Im Gegensatze zum Phänomenalismus müsse 
demnach eine an sich bestehende Außenwelt an- 
genommen werden, deren Wesen freilich nicht 
ohne Einschränkung und Vorbehalt zu erkennen 
sei. Aber soviel leuchte ein , daß die natur- 
wissenschaftlichen Begriffe und Gesetze eine be- 
stimmte Beziehung zu ihr haben, daß sie ihr 



entsprechen, daß sie ihr ko n form sind. Der 
Verfasser gibt seinem Standpunkte durch die Be- 
zeichnung „Konformismus" einen scharfen 
Ausdruck. Nach dem Grade von experimenteller 
Richtigkeit, die die den Begriffen zugrunde liegenden 
Aufstellungen besitzen, sind Konformitäten 
verschiedener Ordnung zu unterscheiden. 

Außer der Außenwelt, wie wir sie in ihrer 
Mannigfaltigkeit sinnlich unmittelbar wahr- 
nehmen, gibt es also noch diejenige Außenwelt, 
die ohne Bezug auf uns und unsere Sinne 
existiert. Jene, die eigentliche Realität, die 
wir ohne weiteres besitzen, bedarf der Wissen- 
schaft flicht; diese ist zwar Gegenstand der 
Metaphysik, aber trotzdem vermögen wir durch 
die Konformitäten, deren Ermittlung der Wissen- 
schaft zukommt, eine sichere und bestimmte Ver- 
bindung oder Annäherung zwischen dem Reiche 
der wahrnehmbaren Dinge und dem Reiche der 
,, Dinge an sich" herzustellen. 

So einleuchtend auch die Ausführungen des 
Verfassers sind, so dürfte sein Konformismus 
nicht den Wert einer gesicherten Erkennt- 
nis, sondern nur den Wert eines Glaubens 
haben. 

Zunächst drängt sich uns die oft gestellte 
F"rage auf: Was ist das Wesen eines mir irgend- 
wie gegebenen Dinges? 

Zwei Antworten pflegt man zu erhalten. 

Die eine lautet: Das Wesen eines Dinges ist 
ein der qualitativen und quantitativen Bestimmung 
unzugängliches X, das man als Voraussetzung des 
„Phänomens" zu denken hat. 

Die andere lautet : Das Wesen eines Dinges 
ist eine gedankliche Bildung, die durch Abstrak- 
tion aus den an dem Dinge wahrgenommenen 
Tatsachen gewonnen wird und diejenigen Merk- 
male ausdrückt, die dem betreffenden Objekte als 
eigentümlich zukommen und ohne die es nicht 
mehr als ,, dasselbe Ding" charakterisiert wäre. 
Die Abstraktion beschränkt sich dabei vielfach 
auf die sog. ,, primären Qualitäten", die der quan- 
titativen Bestimmung besonders zugänglich sind. 

Der Begriff des Wesens, wie er zuletzt be- 
stimmt worden ist, hat durchaus wissenschaftlichen 
Wert, er bedeutet eine ganz in der Erfahrung 
wurzelnde Abstraktion. 

Dagegen ist es im höchsten Grade bedenklich, 
von irgendwelchen vorgefundenen oder vermuteten 
Tatsachen zu behaupten, sie seien einem abso- 
lutenWesen konform. „Der Begriff reiner, bloß 
intelligibeler Gegenstände", sagt selbst Kant in 
seiner Kritik der reinen Vernunft, „ist gänzlich 



130 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VITT. Nr. 9 



leer von allen Grundsätzen ihrer Anwendung, weil 
man keine Art ersinnen kann, wie sie gegeben 
werden sollten." 

Der Begrifl" „Materie" umfaßt offenbar die- 
jenigen sinnlich wahrnehmbaren Merkmale, die 
allen uns bekannten „körperlichen Dingen'' eigen 
sind. Nach V. d Pfordten soll nun dieser Begriff 
eine Konformität erster Ordnung sein, d. h. er 
soll mit voller Sicherheit einer ,,an und für sich 
existierenden Materie" entsprechen. Wo liegt in 
einer derartigen Annahme, die ein in der Er- 
fahrung ruhendes Begriffliches mit einem prinzi- 
piell unvergleichbaren Unbekannten vergleicht, der 
Erkenntniswert? Wie sollen gar die Konformi- 
täten eine sichere und bestimmte Verbindung 
zwischen dem Reiche der Realität und dem Reiche 
der „Dinge an sich" herstellen oder eine Annähe- 
rung an dieses Reich bedeuten? Wenn der in- 
haltsleere Begriff eines „absoluten Seins" in keiner 
Weise bestimmte, das absolute Sein charakteri- 
sierende Vorstellungen zu wecken vermag, so 
fehlt damit auch jeder Maßstab, mit dem man 
eine Annäherung des Denkens an das unbekannte 
Wesen der Dinge zu bestimmen vermöchte. 

Auch wir huldigen einem Konformismus, aber 
nur einem solchen, der die Begriffe den vorgefun- 
denen Tatsachen entsprechen läßt. Wenn wir 
ebenso wie v. d. Pfordten einen idealistischen 
Phänomenalismus verwerfen, der dadurch, daß er 
alles Vorgefundene zu Psychischem stempelt, den 
ohne den Gegenbegriff' des Physischen gebildeten 
Begriff des Psychischen zu einem leeren Worte 
erniedrigt, so erkennen wir doch einem metho- 
dologischen Phänomenalismus Berechtigung 
zu, einer Richtung, die nur solche Begriffe zuläßt, 
die der Erfahrung oder doch einer möglichen Er- 
fahrung konform sind. Ferner nehmen wir an — 
praktisch tun es selbst die Solipsisten, ohne 
sich freilich des Widerspruchs zu ihrem theore- 
tischen Verhalten bewußt zu sein — , daß die 
Dinge unabhängig von unserer Person existieren ; 
sobald wir jedoch eben über die Dinge urteilen, 
mögen wir sie nun selbst wahrgenommen haben 
oder mögen uns die Mitmenschen von ihnen Kunde 
gebracht haben oder mögen uns irgendwelche 
Spuren auf sie hinweisen, dann denken wir sie 
unserem phänomenalistischen Weltbilde einge- 
reiht; allen Urteilen über prinzipiell unerfahrbare 
„Dinge an sich" schreiben wir hingegen nicht den 
geringsten Erkenntniswert zu. 

Nach Freih. v. d. Pfordten soll uns die Chemie 
davon überzeugen können, daß die Atome und 
Moleküle Konformitäten zweiter Ordnung, ihre 
räumliche Anordnung eine Konformität dritter 
Ordnung sei. 

In der Tat macht es das Gesetz der multiplen 
Proportionen wahrscheinlich, daß die Materie 
nichts Kontinuierliches ist, sondern aus diskreten 
elementaren Teilen besteht; die cliemische Isomerie 
drängt zur Vorstellung, daß für jede Substanz 
sich die elementaren Teilchen in fester stereo- 
metrischer Anordnung gruppieren. Der experi- 



mentierende Forscher ist von der Existenz der 
Atome und Moleküle um so mehr überzeugt, als 
ihm die Theorie vom atomistischen Gefüge der 
Materie nicht nur gestattet, bekannte Erscheinungen 
abzuleiten, sondern auch neue Tat.sachen voraus- 
zusehen. Dabei gewährt die Theorie ein außer- 
ordentlich anschauliches Bild der Vorgänge, 
namentlich derjenigen der chemischen Synthese. 

Leisten die hypostasierten Atome und Mole- 
küle dem Chemiker und Physiker treffliche Dienste, 
so bereiten sie dem Erkenntnistheoretiker uner- 
wartete Schwierigkeiten. Diese sämtlich hervor- 
zuheben, würde uns zu weit führen; wir verweisen 
daher auf die treffliche Kritik, die Stallo in 
seinen von Kleinpeter übersetzten „Begriffen 
und Theorien der modernen Physik" ge- 
geben hat und die auch jetzt noch kaum an 
Wert eingebüßt hat. Ist es unmöglich, sich eine 
einwandfreie Anschauung von den Atomen der 
älteren Physik und Chemie zu bilden , die als 
äußerst kleine, absolut harte, durch leere Zwischen- 
räume getrennte, in bestimmter räumlicher Ord- 
nung zu Molekülen sich gruppierende, mit dem 
Parameter der Masse behaftete Körperchen galten, 
so erscheinen uns nicht minder rätselhaft diejenigen 
der modernen Wissenschaft, die gewissermaßen 
Sonnensysteme sind, in denen um den von einem 
positiven Jon gebildeten Zentralkörper zahllose 
Elektronen kreisen. 

Sehen wir also in der Atomistik mehr als eine 
aus den Tatsachen erwachsene gedankliche Kon- 
struktion, so geraten wir in eine unleidliche Lage, 
aus der wir uns nicht zu befreien wissen. Wer 
will es daher einem kritischen Geiste verargen, 
wenn er die Lehre von den Atomen und Mole- 
külen zwar als eine höchst fruchtbare 
Hypothese ansieht, vor einer Hypostasie- 
rung aber zurückschreckt? Wie will man über- 
haupt eine Hypostasierung logisch rechtfertigen ? 

Doch wäre es ebenso verwegen, wollten wir 
die metaphysische Behauptung der absoluten 
Kontinuität der Materie aufstellen. Auch Stallo 
erklärt: „Welches die wirkliche Beschaffenheit 
besonderer Körper ist, ist eine Frage, die in jedem 
einzelnen Falle durch Experiment und Beobach- 
tung zu entscheiden ist. Es gibt ohne Zweifel 
eine große Klasse von Körpern, die eine mole- 
kulare Konstitution besitzen." Poincare hat in 
einem seiner zuletzt erschienenen Werke, „die 
moderne Physik" (übertragen von Dr. M. 
Brahm und Dr. B. Brahm, verlegt 1908 bei 
Quelle und Meyer in Leipzig) eine Reihe von 
Tatsachen angefüiirt, die mit Sicherheit auf eine 
Diskontinuität der Materie hinweisen. In gemein- 
verständlicher Weise zeigt auch G. Mie in seinem 
bei Teubner erschienenen Büchlein über „Mole- 
küle, Atome und Weltäther", daß die 
Materie eine körnige Struktur hat. Bei den außer- 
ordentlichen F'ortschritten der modernen Physik 
dürfen wir noch bedeutsame Aufklärungen er- 
warten. 

Immerhin ist es gut, mit größter Vorsicht 



N. F. VIII. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



t3i 



über die Struktur der Materie zu urteilen. Man 
denke immer daran, daß unser Denken von Haus 
aus zu einer atomistischen Auffassung hinneigt, 
selbst in der Geometrie und Phoronomie, wo ge- 
rade die Kontinuität eine besondere Rolle spielt. 
Schon die Geometer des Altertums ge- 
langten zu wichtigen Eigenschaften des Kreises 
dadurch, daß sie ihn als Polygon mit außerordent- 
lich vielen und kleinen Seiten auffaßten. Diffe- 
rential- und Integralrechnung sind eben- 
falls Beispiele für unsere Ansicht. Noch inter- 
essanter ist Krön ecke r 's Versuch, die gesamte 
Mathematik zu arithmetisieren, auf den Begriff 
der ganzen Zahl zu gründen. Die Mechanik 
sieht aus rein formalen Gründen im festen Körper 
ein System materieller Punkte, die mit physi- 
kalischen Gebilden nicht das Geringste zu tun 
haben. (Siehe darüber TheodorKörner„Der 
Begriff des materiellen Punktes in der 
Mechanik des 18. Jahrhunderts" in der Biblio- 
theca mathematica, 3. Folge, 5. Bandl) Zur Er- 
reichung von Erkenntnissen bedarf es, wie Stallo 
sagt, „einer Reihe logischer Fiktionen, die bei den 
Operationen des Denkens ebenso berechtigt wie 
unvermeidlich sind, deren Beziehungen zu den 
Erscheinungen, von denen sie nur eine teilweise 
und nicht selten bloß symbolische Darstellung 
bilden, nie aus den Augen gelassen werden dürfen." 
Wer will einen unwiderlegbaren Beweis dafür 
bringen, daß das Verfahren des Chemikers, die 
Gewichtsverhältnisse, in denen sich die Substanzen 
verbinden, zu Atomen von bestimmten Gewichten 
und zu Atomgruppen in Beziehung zu bringen, 
mehr als eine Fiktion sei? 

Nun meint freilich v. d. Pfordten, daß die 
chemische Synthese doch einen zwingenden Be- 
weis für die Existenz der Atome liefere. Wer 
die Tatsachen der Synthese phänomenalistisch er- 
klären wolle, müsse das Eintreffen der Syn- 
these jedesmal als Zufall auffassen, was dem 
Grundaxiom von der Gesetzmäßigkeit des Ge- 
schehens zuwiderlaufe, oder gar als ein echtes 
Wunder. 

Hierzu ist folgendes zu bemerken : ,, Zufall ist", 
wie Windelband sagt, „in allen Fällen ein 
Prinzip unserer Betrachtung, nicht ein Prinzip des 
Geschehens." Das Kriterium, ob ein Ereignis zu- 
fällig ist oder nicht, hat also lediglich subjek- 
tiven Wert. Wir verlangen geradezu von der 
Natur, daß, wenn sie überhaupt ein Gegenstand 
unseres Denkens sein soll , sich die Vorgänge 
unter gleichen Umständen wiederholen, daß die 
Natur also gesetzmäßigen Charakter habe. Wenn 
wir auch nicht begründen können, weshalb die 
Natur unserem Verlangen nachkommt, so pflegen 
wir doch im Eintreffen erwarteter Ereignisse 
nichts Zufälliges oder Wunderbares, sondern im 
Gegenteil das Selbstverständlichste von der Welt 
zu sehen. Nur wenn wir uns auf den Standpunkt 
derjenigen Philosophen stellen, die alles das für 
zufällig halten, was sich aus den formalen Be- 
stimmungen des Intellekts nicht ableiten läßt, 



müssen wir anders urteilen; dann aber gäben wir 
dem Begriffe Zufall einen Umfang, der ihm von 
Haus aus keineswegs zukommt. Auch darin sehen 
wir weder etwas Zufälliges oder Wunderbares, 
daß sich Gruppen von Tatsachen in mathema- 
tischer Form beschreiben lassen. Wenn sich 
die Vorgänge der chemischen Synthese nach 
einem festen Schema vollziehen, so hat dieses 
gleichfalls den Wert einer Gleichung. Wenn ein 
solches Schema nun auch durch eine Beziehung 
zwischen räumlichen Modellen ersetzt werden kann, 
so ist damit noch keineswegs gesagt, daß es 
nicht auch eine andere Symbolisierung zuläßt. 
Ich erinnere nur an die merkwürdigen von Max- 
well beachteten physikalischen Analogien. 
Eine Nötigung also, das Eintreffen einer erwarteten 
chemischen Reaktion als Zufall oder Wunder zu 
betrachten, liegt nicht vor. Freilich soll nicht 
verhehlt werden, daß, wenn wir uns in Tatsachen 
grübelnd vertiefen, wir oft in eine Stimmung 
geraten, wie wir sie wunderbaren Ereignissen 
gegenüber haben könnten. Mancher, dem die 
Vorgänge des Stoßes vertraut und selbstverständ- 
lich sind, bemüht sich vergeblich, die Erschei- 
nungen der Fernwirkung auf jene zurückzuführen. 
Die der Fernwirkung zugeschriebenen Tatsachen 
werden ihm dann leicht als etwas abseits Stehen- 
des, als etwas Rätselhaftes, ja als etwas Zufälliges 
oder gar Wunderbares charakterisiert sein. Der 
in der Potentialtheorie bewanderte Mathematiker 
wird anderseits den Vorgängen des Stoßes gegen- 
über in eine ähnliche Lage geraten können. Ganz 
besonders aber werden demj en i ge n Zufall und 
Wunder entgegentreten, der um jeden Preis die 
Tatsachen auf letzte Prinzipien zurückführen 
will, und zwar wird das jedesmal da geschehen, 
wo die Erklärungsversuche die vorgefundenen 
Schranken überspringen und zur Schöpfung von 
Kräften, Fähigkeiten, Entelechien führen. Wer 
solchen, der wissenschaftlichen Forschung nach- 
teiligen Stimmungen entgehen will, dem bleibt 
nichts anderes übrig als die Tatsachen im Sinne 
von Kirch hoff und Mach zu beschreiben. 
„Wie könnten wir auch erklären!" sagt Nietz- 
sche in seiner „fröhlichen Wissenschaft". „Wir 
operieren mit lauter Dingen", die es nicht gibt, 
mit Linien, Flächen, Körpern, Atomen, teilbaren 
Zeiten, teilbaren Räumen — , wie soll Erklärung 
auch möglich sein, wenn wir alles erst zum Bilde 
machen, zu unserem Bilde! Es ist genug, die 
Wissenschaft als möglichst getreue Anmensch- 
lichung der Dinge zu betrachten, wir lernen 
immer genauer uns selber beschreiben, indem wir 
die Dinge und ihr Nacheinander beschreiben." 

Wenn wir also auch noch so überzeugt sein 
mögen , daß die wunderbare Ordnung in der 
Chemie „nicht nur ein rein künstliches System," 
sondern der „Reflex einer realen Ordnung" sei, 
so fehlt uns doch jedes Mittel, unsere Überzeugung 
zu einer Erkenntnis zu erheben. 

Wir überspringen die auf die Theorie des 
Konformismus folgenden Kapitel, die neben An- 



132 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 9 



fechtbarem eine Reihe trefflicher Gedanken ent- 
halten, um uns noch mit dem Abschnitte über 
„die Philosophie der Empfindung zu be- 
schäftigen. 

Zuvor wendet sich Freih. v. d. Pferd ten 
gegen dieOstwald'sche Energetik. Seinen 
Ausführungen dürfte man in den meisten Punkten 
zustimmen können. Wohl aber müssen sich Be- 
denken erheben, wenn er die Philosophie des all- 
bekannten Physikers und Psychologen Ernst 
Mach gewissermaßen als Modifikation der 
Ostwald'schen Energetik betrachtet. 

Es ist nicht richtig, daß Mach die gegebene 
Welt in letzte psychologische Elemente auf- 
lösen will. Zu einer solchen Auffassung gibt 
lediglich der Umstand Anlaß, daß er die zurzeit 
letzten Elemente des Vorgefundenen als „Emp- 
findungen" bezeichnet.') 

Mach stellt sich zunächst auf den Standpunkt 
eines objektiven Beobachters und Berichterstatters, 
dem es nur darauf ankommt, Tatsächliches fest- 
zustellen und aufzuzeichnen, nicht aber, darüber 
zu urteilen. Er geht von derjenigen Welt- 
ansicht aus, die man bei vollem Bewußtsein fertig 
vor sich findet, und zu deren Bildung man ab- 
sichtlich nichts beigetragen hat. Er findet sich 
von mannigfaltigen, beweglichen Körpern um- 
geben, von Körpern, die teils „leblos" sind, teils 
Pflanzen, Tiere und Menschen ; außerdem unter- 
scheidet er den eigenen Leib, der in optischer, 
haptischer, akustischer und anderer Hinsicht von 
den Leibern der Mitmenschen abweicht, der durch 
eigentümliche, vielfach sich abstufende Empfin- 
dungen, Gefühle, Stimmungen, Willensregungen 
eigenartig bereichert erscheint. 

Eine weitere Analyse, durch die sich der Be- 
obachter freilich vom „naiven Realismus" — im 
Sinne v. d. Pfordten's — schon wesentlich 
entfernt, entdeckt an jenen Inhalten eine Reihe 
von Merkmalen, z. B. Farben, Töne, Drucke, 
Wärmen, Düfte, Räume, Zeiten usw., die zur- 
zeit als ursprüngliche, als letzte gelten können, 
gewissermaßen als Elemente. Diese Elemente 
sind zwar durch Abstraktion gefunden, da sie 
niemals isoliert vorkommen, aber sie treten doch 
stets in mannigfachen Komplexen wirklich auf; 
sie sind auch durchaus nicht letzte Einheiten in 
absolutem Sinne, sondern nur Einheiten von 
relativer, provisorischer Gültigkeit. So 
wäre es durchaus nicht unmöglich, daß mit einer 
weiteren Entwicklung unserer Sinneswerkzeuge 
oder gar mit der Ausbildung neuer Sinneswerk- 
zeuge die Zahl derTatsächlichkeitselemente wachse. 
Mach bezeichnet nun jene Elemente als „Emp- 
findungen". Auf Seite 8 der bedeutsamen 
Schrift über „Erkenntnis und Irrtum" 
(verlegt bei J. A. Barth, Leipzig, 1905) sagt er: 
„Diese Elemente zeigen sich sowohl von außer- 



') Es darf freilich nicht unerwähnt bleiben, daß erst 
Mach's letzte Schrift „Erkenntnis und Irrtum" volle 
Klarheit über den Empfindungsbegriff gibt. 



halb U" (wo U die Umgrenzung des Leibes be- 
deuten soll) „als von innerhalb U liegenden Um- 
ständen abhängig. Insofern und nur insofern 
letzteres der Fall ist, nennen wir diese Elemente 
auch Empfindungen." Nur deshalb also, weil die 
Elemente im Akte des Vorgefundenwerdens Ob- 
jekte der psychologischen Betrach- 
tungsweise zu sein pflegen, sind sie als 
Empfindungen bezeichnet worden. 

Soweit nun die Elemente in Relation zum 
Vorfindenden stehen, werden sie als psychische 
bezeichnet; sofern sie, unabhängig vom Vorfinden- 
den, unter sich selbst Beziehungen bilden, als 
physische. Für Mach kann ein und dasselbe 
Element, je nach der Beziehung, in der es auf- 
tritt, bald als physisch, bald als psychisch 
charakterisiert sein. Das Physische und Psychische 
enthalten also gemeinsame Elemente, sie stehen 
somit ,, keineswegs in dem gemeinhin ange- 
nommenen" schroffen Gegensatze. ,,Das wird 
noch klarer, wenn sich zeigen läßt, daß Erinne- 
rungen, Vorstellungen, Gefühle, Willen, Begriffe 
sich aus zurückgelassenen Spuren von Empfin- 
dungen aufbauen, mit letzteren also keineswegs 
unvergleichbar sind." 

Hätte Mach scharf hervorgehoben, daß in 
der oben entwickelten Weltansicht des ,, naiven 
Realismus" die Dinge mit ihren Eigenschaften 
weder als physisch noch als psychisch charak- 
terisiert sind, sondern es erst dann werden, wenn 
man analysiert und die Beziehungen des Vor- 
gefundenen ins Auge faßt, so hätte er manches 
Mißverständnis vermeidlich machen können ; es 
wäre das um so wichtiger gewesen, als schon der 
nicht sehr glücklich gewählte Name „Empfindung" 
meist unrichtig gedeutet worden ist. Das Vor- 
gefundene ist also zunächst weder als physisch 
noch als psychisch zu kennzeichnen ; es geschieht 
erst dann, wenn der Vorfindende einen festen 
methodologischen Standpunkt einnimmt, wenn er 
auf die Verknüpfung der Elemente unter sich 
oder auf die Verknüpfung der Elemente mit dem 
Ichbezeichneten seine Aufmerksamkeit lenkt. 

Wenn auch Mach vom Idealismus aus zu 
seinen Anschauungen gekommen sein mag, so ist 
er doch nichts weniger als Idealist. Man darf 
ihn weder als Monisten im Sinne Ostwald's 
noch als Monisten im Sinne Verworn's be- 
zeichnen. Für ihn ist die Welt weder ein rein 
Physisches noch ein rein Psychisches, weder ein 
Materielles oder Energetisches noch ein rein im 
Bewußtsein Existierendes. Niemand unterscheidet 
so bestimmt wie er zwischen Physischem und 
Psychischem. Mach ist höchstens im methodo- 
logischen Sinne Monist. Derjenige ist im 
strengen Sinne Monist, dem die Welt nicht 
lediglich ein Summenbegriff ist, eine in infinitum 
vermehrbare Zahl vorgefundener und vorfindbarer 
Inhalte, sondern der auf die Frage: Was ist das 
All ? was ist die Gesamtheit des Gegebenen .' ein 
einziges, das Ganze charakterisierendes Merk- 
mal zu geben pflegt. 



N. F. VIII. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



133 



Ostwald weicht trotz seiner Verehrung 
Mach 's in erkenntnistheoretischer Beziehung ganz 
entschieden von ihm ab. Obwohl Ostwald 
antimetaphysischc Bestrebungen hat, so vermag 
ersieh doch nicht vom metaphysischen Substanz- 
begriffe zu befreien. Dagegen steht er durch seinen 
ausgesprochenen Relativismus . besonders auch 
durch die , .pragmatische" Auffassung vom Denken 
(im Sinne des amerikanischen Philosophen James) 
Mach wieder seiir nahe. 

Mach ist weit entfernt davon, die ,, Empfin- 
dungen" zu einem Erkenntnisprinzip zu 
machen. Seine Empfindungen sind die durch die 
Analyse vorgefundenen Elemente der Tatsächlich- 
keit. Er will mit ihnen durchaus nichts erklären, 
er legt seinen Elementen keine Eigenscliaften und 
Vermögen ein, um das Geschehen begreifbar zu 
machen. Seine Elemente sind nicht Weltelemente 
im Sinne der metaphysischen Schulen, sie sind 
zu jeder Erklärung durchaus unbrauch- 
bar. Sie sind nichts anderes als die relativ 
einfachsten Begriffe, die zurzeit in eine Be- 
schreibung des Tatsächlichen eingehen können. 
Es heißt daher Mach's Standpunkt verkennen, 
wenn man von ihm verlangt, er solle durch seine 
,, Weltelemente" das Ich, das Gedächtnis, die 
Assoziation erklären. 

Man kann nicht sagen, Mach leugne das „Ich", 
er leugnet es nur als eine Substanz, sei es als 
geistige Substanz sei es als transzendentales oder 
erkenntnistheoretisches Ich, er erkennt das Ich 
lediglich als praktische Einheit von freilich 
recht hoher Wichtigkeit an. Mach hat es 
auch nicht nötig ,,zu erläutern, wie es ein Bündel 
von Empfindungen fertig bringt, in einem Gehirn 
die Illusion eines denkenden Ich zu erzeugen, 
und weshalb gerade eine Empfindung.=gruppe 
auf die seltsame Idee kommt, alle anderen Emp- 
findungen erkennen zu wollen;" denn er verzichtet 
ja prinzipiell auf Erklärungsversuche, er er- 
blickt die Aufgabe der Wissenschaft einzig darin, 
die Welt des Tatsächlichen zu beschreiben, 
besonders die funktionalen Beziehungen zwischen 
den Elementen festzustellen, mögen die letzteren 
nun ein Ich (im Mach'schen Sinne) oder dessen 
Umgebung zusammensetzen. 

Aucii Mach würde ebensowenig wie Freili. 
V. d. Pfordten in dem direkt gegebenen realisti- 
schen Weltbilde Energie oder Empfindungen ent- 
decken wollen; auch dürfte er schwerlich da- 
gegen etwas einzuwenden haben, daß die Analy- 
sierung der Eindrücke zunächst den Dingbe- 
griff vorbereite. Nur ist ihm das Ding etwas 
weiter noch zu analysierendes, ein Komplex aus 
noch einfacheren Elementen. Und gerade diese 
Elemente sollen ihm als ABC der Beschreibung 
wichtiger physikalischer und psychologischer Tat- 
sachen dienen. Da seine ,, Empfindungen" nur 
einem methodologischen Zwecke dienen , nicht 
aber einer Erklärung der Erscheinungen, so 
haben sie auch keine Spur von Metaphysischem 
an sicii. 



Freih. V. d. Pfordten wirft unserem Physiker 
Rückfälle in den Materialismus und den extremen 
Realismus vor, weil er auch den „Elementar- 
organismen" Gedächtnis zuschreibe und die Asso- 
ziation chemisch zu begreifen hoffe. Mach, der 
entschiedener Anhänger des psychophysi- 
schen Parallelismus ist, meint aber nichts 
anderes, als daß denjenigen nervenphysiologischen, 
also rein physischen Vorgängen, von denen man 
Gedächtnis und Assoziation funktional abhängig 
zu denken hat, auch analoge Vorgänge im Reiche 
der Elementarorganismen und im Reiche des Un- 
organisierten entsprechen dürften, Vorgänge, denen 
eine psychische Seite durchaus nicht zuzukommen 
braucht. 

Es würde uns zu weit führen, auch noch den 
zweiten Teil der „Vorfragen der Naturphilosophie" 
zu besprechen. Von den interessierenden Ab- 
schnitten desselben dürften besonders die über 
die „Causae fiendi" und über das „Problem der 
Form" zur Diskussion herausfordern. 

Im Konformismus haben wir eine Rich- 
tung kennen gelernt, die sich dem nie völlig ge- 
fundenen Letzten, „das der Realität der Einzel- 
erscheinungen zugrunde liegt," in bestimmten Be- 
griffen, den Konformitäten, stufenweise nähern will. 
Der Konformismus versucht eine Brücke zu 
schlagen zwischen der Welt der gegebenen Tat- 
sachen und der jenseits der Erfahrung liegenden 
„Welt an sich". Er stellt somit eine Vermittlung 
zwischen Empirismus und Rationalismus dar. 

Eine Vermittlung zwischen Empirismus und 
Rationalismus wird auch von einer anderen neuen 
Richtung angestrebt, vom Pragmatismus. Frei- 
lich ist hier die Vermittlung von derjenigen des 
Konformismus wesentlich verschieden. Der stark 
positivistisclie Pragmatismus verwirft 
jede Hypostasierung und hat durcliaus kein Ver- 
langen, das ,, Wesen der Dinge" zu ermitteln, er 
legt nur auf diejenigen Bcgrifte und Tiieorien 
Gewicht, die in enger Beziehung zum Leben 
des Menschen stehen; aber er möchte auch 
nicht auf gewisse, gerade dem Rationalismus 
eigentümliche Werte verzichten, namentlich nicht 
auf dessen Optimismus und religiöse Stimmung. 

William James, Professor an der ameri- 
kanischen Harvard-Universität in Cam- 
bridge bei Boston, ist in Deutschland nicht 
unbekannt. Seine unter dem Titel „der Wille 
zum Glauben" bei Frommann in Stuttgart 
herausgegebenen, von Dr. Tli. Loren z übersetzten 
popularphilosophischen Abhandlungen haben 
einigermaßen Verbreitung gefunden; noch größeres 
Ansehen genießt er in Gelehrtenkreisen durch 
sein vortreffliches, leider noch nicht übersetztes 
Werk über Psychologie. Mit einer glücklichen, 
herzerfrischenden Mischung von Ernst und Humor, 
aber ohne die Oberflächlichkeit eines schönreden- 
den P^uilletonismus, in jener frischen Weise, wie 
sie amerikanischen Schriften häufig eigen ist, mit 
ungewöhnlichem Geschick, die Gedanken klar 
auszudrücken, hat James in den Jahren 1906 und 



134 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 9 



1907 an der Harvard - Universität vor einer 
größeren Zuhörerschaft eine Reihe von Vor- 
lesungen gehalten und nachher unter dem Titel 
„der Pragmatismus, ein neuer Name für 
alte Denkmethoden" veröffentlicht. VV. 
Jerusalem, der unabhängig von James zu ähn- 
lichen Ansichten gekommen ist, hat uns eine 
treffliche, bei Dr. W. Klinkhardt in Leipzig 
erschienene Übersetzung gegeben. 

Die merkwürdige Bezeichnung „Pragmatis- 
mus" mag uns an den „historischen Pragmatis- 
mus" denken lassen, an diejenige historische Dar- 
stellungsweise, die den Zusammenhang der Hand- 
lungen ins Auge faßt, die die Begebenheiten nach 
ihrer ursächlichen Verknüpfung entwickelt.') Je- 
doch hat Charles Pierce, der das Wort im 
Januarheft der ,, Populär Science Monthly" vom 
Jahre 1878 („Wie wir unsere Ideen klar machen 
können") geprägt hat, nichts anderes ausdrücken 
wollen, als daß unsere Überzeugungen Regeln für 
unser Handeln sind, und daß wir, um den Sinn 
eines Gedankens herauszubekommen, nichts an- 
deres tun müssen, als die Handlungsweise be- 
stimmen, die dieser Gedanke hervorzurufen ge- 
eignet ist. Wollen wir in unsere Gedanken über 
einen (legenstand vollkommene Klarheit bringen, 
so müssen wir erwägen, welche praktische 
Wirkungen dieser Gegenstand in sich 
enthält, was für Wahrnehmungen wir 
zu erwarten und was für Reaktionen 
wir vorzubereiten haben. 

Unwillkürlich erinnert uns das an Mach, für 
den der Begriff ,, Natrium" nichts anderes ist als 
ein Wort, das eine Reihe von sinnlichen Merk- 
malen ins Bewußtsein ruft, die sich auf bestimmte 
manuelle, instrumentale, technische Operationen 
einstellen; für den der Begriff keine fertige 
Vorstellung ist, sondern eine „Anweisung, eine 
vorliegende Vorstellung auf gewisse Eigenschaften 
zu prüfen oder eine Vorstellung von bestimmten 
Eigenschaften herzustellen." 

Die Bezeichnung ,, Pragmatismus" ward jedoch 
erst allgemeiner bekannt, als James das Prinzip 
des Pragmatismus im Jahre 1898 auf die Religion 
anwandte. 

Der Pragmatismus ist, wie schon jetzt zu er- 
kennen, keine neue Philosophie, sondern lediglich 
eine alte, aber auf neuere Probleme intensiv an- 
gewandte Methode. Er findet sich schon bei 
Sokrates und Aristoteles, weit ausge- 
sprochener bei Locke, Berkeley und H u m e. 
Er ist besonders der empiristischen Richtung 
eigen ; er ist die Methode des Naturwissenschaft- 
lers, besonders die des Physikers, dem nur die- 
jenigen Begriffe von Wert sind, die zur „über 
sichtlichen, einheitlichen, widerspruchslosen und 
mühelosen Erfassung der Tatsachen" führen. Der 
Pragmatismus wendet sich weg von allen Pro- 



') K. Dreycr gebraucht in seinen ,, .Studien zu Methoden- 
lehre und Erkenntniskritik" das Wort „praj;niatisch" ziemlich 
oft, und zwar im Sinne von „verbindend", „ursächlich" u. dgl. 



blemen, die es mit dem ,, Denken an sich" zu tun 
haben, weg von allen Problemen, die einer Veri- 
fizierung nicht zugänglich sind. Da der Prag- 
matismus keine neue erkenntnistheoretische Rich- 
tung ist, so hat er mit alten philosophischen 
Richtungen manches gemeinsam. ,,So stimmt er 
mit dem Nominalismus darin überein, daß er sich 
überall an das Einzelne hält, mit dem Utilitaris- 
mus, daß er überall den praktischen Standpunkt 
betont, mit dem Positivismus in der Verachtung, 
die er den bloß sprachlichen Problemlösungen, 
überflüssigen Fragestellungen und metaphysischen 
Abstiaktionen entgegenbringt." 

Die Philosophie hat vom Pragmatismus meist 
nur fragmentarischen Gebrauch gemacht; erst 
Charles Pierce, William James, John 
Dewey und F. C. S.Schiller haben die prag- 
matische Methode konsequent und eingehend 
geübt. Der in Oxford lehrende Schiller hat 
eine pragmatische Wahrheitstheorie 
unter der Bezeichnung „Humanismus" aufge- 
stellt Italien h.it in Pa p i n i seinen Pragmatisten. 
In Deutschland stehen jener Richtung nahe Mach, 
Ost wald, G. Simmel, Eucken, Jerusalem. 

Die pragmatische Methode ist von hervor- 
ragendem Werte, um philosophische Streitigkeiten 
zu schlichten. Als Beispiel stellen wir folgende 
Frage zur Diskussion: ,,lst es notwendig eine 
geistige Substanz anzunehmen?" Locke stellt 
hierauf die Gegenfrage: ,, Angenommen, Gott 
nähme das Bewußtsein weg; würde uns da das 
Seelenprinzip etwas nützen ? Nehmen wir an, er 
knüpfe dasselbe Bewußtsein an verschiedene 
Seelen ; würden wir dabei etwas verlieren ?" 
Offenbar nicht. Somit ist durch die Annahme 
einer geistigen Substanz zum Verständnis der 
persönlichen Identität nichts gewonnen, diese be- 
steht allein in pragmatisch verifizierbaren Tat- 
sachen. Das Problem der geistigen Substanz fällt 
damit. 

Auch das Problem, ob Materialismus, ob 
Spiritualismus, wird durch die pragmatische 
Methode leicht erledigt. Je nachdem der Ma- 
terialismus seine „Materie" mit genügend viel 
„Kräften" und ., Vermögen" ausstattet, gelangt er 
ganz zu denselben Schlüssen wie der Spiritualis- 
mus, der seinem geistigen Prinzip ausreichende 
„Fähigkeiten" und ,,Entelechien" einlegt. Der 
Streit, ob Stoff, ob Geist, ist also durchaus un- 
fruchtbar, das Problem selbst kein Gegenstand 
wissenschaftlicher Forschung. 

Ahnlich steht es mit dem so oft diskutierten 
Probleme, ob die Welt lediglich Bewußtseinsinhalt 
ist, oder ob sie, wenn sie auch in Beziehung zu 
einem Bewußtsein stehe, doch unabhängig davon 
existiere. Audi hier leisten beide Auffassungen 
ebensoviel und ebensowenig, beide sind gleich 
wertlos. 

Der Pragmatismus schafft so durch Ausschei- 
dung unfruchtbarer Diskussionen den Boden für 
eine positivistische Betrachtung der Dinge, 
für eine Richtung, der es wesentlich darauf an- 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



135 



kommt, Tatsächliclikeiten genau festzustellen und 
vorurteilslos auf/.u/cichnen, er führt zu einer leb- 
haften Schätzuni:; aller auf die Krlialtung des 
Individuums und der Gesellschaft sich beziehenden 
I'"aktoren, er fördert diejenigen Probleme, die es 
mit einer positiven Weiterentwicklung der Mensch- 
heit zu tun haben, er blickt mehr in die Zukunft 
als in die Vergangenheit. Aber er verkennt auch 
nicht die Anschauungen der Vergangenheit. Er 
ist sich klar, daß auch die animistischen Auf- 
fassungen des primitiven Menschen, die religiösen 
Überzeugungen eines Mönches aus dem Mittel- 
alter, die metaphysischen Hirngespinste eines 
Philosophen biologische Erscheinungen sind, die 
ihren außerordentlichen Wert haben; er weiß, daß 
diese Auffassungen nicht ohne weiteres durch 
neue ersetzt werden können, es sei denn, daß der 
Träger derselben entwicklungsfähig genug ist. 
Er schätzt die Begriffe des ,, gesunden Menschen- 
verstandes", auch wenn sie einer sorgfältigen 
Kritik nicht standhalten. 

James sucht seine Methode sogar auf religiöse 
Probleme anzuwenden, so auf das Problem der 
Erlösung. Weit entfernt, an eine tatsächliche 
Weltbcfreiung, an eine vollständige Erlösung, zu 
glauben, an eine Welt des Absoluten mit Wunsch- 
kappen, in der jedes Verlangen augenblicklich er- 
füllt wird, ,,ohne daß umgebende oder dazwischen- 
tretende Mächte berücksichtigt oder versöhnt 
werden müßten," will er nur das zum Ausdruck 
bringen, daß tatsächlich Bedingungen einer Besser- 
gestaltung der Welt gegeben sind. Als Pragmatist 
genügt es ihm, ,,eine Welt hinzunehmen, aus der 
der Ernst des Lebens nicht zu verbannen ist"; 
„er ist entschlossen, auf Grund ungesicherter 
Möglichkeiten zu leben, zu denen er Vertrauen 
hat; er ist bereit, für die Verwirklichung der 
Ideale, die er sich bildet, wenn es not tut, mit 
seinem Leben zu zahlen'. 

Solange James nichts anderes behauptet, als 
daß das Geschehen eine eigenartige Form zeigt, 
nämlich eine Richtung hat, die in Zukunft sowohl 
dem einzelnen Menschen als den höheren und 
höchsten menschlichen Verbänden günstigere Er- 
haltungsbcdingungen verspricht, kann man wohl 
mit ihm übereinstimmen. So hat auch Pctzoldt 
in seiner Einführung in die Philosophie 
der reinen Erfahrung (verlegt bei B. G. 
Teubner in Leipzig, 1900 und 1904) gezeigt, 
wie das zuerst von Fechner in seinen 
,,Tdeen zur Schöpfungs- und Entwick- 
lungsgeschichte der Organismen" (verlegt 
bei Breitkopf & Härtel in Leipzig, 1873) aufge- 
stellte ,,Prinzip der Tendenz zur Stabili- 
tät", dessen allgemeine Gültigkeit außer Frage 
steht, bedeutungsvolle Ausblicke in die Zukunft 
gewährt und nicht nur vielversprechende Schlüsse 
auf ein dereinstiges theoretisches, sondern auch 
auf ein dereinstiges praktisches und ästhetisches 
Verhalten ziehen läßt. So hat Matzat, der vor 
kurzem einer fruchtbaren wissenschaftlichen Tätig- 
keit durch den Tod entzogen worden ist , in 



seinem geistvollen Werke über die „Philosophie 
der Anpassung mit besonderer Berücksichtigung 
des Rechtes und des Staates" (verlegt bei G. 
Fischer in Jena, 1903) gezeigt, daß das von Hertz 
in seiner berühmten Mechanik aufgestellte Grund- 
gesetz auch das Grundprinzip aller ,, fortschreiten- 
den' Entwicklung ist, im besonderen der- 
jenigen Entwicklung, die in der innerpolitischen 
Geschichte sich als Abnahme der Vererbung, 
Zunahme der Anpassung und Verschär- 
fung der Auslese zu erkennen gibt. Sobald 
aber James trotz seiner starken Abneigung vor 
dem Absoluten glaubt, ,,daß es höhere Mächte 
gibt und daß sie am Werke sind, die Welt in 
derjenigen idealen Richtung zu erlösen, die un- 
seren Idealen entspricht," steht er nicht mehr mit 
beiden Füßen auf dem Boden der Tatsächlichkeit. 
Hier wird der Pragmatismus dem Positivismus 
untreu und gibt .'^nlaß zur Befürchtung, daß er 
auch metaphysische P^aktoren in solche Probleme 
hineintrage, die einer völligen oder doch ange- 
näherten Lösung von Haus aus fähig sind. 

Wenn auch der Pragmatismus ein sehr be- 
quemes Mittel ist, Streitigkeiten zu schlichten, 
unfruchtbare Scheinprobleme auszumerzen, so 
bleibt doch immer noch die Gefahr, daß gelegent- 
lich auch solche Probleme ausgeschieden werden, 
deren Fruchtbarkeit zurzeit noch nicht oder 
noch nicht genügend einleuchtet. 

Ferner gibt die Ausschaltung eines wirklich 
unfruchtbaren Problems noch keine Gewähr, daß 
das Problem nicht doch immer wieder von neuem 
auflebe. Die pragmatische Methode ist daher so 
zu verfeinern, daß diese Gefahr möglichst einge- 
schränkt wird. Sie darf vor allen Dingen — um 
die mit der Problemlösung funktional verknüpften 
zentralnervösen Vorgänge ins Auge zu fassen — 
nicht diejenigen nervenphysiologischen Prozesse 
höher werten, die unmittelbar zur Auslösung von 
Orientierungsbewegungen, manuellen, instrumen- 
talen Tätigkeiten u. dgl. führen, als diejenigen, 
die überhaupt nicht „ektosystematisch" auslaufen. 
Der Pragmatismus darf nicht dahin führen, daß 
er fruchtbare logische Erörterungen in den Hinter- 
grund drängt. Nehmen wir etwa an, es handle 
sich um das Problem der Quadratur des Kreises. 
Eine voreilige pragmatische Methode hätte zu 
einer Zeit, wo noch keine Entscheidung über 
dessen Lösbarkeit oder LJnlösbarkeit vorlag, auf 
die Unfruchtbarkeit der Lösungsversuche hinge- 
wiesen und das Problem ausgeschaltet: und doch 
handelte es sich um ein solches, das auf mathe- 
matischem, also streng logischem Wege auf ewige 
Zeit zu F"all gebracht werden konnte. Ein ober- 
flächlicher Pragmatismus dürfte das Problem, ob 
alles Vorgefundene rein psychisch oder rein 
physisch sei, deshalb ablehnen, weil die aus beiden 
Ansichten gezogenen P'olgerungen durchaus gleich- 
wertig sind; ein tieferer Pragmatismus wird in 
weit erfolgreicherer Weise das Problem dadurch 
beseitigen, daß er auf die Sinnlosigkeit eines 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 9 



ohne Gegenbegriff aufgestellten Begriffes auf- 
merksam macht. 

Wir glauben indes, daß ein mit Vorsicht 
geübter Pragmatismus'.wohl imstande sein dürfte, 
allen Anforderungen der Wissenschaft 
und des praktischen Lebens gerecht zu 
w e r d^e n. 

Kehren wir wieder zu unserem Buche zurück! 
Von hervorragendem Werte scheinen mir die- 
jenigen Abschnitte zu sein, die vom Wahrheits- 
begriffe des Pragmatismus und von 
Pragmatismus und Humanismus handeln. 

Wahrheit ist nach der üblichen Begriffs- 
bestimmung eine Eigenschaft gewisser _yor- 
stellungen. Wahrheit bedeutet soviel wie „Über- 
einstimmung mit der Wirklichkeit". 

Sobald die PVage aufgeworfen wird, was „Über- 
einstimmung'' und was „Wirklichkeit" bedeute, 
beginnt der Streit. 

Nach der Auffassung der Intellektualisten ist 
die Wahrheit eine starre Beziehung zwischen einem 
Absoluten, dem „Wesen" einer Sache oder eines 
Vorganges, und zwischen der als ,,wahr" gekenn- 
zeichneten Vorstellung. 

Anders urteilt der Pragmatismus. Ihm ist die 
Wahrheit keine unbewegliche Eigenschaft, sondern 
ein Vorkommnis, ein Sichgeltendmachen. Schiller 
und Dewey nennen solche Vorstellungen wahr, 
„die wir uns aneignen, die wir geltend machen, 
in Kraft setzen und verifizieren können" und 
solche Vorstellungen falsch, ,,bei denen dies 
alles nicht möglich ist". 

Unsere Gedanken stimmen mit der 
Wirklichkeit überein, wenn sie uns durch 
Handlungen und durch neue Gedanken, die sie 
anregen, zu anderen Teilen der Erfahrung führen, 
mit denen die ursprünglichen Gedanken sich im 
Einklang befinden. Der Besitz wahrer Gedanken 
bedeutet zugleich den Besitz wertvoller Mittel 
zum Handeln. „Unsere Pflicht, Wahrheit zu er- 
werben, ist also keineswegs ein aus der Luft 
stammendes Gebot oder eine Last, die der In- 
stinkt sich selbst auferlegt hat, sie ruht vielmehr 
auf vortrefflichen praktischen Gründen." Nach 
Wahrheit suchen bedeutet nichts anderes als den 
Anpassungswert des nach Wahrheit suchenden 
Menschen, dessen Erhaltung von äußeren und 
inneren Umständen fortwährend bedroht ist, er- 
höhen, ist also eine ungemein wichtige biologische 
Funktion, der nicht ein rätselhaftes Sollen, son- 
dern ein zwingendes Müssen zugrunde liegt. 

Die Verifikation kann direkt und in- 
direkt sein. Die Wahrheit lebt auf Kredit; es 
genügt uns in vielen Fällen zu wissen, daß ein 
Urteil von irgend jemand einmal anschaulich veri- 
fiziert worden ist. Wenn wir oft auf völlige 
Verifikation verzichten, so liegt das nicht nur 
daran, daß wir Zeit ersparen wollen, sondern auch 
daran, daß die Dinge in Gattungen da sind. 

Die Wahrheit ist nicht bloß P'ührerin in der 
Welt der sinnenfälligen Dinge und der Beziehungen 
des gewöhnlichen Denkens, sondern auch in der 



Welt der Geisteswissenschaften. Hier 
dürfen wir sogar von „unbedingten" Wahrheiten 
sprechen. Da sich die Tatsachen zum Teil in 
die Systeme der Geisteswissenschaften einordnen 
lassen, so gelten deren Wahrheiten auch für die 
wirkliche Welt. 

Was ist Wirklichkeit? Wirklichkeiten 
sind nicht nur konkrete Tatsachen, sondern auch 
abstrakte Dinge und deren Beziehungen, ferner 
aber die gesamte Masse der in unserem Besitze 
befindlichen Wahrheiten. 

Was bedeutet Übereinstimmung mit der 
Wirklichkeit? Von einer Übereinstimmung im 
strengen Sinne kann überhaupt nicht die Rede 
sein; viele Vorstellungen sind keine Abbilder, 
sondern lediglich Zeichen. „Unsere Ideen 
stimmen" nach der Auffassung der Pragmatisten 
nur dann ,,mit der Wirklichkeit überein, wenn sie 
uns sowohl zu nützlichen Worten und Begriffen 
als auch unmittelbar zu sinnenfälligen Dingen 
führen." „Alle Wahrheitsprozesse müssen irgend- 
wo zu einer anschaulichen Verifikation durch 
Sinneserfahrung führen, einer Sinneserfahrung, die 
irgendjemand in seiner Vorstellung abgebildet hat." 

Diese Auffassung steht natürlich im schroffsten 
Gegensatze zur rationalistischen, für die die 
Wahrheit eine einzigartige Beziehung ist und für 
die die Verifikationsprozesse nur als Zeichen dafür 
gelten, daß die Wahrheit da ist. Für den Ratio- 
nalismus ist die Wahrheit bereits „ante rem"; in 
den Zwischenzeiten, wo sich kein Verifikations- 
prozeß vollzieht, ist sie eine Disposition unserer 
Vorstellungen und Überzeugungen. 

Für den Pragmatismus sind die Wahrheiten 
nur relativ feste Beziehungen, sie , .streben" erst 
in der Weiterentwicklung nach einem idealen 
Punkte hin und nähern sich Wahrheiten, die keine 
künftige Erfahrung mehr ändern kann. Tatsachen 
selbst sind weder wahr noch falsch. Wahrheit 
ist lediglich eine P'unktion unserer Urteile, „die 
inmitten der Tatsachen entstehen und enden-'. 

Der Kenner der Werke von Avenarius und 
Petzoldt wird in dieser Wahrheitstheorie kaum 
etwas Neues sehen. Ja, da diese Philosophen auf 
die physiologischen Unterlagen der psychi- 
schen Vorgänge zurückgehen, haben sie das Pro- 
blem vielleicht tiefer als James gefaßt. 

Während nach Rickert die Wahrheit ein 
System von Sätzen ist, die ein unbedingtes Recht 
darauf haben, als gültig anerkannt zu werden, 
und während Wahrheit allen Urteilen zugesprochen 
wird, die zu fällen wir uns durch eine Art im- 
perativer Pflicht verbunden fühlen, leitet der 
Pragmatist das Recht und die Pflicht, die Vor- 
stellungen mit der Wirklichkeit in Übereinstim- 
mung zu bringen, nur aus praktischen Gründen 
ab. Er fühlt sich nur deshalb verpflichtet, sich 
an die Wahrheit zu halten, weil Wahrheit lohnt, 
genau wie Reichtum und Gesundheit. 

Daß eine solche Auffassung die lebhaftesten 
Stürme gegen Schiller und Dewey wecken 
mußte, läßt sich begreifen. 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Schiller hat nun für die Lehre, daß auch 
unsere Wahrheiten menschliche Erzeugnisse sind, 
den Namen Humanismus vorgeschlagen. Zu- 
nächst habe man die Welt als durchaus plastisch 
anzusehen und dürfe diese Ansicht erst dann fallen 
lassen, wenn man auf entschiedenen Widerstand 
treffe. 

Nach Schiller sind alle unsere Wahrheiten 
Überzeugungen vom Vorhandensein einer „Wirk- 
lichkeit", die gefunden und nicht hervorgebracht 
wird. Die VVirklichkeit besteht aus 3 Teilen: 

Der erste Teil ist der Strom unserer 
Sinneswalirnehmungen, die weder wahr 
noch falsch sind, sondern einfach sind. 

Der zweite Teil sind die Beziehungen 
zwischen unseren Wahrnehmungen und 
den gedanklichen Abbildern. Unter diesen 
Beziehungen gibt es veränderliche und zu- 
fällige, z. B. die räumlichen und zeitlichen, und 
wesentliche, sich immer gleichblei- 
bende Beziehungen. Die letzteren sind die 
wichtigeren, von denen das mathematisch-logische 
Denken immer Rechenschaft geben muß. 

Der dritte Teil sind die alten Wahr- 
heiten, auf die jede neue Untersuchung Rück- 
sicht zu nehmen hat. 

Mit den Elementen der Wirklichkeit können 
wir mit einer gewissen Freiheit schalten, wir 
können sie auswählen. 

Wenn von einer Unabhängigkeit der Wirklich- 
keit die Rede ist, so handelt es sich lediglich um 
den Begriff" dessen, was eben in die Erfahrung 
eintritt und noch nicht benannt ist, um eine Art 
ursprünglichen Vorhandenseins in der Erfahrung, 
bevor sich eine Überzeugung von diesem Vor- 
handensein gebildet hat und bevor irgendein 
menschlicher Begriff darauf angewendet wurde. 
Das klingt fast wie Kant. ,,Aber zwischen Kate- 
gorien, die aufblitzten, bevor die Natur da war. 
und Kategorien, die sich im Beisein der Natur 
allmählich bildeten, gähnt die ganze Kluft zwischen 
Rationalismus und Empirismus." 

Die Wahrheit ist nun nicht die Wirklichkeit 
selbst, sondern nur die Überzeugung von 
dieser Wirklichkeit. „Unmöglich kann man in 
unserer Erkenntnisentwicklung die objektiven 
Faktoren von den vermenschlichenden (subjektiven) 
Faktoren trennen." Während für den Rationalis- 
mus die Wirklichkeit von aller Ewigkeit her 
fertig und vollendet ist, ist sie für den Pragmatis- 
mus noch im Werden und erwartet ihre Gestal- 
tung zum Teil erst von der Zukunft. 

Der Pragmatismus kennt „nur eine einzige 
Ausgabe der Welt, die unfertig ist und überall 
größer wird, besonders da, wo denkende Wesen 
am Werke sind". Der Rationalismus hat „ein 
Universum in mehreren Ausgaben. Zunächst die 
wirkliche Welt, die unendliche F"olioausgabe ; 
dann die verschiedenen endlichen Ausgaben, voll 
falscher Lesarten, und jede in ihrer Art entstellt 
und verstümmelt." 

Während für den Rationalisten das Veränder- 



liche auf Unveränderlichkeit gegründet ist, sieht 
der Pragmatist hinter der Erscheinung nichts. 
Wenn der Rationalist darauf besteht, ,,daß hinter 
den Tatsachen der Grund der Tatsachen, die 
Möglichkeit der Tatsachen stehen müsse," so 
wirft der Empirist ihm vor, „er nehme den bloßen 
Namen einer Tatsache her und stelle denselben 
dann hinter die Tatsache als eine zweite Wesen- 
heit, die die erste erst möglich machen soll". 

Trotzdem hat der Pragmatist nichts gegen 
eine „absolute Welt" einzuwenden, wenn dieses 
Wort nur als ein orientierendes Abstraktum ge- 
nommen wird. Jederzeit auch gegen rationalisti- 
sche Auffassungen tolerant, überläßt er die „ab- 
solute Welt" als Konkretum denjenigen gern, 
deren religiöses Leben dadurch bestimmt wird. 

Dies der Inhalt des bedeutsamen Buches. Der 
Pragmatismus ist, wie wir nochmals hervorheben 
wollen, lediglich eine Methode. Von der Sorg- 
falt, mit der die Methode angewandt wird, hängen 
ihre Erfolge ab. Da die pragmatische Weise 
alles Denken in Beziehung zum menschlichen 
Handeln setzt, ist sie dem scholastischen, nur mit 
Worten spielenden Denken abhold; sie hat ferner 
die Tendenz alle metaphysischen, der Erfahrung 
prinzipiell unzugänglichen Elemente auszuschalten. 
Immerhin ist sie tolerant gegen jede Lehre, die 
noch irgendwie fruchtbare Arbeit zu leisten ver- 
mag; so achtet sie die Begriffe des gesunden 
Menschenverstandes, die zwar einer kritischen 
Analyse meist nicht standhalten, aber innerhalb 
bestimmter Grenzen überaus nützlich sind ; sie 
achtet selbst eine freiere Phantasietätigkeit , falls 
ohne sie die Lebensfreude eine Einbuße erlitte. 
Daß der Pragmatismus noch mancher Erweite- 
rung und mancher Berichtigung fähig ist, hat 
Jerusalem im Vorworte hervorgehoben. 

Wenn auch das Temperament des Pragmatisten 
nicht so ,, grobkörnig" sein mag wie das des 
strengen Empiristen, so ist es doch noch „grob- 
körnig" genug, um den Rationalisten in lebhafte 
Wallung zu bringen. Heftige Kämpfe haben sich 
in England erhoben, auch bei uns werden sie 
nicht ausbleiben. Das schadet aber nichts. Um 
so mehr werden sich die Ansichten auf beiden 
Seiten klären. Einstweilen wünschen wir, daß 
recht viele Leser unserer Zeitschrift das köstliche 
Buch von James in die Hand nehmen mögen. 
Wir versprechen ihnen nicht nur reiche Belehrung, 
sondern auch einen hohen ästhetischen Genuß. 

Die Schrift des amerikanischen Gelehrten 
ist das temperamentvolle Werk eines auch 
mitten im Leben stehenden Mannes, sie ist ein 
Beweis, daß der Tempel der Philosophie nicht 
ein weltfremdes Heiligtum für wenige Auserwählte 
ist, sondern jedem offen steht, der sich mit 
frischen Sinnen im Gewirr der Tatsachen orien- 
tieren will. Einen mehr esoterischen Charakter 
hat das von G. F. Lipps unter dem Titel 
,,My t he nbildu ng und Erkenntnis" er- 
schienene Buch, das als dritter Band der Samm- 
lung ,,Wissensch aft und Hypothese" bei 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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Teubner in Leipzig im Jalire 1907 verlegt ist. 
Trotzdem möchten wir den ersten Teil desselben, 
der über naive und kritisciie Wellbetrachtung 
handelt und in klarer, knapper und übersichtlicher 
Form aus der Geschichte der Philosophie die 
Entwicklung derjenigen Funktionen aufzeigt, in 
denen die Wirklichkeit erfaßt wird, als eine gute 
Einführung in die Philosophie empfehlen. Der 
zweite Teil verrät den mathemalisch geschulten 
Gelehrten, dem es darauf ankommt, seine Auf- 
gaben in möglichster Allgemeinheit zu lösen. 
Aber wenn auch einige Kapitel durch ihren ab- 
strakten Gehalt eine größere Aufmerksamkeit be- 
anspruchen, so entschädigen andere wieder reich- 
lich durch ihre aktuelle Bedeutung. 

Der Standpunkt des Verfassers ist der des 
kritischen Empirismus. Seinen Ausführungen 
werden nicht nur Fhilosopiien von h^ach, sondern 
auch Naturwissenschaftler und Mathematiker, die 
erkenntnistheoretischen Problemen nicht aus dem 
Wege gehen, mit Befriedigung folgen. 

Für G. F. Lipps besteht die Aufgabe der 
Philosophie darin, vom ,, Vollziehen der Be- 
stimmungen" auszugehen und ,, klarzulegen, 
wie .es zugeht, daß uns in dem Gewebe voll- 
zogener Bestimmungen die Welt und unser eigenes 
Sein als eine in sich beruhende Wirklichkeit ent- 
gegentritt." Die Frage, ,, warum Bestimmungen 
vorhanden sind und warum es Objekte und eine 
objektiv bestehende Welt gibt," ist „nicht zu be- 
antworten, ja sie darf gar nicht gestellt werden. 
Wir können nur angeben, wie Bestimmungen 
vollzogen werden, es steht uns hierbei nur der 
Hinweis auf vollzogene Bestimmungen (nicht auf 
ein Vermögen sie auszuführen) zu Gebote." Natür- 
lich muß hierbei auf den Mythus von schöpferisch 
tätigen Kräften durchaus verzichtet werden. „Der 
Erfolg einer Bestimmung zeigt sich nun offenbar 
darin, daß das eine von dem anderen unter- 
schieden, aber auch zugleich mit ihm verknüpft 
und so zu ihm in Beziehung gesetzt wird." Das 
Wesen des Bestimmens besteht im Erfassen des 
einen im anderen. So gelangt in dem Urteile 
„diese Rose ist rot" die Unterscheidung des einen 
vom anderen und die Verknüpfung des einen mit 
dem anderen, von dem es unterschieden wird, 
zur Ausführung. „Ich erfahre nämlich in dem 
durch das Wort ,,dies" angedeuteten Erlebnis die 
als ,,rot" bezeichneten Inhalte früherer Erlebnisse, 
und indem ich dies tue, wird das früher Erlebte 
dem jetzt Erlebten, das ja auch eine andere Be- 
schaffenheit haben könnte, gegenübergestellt und 
durch Zuerkennen der roten Farbe mit ihm 
verknüpft." 

Wir übergehen die Arten des Zusammenhangs 
der Bestimmungen und wenden uns zum Kapitel 
vom „Erfassen der Wirklichkeit". Diese selbst 
tritt nur in den Bestimmungen des 
Denkens hervor und besitzt nicht etwa eine 
vom Denken unabhängige Existenz. Da ein 
Gegenstand zum Träger eines Vereins zusammen- 
gehöriger Bestimmungen wird, die nicht insge- 



samt vollzogen sein müssen, sondern auch bloß 
als „vollziehbar" in Betracht kommen können, so 
kann das zur Annahme verleiten, „daß der Gegen- 
stand schon ohne jede Bestimmung — als Ding 
an sich — bereits vorhanden sei und darauf warte, 
durch das Denken aufgefunden und mit Bestim- 
mungen ausgestattet zu werden". Dann müßte 
ein Ähnliches auch vom Denken gelten. „In 
Wahrheit gibt es jedoch weder ein Ding an sich 
noch ein für sich bestehendes Denken. Denn 
der einer weiteren Bestimmung fähige Gegenstand 
ist nur auf Grund der bereits vorliegenden Be- 
stimmungen talsächlich vorhanden, und auch das 
Denken existiert nur, sofern es in dem Vollzuge 
von Bestimmungen zutage tritt. Es ist nur die 
Möglichkeit im Auge zu behalten, daß zu den 
bereits vollzogenen Bestimmungen noch weitere 
hinzutreten können; und man muß neben den 
einzelnen Bestimmungen auch ihr Zusnnmien- 
bestehen als maßgebend für die Beschaftenheit 
der in dem Gewebe der Bestimmungen hervor- 
tretenden Gegenstände ansehen." . . . ,,Es gibt 
keine unerkennbare Wirklichkeit; keine 
Grenzen, jenseits welcher ein dem Erkennen 
sich entziehendes Sein oder Werden voraussetzbar 
wäre; keinen Kern, der hinter der allein zu- 
gänglichen Schale verborgen bliebe. ... Es hat 
daher auch gar keinen Sinn zu fragen, ob es denn 
überhaupt eine Wirklichkeit gebe, und ob wir 
nicht vielmehr einen wesenlosen Schein oder 
einen bloßen Traum an ihre Stelle setzen, da nur 
eine mit subjektiven Täuschungen behaftete indi- 
viduelle Auffassung des wahren Seins möglich sei." 
,,Es gibt nur eine einzige, in sich 
zusammenhängende Wirklichkeit." Es 
gibt aber für uns weder eine Wirklichkeit, 
die von vornherein eine bestimmte Beschaffenheit 
hat, noch auch einen mit Vermögen und Kräften 
ausgerüsteten Geist. Darum hat die F'rage, wo- 
her die Formen stammen, aus der Wirklichkeit 
selbst oder aus dem Geiste, keinen Sinn. Dagegen 
ist von grundlegender Bedeutung, ,,wie die 
Wirklichkeit tatsächlich erfaßt wird 
und erfaßt werden muß." 

Als beziehungslos kann die Wirklichkeit nicht 
gedacht werden. Sie ist nur in einem Prozesse 
des Unterscheidens und Verknüpfe ns 
erfaßbar, und zwar nur in bestimmten Daseins- 
weisen, von welchen die eine in der anderen her- 
vortritt oder in die andere übergeht. Die Daseins- 
weisen bilden in ihrem Zusammenbestehen die 
Wirklichkeit, „die als solche selbst nicht wieder 
in einer Einzelbestimmung erfaßt werden kann." 
Das Unterscheiden der Bestandteile der 
Wirklichkeit ist nicht dasselbe wie das Erfassen 
jener Bestandteile in ihrem Zusammenbestehen. 
„Ohne den Vollzug von Unterscheidungen ist 
zwar die Wirklichkeit nicht erfaßbar; sie wird 
aber durch die Unterscheidungen nicht erschöpft 
und löst sich nicht in sie auf." Die W i r k 1 i c h - 
keit ist ein teilbares Ganze, dessen Teile wieder- 
um teilbar sind und sich in irgendwelchen, durch 



N. F. VIII. Nr. 9 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



139 



die Sinnesqualitäten bedingten Abgrenzungen dar- 
bieten. Sie hat die Form eines K o n t i n u u m s , 
das als f 1 ä c h e n h a f t oder zweidimensional 
7.U bezeichnen ist. 

In ihm werden die Erstreckungeii, wie der 
Arithmetiker sich ausdrücken würde, von den 
beiden Richtuiigsgegensätzen -\~ 1 und — i und 
-|- i und — i berherrscht. Im flächenhaften 
Kontinuum sind es nun die Raumkörper, die 
wir erfassen. Bei ihnen tritt zu jenen Richtungs- 
gegensätzen noch ein dritter hinzu, der Portgang 
von innen nacli außen. 

Ein Körper, der alle irgendwie bestimmten 
Körper umschließt und den wir sich unbegrenzt 
ausdehnen lassen, würde als der dreidimensionale 
Raum zu bezeichnen sein. 

Alles Naturgeschehen läßt sich auf die 
Änderung der Bewegung und der Lage, des 
Volumens und der Anzahl der Raumkörper oder 
ihrer Teile zurückführen. 

Es ist keineswegs notwendig, die Veränderung 
der Körperwelt auf die von der Bewegung kleinster, 
unveränderlicher und undurchdringlicher Teile zu 
gründen; man würde sonst ein Vorurteil zur 
Grundlage der Naturbetrachtung machen. 

Den Begriff des ,,Besc hre ibens" faßt Lipps 
zu eng. Es genüge nicht zu wissen, daß die 
Größen x,, x,, x.,, . . ., welche für einen ge- 
gebenen Zeitpunkt die Bewegung und Lage, das 
Volumen und die Anzahl der Körper oder ihrer Teile 
bestimmen, nach Ablauf einer bestimmten Zeit die 
Werte y,, y,^, y^, ... angenommen haben, sondern 
man müsse ,, die tatsächlich sich vollziehende Ände- 
rung auch begreifen, indem wir den früheren 
Zustand als den objektiv bestehenden Grund der 
späteren und den späteren als die objektiv be- 
stehende Folge des früheren auffassen." Man müsse 
die von Hausaus unbeschränkt veränderlichen Körper 
erst mit gewissen, die Zustandsänderungen bedingen- 
den Merkmalen, mit bestimmten Parametern be- 
haftet denken, z. B. mit dem Parameter der 
Masse. Lipps bedenkt nicht, daß die Me- 
thode des Beschreibens im Sinne von Mach 
jede Begriffsbildung einschließt, sofern sie ganz in 
der Erfahrung wurzelt, daß sie also auch die Bil- 
dung des so wichtigen Parameterbegriffes umfaßt. 
Mach selbst hat in klassischer Weise einen Weg 
gezeigt, auf dem man in einwandsfreier Weise 
zum Massenparameter gelangt. Eine Erfahrungs- 
tatsachen verwertende, rein in Gedanken sich voll- 
ziehende Begriffsbildung, deren Wert nachträglich 
wieder an den Tatsachen geprüft wird, braucht 
durchaus nicht aus dem Bereich des Beschreibens 
herauszutreten. Auch Duhem vertritt diese 
Auffassung in seinem Werke über ,,Ziel und 
Struktur der physikalischen Theorien". 

Sehr richtig ist das, was Lipps von den ver- 
borgenen Qualitäten und Kräften sagt, die für 
eine kritische Auffassung des Naturgeschehens 
ebensowenig vorhanden sind, wie ein absolutes 
mit ursprünglichen Bestimmungen behaftetes Sein. 

Die Unterscheidung , die er zwischen b e - 



lebten und unbelebten Körpern macht, hat 
etwas Bestechendes. Datiach werden die Parameter 
der lebendigen Körper nicht nur durch „die 
gegenwärtigen, sondern auch durch die ver- 
gangenen Zustände beeinflußt und sind darum 
einer ständigen Veränderung unterworfen". ,,Die 
Parameter der leblosen Körper sind entweder 
konstant oder nur von dem augenblicklichen Zu- 
stand abhängig." 

Eine derartige Unterscheidung scheint mir 
nicht ausreichend zu sein. \Vas für lebende 
Körper gilt, gilt meiner Ansicht nach auch für 
alle diejenigen leblosen Köper syst e me, die, 
äußeren Störungen ausgesetzt, sich diesen anzu- 
passen vermögen und ihre Form nur so langsam 
ändern, daß sie immer noch als dieselben 
Systeme angesehen werden dürfen. Als Beispiele 
können wir die der Entwicklung unterworfene 
Erde und das Sonnensystem anführen. 

Es dürfte unsere Auffassung deshalb wichtig 
sein, als in ihr zum Ausdrucke kommt, daß von 
einem prinzipiellen Unterschiede zwischen 
lebendem und leblosem Körper nicht die Rede 
sein kann, solange man von den etwa vorhandenen 
psychischen Begleiterscheinungen absieht. Zur- 
zeit ist es jedoch zweckmäßig, die spezialisierten 
Bestimmungen des lebendigen Körpers beizube- 
halten, wie sie z. B. von Roux gegeben sind. 

Wichtig ist der Satz, daß weder das Empfin- 
den noch das F"ühlen als Wirkung oder U r - 
Sache des objektiven Geschehens zu begreifen 
sei, daß vielmehr die subjektiven Zustände des 
Fühlens und Empfindens oder des Bewußtseins 
mit gewissen Größen, welche objektive Zustände 
und Zustandsänderungen des Leibes bestimmen, 
verknüpft sind. Mit Recht betont Li pps, daß un- 
lösbare Widersprüche auftreten, wenn subjek- 
tive Erlebnisse in den Zusammenhang des ob- 
jektiven Geschehens eingereiht werden, wenn 
z. B. psychische Tatsachen in die physiologischen 
Gehirnvorgänge als bestimmende Faktoren ein- 
geschaltet werden. 

Zum Schlüsse stellt der Verfasser noch das 
die Psychologie in ihrem ganzen Umfange be- 
herrschende Prinzip derlnhärenz auf, wo- 
nach die der Vergangenheit aiigehörigeip Er- 
regungszustände der Pllemente, auf denen das 
Bewußtsein beruht, insgesamt und in ihrem ganzen 
Umfange den gegenwärtig erfaßten Zuständen 
inhärieren. Der Mensch ist in seinem Tun und 
Lassen vom Aufleben und Nachwirken der Ver- 
gangenheit abhängig. Er nimmt daher Ge- 
wöhnungen an, er läßt sich erziehen; er ist einer 
durch die Vergangenheit bedingten und so in 
bestimmter Richtung sich vollziehenden Entwick- 
lung fähig. 

Wir haben diejenigen Punkte herausgegriffen, 
die ein allgemeines erkenntnistheoretisches Inter- 
esse zu wecken vermögen, und überlassen es den 
mathematisch geschulten Lesern, sich mit einzelnen 
Abschnitten, in denen Lipps gerade die Er- 



140 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 9 



gebnisse eigener I'orschung niedergelegt 
hat, eingehend zu beschäftigen. Es gehören hier- 
her besonders das 5. Kapitel, das vom Zusammen- 
hang der Bestimmungen und den Grundlagen der 
Mathematik handelt, ferner die auf den Seiten 



243 — 250 angegebene Methode, einen lebenden 
Körper auf etwa hervortretende Gesetzmäßigkeiten 
zu prüfen, sowie endlich die im letzten Kapitel 
behandelten Probleme der physiologischen Psy- 
chologie. Angersbach. 



Kleinere Mitteilungen. 

Ein Meerweibchen. (Aus der mediko-histo- 
Tischen Sammlung des Kaiserin Friedrich -Hauses 
in Berlin). — Dr. \V. Frieboes teilt in der 
Zeitschrift f. ärztl. Forlbildung folgendes mit. 

Im Katalog der mediko-historischen Sammlung 
des Kaiserin Friedrich-Hauses zu Berlin findet 
sich unter der langen Reihe der Schätze auch ein 
,, Meerweibchen" angeführt, eines jener Wesen, 
mit denen das Altertum Flüsse und Meere be- 
völkerte und die durch Sagen und Märchen, 
Skul|)turen und Bilder auch noch heute bei uns 
lebendig sind. Freilich ist es ein kleiner Sproß 
dieser Art, ein nur 62 cm langes Gebilde. Kein 
glattes Kindergesicht lacht uns an , sondern wie 
die Figur i zeigt, ein in Mienen und Gestaltung 




Fig. I. 

des Körpers verhutzeltes altes Weib mit hängen- 
den Brüsten , fast haarlosem Kopf, gefletschten 
Zähnen und höhnisch grinsendem Gesicht, so als 
wollte es spotten über alles, was Sage, Literatur 
und Kunst über iiir Geschlecht je gefabelt. Jeder 
der zum ersten Male dies kleine Ungeheuer sieht, 
muß glauben, daß der Körper eines jämmerlichen 
Neugeborenen präpariert, ausgestopft und zu die- 
sem Zerrbild umgeformt worden sei, denn alle 
Einzelheiten entsprechen in Form und Haltung 
der anatomischen Wirklichkeit. Eine Röntgen- 



aufnahme mußte den untrüglichen Beweis für die 
Richtigkeit dieser Annahme liefern. Sie wurde 
gemacht. Die Struktur der Fischflossen in allen 
Finzelheiten klar und deutlich, das Menschlein — 
ein Kunstwerk! Kein Knoclien, kein Muskel, alles 
mit der Hand gearbeitet. 

Die Herstellungsmasse wird wohl ein Gemisch 
von Werg, Kreide und Leim sein, das geformt 
und dann mit einer dicken Firnisschicht über- 
zogen worden ist. Auf dem Kopfe befinden sich, 
festhaftend in der Masse des Schädels, einzelne, 
3 — 5 cm lange, rotbraune Haare, wohl die Über- 
reste einer langhaarigen Perrücke, die das groteske 
Aussehen noch erhöhte; wenigstens stellte man 
zu der Zeit, aus der auch dieses Meerweibchen 
stammt (16. bis 17. Jahrh.), diese Wesen mit 
langen Haaren dar, wie die Abbildungen (Fig. 2) 
aus dem Buch der Natur von C. v. 
Megenberg') bezeugen. Interes- 
sant ist ferner, daß der Künstler 
entsprechend der Wassernatur des 
Geschöpfs keine Ohren gebildet hat, 
sondern daß er an der Stelle des 
äußeren Gehörganges die oberste 
Schicht zweimal dicht hintereinander 
abgestemmt und in die Höhe gehoben 
liat, so daß es aussieht, als ob die 
Atmung durch Kiemen stattfindet. 

Der Zweck, den der Verfertiger 
des Meerweibchens verfolgt hat, kann 
nur die absichtliche Täuschung ge- 
wesen sein , d. h. den Glauben zu 
erwecken, daß dies Kunstprodukt 
wirklich ein lebend gefangenes und 
nachher präpariertes Meerweibchen 
sei. Dies ist ihm auch vollkommen 
geglückt, und der Eindruck beim 
Erblicken eines richtigen Meerweib- 
chens, über das die grausigsten Er- 
zählungen im L'mlaufe waren, 
mußte ein gewaltiger sein, denn 
zu der Zeit des Hexenwahns 
und Teufelsglaubens, wo alle Mißgeburten als 
Strafe des Himmels oder als Beweis verbotener 
Verbindung mit dem Teufel angesehen wurden, 
wo Bücher, wie der Hexenhammer, kanonisches 
Ansehen genossen, wo durch Flugblätter mit Ab- 
bildungen fabelhafter Wesen und Mißgeburten 
und deren Beschreibung das Unglaubhafteste als 
bare Münze aufgetischt werden konnte , glaubte 

') C. V. Megenbei'g , Buch der Natur, das lial getruckt 
Hans Bämler zu Augsburg 1475. (Ausschnitt aus der 
Pubhliation in: E. Holländer, Die Karrikatur und Satire 
in der Medizin. Stuttgart 1905.) 



N. h'. VIII. Nr. 9 



Naturwi.ssen.schaftliche W'ochen.schrift. 



141 



man fest an die Existenz solcher Wesen, und bis 
weit ins 17. Jahrhundert hinein vertraten auch 
die streng wissenscliafilichen Handbücher der 
Naturgeschichte diese Anschauungen und brachten 
lange Erörterungen und Abbildungen über die 
vielerlei „Mörwunder". — Die Darstellung der 
Meerweibchen, der Tritoniden des Altertums, war 
im Laufe der Jahrhunderte eine mannigfaltige. 
Während der einfachste Typus der war, daß sich 
gleich hinter den Schultern ein ganzer Eisch- 



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Fig. 2. 

rümpf ansetzte, bildete man sie bald so, daß der 
ganze Rumpf menschlich war und sich daran ein 
oder zwei F"ischschwänze ansetzten.') Vor allem 
unterscheidet sich die künstlerische Gestaltung 
im Altertum und Mittelalter dadurch, daß alle 
Schönheit der Formen seit dem Mittelalter ver- 
schwunden ist. Man sieht eben in ihnen nur 
Ausgeburten der Hölle, und so ist es nicht zu 
verwundern, daß alle Abbildungen aus dieser Zeit 
sie nicht schrecklich genug darstellen können ; 
die Abbildungen aus Megenberg sagen genug 
und stützen wohl gleichzeitig die Annahme, daß 
unser Meerweibchen derselben Zeit entstammt. 
— Leider ist die Geschichte unseres Meerweib- 
chens nicht bekannt; wohl möglich, daß es lange, 
lange Zeit in einer Pharmazie oder dem Raritäten- 
kabinelt eines Charlatan sein Dasein gefristet hat 
und so manches Mal Anlaß gewesen ist zum Er- 
zählen einer Wundermär. 



') Durch Hinzufügung von zahlreichen Attributen, von 
Flügeln, Hörnern, Gewandung usw. wurde dann ein immer 
gröflerer Formenreichtum entwickelt. 



Der Verfasser meint, daß man diese Übel- 
stände durch folgende Einrichtimgen mildern 
kann. — Eine jede Spezies, die in der Sammlung 
vorkommt, soll in 2 — 3 Expl. vorhanden sein. 
Hat die Spezies weitgehende Varietäten und 
Rassen, dann wird es notwendig sein, die^ Zahl 
entsprechend zu erhöhen. 

Das Präparieren der Skelette mit Schonung 
der Bänder ist gründlich zu verwerfen, denn das 
Skelett wird bald schmutzig und das Anlegen des 
Meßzirkels wird unmöglich gemacht. Diese 
Methode könnte aber teilweise beibehalten werden. 
Das Tier wird durch einen sagittalen Median- 
schnitt in zwei Hälften zerlegt, so daß die eine 
Hälfte nur Knochen, die andere nur Weichteile 
und die Körperbedeckung zeigt. 

Die nichtmontierten Exemplare werden ge- 
wöhnlich in Kisten aufbewahrt. Eine Ausnahme 
machen die Wirbel, Ri]ipen, Carpus u. a. — An 
der Prager Universität kommt folgende bewährte 
Methode in Verwendung. Durch die Knochen 
wird in der natürlichen Reihenfolge eine Schnur, 
deren Enden zusammengeknüpft werden, gezogen. 
Die Methode erlaubt ein freies Betrachten und 
Messen der Knochen und hat noch diese gute 
Seite, daß sie ein fehlerhaftes Vereinigen der 
Knochenstücke verhütet, was häufig vorkommen 
kann, wenn die Knochen einzeln aufbewahrt 
werden. 

Häufig zeigen die montierten Skelette haar- 
sträubende Fehler. Diese entstehen infolge der 
LJnkenntnis der natürlichen Lage der Knochen, 
können aber leicht folgendermaßen beseitigt 
werden: Bei den kleineren Tieren kann man die 
natürliche Lage der Knochen auf röntgeno- 
graphischem Wege feststellen. Das durch 
Röntgenstrahlen photographierte Bild zeigt ge- 
nau die Lage der Knochen. Bei den größeren 
(bei denen diese Methode zu teuer wäre) nehme 
man zuerst eine gewöhnliche Profilphotographie. 
Man taste dann genau die Lage einzelner typischer 
Knochenvorragungen mit dem F'inger ab und 
verzeichne sie (mit genauen Maßangaben der Ent- 
fernung der Punkte voneinander) auf der Photo- 
graphie. Hierauf kann man an das Präparieren 
gehen. Neben jedes Skelett kann man auch die 
Photographie des lebendigen Tieres legen. 

M. Goldschlag, Stanislau. 



Über die „osteologischen Sammlungen in 
ihrem Verhältnisse zur Paläontologie" referiert 
in der Ztschr. d. mähr. Landesmuseums Bd. VIII, 
H. 2, Dr. R. Kowarzik. Er erblickt in den heu- 
tigen osteologischen Vergleichssammlungen drei 
wichtige Fehler. Und zwar: i. „den Mangel der 
Vollständigkeit des Knochenmateriales", 2. „die 
unpraktische Anordnung desselben", 3. die in den 
Sammlungen vorhandenen Skelette führen „eine 
gar zu tote Sprache", wenn uns nicht ihr Ver- 
hältnis zu dem lebenden Tierkörper vor Augen 
geführt wird. 



Die botanische Zentralstelle in Berlin für 
die Kolonien. — Einer Mitteilung von G.Volkens 
in Dahlem (J.-B. d. Ver. f angew. Bot. 1907) ent- 
nehmen wir folgendes über die schon 1891 vom 
Reichstag bewilligte botan. Zentralstelle für die 
Kolonien, die nun seit 16 Jahren ins Leben ge- 
treten ist und nach dem von Geheimrat Prof. Dr. 
Engler in Berlin aufgestellten Plane gearbeitet hat. 
Hiernach fallen derselben hauptsächlich drei Auf- 
gaben zu: I. sie soll durch direkten Verkehr mit 
den Kolonien diesen teils lebende Pflanzen teils 
Sämereien tropischer Nutzgewächse übermitteln; 



142 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 9 



2. alle aus den Kolonien eingehenden lebenden 
und geUocktieten Pflanzen wissenschaftlich be- 
stimmen und Auskunft über ihren Nutzwert geben; 
3- weiteren Kreisen Gelegenheit geben, die über- 
seeischen Gewächse und ihre Produkte kennen 
zu lernen. 

Die Übermittlung der lebenden Pflanzen ge- 
schieht in Ward'schen Kästchen, die ausreisenden 
Gärtnern, P'örstern oder sonstigen Leuten mitge- 
geben werden, von denen zu erwarten ist, daß sie 
die ihnen erteilten Instruktionen über die Pflege 
unterwegs befolgen können und wollen. Die erste 
Sendung wurde bereits 1889 nach Kamerun auf- 
gegeben: 10 Kästen mit 66 eingeschlossenen 
Arten in 261 Exemplaren; sie bildete den Grund- 
stock des Nutzpflanzenmaterials, mit welchem der 
Viktoriagarten dortselbst seine Pforten eröftnete. 
242 Kästen sind seitdem gefolgt (mit 16 500 Exem- 
plaren), wovon 113 nach Kamerun, 64 nach Ost- 
afrika, 56 nach Togo, 19 nach Neu- Guinea und 
den Südseeinseln gingen. Die Empfänger waren 
staatliche Versuchsgärten und Pflanzungsstalionen, 
aber auch Private, Missionen und Pflanzungs- 
gesellschaften. Es gibt staatliche botanische Gärten 
in Viktoria und Amani, Versuchsgärten in Buna, 
Lome, Sokode, Misahöhe, Dares-salam , Kwai, 
Herbertshöhe und Simpsonhafen. 

Die Saatmaterialien wurden als Muster ohne 
Wert, Postpakete und Frachtsendungen im Laufe 
der Jahre zu vielen Tausenden gesandt, anfangs in 
großer Artenzahl aber kleinen Portionen, später 
umgekehrt in geringer Artenzahl und großen 
Mengen. 

Die Zentralstelle in Berlin (jetzt in Dahlem) 
konnte diese Sendungen ausführen infolge des 
bedeutenden Bestandes von tropischen Nutzpflan- 
zen, den ihr der Berliner botanische Garten zu- 
wies; sie vermehrte diesen teils durch umfassende 
Aufzucht von Stecklingen, teils durch Kauf, Tausch 
und in der Hauptsache durch Zuwendungen, die 
ihr durch ihre Beziehungen zu den überseeischen 
botanischen Gärten fast aller Kolonialmächte zu- 
teil wurden. Für die Versuchsgärten draußen hat 
die Zentralstelle das Ziel, sie mit allen Nutzpflanzen 
zu versehen, die überhaupt Aussicht haben, in der 
betreffenden Kolonie zu gedeihen; sie sieht die 
Aufgabe eines solchen Versuchsgartens darin, daß 
er es dem Pflanzer ermöglicht, jeden Augenblick 
von einer zur anderen Kultur überzugehen, wenn 
es die Konjunkturen und sonstige Umstände er- 
fordern. Das Berliner Institut hat in den letzten 
16 Jahren hervorragenden Anteil an der Aus- 
stattung unserer kolonialen, der tropischen Land- 
wirtschaft dienenden staatlichen Schöpfungen mit 
Pflanzenmaterial gehabt. Der Viktoriagarten hat 
zur Zeit gegen 800, Amani 650 Arten von Nutz- 
und Ziergewächsen in Kultur, sehr viele bereits 
im blühenden und fruchtenden Alter, und nur 
einen Bruchteil davon, von im Lande selbst wach- 
senden Spezies abgesehen, verdanken beide einem 
anderen Geber denn der Zentralstelle. Durch 
Viktoria und Amani bzw. vorher Kwai und Dar- 



es-salam , ebenso durch Misahöhe und Sokode 
findet seit Jahren schon eine ausgedehnte Weiter- 
verbreitung der wichtigsten Arten durch Saat, 
Stecklinge und junge Pflanzen statt, so daß in 
Ostafrika, Togo und Kamerun zur Zeit der Stätten 
nicht wenige sind, wo ein mehr oder weniger an- 
sehnlicher Stock verschiedenartiger Nutzpflanzen 
der Ernte entgegenreift, deren Voreltern ihre 
Reise in die Kolonie von Berlin aus angetreten 
haben. So von Kautschukpflanzen: Hevea brasi- 
liensis, Ficus elastica , Manihot Glaziovii; Faser- 
pflanzen: Baumwolle, Ramin Jute, Rotangpalmen, 
ferner von sonstigen technisch wichtigen Bäumen 
Kampfer- und Seifenbäume, Gerberakazien, Balsam- 
bäume (Peru- und Tolu-), Chinabäume, Zimmet, 
Gewürznelken, Kaffee, Kakao, Thee, Tabak, Betel- 
nuß, Pfeffer, Ingwer, Mahagoni- und Pockholz, 
Ananas, Citrus-Arten usw. Für die Landwirtschaft 
wurden geeignete hochwertige Sorten von Nähr- 
und Futterpflanzen beschafft; so die besten Sorten 
des javanischen Bergreises, amerikanische Mais- 
varietäten (zum Ersatz der einheimischen, weniger 
ertragenden), die berühmte schwarze Bohne Vene- 
zuelas und Brasiliens, die Sojabohne Japans, Ge- 
müsepflanzen. Lange Jahre hindurch war dem 
Gouvernement eine Viehhaltung am Kamerun- 
berge fast unmöglich, gepreßtes Heu wurde von 
den Almen der Schweiz her bezogen; die ge- 
glückte Einbürgerung des Ploridaklees machte 
den mißlichen Zuständen mit einem Male ein Ende. 

Hinsichtlich der zweiten und dritten Aufgabe 
der Zentralstelle sei auf das Original verwiesen. 
Erwähnt sei nur, daß die Kolonialwirtschaft uns 
mit einer Unmasse von neuen Pflanzenarten be- 
kannt gemacht hat und daß die Einlaufe durch 
ihre Masse die höchsten Anforderungen an die 
vorhandenen wissenschaftlichen Arbeiter des 
Instituts gestellt haben. Verzeichnet sind die 
Leistungen in Engler's botanischen Jahrbüchern, 
ferner in den Werken „die Pflanzenwelt Ostafrikas 
und seiner Nachbargebiete", ,,die Hochgebirgsflora 
Afrikas", „die Flora Neu-Guineas und der Südsee- 
inseln", ,,die Vegetationsverhältnisse der Karolinen, 
der Marschallinseln und Kiautschaus" usw. Noch 
ist kein Ende der Eingänge abzusehen und man 
ahnt jetzt, welche Fülle unbekannter Pflanzenformen 
unsere Kolonien noch bergen. 

Zum Schlüsse empfiehlt Verf die Anlegung 
weiterer Versuchsgärten, kolonialbotanischer und 
chemischer Laboratorien in den Tropen selbst, 
etwa nach dem Muster von Amani oder einem 
weit größeren, dem von Buitenzorg auf Java, das 
sich Holland geschaffen und zu hoher Blüte aus- 
gestaltet hat. 

,,In dem Maße , wie sich die Versuchsgärten 
draußen zu gut ausgerüsteten Instituten für tropische 
Agrikultur entwickeln , werden sie von Deutsch- 
land unabhängiger werden, werden sie Berlin 
nicht mehr brauchen, um sich Saat zu beschaffen, 
werden sie in Berlin nicht mehr anzufragen nötig 
haben, wie man in Java Zuckerrohr oder China- 
bäume kultiviert." Dr. Th. B. 



N. F. VIII. Nr. 9 



Naturwis.senschaftliche Wochenschrift. 



143 



Himmelserscheinungen im März 1909. 

Stellung der Planeten: Merkur, Venus und von der 
Mitte des Monats an auch Saturn sind unsichtbar, auch 
Mars ist zuletzt nur noch l'j Stunde lang morgens im 
Schulzen zu beobachten. Dagegen sieht Jupiter die ganze 
Nacht hindurch im Löwen hoch am Himmel. 
Verfinsterungen der Jupiteitrabanten : 
Am 2. um 7 fhr 6,4 Min. ab. M.K.Z. Ausir. d. 111. Trab. 
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„ 28. „ 8 „ 53,5 „ , II. ,, 

.. 3'. ..11 .. 46.2 .. .. .. .. .. I- .' 

Algol -Minima sind beobachtbar am ']. imi 10 Uhr 29 
.Min. abends und am 10. um 7 Uhr iS Min. abends. 



Aus dem v/issenschaftlichen Leben. 

IC in Internationaler Kongreß für angewandte 
Photographie in den Wissenschaften und der 
Technik soll im Juli 1909 anläßlich der Internationalen 
Pholographischen Ausstellung zu Dresden stattfinden. Wäh- 
rend des Kongresses sollen von Vertretern der verschiedenen 
wissenschaftlichen und technischen Kreise zusammenfassende 
Vorträge über die vielfachen Anwendungsmöglichkeitea der 
Photographie auf allen Gebieten des ötTenttichen Lebens ge- 
halten werden. Des weiteren sind Diskussionen unter den 
Vertretern der einzelnen Kachwissenschaften vorgesehen. Ferner 
sollen Erörterungen über die Grundlagen der Farbenlehre, 
binokulares Sehen und Stereoskopie, photographische OptiV, 
Mikrophotographie usw. gepflogen werden. Dabei sollen auch 
einige Fragen von allgemein praktischem Interesse verhandelt 
werden, wie die Einheitlichkeit der Lichtbildformate und der 
Blendensysteme, die Bezeichnung der Plaltenempfindlichkeit 
usw. usw. Auch die Gründung einer Auskunftsstelle für 
Photographie ist ins Auge gefaßt. In einer am 4. Dezember 
V. J. stattgefundenen Sitzung hat sich der .Arbeitsausschuß, 
dem u. a. Prof. Dr. Mieth e- Charlottenburg und Prof Dr. 
Eder-\\'icn angehören, konstituiert. Als A'orsitzender des 
vorbereitenden Ausschusses wurde Prof Dr. L u t h e r- Dresden, 
Technische Hochschule, gewählt. Die Geschäfte des Schatz- 
meisters hat der Direktor der Dresdner Bank, Generalkonsul 
Klemperer übernommen. 



Ein Internationaler Photographen- Tag, der 
in der Zeit vom 7. bis 10. Juli 1909 anläßlich der Internatio- 
nalen Photographischen Ausstellung in Dresden stattfinden 
soll, wurde in einer vom Sächsischen Photographen-Bund ein- 
berufenen, von einer Anzahl Vertreter der größten deutschen 
Fachvcreinc besuchten Sitzung beschlossen. Se. Majestät der 
König von Sachsen hat das Prolektorat über die Tagung an- 
genommen. Es ergehen zu dem Photographen-Tag Einladun- 
gen an sämtliche Fachpholographen-Vereiue und -Verbände 
der ganzen Welt. Neben dem Besuch der in großartigem 
Umfange geplanten Ausstellung werden Vorträge und Ver- 
handlungen über die neuesten Erfindungen und Fortschritte 
auf dem Gebiete der Photographie geboten. Die Leitung der 
Tagung liegt in den Händen von Prof E m m e ri c h - München, 
R. A. Schlegel- Dresden und Direktor Schultz-Henke- 
Berlin. Die Vorbereitung der Veranstaltungen hat der Säch- 
sische Photographen-Bund übernommen ; es sind die Herren 
R. A. Schlegel-Dresden, Vorsitzender, und Kaufmann Oskar 
Hohr-Dresden, Vorsitzender des Festausschusses, mit den Vor- 
arbeiten betraut worden. 



Bücherbesprechungen. 

Otto Schoetensack, Der Unterkiefer des 
Homo H eidelberg e nsis aus den Sanden 
von Mauer bei Heidelberg. Leipzig, W. 
Engelmann, 1908. 



In den Sanden von Mauer bei Heidelberg wurde 
im Oktober 1907 ein interessanter menschlicher Unter- 
kiefer gefunden, der jüngst in reich mit schönen 
Tafeln ausgestatteter Monographie von Schoetensack 
beschrieben wurde. Bekannt sind aus dieser Ab- 
lagerung außer zahlreichen Schnecken und Säugetieren 
noch Elephas antiquus, Rhinoceros etruscus und ein 
an Equus Stenonis erinnerndes Pferd , die das alt- 
diluviale Alter des Fundes verbürgen. Schoetensack 
hat auch nichts unterlassen, um die Fundstelle und 
die Fundumstände auf das Genaueste festzustellen, so 
daß Alter und Fundort keinem Zweifel unterliegen 
können. 

Lediglich die Zähne lassen den vorzüglich erhal- 
tenen Unterkiefer als den eines Menschen erkennen. 
Es fehlt ihm der Kinnvorsprung, und die Dimensionen 
des Unterkieferkörpers und der Äste sind ungewöhn- 
lich beträchtlich. Von den Zähnen ragen die Eck- 
zähne nicht anders hervor wie bei anderen mensch- 
lichen Gebissen, ebenso sind weder in der Form noch 
in den Dimensionen der anderen Zähne -Abweichungen 
zu beobachten. Die Form des Kiefers selbst aber 
ist so eigentümlich abweichend von der bisher ge- 
fundener, fossiler Menschenkiefer, daß Schoetensack 
sich veranlaßt sieht , einen neuen Artnamen , Homo 
Heidelbergensis, vorzuschlagen. Die LTnterkiefer von 
La Naulette und Krapina haben einen gedrungeneren 
Corpus mandibulae. Der ungewöhnlich mächtige 
Unterkiefer von Spy I ist noch weniger dick als der 
Heidelberger. So erscheint der Heidelberger Kiefer 
noch primitiver als die genannten. Gemeinsam aber 
hat er mit diesen das negative Kinn. — Schoetensack 
hält übrigens den Unterkiefer in seiner Form nicht 
nur für präneanderthaloid, sondern auch für präanthro- 
poid. Er findet Annäht-rungen zu ihm in den Unter- 
kiefern niederer Affen und Halbaffen. ,,Als Beispiele 
seien herausgegriffen : Die Ähnlichkeit des Processus 
coronoideus und der flachen Incisura semilunaris bei 
Cynocephalus, die Andeutung einer Incisura subcoro- 
noidea bei Mycetes, die Breite der Äste bei fossilen 
Lemuriden." Diese Vergleiche legen jedenfalls für 
die überaus sorgfältige Bearbeitung des Materiales 
Zeugnis ab. Stremme. 



Seit dem i. Januar 1909 erscheint im Verlage 
von Gustav Fischer in Jena eine neue „Zeitschrift 
für Botanik" unter der Leitung von L. Jost 
und der bisherigen Redakteure der „Botanischen 
Zeitung". Diese letzteren , nämlich Friedrich 
Oltmanns und Graf zu Solms-Laubach 
erklären : Die von der Redaktion ausgegangene 
Kündigung des bisherigen Verhältnisses zur B. Z. sei 
hervorgerufen worden durch sich wiederholende 
Meinungsverschiedenheiten zwischen der Redaktion 
und der Verlagshandlung, welche ein gedeihliches 
Zusammenwirken zwischen den beteiligten Faktoren 
für die Zukunft nicht erwarten ließen. „Die zahl- 
reichen persönlichen Beziehungen, welche im Laufe 
der Jahre von den Unterzeichneten mit den Mit- 
arbeitern der ,, Botanischen Zeitung" geknüpft worden 
sind , ließen es ihnen geradezu als eine Pflicht er- 



144 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 



scheinen, die gemeinsame Arbeit nicht aufzugeben, 
sondern vielmehr zu erweitern und für die F.ntnick- 
lung der botanischen Wissenschaft nutzbar zu machen." 
Die neue „Zeitschrift für Botanik" wird monatlich 
erscheinen. Den Inhalt eines Heftes werden Original- 
arbeiten eröffnen ; kritische Besprechungen werden 
folgen, und eine Übersicht der neu erschienenen Lite- 
ratur wird den Abschluß eines jeden Heftes bilden. 
Es wird das Bestreben der Redaktion sein , gute 
Arbeiten aus jedem Gebiete der Botanik zu ver- 
öffentlichen. 

H. Poincare, Die Max well'sche Theorie und 
die Hertz'schen Schwingungen. Die 
Telegraphie ohne Draht. Aus dem Fran- 
zösischen übersetzt von M. Ikle. 199 Seiten mit 
9 Fig. Leipzig, J. A. Barth, 1009. — Preis geb. 
3,20 Mk. 
Trotzdem die deutsche Literatur reich ist an 
trefflichen Darstellungen des gleichen Gegenstandes, 
ist das Werk des bedeutendsten französischen Theo- 
retikers so durchaus eigenartig, daß man es dankbar 
begrüßen muß, es nunmehr dem deutschen Publikum 
in der eigenen Sprache zugänglich gemacht zu sehen. 
Schon der recht niedrig angesetzte Preis dieser Aus- 
gabe läßt erkennen , daß es sich nicht um eine für 
Fachleute bestimmte Publikation , sondern um einen 
für weiteste Kreise berechneten Versuch handelt, die 
Grundlagen der Gedankengänge gemeinverständlich 
zu entwickeln , die zu dem glänzenden Triumph der 
theoretischen Wissenschaft , den die drahtlose Tele- 
graphie bildet, geführt haben. Verf. zeigt in diesem 
Buch, daß er nicht nur ein Meister der mathemati- 
schen Theorie ist, sondern es in gleichem Maße ver- 
steht, die nicht für jedermann zugänglichen theoreti- 
schen Ableitungen wenigstens in ihren Ergebnissen 
durch geschickt gewählte, anschauliche Analogien 
auch dem Laien faßlich zu machen. An einzelnen 
Stellen, z. B. bei den Versuchen von Fizeau und 
Gounelle (S. 83) und denen von Blondlot (S. 88), 
macht sich das Fehlen einfacher Zeichnungen für 
den Ungeübten recht störend fühlbar. Der Über- 
setzer hätte gut getan , hier dem Leser das eigene 
Entwerfen einer Zeichnung durch Hinzufügung einer 
solchen zu ersparen. Kbr. 



Literatur. 

Besecke, Willi.: Entwickluiigsgcschiclitliche Untersuchungen 
üb. den anatomischen .\ufbau jiHanzlicher Stacheln. Ge- 
krönte Preisschrift. (93 S. m. 6 Taf.) Lex. 8". Berlin 'og, 
R. Iriedländer & Sohn. — 4 Mk. 

Fischer, Emil ; Untersuchungen über Kohlenhydrate und I'er- 
menle (1884 — 1908). (VlII, 912 S.) gr. 8°. Berlin '09, 
J. Springer. — 22 Mk., geb. in Leinw. 24 Mk. 

Gattermann, Prof. Dir. Dr. I.udw. : Die Praxis des organi- 
schen Chemikers. 9., verb. Aufl. (XII, 352 S. m. 91 Ab- 



bildgn. u. 2 Tab.) gr. 8". Leipzig '08, Veit & Co. — 
Cieb. in Leinw. 8 Mk. 

Knoevenagel, Prof. Dr. Emil : Praktikum des anorganischen 
Clieniikers. Einführung in die anorgan. Chemie auf experi- 
menteller Grundlage. 2., vollständig verändertejAufl., mit- 
bearb. v. Priv.-Doz. Dr. Erich Ehler. Mit zahlreichen Fig., 
4 Tab. u. 9 Taf. (XXIV, 3S6 S.) gr. S«. Leipzig '09, 
Veit & Co. — Geb. in Leinw. 10 Mk. 

Meyer, Prof. Dr. Hans: Analyse und Konstitutionsermittlung 
organischer Verbindungen. 2 , verm. u. unigearb. Aufl. 
(XXXII, 1003 S. m. 235 Fig.) gr. 8°. Berlin '09, J.Springer. 
— 2S Mk., geb. in Halbldr. 31 Mk. 

Smith, Prof. Dir. Dr. Alex.: Einführung in die allgemeine 
u. anorganische Chemie auf elementarer Grundlage. Unter 
Mitwirkg. des Veif. übers, u. bearb. v. Material prüfungsamts- 
Assist. Dr. Ernst Stern. Mit e. Vorwort v. Prof. Dr. Fritz 
Haber. (XVI, 677 S.) S°. Karlsruhe '09, G. Braun'sche 
Hofbuchdr. — Geb. in Leinw. 9 Mk. 



Anregungen und Antworten. 

Herrn Dr. C. M. in Zürich. — Über Gartenbau (bes. 
Ziergärten) gibt es eine umfangreiche Literatur. Ein sehr 
verbreitetes Werk ist: Seh midi in, Gartrnbuch (4. Aufl. von 
Nietner und Rümpler; 8 Mk.); außerdem Wredow, Garten- 
freund 119. \u\\. von II. Gaerdt; 7,50 Mk.). — Ferner sind 
zu nennen; Th. Lange, Allg. Gartenbuch (3. Aufl., 2Bde); 
Christ, Gartenbuch (13. Aufl. v. Lucas, Stuttgart 1903); 
W. Hampel, Gartenbuch für jedermann (3. Aufl. 1902; 
5 Mk.i; j. Böttner, Gartenbuch für Anfänger (7. Aufl. 
igo6; 5 Mk. ; dieses kleine Werk wird von sachverständiger 
.Seite als praktischer Ratgeber sehr gerühmt). Ein Werk, das 
die Gartengestaltung ganz vom modernen künstlerischen Stand- 
punkt aus behandelt, ist das Buch von W. Lange und 
O. Stahn, Gartengestaltung der Neuzeit (Leipzig 1907; 
12 Mk.). — Ein von Gartenfreunden viel benutztes lexikali- 
sches Werk ist Rümpler 's Gartenbaulexikon (3. Aufl. von 
Wittmack, 1902). — Die meisten der angeführten Werke fin- 
det man angezeigt in den Antiquariats-Katalogen der Firma 
K. F. K Dehler in Leipzig, Kurprinzenstr. 6. 

H. Harms. 



Herrn H. H. in Frankfurt a. M. — Adventivsprosse 
an den Blättern des Kohls, Brassica oleracea. Derartige 
Bildungen findet man erwähnt bei Penzig, Pflanzenteratolo- 
gie I. (1890) 261. Danach bringen die Kohlblätter bisweilen 
an der Wiltelrippe .'\dventivknospen hervor, die meist zu 
mehreren gesellt längs dieser stehen; sie unterscheiden sich 
von den gewöhnlichen Adventivknospen durch ihre starke 
Entwicklung und stabile Insertion im Gewebe der Mittelrippe 
selber. Duchartre (Bull. Soc. bot. France XXVIIl. (1881) 
256) hat den Bau dieser blatlbürtigen Zweige genau beschrie- 
ben. Danach waren die kleinsten derselben am Grunde der 
Blattspreite eingefügt, und sie nahmen nach der Blattspitze 
an Größe zu, eine Erscheinung, die mit der basipetalen Ent- 
wicklung des Kohlblattes zusammenhängt. — Auf den Kohl- 
blättern kommen nach Penzig gelegentlich auch Adventiv- 
wurzeln vor. A'on den Adventivknospen verschieden sind 
die mannigfaltigen Ex k reszenzen, die auf den Blättern des 
Kohls vorkommen ; sehr häufig ist die Erscheinung, daß längs 
der BlaUmittelrippe eine Menge Neubildungen auftreten, die 
entweder die Gestalt von flachen oder konkaven bandförmigen 
Blättchen, oder die von röhrigen, trichterförmigen, oben offe- 
nen, oft lang gestielten Ascidien haben. Solche Gebilde sind 
oft beschrieben worden , Adventivknospen scheinen dagegen 
selten zu sein. H. Harms. 



Inhalt: Sammelreferate und Übersichten: .\ngersbach: Neues aus der Philosophie. — Kleinere Mitteilungen: Dr. 

W. fricb<ies: Ein Meerweibchen. — R, Kowarzik: Osteologische Sammlungen in ihrem \'erhältnis5e zur Palä- 
ontologie. — G. Volkens: Die botanische Zentralstelle in Berlin für die Kolonien. — Himmelserscheinungen im 
März 1909. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Bücherbesprechungen: Otto Seh o etensack: Der Unter- 
kiefer des Homo Heidelbergensis aus den .Sauden von Mauer bei Heidelberg. — Zeitschrift für Botanik. — H. Poin- 
cere: Die Maxwell'sche Theorie und die Hertz'schen Schwingungen. Die Telegraphie ohne Draht. — Literatur: Liste. 
— Anregungen und Antworten. 



Verantwortlicher Red.akteur 



Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Nene l-'olsc VUl. Haiul; 
der gan?cn Keihe XXIV B.inil. 



Sonntag, den 7 März 190g. 



Nummer 10. 



Die Tsetse und ihre verheerende Tätigkeit. 



[Nachdruck verboten.] 

Die Tsetse, eine Fliege von der ungefähren 
Größe unserer Hausfliege, liat auf die politische 
und kommerzielle Ausgestaltung Afrikas den 
größten Einfluß ausgeiibt und auch heute noch 
behindert sie in entscheidender Weise in einem 
großen Teil des schwarzen Erdteiles die kulturelle 
Entwicklung, so verlor die Decken'sche Expedition 
alle ihre Esel durch den Stich der Tsetsefliege ') 
und in der Goldküstenkolonie glaubt der Gouver- 
neur nicht, daß der Verkehr mit Zug- und Last- 
vieh sich wird durchführen lassen, namentlich mit 
Rücksicht auf die Tsetse, welcher seiner Befürch- 
tung und Erfahrung nach auch der Maulesel nicht 
standhalten kann.-) 

Diese Freispiele stehen nicht vereinzelt da, der 
gleiche Übelstand macht sich z. B. auch in unserer 
Togokolonie bemerkbar und ebenso wie an ein- 
zelnen küstennahen Stellen in dieser macht auch 
in vielen anderen großen Gebieten Afrikas die 
Tsetse jegliche Viehhaltung unmöglich. 

Bei oberflächlichem Hinsehen gleicht dieses 
Insekt der europäischen Stubenfliege, jedoch ist 
sie etwas größer, aber kleiner als die Honigbiene,^) 
der gesamte Körperbau ist lang und schmal.') 

Der allgemeine Farbeneindruck der Tsetse ist 
ein trübes rötliches Grau, das bei den lichter ge- 
zeichneten wie etwa das Grau unserer Honig- 
biene, bei den dunkleren wie das unserer Regen- 
bremse wirkt. Die Fliegen sehen wie bestäubt aus.'^) 

Der Hinterleib hat auf dem Rücken je drei 
gelbe und braune Querstreifen.'') 

Johnston gibt über das Aussehen folgende Be- 
schreibung: Die Tsetse ist in ihrer Erscheinung 
unbedeutend, sie ist eine kleine bräunliche Fliege 
mit einem matten, braun und weiß gestreiften 
Hinterteil, welches wieder durch die geschlossen 
gehaltenen Flügel verborgen ist.") Diese letzteren, 
rauchfarben, bilden insofern ein charakteristisches 
Zeichen, als während der Ruhe beide nicht neben- 
einander liegen, sondern der eine den anderen in 
wagerechter Lage deckt.') Bei genauerer Unter- 
suchung ergeben sich noch folgende charak- 
teristische Merkmale. Sie gehört zu der Inscklen- 



Von D. KürchholT. 



') Globus 1878, Bd. 33, S. 210. 

-) Deutsches Kolonialblatt 1891, S. 35I. 

') Bulletin de la societe de geographie 1852, IV, S. 374. 

*) Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1905, S. 2^4. 

— Dr. Sander, Die Tsetsen. Sehr eingehend, besonders 
auch genaue Beschreibung der verschiedenen Arten. 

") Wie vor. S. 206. 

°) Johnsion, British Central Africa 1897, S. 377. 

') Angewandte Geographie, I. Serie 1903, Heft II. 

') Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1905, S. 256. 

— Le Cosnios 1903, Bd. 49, S. 165. — Berichte über Land- 
und Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika 1902, I, S. 138. 



Ordnung der Zweiflügler und zwar zur Familie 
der Muscidae und zwar zur Gattung der glossinae."^) 

Am Kopfe befinden sich zwei charakteristische 
Apparate: I. drei steife Fühler, ähnlich einem 
Büschel Haare. Jeder Fühler besteht aus zwei 
kurzen und einem vorderen, längeren, kolben- 
förmigen dritten Glied, das eine doppelt gefiederte 
Borste trägt, die Fühler sind von graubrauner 
Farbe, nach abwärts gerichtet, liegen am Kopf 
dicht an und sind schwer zu erkennen.*)') 
2. Der Rüssel ist eine feine, steife Hohlborste von 
der Länge des Rückenschildes ohne Knickung, 
mit einer zwiebeiförmigen Verdickung an seinem 
Ursprung. Er ist nicht allein ein biegsames 
Futteral, das den die Wunde verursachenden 
Stachel schützt, sondern er bildet auch den Saug- 
rüssel des Tieres.^)") 

Hat sich die Tsetse auf ihr Opfer nieder- 
gelassen, so sieht man, wie sich ihr Rüssel in 
drei Teile spaltet, der mittlere wird tief in die 
Haut gebohrt, hierauf zurückgezogen und nun 
werden die Mandibeln in die Wunde eingeführt, 
die diese rasch erweitern.^") Die Füße enden in 
drei sehr spitze Häkchen, von denen eins den 
beiden anderen gegenüber steht, so daß Grififbe- 
wegungen möglich sind, vermittels deren sich die 
Fliege auf der Haut festhält.'') Das Insekt stürzt 
sich still mit einer außerordentlichen Schnelligkeit 
der Bewegungen auf Menschen und Tiere und setzt 
sich so leicht nieder, daß man es nicht fühlt und 
sticht an Stellen des Körpers, die nicht bedeckt 
sind.") Bei den Tieren setzt es sich meist auf 
den Bauch.'-) 

Es bleibt vor dem Saugen 15 — 20 Sekunden 
vollständig ruhig, seinen Rüssel nach vorn ge- 
richtet, in mißtrauischer Haltung sitzen, bereit 
davon zu fliegen. Wenn die Fliege sich in Sicher- 
heit glaubt, läßt sie langsam ihren Stachel sinken, 
spreizt ihre Füße derart auseinander, daß ihr 
Leib auf der Haut ruht und sticht in diese hin- 
ein, ohne daß sie einen erheblicheren Schmerz 
als jede Mücke verursachte.''') Im Augenblick 
des Eindringens des Saugrüssels in die Haut son- 
dert dieser eine alkaloidische Flüssigkeit ab, die 
die Wunde gefühllos macht.'-*)") 



') Le Mouvenient geographique 1898, S. 480, 

'") Insektenbörse 1903, S. 68. 

") Le Cosmos 1903, Bd. 49, S. 165. — A Travers Le 
Monde 1S99, I, S. 88. 

'-) Beiträge zur Kolonialpolitik 1903/04, Bd. 5, S. 57. 
(Dr. Sander.) — Insektenbörse 190S, S. 276. 

"') Le Mouvcment geographique 1908, S. 480, Insekten- 
börse 1908, S. 276 (Foa, Vom Kap zum Nyassa-See). 

'*) Ebenda. 



146 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. 10 



In dem Augenblick, in dem der Rüssel in die 
Haut eindringt, gibt die Tsetse ihre Genugtuung 
durch ein kleines Geräusch bz — bz kund, das 
6 — 7 mal wiederholt wird und das man nur hören 
kann, wenn sie in der Nähe des Ohres in die 
Haut sticht. 

Die Fliege bleibt ruhig, das Blut saugend, 
sitzen, während ihr Hinterleib sich immer mehr 
vergrößert und sich rötet. Nur in dem Augen- 
blick, in dem die Fliege bereits einen großen Teil 
ihrer Nahrung genommen hat, fühlt man einen 
leichten Schmerz oder vielmehr ein Jucken, dem 
man meist keine Beachtung schenkt. Bemerkens- 
wert ist, daß der Körper der Tsetse viel wider- 
standsfähiger ist, als der der gewöhnlichen Fliege. 
Selbst wenn es gelingt, mit aller Kraft zuzuschlagen 
und schnell genug, um sie zu erreichen, kann man 
sie doch nicht immer hindern, zu entkommen. 
Auch wenn sie den Leib vollgesogen hat, ist es 
schwierig, sie mit der Hand zu erreichen, da sie 
sich beim Wegfliegen nicht erhebt, sondern nach 
der Seite verschwindet.*'') Nach dem Wegfliegen 
verspürt man einen lebhaften Schmerz, welcher 
bald verschwindet, indem er ein Kitzeln zurück- 
läßt, gleich dem, welches dem Stich der Mücke 
folgt. Rundum ist die Haut gerölet, ein wenig 
angeschwollen und angespannt, aber diese Sym- 
ptome verschwinden schnell und es verbleibt nichts, 
als kurze Zeit ein scharfer roter Punkt. '^) 

Hat ein Mensch viele Stiche erleiden müssen, 
so zeigen sich auch bei ihm Störungen im Innern 
des Körpers, dabei wird er sehr reizbar und 
heftig.'") 

Auf welche Weise die Tsetse zu ihrem Namen 
gekommen ist, ist nicht bekannt; so viel wir 
wissen, gebraucht kein Negerstamm diese Bezeich- 
nung und ist wohl die Ansicht des Dr. Sander 
richtig, daß dieser Name nichts anderes ist, als 
eine Verstümmelung des bei fast allen Bantu- 
siämmen gebräuchlichen Ausdrucks nsi-nsi= Fliege- 
Fliege.") 

Dieses Tier wurde Anfang der fünfziger Jahre 
durch Livingstone in Südafrika in seiner Gefähr- 
lichkeit erkannt. Es handelte sich zunächst um 
die Glossina morsitans, die als die „echte Tsetse" 
bezeichnet wurde, nachdem in der Folgezeit 
weitere Arten entdeckt wurden. Wir kennen 
heute acht Arten : 

/ 1. Untergruppe 



Glossina palpalis 
pallicera 
tachinoides 
morsitans 
pallidipes 
longipalpis 
fusca 
longipennis 



II. Untergruppe 



I. Gruppe 



}n. G 



ruppe 



"*) Johnston, British Central Africa iSqy, S. 378. — Le 
Cosmos 1903, Bd. 49, S. 165. — Le Mouvement geographiquc 
1898, S. 4S0. 

'") In^icktenbörse 1898, S. 276 (Auszug aus: Foa, Vom 
Kap zum Njassa). 

'') Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1905, S. 193. 
— Dr. Sander, Tsetsen, Ebenda S. 312. 



Aber noch ist die Frage nicht geklärt, ob alle 
Tsetsearten die Krankheit zu übertragen ver- 
mögen, wahrscheinlich daß nicht alle bei allen 
Gattungen der Sauger die Überträger spielen 
können, sondern daß Unterschiede in dem Sinne 
bestehen, daß eine bestimmte Tsetseart nur auf 
ganz bestimmte Säugetiergatlungen Trypanosomen 
zu übertragen imstande ist.''*) Über die Art der 
Krankheit war man sich sehr lange im unklaren 
und erst ic<9S wurde durch Bruce der Erreger 
der Tsetsekraiikheit, nach der Bezeichnung der 
Zulus Nagana in der Wissenschaft genannt, als 
Trypanosoma festgestellt. Die Tsetsetrypano- 
somen sind fischartig aussehende Protozoen, die 
etwa 2 — 3 mal so lang, wie der größte Durch- 
messer eines roten Blutkörperchens sind.'") Wir 
kennen in Afrika fünf Arten dieser Parasiten, die 
für die hier in Frage stehenden Krankheits- 
erscheinungen in Betracht kommen: Evansi ver- 
ursacht die Surra in Deutsch-Ostafrika, Brucei 
kommt bei der Nagana in Zululand, Süd- und 
Westafrika vor, Rougeti, der Parasit der Dourine 
oder Mal du Coit in Algier, Theileri ist in Rindern 
in Prätoria gefunden, Castellani ist der Erreger 
der Schlafkrankheit beim Menschen. '^"j 

Der Krankheitserreger bildet also in der Fliege 
gleichfalls einen fremden Eindringling, der nicht 
von vornherein in ihr ist und der unter beson- 
deren Umständen auch der sonst giftigen Fliege 
einmal fehlen kann; die Fliege als solche ist also 
gar nicht ein Schädling, sie impft nur einen 
solchen ein und sie scheint allein den mikrosko- 
pischen Schädling in lebensfähiger Form auf die 
für ihn empfänglichen Tiere zu übertragen. Es 
muß also stets ein Trypanosomen enthaltendes 
Tier vorhanden sein; wäre dieses nicht der Fall, 
dann wäre die Tsetse lediglich eine lästige Stech- 
fliege. Lange Zeit wurde angenommen, daß die 
Übertragung mechanisch dadurch stattfände, daß 
die Fliege an dem kranken Tier saugt und die 
dabei aufgenommenen Trypanosomen auf das ge- 
sunde Tier überträgt. 

Bei Anwesenheit Koch 's 1903 in Südafrika stellte 
dieser fest, daß in der Tsetse die Parasiten eine Ent- 
wicklung durchmachen.^-) Etwa 12 Tage nach dem 
Stich treten bei dem Tiere die ersten Erscheinungen 
der Erkrankung auf: hohes Fieber stellt sich ein 
und mikroskopisch lassen sich die Tsetseparasiten 
im peripheren Blute meist schon in ziemlich 
großer Zahl nachweisen. Das Fieber hört nach 
einigen Tagen auf; es folgt eine längere fieberlose 
Periode und in der Folgezeit wechseln auf diese 



'*•) Ebenda S. 254. 

'") Berliner Tierärztliche Wochenschrift 1905, S. 649. — 
Prof. Martini, Über Immunisierung gegen Tsetsekrankheit 
mit Abbildung der Trypanosomen. 

•") Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1903, Bd. 7, 
S. 255 u. 385. Dr. Schilling. 

■') Angewandte Geographie, 1. Serie 1903, Heft II. 

--) The Lancet 1905, IL, S 258. — Deutsche Medizinische 
Wochenschrift 1905, Nr. 47 (Koch, Vorläufige Mitteilungen 
über die Ergebnisse einer Forschungsreise nach Ostafrika). 



N. F. VTII. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



147 



Weise fieberlose Intervalle mit Epochen hohen 
F"iebers ab.-^) 

Der Ausbruch der Krankheit ist entweder 
akut, so daß die Tiere unter schnell zunehmender 
Schwäche, Abmagerung und Bluiarnuit eingehen, 
oder ein chronisches Stadium tritt ein, bei dem 
die Parasiten aus dem Blute zeitweilig verschwin- 
den und von Zeit zu Zeit wieder zum Vorschein 
kommen. Das infizierte Tier kann dann noch 
nach monatelanger Krankheit sterben."^) 

Die Symptome, welche die Krankheit charak- 
terisieren, sind folgende: 

Erste Phase : Tränen der Augen, allgemeine 
Schwäche und Mattigkeit, hängender Kopf, Nase 
oder Nasenlöcher erliitzt. 

Zweite Phase: Vermehrte Schwäche, Triefen 
der Augen sehr stark, gelbliche, klebrige Flüssig- 
keit fließt aus den Nasenlöchern. Appetitlosig- 
keit, heiße Haut am ganzen Körper, Anschwellung 
der Drüsen am Halse, die Haare sind glanzlos, 
die Muskeln schlaff. 

Dritte Phase: Ausgesprochene Abmagerung, 
vollständige Hinfälligkeit, die Hornhaut des Auges 
ist gelb. 

Vierte und letzte- Phase: Gelbliche Flüssigkeit 
läuft immer mehr aus der Nase und in gleicher 
Weise rinnt von den Lippen gelblicher Schaum 
herab. Der Urin ist mit Blut vermischt, Durch- 
fall und endlich Tod in einem unkenntlichen Zu- 
stand; dieses Beispiel ist dem Ochsen entnommen, 
es bestätigt die Erfahrung, die andere Reisenden 
gemacht haben. Oft beobachtet man diese Er- 
scheinungen nicht alle bei demselben Tier, aber 
sie sind alle verursacht durch die Tsetse. Es ist 
sehr wichtig für den Verlauf der Kankheit, wie- 
viel Stiche das Tier erhalten hat : einer genügt, 
um den Tod des stärksten Ochsen herbeizuführen, 
Sg Stiche töten ihn in einer Woche, looo in 
einigen Tagen. Die Symptome vermehren ihre 
Intensität unter den gleichen Umständen. 

Die oberflächliche innere Untersuchung eines 
durch die Tsetse getöteten Ochsen zeigt außer- 
ordentliche innere Zerstörungen ; das Herz, die 
Leber, die Lunge fallen in Stücke bei dem leich- 
testen Druck der Finger. Die Eingeweide sind 
voll von gelblicher, klebriger Flüssigkeit und sie 
enthalten nichts anderes. Die Gallenblase ist voll 
und erreicht das Drei- oder Vierfache ihres ge- 
wöhnlichen Volumens, das wenige Fett, welches 
geblieben ist, erscheint gelb und durchsichtig, die 
allgemeine Ausdünstung hat einen besonderen, 
unbeschreibbaren Geruch. Es ist kein oder fast 
kein Blut mehr in den Venen, die Muskelgewebe 
scheinen sich loszulösen von den fleischigen 
Teilen , man stellt zuweilen lokale Blutergüsse 
zwischen den Zellen fest.'-'^) 

Während man die Nagana zunächst fast aus- 

") Deutsche Medizinische Wochenschrift 1902, Beilage, 
S. 269. 

") Berliner Klinische Wochenschrift 1902, S. 933. — 
Dr. Zieraann, Tsetsekrankheit in Togo. 

") Le Mouvement geographique 1898, S. 480. 



schließlich in Ostafrika beobachtete, richtete eine 
Krankheit, die man als Surra bezeichnete, in West- 
afrika unter dem Vieh die gleichen Verheerungen 
an und es wurde festgestellt, daß Surra in nahezu 
allen Punkten mit Nagaiia übereinstimmt. Weitere 
Untersuchungen ergaben, daß die Erregerin dieser 
Surra ebenfalls die Tsetse ist."") 

Am empfänglichsten und am wenigsten wider- 
standsfähig sind unter den Haustieren die Pferde; 
ihnen etwa gleich stehen die hochgezüchteten 
Eselrassen — Maskatesel — und Maultiere, denen 
folgen die Rinder und Hunde. Das Kleinvieh, 
Ziegen und Schafe ist entschieden widerstands- 
fähiger, Heilungen sind nicht ganz selten. Kamele 
und graue Esel scheinen sich in den verschiedenen 
Gegenden verschieden zu verhalten, ein ausge- 
sprochener Verlauf, der namentlich bei den Eseln 
häufig mit Heilung endet, die Regel zu sein. 
Beim Schwein scheint der Verlauf im allgemeinen 
wie beim Wilde zu sein: d. h. symptomlos in 
Heilung übergehend.^') Ob, wie bisher an- 
genommen wurde, das Zebra gegen die Tsetse 
gefeit ist, muß fraglich erscheinen, jedenfalls ist 
in Berlin Blut von einem tsetsekranken Pferde 
entnommen und einem Zebra unter die Haut 
gespritzt worden. Dieses ist nach vier Monaten 
an der Tsetsekrankheit gestorben.'-"*) 

Bis vor wenigen Jahren glaubte man, daß die 
Tsetsefliege lediglich den Tieren gefährlich wer- 
den könne, jedoch ergaben eingehende Unter- 
suchungen des Engländers Bruce 1903, daß die 
Schlafkrankheit, die schon seit längerer Zeit in 
Westafrika vom Senegal bis Angola endemisch 
war -'^) und die seit 1901 in Uganda am Ufer des 
Viktoria-Sees große Verheerungen unter der Be- 
völkerung anrichtet, durch die Tsetse verursacht 
werde. 

Im Mai 1903 entdeckte Castellani ein Trypano- 
soma in der Flüssigkeit des Kopfes und des 
Rückgrats eines an der Schlafkrankheit gestor- 
benen Menschen und stellte fest, daß dieses 
Trypanosoma identisch sei mit dem, das Dutton 
1901 im Blut eines Europäers am Gambia ge- 
funden hatte. "'•') 

Dr. Bruce kommt in betreff der Schlafkrank- 
heit zu folgenden Schlüssen : 

1. Sie entsteht durch Eintritt eines besonderen 
Trypanosoma in die Gehirnflüssigkeit. 

2. Dieses Trypanosoma ist wahrscheinlich das 
gleiche als dasjenige, das durch Forde an der 
Küste Westafrikas entdeckt und durch Dutton 
unter dem Namen Trypanosoma Gambia (dieses 
wurde bei Europäern gefunden) beschrieben wurde. 

3. Die Affektionen genannt „Trypanosomen- 
fieber" sind Schlafkrankheiten in ihrem ersten 
Stadium. 



^^) Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1903, S. 260. 
Dr. Schilling. 

-') Ebenda 1905, S. 311. 

*") Deutsche Kolonialzeitung 1903, S. 348. 

") Bulletin de la societe royale beige de geographie 
1905, S. 302. 



148 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. lo 



4. Die Affen können die Schlafl^rankheit durcli 
Infektion erhalten. 

5. Hunde und Ratten leiden bis zu einem ge- 
wissen Grade unter der Krankheit, die Meer- 
schweinchen, die Esel, die Rinder, die Ziegen und 
die Schafe scheinen gefeit zu sein. 

6. Die Trypanosomen werden von Kranken 
auf Gesunde durch den Stich einer Varietät der 
Tsetse, Glossina palpalis, und zwar allein durch 
den Stich dieser übertragen. 




Quellen 
S. 166. - 



— Le Cosmos 1903, Bd. 49, 



L.1 Geographie 1905, Bd. 12, S. 434 

The Lancat 1906, II, S. 7. — Bulletin de la socieie royale beige de 
geographie 1905, S. 305. — Berichte über Land- und Forstwirtschaft in Deutsch- 
Ostafrika 1902, Bd. I, Heft 2. 




ALLGEMEINE ÜBERSICHT 
DER 
VERBREITUNG m SCHUFKMKKHEIT. 

183? verseuchte GebieteKUfWesl- 
•WnkjfeMeniJwsbeiuglithe Angaben I 

C ) 19D6 verseuchte Gehtete 

• 1906 einzelne Falle. 



Quellen: The Lancet 1906, II, S. 7. — Annales d'Hygiene coloni.iles 

1906, S. 126; 1904, S. 277. — Laveran et Mesnil , Trypanosomes 1904, 

S. 318. — Bulletin de l'Academie medecine 1903, Bd. 50, S. 663. 



7. Die geographische Verbreitung dieser Fliege 
in Uganda ist die gleiche, wie die der Schlaf- 
krankheit. 

8. Die Schlafkrankheit ist mit einem Wort 
eine den Menschen treffende Varietät der Tsetse- 
krankheit.'*") 

Diese Forschungsergebnisse stimmen, besonders 



'") Le Mouvement geographique 1904, S. 68 u. 393. 



was den Überträger betrifft, vollständig mit den 
Beobachtungen überein, die eine wissenschaftliche 
portugiesische Expedition in Angola gemacht hat. 
Der Bericht äußert sich dahin: 

1. Die Schlafkrankheit kommt in Orten vor, 
welche an dicht bewachsenen oder mit dichten 
Palmwäldern bestandenen Flußufern liegen. 

2. In allen verseuchten Orten wird Glossina 
palpalis gefunden ; wo die Krankheit fehlt, wird 
auch die Stechfliege vermißt. 

3. Epidemisch tritt die Krank- 
heit nicht mehr in einer Meeres- 
höhe von über 400 m auf. 

4. Glossina palpalis oder eine 
verwandte Spezies kommt in die- 
sen Höhenlagen nicht mehr vor, 
selbst wenn die sonstigen Lebens- 
bedingungen für sie gegeben sind. 

5. Die Schlafkrankheit ist ver- 
schwunden, wo die Palmenwälder 
abgeholzt oder das dichte Ge- 
strüpp durch Zuckerrohr, Baum- 
woll-, Maisfelder usw. ersetzt wor- 
den ist, auch die Stechfliege 
fehlt dort. Aber schon in 2 km 
Entfernung von solchen Kulturen 
kann sie und mit ihr die ver- 
heerende Seuche noch gefunden 
werden.^^} 

Eine Enquete in Westafrika 
ergab, daß die Schlafkrankheit 
hauptsäclilich in beholzten, täler- 
reichen Gebieten an den Quellen 
der Flüsse und an deren oberen 
Läufen vorkäme.'^-) 
Es wurde früher behauptet, daß die 
Opfer der Schlafkrankheit nichts tun, 
als essen und schlafen, bis sie sterben, 
aber diese Angabe der Symptome ist 
etwas zu summarisch. Der Schlaf ist 
nicht ein so hervortretendes Symptom, 
wie nach der Benennung angenommen 
werden muß, die Patienten befinden sich 
in Lethargie und haben Schwierigkeit 
zu stehen, oder eine Stellung beizu- 
behalten, welche Anstrengung erfor- 
dert.^-^) 

Als erste Anzeichen werden für 
Schlafkrankheit angegeben: Starke 
Kopfschmerzen und Zittern der Glieder, 
namentlich der unteren Extremitäten. 
Der Schlaf tritt zu jeder Tageszeit ganz 
plötzlich ein : mitten in der Arbeit entfällt 
das Werkzeug den erschlaffenden Händen. All- 
mählich werden die Leute trotz fortdauernden 
Appetits immer magerer und gehen nach und 
nach ein.^') 

Eine besondere Eigentümlichkeit der Schlaf- 

") Archiv für Schift's- und Tropenhygiene 1906, S. 422. 

'■") Annales d'Hygiene coloniales 1904, S. 27S. 

'') Elioi, The East Africa Protectorate 1905, S. 156. 

'*j Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1900, S. 359. 



N. F. VIII. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



149 



krankheit ist die lange Dauer der Inkubations- 
zeit,''"') im allgemeinen werden 8 — 10 Monate als 
mögliche Grenzen bezeichnet,"") jedoch kommt 
es vor, daß die Krankheit in ihr charakteristisches 
Stadium erst 2, 3, selbst 5 Jahre später eintritt, nach- 
dem die betreffende Person die verseuchte Gegend 
verlassen hat. Nach Corre betrachten sich die 
Eingeborenen von Goree, welche gezwungen sind, 
während einiger Zeit in Gegenden zu verweilen, 
in denen die Schlafkrankheit herrscht, erst sieben 
Jahre nach ihrer Rückkehr außer Gefahr.^'') 

Im allgemeinen lassen sich bei der Krankheit 
drei Stadien unterscheiden : 

I. Das charakteristische Zeichen, daß ein 
Patient von der Krankheit befallen ist, ist ein 
Wechsel im Gesichtsausdruck. Das intelligente 
Aussehen des gesunden Eingeborenen wird durch 
einen müden, schwerfälligen, apathischen Aus- 
druck ersetzt. Bei genauerer Untersuchung findet 
man die Körperwärme erhöht, der Patient klagt 
über Kopfweh, unbestimmte Schmerzen, beson- 
ders in der Brust. 

II. Der Ausdruck nimmt an Müdigkeit zu, der 
Gang ist schiebend. Spricht man mit dem 
Patienten, so erwidert er mit langsamer, schwerer, 
murmelnder Stimme. Die Züge und Hände 
zittern. Das Gesicht ist geschwollen, der Speichel 
läuft aus dem Mund. Der Puls ist lebhaft, die 
Körpertemperatur erhöht. Der Patient sitzt lust- 
los herum und wird mehr und mehr jeder Tätig- 
keit abgeneigt. 

III. Alle geschilderten Anzeichen treten immer 
deutlicher hervor. Der Patient liegt, alles um sich 
vergessend, hilflos auf seiner Matte und stirbt 
allmählich. Die Krankheit dauert im allgemeinen 
6 Monate, oft nur 2 oder 3, selten 12.^') Die 
Krankheit verläuft fast immer sehr chronisch und 
stets tödlich, wobei nicht alle der angeführten 
Erscheinungen beobachtet zu werden brauchen,^") 
und werden als die einzig konstanten Symptome 
der Schlafkrankheit nach der Reihe des Erschei- 
nens bezeichnet; Entzündung der Nacken- oder 
Halsdrüsen, Heißhunger, die Schlafzustände nehmen, 
immer häufiger eintretend, zu, bis der Tod ein- 
tritt. Als weitere, weniger hervortretende Sym- 
ptome werden bezeichnet: Kopfschmerz, Jucken, 
blasenähnlicher Ausschlag. Zuweilen soll Wasser- 
sucht am Hals, Kopf und an den Gliedern auf- 
treten. ^^I 

Die Früh- und Schnelldiagnose, bei welcher 
die mikroskopische Blutuntersuchung auf Trypano- 
somen versagt, ist die Schwellung der Lymph- 
drüsen des hinteren Halsdreiecks, ein konstantes 
Symptom, das schon in den frühen Stadien der 
Trypanosomiasis auftritt und als solches auch den 
Eingeborenen bekannt ist.^'') 



Die Krankheit ist schon seit längerer Zeit in ein- 
zelnen Teilen Westafrikas endemisch und es wurde 
ihrer 1803 zum erstenmal eingehend Erwähnung 
getan, aber es ist die Tatsache wichtig, daß sie 
nicht verheerend war und dieses erst infolge der 
durch das Eindringen der Weißen hervorgerufenen 
Handelsbewegung wurde.'"*) Mit dem zunehmen- 
den Verkehr hat sie sich immer mehr ausge- 
breitet*") und zwar hat diese Krankheit seit den 
letzten 20 Jahren eine ungeheure Ausdehnung 
genommen ; dieselbe folgt ausschließlich den Ver- 
kehrswegen. ") 

Noch im Jahre 1897 war die Schlafkrankheit 
fast ganz auf den unteren Kongo bis Leopoldviile 
beschränkt, seitdem hat sie sich, hauptsächlich durch 
den Flußverkehr auf dem Kassai und Kongo, am 
oberen Kongo (Njangwe) festgesetzt und den 
Tanganika erreicht.*-) Die Gebiete am rechten 
und linken Ufer des Kongo bis zum belgischen 
Posten Nouvel-Anvers, sowie am Ubangi bis zur 
Höhe von Bangi können als die ursprünglichen 
Herde betrachtet werden, denn hier ist die 
Krankheit schon seit längerer Zeit endemisch. *^) 
Ende der neunziger Jahre ist sie nach Angola 
eingedrungen "") und sie hat sich neuerdings in 
Französisch -Kongo nach Loango ausgedehnt. 
Letzteres war in den Jahren 1890 — 1895 noch 
frei, ist aber jetzt sehr verseucht. Sie scheint 
jetzt vorzuschreiten in der Richtung des Ubangi 
und die beiden Küstenprovinzen Loango und 
Mayumba dürften jetzt zwei wichtige Herde für die 
Schlafkrankheit sein.") 

In Uganda wurde die Schlafkrankheit zum 
erstenmal April 1901 entdeckt. Eine Enquete 
ergab, daß die Krankheit in gewissen Teilen von 
Busoga wütete; Ende 1901 dehnte sie ihre Ver- 
heerungen nach Chagone, Uganda und in den dem 
See benachbarten Teilen von Busoga aus.*^) 1905 
hat sie das deutsche Gebiet bei Bukoba erreicht.*'') 

Entsprechend der Verbreitung der Glossina 
palpalis ist auch eine Ausbreitung der Krankheit 
zu erwarten. Auch von den 7 anderen Tsetse- 
arten, kann möglicherweise die Krankheit ver- 
mittelt werden.**) Die Schlafkrankheit befällt 
Schwarze beiderlei Geschlechts, ausgenommen 
Kinder unter 3 Jahren. Die Krankheit dauert 
ohne Unterbrechung das ganze Jahr.*^) 

Die bis vor wenigen Jahren verbreitete An- 
sicht, daß die weiße Rasse vollständig gegen 
Trypanosomiasis eine Immunität besitze, hat sich 
als irrig erwiesen, in den letzten Jahren sind etwa 
1 5 Fälle von afrikanischer Schlafkrankheit bei 



40\ 

1903, S, 



"^) Annale« d'Hygiene coloniales 1904, S. 451/452. 
'*) The N'alure Bd. 69, 1903/04, S. 345. 
'•) Deutsche Kolonialzeilung 1905, S. 369. 
") Annales d'Hygiene coL.niales 1904, S. 282. — Bulletin 
de l'Acadeniie medecine Paris 1903, Bd. 50, S. 663. 

'") Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1906, S. 356. 



Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft Wien 

• 352- 

Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1906, S. 356. 
Deutsche Medizinische Wochensciinft I906, S. 1559. 
Le Mouvenient geographique 1003, S. 592. 
Annales d'Hygiene coloniales 1904, S. 451. 
Ebenda 1906, S. 126. 

I.e Mouvement geographique 1904, S. 393. 
The Lanc-et 1905, II, S. 1740. 

Archiv für Schiffs- und Tropenhygienc 1906, S. 552. 
Le Mouvement geographique 1901, S. 630. 



ISO 



Natunvissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vlir. Nr. lo 



Weißen zu verzeichnen.^") Bei Weißen machen 
sich folgende Anzeichen geltend: 

1. Leichtes Fieber von i — 6, meistens 3 tägiger 
Dauer, nach 8 — lOtägiger fieberfreier Zeit von 
einem neuen Anfalle gefolgt. Diese Erscheinungen 
wiederholen sich jahrelang zunächst unregelmäßig, 
später häufig in Pausen von drei Wochen. 

2. Fehlen des einleitenden Schüttelfrostes, un- 
bedeutende Schweißabsonderung. 

3. Keine erkennbaren organischen Verände- 
rungen, Milz nicht oder nur wenig geschwollen. 

4. Gutes Allgemeinbefinden, nur große 
Schwäche in den Beinen. 

5. Häufig Auftreten von Erythemen gleich- 
zeitig mit dem Fieberanfall. 

6. Als wichtigstes Symptom gesteigerte Herz- 
tätigkeit, Puls selten unter 100, oft 140.^') 

Immerhin ist die Erkrankungsgefahr bedeutend 
geringer als für die Schwarzen, denn die letzteren 
erkranken und sterben zu Hunderten und Tausen- 
den, so daß manche Landstriche vollständig ver- 
öden, so starben vom 30. September 1903 bis 
zum gleichen Datum des Jahres 1904 allein in 
der Provinz Uganda nahezu 40000 Menschen an 
Schlafkrankheit, fast 5 " ^ der Gesamtbevölkerung 
dieses einst blühenden Negerrciches. Das seltenere 
Vorkommen der Schlafkrankheit unter den 
Europäern dürfte in erster Linie darauf zurück- 
zuführen sein, daß diese infolge ihrer Kleidung 
den Angriffen des Insekts eine weit geringere 
Angriffsfläche als die Neger darbieten. 

Die Aussichten, der Tsetsefliege auf unmittel- 
barem Wege zuleibe gehen zu können, sind zur- 
zeit sehr gering, "^'^j jedoch stimmen zahlreiche 
Ansichten darin überein, daß das Insekt sich vor 
der fortschreitenden Kultur zurückzieht.^'') 

Die Versuche, ein Mittel gegen die Krankheit, 
sowohl bei den Tieren, wie bei den Menschen zu 
finden, haben bisher zu einem Ergebnis nicht 
geführt, wenn auch schon gegründete Hoffnung 
vorhanden ist, daß ein Erfolg vermittels ge- 
eigneter Immunisierungs-Methoden erzielt werden 
kann. 

Nach vielen Versuchen glaubt Dr. Schilling in 
der Bekämpfung der Tsetsekrankheit bei Tieren 
sich für folgendes Verfahren entscheiden zu können. 
Jungen kräftigen Rindern wird ein Material ein- 
gespritzt, daß durch eine Reihe von Passagen 
durch Hunde in seiner schädlichen Wirkung auf 
Rinder beträchtlich abgeschwächt ist. Nach 
mindestens 6 Monaten wird die Impfung wieder- 
holt, diesmal mit Lymphe, die von einem natür- 
lich erkrankten Tier nur einmal auf den Hund 
übertragen wird, also stärker ist, als die zuerst 
verwandte. Mehrere auf diese Weise behandelte 
Tiere, die in ein höchst gefährliches Tsetsegebiet 



geschickt waren, wiesen nach ihrer Rückkehr in 
ihrem Blute keine Parasiten auf.^*) Vorerst sucht 
man die Tiere durch Mittel zu schützen, die sich 
auf Eigentümlichkeiten der Tsetse gründen. Was 
nun die letzteren im allgemeinen anbetrifft, so ist 
man sich über diese Eigentümlichkeiten, wie 
Lebensbedingungen, Verhalten usw. durchaus 
noch nicht vollständig im Klaren. Es sind zwar 
einige allgemeine Regeln aufgestellt worden, stets 
wird man aber bei genauerem Zusehen Ausnahmen 
finden und es scheint fast, als ob jede der acht 
Arten ihre besonderen Eigentümlichkeiten hat. 

In betreff des Verbreitungsgebietes im allge- 
meinen sagt die Studie des Dr. Laveran und 
Mesnil ,,Trypanosomes und Trypanosomiases": die 
Tsetse scheint auf das tropische Afrika begrenzt 
zu sein. Man findet sie zwischen dem 13.*' nördl. 
Breite: Senegambien, Chari und vielleicht, wenn 
James Bruce wirklich Tsetse gesehen hat — der 
Grenze des Sudan und Abessiniens und dem 26." 
südl. Breite,^"') die Tsetse ist aber auch in Süd- 
Algerien festgestellt. Eine genauere Begrenzung 
und Verteilung ergibt sich aus der beigegebenen 
Liste und Karte. Die Tsetse bevorzugt innerhalb 
dieses Gebietes die Flußtäler. 

Es mag dieses seinen Grund darin haben, daß 
die Tsetse über eine gewisse Höhe nicht hinaus- 
geht und ferner, daß sie einen gewissen Feuchtig- 
keitsgehalt der Luft beansprucht, diese letztere 
Eigentümlichkeit geht auch aus später zu er- 
wähnenden Punkten hervor, jedoch sind die dies- 
bezüglichen Ansprüche bei den verschiedenen 
Arten verschieden, so berichtet Dr. Schilling aus 
Togo : der Aufenthalt der Tsetse ist ganz beson- 
ders das Ufergebüsch der zahlreichen Bäche und 
Flüsse, doch sind auch auf dem hoch- und frei- 
gelegenen Stationshofe von Atakpame mehrere 
Exemplare gefangen worden,^") und auch Dr. Sander 
gibt die Bevorzugung morastiger und feuchter 
Niederungen nur für die palpalis zu. Was die 
nicht zu überschreitende Höhe anbetrifft, so ver- 
schwindet nach Ansicht Johnston's die Tsetse in 
Höhen über 3000 Fuß = 1000 m Höhe,°*) aber 
Brohez fand in Katanga auf dem sumpfigen und 
sehr wildreichen unbewohnten Plateau zwischen 
Malangale und Lukafu (Katanga) die Tsetse in 
größerer Höhe als 1600 m; diese Höhe bedeutet 
das Maximum der persönlichen Beobachtungen 
von Brohez, jedoch ist die Fliege an verschiedenen 
anderen weniger hohen Stellen, z. B. der Mine 
von Kambone in 1400 m Höhe festgestellt worden. 
Es ist hinzuzufügen,, daß es Ende Juli und die 
Morgentemperatur mehrere Male unter o" im Tal 
des Lafira und in den Schiturnbergen war, was 



^'') Verhandlungen des Kongresses für innere Medizin 

1905. S. 395- 

") Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1904, S. 2S2. 

*-) Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik 
1905, S. 256. 

'') The Skottisb geographica! Magazine 1900, S. 83. 



") Deutsche Kolonialzeitung 1905, S. 185. 

*') Lavaran et Mesnil, Trypanosomes et Trypanosomiases 
Paris 1904. — Bulletin de la societe royale beige de geo- 
graphie 1905, S. 302. — Archiv für Schiffs- und Tropen- 
bygiene 1905, S. 265—266. — Im Archiv für Schifis- und 
Tropenhygiene 190S, S. 41 — 104 habe ich genaue Angaben 
über das Vorkommen der Tsetse veröffentlicht. 

»""I Centraiblatt für Bakteriologie 1902, Bd. 31, S. 455. 

"^j Johnsten, British Central Africa 1S97, S. 377. 



N. F. VIII. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



151 



die Tsetse nicht hinderte, die Reisenden um 7 Uhr 
morgens zu stechen.""] 

Die eigentliche Seeküste scheinen die Tsetscen 
zu meiden, jedoch die verscliiedenen Arten in 
etwas verschiedener Weise, d. h. die eine reicht 
dichter an die See heran wie die andere, fusca, 
auch palpalis sind wenige Kilometer vom Meer, 
morsitans erst 30 — 40 km landein gefunden 
worden."") Unbewohnte, warme, feuchte und 
niedrige .Alluvialstrecken, mit Wald oder Strauch- 
vegetation bestanden, sind ihr bevorzugter Aufent- 
halt,"') besonders kommen die Tsetseen vor in 
dichterem oder lichterem Baum- oder Buschbe- 
stand. "-) In allen offenen Gebieten und beson- 
ders in felsigen Strecken verschwindet die Tsetse, '"'■') 
besonders die offene sonnendurchglühte Steppe 
meiden alle Tsetsearten in solchem Grade, daß 
sie selbst in der parkartigen Steppe nur in un- 
mittelbarster Nähe der Horste und Gehölze ge- 
funden wurde, auf den offenen Blößen fehlen. 
Nach Ansicht Mancher zieht sie ganz besondere 
Bäume vor."*) 

Tatsächlich ist durch Abholzen am Fuß des 
Usambaragebirges die Tsetse aus jener Gegend 
vertrieben worden."") Die Fliege geht niemals 
auf die sandigen Gegenden, auch nicht in grasige 
Ebenen, selbst wenn die Gräser hoch und ver- 
wirrt sind. Der Beobachter hat sie nicht ge- 
funden in den Bananen-Anpflanzungen."") 

Aber auch in diesem Punkte finden sich Aus- 
nahmen, denn wir haben gesehen, daß in Atak- 
pame auf dem freigelegenen Stationshofe Tsetsen 
gefunden wurden. In ganz Uganda ist die Ver- 
teilung die gleiche wie gewöhnlich, aber in 
Busoga findet man sie im Innern der Erde, ohne 
daß man die physischen Faktoren hat feststellen 
können, welche sie veranlaßt hat, ihre Wohnungs- 
verhältnisse zu ändern;"') es handelt sich in 
diesem Fall um palpalis. 

Nach Johnsion hat das Insekt einen großen 
Widerwillen gegen Wasser und einen noch 
größeren gegen die Anhäufung mensclilicher 
Wohnungen. Die Folge ist, daß die Möglichkeit 
besteht, Pferde und Rindvieh die F'lüsse aufwärts 
zu befördern, ohne die große Gefahr eines Stiches 
zu befurchten, indem man sie auf den Schiffen in 
der Mitte des Stromes hält. Sie sind ebenso 
vollständig sicher in der Mitte einer Kollektion 
Hütten oder irgendeiner Stadt. "*} Auch diese 



50^ 

1905, S, 

S. 62. 
Schiffs- 

631 

Monde 



85) 

Nr. 51, 

o6^ 

") 



Bulletin de la societe royale beige de geographie 

307- 

Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1905, S. 267. 
Österreichische Monatsschrift für den Orient i S96, 

Deutsches Kolonialblatt 1905, S. 876. — Archiv für 

und Tropenhygiene 1905. S. 193- 

Le Cosmos 1903, Bd. 49, S. 165. — A Travers Le 

1S99, I. S. 88. 

Arcliiv für Schiffs- und Tropenhygiene 190>, S. 270. 

Deutsche medizinische Wochenschrift 1906, Beilage zu 

S. II. 

La Geographie 1903, Bd. VIII, S. 401. 

Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene I905, S. 268. 

Johnston, British Central Africa X897, S. 37S. 



Eigentümlichkeit tritt nicht bei allen Arten gleich 
hervor, sie mag vorhanden sein bei morsitans und 
fusca, ist es aber nicht bei palpalis. Die letzteren 
scheuen das Wasser des Victoria Njansa nicht"') 
und ebensowenig die Dörfer usw., denn vom 
Kongo, wo es sich um palpalis handelt, wird be- 
richtet, daß die Fliege den Piroguen ganze Stun- 
den lang folgt und daß sie häufig in den Dörfern 
der Eingeborenen sei."") 

In gleicher Weise finden wir Ausnahmen bei 
der Feststelhmg, daß die Fliegen nur bei Tage 
schwärmen und stechen, so ist z. B. festgestellt, 
daß fusca auch des Nachts sticht.'") Johnston 
sagt in bezug auf diesen Punkt: „Eine andere 
sehr wichtige Tatsache ist, daß die Tsetse nicht 
in der Nacht sticht, deshalb, wenn ein von der 
Tsetse beherrschter Strich durchwandert werden 
muß, geschieht das am besten in der Nacht und 
zwar während des Mondscheins. 

Ebenso wie in allen anderen Punkten stehen 
auch den allgemeinen Regeln über die von der 
Fliege bevorzugte Temperatur Ausnahmen gegen- 
über. Im allgemeinen sind die Glossina auf die 
wärmeren Länder beschränkt, die innerhalb des 
Wendekreises liegen, also die Tropen, jedoch 
liegen Ausnahmen vor und diese dürften noch 
über 14" hinausreichen nach Timbiiktu und zum 
äußersten Süden von Oran. Welche Arten dies 
sind, ist nicht berichtet.") 

Alle Gegenden sind so warm, daß die Tem- 
peratur auch in den kältesten Nächten noch 
mehrere Grad über dem Nullpunkt bleibt. '') Die 
wissenschaftliche Mission von Katanga fand aber 
Tsetsen bei einer Morgentemperatiir unter o".^®) 

Was die Jahreszeit anbetrifft, so ist die Zahl 
der Fliegen in der Trockenzeit erheblich einge- 
schränkter, als in der Regenzeit.'-) Ja, sie kann 
in der trockenen Zeit vielerorts ganz verschwinden 
oder wenigstens so in der Zahl zurückgehen, daß 
es praktisch einem völligen Verschwinden gleich 
kommt. Eingehende Angaben erhielt Dr. Sander 
in Muhera: die Tsetse sei hauptsächlich und in 
großer Zahl in den Monaten Juni, Juli, August 
und September in der Umgegend, im Oktober 
bis November nur in geringer Zahl, im Dezember 
bis Januar gar nicht, im Februar gäbe es, je nach- 
dem schon Regen gefallen oder nicht, einige 
wenige, im März, April und Mai kämen sie mit 
dem Regen, d. h. also sie fangen an in der 
Regenzeit aufzutreten, vermehren sich in dieser, 
halten dann einige Monate aus und verschwinden 
aus einer noch festzustellenden Ursache mit der 
steigenden Sonne und Trockenheit.''') 

Die Tsetsen kommen innerhalb ihres Ver- 
breitungsgebietes keineswegs überall da vor, wo 



"') Comptes Rendus de l'Acaderaie des Sciences Paris 
1905. II, S. 929. 

™') Archiv für Srhiffs- und Tropenhygiene 1906, S. 35. 

") Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene 1905, S. 265 
bis 266. — Dr. Sander, Die Tselscn. 

") Ebenda S. 268. 

'•') Beiträge für Kolonialpolitik 1903/04, Bd. 5, S. 57. 



152 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. 10 



Höhenlage und Temperatur es zulassen, sondern 
nur an recht eng begrenzten Örtlichkeiten, von 
den Engländern als fly belts (Fliegengürtel) be- 
zeichneten größeren oder kleineien, oft wenige 
hundert Meter breiten Flächen, zwischen denen 
breite, völlig tsetsefreie, Striche liegen.'-') 

So berichtet Merensky, daß die Tsetse (morsi- 
tans) sich am Limpopo immer an bestimmten 
Orten aufhalte, in gewissen Bergen oder in ge- 
wissen Tälern. In manchen Gegenden ist sie 
vorgerückt, seit man sie beobachtet, in anderen 
hat sie sich zurückgezogen. 

Im Pedilande war das Tal am Steelportfluß 
voller Tsetsen, neben diesem Fluß, 2 — 5 Meilen 
von ihm entfernt, zieht sich das von den Bapedi 
dicht bewohnte Land am Fuß des Leoluge- 
birges hin, hier weidet Rinderherde an Rinder- 
herde, die Tsetse aber bleibt in ihren Büschen, 
die Viehstationen sind oft dicht am Tsetsestrich, 
es wird nur den Hirten gesagt, wieweit sie 
weiden dürfen und das Vieh ist sicher."'') Dr. Sander 
vermochte jedoch im Hinterland von Tanga der- 
artige Fliegengürtel nicht festzustellen "') und im 
östlichen Teil von Britisch - Ostafrika zeigt die 
Tsetse Neigung zum Wandern, so daß sich auf 
der Karte keine Grenze angeben läßt, für das 
Gebiet innerhalb dessen man mit Sicherheit dar- 
auf rechnen könnte sie anzutreffen."") 

Schon seit längerer Zeit sind Mittel gesucht 
worden, um sich gegen die Tsetse zu schützen, 
einige haben schon Erwähnung gefunden. Living- 
stone erzählt von einem Chef, nach dessen Be- 
hauptung man Rinde und Wurzel einer Pflanze 
nehmen, ein Dutzend Tsetsen hinzufügen und das 
Ganze zerstam])fen müsse, man verwandle es so in 
Pulver und reiche es dem Tier. Der Rest der Pflanze 
dient zur Beräucherung des Tieres. Der Sohn 
dieses Chefs sagte, daß dieses Mittel verschiedene 
Rinder gerettet hätte, andere starben, es ist also 
nicht vollkommen.") In der botanischen Station 
in Zomba im Tal des Schire sind weitere Ver- 
suche gemacht worden, vorerst ohne Erfolg. Man 
kann die Aversion ausnutzen, die die Tsetse gegen 
starke Gerüche im allgemeinen beweist und gegen 
Exkremente im besonderen. Man hat beobachtet, 
daß es nach Erlegung einer Antilope, um sich 
von der Tsetse zu befreien, die buchstäblich Wild 
und Jäger bedecken, nur nötig ist, den Bauch 
des Tieres aufzuschlitzen und die Plingeweide zu 
öffnen. Die Insekten verschwinden sehr bald. 



Ebenso soll man die Angrifife der Fliegen völlig 
verhindern können, indem man die Tiere an- 
streicht mit einer Mischung von Kuhmist und 
Petroleum. 

In Uganda hatten zwei Offiziere die Idee, ihren 
Pferden beim Durchzug durch die gefährdete Zone 
eine Strohdecke aufzulegen, über welche ein in 
Petroleum und Jodoform getauchter StofT ge- 
breitet wurde. Die Strohdecke sollte nur die 
Stoft'decke an der Berührung mit der Haut des 
Pferdes hindern. Auch ein Beschmieren der Tiere, 
die durch ein von der Tsetse beherrschtes Gebiet 
hindurchgeführt werden sollen, mit einer Mischung 
von weichem Kuhmist und Milch wird emp- 
fohlen.'**) Die Buren suchen ihre Zugochsen da- 
durch zu schützen, daß sie nur des Nachts reisen 
und am Tage möglichst auf waldfreien Flächen 
rasten. Einzelne Elefantenjäger sollen ihre Pferde 
erfolgreich bewahrt haben, indem sie die Tiere 
mit einem den ganzen Körper deckenden Überzug 
versahen, der nur die Beine frei ließ. Erfahrungs- 
mäßig soll nämlich die Fliege die unteren Ex- 
tremitäten verschonen. Ein beachtenswertes Ver- 
fahren wenden die Barotheneger von Zambesi an, 
um eine Immunität gegen die Tsetse zu erzielen. 
In einer ihrer Hauptjagdgegenden am Euandofluß 
existiert die Fliege. Hierhin bringen die Jäger 
die trächtigen Hündinnen und lassen sie von der 
Tsetse stechen. Ist die Zeit richtig gewählt, so 
geht das Muttertier ein, nachdem es geworfen hat 
und der Wurf ist immun und zur Jagd in Tsetse- 
gegenden für immer zu gebrauchen.'") 

Kälber, die noch an der Mutter saugen, sowie 
Hunde, die ausschließlich mit Wildbret genährt 
werden, haben nicht unter der F"liege zu leiden; 
Dr. Sander glaubt jedoch nicht, daß die jungen 
säugenden Tiere unempfindlich sind.**") 

Die Masai, die glauben, daß die Tsetse ihren 
Rindern nur gefährlich sei, wenn sie diese in die 
Zungenspitze steche, versuchen durch Ausbrennen 
der gestochenen Stelle Heilung herbeizuführen, 
jedoch ist der Erfolg sehr fraglich. **!) In Britisch- 
Ostafrika ist die Zahl der an Nagana eingegangenen 
Tiere dadurch wesentlich herabgemindert worden, 
daß die Ugandabahn Viehwagen eingestellt hat, 
deren sämtliche Öffnungen durch undurchlässige 
Gazefenster geschlossen sind.*"-) 



'*) Merensky, Beiträge zur Kenntnis Sudafrikas, S. 23. 

"■) Beiträge zur Kolonialpolitik 1903/04, Bd. 5. 

'") Rundschau für Geographie und Statistik 1901, S. 477. 

'') Le Mouvement geographique 1899, S. 509. 



"*) Le Cosmos, Bd. 49. — A Travers Le Monde 1899, 
S. 88. 

'») Deutsches Kolonialblatt 1901, S. 876. 

'") Insektenbörse 1903, S. 68. 

*') Merker, Die Masai 1904. 

'^^) Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik 
1901, S. 477. 



Gegend bzw. Volk 

Fulbe 
Hausa 
Kaanurisch 
Mombettu 



tsillan 
kudengiwa 
kiyi komagen 
nezze 



Benennung der Tsetse-Fliege. 

Benennung Quelle 

Passarge, Adamaua, S. 301. 



Casati, Zehn Jahre in Aquatoria, 1891, S. 220. 



N. F. VIII. Nr. lo 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



153 



Gegend bzw. Vüllv 



Seiiiiaar 



Sennaar 

Galla 

Niam-Niam 



Benennung 

allgemein surreta, mit diesem Na- 
men wird nicht nur eine Kliegen- 
art bezeiclinet, sondern deren 
mehrere. Die größte, gefürch- 
tetste und am allgemeinsten als 
Surreta bezeichnete .Art ist eine 
Pangonia 

yoharu 

tseu 

debau (?) 



.Am Tsad-Sce bodjene 

In der Gegend des Fort Lamy (Chari) bodjani 

In der Gegend von Say taon 

.An der TogoUUste adjoe 

Bei den Batoka ndoka 

Distrikt NouvcUe Anvers etuna 



In Katanga 




kisembe, kasembelc 


Bei den Wa-Bemba und Ba c 


hira 




südlich des Moero 




kisembe 


Bei Lotoi 




kazembe 


Zulu 




enzueze ana oder isiba 


Die Magandja im Süden des Nyassa, 




die Maravis, die Anguins, 


die 




Mpeseni 




kamzemba 


Die Y.aos 




meniba 


Die Magadja des Südens 




mamba, mzeba oder bubula 


Die Ufervölker des Zambesi 


bis 




hinauf zum 2. Katarakt 




pepsi 


In Usagara 




kipanga 


.Am Viktoria-See 




bibu 


In Muheza, Deutsch-Ostafrika 




sofuro 



Quelle 

Martmann , Reisen des Freiherru von Barnim in 
Nordostafrika, 1863, Anhang, S. 43. — Mitteilungen 
der Geographischen Gesellschaft, Wien 1876, S. 352. 



Bei Kilwa, Deutsch-Ostafrika 



kipanga msagabu 



Globus I8ü8, Bd. 13, S. 168. 

n 

Ilartmann , Reisen des Freiherrn von Barnim in Nord- 
ostafrika, 1S63, Anhang, S. 43. 

La Geographie 1904, S. 352. 

Annales d'Hygiene coloniales 1904, S. 278. 

Ebenda 1905, S. 200. 

Zentralblatt für Bakteriologie 1901, Bd. 30, S. 551. 

Le Mouvcment geographique 1 892, S. 27 — 28. 

Comptes Rendus de l'Academie des Sciences, Paris 
1905, II, S. 929. 

Bulletin de la societe beige de geographie 1905, S. 302. 

Bulletin de la societe de geographie d'Anvers 1900, S. 454. 
11 11 „ S. 462. 

Foa, Vom Kap zum Njassa. 

Le Mouvemcnt geographique 189S, S. 480. 

Insektenbörse 189S, S. 276. 

Revue scientifique 22. X. 189S. 

Harlmann, Reisen des Freiherrn von Barnim in Xord- 
ostafrika 1863, Anhang S. 42. 

Deutsches Kolonialblatt 1903, S. 554. 

Beiträge zur Kolonialpolitik 1902/03, Bd. 4, S. 543. 

Berichte über Land- und Forstwirtschaft in Deutsch- 
Ostafrika 1903, Bd. I, S. 342. 



(Senegal) 



Gegend bzw. Volk 
In Loanga und Bangala 
Die Pahouin (Frz. Kongo) 
Jolüf \ 

Bambarra I 
Bei den FuUah 
Bei den Soussou 
Bei den Lobis 
In Rio Nunez 
In Wolof 
In Malinke 



Benennung der Schlafkrankheit. 

Benennung 



kulaba 

auyo 

netawan 

sonorhodini 

leke, sogolo 

sogore khikolikondi 

kanguru 

bole 

nelavan 

kuru 



Quelle 
Le Mouvement geographique 1903, S. 591. 



Annales d'Hygiene coloniales 1904, S. 278. 



Kleinere Mitteilungen. 

Bastardierung von Flußbarsch (Perca fluvia- 
tilis L.) und Kaulbarsch (Acerina cernua L.) 
von Paul Kammerer (Arch. f. EntwickUings- 
mechanik d. Org. Bd. 23, Heft 4, Leipzig 1907). 
Nachdem Kammerer bereits durch Experimente 
und langjährige Züchtungen von Salamandra atra 
und maculosa (Kammerer: „Beitrag zur Erkennt- 
nis der Verwandtschaftsverhältnisse von Salamandra 
atra und maculosa" im Archiv für Entwicklungs- 
mechanik d. Org. Bd. 17, Heft 2 und 3, Leipzig 
1904, und „Vererbung erzwungener F"ortpflanzungs- 
anpassungen, i. und 2. Mitteilung: Die Nachkom- 
men der spätgeborenen Salamandra maculosa und 
der frühgeborenen Salamandra atra" im Arch. für 
Entwicklungsmechanik der Organismen Bd. 25, 



Heft I u. 2) unsere Kenntnis von der Vererbung, 
in diesem Falle speziell erworbener Eigenschaften, 
erheblich gefördert hat, liegt neuerdings wiederum 
eine wichtige Arbeit aus dem Gebiete der Ver- 
erbung von ihm vor. 

Es waren mehrfach in der Donau Fische be- 
obachtet worden, welche in ihrem Habitus sowohl 
dem Fluß- als auch dem Kaulbarsch ähnlich 
waren, so daß die Vermutung nahe lag, es möchte 
sich um Bastarde der beiden Arten handeln. Um 
dies sicher zu stellen, und um zu erforschen, wie 
die Verteilung der väterlichen und mütterlichen 
Eigenschaften, — hier natürlich rein morphologisch 
— auf die Kinder sich verhalte, wurde künstliche 
Bastardierung von Fluß- und Kaulbarsch erfolg- 
reich versucht. Es gelingt die künstliche Be- 
samung bei diesen Formen leicht; man streift den 



154 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. lo 



geschlechtsreifen Tieren die Genitalprodukte ab 
und vermischt sie in einer Schale miteinander. 
Es ließ sich so die künstliclie Besamung sowohl 
bei Flußbarsch i und Kaulbarsch ? als auch bei 
Kaulbarsch 5" und Flußbarsch 5 leicht erreichen, 
und auch der .Aufzucht der jungen Brut stellten 
sich keine erheblichen Schwierigkeiten in den 
Weg. Die Mischlinge zeigten dieselben Formen 
wie die im Freien eingefangenen Tiere. 

Die Kreuzung ergibt fruchtbare Bastarde: die 
Bastardweibchen lassen sich jederzeit mit den 
Männchen beider Stammarten wiederum fruchtbar 
kreuzen. 

Fi ußbarsch weibch en, mit Kaulbarsch- 
männchen gekreuzt, ergeben Bastarde, bei 
denen väterliche und mütterliche Eigenschaften 
im äußeren Habitus etwa gleichstark vertreten 
sind. Kreuzt man dagegen Kaulbarsch Weib- 
chen mit Flußbarschmännchen, so resul- 
tieren daraus Formen, welche zwar auch die ge- 
mischten Charaktere der Stammeltern aufweisen ; 
doch prävalieren bei diesen Bastarden häufig die 
mütterlichen, also die Kaulbarsch Charak- 
tere. Werden diese so entstandenen Formen dann 
wieder mit Kaulbarsch männchen gekreuzt, 
so entstehen Tiere, welche dem Kaulbarsch 
gleich sind. Bei Rückkreuzung jedoch mit 
Elußbarschmännchen werden die Fluß- 
barschcharaktere wieder deutlicher. 

Die Mischlinge zeigten eine höhere Variabilität 
als die Stammformen ; auch wuchsen sie schneller 
als diese. Die VVachstumsgeschwindigkeit im 
ganzen hängt von der Temperatur ab: die jungen 
Pereiden wachsen bei höherer Temperatur schneller, 
bei niedrigerer Temperatur langsamer. 

M. Zuelzer. 



Eine Entgiftung des Leuchtgases könnte 
durch Beseitigung des in ihm zu 8 bis lO"/,, 
enthaltenen Kohlenoxyds erreicht werden. Es 
wäre gewiß erfreulich und von hoher praktischer 
Wichtigkeit, wenn es gelänge ein zu diesem Ziele 
führendes Verfahren technisch so weit durchzu- 
bilden, daß es ohne wesentliche Verteuerung im 
großen gleich in der Gasanstalt vorgenommen 
werden könnte. Vorläufig ist dazu der erste 
Schritt getan, indem Vignon nach einer der 
Pariser Akademie gemachten Mitteilung drei Me- 
thoden angegeben hat, durch die das Leuchtgas 
vom Kohlenoxyd befreit werden kann. Die erste 
dieser Methoden, über die wir nach der Zeitschrift 
,, Neueste Erfindungen und Erfahrungen" (1909, 
Heft 2) berichten, besteht darin, daß man nach 
einem Vorschlage von Sabatier und Lenderens 
das Leuchtgas bei 250** C über fein verteiltes, 
frisch reduziertes Nickel leitet, nachdem man es 
zuvor vom Benzol und Schwefelverbindungen be- 
freit hat. Das Kohlenoxyd verwandelt unter kata- 
lytischer Einwirkung des Nickel sich dann in 
Methan nach der Gleichung CO -\- 3 H., = CH^ 
-\- HjO. Es könnte bei diesem Prozeß vor der 



Nickeleinwirkung dem Leuchtgas sogar noch etwa 
ein Fünftel Wassergas beigemischt werden, das 
durch die Umwandlung seines COGehalts gleich- 
falls seine Giftigkeit verlieren würde. 

Eine zweite Methode besteht darin, daß das 
von Benzol gereinigte Gas bei hoher Temperatur 
(ca. looo") über verschiedene Eisenoxyde streicht, 
wobei das CO größtenteils in CO., verwandelt 
wird. 

Endlich gestattet eine dritte Methode, das 
Kohlenoxyd bei gewöhnlicher Temperatur durch 
eine salzsaure oder ammoniakalische Kupferchlorür- 
lösung zu absorbieren. Kbr. 



Vereinswesen. 

Deutsche Gesellschaft für volkstümliche Na- 
turkunde (E.V.). — Am Mittwoch, den 28. Ok- 
tober, sprach im Hörsaal VI der Königl. Land- 
wirtschaftlichen Hochschule Herr Dr. M. Grüner 
über: Island, Erinnerungen von einer 
naturwissenschaft liehen Studienreise. 
Er behandelte, unterstützt durch zahlreiche farbige 
Lichtbilder nach eigenen Aufnahmen, in seinem 
Vortrag eine gemeinsam mit dem Dänischen Orni- 
thologen R. Hörring in Begleitung eines Präpara- 
tors zu botanisch-zoologischen, sowie boden- 
kundlich-landwirtschaftlichen Studien unternom- 
mene, viermonatliche Studienreise durch das Nord-, 
Ost- und gesamte Südland Islands. 

Der Vortr. gab als Einleitung eine geographi- 
sche Übersicht über Island, die große Nachbarinsel 
Grönlands. Island ist mit seinen rund lOOOOO qkm 
= 1900 Quadratmeilen = etwa dem Areal Süd- 
deutschlands die zweitgrößte Insel Europas, besitzt 
jedoch eine im Verhältnis zu seiner Ausdehnung sehr 
geringe Bevölkerungsdichte: 80000 E. gegenüber 
rund 8 Mill. des etwa gleicharealigen Süddeutsch- 
land. 

Die Ursache hierfür liegt außer in der Rauheit 
des Klimas in der ziemlich geringen Ausdehnung 
des als Weideland für das Vieh nutzungsfähigen 
Landes = rund höchstens ''3 der Gesamtfläche. 
Die beiden anderen Drittel sind nämlich Gletscher, 
öde Lavagebiete und unfruchtbare Sand- und Ge- 
röllflächen. 

Das Klima ist jedoch in Anbetracht der hohen 
nördl. Breite (unter dem 65 * n. Br.) und der Nähe 
Grönlands (300 km) noch verhältnismäßig mild und 
ohne die spezifischen Eigentümlichkeiten des ark- 
tischen Klimas. Das Jahresmittel, in unseren 
Gegenden etwa 9" C, ist in Südisland rund 3", in 
Nordisland etwa + V," C. Klimatisch und bio- 
logisch (Baumwuchs, Insektenarmut !) besonders 
wichtig ist die sehr geringe Sommerwärme 
(Deutschland im Juli zwischen 17 und 19", Island 
ca. 10"). Die Niederschlagsmengen sind sehr 
beträchtlich, doch für die einzelnen Gegenden 
verschieden: im Ostland (Berufjord) 11 15 mm, 
im Nordland erheblich geringer. Auf der Insel 
Grimsey nur 373 mm. Bei uns in Deutschland 



N. F. VIII. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



155 



rund 500 mm. Nordisland ist wegen des bestän- 
digen Klimas im Sommer für Expeditionen ge- 
eigneter als das bis jetzt bevorzugte regen- und 
nebelreiche Südwestland. Der isländische Sommer 
(Juni bis Ende August) entspricht etwa unserem 
deutschen Mai. In Hochgebieten hat man jedoch 
auch im Sommer Schneefälle bzw. -Stürme und 
Fröste zu erwarten. 

Die reichlichen Niederschläge bedingen und 
erklären die gewaltigen Gletscher Islands. Der 
Niederschlagshöhe entsprechend liegen die be- 
deutendsten im Süden, z. B. der rund 8000 qkm 
große VatnajökuU (= VVassergletscher, wegen der 
zahlreichen von ihm gespeisten, durch Gletscher- 
delritus milchig getrübten Schmelzwasserströme, 
Flüsse und Rinnsale). 

Im Gegensatz zu den alpinen Gletschern, deren 
Firnfeld klein ist und deren Hauptteil der in die 
Täler herunterreichende Eisstrom darstellt, ist das 
Firnfeld der isländischen Gletscher analog der 
grönländischen Inlandeisbedeckung mächtig ent- 
wickelt. Dagegen sind die den alpinen Gletschern 
entsprechenden Gletscherzungen (isl. pl. Skrid- 
jöklar = Schreitgletscher, da sie vom ruhenden 
Firnfeld vorwärtsschreiten) der Zahl und Mächtig- 
keit nach unbedeutend. 

Die Milde des isländischen Klimas beruht auf 
dem, besonders das West- und Nordland im Sinne 
des Uhrzeigers umfließenden Golfstrom, der die 
Insel bekanntlich auch mit dem ihren Bewohnern 
nützlichen Treibholz versorgt und für Island eine 
Art Warmwasserheizung darstellt. Andererseits 
führt ein an der Ostküste Grönlands in südwest- 
licher Richtung ziehender kalter Polarstrom in 
den Monaten Februar bis April fast regelmäßig 
grönländisches Treibeis in die Buchten des Nord- 
landes. Nur jedes fünfte Jahr ist eisfrei. Meist 
schwindet und schmilzt dieses „hafis" gegen Juni, 
bleibt jedoch in ungünstigen Jahren einen großen 
Teil des Sommers in den Pprden liegen und 
blockiert dann die Nordküste. Dann kann das 
Gras nicht wachsen. Die Heuernte schlägt fehl, 
es gibt ein hallaerisär (spr. haddleirisär = Not- 
standsjahr). Viele Schafe müssen aus Futter- 
mangel geschlachtet werden. Gibt auch der 
Fischfang unbefriedigende Erträge, der besonders 
in Westisland einen Haupterwerbs- und -Nähr- 
zweig darstellt, so tritt gelegentlich bei unserem 
germanischen kleinen Brudervolk dort oben im 
hohen Norden bitterste Hungersnot ein. 

Die Reise des Vortr. erfolgte ab Kopenhagen 
via Edinburg-Leith mit Station auf den Faröern. 
Sie dauert auf den kleinen, aber seetüchtigen und 
gut eingerichteten Dampfern der Hauptlinie 
(Forenede-Dampskibs-Selskab) 10 Tage. (Einfache 
Fahrt 1. Klasse 65 Kr., Verpflegung ä Tag 4 Kr., 
I Krone = 1,10 Mk.) Erster angelaufener Hafen 
auf Island war Fäskrudsfjord im Ostland. Über 
Eskifjord (Doppelspatmine; Walstation, deren 
Island 12 besitzt, meist im Besitz von Norwegern), 
Seydisfjord (atlantischer Telegraph und großer 
Fischerplatz) wurde Akureyri (1200 E.), die 



Hauptstadt des Nordlandes erreicht. Sie liegt im 
Innern des Eyjatjordes, der nach der Richtung 
überall bemerkbarer Gletscherschrammen durch 
Glazialerosion entstanden ist. Akureyri ist Zentrale 
für die in den nordisländischen Gewässern von 
Norwegern betriebene bedeutende Heringsfischerei. 
An den Fjordufern sind verschiedene wichtige 
Warpen = Brutplätze der Eiderente (Somateria 
moUissima L.), eines halbzahmen, gesetzlich streng 
geschonten Vogels. Sie brütet am liebsten in 
Flußdeltas auf buschbewachsenen Inseln (Schutz 
vor dem auf Island häufigen und namentlich den 
Schafen gefährlichen Polarfuchs). Die Eiderente 
bevorzugt besonders die F"lüsse, die in seichte 
Meeresbuchten münden, da die auf dem Bucht- 
grund sich findende Miesmuschel ihre Haupt- 
nahrung bildet. Die Eiderente ist Lieferant der 
wertvollen Dunen, die sich das Weibchen zur Nest- 
bereitung auszupft und die ein wichtiges isländisches 
Handelsprodukt darstellen. Nach beendeter Brut 
werden die Dunen gesammelt. 30 Nester liefern 
I Pfd. Dunen ä 10 — 16 Kr. Unter den vielen 
Feinden der Eier und Jungen seien besonders ge- 
nannt Larus marinus L. = Mantelmöve (isl. 
svartbakur ^^ Schwarzrücken), Haliaetus albicilla = 
Seeadler (daher auf Island fast ausgerottet) und 
der isländische Falk (Wappentier des Landes), 
deren Vernichtung systematisch befördert wurde 
durch die Aedarraektartjelag (spr. Eisarreiktarfjelag) 
= EiderentenzuchtGesellschaft, jetzt leider ein- 
gegangen. 

Erstes und längstes Standquartier wurde am 
Myvatn (Mückensee) genommen, 2 Tagereisen zu 
Pferd östlich vom Akureyrider Weg zum Mücken- 
see führt vorbei an dem Walde zu Hals (spr. 
Hauls), dessen Bäume höchstens 7 — 8 m Höhe 
erreichen. Charaktervögel des Waldes sind 
Anthus pratensis, der Wiesenpieper, und Linaria 
linota, der Birkenzeisig. 

Vor der Besiedelung Islands durch die Nor- 
mannen 874 war die Insel an der Küste und be- 
sonders in geschützten Fjordtälern mit dichtem 
Buschwald bedeckt, in dem sich das Vieh der 
Ansiedler oft genug verirrte und mit Mühe oder 
gar nicht wiedergefunden wurde. Die jetzigen 
„Wälder" Islands sind im Vergleich zur früheren 
Ausdehnung winzig. Gründe des Waldunterganges 
sind in erster Linie Schafverbiß, Brennholzschlag, 
Schmiedefeuer für Eisengewinnung und Werk- 
zeugreparatur (Sensenschneiden in Schmiedefeuer 
gerade geschmiedet), gelegentlich auch Raupen- 
fraß. Unter den 33 isländischen Schmetterlings- 
arten findet sich übrigens kein Tagfalter. Be- 
mühungen der isländischen Regierung um Erhal- 
tung der Waldreste anerkennenswert. Der Zug zum 
Mückensee führt durch ausgedehnte Heideflächen 
vom Typus etwa der nordwestdeutschen Heid- 
flächen. Hauptgewächse Betula nana und polaris, Em- 
petrum nigrum. An Berghalden Silene acaulis, isl. 
Lambagras, da Blüte in die Lämmerwurfzeit fällt 
und Dryas octopetala, isl. Rjüpnalauf = Schneehuhn- 
laub, da Laub im Winter wichtigste Nahrung der 



156 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. lo 



Schneehühner. Charaktervögcl der isländischen 
Heiden (isl. Mor; Flächen vom Charakter unserer 
Moore heißen isl. Myri) außer Schneehuhn beson- 
ders Goldregenpfeifer, isl. 16a, und Brachvogel 
Numenius phieopus, isl. spüi. 

Der Myvatn = Mückensee, 24 qkm, zweit- 
größter See Islands, ist sehr flach. Sein Grund, 
aus grauem, zähem, tonigem Schlick bestehend, 
ist überall zu sehen (3 — 7 m, an vielen Stellen 
besonders im Nordteil viel seichter). Der See, 
früher von größerer Ausdehnung, wurde durch 
Lavaströme stark eingeengt. Fr rechtfertigt seinen 
Namen am Nordende speziell in Reykjahlicl 
(Bauerngehöft, wo der Vortr. sehr freundliche 
Aufnahme fand), dem Standquartier des Vortr., 
wenig. In den westlich und südlich des Sees ge- 
legenen Sümpfen werden dagegen Mensch und 
Tier durch Myriaden von Mücken und kleinen 
Stechfliegen belästigt, die Jagdausflüge (Verein- 
barung mit den jagdberechtigten Hofbesitzern zur 
Vermeidung von Unannehmlichkeiten nötig I) ohne 
Schleier zur Qual machen. 

Das reiche Limnoplankton des Sees ernährt 
zahlreiche Forellen, isl. Silungur, denen in Netzen 
eifrig nachgestellt wird. Hauptrepräsentanten der 
Tierwelt des Myvatn sind mehrere Kntenarten. 
Die zahlreichste und gemeinste Art ist Harelda 
glacialis (isl. Hävella, spr. Hauweddia ^= die in die 
Höhe Singende, Paarungsruf des S)- Demnächst 
zahlreich sind Anas penelope, niger, boscas, crecca 
u. a. Gemein, aber weniger zahlreich als harelda 
ist Aetya marila, Fuligula cristata, Clangula islan- 
dica, Mergus merganser und M. serrator u. a. Im 
Juncus-Röhricht nistet Podiceps auritus, in kleineren 
Teichen am Hauptsee Colymbus septentrionalis. 
Der Schwan erscheint besonders im Winter. Die 
Brutplätze der Enten befinden sich vorwiegend 
auf den zahlreichen kleinen vulkanischen Inseln der 
Mj'vatn. Alle Gehöfte um den See besitzen eine 
Anzahl solcher Fntenbrutinseln, die im Juni und 
Juli reichen Ertrag an Eiern gewähren. Die 
Stengel hoher Archangelica Stauden auf den 
Inseln liefern ein geschätztes, roh verzehrtes Ge- 
müse, das um so höher geschätzt wird, als Vege- 
tabilien auf dem Tisch des Isländers selten sind. 
(Isländisch Moos = Cetraria islandica mit Milch 
zu dicker nahrhafter Grütze gekocht) 

Eigentlicher Ackerbau kann aus klimatischen 
Gründen auf Island nicht mehr getrieben werden, 
wenngleich der Boden allein sich recht wohl dazu 
eignen würde (abnorm hoher Fe.jOg - Gehalt, 
reichlich K.,0, viel TioO.;, wenig CO., und CaO). 
In Notstandsjahren sammelt man die Äiiren des 
Strandhafers, isl. melur ^ Flymus arenarius, beson- 
ders im Süden Islands, und bereitet aus den Körnern 
eine Art Gebäck. Viele Gehöfte besitzen ein 
umhegtes Gärtchen, in dem Kartoffeln, Rüben 
u. a. m. gezogen werden. Ribes- Arten erreichten 
1907, in einem recht kühlen Jahr, auch im Sep- 
tember noch nicht die Reife der Früciite. Die 
Rüben werden in Mistbeeten „vorgezogen", im 
Juni ausgepflanzt. Verdient hat sich in dieser 



Hinsicht gemacht die isländische Gardyrkjufelag = 
Gartenbaugesellschaft. Noch größere Erfolge hat 
die Kultur der Wiesen, isl. = tun, aufzuweisen. 
Rühriges Vorgehen der Raektünarfjelag „Nord- 
urland", geleitet durch ihren wissenschaftlich und 
organisatorisch hochverdienten Sekretär Sigurd 
Sigurdson, zugleich Vorsteher der trefflichen Ver- 
suchsstation zu Akureyri und der Bünadarsköta zu 
Hölar, die sich neben analogen Anstalten Deutsch- 
lands wohl sehen lassen könnten. Island befindet 
sich, wie auf wirtschaftlichem Gebiet überhaupt, 
besonders auch landwirtschaftlich auf einem auf- 
steigenden Ast der Entwicklung, der zu schönen 
Hoffnungen berechtigt. Der Hauptzweig der islän- 
dischen Landwirtschaft ist die Viehzucht, nament- 
lich die Schafzucht. 2 große Landwirtschafts- 
gesellschaften, 4 Landwirtschaftsschulen. Zu jeder 
Farm (Ba?, spr. Bei) gehören einige 100 bis 1000 
Schafe. Manche Kaufleute und Großbauern be- 
sitzen bis zu 30 solcher Höfe. (Ausbildung eines 
„Landdrolf'-Standes im Gegensatz zu einem im 
Entstehen begriffenen, auf Pachtgütern sitzenden 
Bauern Proletariat.) Gefahr auf Island nicht genug 
gewürdigt. 

Die Schafe weiden im Sommer auf Gemeinde- 
bergweiden (afrjettir). Im Herbst (Ende Septem- 
ber) finden Bergfahrten zur Schafsuche (isl. pl. 
fjallgöngur) sowie die Eintreibung in Steingehege 
und die Verteilung der an den Ohren durch 
Schnitte und Kerben , .gemerkten" Schafe an die 
Besitzer statt. (Gedrucktes Merkbuch (Markaskrä).) 
Fremde Schafe werden verkauft und der Erlös 
wird dem aus dem Merkbuch ersichtlichen Besitzer 
übermittelt. Eventuell wird der Besitzer durch 
Zeitungsinserat (17 isländische Zeitungen und 
Zeitschriften) gesucht. Ein erheblicher Schaf- 
export fand nach England statt, besonders vor 
dem den Import beschränkenden Gesetz von 1894. 

Die Rindviehzucht ist nur gering. Durch- 
schnittliche Zahl pro Hof 2 — 6. Das Vieh ist vielfach 
hornlos, von kleiner Rasse, aber sehr reichlich 
milchend. Während es im Sommer auf den 
Weiden, oft auf den Mjri seine Nahrung sucht, wird 
es im Winter mit dem Heu (tada) gefüttert, das 
aus dem umhegten, im Frühling reichlich mit 
Stalldünger überfahrenen Wiesenland (tun), ge- 
wonnen wird. Die Außenwiesen und Außen- 
weiden dagegen werden nicht gedüngt. (Ütengi 
und üthagi ; daher gehen die Erträgnisse immer 
mehr zurück ) Die isländische Viehzucht ist also 
ein Raubwirtschaftsverfahren. 

Die Pferde weiden auf dem dürftigsten Weide- 
land außerhalb des von den Hunden vor dem 
Abweiden durch einbrechende Schafe bewachten 
Tuns. Ihre Zahl auf den Höfen ist sehr groß 
(20 — 30 Stück), ihre Rasse sehr klein, von Esels- 
größe, aber ihre Leistungsfähigkeit unverhältnis- 
mäßig groß. 

Die Küstenanwohner Islands nützen die riesigen 
Vogelberge aus. Einer der größten befindet sich 
auf Grimsey, einer Insel nördl. von Island, doppelt 
so groß wie Helgoland, mit etwa 80 E., die vom 



N. F. VIII. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



157 



Uschfang unJ der Ausbeutuiicr der Vogelberge 
leben. Die Insel besteht aus regelmäßig ge- 
schichteten Basaltbänken mit dazwischenliegenden 
weicheren Tutischichten, durch deren Verwittern 
die zum Brüten benutzten Gesimse entstanden 
sind. Der Hauptvogel ist Ritsa tridaclyla. Die 
übrigen Arten bewohnen je nach .Art bestimmte 
Horizonte des Vogelberges. Mormon fratercula 
brütet in selbstgegrabenen Löchern in der dem 
Basaltgestein auflagernden Rasendecke. Etwas 
tiefer nisten die .Alken, dann folgen die Lummen 
(Uria lomvia, etwa 4 — 5 mal so zahlreich als Uria 
troile, unsere Helgolandsbewohnerin). Unten am 
Strand unter Steinen leben die Theistlummen. 
Zwisclien allen gleichmäßig verteilt findet sich 
Procellaria glacialis. .An der Westküste unter 
großen Felsblöcken trift't man eine kleine Kolonie 
des hocharktischen Krabbentauchers Mergulus 
allee, auf einigen Felspartien am Nordende Kolo- 
nien von Sula bassana. Die Leute lassen sich 
angeseilt am Felsen hinab und nehmen die Eier 
aller .Arten und die Jungen, besonders von Pro- 
cellaria glacialis, die sehr fett sind. Die Jungen 
speien erschreckt ihren Mageninhalt aus, ein aus 
verdauten Crustaceen hervorgegangenes klares, 
gelbliches Öl, das aufgefangen wird und als Speise- 
fett dient. 

Eines der interessantesten Kapitel der Natur- 
geschiclite Islands ist das der vulkanischen Er- 
scheinungen. Das Gebiet des IVlückensees ist 
gerade für diese Studien hervorragend günstig. 
Hinter dem Liparitkegel des am Nordende ge- 
legenen Hlidarfell liegt der Kraterberg Krafla, 
aus dessen Nähe (Rücken des Leirhnügr) 1725 — 29 
gewallige Lavenergüsse z. T. bis in den See statt- 
fanden. Dabei bildete sich auf dem „Lavaschild" 
der Stora Viii (große Hölle) der „Einbruchs- 
kessel" der Lilla Viii (kleine Hölle). Am Ostrande 
des IVlj'vatn liegt der gewaltige, in vorhistorischer 
Zeit entstandene „Explosionskrater" des Hverfjall 
(Thermenberg), aus losen .Aschen und Schlacken 
aufgebaut. Interessante, 10 — 20 m hohe Schlacken- 
vulkane , deren Inneres durch Absturz großer 
Partien nach dem See wie ein halbierter Napf- 
kuchen freigelegt erscheint, finden sich auf den 
Inseln des Myvatn. 

Auch zu Lavastudien bietet die „M^'vasveit" 
(Gegend des Mückensees) gute Gelegenheit. Die 
Ausbildungsform der Plattenlava, der sogenannten 
Helluhraun, wiegt in der unmittelbaren Nachbar- 
schaft des Sees vor. 

Sie ähnelt cum grano salis den Eisschollen 
eines im Eisgang befindlichen Stroms. Ihre 
Schollen liegen also nie horizontal, sondern sind 
in wildem Gewirr kreuz und quer oft dachförmig 
gegeneinander gestellt. An kühlen ."Abenden ge- 
währt ein solches Lavenfeld, besonders das öst- 
lich von Reykjahlid, einen sehr seltsamen Anblick. 
Aus Rissen, die das Lavagebiet durchsetzen, steigen 
dann zarte Rauchsäulen auf, der Dampf heißer 
Quellen. Am Tage verrät sich ihre Lage oft da- 
durch, daß einzelne Seeschwalben (Sterna macrura) 



über ihnen „rütteln", um auf die Mücken und 
Fliegen Jagd zu machen, die sich die üppige 
Vegetation an diesen Quellen zum Aufenthaltsorte 
aussuchten. 

An manchen Stellen befinden sich unter den 
dachartig gegeneinander aufgerichteten Lava- 
schollen auf längere Erstreckungen hin Höhlen, 
entstanden durch VVeiterfluß des Magmas unter 
dem schon verfestigten Schollendach. Sie sind 
gelegentlich die sicheren Zufluchtsorte des viel- 
gehaßten Fuchses (töa). In einer solchen nahe 
der Siöra gjä bei Reykjahlid gelegenen Höhle 
entdeckte Verf die Reste von mindestens 
20 Schafen (Lämmern). 

Erscheinungsformen des rezenten Vulkanismus 
der Umgegend des Myvatn sind schließlich die 
Solfataren, d. h. Schwefelwasserstoffgasquellen des 
Nämufell (= Bergwerksberg wegen der früher in 
dieser Gegend abgebauten Schwefellager) und die 
sogenannten Schlammvulkane an seiner östlichen 
Senke zur Mjvatns Orsefi. 

Der weitere Zug ging durch Myvatnsörsefi = 
Myvatnswüste (Flugsandgebiete mit Elymus 
arenarius und Salix glauca, daher gute Bedingungen 
für Schafzucht l) über die Jökulsa ä fjöllum nach 
Grimstadir und durch eine neue weitausgedehnte 
Wüste nach Mödrudalur, einem der höchsten und 
am weitesten im Innern Islands gelegenen Höfe. 
Im Hintergrund ragte das wie eine Pickelhaube 
geformte Schneehaupt des Heidubreid, und hinter 
ihm in grauem Dunstschleier das Massiv der 
Dyngjufjöll mit der Askja empor. Ein zarter 
weißer Horizontstrich kündigte den Vatnajökule 
an. Durch das Jökuldalur über die Hröarstünga, 
am Lagarfljöt hinauf erreichte die Karawane den 
Halldormstadir-Wald, wo längere Rast gemacht 
wurde. Durch Skriddalur und Breiddalur über 
die Berufjardarskaid gelangte man endlich an die 
Osiküste Islands zum Berufjord. Beim Kauforte 
Djüpivogr in der Nähe des Gehöftes Teigarhorn 
liegt ein Fundort prächtiger Zeolithe. Sie finden 
sich in Hohlräumen eines melaphyrmandelstein- 
artigen Basaltes von schwarzbrauner F'arbe und 
großer Dichte und Härte. Das stellenweise 
pechsteinartig ausgebildete und dann in dicht 
nebeneinanderliegenden Partien rot und grün 
gefärbte Gestein hat durch Basaltgänge, die, in 
großer Zahl, längs der Küste streichend, die 
horizontalen Basaltlagen durchsetzen, kontakt- 
metamorphische Veränderungen erfahren. Der 
abnorme Reichtum des Teigarhorner Basaltes (der 
isländische Basalt enthält übrigens fast allerorts 
kleinere Zeolithdrusen) an ausgeschiedenen Mine- 
ralien steht wahrscheinlich mit diesen Basalt- 
gängen in Beziehung. Es überwiegen in Teigarhorn 
die Zeolithe. Die untersten Partien des Teigarhorner 
Basaltes dicht am Gehöft enthalten Apophyllit, 
der jedoch selten ist, eine etwa mannshoch über 
dem Strand gelegene Partie Desmin in der üb- 
lichen Zwillingsausbildung, diamantglänzenden, 
weißen Stilbit, seltener fleischroten matten Heu- 
landit und Skolezit. 



158 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. lo 



Die obersten Partien am Strande bergen flach- 
gedrücl<te Drusen mit weiß tieftrübem Quarz. Fast 
jeder Hammersciilag des Gesteins der Teigar- 
horner Umgebung fördert das eine oder andere 
Mineral zutage. Am häufigsten ist Milch- und 
Wachsopal, oft in abgerollten Stücken und als 
Gerolle; wenn die Stücke opalisierend sind, werden 
sie von den im allgemeinen ungemein scharf be- 
obachtenden Eingeborenen für edle Opale ge- 
halten und dem Reisenden als Beweise des Edel- 
steinreichtums Islands mit Genugtuung präsentiert. 
Massenhaft ist Chalceden im Gestein eingeschlossen. 
Auch Doppelspat wird gelegentlich gefunden, 
ohne in Durchsichtigkeit und Massenhaftigkeit mit 
dem Vorkommen im Eskifjord konkurrieren zu 
können, das leider fast zum Erliegen gekom- 
men ist. 

Eine besondere, in entomologischer Hinsicht 
ergiebige Station wurde auf Hörn gemacht. Hier 
konnte auch eine schöne Suite des in Vestrar- 
und Austrarhorn anstehenden merkwürdigen 
Gabbrogesteines zusammengebracht werden. 

Der weitere Zug bewegte sich viele Tage- 
reisen durch die fluviatilen Schotterwüsten südlich 
des Vatna-Jökull, die sog. Sandr. Ihr Tierleben 
beschränkt sich auf Colymbus septentrionalis, 
Larus marinus und Lestris cataractes, die große 
Raubmöve; sie umfliegt lautlos, gespenstisch, un- 
ablässig die Köpfe der Reiter, als wundere sie 
sich über die Besucher ihrer weltenfernen wüsten 
Heimat. Trotzdem ist gerade dieses öde Gletscher- 
vorland das Reich fortgesetzt ihr Bett wechseln- 
der, hier absetzender, dort zerstörender Rinnsale, 
Bäche und Wasserläufe von höchstem geologischem 
Interesse. So sah unsere Heimat beim Zurück- 
weichen der skandinavischen Gletscher aus. 

Bei Reynivellir mußte die Karawane die un- 
passierbare Jökulsä (ä =: Fluß), die mit gewal- 
tigem Tosen ihre braungelben Gletscherschmelz- 
wasser ins Meer sandte, durch Übergang über den 
Gletscher umgehen, ein schweres und unange- 
nehmes Stück Arbeit für eine große Pferde- 
karawane! Die nächsten Tagereisen führten über 
den Breidamerkasandr, das Örsefigebiet (Abstecher 
nach dem Wald an der Morsä), durch den 
Skeidararsandr über die gefürchteten, gefährlichen 
Quicksand führenden und reißenden Gletscher- 
ströme der Nupsd, des Skaptarös und des Küdafljot. 

Am Südhang des EyjafjallajökuUs betrat die 
Karawane nach Passage des Markarfljöt mit seinen 
Deltaströmen die große, üppig-grüne, gut be- 
siedelte südisländische Tiefebene, den Schauplatz 
vieler Sagas (Gunnar von Hiidarendi). An der 
Hekla vorbei führte die Reise nach dem Haukadal 
mit den Geysirn und weiter am Thingvallasee 
und der Ebene Thingvellir, der Gerichtsstätte der 
alten Isländer zur Zeit des alten Freistaates 
(Untergang 1264 durch Unterwerfung des Landes 
unter den Herrscher Norwegens), brachte die 
Reisenden ein letzter Ritt nach Reykjavik, Islands 
Landeshauptstadt. Durch Gunst der Witterung 
d. J. 1907 und das nicht genug zu rühmende 



Entgegenkommen der isländischen Bevölkerung 
gefördert, ist es den drei Expeditionsangehörigen 
möglich gewesen, reichhaltiges und interessantes 
Material auf verschiedenen Gebieten der Natur- 
geschichte Islands zu sammeln, von dem der Vor- 
tragende eine Auswahl (Mineralien und Gesteine, 
viele Bodenproben, Hölzer, eine Kollektion von 
ihm geschossener Vögel, Insekten usw.) demon- 
strierte. Die Publikation der gewonnenen Resultate 
und angestellten Beobachtungen wird demnächst 
erfolgen. 

Im Anschluß an den Vortrag fand die dies- 
jährige ordentliche Hauptversammlung statt. 
Der I. Vorsitzende, Herr Geheimrat Kny erteilte 
zunächst das Wort dem I. Schriftführer zu seinem 
Bericht über das Geschäftsjahr 1907. Danach 
fanden in diesem Zeitraum 18 Einzelvorträge, 
1 1 Exkursionen und Besichtigungen, sowie 3 Vor- 
tragszyklen, zusammen 44 Einzeltagungen statt, 
die sich sämtlich eines recht regen Besuches zu 
erfreuen hatten. Eine gleich erfreuliche Tätigkeit 
konnte auch aus dem Stettiner Zweigverein be- 
richtet werden. Am Tage der Linnefeier, an dem 
auch die Gesellschaft der Universität Upsala ihre 
offiziellen Glückwünsche darbrachte, wurde seitens 
des Stettiner Vereins unter Mitwirkung des 
dortigen Magistrats im Botanischen Garten in den 
Anlagen des alten Friedhofes eine Linnelinde ge- 
pflanzt. Eine hochwillkommene Gelegenheit, 
ihren Arbeitsbereich auszudehnen, bot sich der 
Gesellschaft am Schluß des Vereinsjahres, indem 
die mit den städtischen Behörden unserer Nach- 
barstadt Charlottenburg durch unser Vorstands- 
mitglied, Herrn Kam mergerich tsrat Hauchecorne, 
gepflogenen Verhandlungen zu dem vom Vorstand 
mit großer Genugtuung begrüßten Ergebnis führten, 
daß mit Beginn des neuen Geschäftsjahres nicht 
nur der prachtvolle Festsaal des dortigen Rat- 
hauses zu Vortragszwecken zur Verfügung ge- 
stellt wurde, sondern auch der Magistrat von 
Charlottenburg durch Zeichnung eines Jahres- 
beitrages sein warmes Interesse für die Bestre- 
bungen unserer Gesellschaft bekundete. Im Laufe 
dieses Jahres hat der Vorstand noch die Freude 
gehabt, den verdienstvollen Ausschußmitgliedern, 
Herrn Stadtverordneten Wilhelm Gericke- 
Moabit und Herrn Realschuldirektor Geh. Reg.- 
Rat Prof Dr. Reinhardt, die herzlichsten Glück- 
wünsche der Gesellschaft zu ihrem 70. Geburtstag, 
und dem treft'lichen Schatzmeister der Gesellschaft, 
Herrn Konsul Richard Seifert, nebst seiner 
verehrten Gattin gleich innige Wünsche zur Feier 
ihrer Silberhochzeit darzubringen. Dem früheren, 
durch einen bedauerlichen Unfall auf ein langes 
und schmerzvolles Krankenlager geworfenen Vor- 
sitzenden der Gesellschaft, unserem lieben alten 
Freunde Johannes Trojan wurden durch den 
Berichterstatter im Namen des Vorstandes unter 
Überreichung eines duftenden Blumengrußes die 
besten Wünsche zur baldigen Genesung ausge- 
sprochen. Mit Worten lebhaften Dankes an alle 
diejenigen, die zum Gelingen unserer Arbeit in 



N. F. Vin. Nr. 10 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



i§9 



dem verflossenen Geschäftsjahre beigetragen haben, 
schloß der Schriftführer seinen Bericht. 

Hierauf legte der I. Schatzmeister den Stand 
der Finanzen dar. Die Ausgaben beliefen sich 
auf 3133.94 IVIk-, die Einnahmen einschließlich des 
vom Vorjahr übernommenen Kassenbestandes von 
2285,90 Mk. auf 3023,85 Mk., so daß am Schluß 
des Berichtsjahres sich ein Kassenbestand von 
2175,81 Mk. ergibt. 

Die Mitgliederzahl bezifferte sich am Tage der 
Berichterstattung einschließlich der 43 Neuanmel- 
dungen des Abends auf 1427. 

Nachdem hierauf dem Vorstand Entlastung 
erteilt worden, wird der seitherige Ausschuß en 
bloc wiedergewählt und auf Antrag des Vorstan- 
des durch Zuwahl des Herrn Bürgermeisters 
Matting als Vertreters des Charlottenburger 
Magistrats ergänzt. Als Rechnungsprüfer werden 
von neuem berufen die Herren Kaufmann 
Graven stein und Rentier Martiny, als Stell- 
vertreter Herr Geh. Sanitätsrat Dr. Ulrich. 

In der nach § 12 der Satzungen an die Haupt- 
versammlung sich unmittelbar anschließenden 
Ausschußsitzung zum Zweck der Neuwahl des 
engeren Vorstandes werden die seitherigen Vor- 
standsmitglieder von neuem mit ihren Amtern 
betraut. Somit setzt sich der Vorstand der Ge- 
sellschaft für das Geschäftsjahr 1909 in folgender 
Weise zusammen: 
I. Vorsitzender: Herr Geh. Reg.-Rat Professor 

Dr. Kny. 
II. Vorsitzender: Herr Geh. Bergrat Professor 

Dr. Wahnschaffe. 
III. Vorsitzender: Herr Prof Dr. Börnstein, 
zurzeit Rektor der Kgl. Landwirtschaft- 
lichen Hochschule. 
I. Schriftführer: Herr Prof Dr. W. Greif 
II. Schriftführer: Herr Prof Dr. Rathgen. 
I. Schatzmeister: Herr Konsul R. Seifert, 

i. Fa. Brückner, Lampe & Co. 
II. Schatzmeister: Herr Prof Dr. L. Plate. 
I. Beisitzer: Herr Kammergerichlsrat Hauche- 

c o r n e. 
II. Beisitzer : Herr Kgl. Landesgeologe Prof Dr. H. 
Po t o nie. 

I. A.: Prof. Dr. W. Greif, I. Schriftführer, 
Berlin SO 16, Köpcaickerstraße 142. 



Bücherbesprechungen. 

Max Brunnemann, Deutsche Höhenschichten- 
karte in nummerierten Blättern i : 50000 vom 
Reichsgebiet. — Preis pro Kärtchen 10 Pf. 
Die gebotenen, sehr sauberen Kärtchen haben 
Taschenformat ; sie sind alle in der Kartenfläche nur 
iiXi? cm groß und bringen je S^Uy^^^li ^'^• 
Abgesehen davon, daß die Kärtchen sehr leicht etwa 
auf zusammenlegbare Leinewand zu größeren Flächen 
zusammenzukleben sind und damit das Bedürfnis nach 
einer größeren Übersicht befriedigen, bieten sie in 
der vorliegenden bequemen Form z. B. dem Rad- 



fahrer einen wesentlichen Vorteil , wenn sie einzeln 
in die Hand genommen werden. Wer hätte überdies 
bei der Disposition einer Exkursion nicht die Unan- 
nehmlichkeiten empfunden, oft große Karten mit- 
nehmen zu müssen, von denen eventl. nur kleine Ecken 
gebraucht werden ? Durch die Herstellung der kleinen 
billigen Brunnemann'schen Kärtchen wird man in die 
Lage versetzt, nur diejenigen Stücke bei sich zu 
haben, die man wirklich nötig hat. Unter den uns 
vorliegenden Abzügen befinden sich solche, von denen 
Meßtischblätter der Königl. Preuß. Landesaufnahme 
noch nicht vorhanden sind. Der Maßstab i : 50 000 
ist ein sehr glücklicher. 



Dr. M. Abraham, Theorie der Elektrizität. 
II. Band. Elektromagnetische Theorie 
der Strahlung. 2. Aufl. 404 S. mit 6 Fig. 
Leipzig, B. G. Teubner, 1908. — Preis geb. 10 Mk. 
Während der von uns Bd. VII, S. 77 angezeigte 
erste Band dieser hochmodernen Theorie der Elektri- 
zität in die Maxwell'sche Theorie einführt, behandelt 
der zweite die Elektronentheorie, und zwar sowohl 
die Konvektionsstrahlung (Kathodenstrahlen usw.) als 
auch die Wellenstrahlung , die von schwingenden 
Elektronen ausgeht. Gegenüber der vor drei Jahren 
erschienenen ersten Auflage dieses Bandes sind 
wesentliche Änderungen nicht nötig gewesen , nur 
eine Einschaltung über die Dynamik des bewegten 
Hohlraumes (Untersuchungen von Hasenöhrl, v. Mosen- 
geil und Planck) , sowie eine weitere Ausgestaltung 
der Relativitätstheorie, die in letzter Zeit Gegenstand 
mehrerer sehr sublimer Entwicklungen war , ist vor- 
genommen worden. In den das Relativitätstheorem 
behandelnden Schlußparagraphen werden die Arbeiten 
von Poincare, Einstein, Planck, Minkowski u. a. be- 
sprochen, die auf dem von Lorentz eingeschlagenen 
Wege das Fehlen eines merklichen Einflusses der 
Erdbewegung zu erklären versuchen. Zuletzt wird 
auch die auf ganz anderem Wege gewonnene Theorie 
von E. Cohn gewürdigt. Es braucht kaum hervor- 
gehoben zu werden, daß alle diese das Abraham'sche 
Buch füllenden Betrachtungen , die so ziemlich das 
schwierigste und modernste Kapitel der theoretischen 
Physik darstellen, nur für Leser bestimmt sind, die 
zu ernstestem Studium eine hochentwickelte Fähigkeit 
des mathematischen Denkens mitbringen. Für solche 
aber dürfte keine geeignetere Quelle der Belehrung 
existieren, als dieses alle nennenswerten Publikationen 
gebührend berücksichtigende Buch. Kbr. 



Dr. F. W. Henle, Anleitung für das orga- 
nisch -präparative Praktikum. Mit einer 
Vorrede von Prof Dr. J. Thiele. Leipzig 1909, 
Akademische Verlagsgeselischaft m. b. H. XVI u. 
176 Seiten mit vielen Abbildungen. — Preis geh. 
4,60 Mk., geb. 5,20 Mk. 
In dem vorliegenden Buche, das auf Veranlassung 
von J. Thiele geschrieben ist , hat der Verf die Er- 
fahrungen verwertet, die im Straßburger Laboratorium 
bei der Eintührung der Studierenden in die praktische 



i6o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. lo 



organisch-präparative Chemie gesammelt worden sind, 
ein Umstand, der zweifellos das Interesse Vieler auf 
das Buch lenken wird. Dieses Interesse verdient das 
Buch in der Tat. Die Darstellung ist kurz und prä- 
zise; das Wesentliche wird deutlich hervorgehoben; 
auch tragen die guten schematischen Abbildungen 
viel zum Verständnis bei. Besonders beachtenswert 
ist die große Zahl von Hinweisen auf die Original- 
literatur. Für den Studierenden allerdings, der das 
organische Praktikum in ein bis höchstens zwei 
Semestern bewältigen will, scheint mir die Anzahl 
der Hinweise zu groß. Sicher ist, daß kein Student 
alles liest , und ob er unter dem Vielen , das ihm 
hier geboten wird, immer gerade das Wesentliche, 
gewissermaßen die klassischen Abhandlungen, richtig 
herausgreift, das ist nicht sicher. Vielleicht würde 
es sich für die nächste Auflage empfehlen, die be- 
sonders wichtige Literatur auch besonders zu kenn- 
zeichnen. Im übrigen aber hat die große Fülle von 
Literaturangaben den großen Wert, daß das Büchlein, 
auch nachdem es einmal durchgearbeitet ist , als be- 
quemes Nachschlagewerk bei späteren eigenen Arbeiten 
treffliche Dienste leisten kann. — Sehr zweckent- 
sprechend sind die vielen Reagensglasversuche, die 
im Gegensatz zu früheren Zeiten , wo die Präparate 
mit großen Substanzmengen bei weitem den größten 
Teil des organischen Praktikums ausfüllten, als leichter 
und bequemer Weg, um mit der Natur der Stoffe 
näher bekannt zu werden , im Unterricht neuerdings 
recht beliebt geworden sind. — Das Henle'sche Buch 
wird sehr gute Dienste leisten. 

Werner Mecklenburg. 



Anregungen und Antworten. 

Mäuse fangende Hühner. — .'Ms ich im letzten Ok- 
tober bei einem pflügenden Bauern vorbeiging, fiel mir ein 
Hausliahn auf, der, in den frischen Furchen eifrig Nahrung 
suchend, eine größere Beute erfaßt hatte und nun kräftig mit 
dem Schnabel bearbeitete. Indem ich näher hinzutrat, bemerkte 
ich zu meinem Erstaunen, daß e5 eine Feldmaus war, der 
unser Hahn eben den Garaus machte. Ich konnte noch be- 
obachten, wie er die schwach zappelnde Maus emporwarf, 
schnell hinzusprang und wieder auf sie einhieb. — Als ich 
der nächsten Versammlung unseres naturwissenschaftlichen Ver- 
eins diese Beobachtung mitteilte, fanden sich zwei Herren, 
denen auch mäusefangende und -fressende Hühner aufgefallen 
waren. Ein Herr erzählte sogar von einer streitbaren Henne, 
die einem Kätzchen seinen Fang abgejagt hatte. 

Seminarlehrer Meyer (Habelschwerdt). 



Herrn Schi, in R. — Ohne genauere Untersuchung ist 
es schwer zu sagen, ob es sich bei der von Ihnen beobach- 
teten Sternschnuppengallerte (gallertartige, schnee- 
ähnliche, weißliche Massen von etwa 0,5 Liter Inhalt, in 
Wiesentälern bei Rotenburg, Bez. Cassel, im Dezember 1908 
beobachtet) um pflanzliche oder tierische Produkte handelt. 
Ähnliche Vorkommnisse kennt man schon seit langer Zeit; 
so behandelt Ne es (in R. Brown's Vermischte Schrift. 1, p. 648) 
,, schleim- und gallertartige Entladungen nach Feuer-Meteoren". 
Der Botaniker ist geneigt, bei solchen Gallertmassen an 
N OS toc- Arten zudenken; es sind dies blaugrüne Spaltalgen, 



deren rosenkranzartige Fäden in einer Gallertmasse liegen. 
Solche Gebilde können nach Regen bedeutend aufquellen und 
dann plötzlich in Menge bemerkbar werden. .'\uch Gallert- 
flechten oder Gallertpilze (gewisse Myxomyceten oder Trcmel- 
linen) kämen in Betracht; indessen sagt F. Cohn (Über 
Sternschnuppen-Gallert; in Abhandig. Schles. Gesellsch. für 
Vaterland. Kultur l868/6g, p. 130), ihm sei kein Fall bekannt 
geworden, daß einem mit dem Mikroskop vertrauten Botaniker 
jemals ein Nostoc, ein Collema, eine Palmella oder 
TremeUa wirklich unter dem Titel einer , .Sternschnuppen- 
substanz" zur Untersuchung gebracht worden wäre. Nach 
ihm stammen solche massenhaft auftretenden Gebilde aus dem 
Tierreich. Es besteht fast in allen Ländern Euiopas und 
Nordamerikas dieser eigentümliche Volksglaube über die 
Sternschnuppen ; sie sollen als weißlich oder bläulich glän- 
zende Feuerkugeln langsam auf die Erde fallen, und eine 
farblose Gallerte, flüssigem Eiweiß oder Stärkckleister ver- 
gleichbar, auf dem Boden zurücklassen. Diese Gallert bildet 
bald einen tellergroßen zähen Klumpen, bald ist sie flüssiger, 
schleimiger, hängt sich an alle Gegenstände ; in Papier ge- 
sammelt, verschrumpft sie zu unscheinbaren Häutchen; wird 
die eingetrocknete Masse wieder benetzt, so kann sie zur 
alten Größe wieder aufquidlen. Talsächlich sind solche 
Gallertmassen wiederholt beobachtet worden. Der polnische 
Bauer leitet sie ebenso wie der deutsche von Sternschnuppen 
ab; der Engländer spricht von Star shot jelly. Die Bo- 
taniker haben diese Materie wiederholt auf kryptogamische 
Gewächse bezogen (besonders N ostoc). F. Cohn hat solche 
Massen, die ihm als Sternschnuppen-Gallert zugesandt waren, 
von neuem untersucht, nachdem schon vorher wiederholt ver- 
schiedene Zoologen in ihr etwas Tierisches erkannt hatten 
(z. B. Carus 1834 und besonders von Baer 1865, in der 
Abhandlung: Die Schleim- oder Gallertmasscn, die man für 
Meteorfälle angesehen hat, sind weder kosmischen noch atmo- 
sphärischen, sondern tellurischen Ursprungs, in Bull. Soc. 
natural. Moscou XXXVlll. 2, p. 314 — 330). Es handelt sich 
danach um aufgequollene Frosch-Eileiter. Demnach 
hält es Cohn für höchst wahrscheinlich, daß alle unter dem 
Namen Sternschnuppen -Gallert beschriebenen Sub- 
stanzen von Fröschen stammen. Von Baer hat (nach Cohn, 
1. c. 135) die Vermutung aufgestellt, daß Vögel das Heraus- 
präparieren der Eileiter besorgen und die unverdauliche 
gallertige Masse, die, nachdem der Frosch verzehrt ist, im 
Magen aufgequollen ist, ausspeien, und so verbreiten. Es ist 
wünschenswert, daß noch ein Zoologe aus dem Leserkreise 
zu der Sache sich äußert. 

Übrigens ist es ja nicht ausgeschlossen , daß gelegentlich 
auch einmal Nos t o c - Massen als ,, Sternschnuppengallerte" 
bezeichnet werden; nach freundlicher Mitteilung von P. 
Graebner treten diese und andere gallertige Spaltalgen bis- 
weilen in der Heide in großen Mengen auf Gallert kann 
auch von Bakterien herrühren. Z. B. hat G. Schlenker 
(2. Beilage z. Jalireshefte Ver. vaterl. Naturk. Württemberg 
64. Jahrg. igo8 p. 52) am trockenen Rande eines Wiesen- 
teiches blaßgelbe feste Gallertmassen von 2-3 cm Durch- 
messer beobachtet, Reste größerer, durch Eisgang und Wellen- 
bewegung losgelöster und zertrümmerter Massen, herrührend 
von den ausgebleichten Gallertscheiden des Eisenbakteriums 
Leptothrixochracea. H. Harms. 



Herrn B. K. in Pf. — Als das beste ,, Lehrbuch der 
Geologie" gilt zurzeit das zweibändige von E. Kayser. Ver- 
lag von Ferdinand Enke in Stuttgart. Preis 36 Mk. Die 
„Allgemeine Geologie" ist in zweiter Auflage vorhanden, die 
,, Formationskunde" im vorigen Jahre in dritter erschienen. 
Für den Anfang ist Walther's „Vorschule der Geologie" zu 
empfehlen. Verlag von (iustav Fischer in Jena. Preis 2,50 Mk. 
Hier finden Sie auch eine Zusammenstellung der wichtigsten 
geologischen Literatur und der geologischen Führer und 
Karten. Str. 



Inhalt: D. Kür ch ho ff; Die Tsetse und ihre verheerende Tätigkeit. — Kleinere Mitteilungen: Paul Kammerer: 
Bastardierung von Flußbarsch (Perca lluviatilis L.) und Kaulbarsch (.^cerina cernua L.). — Vignon: Entgiftung des 
Leuchtgases. — Vereinswesen. — Büctierbesprechungen: Max Brunnemann: Deutsche Höhenschichtenkarte. — 
Dr. M. Abraham: Theorie der Elektrizität. — Dr. F. W. He nie: Anleitung für das organisch-präparative Prak- 
tikum. — Anregungen und Antworten. 

Verantwortlicher Redakteur: Prof Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. 
Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'scbe Buchdr.), Naumburg a. S. 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



Neue Folge VIII. Haii.l ; 
der ganzen Kcihe XXIV. Band. 



Sonntag, den 14. März igog. 



Nummer 11. 



Über Zauberpflanzen in alter und neuer Zeit. 

Nach einem Vortrag, gehalten am 1 6. Januar i go8 in der Bayrischen Botanischen Gesellschaft zu München. 
[Nachdruck verboten.] Von Heinrich Marzell, München. 

Wenn wir in den Werken der antiken Natur- stellenweise Andeutungen von zauberischen, ge- 
forscher blättern — ich denke hier hauptsächlich wissen Pflanzen innewohnenden Eigenschaften. So 
an die Griechen Theophrast und Dioskorides und wird in der Genesis (XXX, 14 — 17) und im hohen 
an den römischen Kompilator Plinius — , so finden Liede (VII, 13) eine Pflanze „Dudaim" erwähnt, 
wir neben dem rein „fachwissenschaftlichen" Teil, die in ihrer Zauberwirkung an die unten zu be- 
wenn man so sagen will, immer auch allerlei sprechende Mandragora erinnert, und in der Tat 
Aberglauben, der sich an die Naturobjekte knüpft, werden ihre Früchte in der griechischen Bibel- 
angeführt. Dieses IVIoment ist es eben, das das Übersetzung, der Septuaginta, mit /o^A« ;(m)'d()a;'o'(>or 
Studium jener alten Schriften nicht nur dem (Äpfel der Mandragora) übersetzt. 
Naturforscher, sondern auch dem Kulturhistoriker Das, wenn man so sagen darf, populärste 

so interessant macht, und der Altmeister der Zauberkraut der Alten ist die Pflanze M o 1 y (/(wAd), 
deutschen Sprachwissenschaft und Mythologie, die der Götterbote Hermes dem Odysseus gab, 
Jakob Grimm, beklagt sich bitter über die daß dieser sich vor den Hexenkünsten der Circe 
heutigen Naturforscher, die derartige Dinge nicht schützen könne. Homer gedenkt dieser Pflanze 
mehr in ihre Werke aufnähmen. „Plinius", so in folgenden Versen : 
meint er, ,,hat über seine Naturgeschichte dadurch 
eigenen Reiz gebreitet, daß er auch die aber- 
gläubischen Meinungen des Volkes von Tieren 
und Pflanzen umständlich anzuführen nicht ver- 
schmäht. Wie stechen seine Ehrfurcht vor dem 
Altertum, seine sprachgewandte Darstellung ab 
von dem trockenen Ernst unserer heutigen Natur- 
forscher, die keinen Blick auf den Brauch der 
Heimat verwenden. . . ." *) Und in der Tat, es 
wäre zu bedauern, wenn dieses von Grimm an- 
gedeutete Gebiet von selten des Naturforschers, 
der doch neben dem Kulturhistoriker und 
Folkloristen in erster Linie zu seiner Bebauung 
berufen ist, ganz und gar vernachlässigt würde. 
Insbesonders gilt dies vom Pflanzenaberglauben, klar über dies Kraut gewesen zu sein, denn 
also dem Teil des Aberglaubens, der sich an ge- Theophrast, der Schüler des Aristoteles, sagt in 
wisse Kräuter oder Bäume knüpft. Wenn ich es seiner „Naturgeschichte der Gewächse" {üegl 
in folgenden Zeilen versucht habe, eine kleine (fvrCüV larogiag ßißlia): „Das Moly soll am 
Auslese von „Zauberpflanzen", wie sie seit den Pheneus und bei Kyllene wachsen, und dem 
ältesten Zeiten bis auf unsere Tage im Volks- gleich sein, von dem Homer spricht, indem die 
glauben eine Rolle gespielt haben, zu geben, so Wurzel rund und zwiebelartig, das Blatt der Meer- 
bewege ich mich auf einem Gebiete, das in den zwiebel ähnlich ist. Man benutzt es als gift- 
letzten Jahrzehnten mannigfache — zum Teil widriges Mittel und zu Zaubereien. Indessen ist 
allerdings recht oberflächliche — Bearbeitungen es schwer auszugraben, wie schon Homer sagt" 
erfahren hat. Trotzdem darf ich vielleicht hoffen, (Hist. plant. IX, 15). Auch Plinius und Dioskorides 



,,Air auch will ich dir nennen, die furchtbaren Ränke der 

Kirke. 
Weinmus menget sie dir und mischt in die Speise den Zauber. 
Gleichwohl nicht vermag sie dich einzunehmen; die Tugend 
Dieses heilsamen Krautes verwehrt's. 

Also sprach, und reichte das heilsame Kraut Hermeias, 
Das er dem Boden entriß, und zeigte mir seine Natur an : 
Schwarz war die Wurzel zu schauen, und milchweiß blühte 

die Blume. 
Moly wird's von den Göttern genannt. Schwer aber zu 

graben 
Ist es den sterblichen Menschen ; doch alles ja können die 

Götter." 
(Odyssee, X. Gesang, Vers 289 ff.) 

Bereits die Alten scheinen sich nicht recht 



dem reichen Stoff, der in botanischen und folkloristi- 
schen Schriften sehr zerstreut ist, einige neue Ge- 
sichtspunkte abgewonnen zu haben. 



berichten ziemlich ausführlich über dieses Zauber- 
kraut. Die Botaniker der Neuzeit vor Linne er- 
kennen in dem „Moly" ziemlich einstimmig eine 



Bereits in den ältesten Literaturdenkmälern der Alliumart, wenn auch ihre Meinungen über die 
Menschheit, die uns erhalten geblieben sind, wird Spezies geteilt sind. So sehen z. B. Dodonaeus 
der geheimnisvollen, magischen Kräfte von ge- und Caesalpinus in ihm Allium magicum L., 
wissen Pflanzen Erwähnung getan. In den heiligen Matthiolus und Clusius dagegen A. subhirsutum L. 
Büchern der Inder, den Veden, die ungefähr um Linne selbst scheint die homerische Pflanze für 
1 500 V. Chr. ihre Entstehung gehabt haben mögen, eine Lauchart zu halten , der er den Namen 
werden an vielen Stellen heilige Bäume oder Allium Moly (Spec. plant, ed. I, p. 301 [1753]) 
Kräuter, die mit Zauberkräften ausgestattet sind, gegeben hat. Von den Botanikern des 19. Jahr- 
genannt. Auch im Alten Testamente finden wir hunderts entscheidet sich Sprengel für Allium 



l62 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. II 



nigrum L., Fraas*) dagegen für AUium magicum L., 
bemerkt jedoch, daß die Beschreibung Homers, 
der das Moly weißblühend schildere, nicht passe. 
Diese Deutungsversuche wären allerdings sämtlich 
gegenstandslos, wenn man mit A. de Gubernatis") 
das Kraut Moly lediglich für eine „fiction mytho- 
logique" halten wollte. 

Etwas eingehender wollen wir uns mit einer 
Zauberwurzel befassen, nicht nur, weil sie in der 
Kulturgeschichte früherer Jahrhunderte eine große 
Rolle spielte, sondern auch deshalb, weil sich der 
Glaube an deren magische Eigenschaften in 
manchen Ländern bis auf den heutigen Tag ent- 
weder ungeschwächt oder doch wenigstens in 
Rudimenten erhalten hat. Ich meine hier die 
geheimnsvolle Alraunwurzel, die Mandragora. 
All der Aberglaube, der sich an diese Wurzel 
knüpft, hat wohl seinen Ausgangspunkt in der 
entfernt menschenähnlichen Gestalt derselben. 
Dazu kommt, daß die Mandragorapflanze gewisse 
toxische Eigenschaften zeigt, wie ja von jeher 
Giftpflanzen im Zauberglauben eine hervorragende 
Rolle spielten. Dies führt uns auf die Stellung 
der Mandragora im Systeme des Botanikers. 
Wenn auch, wie wir unten sehen werden, in ver- 
schiedenen Gegenden die Wurzeln verschiedener 
Pflanzen als „Alraune" Verwendung fanden, so 
stammt doch der ursprüngliche und an den Orten, 
wo der ganze Mandragorakultus seine Entstehung 
genommen, gebräuchliche Alraun, von einer be- 
stimmten Pflanze, der Mandragora officinalis L. 
Die Gattung Mandragora gehört zu den Solaneen, 
einer Pflanzenfamilie, die ja wegen der giftigen 
Eigenschaften vieler ihrer Vertreter noch manch 
anderes Zauberkraut — ich erinnere an Stech- 
apfel (Datura Stramonium), Bilsenkraut (Hyos- 
cyamus niger), Tollkirsche (Atropa Belladonna) — 
zu den ihren zählt. Die Gattung umfaßt vier 
Arten, die im Mittelmeergebiet ihre Hauptver- 
breitung besitzen. Mandragora officinalis, die wir 
hier im Auge haben, ist stengellos, hat grünlich 
gelbe Blüten und eine dicke, fleischige Wurzel, die 
häufig gespalten ist und so einer lebhaften Phan- 
tasie Anlaß zum Vergleich mit den zwei Beinen 
des Menschen gibt. Daß bereits im klassischen 
Altertum die menschenähnliche Gestalt der 
Mandragorawurzel wohl bekannt war, beweisen 
Bezeichnungen wie ch'0-QCüyr6j.ioQ(fog (= von Men- 
schengestalt) in einer verloren gegangenen Schrift 
desPseudo-Pythagorasundsemihomo(Halb-Mensch) 
bei dem römischen Schriftsteller Columella ■') (um 
60 n. Chr.). Die Präparation der Mandragora- 
wurzeln und ihre vermeintlichen Zauberkräfte 
mögen bereits in den ältesten Zeiten dieselben 
gewesen sein, wie sie v. Luschan *} mit Bezug auf 
die Jetzzeit folgendermaßen schildert: „Die Wurzel 
der Mandragorapflanze wird heute besonders in 
der Nachbarschaft von Mersina und von Antiochia 
von bestimmten ,, Künstlern" fast gewerbsmäßig 
in menschliche Form gebracht. Das einfachste 



Synopsis plantarum (lorae classicae, 1S45, p, 291. 



hierzu angewandte Mittel besteht darin, die frische, 
ausgerissene sukkulente Wurzel durch vorsichtiges 
Schneiden und Drücken umzuformen und die- 
selbe gelegentlich während des Austrocknens 
noch weiter zu beeinflussen. Solche Alräunchen 
sind aber „nicht nur selten und unter größter 
Lebensgefahr auszugraben", sondern sie bilden 
auch wertvolle Talismane. Einige machen ihren 
Eigentümer hieb-, stich- und kugelfest, andere 
sind unfehlbare Aphrodisiaca, andere machen un- 
sichtbar. Fast alle zeigen Stellen an, wo unter- 
irdische Schätze vergraben sind, und haben die 
Eigenschaft die Krankheit eines Menschen aufzu- 
nehmen." 

Es ist klar, daß man eine Wurzel, die so 
wunderbare Eigenschaften in sich birgt , nicht 
ohne weiteres aus der Erde zieht und nach Hause 
trägt, und so sagt schon Theophrast (Bist, plant. 
IX, 8): „Den Mandragoras soll man dreimal mit 
einem Schwert umschreiben, und ihn graben, in- 
dem man das Antlitz gegen Abend wendet. Ein 
anderer aber soll im Kreise umhertanzen und viel 
vom Liebeswerk sprechen." Viel bekannter jedoch 
als diese Vorschrift des Theophrast ist eine 
andere Art, die Mandragorawurzel zu graben, wie 
sie fast in allen alten Kräuter- und Zauberbüchern 
beschrieben ist. Sie lautet ziemlich überein- 
stimmend ungefähr folgendermaßen : Man geht am 
Freitag vor Sonnenaufgang mit einem schwarzen 
Hund an den Platz, wo eine Mandragora steht, 
macht drei Kreuze über die Pflanze und lockert 
den Boden um sie herum. Hierauf bindet man 
den Hund mit dem Schwänze an die Mandragora 
an und wirft ihm dann ein Stück Fleisch vor. 
Der Hund gierig nach dem Bissen springt herbei 
und reißt natürlich dadurch die Pflanze, an die 
er ja gebunden ist, aus dem Boden. In diesem 
Augenblick stößt die Wurzel ein Geschrei aus 
und der Hund fällt tot zu Boden. Jedes lebende 
Wesen nämlich, sei es Mensch oder Tier, an 
dessen Ohr der Weheruf der ausgerissenen 
Mandragorawurzel dringt, muß auf der Stelle 
sterben. Deshalb hat sich der Wurzelgräber vor- 
her die Ohren mit Wachs zu verstopfen oder in 
ein großes Hörn zu stoßen, um das Geschrei der 
Zauberpflanze zu übertönen. Ist sie einmal aus 
der Erde gerissen, dann kann er den kostbaren 
Schatz getrost aufheben und nach Hause nehmen. 

Diese abenteuerliche Art, die Mandragora- 
wurzel zu graben, geht auf eine Erzählung des 
jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus '') 
(gest. um 95 n. Chr.) zurück, in der er das Aus- 
graben einer Wurzel, „Baaras" mit Namen, be- 
schreibt. 

Vom Orient her drang der Mandragorakult 
wahrscheinlich über Griechenland zu den Rumänen 
nach Galizien, Südwest-Rußland, Oberschlesien 
und Ostpreußen. Aber auch durch Vermittlung 
Italiens wird er nach Deutschland gekommen 
sein. Da die echte Mandragora jedoch nur im 
Süden vorkommt, half man sich dadurch, daß 
man andere Pflanzen mit dicker, fleischiger 



N. F. VIII. Nr. II 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



163 



Wurzel an ihre Stelle setzte. So vertrat in den 
Karpathenläiidern eine andere Solanee , Scopolia 
carniolica, die Mandragora. In Deutschland war 
es in erster Linie die Zaunrübe (Bryonia), die sich 
wegen der fleischigen Beschaffenheit ihrer Wurzel 
ganz besonders gut dazu eignet. Aber auch 
Wurzeln resp. Rhizome anderer Pflanzen wie der 
Schwertlilie (Iris), des Allermannsharnisch (AUium 
victoriale), der Tormentill (Potentilla tormentilla) 
und des Enzian (besonders wohl Gentiana lutea) fan- 
den ab und zu Verwendung zu „Alraunen". Mit 
diesem Worte (althochdeutsch alruna = die all- 
wissende) bezeichnete man nämlich in Deutsch- 
land die aus solchen Wurzeln geschnitzten Men- 
schenfiguren, ein Name, der ursprünglich wohl 
für die germanischen Zauberinnen, die Idisen und 
ähnliche übernatürliche Wesen gegolten haben 
mochte. Eine andere Bezeichnung lautete Galgen- 
männchen, weil die Pflanze unter dem Galgen, 
an dem ein unschuldig Gehängter baumelte, 
wuchs. Die abendländischen Alraune unter- 
schieden sich jedoch in einigen Punkten von den 
orientalischen. Während nämlich die letzteren 
unbekleidet sind, galt in Deutschland die 
Vorschrift, die Alraunwurzel mit einem Hemdlein 
aus weißer oder roter Seide zu umhüllen. Alle 
Freitage mußte ein solches Alraunmännchen in 
reinem unverfälschtem Wein gebadet werden und 
beim Neumonde bekam es ein neues seidenes 
Hemd. Überhaupt mußte es sorgfältig gepflegt 
werden, beinahe wie ein kleines Kind. Zum 
Danke dafür brachte dieser Hausgeist, — Spiritus 
familiaris,") wie er in alten Büchern genannt wird — 
dem Besitzer Glück und Segen. Gewiß eine 
schätzenswerte Eigenschaft ist es, daß ein Geld- 
stück, das man abends neben den Alraun gelegt 
hat, sich am nächsten Morgen verdoppelt vor- 
findet. Außerdem ist er von günstigem Einfluß 
auf den Viehstand, hilft gegen mancherlei Krank- 
heiten und macht gefeit gegen Schuß und Stich. 
Allerdings darf man ihm auch nicht zuviel zu- 
muten, denn sonst wird er erschöpft und taugt 
nichts mehr. 

Daß schon sehr früh aufgeklärte Leute dem 
Aberglauben, der mit der Alraunwurzel getrieben 
wurde, entgegentraten, sehen wir daraus, daß 
bereits im 14. Jahrhundert die Pariser Behörden 
den Verkauf von Alraunwurzeln als Betrug 
strengstens untersagten.') Interessant nicht nur 
in dieser Beziehung, sondern auch deshalb, weil 
hier Aufschluß über die Präparation der Alraune 
gegeben wird, ist eine Stelle aus der deutschen 
Übersetzung des bekannten Kräuterbuches des 
Italieners P. A. Matthioli (gest. 1577 zu Trient). 
Sie lautet : „Die Theriackkrämer und Landstreicher 
haben ein wurtzel feyl getragen, die ist formieret 
wie ein männle oder weible, haben die leut vber- 
redet, sie sey schwerlich zu bekommen, müsse 
vnter dem galgen mit sorglicher Mühe ausge- 
graben werden, dartzu mus man einen schwartzen 
Hund haben, der sie an einem stricke ausreisse, 
der Gräber aber soll die Ohren mit Wachs ver- 



stopffen, dann so er die wurtzel höret schreien, 
stehe er in gefhar seines lebens. Was ist das 
anders dann wie man vom Farn sagt, wer den 
Farnsamen will holen, der muss keck sein vnnd 
den Teuffei können zwingen. Solch 'narrenspil 
vnd spectra muss man den Leuten machen, quia 
vulgus vult decipi darumb bin ich hie, spricht 
der Landtstreicher, das haben sie auch meysterlich 
aussgerichtet, gcmelle wurtzel thewer verkaufft 
als machen sie die Leute vnd sonderlich die be- 
zauberten gluckselig, die vnberhafften [= steriles] 
weiber fruchtbar, habens alle sambstag mit wein 
vnd wasser baden müssen , sauber einwickeln 
vnd heymlich halten. Vnd soll nun der güttige 
Leser wissen, daß solche Alraunwurtzlen ein lauter 
Fabclwerk vnd gemacht ding sein, dann sie 
schneiden die Brionienwurtz oder Rhorwurtzlen, 
dieweil sie noch frisch sindt, in eines menschen 
gestalt, stecken gersten oder Hirsenkörnlen an die 
stellen, da sie wollen haar haben, darnach ver- 
scharren sie diese geschnitzte wurtzel in sandt 
biss aus gemelten körnlen zäserlen (= Fasern) 
wachsen, welches gemeiniglich in dreyen wochen 
geschieht, alsdann graben sie es wiederumb aus, 
beschaben die angewachsenen zäserlen mit einem 
scharffen messer und machen sie allso fein subtil 
als werens haare an dem haupt, bart und bcy 
der schäm, darmit werden die einfältigen betrogen. 
— Diese büberey hat mir selbs ein Theriacks- 
schreyer offenbaret, der zu Rom schwerlich krank 
lag, vnd in meiner cura war, zeigte mir ettliche 
solche geschnitzte wurtzlen vnd sagte er hette 
bissweilen den Reichen eine allein für dreissig 
Dukaten verkaufft."*) 

In historischen oder auch in botanischen 
Museen sind uns noch eine Anzahl solcher 
Alraune aufbewahrt. Bekannt sind die Alraune 
der k. k. Bibliothek zu Wien, die Perger") aus- 
führlich besprochen hat. Sie sind dortselbst seit 
1680 aufbewahrt und stammen aus der Zeit 
Kaiser Rudolfs II. (1576 — 1612), des hohen Gönners 
der magischen Wissenschaften. Nach Perger sind 
sie aus den Rhizomen des Allermannsharnisches 
geschnitzt. Auch das märkische Museum zu 
Berlin besitzt eine Anzahl solcher Alraune.^*) 

Daß der Alraunglaube auch heutzutage bei 
uns noch lange nicht ganz verschwunden ist, be- 
weist eine Mitteilung von Schultz,^') die sich auf 
das Jahr 1891 bezieht. Nach derselben wird in 
Goldap in Ostpreußen (Regierungsbezirk Gum- 
binnen) der Wurzelstock des Wasserschwerteis 
(Iris pseudacorus) in großer Menge unter der Be- 
zeichnung „Glückswurzel" verkauft. Der Preis 
dafür ist 10, 30 oder 50 Pfg. Sie bringt dem 
Hause, in dem sie aufbewahrt wird, Glück und 
Segen. Der Handel damit scheint sich übrigens 
zu lohnen, denn diese ,, Glückswurzeln" werden 
sogar bis nach Berlin verkauft. 

Eine große Rolle spielt die Alraunwurzel noch 
in unseren Tagen im Volksglauben der Südrussen. 
Hier ist es die Zaunrübe (Bryonia alba) — ihr 
russischer Volksname lautet perestupenj — der 



164 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. Vm. Nr. II 



man die übernatürlichen EiCTenschaften des Alrauns 
zuschreibt. Von großem Interesse sind in dieser 
Beziehung die Arbeiten von J. Jaworky in Czerno- 
witz „Über die Mandragora im südrussischen 
Volksglauben."^-) „Perestupenj," erzählte diesem 
Forscher ein galizischer Bauer, „wächst, wenn ihm 
der Ort lieb isi, hinter dem Hause oder im 
Garten, so beiläufig einen halben Meter tief in 
der Erde. Seine Blätter sind denen des Hopfens 
ähnlich und ganz mit schwarzen Beeren bedeckt. 
Die Wurzel ist ganz so wie ein kleines Kind, hat 
Kopf Hände und Füße. Denn er entsteht aus 
den ungetauft ermordeten Kindern. Wer von 
der Pflanze nichts weiß und sie schneidet oder 
ausreißt, dem schadet sie sofort, verwundet ihn 
am ganzen Körper, so daß Blut rinnt, lähmt dem 
Schuldigen Hände, Füße oder den Verstand. Und 
aus der verwundeten Wurzel der Pflanze fließt 
weißes Blut. Dann liegt dieser Mensch krank 
und kann auch einige Zeit krank bleiben; erst 
wenn er irgendwie erfährt, daß perestupenj daran 
schuld ist, dann soll er ein ßrotscherzl, ein Stück 
geweihter Butter und einen Kreuzer nehmen, dies 
alles neben die Pflanze legen, damit die verwun- 
dete Stelle der Pflanze berühren und schmieren 
und dann den perestupenj um Verzeihung bitten. 
Dann soll er ihn mit der Erde umgraben und es 
wird ihm besser werden." 

An die Mandragora reiht sich eine große 
Menge anderer Zauberkräuter; solche freilich, die 
so klar und deutlich als beseelte Wesen behan- 
delt werden, wie wir es von der Alraunwurzel 
gesehen haben, gibt es nicht viele. Immerhin 
tritt uns auch bei allen übrigen Kräutern, denen 
eine magische Wirkung zugeschrieben wurde, 
wenn auch vielleicht weniger auffällig, der naive 
Volksglaube entgegen, daß ein Dämon, sei es 
nun ein guter oder ein böser, in der Pflanze seinen 
Sitz habe. Ja, so tief wurzelt diese Anschauung 
im Volke, daß der Haselstrauch noch immer im 
Volkslied als „Frau Haselin", der Hollunder in 
Krankheitsbeschwörungen als „Frau Holder" an- 
geredet wird. Diese Eigenschaft der Zauber- 
kräuter, gleichsam als beseelte Wesen zu gelten, 
tritt uns wohl am deutlichsten in den mannig- 
fachen Beschwörungsformeln, die beim Ausgraben 
oder auch beim Anrufen solcher magischer 
Pflanzen gesprochen werden mußten, entgegen. 
Uralt mögen wohl die Beschwörungsworte sein, 
mit denen nach einer Mitteilung des Plinius (Hist. 
nat. XXVII, 12) die Bewohner der umbrischen 
Stadt Ariminum eine Heilpflanze, Reseda'-*) ge- 
nannt, anriefen. Sie lautet : „Reseda, morbos reseda, 
scisne, scisne, quis hie pullus egerit radices? nee 
Caput nee pedes habeat."'-') Dazu bemerkt 
Plinius: Haec ter dicunt, totiensque despuunt.^') 

Nicht viel anders wie der Römer im Süden, 
beschwor hoch oben im Norden der Angelsachse 
seine Heilpflanzen. Ich habe hier einen in seinen 
Grundzügen wohl urehrwürdigen angelsächsischen 
Kräutersegen im Auge, der in der englischen 
Literaturgeschichte als „The song of the nine 



magic herbs" bekannt ist. Nicht nur dem Ger- 
manisten ist dieser Zaubersegen als Sprachdenk- 
mal des bis ins 16. Jahrhundert reichenden Angel- 
sächsischen von höchstem Interesse, nein auch 
der Kulturforscher und nicht zum mindesten der 
Botaniker kann aus ihm viel Anregung schöpfen. 
Wie die eben angeführten Beschwörungsworte 
der „Reseda", ist auch hier der Rede Sinn dunkel, 
was allerdings in beiden Fällen zum Teil in der 
schlechten Überlieferung seinen Grund haben kann. 
Andererseits dürfen wir jedoch nicht vergessen, 
daß gerade die mystischen, unverständlichen Worte 
eines solchen Zaubersegens dessen Ansehen im 
Volke heben. 

Wie schon der englische Titel sagt, handelt 
es sich um neun Zauberkräuter; ihre botanische 
F'eststellung ist jedoch in den meisten Fällen sehr 
schwierig, wenn nicht unmöglich, da eine Be- 
schreibung der Pflanzen fehlt und aus den Namen 
allein, die noch dazu oft arg verstümmelt zu 
sein scheinen, keine sicheren Schlüsse gezogen 
werden können. Der „Neunkräutersegen" lautet 
in der deutschen Übersetzung, wie sie J. Hoops 
in seiner äußerst anregend geschriebenen Disser- 
tation ,,Über die altenglischen Pflanzennamen" 
gibt, (Freiburg i. B. 1889) folgendermaßen: 

Erinnere du dich, Beifuß, was du verkündetest 

was du anordnetest in feierlicher Kundgebung. 

Una heißest du, das älteste der Kräuter; 

du hast Macht gegen 3 und gegen 30, 

du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung, 

da hast Macht gegen das Übel, das über das Land dahinfährt. 

Und du Wegerich, Mutter der Pflanzen, 

offen nach eisten, mächtig im Innern : 

über dich knarrten Wagen, über dich ritten Frauen, 

über dich schrieen Bräute, über dich schnaubten Farren; 

allen widerstandest du und setztest dich entgegen : 

so widerstehe du auch dem Gift und der Ansteckung 

und dem Übel, das über das Land dahinfährt. 

Stune heißt diese Pflanze, sie wuchs auf dem Steine; 
sie widersteht dem Gift, sie widersetzt sich der Krankheit 
die Starre heißt sie, sie widersteht dem Gift, 
sie verjagt den Bösen, treibt aus das Gift. 

Dies ist das Kraut, das gegen den Wurm focht : 
das hat Macht gegen Gift, es hat Macht gegen .Ansteckung, 
es hat Macht gegen das Übel, das über das Land dahinfährt. 
Fliehe du nun, .Att orla the, die kleinere vor der größeren, 
die größere vor der kleineren, bis daß Hilfe gegen beide ist. 

Erinnere dich, Kamille, was du verkündetest, 

was du vollendetest in Alorford : 

daß nimmer mehr (ein Mann) durcli Ansteckung sein Leben 

verlor, 
seit man ihm Kamillen zu essen gab. 

Dies ist die Pflanze, die Wergulu heißt; 

diese entsandte der Seehund über den Rücken der See 

als Hilfe gegen die Bosheit anderen Giftes. 

Diese 9 mögen gehen gegen neun Gifte. 

Eine Schlange kam gekrochen, sie zerriß einen Menschen : 

Da nahm Wodan 9 Wunderzweige, 

Erschlug da die Schlange, daß sie in 9 Stücke zerfloh. 

Da vollbrachte der .Apfel und sein Gift, 

Daß sie nie mehr zu einem Hause kommen wollte. 

Kerbel und Fenchel, zwei gar mächtige, 

die Kräuter erschuf der weise Herr, 

der heilige im Himmel, als er (am Kreuze) hing ; 

er setzte und sandte sie in die 7 Welten, 

den Armen und den Reichen allen zur Hilfe. 



N. F. VIII. Nr. 1 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschriit. 



i6s 



Sie widersteht der Krankheit, sie widersetzt sich dem Gift, 
sie hat Macht gegen 3 und gegen 30, 
gegen des Keindes Hand .... 
gegen die He.\erei kleiner Wichte. 

Nun haben diese 9 Kräuter Macht gegen neun böse Geister, 
Gegen 9 Gifte und gegen neun ansteckende Krankheiten : 



Am Schluß dieses eigentlichen Zaubersegens 
folgt gleichsam eine Gebrauchsanweisung, die mit 
der nochmaligen Aufzählung der in demselben 
genannten neun Kräuter beginnt. Sie lautet unter 
Anführung der angelsächsischen Pflanzenbezeich- 
nungen : Mugcwyrt ( = Beifuß), wegbräde (= Wege- 
rich), die nach Osten offen ist,'^) lombescyrse 
(= stune des Zaubersegens?), attor lathan = Über- 
setzung des lat. venenifuga). magethan (r= Kamille), 
netalan (= Nessel, anscheinend im Zaubersegen 
als wergulu bezeichnet), Wudusüraeppel (= Holz- 
apfel), fille (= Kerbel, aus griech.-lat. Chaero- 
phyllum)und finul (^Fenchel, aus lat. Foeniculum), 
alte Seife : stoße die Kräuter zu Staub, menge sie 
mit der Seife und mit des Apfels Saft. Mache 
einen Brei aus Wasser und aus Asche, nimm 
Fenchel, koche ihn in dem Brei und bade es mit 
einer Einmischung, wenn er die Salbe auftut, 
entweder vorher oder nachher. Singe den Zauber- 
spruch über jedem der Kräuter dreimal, bevor er 
sie aufstreicht, und über dem Apfel ebenso; und 
sing dem Mann in den Mund und in die beiden 
Ohren und auf die Wunde den gleichen Zauber- 
spruch, bevor er die Salbe aufstreicht." 

Man würde unrecht tun, wollte man diesen 
Xeunkräutersegen ohne weiteres einen heidnisch- 
germanischen nennen; denn seine Pflanzennamen 
allein (z. B. fille aus griech. xaigäpiiloi', finul aus 
lat. foeniculum) lassen erkennen, daß er teilweise 
unter dem Einfluß der antiken Schriftsteller steht. 
Daß jedoch sein Grundstock wohl altgermanisch 
ist, das beweist nicht nur die Mehrzahl der übrigen 
Pflanzennamen, sondern auch ganz besonders die 
Anrufung des heidnischen Wotan. Dazu gesellt 
sich dann noch ein drittes Element, das christliche, 
das uns in der Erwähnung des „weisen Herrn, 
der die Kräuter erschuf", entgegentritt. ''^) „Der 
Verfasser des Segens war jedenfalls einer jener 
Wunderdoktoren oder Kräutersammler, welcher 
Bruchstücke volkstümlicher Zaubersegen durch 
Zutaten aus der antiken Arzneikunde erweiterte, 
das Ganze in das übliche christliche Gewand 
kleidete und auf diese Weise einen neuen Segen 
zusammenschrieb, der nun als Universalmittel 
gegen alle möglichen Krankheiten angepriesen 
wurde." ^") Daß dieses christliche Element auch 
ganz in den Vordergrund treten kann, will ich an 
einem Kräutersegen zeigen, den der fromme 
Tiroler betet, wenn er den heil- und zauber- 
kräftigen „Widerthon"^*) pflückt. Er lautet: 
„Grüß Dich Gott, Du edler Widerthon! Weisst 
nit, was unser lieb Frau zu Dir sprach, da sie 
Dich abbrach für alles das, so dem Menschen 
schadet? Durch dieselben Wort' und durch das 
göttliche Wort brech ich Dich ab in dem Namen 



des Vaters, im Namen des Sohnes und im Namen 
des heiligen Geistes, daß Du Vieh und Leuten 
heilsam seiest für alle Unthat und alles, was Vieh 
und Leuten schad't. Amen." Dann sprich noch 
fünf Vaterunser, fünf Ave Maria, ein Credo und 
wiederhole dieses noch zweimal.'") Man wird 
jedoch kaum fehlgehen, wenn man den Ursprung 
dieses ,, Bannsegens" trotz seiner christlichen Form 
in das Heidentum zurücksetzt, denn die zierlichen 
Farne (oder Moose), die den Namen Widerthon 
tragen, waren bereits im klassischen Altertum der 
Venus (vgl. Adiantum capillus Veneris, ital. 
capel ven er e!), bei unseren Vorfahren der ger- 
manischen Liebesgöttin, der F"reja, geweiht. Bei 
der Ausbreitung des Christentums wurde diese 
Göttin verdrängt und an ihre Stelle trat die 
heilige Maria, die in unserem Segen vorzüglich 
angerufen wird. Heißt doch noch jetzt das 
Widerthonmoos auf Island Freyju-har '-") (==: Haar 
der Freyja) und bei Göttingen „Use leiven 
Fruen Haar" {= Unserer lieben Frau Haar). 

Bei dieser Gelegenheit will ich einen Aber- 
glauben nicht unerwähnt lassen, der, wie man 
gelegentlich aus Zeitungsberichten sieht, im Volke 
noch lange nicht ganz verschwunden ist. Ich 
meine das „Übertragen" von Krankheiten auf 
Pflanzen, von denen hier fast ausschließlich Bäume 
oder Sträucher in Betracht kommen. Diesem 
Aberglauben liegt die Anschaung zugrunde, daß 
der persönlich gedachte Krankheitsdämon durch 
besondere Beschwörungen und bei Beobachtung 
gewisser Förmlichkeiten in den Baum oder in 
den Strauch gebannt werden könne. Durch 
eifrige Sammelarbeit auf dem Gebiet der Volks- 
kunde sind in den letzten Jahrzehnten eine große 
Anzahl solcher Krankheitsbeschwörungen bekannt 
geworden. 

In großem Ansehen steht in dieser Beziehung 
der H o 1 1 u n d e r (Sambucus nigra), wie wohl auch 
andere Sträucher (z. B. der Wacholder, Johannis- 
beerstrauch) oder Bäume (Obstbäume, Fichte, 
Esche, Nußbaum) der wunderbaren Fähigkeit, 
Krankheiten in sich aufzunehmen, nach dem Volks- 
glauben teilhaftig sind. Es ist vielleicht nicht un- 
interessant, einige solche Beschwörungsformeln 
kennen zu lernen. Aus Zechlin (Kr. Ost-Prignitz, 
Rgbz. Potsdam) stammt die folgende,'-) die zu- 
gleich für eine Anzahl anderer typisch ist: „Um 
das Fieber zu vertreiben. Man bindet in der 
Nacht bei abnehmendem Mond einen Bindfaden 
um einen Fliederbaum, der auf der Scheid' 
{^= Grenze) steht und spricht: 

,, Guten Morgen, Herr Flieder 

Ich bringe dir mein Fieber 

Ich binde dich an 

Nun gehe ich in Gottes Namen davon." Dreimal. 

Weniger höflich dagegen verfährt der Sieben- 
bürger Sachse.-"-) Wenn nämlich ein Kind die 
„Schol" (eine Mundkrankheit) hat, so geht der 
Vater zu einem Hollunderstrauch und spricht: 

,,Hollunderstrauch, du elender Hund! 
Mein Kind hat die Schol im Mund ; 



i66 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. II 



Nimmst du sie ihm bis Morgen nicht weg, 
So verreck ! 

Im Namen Gottes usw. 

Auf eine originelle Weise wird man nach 
einem mecklenburgischen Aberglauben, der in 
anderen Gegenden in derselben Weise vom 
Hollunder -■') gilt, das Zahnweh los: „Man spaltet 
die Rinde eines jungen Obstbaumes, biegt die- 
selbe zurück und schneidet dahinter ein Splitter- 
chen weg, stochert mit diesem so lange an dem 
schmerzenden Zahn, bis er blutet, und spricht: 

Avtbom, ik klag di, 
Dat Tenweilidag plagt mi. 
Nimm düsse Pin von mi, 
Den irsten Vagel di. -*) 

Im Namen Gottes usw. 

Inzwischen bringt man das blutige Splitterchen 
wieder an seinen Ort hinter der Rinde und geht 
dann weg. So bekommt man nie wieder Zahn- 
weh." -^) 

Kehren wir jedoch zu unserem eigentlichen 
Thema zurück! Beim Ausgraben der Zauber- 
pflanzen waren eine ganze Menge Vorschriften — 
schon bei der Mandragorawurzel haben wir ja 
einige kennen gelernt — zu beachten, die natür- 
lich von Fall zu Fall je nach der Pflanzenart ver- 
schieden waren. So durften gewisse Pflanzen nur 
mit edlen Metallen, mit Gold oder Silber, ausge- 
graben werden. Zu diesen gehörte das Eisen- 
kraut (Verbena officinalis), von dem der alte Thur- 
neißer'"") sagt: „verbeen, agrimoria, modeiger 
charfreytags graben hilfft dich sehr, das dir die 
frawen werden holdt, doch brauch kein eisen, 
grabs mit goldt.""') Das Kraut modeiger, das in 
diesem Spruche genannt wird, ist der Kreuzenzian 
(Gentiana cruciata), eine uralte germanische 
Zauberpflanze, welcher der Spruch galt : „Madelger 
aller würzen ein er." Dieser Name bezieht sich, 
ebenso wie die Bezeichnung „Sperenstich", die 
die Pflanze in alten Kräuterbüchern führt, auf die 
Erscheinung, daß die Wurzel wie kreuzweis durch- 
stochen scheint. In einer alten zu Gießen auf- 
bewahrten Handschrift, die die Jahreszahl 1400 
trägt, findet sich folgender auf dieses Kraut be- 
zügliche Wurzelgräberspruch: „ich beswer dich 
madelger ain wurtz so her, ich mannen dich dez 
gehaisz, den dir sant Petter gehiez, do er einen 
Stab drist durch dich stiez, der dich usgruob ond 
dich haimtrug. wen er mit dir vmbfankt, ez sy 
frau oder mann, der müg ez in lieb oder in minn 
nimmer gelän. in gotz namen. amen.-") Die 
Stelle „ich mannen (^ mahne) dich dez gehaisz" 
erinnert einigermaßen an den Bannsegen des 
Tirolers (vgl. oben), wo der Widerthon „gemahnt" 
wird („Weisst nit, was unser lieb P'rau zu Dir 
sprach . . ."). Die Sage, daß der heilige Petrus 
seinen Stab durch die Wurzel stieß, geht natür- 
lich gleichfalls auf das eben erwähnte Aussehen 
derselben. Wie auch in dem Spruche Thurneißers, 
so ist auch hier von der Minnewirkung des Model- 
gers die Rede. 

Von großer, ja oft von ausschlaggebender Be- 



deutung war ferner die Zeit, in der man die 
Zauberkräuter ausgrub. Nicht zu jeder Stunde 
konnte man sie aus der Erde reißen, nein, der 
meisten und der wirksamsten Zauberpflanzen 
konnte man nur zu bestimmten Zeiten des Jahres 
teilhaftig werden. Einer von diesen Tagen war, 
wie wir eben aus dem Spruche Thurneißer's ge- 
sehen haben, der Charfreitag. Dem Botaniker 
wird dabei allerdings auffallen, daß die drei ge- 
nannten Pflanzen (Verbena officinalis, Agrimonia 
eupatorium, Gentiana cruciata) in unseren Gegen- 
den zu dieser Jahreszeit — der Charfreitag fällt 
ja nie über den April hinaus • — wohl recht 
schwer zu bekommen sein werden. ■'") Außer 
diesem Tage war noch besonders der Johannistag, 
resp. dessen Vorabend (24. Juni) ganz besonders 
geeignet, um den sich ja überhaupt ein großer 
Teil des ganzen Kräuteraberglaubens gruppiert.^^) 
In den katholischen Ländern, z. B. in Tirol, 
müssen alle zauberkräftigen Kräuter oder solche, 
die zu Heilzwecken benutzt werden, im sog. 
„Dreisgen" (Dreißiger) geholt werden. Darunter 
versteht man die Zeit von Maria Himmelfahrt 
(15. August) bis Maria Geburt (8. September), dem 
„großen und dem kleinen Frauentag", wie der 
Tiroler sagt. In vielen tirolerischen Dörfern 
findet noch heute an diesen Tagen — meist an 
dem erstgenannten — in den Kirchen die sog. 
„Büschel- oder Wurzweihe" statt, die darin be- 
steht, daß die Landbevölkerung Sträuße von ge- 
wissen Pflanzen — in der Mehrzahl sind es solche, 
die seit alter Zeit im Aberglauben eine Rolle 
spielen — beim vormittägigen Gottesdienst 
,, weihen" läßt. Auch betreffs der Tageszeit, an 
welchem magische Kräuter eingebracht werden 
müssen, existieren bestimmte Vorschriften: vor 
Sonnenaufgang ''-) oder unmittelbar nach Sonnen- 
untergang, mittags zwischen 11 und 12 oder beim 
12 Uhr-Läuten, manchmal auch um Mitternacht, in 
der Geisterstunde. Die Konstellation des Mondes 
und gewisser Sternbilder ist ebenfalls nach dem 
Volksglauben von Einfluß auf das Graben der 
Zauberkräuter. Wie bei allem zauberischen Tun 
hat man endlich auch bei diesem Geschäfte un- 
verbrüchliches Stillschweigen zu beachten. Der 
Aberglaube, daß man beim Einsammeln von Heil- 
oder Zauberkräutern nicht gesehen werden dürfe, 
findet sich schon bei Plinius,^-) der auch die 
meisten der übrigen besprochenen „Ausgrabe- 
vorschriften" kennt. ^^) Diese Erscheinung findet 
darin ihre einfachste Erklärung, daß eben ein 
großer Teil des deutschen Kräuterglaubens auf 
die antiken Schriftsteller zurückgeht. 

Gleichsam zur Erläuterung all dieser Vor- 
schriften will ich ein konkretes Beispiel anführen, 
das sich auf das Ausgraben einer Pflanze bezieht, 
die beim Volke seit langer Zeit in abergläubi- 
schem Ansehen steht, die Wegwarte (Cichorium 
Intybus). In den alten geschriebenen oder auch 
gedruckten Heftchen, die man noch ab und zu 
auf dem Lande in Bauernhäusern findet und 
deren Beliebtheit die oft nur zu deutlichen „Lese- 



N. F. VIII. Nr. 1 1 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



167 



spuren" zeigen, sucht man selten vergebens nach 
einer „Anweisung, die Wegwartwurzel zu graben". 
Eine derartige, die aus Schwaben stammt, will 
ich hier wiedergeben und vorher bemerken, daß 
sie sich auf die manchmal vorkommende Varietät 
mit weißer Blütenfarbe bezieht: „Am Maria- 
Ilimmelfahrtstag vor Sonnenaufgang geht man, 
ohne daß man ein Wort reden oder von jemanden 
angeredet werden darf, an den Fundort einer 
weißen Wegwarte, tritt mit dem rechten Fuß auf 
den Stock (nach dem Volksglauben muß man sie, 
wenn man sie findet, sofort an einen Stock an- 
binden, weil sie sonst verschwindet !), ergreift mit 
der rechten-'') Hand die Wegwarte und spricht 
(das Gesicht gegen Sonnenaufgang gewendet): 
„Gott grüß euch, ihr lieben Wegwarten allzumal, 
die ihr hint und vor mir seid, stillt Blut und heilt 
Wunden und alles insgesamt und behaltet eure 
Kraft, die euch Gott und die heilige IVIaria ge- 
geben hat", macht dreimal das Kreuzzeichen und 
gräbt sodann den Stock mit der Wurzel aus, je- 
doch nicht mit Eisen ; auch darf die Wurzel mit 
der bloßen Hand nicht berührt werden.''"') 

Eine wenn auch nur gedrängte Aufzählung 
der Zauberpflanzen, wäre nicht vollständig, wenn 
man nicht den „Farnsamen" erwähnen wollte. 
In den meisten der alten Zauber- und Kräuter- 
bücher, in vielen Hexenprozeßakten, kurz überall, 
wo von dem übernatürlichen Wirken gewisser 
Naturobjekte die Rede ist, finden wir ihn genannt. 
Unter dem „Farnsamen" verstand man in früheren 
Jahrhunderten die Sporen der Farnkräuter; in der 
Mehrzahl der Fälle wird es sich wohl um den Wurm- 
farn (Aspidium filix mas) gehandelt haben, wie- 
wohl kein Zweifel sein kann, daß je nach der 
Gegend auch andere ihm einigermaßen ähnliche 
Farnkräuter an seine Stelle treten konnten. Ein 
ganz besonderes Interesse beansprucht meiner 
Ansicht nach der ganze Zauberglaube vom Farne 
dadurch, daß er in Europa eine geradezu universelle 
Verbreitung zeigt. Denn nicht nur in Deutschland 
von Norden (z. B. Mecklenburg'^'^)) bis nach Süden 
(z. B. Tirol''')), nein auch in den romanischen 
Ländern (Frankreich ■''*), Italien ^^)) und ganz be- 
sonders bei den Slawen treften wir ihn an. Es ist 
dies um so auffallender, als der Aberglaube vom Farn 
durch keine Belege aus dem klassischen Altertum ge- 
stützt wird, so daß man beinah seinen Ursprung 
als germanisch (vielleicht aber auch als slawisch) 
vermuten möchte. Jedenfalls besteht die Tatsache, 
daß er sehr alt ist; denn die heilige Hildegard, 
die im Jahre H79 als Äbtissin in einem Kloster 
bei Bingen starb, erwähnt in ihrer Schrift, die den 
Titel „Physica" führt, daß mit dem Farn der 
Teufel gebannt und Blitz und Donner abgehalten 
werden könne. ^") Wenn auch hier nicht vom 
„Farn Samen" und seinen Wirkungen die Rede 
ist, so zeigt diese Stelle aus der Schrift der heil. 
Hildegard doch, daß die Farne mit dem Aber- 
glauben in Beziehung standen. Als Grundzug in 
dem ganzen Farnaberglauben finden wir die An- 
schauung, daß der Farn (eine Kryptogame !) 



während des ganzen Jahres nur in einer einzigen 
Nacht und zwar in der Mitternachtsstunde „blühe", 
wie man sich ausdrückte und nur in diesem 
Zeitpunkte der „Same" zu gewinnen sei. In den 
meisten Fällen wird die Johannisnacht genannt, 
die ja, wie wir schon oben gesehen haben, im 
Zauberglauben eine große Rolle spielt, manchmal 
aber auch die Christnacht. Wer den Farnsamen 
holen will, der muß in dieser Nacht an den 
Standort des Farns gehen und unter mancherlei 
Beschwörungen am Boden einen bestimmten 
Gegenstand (auf den der Farnsame fallen soll), 
als Unterlage ausbreiten. Dieser ist je nach der 
Gegend verschieden: bald ist es das Fell eines 
kohlrabenschwarzen Bockes, bald ein Hemd oder 
eine Windel*') und im katholischen Tirol ist es 
das Tüchlein, das der Priester beim Meßopfer 
über den Kelch deckt.'-) Manchmal genügt je- 
doch ein weißes Leinentuch oder ein Papierbogen, 
während der sagenumwobene Theophrastus Bom- 
bastus Paracelsus die Blätter der Wollblume 
(Verbascum) dazu benutzt haben soll. In anderen 
Fällen war es sogar nötig den Teufel in höchst- 
eigener Person zu beschwören, um sich in den 
Besitz des zauberkräftigen Farnsamens zu bringen. 
Allerdings war dies ein gar gefährliches Beginnen, 
denn man konnte sich leicht den Hals dabei 
brechen. 

Unter den vielen geheimnisvollen Kräften des 
Farnsamens steht die des Unsichtbarmachens 
obenan. In verschiedenen Gegenden erzählt sich das 
Volk Sagen, die diese Eigenschaft des Farnsamens 
demonstrieren sollen. Eine derselben — sie 
stammt aus Niederösterreich — will ich hier 
wiedergeben: „Am Johannestag in der Frühe vor 
Sonnenaufgang kann man den unsichtbar machen- 
den Farnsamen abstreifen. Andere sagen, der 
Farnsamen habe nur dann unsichtbar machende 
Kraft, wenn er dem Menschen in jener Zeit zu- 
fällig in die Schuhe oder in die „aufgestrikte" 
(wohl = aufgekrempelte) Hose „reise" (riesele). 
Als einst ein Knecht des Bauernhofes Großbichl 
in Wobach an einem Früh-Johannismorgen heim 
kam, hörten ihn die Leute zwar reden, sahen ihn 
aber nicht. Sie fragten ihn daher verwundert: 
,.Wo bist du denn, daß wir dich nicht sehen?" — 
„Ich bin doch da bei euch !" erwiderte er. ... End- 
lich begriff einer die wunderbare Sache und sagte 
zum Knechte: „Ziehe deine Schuhe aus, vielleicht 
ist der Farnsamen hineingereist!" Er zog die 
Schuhe aus, der Same reiste heraus und der 
Bursche stand sichtbar vor ihnen."*'') Ganz ähn- 
lich erzählt man sich diese Sage in der Uker- 
mark.**) Auch in der modernen Literatur spielt 
diese Eigenschaft des Farnsamens eine gewisse 
Rolle. So beschreibt Robert Hamerling in seinem 
Epos „Der König von Sion" das Treiben im 
Lager des Bischofs von Münster u. a. mit den 
Worten : 

„Auch Theriakhändler 
gab es und andere dazwischen, die Farnkraulsamen verkauften, 
welcher um unsichtbar sich zu machen als Mittel geschätzt ist."*^) 



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Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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In einem der folgenden Verse rät ein alter 
Landsknecht einem Rekruten : 

„Steckst vor die Brust nur ein Päckchen mit Farnkrautsamen, 

so bist du 
Unsichtbar für den Feind."*") 

Ferner bewirkt der Farnsame in den Geld- 
beutel gelegt, daß dieser das ganze Jahr nicht 
leer wird, macht hieb- und stichfest und dient 
beim Ausgraben von Schätzen. Nach einem 
Glauben der Tiroler ist er auch zum Gießen der 
nie fehlenden „Freikugeln" nötig, ^'j Daß die 
Zeit, in der man noch allgemein an die Zauber- 
wirkungen des Farnsamens glaubte, noch nicht 
allzuweit zurückliegt, sehen wir aus den Hexen- 
prozeß-Akten betr. einen gewissen Michael Pusper 
von Rothenburg (in Schwaben), der in dem Ver- 
dachte „Fahrnsamen" geholt zu haben stand. Als 
er betreffs dieses Punktes vom Hexenrichter ver- 
nommen wurde, gestand er : „Er selbst habe den 
Fahrsamen nie geholt, aber er wisse, daß man 
ihn des Jahres zweimal am St. Johannisabend 
holen könne. Man nehme eine Haselstockwurzel, 
ziehe mit dieser auf einem Kreuzweg einen Ring, 
in diesen Ring bringt man ein weißen VVegwarts- 
stock [vgl. oben I] , soll des Nachts zwischen 1 1 
und 12 Uhr geschnitten sein, dabei dürfe man 
aber nichts reden. Jetzt werden sich allerlei Er- 
scheinungen: Vater, Mutter und andere Personen, 
Hunde und dergleichen mehr zeigen. Um 12 Uhr 
müsse man den Wegwartsstock, unter dem man 
ein Tierfell ausgebreitet, schlagen, es sei unter- 
dessen aus demselben ein Stengel hervorgewachsen 
und sogleich falle der Same aufs Fell. Diesen 
(Farnsamen) faßt man dann in ein Federröhrlein 
und verschließt dasselbe mittels eines Hölzchen 
und nun sei man in Besitz des glücklich machen- 
den Farnsamens." '"*) Man scheint jedoch dem 
unglücklichen Pusper nicht geglaubt zu haben, 
denn er wurde Mitte September 1650 enthauptet. 
Einen wie großen Umfang übrigens der Zauber- 
glaube vom Farnsamen gehabt haben muß, wird 
wohl dadurch am schlagendsten bewiesen, daß 
selbst die Kirche ausdrücklich gegen denselben 
einschreiten mußte. Erließ doch die Synode von 
Ferrara (im Jahre 16 12) folgendes Verbot : Prohi- 
bemus ac vetamus ne quis ea nocte, quae diem 
S. Johannis Baptistae nativitatis sacrum praeit, 
filices filicumve semina colligat. '"') Zum 
Schluß des ganzen Farnaberglaubens kann ich 
mir nicht versagen die Worte des alten Brunfels 
(geb. 1488 in Mainz), den Linne den Vater der 
Botanik nennt, anzuführen. In seinem „Contrafayt 
Kreuterbuch" (Straßburg bey Hans Schotten 1532) 
sagt er „von dem Faren": ,,Hye mussz ich mit 
Vergilio sagen / hie nihil nisi carmina desunt / 
hye mangelt mir nicht / dann das ich nit auch 
zaubern / vnnd teuftel beschwören kan. ich weyssz 
wol / das vil ein aug vff dises kraut geschlagen / 
vnd verhoffen / ich werde etwas daruon sagen 
werden, kein kraut ist / da meer hexenwerk / 
vnd teuffels gespenst mit getrieben wird. Ich 



mussz mit gewalt mich lassen bereden wie disses 
kraut ein somen trage welchen es uff S. Johanns- 
nacht würfft / so doch Dioscorides Plinius vnd 
alle die daruon geschriben / keins somens geden- 
cken. Und disser somen würt auch nit jedermann 
zu theyl, sonder mussz man zuuor das kraut be- 
schwören vnd den teuffei darüber anruffen vnnd 
alsdann so schwitzet es wie ein gummitröpflin / 
welche gleich uff stund hart werden / vnnd zu 
einem schwartzen somen welcher mir auch von 
etlichen ist gezeygt worden. Mag war sein / mag 
auch wol ein teuffels gespenst sein. Es mag et 
ye solicher somen nyemals gedeyen (wie sye 
sagen) dann allein off S. Johanns nacht / vnnd 
auch nicht / dann mit vorgangener coniuration / 
doch hye hör ich / das auch einer nit braucht 
handt gebärd wie der ander. Halt es für ein 
lauter gauckelwerck. Dann / ist es ein natürlich 
Ding mit dissen somen / was bedarff es solicher 
coniuration / vnd den teuffei darüber anzuruffen ' 
oder auch daruon zu treiben / so würt die natur 
ire würckung selber thuon ' on beschwören vnd 
vngesägnet. Ist es dann kein natürlich ding so 
ist es gewisszlich ein gespenst vnd betrügnuss. 
Vber das / wie kompt es / das man jn allein vff 
sanct Johannsnacht mussz sammlen / vnd nit vff 
einen andern tag vor / oder nach? Was hat S. 
Johanns damit zu schaffen. — — — — Solichs 
hab ich hye müssen anzeygen von dem Faren / 
damit ich nit gar nichts daruon sagte. Es wer- 
den aber die Farnbeschwörer / vileicht über mich 
zürnen / da ligt nicht vil an." 

Mit diesen wenigen Beispielen aus dem Reiche 
der Zauberpflanzen wäre natürlich der Gegenstand 
noch lange nicht erschöpft. Ich erinnere nur an 
die geheimnisvolle Spring wurzel, deren man sich 
nur durch Vermittlung eines Vogels, des Spechtes, 
bemächtigen kann und die überall Tor und Tür 
öffnet, oder an die neun Kräuter, deren sich nach 
dem Volksglauben die Hexen zur Bereitung einer 
Salbe bedienten, mit der sie sich einschmierten, 
bevor sie zu ihren Zusammenkünften mit dem 
Teufel durch den Schornstein flogen. Ein Kapitel 
für sich wäre die Aufzählung der sog. „Beschrei- 
oder Berufskräuter", die nach dem Volksglauben 
vor dem Beschreien und Berufen (so lauten die 
volkstümlichen Ausdrücke für das Behexen) 
schützten. All dieser Pflanzenaberglaube ist wohl 
mehr wert als eine bloße Kuriositätensammlung, 
die man zwar mit Neugier und Vergnügen be- 
schaut, ohne ihr aber einen höheren Wert bei- 
zumessen. Wenn wir bedenken, welch große 
Rolle der Pflanzenaberglauben zu den verschieden- 
sten Zeiten und bei den verschiedensten Völkern 
gespielt hat, werden v^^ir wohl nicht umhin können, 
ihm eine gewisse kulturhistorische und ethnologi- 
sche Bedeutung zuzuerkennen. Wir werden ihn 
dann nicht als eine Verirrung des menschlichen 
Geistes bezeichnen, sondern vielmehr als den 
Ausdruck einer gemütsvollen Naturbetrachtung, 
die allerdings in der äußeren Form manchen 
kindlich naiven Zug trägt, aber doch auch Zeug- 



N. F. VIII. Nr. II 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



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nis gibt von dem innigen Verhältnis der Natur- 
menschen zu den Bäumen, Sträuchern und Kräu- 
tern seiner Umgebung. 

') J. Grimm, Deutsche Mythologie. 4. Ausg. v. E.H. 
iVIeyer, Berlin 1875— 78. II, 996. 

'■') Mythologie des planles ou les legendes du rogne ve- 
getal. Paris 1882. Tom. II, p. 230. 

') De re rustica. X, 19, 20. 

■*) Zeitschrift für Ethnologie. Band XXIII (1891), p. 726 ff. 

'j De bcUo Judaico. Vll, 6, 3. 

") K. Bartsch, Sagen, Märchen u. Gebräuche aus Mecklen- 
burg. Wien 1880. II, 39. 

") Lippmann, Über einen naturwissenschaftl. Aber- 
glauben. .Abhandlungen der nalurf. Ges. zu Halle. XX. Bd. 
(1894I, p. 264. 

") New Kreuterbuch von dem Hochgelcrten vnd weit- 
berühmten Doctor Petro .Andrea M a 1 1 h i o 1 o. Erstlich in Latein 
gestellt. Folgendts durch Georgium Handsch verdeutscht. 
Prag 1563. 

") Schriften des Wiener .Mtertums-Vereins. Wien 1862. 

'") Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde. Berlin. Bd. XIII 
(1903), p. 126. 

") Zeitschrift f. Ethnologie. Band XXIII (1891), p. 745. 

'■*) Zeitschrift f. Österreich. Volkskunde. Wien. Bd. II 
(1896), p. 352—361 und III I1897), p. 63 ff. 

"") Natürlich handelt es sich hier kaum um eine der 
Gattung Reseda L. angehörige Pflanze. 

'^J ,, Heile, heile die Krankheiten; weißt du nicht, welcher 
Dämon hier Wurzeln getrieben hat? Nicht Kopf noch Füße 
möge er haben." 

''') ,,Dies sagt man dreimal und ebenso oft spuckt man 
aus." 

^''*) Dieser Zusatz deutet auf die Wegwarte (Cichorium 
Intybus), die ja im mittelalterl. Latein solsequium (die Blüte 
sollte dem Lauf der Sonne folgen) genannt wurde , während 
die Stelle ,,über dich knarrten Wagen" auf eine Plantago-Art 
(PI. maior daher in Braunschweig ,,WaüntransbIauine" = 
Wagenspurblume genannt) hinweist. 

'") An einer anderen, in der vorstehenden Wiedergabe 
des Neunkräutersegens nicht angeführten Stelle , wird sogar 
Christus selbst genannt. 

■') Hoops, 1. c. p. 64. 

"") Wohl ein Farn ; vielleicht Adiantum capillus Veneris 
oder Asplenium ruta muraria (oder A. trichomanes) ; auch 
ein Moos, Polytiichum commune, führt diese Bezeichnung. 

'^) V. .\lpenburg, Mythen und Sagen Tirols. Zürich 
1857, p. 408. 

'■"*) Jenssen-Tusch , Nordiske Plantenavne. Kopen- 
hagen 1867, p. 179. 

'-') Haase, Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und 
Umgegend. In: Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde VII (1897), 

p. 7°- 

^-) Bartels, Über Krankheitsbeschwörungen. Ebenda 
Band V (1895), p. 8. 

^') Montanus, Die deutschen Volksfeste. Elberfeld 
1854, p. 149. 

^*) Ins Hochdeutsche übersetzt: Obstbaum, ich klag dir, 



Das Zahnweh plagt mir. Nimm diese Pein von mir. Den 
ersten Vogel dir (d. h. der erste Vogel, der über den Obst- 
baum hinwegfiiegt, soll das Zahnweh mitnehmen). 

'"') Bartsch, 1. c. Band II, p. 429. 

^'') Thurneißer L., Th. zum Thurn, Alchimist des 16. 
Jahrhunderts, lebte eine Zeitlang am Hofe des Kurlürsten 
Johann Georg in Berlin. 

-'J Diese Stelle ist in Grimm's Mythol. 4. Ausg. II, 1003 
zitiert. 

-*) D.as Wort ist ursprünglich ein Personenname und be- 
deutet ,, Versammlungsspeer" (ahd. madel = Versammlung 
und ahd. ger ^= Speer). 

'-") Dieser Spruch ist von Weigand in der „Zeitschrift für 
Deutsche Mythologie und Sittenkunde" hrsg. v. J. W. Wolff 
Band II (1854), p. 170 mitgeteilt worden. 

^"1 Vgl. auch V. Alpenburg, 1. c. p. 397. 

■") ^'g'- ^- B- unten die Gewinnung des ,, Farnsamens". 

^2) Hist. nat. XXIV, cap. 19. ,,Herba quaecunque e 
rivis aut fluminibus ante Solls ortum coUecta , ita, ut 
nemo colligentemvideat, adalligata laevo bracchio ita, 
ut aeger quid sit illud ignoret, tertianas arcere traditur." 

'^) Zum Teil zusammengestellt bei Grimm, Mythologie. 
4. Ausg. II, p. 1000. 

•■") Bei Plinius dagegen (z. B. Hist. nat. XXIII, 6) werden 
ZauberkrUuter ,,manu sinistra" [mit der linken Hand] aus 
der Erde gezogen. 

■"') Neidhart, Die Pflanzen in religiöser, abergläubischer 
und volkstüml. Beziehung. Ein Beitr. z. Volksbotanik Schwa- 
bens. In: 19. Bericht des Naturhist. Ver. in Augsburg (1 867), 
p. 41. 

^») Bartsch, 1. c. Band II, p. 2S8. 

'•) Ign. Vinz. Zingerle in Zeitschr. f. Deutsche Myth. 
und Sittenkunde I (1S53), p. 330; Alpenburg I. c. p. 407 ff. 

■■"') Gubernatis, I. c. Bd. I, p. 143 ff. 

'") Botanica popolare Abruzzese, in : Archivio per lo 
studio delle tradizioni popolari VIII (1889), p. 36. 

■"') Physica S. Hildegardis 2, 92: in loco illo, ubi [seil, 
fili.xj crescit, diabolus illusiones suas raro e.xercet et domum 
et locum in quo est, diabolus devitat et abhorret et fulgura 
et tonitrua et gnando ibi raro cadunt. — Bei Grimm, Myth. 
4. .\usg. II, 1012. 

■") Birlinger, Aus Schwaben, Sagen, Legenden, Aber- 
glauben usw. Wiesbaden 1S74. Band I, p. 158 (Hexen- 
prozeßakten gegen Michael Pusper v. Rothenburg). 

*') Alpenburg, 1. c. p. 408. 

*ä) P. Willebald Leeb. Zum Johannesfest. In: Zeit- 
schrift f. Volkskunde IV (1892), p. 283—288. 

■''') Kuhn, A., Märkische Sagen und Märchen. Berlin 
1843, P- 206. 

■''') Hamerling, Robert, Der König von Sion. 8. Aufl. 
Hamburg 1S79, p. 160. 

*^) Ebenda p. 168. 

*') Alpenburg, 1. c. p. 407. 

**) Birlinger, I. c. p. 164. 

■*') „Wir verbieten aufs strengste, daß jemand in der 
Nacht, die dem Johannisfest vorhergeht, Farne oder Farn- 
sam en sammle." Mannhardt, Germanische Mythen. Berlin 
1858, p. 32. 



Sammelreferate und Übersichten 

über die Fortschritte in den einzelnen Disziplinen. 



Neues aus der Physik. — Versuche, auf me- 
chanischem Wege in anisotropen Flüssig- 
keiten richtungsgeordnete Zustände 
nachzuweisen, sind mit Erfolg am Anisaldazin 
von E. Böse ausgeführt worden (Physik. Zeit- 
schrift X, Nr. i). Die Flüssigkeit, deren Klärungs- 
punkt bei 181,2" liegt, wurde bei etwas niedrigeren 
und höheren Temperaturen unter verschiedenen 
Drucken durch ein Reibungsröhrchen geleitet und 



aus der Durchflußzeit beurteilt, ob der Poiseuillc- 
sehe Zustand (geordnete Bewegung der Teilchen) 
oder der durch Wirbelbewegung komplizierte 
hydraulische Zustand sich ausbildete. 

Die trüben, kristallinischen Flüssigkeitszustände 
stellen nach Böse ,,ein Durcheinander von Molekül- 
schwärmen dar, deren jeder mit einer gewissen 
Vorzugsrichtung versehen ist, um welche sich 
ganz überwiegend die Längsrichtungen der Mole- 



I/o 



Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 



N. F. VIII. Nr. XI 



küle anordnen. Ein derartiger Schwärm wird in 
Richtung seiner Vorzugsrichtung erheblich leichter 
deformierbar sein, als in den Richtungen senk- 
recht dazu und beim Durchfließen einer Kapillaren 
im Poiseuille'schen Zustande werden daher die 
Schwarmachsen sich möglichst parallel zur Rohr- 
achse einstellen. In dieser Weise erklären sich 
ungezwungen die \'iskositätsanomalien der dünn- 
flüssigen, anisotropen Flüssigkeiten. Haben wir 
dagegen an Stelle des Poiseuille'schen den hydrau- 
lischen Strömungszustand, so wird die Ausnutzung 
der Vorzugsrichtung nicht mehr in dem Maße 
erfolgen können, als es in dem geordneten Poiseu- 
ille'schen Zustande möglich war, und zwar um so 
weniger, je intensiver die Durchwirbelung wird, 
d. h. in je höherem Grade das Druckgefäile den 
Grenzwert überschreitet, bei dem der Poisenille- 
sche Zustand labil wird". 

Die kristallinische Flüssigkeit zeigt daher vor 
der Klärungstemperatur eine wesentlich kleinere 
Ausflußzeit im Poiseuille'schen Zustand, als über 
derselben, nachdem sie isotrop geworden. Wurde 
nun höherer Druck angewendet, so ergab sich 
folgendes. Bei loo mm Druck zeigte sich eine 
Abweichung im Sinne des hydraulischen Zustandes, 
also Vergrößerung der Ausflußzeit, nur kurz vor 
der Klärungstemperatur. Bei 600 mm Druck 
dagegen erstreckt sich der Effekt über mehr als 
12 Grad. ,,Im Sinne der kinetischen Schwarm- 
theorie der anisotropen Flüssigkeiten ist dies Ver- 
halten ohne weiteres verständlich. Bei der Klä- 
rungstemperatur ist die Intensität der Wärme- 
bewegung gerade ausreichend, um die richtungs- 
geordneten Zustände des anisotrop - flüssigen 
Zustandes zu zerstören. Unterhalb der Klärungs- 
temperatur werden diese Zustände also um so 
stabiler sein, je weniger intensiv die auf ihre 
Zerstörung hinarbeitende Wärmebewegung ist, 
d. h. je weiter wir uns von der Klärungstempe- 
ratur entfernen. Eine Durchwirbelung der Flüssig- 
keit innerhalb sehr kleiner Bezirke wird um so 
mehr die richtungsgeordneten Zustände zu stören 
in der Lage sein, je mehr sie von der Wärme- 
bewegung unterstützt wird, also in erster Linie 
in der Nähe der Klärungstemperatur." • — „Es 
dürfte hier zum ersten Male der direkte Einfluß 
eines Formfaktors der Moleküle mechanisch 
zum Nachweis gebracht sein." 

Eine Bestimmung der Schwerkraft 
auf dem Indischen und Großen Ozean 
ist durch O. Hecker mit Hilfe von Siedethermo- 
metern und photographisch registrierenden Oueck- 
silberbarometern ') ausgeführt worden (Veröffentl. 
des Zentralbureaus der Internat. Erdmessung, N. F. 
Nr. 78). Diese Bestimmungen auf hoher See, die 
an zahlreichen Küstenstationen durch Beobach- 
tungen mit einem Pendelapparat ergänzt und 



') Beide Arten von Instrumenten gestatten eine Bestim- 
mung des Luftdrucks , jedocii geht bei den Barometern aucli 
die Schwere in das Resultat. Ein Vergleich der mit den ver- 
schiedenen Instrumenten erhaltenen Luftdruckwerte gestaltet 
daher Rückschlüsse auf die Intensität der Schwere. 



kontrolliert wurden, ergaben übereinstimmend mit 
früher auf dem Atlantischen Ozean nach der 
gleichen Methode ausgeführten Messungen , daß 
die Schwere auf dem Ozean durchaus normale 
Werte besitzt. Demnach kann die PrattHelmert- 
sche Hypothese, nach welcher die Massen der 
Erdkruste isostatisch gelagert sind, als vollauf be- 
stätigt gelten. Die Massenerhebungen der Konti- 
nente müssen demnach durch Massendefekte im 
Erdinnern ausgeglichen sein und ebenso die Ozeane 
durch entsprechend größere Dichtigkeit unter 
dem Meeresgrunde. 

Ein Ballonvariometer, das aus dem 
v.Hefner-Alteneck'schenVariometer hervorgegangen 
ist, wurde auf der Cölner Naturforscherversamm- 
lung von A. Bestelmeyer vorgeführt. Die den 
Druckausgleich bewirkende Kapillare hat bei die- 
sem Instrument eine bestimmte, wohl definierte 
Weite und Läng